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Neues aus den Bergen

Nach einer knappen Woche Transkarpatien hier ein erster Rapport für all die Lieben an den heimischen Empfangsgeräten. Zunächst, zur Anreise: alles lief glatt, die Eisenbahn bewies sich ein weiteres Mal als verehrungswürdiger Garant schnörkellos solider Fortbewegung. Zumindest in der Tschechoslowakei. Auch die erwarteten Mühseligkeiten an der Grenze des Heiligen Europäischen Reichs traten nicht im Entferntesten ein und so traten wir bald aus Standardeuropa heraus und erblickten bei strahlendem Sonnenschein die Ukraine.

Blühende Landschaften mit Ausblick auf die nächsten Tage

Und es gefiel auf den ersten Blick. Sicherlich, die offensichtliche Armut verbittert die Süße des Ersteindrucks. Doch so man es versteht, diese beiseite zu rücken ohne sie zu übersehen, findet man sich sofort in einem Land, welches einen mit positiven Eindrücken erschlägt. Freundliche, herzliche Menschen, welche in einem aberwitzigen Kauderwelsch aus slowakisch, russisch, polnisch und ukrainisch auf einen einschwatzen; jede Menge menschenleere, wunderschöne Natur; schmackhaftes Essen und etliche andere Dinge mehr, die mein Herz erfreuen. 

Augen-, Gaumen- und Magenweide in einem

Kurzum die Sonne scheint (obwohl die Karpatengeister auf einem täglichen Regenguss bestehen) und uns geht es gut. Nun fräsen wir uns immer tiefer mit Kurs Südost hinein in die Karpaten. Vielleicht fällt ja zwischendurch mal wieder ne Tüte WLAN vom Himmel für einen weiteren Zwischenbericht.

Zur Ukraine, zur Sonne, zur Freiheit

Die Ukraine, das Wilde Feld, das Grenzland, Klein-Russland – endlich ist es soweit: Drei Wochen entspannte Auszeit in den Bergen brechen an. In Transkarpatien – für mich das letzte Puzzlestück auf der wilden Karpatenmagistrale, diesem urwüchsigen und ungebeugten Hochgebirge im Osten. Lang geplant, oft verschoben und umso heißer ersehnt. Nun geht es los, endlich hat das nervöse Füßescharren ein Ende. Ich nehme meinen Hut, schultere den Rucksack und ziehe dem Sonnenaufgang entgegen.

Das literarische Duo: Schuld und Sühne

Und mal wieder ein neues Format: euer unberechenbares Meinungsmedium für alle Lebenslagen präsentiert die Reinkarnation des Buchklubs. Feuser und ich lasen “Schuld und Sühne” und sprechen darüber. Viel Vergnügen!

Von Michail Petrovich Klodt - Русская графика от А до Я. М.:СЛОВО, 2002. С. 109Online source: Art and Photo, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3236313
Raskolnikow und Marmeladow
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Mission Bezirke bezirzen – viertes Kapitel: Franfkurt oder Słubice

Auf den ersten Blick liegt die Vermutung nahe, dass wir es uns an diesem wundervollen Sonntag etwas einfach machen wollten. Die knappe Stunde rüber an die Oder-Neiße-Friedensgrenze, Kaszanka und Tyskie im Sinn – zweifellos kein allzu anstrengendes Abenteuer auf der Bezirke-Bezirzen-Tour. Und dennoch, auch das musste erledigt werden und in seiner Funktion als einzige Grenzbezirksstadt und brandenburgischer Endbahnhof stand hier keinesfalls ein Leichtgewicht an. Nicht zuletzt haben wior nun schon 5 von 15 – ein Drittel ist geschafft! Wenn das kein Grund zum Feiern war?!

Die charmante Odermetropole gewinnt bereits auf den ersten Blick nachdem der Reisende vom Bahnhof durch ein reizendes Eisenbahnerviertel mit zentralem Eisenbahnerdenkmal geleitet wird. Blick auf den sanft dahin strudelnden Oderstrom und die dunklen polnischen Wälder spaziert man leichten Sinnes hinunter, passiert erklecklich ausreichende rote Backsteinbauten, welche mit einer ausgewählten Anzahl von funktionalen Profanbauten ergänzt werden.

Doch abseits dieser Reize zog es die Schritte des Wanderers nahezu magisch hin zu der verlockenden Welt des polnischen laissez-faires. Und so überschritten wir auch nach geschätzten 20 Minuten Frankfurt die Europabrücke. Auch hier besichtigten wir erst eingehend und pflichtschuldigst (erstes Wikipedia-Denkmal der Welt, zweiteiliger Fitnessparcour im Stadtpark, Oderhafen) bis wir uns ganz den lang vermissten Gaumenfreuden ostodriger Provenienz hingaben.

In völlig losgelöster Sonntagsstimmung und mit bis zum Reißen gefüllten Mägen traten wir dann irgendwann die Rückreise an. Erneut wandelten wir durch Frankfurt und genossen konzentrierte Unaufdringlichkeit brandenburgischer Urbanität. Ein Gednake der hier aufkeimte: Wäre Frankfurt ohne Polen etwas cottbusiger? Wahrscheinlich schon. Und dabei, auch dies noch ein Ziel, welches es zu bewältigen gilt.

Frisch gelesene Bücher: Basken, Hunde, Sensationen

Ein kunterbunter Sachbuchmix sei hier kurz auf die Schnelle präsentiert. Halt alles was mir so in den letzten Monaten in die Quere kam. Ach, und hier findet man mich übrigens bei goodreads.

 

 

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Der Kern des Bilbos – ein heißer Tanz auf dem Baskenball

Anmutig ächzend erhob sich die altehrwürdige Reisegruppe ein weiteres Mal um ihrer unersättlichen Neugier nach absurden Lebensumständen im Draussen nachzugeben. Ein Jahrzehnt  abgefahrener Stationen in wohliger Erinnerung (Pridnestrowien, Belfast, Belgrad, Belgien, Minsk) kuschelten wir uns in den Zug und rauschten gen Baskenland. Nach Bilbo (wohl auch Bilbao auf Besatzerspanisch genannt) der, zumindest von uns zur Hauptstadt des Baskenland erkorenen Metropole sollte es diese Mal gehen. Zugegeben, verglichen mit einigen der vorangegangenen Reiseziele, scheint diese gemütlich in die Antlantikkniebeuge geschmiegte Region, in Sachen Absurdität und Exotik auf den ersten Blick ein wenig zu kurz gekommen zu sein. Doch betrachtetet man Geschichte, Selbstverständnis und Kultur der Basken etwas genauer, blinken einem da recht schnell diverse Anhaltspunkte entgegen, die einen Besuch hier rechtfertigen.

Aber der Reihe nach. Da das primäre Reiseziel, Fußball, an anderer Stelle weitaus profunder und ausführlicher dargestellt wurde, möchte ich hier nur einiges kurz bemerken. Quantität und Qualität waren auf diesem kleinen Flecken Erde wohl beispiellos. Fußball ist hier definitiv keine Randnotiz sondern wesentlicher Eckpfeiler des baskischen Daseins. Und auch wenn uns eine Heimspiel nicht vergönnt war, so verschenke ich doch, nicht nur der Farben wegen, bedenkenlos eines meiner vielen Fußballherzen an Athletic Bilbo.

Grün, Berge, Meer – die ewige Dreifaltigkeit des Wohlgefühls.

Widmen wir uns nun dem ersten Eindruck: Grün so grün, aufreizende Berglandschaften und dann noch ein einladend schäumender Ozean dazu – was will man mehr?! Angesichts der beige-grauen Karstlandschaften, die ich mit großen Teilen der kastilischen Hochebene assoziiere, ein wohltuender Kontrast. Hinsichtlich der Berge wird es für den Rest der Reise bei sehnsüchtigen Blicken aus dem Zugfenster bleiben. Unsere Expeditionen streifen hauptsächlich die nicht minder lockende Küste, das Hinterland musste aus Zeitgründen auf später verschoben werden. Und hier treffen wir dann auch schon auf ein immer wiederkehrendes Element – das Auswählen und Entscheiden. Das Baskenland ist selbst auf den ersten Blick proppenvoll mit sehenswerten Erlebniswürdigkeiten. Bei näherem Hinsehen wird die Selektion zu einem quälenden Dauerzustand. Nun mag der eine oder andere einwenden, dass dieses Phänomen dem sehenden Reisenden doch wohlbekannt sein müsste, doch es gibt hier zweifellos solche und solche Regionen. In Pridnjestrowien beispielsweise erinnere ich eher nicht an dieses Grundgefühl.

Nachdem wir nach der Ankunft das Wochenende erfolgreich mit Fußball gefüllt hatten, verhieß der Wochenbeginn “Heraus zum revolutionären Ersten Mai”. Nun ist die Geschichte der Arbeiterbewegung und sozialrevolutionärer Ansätze in Spanien zum einen und im Baskenland im Besonderen eine leicht diffizile Angelegenheit. Die allseits bekannte Spaltung der Arbeiterbewegung in kommunistisch und sozialdemokratisch hat durch die Stärke der Anarchisten auf der iberischen Halbinsel zu einer nicht unbedeutenden Verkomplizierung der Gemengelage geführt und insbesondere im Spanischen Bürgerkrieg die tragische Niederlage der progressiven Kräfte begünstigt. Im Baskischen wurde diese kleingeistige Zersplitterung zusätzlich noch ergänzt durch einen vielfach vorbestraften Bekannten namens Nationalismus, welcher sich hier zur Abwechslung das Gewand mal links herum anstreifte. Zumindest die gut organisierte Arbeiterschaft, des im Vergleich zum eher bäuerlichen, spanischen Kernland, beachtlich durchindustrialisierten Baskenland schloss sich fast komplett der Verteidigung der Republik an, und erlebte nach erbitterten Kampf eine blutige Niederlage. Dies alles und einiges mehr im Hinterkopf schritten wir sodann zum allgemeinen Treffpunkt des Demonstrationszuges.

Die Revolution marschiert. In Einzelgrüppchen.

Hier bot sich uns die symptomatische Zurschaustellung jenes beschriebenen historischen Dilemmas: In sicherem Abstand von einander sammelten sich auf der breiten Straße die verschiedenen Grüppchen. Auch als sich der “Zug” in Bewegung setzte, achtete die Volksfront vom Baskenland peinlich genau darauf den Abstand zur baskischen Volksfront nicht zu verringern. Wie nicht anders zu erwarten (und dennoch wollte ich es zunächst nicht glauben!) mündete jeder einzelne Block auf einem gesonderten Kundgebungsplatz. Und auch wenn die Reden der anderen bisweilen vom Wind herüber geweht wurden, ignorierte man dies geflissentlich und gebärdete sich jeweils unbeirrt als einzig wahrer Gralshüter der Revolution. Alles sehr traurig, frustrierend und ein gerüttelt Maß peinlich.

Kommen wir daher lieber zu einem lebensbejahenden und über alle Maßen begeisternden Thema: dem öffentlichen Nahverkehr. Dieser, in hiesigen Breiten eher Apathie verbreitende Themenkomplex hat mich im Baskenland mehrmals täglich zu überschäumender Freude und sitzenden Ovationen gebracht. Der geschmeidig dahingleitende Verbund aus Bussen (Stadt und Fern), Straßenbahn, Metro und Eisenbahn (Euskotren) allein wäre schon eine Erwähnung wert. Doch bemerkenswert ist hier das Modell der Bezahlung, welche mittels einer kleinen Karte (BarikCard) die Fortbewegung zum preiswerten Kinderspiel macht. Einmal anonym erworben, kann an Bahnhöfen und sogar in manchen Kneipen Geld drauf geladen werden. Sodenn steigt man, seine Karte haltend an einem beliebigen Anfangspunkt ein, wobei ein gewisser Grundbetrag abgezogen wird, beim Aussteigen wiederholt man diesen Vorgang, und der, von der gefahrenen Strecke abhängige Betrag wird zusätzlich abgezogen.

Bahnfahren im Baskenland – es kann so einfach sein!

Dank der regelmäßigen und aufeinander abgestimmten Taktfrequenz erhält der Reisende hierdurch ein Höchstmaß an Freiheit und der Tourist zudem die Möglichkeit ohne Einbußen dort auszusteigen, wo es ihm beliebt. Dies mag in ähnlicher Form auch anderswo so gehandhabt werden, doch drei Punkte leuchten hier hervor, die mir bedeutend erscheinen. Zum einen die nicht unerhebliche Reduzierung des Fahrpreises, die man hierdurch erhält, zum anderen das scheinbare makellose Funktionieren eines solchen Systems und zu guter Letzt die, bei einer solchen Methode nicht selbstverständliche Möglichkeit der anonymen Nutzung.

Genug der einleitenden Worte, kommen wir nun endlich zum Kern des Bilbos. Wie schaut’s aus im pulsierenden Zentralorgan des Baskenlands? Unser Reiseziel schmiegt sich mäandernderweise an den Ria de Bilbao, welcher sich wenige Kilometer später in den Golf von Biskaya ergießt. Aufgrund seiner Lage und verschiedener begünstigender Faktoren entwickelte sich Bilbo rasch zu einer massiv industrialisierten Hafenstadt. So muss das Erscheinungsbild der Stadt bis vor Kurzem hässlich, grau und schmutzig gewesen sein. Der industrielle Niedergang der 1970er und der Würgegriff der ETA taten ihr übriges – zweifellos wirkte Bilbo noch vor einem Vierteljahrhundert eher weniger einladend. Doch Anfang der 90er führten einige wenige Maßnahmen zu einer kometenhaften Aufwertung des baskischen Schmuddelkinds. Der spektakuläre Bau des Guggenheim-Museums führte zu einer derart radikalen Veränderung der Stadt, dass man fürderhin diesen Prozess der Aufwertung sogar “Bilbao-Effekt” taufte .

Der Ground Zero des “Bilbao-Effekts” – der charmante Blick- und Touristenfang lässt selbst unbedarfteste Architekturverächter kurz aufmerken.

Auch die von Sir Norman Foster projektierte Metro urbanisierte und modernisierte innerhalb kürzester Zeit und stülpte offenbar einmal alles komplett um. Wenn man heute durch die Gassen Bilbos schlendert, kann man sich all dies beim besten Willen nur schwer vorstellen. Sehr hilfreich und empfehlenswert für den geschärften Blick bei der historischen Stadtbesichtigung war eine kleine, aber feine App namens “Free Bilbo”. Diese, aus der alternativen Szene stammende Stadtführung vermittelte, zwar bisweilen mit kruden Vokabular und merkwürdiger Deutung, eine Perspektive, die es ermöglichte durch die glitzernde Fassade des neuen Bilbos, die Konturen der vergangenen Realität auszumachen. Denn eine solche massive Umgestaltung urbanen Raums erschafft auch immer Verlierer. Als langjähriger Berliner hat man per se eine sensible Wahrnehmung für die erdrückende Umarmung gentrifizierender Maßnahmen. Die Hinweise für stattfindende Verdrängung und Ausgrenzung, welche “Free Bilbo” offerierte, beachteten wir deshalb umso aufmerksamer. Einmal mehr fiel es schwer, den geschilderten Ausgangszustand jenes bunten Viertels durch das wir wandelten, vorzustellen. Aus dem Blickwinkel der keimfrei sanierten Kieze unserer Stadt erschien so etwas wie San Francisco in Bilbao immer noch bunt und angenehm lebhaft. Hier spürte man jene weltoffene und multiethnische Patina, die mich von jeher anzieht und in mir unmittelbar Wohlbehagen auslöst. Doch dies ist eben wie so oft eine Frage der Relation. Es steht außer Frage, dass das  Prä-Guggenheim-Bilbao wohl eine sehr beeindruckende Zeitreiseziel wäre.

Das Filetstück dieser Reiseerlebnisse ist zu guter Letzt ein kurzer Einblick in die sagenhafte Welt der baskischen Kulinarik. Jeder halbwegs kundige Iberer schnalzt bei der Erwähnung Bilbos lüstern mit der Zunge. Schon eine oberflächliche Recherche offenbart, dass das Baskenland die unumstrittene Feinschmecker-Hochburg Spaniens ist. Derart eingestimmt reist man naturgemäß mit hohen Erwartungen und freudig pulsierenden Gaumen an. Um es vorweg zu nehmen: die hohe Dichte an Sterneköchen der Region haben wir nicht mitgenommen und auch die, immer wieder gewöhnungsbedürftigen Essenszeiten der mediterranen Welt haben uns wahrscheinlich den einen oder anderen kulinarischen Höhepunkt verpassen lassen. Abseits davon genügten selbst einige sporadische Abstecher ins Baskonomische um zu erahnen, zu was sie fähig ist. Viele Gerichte hier sind vom nahen Meer beeinflusst.

Zwar nicht Nueva Cocina Vasca und trotzdem grandios!

Da wäre zum Besipiel Bacalao al Phi-Phi (Stockfisch mit einer Soße aus der eigenen Gelantine), Chipirones en su tinta (Kalmare in eigener Tinte) oder die berühmten Angulas (Glasaale) um nur einige zu nennen. Hinsichtlich Fleisch neigt man eher dem Rind als dem Schwein zu und natürlich gibt es auch hier etliche erlesene Spezialitäten, auf deren Qualität der Baske, mit der ihm eigenen Sorge um Tradition und Einzigartigkeit mit Argwohn wacht. Gesondert hinweisen möchte ich hier auf die vorzügliche Morcilla (Blutwurst). Obwohl insgesamt vielleicht ein Mü zu süß kann sie sich zweifellos mit der Königin aller Blutwürste, ihre Eminenz Kaszanka, messen. Obzwar aus den vorgenannten Gründen ich leider nicht das große Gaumenerweckungserlebnis genießen durfte, so würde ich mich dennoch zu der Behauptung versteifen, dass die erlebten Grundlagen Anlass zur Hoffnung auf Großartiges geben. Wie gesagt, ich werde das Gefühl nicht los, das Baskenland nur marginal angekratzt zu haben. Ein weitere Reise mit eingehender Vertiefung all der erlebten Appetithäppchen ist zwingend erforderlich.

Topa (bask. Prost) und immer wieder Topa – ein Wein ganz nach meinem Geschmack!

Ein Element der baskischen Sinnesfreuden haben wir jedoch in aller Ausführlichkeit und mit gebührender Beharrlichkeit untersucht: Txakoli! Dieser sehr trockene, leicht moussierende Weißwein mit hohem Säuregehalt ist der feuchte Stolz der trinkenden Baskenheit. Außerhalb der Provinz Biskaya wird dieser Wein aus waghalsig hohen Bogen ins Glas geworfen. Der Bilbote verzichte auf derlei Zirkusnummern, weiß er doch, so zumindest die Aussage im Txakoli-Museum, dass der hier produzierte Götternektar wirklicher Weißwein ist und nicht solch ein Bauerntrunk wie im Rest des Baskenlandes. Mir als frisch überzeugten Liebhaber des trockenen Weißweins kam dieser Tropfen geschmacklich sehr entgegen. Munter prickelnd bisweilen so trocken, dass die Zunge pelzte war Txakoli ein würdiger Reisebegleiter und kundiger Führer in die baskische Seele. Noch ein triftiger Grund wiederzukommen. Agur, Euskadi!

Von der Zukunft abgewandt

Jules Verne, Star Trek, FDJ – so grundverschieden diese drei historischen Opinion Leader auf den ersten Blick erscheinen mögen, so ist ihnen dennoch eines gemein, und zwar der von ihnen jeweils unternommene Versuch positive Zukunftsvisionen zu entwickeln und zu verbreiten. Wenn man den Blick in die Vergangenheit richtet, gibt es für derlei Bestrebungen noch etliche Beispiele mehr. Quer durch die Geistesgeschichte der Menschheit lassen sich zahllose kreative und durchdachte Meisterwerke finden, die ein besseres Leben in der Zukunft beschreiben. Und hiermit meine ich ganz klar einzig jene Visionen, die sich auf das irdische Dasein beschränken. Religiöse Zukunftsvorstellungen sind für meine weiteren Überlegungen schlichtweg irrelevant.

In wirren Zeiten die Zuversicht behalten – nichts leichter als das!

Denn worauf ich hinaus will, ist folgendes: Die Diskussionen in jüngster Zeit um die Entwicklungen auf unserem Planeten nähern sich, so kann man ohne einer eventuellen Zeitgeisthysterie auf den Leim zu gehen, urteilen, einem kritischen Punkt. Die Kausalketten und Argumentationslinien verlieren sich oftmals im Postfaktischen, Gefühlten und wenden sich, genährt durch berechtigtes Misstrauen den Eliten gegenüber sowie der massiven Desillusionierung dank gescheiterter progressiver Vorstöße, allzu oft dem Fatalismus zu. Die Ursachen und Analyse dieser Entwicklung soll hier aber weniger das Thema sein. Vielmehr möchte ich auf einen Teilaspekt dieser Misere das Augenmerk richten, und zwar auf das völlige Erliegen jedweder Freude auf die Zukunft, ja der gänzlichen Abkehr von der Vorstellung, dass das Leben in 30 Jahren eventuell schöner sein könnte als in der Gegenwart oder gar im achso schönen “Früher-war-alles-besser”.

Die gänzlichen Abkehr von der Vorstellung, dass das Leben in 30 Jahren eventuell schöner sein könnte als in der Gegenwart.

Diverse Faktoren aus Geschichte, Politik, Demographie und etlichen anderen Bereichen des menschlichen Wirkens führen auch dank der einzigartigen Erlebbarkeit mittels Internet zu einer gefühlten Hilf- und Machtlosigkeit gegenüber der Komplexität unserer Gegenwart. Diese wiederum mündet entweder in den allseits bekannten einfachen Lösungswelten aus Esoterik/Religion bzw. Rassismus/Nationalismus oder einem alles verschlingenden Fatalismus mit der glühenden Sehnsucht nach tabula rasa, einem reboot der Welt. Die bestehenden Probleme erscheinen zu gewaltig und vielschichtig um noch in irgendeiner Weise lösbar zu sein oder aber man versteift sich darauf zu behaupten, dass die Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft in sich komplett verschlissen und korumpiert seien, und daher nicht wert zu retten wären. Der Grundtenor aktueller Überlegungen ist, so scheint es zumindest mir, immer häufiger die Forderung nach einer kompletten Dekonstruktion des fehlerhaften Bestehenden. Diese Sehnsucht nach jenem, mit zahlreichen Hoffnungen überfrachteten “reinen Tisch” übertrumpft dank seines schlichten Konzepts immer mehr jenes anstrengend wirkende Nachdenken über etwaige Möglichkeiten eine Verbesserung unseres Lebens herbeizuführen, ohne alles einzureißen. Dementsprechend versteht es sich von selbst, dass positive Zukunftsvisionen in solch einem Klima nicht wirklich gedeihen können. Ganz im Gegenteil – Dystopien haben im Kino Konjunktur, die Zombiekalypse kann sich auch nach der xten Wiederholung im Serienuniversum nicht über mangelnden Zuspruch beschweren und auch die zeitgenössische Literatur geht im großen Stil mit düsteren Szenarien hausieren. Die einfallslosen Sprünge der Kulturindustrie erschöpfen sich, wenn sie die Vorstellungskraft des Publikums ansprechen will, bestenfalls noch in infantiler Fantasy oder dem einfallslosen Neuaufguss diverser Mythen der Vergangenheit.

Der Grundtenor aktueller Überlegungen ist häufig die komplette Dekonstruktion des fehlerhaften Bestehenden als das Nachdenken darüber wie man es eventuell verbessern könnte ohne alles einzureißen.

Nun mag man, so man mir bis hierhin zustimmt, einwenden, dass doch gerade diese beobachtbare Grundstimmung Indiz für eine relevante Krise der Gesellschaft ist, die es eben in dieser Ausprägung am Vorabend bedeutender Umbrüche schon häufiger gegeben hätte. Und eben dies stimmt meines Erachtens nur zum Teil. Zum einen gab es auch destruktive Zäsuren in der Menschheitsgeschichte, welche in Phasen relativen Wohlstands und gesellschaftlicher Zuversicht auftraten, bspw. sei hier der Erste Weltkrieg erwähnt. Zum anderen waren selbst die gröbsten Zivilisationszusammenbrüche stets begleitet oder gar initiiert von Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Abgesehen von einigen düsteren Momenten, in denen Hoffnung knapp war und eine bessere Zukunft den Zeitgenossen absurd erschien, blieben einem nicht unbedeutenden Teil der Menschheit das Vertrauen auf eine Überwindung der Unzulänglichkeiten der Gegenwart und das Streben hin zu einer besseren Welt im Morgen eine unerschütterliche Gewissheit und Triebfeder für ihr Dasein. Ob es die Utopien der Antike, das klare Denken der Aufklärung oder die kühnen Träume der fortschrittsvernarrten SF-Autoren waren – noch in den übelsten Zeiten begleitete die Menschen jene kraftspendende Motivation einer positiven Zukunftsvorstellung.

Und eben dieses belebende Element menschlicher Entwicklung ist in den letzten Jahren nahezu unbemerkt und spurlos verloren gegangen. Vielleicht lebe ich ja in einer sozialen Blase, doch ich wage zu behaupten, dass man überall auf unserem Erdenball in jedweder gesellschaftlichen Schicht und Altersgruppe auf die Frage wie sie ihr Leben in 30 Jahren sehen, rundweg skeptische, negative oder fatalistische Antworten bekäme. Zweifellos ist dieses Urteil keineswegs unbegründet und auch überaus nachvollziehbar, doch ich sehe in einer solchen allgemeinen Grundstimmung eine enorme Gefahr. Ähnlich dem Prinzip einer selbsterfüllenden Prophezeiung befürchte ich hier auf lange Zeit gedacht, eine Gesellschaft, die sich selbst aufgibt, sich in Selbstmitleid suhlt und bestenfalls verdummt, schlimmstenfalls kollabiert. Wenn eine bessere zukünftige Welt von der überwiegenden Mehrheit nicht mal mehr theoretisch vorstellbar ist, dann haben wir auch keine Zukunft mehr.

Eine Gesellschaft, die sich selbst aufgibt, sich in Selbstmitleid suhlt und bestenfalls verdummt, schlimmstenfalls kollabiert.

Daher hier mein leidenschaftlicher Aufruf zu Optimismus und konstruktiven Denken. Wir sind weit gekommen in den letzten Jahrtausenden und ein Komplettabriss des Bestehenden darf einfach nicht die einzige Alternative sein. Dafür schätze ich zahlreiche Errungenschaften der, aktuell in Misskredit geratenen Zivilisation dann doch ein wenig zu sehr. Selbstredend stehen wir vor gravierenden Problemen, Problemen für die auch ich keine Patentlösung, ja nicht einmal einen realistischen Ansatz im Angebot habe. Doch die Entwicklung von Zivilgesellschaft und Technologie könnten doch zumindest nicht ausschließlich Grund zu Besorgnis und Misstrauen sein. Jedes Ding hat schließlich seine zwei Seiten, alles hat Vor- und Nachteile – mir kommt es aber seit geraumer Zeit so vor als würde sich die globale Wahrnehmung einzig auf die Schattenseiten der kommenden Veränderungen fokusieren. Wenn wir also angesichts der schier unlösbaren Verstrickungen von Egoismus, Gier und Irrationalismus, welche unserer Welt im Würgegriff hält, mal wieder verzweifeln wollen und eine, auch nur geringfügige Verbesserung dieses Zustands als völlig abwegig erscheint, dann wünschte ich mir statt dem ewig öden Fatalismus ein wenig mehr optimistische Gedankenspielerei. Mag die Lage auch aussichtslos erscheinen, sich zumindest in der Fantasie einzulassen auf eine vorteilhafte Wendung der Geschicke der Menschheit sollte doch möglich sein und, wer weiß, vielleicht entsteht aus solcherlei Versuchen etwas, was uns tatsächlich weiterhilft, uns auf neue Ideen bringt. Eines steht in meinen Augen jedenfalls fest: Das permanente Wiederkäuen destruktiver Zukunftsszenarien hilft bestenfalls einigen wenigen. Daher schreibt, musiziert und denkt euch in eine leuchtende Zukunft hinein. Das könnte aufregender sein als die beste Apokalypse.

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Frisch gelesene Bücher: Die lange Erde

Nach knapp 1800 Seiten und fast so vielen Universen bin ich wieder aufgetaucht aus der “Langen Erde” und berichte kurz, knapp und begeistert von diesem Ausflug.

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