Des Albaners neue Kleider

Es ist ein gern zitierter Allgemeinplatz, dass die Geschichte von Siegern geschrieben wird, doch es gibt dabei Fälle, deren Dreistigkeit die übliche Geschichtsumdeutung bei weitem übertrifft.

Als die beiden innovativen Albaner, Enver Skanderbeg und Ismail Hoxha Anfang des 20. Jahrhunderts im Amüsierviertel von Tirana ihr erstes Modegeschäft eröffneten, konnte keiner erahnen, was für eine Erfolgsgeschichte folgen sollte. Enver, zuvor freiberuflicher Wortwitzingenieur, kreeiirte mit leichter Hand das Label, taufte es “Albanien&Mehr” und kurbelte an allen Kampagnenrädern, bis albanische Mode auch in den unbedeutendsten Zipfeln des Planeten ein stehender Begriff war. Ismail, in seinem früheren Leben tonangebender Lokpfeifenkomponist, war das kreative Herz des aufstrebenden Unternehmens. Seine, sich immer wieder neu erfindenden, so funktional wie originellen Modeschöpfungen waren Motor des unaufhaltsamen Siegeszuges von A&M. In der Zwischenkriegszeit avancierten Hoxha und Skanderbeg zu Popstars. Sie spielten virtuos auf der Klaviatur der Balkan Coture und Karst Fashion – der Zenit des Erfolgs schien erreicht. Just zu diesem Zeitpunkt versuchten erstmals eine Hand voll windiger Kopisten vom eher unscheinbaren Rand des Kontinents das Konzept von A&M nachzuahmen. Mit Dumpingangeboten und aggressiven Marketing drängten sie die Style-Idealisten immer weiter in die Defensive. Angewidert von der Logik des Markts und der aufkeimenden Pöbelherrschaft in der Modebranche zogen sich die beiden A&M-Gründer verbittert in ihr Heimatland zurück. Doch selbst hier schlug Allmacht der Konzerne unerbittlich zu. Sämtliche Filialen wurden in einer gnadenlosen Übernahmeoffensive geentert. Ismail ging enttäuscht in die Berge um die vernachlässigte Mode für Schafe voranzubringen und Enver betreibt heute eine mäßig erfolgreiche Fischnetzstrumpfhosen-Manufaktur. Allein dieses letzte, offensichtlich vergessene A&M-Geschäft in der hintersten Ecke Albaniens, in Saranda, erinnert bis heute stumm an jene glorreiche Ära der europäischen Anziehkultur.

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