Frisch gelesene Bücher: Der Fall Jane Eyre

In einem unseren allwöchentlich stattfindenden Lesezirkel, die recht notdürftig als Unionabende getarnt sind, hielt unlängst Bücherfreundin Suse einen Vortrag über genossene Lektüre. Gespannt lauschte ich mit der versammelten Bibliophilen-Runde und vernahm Kunde von einem Buch was mich hellhörig machte. Alternativgeschichte, Agenten die Literaturverbrechen hinterherjagen und das alles auch noch in einer, anscheinend aufeinander aufbauenden Reihe. Die Referentin hatte auf Anraten eines russischen Freundes, der auf die Bücher des Autors Jasper Fforde schwor, zu dem bislang Gelesenen ein eher ambivalentes Verhältnis. Nicht, dass es ihr nicht gefällen hätte, aber irgendwie wollte nicht die rechte Spannung aufkommen. Doch ich hatte angebissen und erwarb flugs den ersten Band namens “Der Fall Jane Eyre”.
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Um es vorwegzunehmen: Ich bin schlichtweg begeistert. Man muss das ja auch mal so aussprechen, denn auch wenn man viel liest, befindet man sich nicht allzu oft in dieser Situation. Es ist die Art von Buch, die ein verdammt gutes Buch von einem guten Buch unterscheidet – man verpasst seine S-Bahn-Station, liest länger in die Nacht hinein als gut für einen ist und streichelt behutsam die letzten, noch verbleibenden Seiten. Womit hat Fforde all diese Adelungen nun verdient?

Selbstverständlich ist es eine Bündelung verschiedener Faktoren, die dieses Buch so außergewöhnlich macht. Die erschaffene Alternativwelt, welche in ihrer sprühenden Originalität so einiges hervorbringt, was mich ergötzte, ist dabei keinesfalls zu vernachlässigen. Dabei handelt es sich weniger um die politische Gemengelage, die geringfügig von der unseren abweicht, sondern vielmehr die zahlreichen kleineren Details, die alle auf ihre Art einfallsreich sind ohne affektheischend daherzukommen: Zeitirritationen, Dodos, Vampire, Verschwörungstheorien oder die GSG (Globale Standard Gottheit) – all das kommt in dem kleinen Büchlein vor, wirkt dennoch nicht bemüht oder überfrachtet und schafft es nebenbei auch noch die eigentliche Geschichte zu erzählen.

Denn wohlgemerkt, all dies würde einem normalen Roman schon zur Ehre gereichen, doch bei Fforde handelt es sich hierbei nur um die Kulisse. Der eigentliche Charme des Buchs ist etwas ganz Anderes. An der Vermischung von Phantasie und Wirklichkeit haben sich schon unzählige Schriftsteller versucht, auch der Waliser Fforde versucht dies und es gelingt ihm meisterhaft. Die Idee, dass geschriebene Bücher Eingang in unsere Köpfe und damit in unser Leben erhalten, und daher mehr sind als Druckerschwärze auf Papier, ist ebenso keine gänzlich neue. Doch Fforde vermag diesen Ansatz deshalb so einzigartig auszubreiten, da die Welt die er entwirft eine Welt ist in der Literatur und Kunst einen gänzlich anderen Stellenrang haben als in der unsrigen. Zwar zieht sich durch den gesamten Roman auch ein militärischer Konflikt (England befindet sich sein nunmehr 131 Jahren im Krieg mit Russland um die Krim), auch politische Probleme werden ernsthaft behandelt (wie die Schwierigkeiten mit der Volksrepublik Wales) doch die Leidenschaften der Menschen werden eindeutig von Belangen der Kunst angefeuert. Straßenkämpfe wegen Zulassung des Surrealismus, ausgelassene Theatervorstellungen unter Beteiligung des gesamten Publikums und Staatsaffären aufgrund Verwerfungen in der klassischen Literatur. All dies speist sich aus der allgegenwärtigen Bedeutung die speziell Literatur für alle handelnden Personen und die sie umgebende Umwelt hat. Da erscheint die sich entwickelnde Haupthandlung – die Rettung Jane Eyres vor den böswilligen Mächten – letztlich nur folgerichtig.

Schön dabei übrigens, dass meine Sorge, ich müsste “Jane Eyre” des Verständnisses wegen noch lesen, sich als unbegründet erwies. Wiewohl eine gewisse Kenntnis der englischen Literatur nicht schaden kann, für den Genuss der ffordschen Pointen. Der Klassiker des viktorianischen Romans jedoch wird einem so liebevoll vorgeführt, dass ich denke, man kommt auch dieses Mal noch um die Lektüre derselben herum.

Fazit: Welche ein unschätzbares Glück! Zum Ende des Jahres, im tristen November ein solches Schmankerl zu entdecken. Und die Reise geht weiter, denn Mr Fforde war nicht müßig und hat einige Bände nachgelegt. Doch zuvor darf ich seit langer Zeit mal wieder ein Buch in das Empfehlungsfenster linker Hand hineinlegen. Daher noch mal ausdrücklichen Dank an die Referentin und natürlich Большое спасибо, Нapик.

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