Frisch gelesene Bücher: Die geheimnisvolle Insel

Endlich mal wieder Jules Verne! Wie lange mag es her sein, dass ich durch die Welten dieses Herren gestolpert bin? Die Mission der Post-LOST-Phase brachte mich zu ihm. Schließlich fand sich Die geheimnisvolle Insel auf der Liste literarischer Werke, die die heißgeliebte Serie irgendeiner Weise beeinflusst haben.
insel-verne
Und in der Tat: Die kurze Inhaltsangabe des Buchs lässt aufmerken: “Nach einem langen Irrflug stranden sie [fünf Männer und ein Hund] auf einer scheinbar verlassenen Pazifikinsel. Sie richten sich auf dem Eiland ein. Doch sie sind nicht alleine …” Hmm, das klingt doch ganz verlockend. Also, frisch ans Werk und hinein in den Lektürespaß.

Doch die Ernüchterung folgte unmittelbar. Sicherlich gab es da unverkennbare Parallelen zu LOST (aber welcher Roman, der von Schiffbrüchigen auf einer einsamen Insel handelt mag diese nicht haben?!). Der fernab der Küste gestrandete Hauptheld, der immer wiederkehrende Hund, die hilfreichen Strandgutfunde (DHARMA!) und die mysteriöse, stets im richtigen Moment eingreifende Macht der Insel an sich. Doch dies alles muss sich hart erarbeitet werden. Ich bin sehr unsicher ob dieser holzschnittartige, dröge Ton, der eher an den Rechenschaftsbericht einer tropischen Wandzeitung des Kollektivs “Roter Stern Schiffbruch” erinnert, tatsächlich Eigenschaft aller Jules-Verne-Romane ist. Ich hoffe es jedenfalls nicht. Doch dieses Buch zeichnet sich hierdurch leider aus.

Fünf Kerle, die ohne zu murren und zu zucken, anpacken und die Insel aus dem Nicht heraus kollektivieren. Als wäre das A-Team mit MacGyver vereint, durch unerschütterlichen Fortschrittsglauben gehirngewaschen, in einem Buch des 19. Jahrhunderts auferstanden. Hier gibt es keinerlei gruppendynamische Probleme, niemand hat die leichteste Macke – alles Friede, Freude, Eierkuchen. Die handelnden Personen dienen einzig als leblose Werkzeuge, um den Autor in besserwisserischer Manier sein angesammeltes, enzyklopädisches Wissen loszuwerden. Dabei schlingert der Autor unweigerlich in Glaubwürdigkeitsprobleme, getreu der zuvor erwähnten Fernsehserien. So knirscht die Akzeptanzschwelle vielleicht schon bedenklich wenn man ständig lesen darf wie die fünf Männer innerhalb von wenigen Tagen tonnenweise Steinkohle, Holz und andere Materialien meilenweit über die Inseln transportieren, auch sämtliche technischen Errungenschaften, wie die Verhüttung von Erzen, die Herstellung von Glas und Sprengstoff sind unbenommen, aber las ich lesen durfte, dass der über alle Maßen begabte Hund es schließlich hinbekam, eine 30 Fuß lange Strickleiter zur Behausung der Gestrandeten zu erklettern, da klinkte ich mich dann doch aus. Satire darf meinethalben alles, dies gilt aber keinesfalls auch für Science-Fiction. 

Gräulich. Dies alles wird noch durch eine Sprache ergänzt, die einen oft augenkreisend aufblicken lässt. Es ist ein Roman in dem ein Feuer nicht brennt, sondern stets “prasselt” und wenn es dies macht, dann natürlich immer “lustig”. Selbstredend ist dies auch noch eine Welt in der man unbedarft von “Negern” spricht. Und wie an kaum einer anderen Sache wird hier die Verschiebung der political-correctness-Koordinaten deutlicher: Der “Neger” findet, seiner “Natur entsprechend” seinen Platz in der Küche und vermag mit dem alsbald hinzustoßenden Orang-Utan wie mit “seinesgleichen” zu kommunizieren. Und dies alles in Anbetracht des Umstands, dass der Roman nebenbei ein unübersehbares Plädoyer für den Kampf der Nordstaaten und die damit verbundene Sklavenbefreiung ist. Doch zurück zur Sprache: Natürlich muss dies dann auch ein Buch sein, indem ein Neger allzu gern mit dem Attribut “wacker” belegt wird. Würg!

Fazit: Bei allem Verriss ist es dennoch ein Buch, welches nicht gänzlich uninteressant ist. Mag sein, dass die heutige Jugend an dieser Art von Abenteuerroman nichts mehr findet, doch die ihr vorangegangenen Generationen ließen sich von der pseudowissenschaftlichen “Super-Robinsonade” mit Sicherheit faszinieren. Mit etwas mehr Kritiklosigkeit und Naivität lässt sich all das wahrscheinlich entschieden besser genießen und ohne was gelernt zu haben geht man auch nicht aus einem Jules-Verne-Roman.

Kommentar verfassen