Gebürtige Phantomschmerzen

Wenn es mir im realen Leben schon schwer fällt, so ist die Verschriftlichung einer unumstößlichen Tatsache für mich eine bedeutend unangenehmere Angelegenheit. Meine Geburtsstadt heißt Greifswald. Außer in der trockenen Welt der Antrags- und Formularausfüllerei sowie in der schon heikleren Umgebung sozialer Erstkontakte, welche unvermeidlich irgendwann zu einem Biographievergleich führt, gibt es wenig Momente in denen ich mich mit diesem widrigen Umstand auseinandersetzen muss, dass ich fischköppische Ursprünge habe. Und dann auch noch Greifswald. Jenes sauertöpfische Nest, welches wahrscheinlich sogar schon zu Hansezeiten sein Selbstverständnis auf unwillige Akzeptanz alles Nichtgreifswalderischen gründete. Seitdem ist nicht viel geschehen. Wie auch?! Weder die orientierungslosen sächsischen Bauarbeiterhorden, noch ZVS-Opfer oder die fünfte Garde einer ausgefledderten Westelite konnten diesem Kaff in irgendeiner Weise den nötigen Anstoß geben. Erfrischend und notwendig. Manchmal sind einfache Lösungen eben doch die besten! (Photo: wapedia.mobi)Und so arrangierte ich mich mit dem ereignislosen Vegetieren jener stumpfsinnigen Kleinstadt, die zufällig mit meiner Geburt korrelierte. Doch es gibt Momente in denen dieser status quo gefährdet wird. Momente in denen Greifswald die überregionalen Schlagzeilen erreicht. Dies ist nicht gut, denn es ruft mir in Erinnerung welche miefige Rückständigkeit hier ihr zu Hause hat. Vielleicht das einzig Positive an Institutionen Greifswalds ist seine Universität. Wenn die älteste schwedische Uni nicht wäre, so wäre schon längst jegliche Lebenskraft am Bodden verschwunden. Hierin zumindest sind sich die meisten Greifswalder (jedenfalls die Zugezogenen) einig. Dass jene nun ihren Namen von Hermann Göring 1933 erhielt und ihn seitdem ohne Scheu trägt, mag auch nicht sonderlich hinter dem Ofen hervorlocken. Schließlich sind in Deutschland die widerlichsten Gestalten noch immer Namenspaten von bekannten Bildungsinstitutionen und der Heimatdichter und Lokalhistoriker Ernst-Moritz Arndt ist in dieser Reihe wohl eher ein gemäßigter Streiter für die nationale Sache (“…ihr Deutsche alle Mann für Mann, zum heil’gen Krieg zusammen!”). Auch seine Ausfälle gegenüber den “wimmelnden Polen, diese unreine Flut von Osten her” oder Bemerkungen gegenüber dem “frechen und wüsten Gelärm” der Juden sind in dieser Hinsicht eher die übliche Zeitgeistlosigkeit. Denn schließlich fanden sich auch Zitate von Arndt, die ihn nicht in die allerdösigste Ecke abstellten. Sonst hätte er wohl auch schwerlich die DDR-Zeiten überdauern können (“Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte”).Was stört und nervt ist viel mehr der Prozess der Entscheidungsfindung, welcher so eindringlich an die Behäbigkeit des Greifswalder Geistes gemahnt, dass mir speiübel wurde. Ein unmotivierter Würgreflex, welcher von einigen wenigen Aktivisten angetrieben, seit Jahren vor sich hin schwärt und nun endlich seinen unrühmlichen Abschluss in einer denkbar knappen Entscheidung für Arndt fand (181 Stimmen fehlten). Einzige reizvolle Randnotiz der Problematik ist die Überlieferung des Aktivisten, welcher sich im Arndt-Kostüm vor der Mensa postierte und Textausschnitte von Arndt rezitierte. Die folgenden antisemitischen, franzosenfeindlichen und deutschtümelnden Ausrufe führten schließlich dazu, dass Passanten umgehend die Polizei riefen. War es Verwirrung, Reflex oder einfach ein Hilferuf nach Schutz vor dem der es gewagt hatte, die geistige Grabesstille der ehrwürdigen Hansestadt zu stören.   Und so wird alles bleiben wie es ist, komme was das kommen mag. Es bleibt allerhöchstens anzumerken, dass die bewussten 50 Jahre die der Weltuntergang in Mecklenburg später ankäme für Greifswald wohl heillos übertrieben wären. Und das nicht nur weil es gar nicht in Mecklenburg liegt.          

Ein Gedanke zu „Gebürtige Phantomschmerzen“

  1. ich glaub, die haben dich damals einfach nur ein paar mal zu viel verprügelt. auf'm schulhof. in greifswald.

    wär dir in berlin auch passiert. kannste glooben …

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