Polnisches Bergalphabet (G-L)

Gorzka, bzw. gorzki heißt bitter und steht gleichsam für ein allgemein verwendetes Kürzel des legendären Wódka Żołądkowa Gorzka. Warum jener jetzt so wichtig ist, dass er einen so ergiebigen Buchstaben wie G belegt? Aus dem einfachen Grund weil er im Laufe der Jahre ein treuer und geschätzter Begleiter auf allen Bergtouren geworden ist. Schließlich ist Wódka (sprich: Wudka) im direkten Vergleich die fraglos bessere Alternative zu seinem gewichtigen Cousin Bier wenn es darum geht, den kleinen Rausch in die Höhen zu transportieren.
Viele Wódkas blinzeln einem in Polen bersteinvergnügt entgegen, doch nur Żołądkowa Gorzka führt zu maximalem Gaumenkitzel. Warum dabei nun die Wahl unbedingt auf Gorzka fiel, ist schon schwerer zu beantworten und verliert sich unergründbar in der Geschichte. Dabei ist Żołądkowa Gorzka nur einer von vielen auserlesenen hochprozentigen Spezialitäten. Denn die Wodkaauswahl Polens ist nicht nur exzellent sondern auch ungemein vielfältig. Man denke dabei nur an Żubrówka (der mit dem Büffelgrashalm), Balsam Pomorski oder den unvergleichlichen Siwucha. Auch in dieser Hinsicht fiel ich irgendwann beim näheren Kennenlernen Polens vom Glauben ab. Natürlich hielt ich den russischen Wodka lange Zeit für den besten der Welt, und was klaren Wodka betrifft ist er zumindest genauso vorzüglich wie der Polnische. Doch dabei erschöpft sich leider der Russen Kunst. Die Polen jedoch, die sich selbstredend wie jede Wodkanation für die Erfinder desselben halten, entwickelten den Wodka weiter und kreierten dabei etliche erstaunliche Geschmackssinfonien, die obwohl sie bisweilen den Eindruck erwecken sich weit vom Original entfernt zu haben, in ihrer Seele dennoch Wodkas geblieben sind. Oder halt Wódkas.Hunde – bei diesem Thema muss selbst ich, der unbestrittene Gebieter ausufernder Abschweifungen und endloser Ausschmückungen vorwarnen: Das wird auch für meine Verhältnisse ungemein uferlos und lobhudelig. Ich habe in meinem Leben einige Länder bereist, einige davon auch mit meinem Hund, doch was Polen in Sache Hundeliebe, ja man könnt gar von Hundevernarrtheit sprechen, hinlegt, schlägt in meinen Augen alles bisher Erlebte. Das Land, welches sich hier benachteiligt behandelt fühlt, möge vortreten oder für immer schweigen.Wenn Gott einen Hund hätte, würde er in Polen leben.Es ist dabei nicht jene verhätschelnde, vermenschlichende Kultur Hunden gegenüber, welche einem speziell in Deutschland oft begegnet, sondern ein Umgang, der Hunde schlichtweg als normalste Sache der Welt einzuordnen scheint. Nicht nur, dass ihnen sämtliche öffentlichen Gebäude und Fortbewegungsmittel offen stehen und man dementsprechend nirgendwo in Polen weiter als 10 m von einem Hund entfernt sein kann, was mich immer wieder aufs Neue fasziniert ist die einfach nicht existierende Angst vor Hunden in Polen. Es ist dies eines der Hauptprobleme von Hundebesitzern, dass es immer einen Teil von Menschen gibt, die Hunde nicht nur nicht mögen, sondern einfach auch Angst vor ihnen haben. Dieses Phänomen, welches ich nicht genug bedauern kann, ist mir in Polen kein einziges Mal begegnet. Die selbstverständliche und allgegenwärtige Freude über jeden noch so schlecht erzogenen Hund trägt hier fast schon pathologische Züge. Und genau hier beginnt das Problem: Die unvermeidliche Folge dieser grenzenlosen Zuneigung zu jedwedem Hund ist mit steter Regelmäßigkeit, dass man mit dem Hund sein Essen teilt. Die Kausalität ist einfach: “Hallo Hund!Ich mag dich. Was kann ich dir Gutes tun? Gefällt dir die Wurst, die ich auf den Teller habe? Wenn es weiter nichts ist. Da hast du.” Jegliche Argumentationen über die Gefährlichkeit von Menschenessen für Hunde versickert gewöhnlich in einem gutwillig bis ungläubigen Abnicken und dem Klassiker “Aber EINE Wurst kann es doch mal sein!”. Letztlich handelt es sich hierbei aber selbstverständlich um ein Luxusproblem. Natürlich ist mir ein Land, in dem Hunde gern gesehen sind,  dafür aber kugelrund gefüttert werden, lieber, als ein Land der Leinen, Maulkörbe und Hundehysteriker. Doch jeder Hundebesitzer sollte, so er nach Polen reist, ein wenig mehr darauf achten, was die streichelnde Hand noch mit sich bringt.Insekten sind für den Wanderer ohne Zweifel ein leidiges Thema. Wobei es in den luftigen Höhen weniger um nervende Mücken geht. Die lassen wir im drögen Tal zurück. Vielmehr sind Zecken, Wespen (oder gar Hornissen!) und einige mir gänzlich unbekannte aber äußerst schmerzhafte Kleinstinsekten das Problem. Dies ist mit Sicherheit einer der Faktoren, die viele Menschen vom Leben in der Natur abschreckt. Sicher, wenn man es sich mal genau überlegt, klingt das zusammengenommen irgendwie nicht sonderlich verlockend: Schwitzen, Schleppen, Druckstellen und Blasen, keine Dusche und Klo, hartes Bett und dann auch noch dieses ganze widerliche Viehzeug was hinter jedem Busch lauert um einen zu beißen, stechen oder einfach nur zu nerven. Doch letztlich ist die Rechnung nicht so einfach und viele der genannten Negativfaktoren machen gar den Reiz an der Angelegenheit aus. Doch die Insektenplage kann man sich beim besten Willen nicht auf diese Weise schönreden. Nein, hier gibt es auch von meiner Seite kein Allheilmittel. Da hilft nur Gleichmut und Autan.Die Blau/Heidelbeere – das linguistische Miststück schlechthin. Man hätte es wissen können. Wer auf deutsch schon zwei Namen hat, wird sich auch im slawischen Raum nicht zurückhalten können.   Jagody sind zu deutsch Blaubeeren und damit betreten wir nicht nur das Gebiet der Wildfrüchte sondern auch das ebenso verlockende Terrain der Sprachverwirrung. Wie allgemein bekannt, handelt es sich bei Polnisch um eine slawische Sprache. Ich nahm also zu Beginn meiner Polenexkursionen an, dass ich, da ich dem Russischen relativ mächtig bin, mir diese Sprache relativ schnell aneignen könne. Doch schnell merkte ich, dass mich meine Russichkenntnisse vielfach eher behinderten als das sie mir halfen. Ob Betonung oder Aussprache – oft genug stolperte ich über mein russifiziertes Sprachempfinden. Doch so richtig gemein sind die zahlreichen falschen Freunde, die wie künstlich erzeugt wirken. Einzig allein erschaffen um das ungeliebte Familienmitglied aus dem Osten auf Distanz zu halten. Im Falle von Jagody verhält es sich nun noch ein wenig komplexer. Ягоди (Jagody) heißt im Russischen nämlich einfach nur Beeren. In den meisten westslawischen Sprachen aber heißt jagody Erdbeeren (einzige Ausnahme bildet hier das Serbische mit der so entzückenden wie unerklärlichen Bezeichnung Страуберриес). Das Polnische Wort für Erdbeeren dagegen (Truskawki) war mir gänzlich unbekannt. Es sind Momente wie diese in denen man jegliche Vorstellungen von einer möglichen panslawischen Verständigung emotionslos über Bord wirft und sich wortlos schmatzend an den verschwenderischen Gaben von Mutter Natur erfreut.    Käse und Kiełbasa (Wurst) sind unerlässliches Inventar für jeden längeren Ausflug in die Berge. Nachdem wir ja uns ja schon ein wenig mit der warmen Küche Polens auseinandergesetzt haben, ist es nun an der Zeit, auf die kalten Spezialitäten einzugehen. Fangen wir mit der guten Nachricht an. Bezüglich Käse kann man in Polen durchaus dem einen oder anderen Glücksmoment entgegen sehen. Selbstredend kann sich die Vielfalt nicht mit Frankreich messen und das Durchrudern langweiliger Käseimitate gehört zum Geschäft, aber daneben gibt es in verlässlicher Güte einige lohnenswerte Räucherkäse. Speziell Oscypek (Hartkäse aus Schafsmilch), welcher eine Spezialität aus der Tatra ist, sollte in jedem Falle gekostet werden. Dieser Käse, der in Rollen wie in Rautenform erhältlich ist, eignet sich vorzüglich für die knautschigsten und heißesten Regionen des Rucksacks. Durch seine Elastizität und Haltbarkeit kann besagter Käse noch Wochen nach dem Kauf als leckere Zwischenmahlzeit dienen. Elastisch, rauchig, aromatisch – Oscypek – ein treuer Freund auf allen Wegen. Photo: wikipediaKiełbasa ist dagegen ein ganz anderes und für mich mit bedeutend mehr Leid verbundenes Thema. Wenn man wie ich für jegliche fleischliche Genüsse zu haben ist, ja, für den ein Leben ohne Fleisch schier undenkbar ist. Wenn man noch zusätzlich bedenkt, dass das vorurteilslose Kosten der Speisen des jeweiligen Reiselands für mich ein unabdingbarer Bestandteil bei der Entdeckung des Fremden ist, dann begreift man annähernd welche Katastrophe es für mich bedeutete, als ich erstmals in eine polnische Wurst biss. Meine Erwartungen waren zwar gemischt. Ich hatte einerseits die nicht gerade überzeugenden Würste Russlands im Kopf, aber  eben auch die feurigen Spitzenerzeugnisse Ungarns und die knackigen Leckerbissen Böhmens auf der Zunge. Irgendwo dazwischen, so meine irrige Hoffnung, müsste sich die kulinarische Kultur der polnischen Würste doch gefunden haben! Doch nix wars. Das seifige und graupelige Etwas in meinem Mund glitt konsistenzarm und würzesuchend in meinen Magen hinunter. Es tut mir leid. Bei aller Liebe – polnische Würste gehen bei mir einfach nicht.  Stillleben der verwursteten Grenzen einer Liebesbeziehung. Photo: chefpaul.netLagerfeuer und Lieder sind nicht wegzudenken aus den polnischen Bergen. Nun ist an Lagerfeuern draussen in der Wildnis ja an sich nichts besonderes. Ein Feuerchen zum Abend entspannt, wärmt und hält die Mücken fern. Außerdem ist die hypnotische Magie, welches ein Feuer unter freiem Sternenhimmel ausübt, unübertroffen und essentieller Bestandteil jeder Naturromantik. Mit Liedern verhält es sich bei uns Deutschen, wie allgemein bekannt, ja recht mau. Keinen mag es dann auch sonderlich verwundern, dass es bei den Polen in dieser Hinsicht anders steht. Doch auch in dieser Beziehung möchte ich ohne Übertreibung konstatieren, dass Polen wirklich extreme Singvögel sind. Keine Zwei Polen ohne Gitarre und keine Minute am Feuer kann vergehen ohne dass einer anstimmt und alle anderen problemlos einstimmen. Das Repertoire ist dabei erstaunlich groß. Nach nunmehr gefühlten hundert Lagerfeuersessions erkenne ich zwar mittlerweile ein gutes Dutzend der oft gesungensten Klassiker, doch immer wieder kommen auch neue Lieder oder Variationen von bekannten Hits vor. Dabei haben auch die bedeutenderen der polnischen Gebirge (Tatra, Bieszczady, Riesengebirge u.v.m.) eine Vielzahl an eigenen Liedern, kurz für Unterhaltung ist gesorgt. Und auch wenn noch einiges Wasser die Wisła hinabfließen wird, bis ich mit einstimmen kann, so fühle ich mich bis dahin in solch einer Runde immer wohlig aufgehoben.
Und damit genug für heute, doch der nächste Teil folgt unvermeidlich…     
Für Quereinsteiger unverzichtbar: Das polnischer Bergalphabet (A-F) sowie Das polnische Bergalphabet (N-R)

4 Gedanken zu „Polnisches Bergalphabet (G-L)“

  1. Hallo Sasha

    Sehr interessant, dein Bericht über Polen. Was den abgebildeten Hund betrifft: Ist es dein Hund oder eine Hunderasse, die man in Polen öfters antrifft?

    Schöne Grüsse
    Dani Metzger

  2. Ich bin ja fast versucht zu sagen: sowohl als auch. Also ja, es ist mein Hund und ja, solche Hunde dieses Typs trifft man in Polen wie überall auf der Welt erstaunlich oft. Es handelt sich dabei um eine solide und kerngesunde Promenadenmischung, die mindestens zwei Dutzend Rassen in sich vereint. Keine eigene Rasse also, sondern nur der beste Hund der Welt.

  3. Hallo zusammen,
    ausgerechnet die polnische Wurst ist für mich eine absolute Delikatesse. Auf deutsche Produkte stand ich nie und als ich zum ersten Mal die polnische probierte, war es um mich geschehen. Vielleicht liegt es an meinen schlesischen Genen. Wer weiß…
    Gruß
    Alex

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