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Ratgeber: Wandern und andere Fortbewegungsarten in den ukrainischen Karpaten

Auch wenn meine Euphorie, erstmals in der Ukraine wandern zu dürfen, hier wohl diskret zwischen den Zeilen durchgesickert sein dürfte, für den gemeinen Biodeutschen assoziiert die Ukraine bestenfalls mit Panzerkrieg und Tschernobyl. Aus Gründen wie diesen versuche ich seit einiger Zeit in regelmäßigen Abständen, entdeckenswerte Regionen zu präsentieren und alles Wissenswerte für den Start bereitzulegen (gern darf dies auch immer von anderen Reisenden mit zusätzlichen Informationen ergänzt werden). Eine Region über die es keinerlei Reiseführer gibt, Kartenmaterial nur umständlich zu erhalten ist, eine Weltenecke, welche aus mitteleuropäischer Sicht nicht mal verrufen sondern schlichtweg nicht existent scheint, birgt für eine ausgewogene Beschreibung eine enorme Verantwortung. Denn obwohl Transkarpatien von Berlin aus näher als Paris, scheint es unserer Welt doch so fern und ist daher leicht misszuverstehen. Doch nach nur einer entspannten Nacht auf dem Schienenbett wird dem aufgeschlossenen Reisenden hier eine Lebenswirklichkeit serviert, welche ob ihrer Unverbrauchtheit und Selbstverständlichkeit gleichermaßen fasziniert. Damit dieses jedem interessierten Menschenwesen möglichst problemlos gelingt, hier nun meine Anleitung für diesen vergessenen Gebirgszipfel im Herzen Osteuropas. Denn ich fühle dieses Mal mehr als sonst, dass Aufklärung Not tut um das Naheliegende in der Ferne erkennbar zu machen und die Karpato-Ukraine in das Licht zu rücken, welches sie verdient.

Wer vor soviel Text sich erst einmal visuell überzeugen möchte, dem empfehle ich wärmstens “Transkarpatien in Farbe und bunt”

Karpato-Ukraine, Transkarpatien oder Sakarpatia – was denn nun?

Dort wo die Karpaten die Kurve kriegen, wo sich also dieser wundervolle über 1300 km lange Gebirgszug entscheidet nach Süden gen Transsylvanien abzudriften, dort in etwa liegt jene historische Region die heute unter dem eher prosaischen Titel einer administrativen Verwaltungseinheit, Oblast Transkarpatien (Закарпатська область/Sakarpatska oblast) firmiert. Und hierbei stoßen wir schon auf die erste Merkwürdigkeit. Der Ukrainer schiebt ein “Sa” und der Deutsche ein “Trans” vor die Karpaten um eben jenen Raum zu beschreiben. Aufmerksame, treue Leser erinnern sich vielleicht noch an ein ähnlich gestricktes Problem im Falle von jenem sonderlichen Landstrich namens Transnistrien. Während der Mitteleuropäer mit dem Prefix “trans” suggeriert, dass da etwas “hinter” den Karpaten sei, versteht der Ukrainer mehr von seinen Regionen und weiß, dass diese eher “auf” den Karpaten liegt. Man könnte diese Begriffsverwirrungen hier noch problemlos weiterführen, denn die Geschichte dieses Fleckchen Erdes kennt zahlreiche Besitzer, welche sich im Zuge der Jahrhunderte hier die Herrschaftsklinke aus der Hand rissen und in dessen Gefolge der Benennungswirrwarr erst richtig losging.

Denn diese Gegend hat im 20. Jahrhundert wohl öfter einen Herrschaftswechsel mitmachen dürfen als anderswo auf der Welt. So kursiert die (theoretisch mögliche ) Legende von jener schlohweißen Babuschka, welche in Österreich geboren, in der Tschechoslowakei zu Schule ging, in Ungarn einen Sohn gebar, sich in der Sowjetunion als Näherin durchschlug und nun in der Ukraine ihre magere Rente bekäme. Dies alles ohne je ihr Dorf zu verlassen. Schon auf den ersten Blick (oder besser, angesichts des Kauderwelschs an slawischen Sprachen, was man hier zu hören bekommt) begreift man, dass man sich hier nicht wirklich in der Ukraine befindet. Wie viele Gebirgsregionen in Grenzgebieten hat es das homogenisierende Nationenkonstrukt, welches die jeweilige Hauptstadt entwarf, in den entlegenen Bergtälern der Peripherie meist viel schwerer sich auszubreiten. So auch hier. Wen wundert’s angesichts dieser turbulenten Vorgeschichte. Die knappe Million Menschen die hier lebt teilt sich in ca. 30 Nationalitäten auf. Huzulen, Lemken, Boiken – Nationalitäten, die teils wie aus einem Fantasy-Roman entsprungen klingen. Und so leben sie dort, eingezwängt von abstrakten Grenzen, die von etwas noch Absurderen wie Staaten durch das Gebirge gezogen sind, in der irrigen Annahme diese majestätischen Gipfel, mächtigen Bergkämme und undurchdringliche Wälder trennen zu können. In den versunkenen österreichischen Kronländern Galizien und Bukowina stößt man kurz hinter der Grenze der EU auf ein irritierendes wie betörendes Gemisch von Weltabgeschiedenheit, von Herzen kommender Freundlichkeit, bitterer Armut und einer einfachen Art zu leben, die der Standardeuropäer längst verlernt hat. Doch genug der Vorrede, damit auch ihr bestens vorbereitet euren Ausflug anträumen könnt, stelle ich nach erprobten Modell hier wieder ein kleines Starterpack ins Netz.

Andere Wissensquellen: Wie eingangs schon erwähnt, solltet ihr mit dem Gedanken spielen, euch im Vorfeld eurer Reise mit einem kleinen Büchlein zur Gegend auszustatten – lasst es bleiben! Vertraut mir, es gibt nichts. Selbst, der in Sachen abseitiger Reiseziele hochverehrte “Conrad-Stein-Verlag”, weiß hier mit lupenreiner Nichtigkeit zu überzeugen. Zwei Bücher habe ich dann doch gefunden, die mich bestens einstimmten und welche ich als Reisevorbereitung wärmstens empfehlen kann.

Aus der Zusammenarbeit der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und dem ukrainischen Biosphärenreservat ist ein tolles Buch entstanden (“Naturführer: Urwälder im Zentrum Europas”) welches sich jeder mühelos als PDF herunterladen kann. Hier erhält man nicht nur einen profunden Überblick über die hiesige Flora und Fauna, sondern, wie es sich für einen Naturführer versteht, sind hier auch reichlich Routen- und Wandervorschläge enthalten, die durchaus inspirierend für eigene Touren sein können. Außerdem kann ich Martin Pollacks kleines Büchlein “Galizien. Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina” empfehlen. Es vermittelt auf charmante und geistreiche Weise einen Blick durch das Jahrhundert hindurch auf jene Zeit in der diese Gegend zwar ebenfalls bettelarm am Rand eines großen Landes versteckt lag, aber dennoch ein ganz anderer Kulturraum als heute war. Mich ließ dieses Buch über alle Maßen begeistert zurück, es weitet den Horizont aus der Mikroperspektive heraus und lässt mittels nachvollziehbarer Beschreibung der Vergangenheit die Gegenwart besser verstehen. Keine Frage Pollack hat in mir einen neuen Verehrer gewonnen. Von derlei Literatur sollte es definitiv mehr geben.

Die Problematik, an geeignete Karten heranzukommen, erwähnte ich bereits. Es sei hier in aller Form davon abgeraten lässig abzureisen ohne sich in irgendeiner Weise darüber Gedanken gemacht zu haben, wie man an Karten zu kommen gedenkt. Vor Ort sind sie jedenfalls keine normale Handelsware. Selbst übliche Verkaufsstellen wie Nationalparkeingänge, Hotels oder sonstige Hot Spots des Tourismus verfügen hier weder über Karten zur Orientierung wie im übrigen auch nicht über Karten zum verschicken. Diesen Mangel kann man auf zweierlei Weise überwinden: Karten lassen sich per Internet (bspw. bei polenkarten.de) ergattern oder man kauft sie vor Ort in auserlesenen Spezialläden. Verbindliche Sicherheit hat man beispielsweise in Uschgorod (am Ende der Voloschina-Straße in Uschgorod, 48°37’27.1″N 22°17’52.9″E)

Die für mich dieses Mal beste Methode dem Defizit zu begegnen war jedoch ein GPS-fähiges Gerät und gutes Offline-Kartenmaterial. Ich verwendete hierfür ein robustes Smartphone und die App Osmand. Bei der Umsonstversion von Osmand sollte man sich nicht von der Begrenzung an Offlinekarten erschrecken lassen, diese sind problemlos erweiterbar bis die Speicherkarte platzt. Die jeweiligen Karten sind hier runterladbar. Allerdings braucht man für eine Reise nach Transkarpatien ja auch wieder nicht allzu viele Karten. Für Route und aktuelle Tipps zum Wandern in Transkarpatien kann ich voller Ehrerbietung und Dank das Projekt eldp8.de von Rolf Gerstendorf empfehlen. Obzwar diese Seite im eigentlichen Sinne dem Europafernwanderweg E8 gewidmet ist, erhält man hier bislang die aktuellsten und wertvollsten Informationen für eine Wanderung in Transkarpatien, so man beschlossen hat auf der Route des E8 zu wandern. Dies so sei aber angeraten, ist für den Anfang eine durchaus sinnvolle Einstiegsdoroga!

An- und Einreise: Die Frage nach dem “Wie-komm-ich-hin?” ist in meinen Augen nur schienbar eine offene Frage. Selbstverständlich stehen Flugzeug und Auto zur Debatte, doch aus Gründen innerer Überzeugung sowie auch ganz simpel aufgrund fehlender eigener Erfahrung werde ich mich im folgenden ausschließlich über den Schienenweg auslassen.

Überblick der Gemengelage. In zarten braun gehalten sind die einzelnen Gebirgsketten, die die Region so anzeiehnd machen.

Das klassische Tor in die Berge Transkarpatiens ist Uschgorod. Von hier aus ist sind alle in Frage kommenden Ausgangspunkte für die jeweilige Bergwanderung mühelos erreichbar. Zwei Möglichkeiten, Uschgorod zu erreichen:

  • mit dem Nachtzug Prag-Kiew erreicht man Chop (danach Anschluss nach Uschgorod)
  • mit dem EC nach Budapest und von dort mit der ungarischen Bahn bis Záhony, dann über die Grenze nach Chop gefahren (danach Anschluss nach Uschgorod)

Von Berlin aus gerechnet, kommt man also in deutlich weniger als 24 Stunden und ohne nervige Umsteigerei in die ukrainischen Berge. Die Preislage sieht, so man ein paar Wochen vorher ordert in etwa so aus (Stand: August 2017): Berlin-Prag €30; Praha-Chop ca. €50 im Liegewagen;  insgesamt also €80/ Berlin-Budapest €40, Budapest(Nyugati)-Záhony ca. €20; insgesamt also etwas über €60 dafür aber einmal mehr umsteigen und weniger tschechoslowakischer Bahngenuss.

Die Alternativroute für alle die den Berghunger möglicherweise noch mit einen kleinen urbanen  Aperitif ergänzen möchten: Die Anfahrt über die unbekannte Schönheit Lemberg/Lwów/Lwiw. Von hier erreicht man ebenso alle bergigen Ausgangsorte in Transkarpatien, dauert halt nur etwas länger, was sich aber im gemütlichen Sowjetwaggon bestens ertragen lässt. Die Anreise erfolgt hier idealerweise über Polen, wobei es auch durchgehende Züge von Bratislawa, Budpest oder Wien gibt. Die sichere, unkomplizierte Planung wird einem hier durch die verquaste polnische Buchungspraxis verdorben. Polnische Einenbahntickets lassen sich immer noch nicht online erwerben. Wer also nicht den Luxus hat, nah an einem internationalen polnischen Schalter zu leben (von Berlin aus bspw. Kostrzyn), dem empfehle ich folgendes: entweder von Görlitz oder von Küstrin bis Wrocław, von hier nach Przemyśl an die polnisch-ukrainische Grenze. Hier wirft die marode Madame PKP dann einen Zug pro Tag nach Lemberg ins Rennen (14:26), aber von hier aus sollte es auch reichlich Mitfahrgelegenheiten und Busse geben. Wenn man es irgendwie schafft, vorher in Polen zu sein, kann man auch den durchgehenden Zug mittels Liege- oder Schlafwagen buchen. Es fährt ein Zug abends und einer morgens nach Lemberg (Ein Liegewagenplatz für die gesamte Strecke kostet ca. €60)

Als entspannten Geheimtipp zur Einreise kann ich auch noch die von uns absolvierte Route empfehlen. Hierbei reist man, statt von Prag nach Chop, nach Humenné (Berlin-Prag €30; Praha-Humenné ca. €25 im Liegewagen), dann weiter mit dem Bus (€2,85) bis Ubl’a, dem letzten slowakischen Ort vor der Grenze. Von hier aus kommt man über einen sehr entspannten, neu eingerichteten Grenzübergang nach Transkarpatien. Wenig Autoverkehr und Grenzer, die mit westlichem Wandersvolk Erfahrung haben da hier beispielsweise der “East-Carpathian-Greenway” entlangführt.

Herumreisen: Das Fortbewegen in Transkarpatien mag für den Osteuropaneuling durchaus einige Herausforderungen bereithalten. Diese vernachlässigte Peripherie eines nicht minder vernachlässigten Landes bietet neben den ererbten Obskuritäten sowjetischer Transportkultur ein erschreckendes Bild des Verfalls in jeglicher Hinsicht. Ob Bahn oder Straße – Fortbewegung folgt hier anderen Prämissen als im Goldenen Westen.

Eisenbahn – einstmals das souveräne Verkehrsmittel des Volkes, fristet es nun ein erbärmliches Schattendasein am Rande der Gesellschaft. Zwar sind die Züge voll und werden gern genutzt, doch die alten sowjetischen Modelle krauchen alterschwach auf wackeligen Gleisbett dahin, ihre Frequenz ist eigentlich nicht der Rede wert und wird höchstwahrscheinlich nur von extrem langfristigen Planern und Zugconnaiseuren genutzt.

Auf der ehemaligen Magistrale Lemberg-Wien verkehren aktuell nur noch drei Züge täglich. Vielleicht einer meiner traurigsten Momente in drei Wochen Ukraine.

Dabei ist sie weiterhin die preiswerteste Art zu reisen, doch ihre Nutzung will gekonnt sein. Da das beliebte Nahverkehrsmodell der Elekritschka offenbar aus dem Verkehr gezogen wurde, kann nur noch mit den wenigen überregionalen Zügen gereist werden. Hierbei gilt einerseits, dass das Ansinnen heute zu kommen um für heute eine Verbindung zu buchen eher ungewöhnlich ist und in der Ferienzeit sich auch als dementsprechend schwierig gestalten kann. Daher, so es möglich ist, gerne ein paar Tage vorher Tickets kaufen. Für den Ticketkauf reserviere man sich auch reichlich Zeit. Zumeist gibt es einen Schalter und das Ritual des Kaufs bedeutet, dass jede Kundenaktion deutlich mehr Zeit benötigt als man vermuten würde. Denn der Kauf eines Tickets ist sehr persönlich, sprich die Daten eines jeden Reisenden müssen eingetragen, diverse andere Fragen geklärt werden. Der gesamte Prozess wird von derartig viel unnötigen Ballast abgebremst, dass man hier eigentlich nicht genug Zeit einplanen kann. Aber es lohnt sich.

Und wenn die letzte Bohle verrottet ist, der letzte Zug auf der letzten Lok pfeift und die letzte Weiche falsch gestellt ist – werdet ihr immer noch nicht begreifen, dass die beste Art des Reisens verloren ist.

Für absolute Beginner hier nur kurz ein paar Dinge. Ähnlich einem europäischen Schlafwagen werdet ihr am Eingang eures Waggons von eurem Schaffner in Empfang genommen. Er behält für den Rest der Reise eure Tickets, versorgt euch mit Bettwäsche und auf Wunsch mit Tee und Snacks. Zwei Klassen stehen zur Verfügung: Kupe und Patskartni. Während erstere unseren Liegewagen gleicht, also einem soliden 6er-Abteil, handelt es sich bei letzterem um so etwas wie einen Schlafwagen ohne Abteile und dem verstörenden Begleitumstand, dass auch im Gang noch zwei Betten pro “Abteil” rangeklemmt sind. Was jetzt merkwürdig klingt, ist eine überaus annehmbare Art zu reisen und wie ihr hier eure Betten zusammenbaut, findet ihr schon alleine raus.

Bus – Man sollte nun annehmen, dass der übliche Zerfall des Schienenverkehrs zumindest dem Busgewerbe zum üblichen kurzfristigen Goldrausch verhelfen würde. Doch dies kann nur in  begrenzten Maße behauptet werden. Zwar liegt die Taktfrequenz hier deutlich höher (alles andere wäre auch gleichbedeutend mit der kompletten Einstellung des Verkehrs gewesen), doch pfeift auch hier die gesamte Struktur auf dem letzten Loch. Der gesamte Fuhrpark wie ein großer Teil der Straßen sind in jämmerlichen Zustand. Das gesamte System des öffentlichen Nahverkehrs jenseits der Schiene macht einen unorganisierten, chaotischen Eindruck. Busverbindungen existieren zwar, doch Zeit, Dauer und Zuverlässigkeit stehen auf einem anderen Blatt. Nichtsdestotrotz gehören Busse zum unverzichtbaren Fortbewegungsmittel und wenn allein nur um erleichtert aussteigen zu können und sich hiernach noch mehr auf die unberührte Natur und die Gnade des Selberlaufendürfens zu freuen.

Alles was sich bewegt, kann dein Taxi sein. Öffentlicher Nahverkehr in Bauernhand.

Mitfahrgelegenheiten – Doch nichts wird so traurig gegessen wie es wahrgenommen wird, oder wie lautet diese Lebensweisheit noch gleich? Wenn man sich also immer weniger auf, vom Staat oder freien Unternehmertum ausgehende Methoden der Fortbewegung verlassen kann, so springt hierzulande die aus der Not und der Wendigkeit der Menschen geborene Bereitschaft ein, um Menschen von A nach B zu befördern. Selten bin ich auf einer Reise von dieser Kürze mit solcher Selbstverständlichkeit mit einer vergleichbaren Zahl an unterschiedlichen Transportvarianten mitgenommen wurden. Die miserable Qualität der Straßen begünstigt zweifelsohne jene Modelle, welche durch eine gewisse Robust- und Grobheit zu überzeugen wissen. Ob mit den mächtigen, wie aus einem Stahlquader geschnitzten Lastern ZIL oder URAL, den anscheinend allmächtigen Kleintransportern UAZ oder auch mal ganz schlicht im bergfest zurechtgerüttelten PKW. Die Vielfalt der Möglichkeiten ist schier grenzenlos und wird nur von der Bereitschaft zur Mitnahme übertroffen.

Der kleine Grüne, ein gern gesehener Untersatz auf dem Weg in die Berge.

Fahrradfahren – Hierüber kann ich leider nicht aus der eigenen Erfahrung schöpfen, auch wenn ich als passionierter Fernradfahrer die Lage hier als eher suboptimal, allein der Straßen wegen, einschätzen würde. Das Netz verrät jedoch, dass es einige gewagt haben und ihre Berichte klingen nicht so übel wie ich es mir vorgestellt hätte.

Wandern – kommen wir nun zu der Fortbewegungsart wegen der alle vorgenannten eigentlich nur erwähnt wurden – der Urgroßmutter aller Bewegung – dem eigenständigen Laufen. Bzw. ihrer gestählten Cousine, dem Wandern mit Rucksack, also eher die Kategorie zivilisationsausblendender Parkspaziergang. Doch auch wenn man dem nichts abgewinnen kann und eher dem federleichten Tagesausflug zuneigt, auch dies ist problemlos möglich. Vorausgesetzt man hat die Navigationsfrage (s. Andere Wissensquellen) irgendwie für sich gelöst, steht dem selbstbestimmten Gang in die Berge Transkarpatiens nichts mehr im Wege. Natürlich sind die Wanderwege unterschiedlich gut markiert, in unserem Fall spürten wir zum Beispiel deutlich wie die Qualität Richtung Osten, also hin zu den Filetstückchen der Region, deutlich zunahm. Oftmals leiden die Wanderwege unter jenem, auch aus anderen Gegenden bekannten Syndrom, dass sie dort wo ihr Verlauf offensichtlich ist, überdeutlich markiert sind, dagegen an heiklen und unübersichtlichen Stellen durch Abwesenheit glänzen. Als Merkspruch mag gelten, möglichst konzentriert bei Auf- und Abstieg zu sein, auf den baumlosen Hochwiesen der Karpatenkämme ist der Weg der nächsten Tage meist auch ohne Wanderzeichen ersichtlich. Ich kann an dieser Stelle nur nochmals auf GPS-fähige Geräte verweisen. Wahrscheinlich gänge es auch ohne, doch es hat mit Sicherheit viel unnötiges Suchen und zurücklaufen erspart.

Kammwegweiser mit Weg im Hintergrund.

Sprache: Eines sei gleich vorweggenommen: Auch wenn die Reiseratschläge zur Region, wie erwähnt äußerst mager ausfallen, ein Tipp wiederholt sich meist in steter Penetranz – ohne Russisch- oder Ukrainischkenntnisse sei man hier komplett aufgeschmissen. Nun, was soll ich sagen?! Da ist was dran. Allein die Unkenntnis der kyrillischen Buchstaben würde einiges erschweren. Und lasst jegliche Hoffnung hinsichtlich der üblichen Sprachstützräder fahren – hier in den Bergen spricht man nicht in derlei exotischen Zungen wie Englisch oder Französisch. Jedoch möchte ich ergänzen, zumindest in dieser hier besprochenen Grenzregion ist man gut dabei so man wenigstens eine slawische Sprache halbwegs beherrscht. Die eingangs schon erwähnte wechselhafte Geschichte Transkarpatiens erzeugte eine Bevölkerung, welche sich größtenteils nicht als Ukrainer empfindet und förmlich zwischen den Sprachen zu schwimmen scheint. Und so genießt jedenfalls ein osteuropäisch geschultes Ohr hier Gespräche, die sich schwer einordnen lassen und unablässig zwischen den Sprachen springen. Versucht man ein Gespräch nun auf Russisch zu führen wird dies ohne Murren akzeptiert, doch schon nach kurzer Zeit entschwindet der Gesprächspartner zumeist in sein panslawisches Kauderwelsch. Ähnliches geschieht wenn man ein Gespräch auf Polnisch beginnt.

Kolotschawa, ein Dorf im Rajon Mischhirija in der Oblast Transkarpatien – mitten im Herzen der Tschechoslowakei

Bliebe abzuwarten was bei einem tschechischen Gesprächsstart geschehen würde, denn dies ist mit Abstand die hiesige lingua franca. Tschechisch? Ja, richtig gelesen. Der kurze Abschnitt in der Geschichte Transkarpatiens (1919-1938) in der man tatsächlich zur Tschechoslowakei gehörte sowie ein reges Interesse von tschechischer Seite nach der Wende (touristisch erlebend wie auch Tourismus-Infrastruktur aktiv aufbauend) führten offensichtlich dazu, dass diese von allen anderen vergessene Ecke einzig über die Tschechoslowakei eine zarte Verbindung in die große, weite Welt aufbauen konnte. Dieser überraschende Einfluss treibt dabei solch entzückende Blüten wie der Begleiterscheinung, dass man in manchen Karpatendörfern von Kindern mit einem flötenden “Achoj” begrüßt wird. Ein bezauberndes Erlebnis, als ob die russischen Cousins des kleinen Maulwurfs aus den Vorgärten springen würden.

Menschen: Es sollte aus dem zuvor Geschriebenen schon leicht hervorgequollen sein, dass der hiesige Menschenschlag ein durchaus netter ist. Selten habe ich auf Reisen dieser Länge das völlige Ausbleiben von unangenehmen Momenten oder kleineren Problemchen erlebt. Wir müssen hier definitiv Glück gehabt haben, denn ich bin ein fester Anhänger der These von einer universellen Idiotenquote überall auf diesem Planeten. Doch andererseits spricht es auf jeden Fall für die Menschen hier, denn an anderen Flecken der Erde fallen einem besagte Idioten zumindest schneller auf.  Es sind herzliche und freundliche Menschen. Menschen die aufgeschlossen und interessiert sind, ohne aufdringlich zu sein. Ein wenig schimmert bisweilen auch eine gewisse weltabgeschiedene Naivität durch, welche jedoch ohne Dünkel und Angst daherkommt, sondern sich stets entspannt auf den Fremden einlässt.

Passt diese kleine Gruppe netter Bergtouristen in das mit Kram bis zur Decke vollgestopfte Auto im Hintergrund? Den gemeinen Waldkarpaten regt dabei allein schon die Frage auf.

Bei allem Lob sei an dieser Stelle aber auch angedeutet, dass der weibliche Reisende in Nuancen anders behandelt wird als sein männliches Pendant. Dies hat vielleicht mehr Ursachen in der ländlichen Prägung der Region als in der kulturellen Ausrichtung Transkarpatiens. Dennoch bemerkt man schnell an kleinen Gesten und Ausrichtung der Gesprächsführung, dass die selbstständig agierende und selbstbewusst auftretende Frau hierzulande gewöhnungsbedürftig ist. Schlussendlich vermag aber auch diese kleine Schieflage den positiven Gesamteindruck nicht übermäßig zu mindern, da selbst dies mit Respekt und Charme einhergeht.

Übernachten: Überfliegt man vor Reiseantritt scherzeshalber die Übernachtungsmöglichkeiten, welche das Internet in Transkarpatien feilbietet, so streichelt man einmal mehr beruhigt sein Zelt. Außerhalb der größeren Städte, so scheint es, gibt es kaum Unterkünfte, das Prinzip organisierter Zeltplatz ist gänzlich unbekannt und die Kosten differieren zwischen absurd bis unbekannt. Die Wirklichkeit sieht einmal mehr ganz anders aus. Die allwissende Krake Google ist beruhigenderweise unfassbar schlecht informiert über Transkarpatien. Ob Restaurants mit vermietbaren Gästezimmern, spontan aufblühenden Appartements, die aus einem Gespräch in einer Kneipe entstehen können oder die schlichte Berghütte mit feinstem Quellwasser und sauberen Plumpsklo – all dies und noch viel mehr ist möglich zwischen Usch und Theiß. Sprich: Auch wenn es sich hier um eine vergessene Gebirgsecke handelt, Touristen sind hier keine unbekannte Größe. Da es sich hier um den gebirgigsten Teil der Ukraine handelt, war Wander- und Wintersporttourismus schon zu sowjetischen Zeiten üblich. Gewisse Reste hiervon haben sich gehalten, neue Anfänge zeigen sich zaghaft – kurz, in allen von uns besuchten Siedlungen hätten wir problemlos unterkommen können. Die, in denen wir schliefen, waren ausnahmslos sauber, stilvoll eingerichtet und äußerst preiswert (ein Durchschnittspreis den wir mehrfach präsentiert bekamen war 500 Hriwna/ca. €17 für 4 Personen). Eins stimmte aber tatsächlich, den Campingplatz wie er uns bekannt ist, fanden wir in der uns beschiedenen Zeit tatsächlich nicht.

Unterkunft nach Maß

Und warum auch? Überall in den Bergen ist zelten möglich. Teilweise sogar unter luxuriösesten Umständen. In den prominenteren Gebirgen wie Tschornohora oder Borschawa gibt es an den traumhaftesten Flecken ausgewiesene Biwakstellen meist mit eigener Quelle und Feuerstelle. Was will man mehr? All die, aus Mittel bis Ostmitteleuropa bekannten Sorgen hinsichtlich der Unbedenklichkeit von Wildzelten, Feuermachen und dergleichen mehr zerschlagen sich hier binnen kürzester Zeit wie ein schlechter Traum. Unbeschwertes Leben in freier Natur? Hier ist es noch ohne jedwede Haken möglich.

Hunde: Wie immer auch eine kurze Kritik zum Thema Hunde auf Reisen. Auch hier kann nur Bestes berichtet werden. Wir erlebten nicht ein einziges Mal eine Einschränkung durch unseren Hund, Unterkünfte, Restaurants, Bus, ohne Leine laufen in der Stadt – alles keinerlei Problem. Die Menschen begegnen Hunden allgemein freundlich und ohne Ängste. Streuner im klassischen Sinne sieht man so gut wie gar nicht. Für die Eisenbahn sollte man ein Ticket für den Hund kaufen, auch wenn uns das Reglement hier ein wenig willkürlich erschien, mitkommen tut man immer. In den Bergen versteht es sich von selbst, dass Besitzer von Rüden etwas achtsamer sein sollten. Wenn das zarte Gebimmel der Schafherden erklingt, ist deren hündisches Bewachungspersonal nicht mehr weit. Diese streifen in riesigen Radien um ihre Herde herum und nähern sich neugierig auch eventuellen Wanderern. Menschen gegenüber sind sie überaus respektvoll und furchtsam, doch die Erfahrung weiß, dass ein mitgebrachter Rüde die Situation hier unter Umständen verschärfen kann.

Manchmal sind die uneingeladenen Gäste die Besten

Kulinarik: Wenn die Originalität der ukrainischen Küche in der Reisegruppe auch heiß diskutiert wurde, so war eines über alle Zweifel erhaben – die Qualität der Zutaten! Ähnlich wie bei unseren georgischen Erlebnissen ist es immer wieder spektakulär, wie eine gewöhnliche Tomate die Zunge zum tanzen bringen kann. Es wäre müßig an dieser Stelle über die Entstehung von Lebensmitteln und das Verschwinden des Geschmacks zu referieren (bzw. ich verweise auf eine hier erschienene Buchbesprechung), halten wir daher einfach fest: Warum und wie auch immer, alles hier hat Geschmack, Konsistenz und Gehalt! Und noch eines sei vorweg gesagt: Abgesehen von Geschmack und Gehalt der angebotenen Speisen und Getränke fiel mir immer wieder auf inwiefern die Menschen hier eine ausgeprägten Detailversessenheit hinsichtlich der Originalität ihres Interieurs pflegen. Plastikgeschirr oder  0815-Möbel sind in Transkarpatien schwerlich vorstellbar. Selbst der kleinste Imbiss in der tiefsten Provinz hat sein eigenes individuelles Geschirr und mehrere stilvolle Ideen bei der Inneneinrichtung seines Lokals im Angebot. Nicht zuletzt sei die liebevoll in Szene gesetzten Kolybas erwähnt, jene urig eingerichteten Holzhäuser mit offenen Feuerstellen, welche nach kleineren touristischen Anpassungen an die frühere Verwendung nun mehrheitlich für ein meist verdammt gutes Restaurant stehen, in dem die typischen Gerichte der hiesigen Berge gereicht werden. Dem einen oder anderen mögen diese oberflächlichen Fragen des Speisens nebensächlich erscheinen, ich bin von einer derart ausgeprägten Vielfalt jedoch zutiefst angetan, insbesondere hinsichtlich der klaffenden Gegensätze, die sich in den meisten Nachbarländern diesbezüglich offenbaren.

Die Küche selbst ist ganz klar, wen mag es überraschen, slawisch geprägt. Wobei auch hier die Gebirge und Grenzen Faktoren sind, die die Küche Transkarpatiens noch einmal einen besonderen Stempel aufdrücken.

So ist die dominierende Suppe in den meisten Lokalitäten beispielsweise Bogratsch (nach dem ungarischen Wort Bogrács, das traditionelle Wort für den deckellosen Kochkessel in dem Gulasch zubereitet wird). Bogratsch ist dabei ein Wort für einen Eintopf für den wahrscheinlich deutlich mehr Rezepte existieren als Transkarpatien Einwohner hat. Einzige Konstanten waren: er wird heiß serviert und schmeckt hervorragend.

Eine von Abermillionen Bogratsch-Versionen im Entstehungsprozess. Nur echt wenn über dem offenen Feuer gekocht.

Eine weitere große Säule der transkarpatischen Küche ist wiederum ein treuer Gefährte aus rumänischen Wandertagen. Polenta, hier Banosch genannt, gibt es in zahlreichen Variationen als Brei, Kloß oder frittiert, ergänzt mit würzigen Bryndza (gesalzener Schafskäse), knusprigen Speck oder Gemüse.

Und dann natürlich die ganze Palette an diversen Mehlspeisen, welche in gewissen Abstufungen und Abschleifungen von der Oder bis zum Amur in den Töpfen brodelt und in den Pfannen brutzelt. Wareniki, Pelmeni, Tschebureki oder Pyrohy und die ganze Teigtaschenschar. Immer ein wohliger Genuss und nie eine schlechte Wahl.

Selbstverständlich ist auch Fleisch ein treuer und unverzichtbarer Bestandteil der transkarpatischen Küche. Auf den ersten Blick fällt zunächst der elementare Steuerknüppel sowjetischer Fleischkultur ins Auge: Schaschliki! Hier gilt zweifellos die Eingangsthese, natürlich ist so ein Schaschlik das denkbar einfachste Fleischgericht und ähnlich wie das Rad schwerlich neuzuerfinden, doch edle Zutaten sind bei einfachen Gerichten stets der Schlüssel. Und hiermit wurden die Spieße bei all unseren Kostproben immer reichlich bestückt und ließen uns entzückt zurück.

Neben diversen anderen Fleischgerichten, die hier nicht einzeln erwähnt werden können um einem Solokünstler Platz einzuräumen, der ihm ohne jeden Zweifel zusteht: Speck, bzw. Salo wie der Ukrainer es ausspricht. Speck hat es in unseren Breiten nicht gerade leicht. Dieses erlesene Schweineprodukt, welches in seinem reinen Wesen nichts anderes als Fett ist, befindet sich in Zeiten gesundheitsbewusster Ernährungskreuzzüge selbstverständlich in verlustreichen Rückzugsgefechten. Dies ist jenseits des Bug, wie so vieles noch anders. Salo hat auch in Russland und Belarus zahlreiche Gefolgsleute, doch in der Ukraine scheint er wie die Flagge oder das Wappen ein regelrechtes Nationalsymbol zu sein. Vielleicht, so könnte man ketzern, ist dieser fettige Leckerbissen so gar einer der stärksten verheinheitlichenden Artefakte des frisch konstruierten nationalen Konstrukts namens Ukraine. Und den besten Speck der Ukraine bekommt man dann wohl in der Westukraine, genauer in Transkarpatien. Wir befinden uns hier also im Epizentrum des Salo-Kults.

Salo – ein Wort so zart wie die Versuchung, so knusprig wie die Sünde und so aromatisch wie das Leben.

Dieser Speck besteht immer aus dem Rückenfett des Schweins. Am ehesten erinnert er vielleicht an den italienischen Lardo. Traditionell ist der ukrainische Speck mittel gesalzen, fest, mit Kümmel und Knoblauch gewürzt. Natürlich gibt es hier aber auch etliche andere Varianten des Salzens und Würzens: Es gibt den Speck mit Paprika, mit Sesam, mit bulgarischen Pfeffer und mit tausend anderen Gewürzen. Geräuchert wird er aber immer. Speck in seinen verschiedenen Variationen wird dann gern als Vorspeise auf saftigen, dunklen Roggenbrot, mit Knoblauch, Zwiebeln, Gurken und natürlich Wodka serviert und, vertraut mit Vegetarier aller Länder, alles Vorhergesagte mag großartig klingen, aber allein der Speck ist schon Grund genug, nach Transkarpatien zu reisen.

Die heilige Dreifaltigkeit der Getränke kann mit Kwas, Bier und Horylka recht umfassend beschrieben werden. Der Kwas, der alkoholfreie Brottrunk-Klassiker ist zumeist vom Fass in den unterschiedlichsten Varianten, von zuckersüß bis säuerlich-trüb zu haben. Jeder sollte ihn mal probieren und nicht nur einmal, denn die Geschmacksrichtungen können hier von Kneipe zu Kneipe schon enorm voneinander abweichen.

Das ukrainische Bier gehört zu den besten des slawischen Kontinents. Diese Erkenntnis überraschte uns schon bei unserem ersten Ukraine-Ausflug. Obolon, der allgegenwärtige Marktführer muss sich mit seinem Pils wie auch seinem Weizen nicht verstecken. Die meisten anderen Biere in der Ukraine sind definitiv auf Augenhöhe mit ihren Industriebier-Pendants in Mitteleuropa. Die größte Überraschung für mich war aber die Fassbiervariante von Schigulewskoje. Unter diesem Namen bekommt man in den ehemaligen GUS-Staaten zumeist irgendein Getränk was deutlich an seine eigentliche Funktion als Wodka-Spülmittel gemahnt. Die ukrainische Variante von Schigulewskoje dagegen befindet sich nicht nur auf Augenhöhe mit den Brauerzeugnissen Mitteleuropas, nein, ich möchte hier sogar todesmutig behaupten, dass sich diese Bier mit den böhmischen Delikatessen messen kann. Desweiteren haben wir auch hier in jenem verstaubten Winkel Europas die zarten Keime eine Microbrewer-Kultur ausmachen können. In Rachiw gibt es ein überraschte uns beispielsweise mitten in der Provinz ein ausgezeichnetes Craftbeer-Lokal und in Lemberg kamen wir aus dem staunenden Kosten gar nicht mehr raus.

Horylka, die ukrainische Variante des Wodkas (abgeleitet vom ukrainischen Wort für “brennen”) ist ein unausweichliches Erlebnis einer Transkarpatienreise. Ähnlich der polnischen Umgangsweise mit Hochprozentigen gibt es auch in der Ukraine eine unglaubliche Vielfalt an Sorten, viele davon aromatisiert mit Beeren, Honig oder – am bekanntesten – mit Pfeffer (der sogenannte “Pertsovka”, hier ein Vorschlag wie man ihn zu Hause herstellen kann). Dem unachtsamen Beobachter der Wodkaszene mag die ukrainische Qualität zunächst nicht viel sagen. Zu stark stehen die Wodka-Platzhirsche Polen und Russland beisammen und versperren hier etwas die freie Sicht auf durchaus originelle und schmackhafte Schnäpse. Probiert euch durch und seid für interessante Geschmackserlebnisse bereit. Aber nie pur, immer, wie euch jeder verantwortungsvoller Wodkaspender erinnern wird, mit der heiligen Allianz aus Schwarzbrot, Speck und Gurke.

Schöne Orte (selbst besehen)

Lwiw/Lwów/Lemberg – es mag sonderbar erscheinen, dass angesichts der Natur- und Wanderausprägung unserer Reise, hier mit einer Stadt eröffnet wird, doch diese Stadt hat sich diese Stellung zweifellos verdient. Lange habe ich von dieser Stadt geträumt. Neben Kiew und Odessa vermochte nur Lemberg unter den ukrainischen Städten ähnliches in mir auszulösen. Dabei wurden in meiner Klaviatur der Erwartungen hier verschiedenste Tasten berührt. Lemberg als jüdisches Zentrum Europas, als alte polnische Universitätsstadt oder als legerer Endbahnhof des kakanischen Imperiums. Und das war nur der Anfang einer unüberschaubaren Assoziationsswolke die vor mir aufploppte sobald ich an die alte Hauptstadt Galiziens dachte. Und bei all den hoch aufgetürmten Erwartungen kann ich nach mickrigen zwei Tagen Stadturlaub nur sagen: Es ist alles noch viel besser als erhofft!

So einzigartig und lobhudelnswert die galizische Königin auch ist, die Imagekampagne ließ mich doch etwas zweifelnd zurück.

Das Zentrum der 728.000-Einwohnerstadt ist von den Zerstörungen des 2. Weltkriegs vergleichsweise unberührt geblieben. Somit handelt es sich bei Lemberg um eine der wenigen osteuropäischen Städte, welche noch ein nahezu unversehrtes wie authentisches Stadtbild einer slawischen Großstadt der Vergangenheit heraufbeschwören kann. Dazu befindet sich Lemberg in einem, jedenfalls mir gefallenden Dämmerzustand zwischen Verfall und Auferstehung. Vieles macht einen maroden und kaputten Eindruck, kann aber problemlos neben neuen Lokalen oder sanierten Häusern koexistieren ohne einen Eindruck von Stilbruch und Planlosigkeit zu erzeugen. Lemberg gehört ohne jeden Zweifel in jene Kategorie von Städten, in denen ich schon nach dem ersten Flanieren gleichzeitig juchzen wie heulen möchte. Die pralle Dichte an Geschichte, Kultur, Gastronomie, Sehenswürdigkeiten und Menschen, welche mich hier interessiert, entzückt wie überfordert mich gleichzeitig. Drum wisse, geschätzter Nachreisender, wenn du Lemberg als Zwischenstation wählen solltest, wisse um die Reisezeit verschlingende Allmacht dieser unauffälligen galizischen Schönheit.

Tschornohora/Swydiwets – Auch wenn wir bei weitem nicht alles gesehen haben von den verschiedenen Gebirgen der ukrainischen Karpaten, die beiden oben genannten Gebirgszüge gehören wohl unumstritten zu den Sahnehäubchen im Angebot. Der hervorstechendste Charakterzug der die hiesigen Berge auszeichnet, sind jene im slawischen Raum unter der Bezeichnung “Polonina” (Bergwiesen oder Almen). Endlos erscheinende Wiesen, die sich auf einem mählich emporsteigenden Kamm vor dem Auge ausbreiten und die meisten Wandererherzen höher schlagen lassen. Wem das lebensfeindliche, alpine Gedöns nichts mehr ist, wer aber auch nicht ständig durch bewaldete Mittelgebirge stapfen will, der ist hier genau richtig. Bei gutem Wetter kann man hier tagelang ohne Zivilisationskontakt den Weg und das Dasein genießen. Beide Gebirgszüge lassen sich entspannt miteinander zu einer Wanderung verbinden (natürlich muss man zwischendurch wieder hinunter und hinauf!) Wasser ist für den aufmerksamen Pfadfinder selbst im Hochsommer kein Problem. Verpflegung sollte dagegen ausreichend dabei sein. Beide Gebirgszüge verfügen auf Kammhöhe über keinerlei Möglichkeit zum Lebensmittelerwerb.

Schöne Orte (noch unbesehen)

Mukatschewo – Neben dem administrativen Zentrum Transkarpatiens, Uschgorod, ist Mukatschewo so etwas wie das inoffizielle Zentrum und bester Ausgangspunkt für die Entdeckung Transkarpatiens. Nebenher hat die Stadt auch noch einiges mehr zu bieten. Hier kann nicht nur die Burg Palanok (im 14. Jahrhundert erbaut) besichtigt werden, auch die älteste Brauerei der Ukraine befindet sich hier.

Das Narzissental – nahe der Stadt Chust kann im Frühling eines der spektakulärsten Naturschauspiele Europas genossen werden. Auf einer Fläche von 170ha blühen hier lückenlose Felder von Stern-Narzissen. Das Vorkommen dieser Blume in diesen Höhenlagen ist einzigartig, denn normalerweise gedeihen sie auf Bergwiesen, kommen unter anderem in den Alpen vor. Es wird vermutet, dass der Gletscher als er von den Bergen herunterrutschte eine Erdschicht mit Bergpflanzen mitgenommen hat, unter welchen sich auch die Narzissen befanden.

Tscherniwzi/Tschernowitz – obzwar eher in Randlage der hier betrachteten Region könnte die ehemalige Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina ein würdiger Schlusspunkt jeder Transkarpatienreise sein. Wenn Lemberg an allen Ecken mit seinem matten Glamour an die große Zeit Polens erinnert, so muss Czernowitz als ein in Würde gealtertes Klein-Wien mit sowjetischer Patina erscheinen.

 

 

 

Zur Ukraine, zur Sonne, zur Freiheit

Die Ukraine, das Wilde Feld, das Grenzland, Klein-Russland – endlich ist es soweit: Drei Wochen entspannte Auszeit in den Bergen brechen an. In Transkarpatien – für mich das letzte Puzzlestück auf der wilden Karpatenmagistrale, diesem urwüchsigen und ungebeugten Hochgebirge im Osten. Lang geplant, oft verschoben und umso heißer ersehnt. Nun geht es los, endlich hat das nervöse Füßescharren ein Ende. Ich nehme meinen Hut, schultere den Rucksack und ziehe dem Sonnenaufgang entgegen.

Der Kern des Bilbos – ein heißer Tanz auf dem Baskenball

Anmutig ächzend erhob sich die altehrwürdige Reisegruppe ein weiteres Mal um ihrer unersättlichen Neugier nach absurden Lebensumständen im Draussen nachzugeben. Ein Jahrzehnt  abgefahrener Stationen in wohliger Erinnerung (Pridnestrowien, Belfast, Belgrad, Belgien, Minsk) kuschelten wir uns in den Zug und rauschten gen Baskenland. Nach Bilbo (wohl auch Bilbao auf Besatzerspanisch genannt) der, zumindest von uns zur Hauptstadt des Baskenland erkorenen Metropole sollte es diese Mal gehen. Zugegeben, verglichen mit einigen der vorangegangenen Reiseziele, scheint diese gemütlich in die Antlantikkniebeuge geschmiegte Region, in Sachen Absurdität und Exotik auf den ersten Blick ein wenig zu kurz gekommen zu sein. Doch betrachtetet man Geschichte, Selbstverständnis und Kultur der Basken etwas genauer, blinken einem da recht schnell diverse Anhaltspunkte entgegen, die einen Besuch hier rechtfertigen.

Aber der Reihe nach. Da das primäre Reiseziel, Fußball, an anderer Stelle weitaus profunder und ausführlicher dargestellt wurde, möchte ich hier nur einiges kurz bemerken. Quantität und Qualität waren auf diesem kleinen Flecken Erde wohl beispiellos. Fußball ist hier definitiv keine Randnotiz sondern wesentlicher Eckpfeiler des baskischen Daseins. Und auch wenn uns eine Heimspiel nicht vergönnt war, so verschenke ich doch, nicht nur der Farben wegen, bedenkenlos eines meiner vielen Fußballherzen an Athletic Bilbo.

Grün, Berge, Meer – die ewige Dreifaltigkeit des Wohlgefühls.

Widmen wir uns nun dem ersten Eindruck: Grün so grün, aufreizende Berglandschaften und dann noch ein einladend schäumender Ozean dazu – was will man mehr?! Angesichts der beige-grauen Karstlandschaften, die ich mit großen Teilen der kastilischen Hochebene assoziiere, ein wohltuender Kontrast. Hinsichtlich der Berge wird es für den Rest der Reise bei sehnsüchtigen Blicken aus dem Zugfenster bleiben. Unsere Expeditionen streifen hauptsächlich die nicht minder lockende Küste, das Hinterland musste aus Zeitgründen auf später verschoben werden. Und hier treffen wir dann auch schon auf ein immer wiederkehrendes Element – das Auswählen und Entscheiden. Das Baskenland ist selbst auf den ersten Blick proppenvoll mit sehenswerten Erlebniswürdigkeiten. Bei näherem Hinsehen wird die Selektion zu einem quälenden Dauerzustand. Nun mag der eine oder andere einwenden, dass dieses Phänomen dem sehenden Reisenden doch wohlbekannt sein müsste, doch es gibt hier zweifellos solche und solche Regionen. In Pridnjestrowien beispielsweise erinnere ich eher nicht an dieses Grundgefühl.

Nachdem wir nach der Ankunft das Wochenende erfolgreich mit Fußball gefüllt hatten, verhieß der Wochenbeginn “Heraus zum revolutionären Ersten Mai”. Nun ist die Geschichte der Arbeiterbewegung und sozialrevolutionärer Ansätze in Spanien zum einen und im Baskenland im Besonderen eine leicht diffizile Angelegenheit. Die allseits bekannte Spaltung der Arbeiterbewegung in kommunistisch und sozialdemokratisch hat durch die Stärke der Anarchisten auf der iberischen Halbinsel zu einer nicht unbedeutenden Verkomplizierung der Gemengelage geführt und insbesondere im Spanischen Bürgerkrieg die tragische Niederlage der progressiven Kräfte begünstigt. Im Baskischen wurde diese kleingeistige Zersplitterung zusätzlich noch ergänzt durch einen vielfach vorbestraften Bekannten namens Nationalismus, welcher sich hier zur Abwechslung das Gewand mal links herum anstreifte. Zumindest die gut organisierte Arbeiterschaft, des im Vergleich zum eher bäuerlichen, spanischen Kernland, beachtlich durchindustrialisierten Baskenland schloss sich fast komplett der Verteidigung der Republik an, und erlebte nach erbitterten Kampf eine blutige Niederlage. Dies alles und einiges mehr im Hinterkopf schritten wir sodann zum allgemeinen Treffpunkt des Demonstrationszuges.

Die Revolution marschiert. In Einzelgrüppchen.

Hier bot sich uns die symptomatische Zurschaustellung jenes beschriebenen historischen Dilemmas: In sicherem Abstand von einander sammelten sich auf der breiten Straße die verschiedenen Grüppchen. Auch als sich der “Zug” in Bewegung setzte, achtete die Volksfront vom Baskenland peinlich genau darauf den Abstand zur baskischen Volksfront nicht zu verringern. Wie nicht anders zu erwarten (und dennoch wollte ich es zunächst nicht glauben!) mündete jeder einzelne Block auf einem gesonderten Kundgebungsplatz. Und auch wenn die Reden der anderen bisweilen vom Wind herüber geweht wurden, ignorierte man dies geflissentlich und gebärdete sich jeweils unbeirrt als einzig wahrer Gralshüter der Revolution. Alles sehr traurig, frustrierend und ein gerüttelt Maß peinlich.

Kommen wir daher lieber zu einem lebensbejahenden und über alle Maßen begeisternden Thema: dem öffentlichen Nahverkehr. Dieser, in hiesigen Breiten eher Apathie verbreitende Themenkomplex hat mich im Baskenland mehrmals täglich zu überschäumender Freude und sitzenden Ovationen gebracht. Der geschmeidig dahingleitende Verbund aus Bussen (Stadt und Fern), Straßenbahn, Metro und Eisenbahn (Euskotren) allein wäre schon eine Erwähnung wert. Doch bemerkenswert ist hier das Modell der Bezahlung, welche mittels einer kleinen Karte (BarikCard) die Fortbewegung zum preiswerten Kinderspiel macht. Einmal anonym erworben, kann an Bahnhöfen und sogar in manchen Kneipen Geld drauf geladen werden. Sodenn steigt man, seine Karte haltend an einem beliebigen Anfangspunkt ein, wobei ein gewisser Grundbetrag abgezogen wird, beim Aussteigen wiederholt man diesen Vorgang, und der, von der gefahrenen Strecke abhängige Betrag wird zusätzlich abgezogen.

Bahnfahren im Baskenland – es kann so einfach sein!

Dank der regelmäßigen und aufeinander abgestimmten Taktfrequenz erhält der Reisende hierdurch ein Höchstmaß an Freiheit und der Tourist zudem die Möglichkeit ohne Einbußen dort auszusteigen, wo es ihm beliebt. Dies mag in ähnlicher Form auch anderswo so gehandhabt werden, doch drei Punkte leuchten hier hervor, die mir bedeutend erscheinen. Zum einen die nicht unerhebliche Reduzierung des Fahrpreises, die man hierdurch erhält, zum anderen das scheinbare makellose Funktionieren eines solchen Systems und zu guter Letzt die, bei einer solchen Methode nicht selbstverständliche Möglichkeit der anonymen Nutzung.

Genug der einleitenden Worte, kommen wir nun endlich zum Kern des Bilbos. Wie schaut’s aus im pulsierenden Zentralorgan des Baskenlands? Unser Reiseziel schmiegt sich mäandernderweise an den Ria de Bilbao, welcher sich wenige Kilometer später in den Golf von Biskaya ergießt. Aufgrund seiner Lage und verschiedener begünstigender Faktoren entwickelte sich Bilbo rasch zu einer massiv industrialisierten Hafenstadt. So muss das Erscheinungsbild der Stadt bis vor Kurzem hässlich, grau und schmutzig gewesen sein. Der industrielle Niedergang der 1970er und der Würgegriff der ETA taten ihr übriges – zweifellos wirkte Bilbo noch vor einem Vierteljahrhundert eher weniger einladend. Doch Anfang der 90er führten einige wenige Maßnahmen zu einer kometenhaften Aufwertung des baskischen Schmuddelkinds. Der spektakuläre Bau des Guggenheim-Museums führte zu einer derart radikalen Veränderung der Stadt, dass man fürderhin diesen Prozess der Aufwertung sogar “Bilbao-Effekt” taufte .

Der Ground Zero des “Bilbao-Effekts” – der charmante Blick- und Touristenfang lässt selbst unbedarfteste Architekturverächter kurz aufmerken.

Auch die von Sir Norman Foster projektierte Metro urbanisierte und modernisierte innerhalb kürzester Zeit und stülpte offenbar einmal alles komplett um. Wenn man heute durch die Gassen Bilbos schlendert, kann man sich all dies beim besten Willen nur schwer vorstellen. Sehr hilfreich und empfehlenswert für den geschärften Blick bei der historischen Stadtbesichtigung war eine kleine, aber feine App namens “Free Bilbo”. Diese, aus der alternativen Szene stammende Stadtführung vermittelte, zwar bisweilen mit kruden Vokabular und merkwürdiger Deutung, eine Perspektive, die es ermöglichte durch die glitzernde Fassade des neuen Bilbos, die Konturen der vergangenen Realität auszumachen. Denn eine solche massive Umgestaltung urbanen Raums erschafft auch immer Verlierer. Als langjähriger Berliner hat man per se eine sensible Wahrnehmung für die erdrückende Umarmung gentrifizierender Maßnahmen. Die Hinweise für stattfindende Verdrängung und Ausgrenzung, welche “Free Bilbo” offerierte, beachteten wir deshalb umso aufmerksamer. Einmal mehr fiel es schwer, den geschilderten Ausgangszustand jenes bunten Viertels durch das wir wandelten, vorzustellen. Aus dem Blickwinkel der keimfrei sanierten Kieze unserer Stadt erschien so etwas wie San Francisco in Bilbao immer noch bunt und angenehm lebhaft. Hier spürte man jene weltoffene und multiethnische Patina, die mich von jeher anzieht und in mir unmittelbar Wohlbehagen auslöst. Doch dies ist eben wie so oft eine Frage der Relation. Es steht außer Frage, dass das  Prä-Guggenheim-Bilbao wohl eine sehr beeindruckende Zeitreiseziel wäre.

Das Filetstück dieser Reiseerlebnisse ist zu guter Letzt ein kurzer Einblick in die sagenhafte Welt der baskischen Kulinarik. Jeder halbwegs kundige Iberer schnalzt bei der Erwähnung Bilbos lüstern mit der Zunge. Schon eine oberflächliche Recherche offenbart, dass das Baskenland die unumstrittene Feinschmecker-Hochburg Spaniens ist. Derart eingestimmt reist man naturgemäß mit hohen Erwartungen und freudig pulsierenden Gaumen an. Um es vorweg zu nehmen: die hohe Dichte an Sterneköchen der Region haben wir nicht mitgenommen und auch die, immer wieder gewöhnungsbedürftigen Essenszeiten der mediterranen Welt haben uns wahrscheinlich den einen oder anderen kulinarischen Höhepunkt verpassen lassen. Abseits davon genügten selbst einige sporadische Abstecher ins Baskonomische um zu erahnen, zu was sie fähig ist. Viele Gerichte hier sind vom nahen Meer beeinflusst.

Zwar nicht Nueva Cocina Vasca und trotzdem grandios!

Da wäre zum Besipiel Bacalao al Phi-Phi (Stockfisch mit einer Soße aus der eigenen Gelantine), Chipirones en su tinta (Kalmare in eigener Tinte) oder die berühmten Angulas (Glasaale) um nur einige zu nennen. Hinsichtlich Fleisch neigt man eher dem Rind als dem Schwein zu und natürlich gibt es auch hier etliche erlesene Spezialitäten, auf deren Qualität der Baske, mit der ihm eigenen Sorge um Tradition und Einzigartigkeit mit Argwohn wacht. Gesondert hinweisen möchte ich hier auf die vorzügliche Morcilla (Blutwurst). Obwohl insgesamt vielleicht ein Mü zu süß kann sie sich zweifellos mit der Königin aller Blutwürste, ihre Eminenz Kaszanka, messen. Obzwar aus den vorgenannten Gründen ich leider nicht das große Gaumenerweckungserlebnis genießen durfte, so würde ich mich dennoch zu der Behauptung versteifen, dass die erlebten Grundlagen Anlass zur Hoffnung auf Großartiges geben. Wie gesagt, ich werde das Gefühl nicht los, das Baskenland nur marginal angekratzt zu haben. Ein weitere Reise mit eingehender Vertiefung all der erlebten Appetithäppchen ist zwingend erforderlich.

Topa (bask. Prost) und immer wieder Topa – ein Wein ganz nach meinem Geschmack!

Ein Element der baskischen Sinnesfreuden haben wir jedoch in aller Ausführlichkeit und mit gebührender Beharrlichkeit untersucht: Txakoli! Dieser sehr trockene, leicht moussierende Weißwein mit hohem Säuregehalt ist der feuchte Stolz der trinkenden Baskenheit. Außerhalb der Provinz Biskaya wird dieser Wein aus waghalsig hohen Bogen ins Glas geworfen. Der Bilbote verzichte auf derlei Zirkusnummern, weiß er doch, so zumindest die Aussage im Txakoli-Museum, dass der hier produzierte Götternektar wirklicher Weißwein ist und nicht solch ein Bauerntrunk wie im Rest des Baskenlandes. Mir als frisch überzeugten Liebhaber des trockenen Weißweins kam dieser Tropfen geschmacklich sehr entgegen. Munter prickelnd bisweilen so trocken, dass die Zunge pelzte war Txakoli ein würdiger Reisebegleiter und kundiger Führer in die baskische Seele. Noch ein triftiger Grund wiederzukommen. Agur, Euskadi!

Ratgeber: Reisen wie Gott in Georgien

„Als Gott das Land an die Völker verteilte, verspäteten sich die Georgier. Denn sie hatten den Abend zuvor wie üblich reichlich gesungen, musiziert, getanzt und das Leben im Allgemeinen voller Hingabe gefeiert. Zuerst zürnte der Herr, denn alles Land war bereits verteilt. Doch die Fröhlichkeit und der Charme der Vertreter dieses Volkes versöhnten ihn, und er schenkte den Georgiern den Flecken Erde, den er eigentlich für sich selbst vorbehalten hatte….“

Georgien – jenes über alle Maßen begünstigte Kleinod, umsäumt von den Hängen des Kaukasus und den Gestaden des Schwarzen Meeres befindet sich gegenwärtig nicht direkt im Auges des Massentourismussturms. Und obwohl ich dies ja an und für sich gut finde, bin ich dennoch der Meinung, dass dieses großartige Land und seine Menschen etwas mehr Interesse verdient hätten. Sicher, standen neben Unwissenheit, jede Menge Klischees und halbwissende Vorurteile eurer Reise nach Georgien bisher im Weg. Diese sollen nun mit einem weiteren Kompendium aus der Themenreihe “Schöneres Reisen für eine bessere Welt” beseitigt werden.

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Reiseland Georgien

Andere Wissensquellen: Der verfügbare Wissensstand zum Thema Georgien, nicht allein als Reiseland, kann mit besten Gewissen als dürftig beschrieben werden. Die landläufigen Reiseführer glänzen mit veralteten Plattitüden oder überschlagen sich mit redundanten Analysen der hiesigen Sehenswürdigkeiten. Im Netz findet sich als einzig brauchbare Anlaufstelle georgiano.de – hier findet sich reichlich Material für den wissbegierigen Individualtouristen. Kartenmaterial, Wanderrouten und andere nützliche und halbwegs aktualisierte Informationen sind hier im Angebot. Bei wikivoyage lassen sich zusätzlich auch ein paar grundlegende Informationen abstauben.

Einreise: Ungewohnte Einfachheit lässt die Reise schon von Beginn an geschmeidig starten. Sämtliche EU-Bürger und noch ein paar mehr (immerhin 94 Staaten) dürfen bis zu einem Jahr visumfrei einreisen. Es genügt der Personalausweis. Vorbildcharakter par excellence.

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Anreise: Lange galt Georgien zurecht als beschwerlich oder zumindest sehr kostspielig von Deutschland aus zu erreichen. Dank des Billigfliegers Wizzair gehören diese Zeiten aber seit geraumer Zeit der Vergangenheit an. Nach anfänglichen Direktflügen von Polen und Ungarn kann man seit kurzem auch von Schönefeld oder Dortmund für wenig Geld (hin&zurück ab €60) zu dem quasi eigens für diesen Zweck ins georgische Herzland gestampften Flughafen Kutaissi reisen. Daneben gibt es selbstredend auch nach andere Fluglinien wie bspw Ukrainian Airlines oder Air Baltic, die Georgien recht preiswert anfliegen.

Die Anreise auf dem Festland ob per Zug oder Auto ist zwar möglich, stellt aber aufgrund der Distanz eher den Weg als Ziel in den Vordergrund und nicht Georgien. Zu Bedenken sei hier zudem der Konflikt in der Ukraine, welcher die Nordroute nach Georgien etwas komplizierter gestaltet. Die Tour über die Türkei wäre hierbei erheblich vorzuziehen.

Ein absoluter Leckerbissen für den Reisegourmet stellt dabei noch eine andere Alternative dar. Von Illchiwsk (Odessa) bis Poti oder Batumi verkehrt einmal die Woche eine Fähre. In schlanken 60 Stunden könnte man auf derart einmalige Art und Weise das Schwarze Meer komplett durchkreuzen um so Georgien zu erreichen. In der Vierer-Kabine mit Außenklo für schlappe $95 zu haben. Funfact am Rande: das hier eingesetzte Fährschiff ist auf den bezaubernden Namen “Greifswald” getauft.

Herumreisen: Um es gleich vorweg zu sagen – infrastrukturell gesehen ist Georgien ein elendiglich nach Luft schnappendes Elend. Eisenbahnen verkehren selten und bedienen nur ein Minimum des Notwendigen. Der öffentliche Nahverkehr leidet unter offensiver Vernachlässigung und die Straßen zehren seit Jahrzehnten von der Substanz. Ergänzt man diese, per se schon ungünstige Gemengelage mit der feurig-selbstmörderischen Grundeinstellung der meisten aktiv am Verkehr beteiligten Georgier, so verspricht dies nichts Gutes. Grundlegend sei jedem potenziellen Georgienentdecker ans Herz gelegt, nicht allzu viel verschiedene Ziele während eines Aufenthalts anzusteuern. Die verhältnismäßig geringe Fläche (69.700 qkm) mag dazu einladen, doch es hat sich bewährt nach Anreise eines der verlockenden Ziele anzupeilen und dort jenseits der Straße auf Tour zu gehen. Mit mehreren Zielen innerhalb einer Woche zerstört man unnötig den einmal erlangten Erholungseffekt.

Kurz vor der russischen Grenze....
Kurz vor der russischen Grenze….

Die zur Verfügung stehenden Fortbewegungsmittel im einzelnen:

Eisenbahn – eine schüchtern im Hintergrund stehende Alternative. Hauptsächlich auf den Hauptrouten verkehrend und im Schatten der quirligen Busbahnhöfe liegend, kann ein Blick auf den Fahrplan nicht schaden. Da sie relativ selten verkehren ist es zumeist keine Alternative für den raschen Ortswechsel aber wenn Zeit vorhanden, eine Überlegung wert. Die Züge wirken recht gepflegt (im Gegensatz zu den Gleisanlagen) und die Preise liegen zum Heulen niedrig (Beispiel: Batumi-Kutaissi: 1 Lari (2016: 0,37 Cent). Speziell für Verbindungen nach der Anreise oder vor der Abreise bieten sich die das Land durchquerende Nachtverbindungen an.

Marschrutki: Dieser eingedeutschte Begriff ist auf dem gesamten Gebiet der Ex-Sowjetunion ein geläufiger Begriff für sogenannte Sammeltaxis, mit deren Hilfe prinzipiell fast jedes Ziel was an einer Straße liegt, erreicht werden kann. Das Prinzip ist denkbar einfach. Zwar gibt es im Groben so etwas wie Fahrpläne, welche aber eher als Orientierungspläne zu verstehen sind. Ein Marschrutka ist eher durch komplette Ausnutzung aller verfügbaren Sitzplätze zur Bewegung zu motivieren als durch so etwas wie eine abstrakte Abfahrtszeit. Hieraus resultierend ist ebenso, dass ein Marschrutka jederzeit und überall an der Straße herangewunken werden kann. Die Preise variieren in munterer Selbstbestimmung, bezahlt wird beim Aussteigen.

Taxis: Das Taxi kann als letzte Alternative in ausweglosen Situationen ebenfalls herangezogen werden. Verfügbar sind sie in den meisten Regionen, für Verhandlungen, ob Preis oder Ziel seien zumindest rudimentäre Russischkenntnisse anempfohlen.

Sprache: Der Kaukasus galt in der Antike als der “Berg der Sprachen”, Strabo spruch einst von nicht weniger als 70 Dolmetschern, die man benötigte um allein am Schwarzen Meer erfolgreich Handel zu betreiben. Derlei Vielfalt, so sie in diesem Ausmaß je bestanden hat, ist zwar längst Vergangenheit, doch die Zahl und Eigenheit der hiesigen Schriften und Sprachen weiß immer noch zu faszinieren. Neben Georgisch werden hier noch 23 Sprachen aus sechs verschiedenen Sprachfamilien gesprochen. Doch so sehr meine Leidenschaft für dieses Land auch erglüht, dem Ansinnen das Georgische auch nur halbwegs zu beherrschen, ist einem erschöpften Realitätsempfinden gewichen. Allein das scheinbar aus einem Fantasyroman entsprungene hiesige Alphabet lässt einen ehrfürchtig niederknien. So danken wir einmal mehr den verachtungswürdigen Triebkräften imperialer Expansionsbestrebungen in der Geschichte und verweisen auf die lingua franca des Kaukasus – Russisch. Auch wenn die Sehnsucht nach dem Westen offensichtlich ist, Russisch bleibt weiterhin die beste Sprache um sich zu verständigen. Speziell mit Menschen, die die Sowjetunion noch erlebt haben, ist dies eine mehr als ausreichende Verständigungsmöglichkeit. Bei jüngeren Menschen ist Englisch meist die Sprache der Wahl, wobei dank des miserablen Bildungssystems und geringer Anwendungsmöglichkeiten während der Transition dies eher schlecht als recht beherrscht wird. Auch Deutsch wird in gar nicht so wenigen Fällen gesprochen, mittlerweile soll Deutsch an georgischen Schulen gar Französisch als zweite Sprache abgelöst haben. Und wenn gar nichts mehr helfen sollte, kann irrwitzigerweise die geschätzte Weltsprache Polnisch einen Rettungsanker darstellen. Denn dank der eingangs erwähnten Billigfluglinie entdeckten in den letzten Jahren Polen Georgien in großen Scharen, was in Gastronomie und Tourismusgewerbe zu respektablen Sprachkenntnissen im Polnischen geführt hat.

Menschen: Unbestritten das Salz in der Suppe. Abseits jeder Verallgemeinerungen und sonstiger Über-den-Kamm-Schererei kann hier die Aussage getroffen werden, dass zwischen Großem und Kleinen Kaukasus ein ungemein herzlicher Menschenschlag lebt, der sich dabei stets unaufdringlich und galant um die Befindlichkeit seiner Gäste sorgt.

Selbst Wölfe im Schafspelz scheinen hierzulande nett zu sein.
Selbst Wölfe im Schafspelz scheinen hierzulande nett zu sein.

Selbst dem unerfahrensten Reisenden wird schon nach ersten Augenblicken seiner Georgienreise spüren, dass er hier wohl aufgehoben ist. Ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit ganz unerwarteter Güte. Dieses Gefühl wird dann auch statistisch bestätigt, weltweit steht Georgien aktuell auf Platz 3 in der Kategorie der unkriminellsten Länder.

Geographie: Obwohl Georgien streng genommen zu Asien gehört ist man sich diesbezüglich vor Ort recht unsicher. Bisweilen spricht man spricht eher von Georgien als etwas eigenem oder vom Balkon Europas. Die Fläche entspricht mit knapp 70.000 qkm ungefähr der von Bayern, was angesichts der Fahrzeiten, die das Reisen hier erfordert wirklich enorm überrascht. 87% des Landes sind von Gebirgen oder Vorgebirgen, 44% von Wald (5% Urwald) bedeckt. Im Norden lockt der Große Kaukasus im Süden betört der Kleine Kaukasus. Klimatisch weiß dieses kleine Land mit einem breiten Portfolio von sieben Klimazonen zu überzeugen. Der Kaukasus schützt Georgien vor den eisigen russischen Winden und ermöglicht so, dass das Schwarze Meer das Land kontinuierlich erwärmen kann. So kann der Reisende zu jeder Jahreszeit wählen zwischen diversen Variationen von subtropisch, steppig und kontinental-gemäßigt. Beste Reisezeit bleibt dennoch Frühling oder Herbst.

Kulinarik: Ja, wo soll man hier anfangen? Vielfalt, Frische, Reichhaltigkeit und Exotik lassen mich hier jedes Mal von Neuen nach Luft schnappen. Auch wenn selbstredend Vegetarier und ähnlich Veranlagte wie immer nur einen Bruchteil der Kultur genießen können, kommen auch diese hier auf ihre Kosten. In einem Land mit mehreren Ernten pro Jahr und einer stark landwirtschaftlich geprägten Kultur, die aber noch nicht von den Segnungen industrieller Herstellung betroffen ist, kann Ernährung nicht geringer als ein Erweckungserlebnis beschrieben werden.

Schaschliki - die Mutter aller Fleischcolliers!
Schaschliki – die Mutter aller Fleischcolliers!

Hier die wichtigsten Spezialitäten ohne die kein Georgienentdecker das Land wieder verlassen sollte:

  • Chatschapuri – eine Art Fladenbrot mit Käse gefüllt oder belegt, stets und überall frisch und billig in diversen Variationen zu haben; allein dies wäre schon Grund genug nach Georgien zu reisen
  • Chinkali – die hiesige Auslegung gefüllter Teigtaschen, groß und würzig – eine vollwertige Mahlzeit für jede Gelegenheit
  • Mzwadi – Schaschlik, die Mutter aller kaukasischen Delikatessen; von hier aus begann ihr Siegeszug über die Grills dieser Welt, selbstredend schmecken sie hier am besten
  • Chartscho – eine deftige Rind- oder Lammfleischsuppe mit Nüssen und natürlich jeder Menge Koriander

Doch es ist nicht nur ein Paradies der Leckerbissen – Georgien bietet als Mutterland des Weins gleichsam auch eine unüberschaubare Anzahl an erlesenen Weinen. 500 der 4000 Rebsorten dieses Planeten kommen von hier, die Geschichte des Weinbaus hat hier eine 8000jährige Geschichte, das Wort Vino ist ein georgisches – muss ich noch mehr sagen?! Außerdem ist ein Georgienbesuch ohne eine Kostprobe der hiesigen Cognacs eine unermessliche Straftat. Auch wenn man bislang mit dieser Spirituose nicht sonderlich viel anfangen konnte, hier sollte man es wagen. Vertraut mir – ein Offenbarung für die Sinne. Ein weiterer alkoholischer Kompagnon, Tschatscha, wird man dagegen schwer aus dem Wege gehen können. Diese, zumeist schwarzgebrannte, hochprozentige Grappa-Variation wird einem unter Garantie schon beim ersten Kontakt mit Einheimischen angeboten werden.

Reiseziele: Nach soviel vorbereitender Lobhudelei nun aber zum Kern des Pudels. Wohin soll die Reise gehen? Was hat Georgien denn Lohnenswertes zu besichtigen?

Kutaissi

Städte:

      • Tblissi/Tiflis – Als Hauptstadt Georgiens, größte Stadt (1,16 Mio. Einwohner; ein Drittel der Bevölkerung) gilt sie als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des Landes. Damit ist es selbstredend ein erklärtes Ziel jedes Georgienausflugs. Einen Ansatz für die zahlreichen Sehenswürdigkeiten die Tblissi im Angebot hat, und die dem geneigten Städteliebhaber ausreichend Unterhaltung für eine erlebnisreiche Woche bieten sollten, kann man diesem ausführlichen Artikel entnehmen.  Als Unterkunft sei an dieser Stelle schamlos für das Hostel “Why not…” Werbung gemacht. Die ungezwungene familiäre Atmosphäre und ganz und gar entspannte Stimmung unterscheiden es wohltuend von dem austauschbaren Einerlei der globalen Hostelschwemme
      • Kutaissi – eingangs schon erwähnte zweitgrößte Stadt Georgiens (200.000 Einwohner) und Hauptstadt der Provinz Imeretien. Historisch gesehen die alte Haupstadt des antiken Kolchis und damit quasi das ehemalige Zentrum Georgiens. Dank der Billigfliegerlogik werden die meisten Georgienreisen hier ihren Anfang nehmen. Hierfür ist Kutaissi vorzüglich ausgestattet. es gibt zahlreiche Unterkünfte und einige nette Lokale. Eines der reizendsten Etablissements ist hierbei das Restaurant Palaty direkt in der Altstadt. Nicht nur die Küche ist hier nochmal einen Zacken delikater als üblich auch das Kulturangebot machte die Besuche hier stets zu etwas ganz Besonderem. Ein Spaziergang zu der majestätisch über Stadt thronenden Bagrati Kathedrale sei wärmstens empfohlen. Die Aussicht hier oben ist den kleinen Aufstieg zweifellos wert. Daneben laden zahlreiche sehenswerte Klöster, Kirchen und Höhlen in der direkten Umgebung zu einem Besuch ein.

 

        • Batumi – Neben der recht reizlosen Hafenstadt Poti die größte Stadt Georgiens am Schwarzen Meer. Eine wuselige, aufstrebende Ansiedlung, welche dank ihres mediterranen Flairs einen hervorragenden Ausgangspunkt für die Entdeckung der Küste bietet

Natur:

Der Borjomi-Nationalpark von oben
Der Borjomi-Nationalpark von oben
        • Borjomi – bekannt schon seit der Zarenzeit für seine Mineralquellen gehört Borjomi wohl zu den berühmtesten Kurorten, in diesem an Kurorten reich gesegnetem Land. Gleichzeitig ist es aber auch das Tor zum Bordschomi-Charagauli-Nationalpark. Dieser 85.000 ha große Nationalpark im Kleinen Kaukasus ist wohl einer der bestausgestatteten und organisiertesten Nationalparks in Georgien. Dabei ist der Nationalpark einer der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete Asiens. Die Wanderwege hier sind hervorragend markiert, Schutzhütten sind über das gesamte Gebiet verteilt. Der beste Einstieg für den Naturfreund, der sich seine ersten Meriten in Georgien erwerben will
        • Swanetien – abgeschiedene Bergregion im Großen Kaukasus. Bekannt und auf zahlreichen Reiseführen abgedruckt sind die typischen Wehrtürme aus der Zeit des Fürstentums Swanetien. Empfehlenswert und auch für weniger erfahrene Wanderer geeignet ist die Strecke von Mestia nach Ushguli. Die Strecke ist angemessen markiert und problemlos in fünf Tagen zu schaffen. Anreise nach Mestia mit Marschrutka über Sugdidi
        • Tuschetien – Bergregion im Nordosten, gilt als eine der unberührtesten und ursprünglichsten Gegenden Georgiens. Große Teile gehören zu dem Tusheti-Nationalpark, einem der spektakulärsten Naturreservate des Landes
Der Kazbeg, Prometheus-Gedächtnisfelsen, taucht in der obigen Aufzählung gar nicht auf. Ist aber definitiv einen Abstecher wert.
Der Kazbeg, PrometheusGedächtnisfelsen, taucht in der obigen Aufzählung gar nicht auf. Ist aber definitiv einen Abstecher wert.

Kultur:

        • das Höhlenkloster von Vardzia – faszinierende in den Fels gehauene Kloster- und Wehranlage. Im 12. Jahrhundert erbaut, wird die Anlage, welche zeitweise bis zu 50.000 Menschen Obdach bot, bis heute als Mönchskloster genutzt Diese, als Hauptsehenswürdigkeit Georgiens geltende Anlage ist zweifellos die Reise wert und sei jedem ans Herz gelegt. Ebenso wie das etwas mehr Sportlichkeit verlangende Höhlenkloster Dawit Garedscha an der Grenze zu Aserbaidschan
        • die Weinernte in Kachetien – Kachetien, die östlichste Provinz mit der Hauptstadt Telawi gilt als die Wiege des Weinbaus. Nicht nur zur Weinernte (Ende September) wird jedem Weinliebhaber eine Exkursion hierher die Tränen in die Augen treiben. Hier können noch hunderte altmodische Weingüter genossen werden, die ohne jegliche Einmischung der Moderne seit Jasons Zeiten vor sich hin winzern
        • Gori – die Geburtsstadt Stalins. Man kommt nicht drumrum, der berühmteste Georgier aller Zeiten ist zweifellos der schnauzbärtige Dschugaschwilli. Wer mag, kann der Kleinstadt in der Nähe Tblissis einen Besuch abstatten und im Stalinmuseum so spektakuläre Exponate wie den Waggon, in dem der Generalissimus nach Jalta fuhr, besichtigen.
          Stalins Waggon. Trainspotting für Salonbolschewisten.

          Wer dem nicht viel abgewinnen kann, der darf sich natürlich auch hier über eine Höhlenstadt erfreuen.Uplisziche gehört zu einer der mächtigsten Festungsanlagen an dem sich jahrhundertelang die jeweiligen Eroberer Georgiens die Zähne ausbissen. Bis die Mongolen kamen…

        • die Seilbahn- und Bergbaustadt Tschiatura – kleine Bergbaustadt, die auch wenn sie einst der größte Manganerzproduzent der Welt war (1879 war der Anteil am Weltexport 50%) sonst nicht unbedingt der Erwähnung wert wäre. Was sie besonders macht, ist das öffentliche Nahverkehrsmittel Nummer 1, die aus 26 Seilbahnen besteht. Angesichts der knifflig bergigen Lage der Stadt entschied man sich zu dieser außergewöhnlichen Vernetzung. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art und Spaß für die ganze Familie.

Und sonst:

        • die Schwarzmeerküste – einst neben der Krim DER Sommerurlaubstraum jedes Sowjetbürgers verharrt die sonnige Küstenregion gegenwärtig in lässiger Apathie, die nur zaghaft wieder wachgeküsst wird. Zahlreiche Hotelanlagen, edle Villen und geräumige Strandanlagen erzählen von einer goldenen, längst vergangenen Zeit. Aktuell liegt hier vieles brach auch wenn der Strom von türkischen, polnischen und russischen Touristen langsam zunimmt. Doch auch wenn der Abstieg der Küste offensichtlich erscheint, kann man hier ganz ausgezeichnet ein paar entspannte und ruhige Tage verbringen. Empfehlenswerte Orte sind hierfür Kobuleti und Shekvetili

 

Frisch gelesene Bücher: Wie ich nach Swanetien reisen wollte

Wohl noch nie entsprach der Titel eines Buches so exakt meinen realen Lebensumständen. Denn in der Tat wollte auch ich nach Swanetien reisen, und zwar morgen. Doch ein klammheimlicher Blick auf die Wetterkurve ließ die Vernunft einreiten und überzeugte mich in Georgien dem Land der sieben Klimazonen ein wärmeres Eckchen zu entdecken.Und wenn es selbst der große Benno Pludra, Held meiner Kindheitstage, nicht nach Swanetien geschafft hat, kratzt es etwas weniger, ein weiteres Mal die großen Kawenzmänner an der russischen Grenze auszulassen.

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Während Pludra durch ausufernde Gastfreundschaft und desaströse Straßen scheiterte ist es bei uns also “nur” das Wetter. Doch wenn der Regengott auf Reisen geht, dann lieber einmal ängstlicher als nötig wenn es um die ihn treu umsorgenden Wolkenschäfchen geht.

Worum sonst dreht es sich noch in dem kleinen Büchlein?  Der Rest des kleinen Erzählbands macht noch einmal mehr Lust auf den baldigen Ausflug in das heißgeliebte Georgiens. Freilich atmen die Erzählungen Pludras den Geist jener friedlichen Zeiten, die die Sowjetunion annodazumal dieser Region bescherte. Vieles hier liest sich arg beschönigt und rosarot verfärbt. Prosaisch wandeln wir durch eine Welt des Aufbaus unaufhaltbar der Zukunftssonne zugewandt. Und dennoch weiß der Kaukasusfreund zwischen den Zeilen zu lesen und zählt nun voller Ungeduld die Stunden bis er endlich wieder kaukasischen Boden betreten darf.

Passbilder: Niedere Tatra

Im Schatten so mächtiger Gebirgsprominenz wie der Primadonna Hohe Tatra, der grazilen Virtuosin Mala Fatra und dem verspielten Tausendsassa Slowakisches Paradies, erscheint die Niedere Tatra dem unbefangenen Betrachter zunächst etwas spröde und reizlos. Doch bei näherem Hinsehen erkennt man schnell die kostbaren Alleinstellungsmerkmale dieser vermeintlichen “grauen Maus” unter den slowakischen Bergensembles.

Ein langer Pass, der nur zweimal deutlich unter die einmal erreichte Kammhöhe (ca. 1500 m) fällt, somit also die Möglichkeit zu fünf Tagen entspanntem Kammwandern bietet. Ein zumindest im Ostteil unfassbar unberührtes Waldgebiet, die dem der eine Auszeit sucht, sie fraglos in der Lage ist zu bieten.

Weitere Tipps, Empfehlungen und Nachahmungsratschläge folgen demnächst. Hier aber nun erstmal die optische Überzeugungskeule!

Sahnehäubchen Kriváń

Ja, der musste noch sein. Den musste ich noch draufsetzen – meinen Kriváń – den Krummen. Mein Berg! Ich behaupte ja gerne jederzeit und ungefragt, dass jeder seinen Berg habe. Muss ja nicht unbedingt so ein Klotz wie meiner sein oder die Verehrung spiegelt sich nicht in schnöder Besteigung wieder sondern in diskreter Verehrung und milden Opfergaben aus Talesnähe. Dennoch, jeder hat seinen Berg und meiner ist der Kriváń!

Als sich annodazumal mein verboddeter Horizont weitete, entdeckte ich voller kindlicher Begeisterung zahllose Höhenschönheiten, doch als ich erstmals die Tatra sah, wusste ich sofort, das hier ist etwas ganz anderes. Und dann sah ich ihn, lässig angelehnt an das westliche Ende der Hohen Tatra wirkte er so losgelöst von den Realitäten wie es einem Haufen Fels nur möglich ist. Sicher, er war gemeinsam mit den anderen gewachsen, war Teil dieses beeindruckenden, und doch irgendwie unabsichtlich zu solcher Größe gewachsenen Massivs. Teil des Ganzen, aber gleichsam nach etwas anderem da draußen suchend? Mein Interesse war geweckt, meine Leidenschaft begann zu lodern.

Und dann nun heute. Diverse Berg-,Wald- und Wolkengeister hatten beschlossen, dass nun auch mal gut sei mit all dem Regen. Der Vorhang öffnete sich und eine, durch jede Menge Wasser gereinigte Atmosphäre legte den Blick frei auf all die Berggrazien. Im Vordergrund, und das machte dieses Mal das Besondere aus, mein Kammweg! Da sah ich nocheinmal meine gesamte Woche von der anderen Seite. Doch dann kam er, der lang ersehnte Aufstieg. Was den Kriváń insbesondere von all den anderen Liebschaften, die ich in den Jahren angesammelt habe, unterscheidet, ist sein sanftes Wesen angesichts des rauen Charakters, den er oberflächlich ausstrahlt. Mählich geht es hinauf, anfangs durch Wald, dann Latschenkiefern. Immer wieder schenkt er Atempausen in Form leichterer Steigung. Dann wird es kantig, voller Freude geht man in die Knie vor dieser liebevoll fordernden Naturgewalt. Mit Händen krabbelnd schubbert man immer höher und höher, bis man schließlich fast unerwartet ganz oben ist. Man erhebt sich, schaut leicht ungläubig um sich und hat jedes Mal diesen ganz besonderen Gipfelmoment.

Der Kriváń ist, wie schon erwähnt, einer der wenigen Tatragipfel, der relativ alleinstehend ist. Dementsprechend phänomenal ist der Blick. Westliche Tatra, Niedere Tatra und die gesamte Hohe Tatra sowieso breiten sich vor einem aus. Das alles, selbst diese Riesen wirken gleichermaßen klein und dennoch als unverwüstliche Einheit, die sich einem weder im Tal noch bei Google Earth derart erschließen. Danke dir hierfür Kriváń, danke für dergleichen Gefühle in allen Etappen meines Lebens. Bis demnächst mal wieder!

Das nächste Ziel – die Westliche Tatra!

Ach was, lass uns fest verabreden. Die westliche Tatra fehlt mir noch. War mit Hund immer schwer. Und jetzt wo ich hörte, dass DDR-Bergsteiger sich immer auf diesem Pass für den Mount Everest vorbereiteten, sollte das doch genau das Richtige für mich sein. Nebenbei führt dieser Kamm sowas von unweigerlich auf dich zu. Also abgemacht, wir sehen uns!


Posted from Kriváň, Banská Bystrica Region, Slovakia.

Im Frühbier zu Berge

10 Uhr in der Slowakei, Donovaly. 

Mit Sauerkrautsuppe und Bier nehme ich meinen Abschied von derlei Vorzügen der Zivilisation. Der Startpunkt des auserwählten Kammwegs ist erreicht und nachdem ich auf der Anreise mit den gewöhnungsbedürftigsten humanen Kreaturen verwöhnt wurde, erscheint mir die nahende Einsamkeit auch gar nicht mehr so abschreckend.

Posted from Donovaly, Banská Bystrica Region, Slovakia.

Abgefahren

Nein, ich war definitiv noch nicht satt nach dem letzten Ausflug in jene Berge, die zuverlässig mein Herz vor Glück zerspringen lässt.

 Erneut betrete ich wieder einen dieser Züge, die mich mit Leichtigkeit dorthin bringen, wo ich mich stets so wohl wie an kaum einem anderen Ort fühle. Die Niedere Tatra (klugscheißende Kenner sprechen hier selbstredend von der Unteren Tatra!) soll es dieses Mal sein. Ein weiterer Versuch die 95km Passweg und 2600 Höhenmeter, welche so gut wie nie von menschlichen Ablenkungen unterbrochen sind, gilt es zu bewerkstelligen. Ohne den treuen vierbeinigen Begleiter geht es seit langer Zeit einmal wieder ganz allein hinaus in die Natur(aufgrund der altersbedingten Ausmusterung aus dem aktiven Bergwanderdienst). Ein ungewohntes Gefühl zweifellos, doch die Vorfreude überwiegt. Noch zweimal Umsteigen, dann Endstation Alltag, Kurs Freiheit.