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Bezirke bezirzen – sechstes Kapitel: Nüchtern, November, Neubrandenburg

Zunächst sei an dieser Stelle erst einmal voller Demut der triefend nasse Hut gezogen. Ich hab nicht wirklich dran geglaubt als ich an einem vernieselten, grauen Novembervormittag ans S-Bahngleis trat, dass ich tatsächlich in Gesellschaft nach Neubrandenburg reisen würde. Doch die üblichen Verdächtigen fanden sich tatsächlich auch zu dieser dann doch eher unattraktiven Bezirksstadttour ein.

Und so tuckerten wir gemächlich an Landschaften vorbei die uns mit ihren Schattierungen von hell- bis dunkelgrau gekonnt einlullten. Bald mussten wir den Zug dann doch verlassen und stolperten an einem jämmerlichen Bahnhof vorbei, mitten rein in die reizende Vier-Tore-Stadt. Vier Tore, mehr fällt selbst gewieftesten Periperikern nicht zu dieser Stadt ein, bei deren Erwähnung nicht wenige Berliner irritiert reagieren (“Neubrandenburg? Brandenburg? Neu? Wie jetzt?”). Pflichtschuldigst bummelten wir dann auch bei weiterhin erlesenen Nieselwetter den Stadtwallrundgang ab und goutierten sämtliche Tore.

Danach war es dann auch mal wieder gut. Wir schlenderten am zaghaft aufkeimenden Weihnachtsmarkt vorbei, speisten anständig mecklenburgisch im “Schweinestall” und verließen dann in angemessen Tempo die Backsteingotikmetropole.

Fazitär sei hier angemerkt, dass naturgemäß wenige Städte an einem solch düsteren Novembertag zu überzeugen wissen. Sicher gewinnt der Vier-Tore-Reigen im lebensbejahenden Lenz bei Vogelgezwitscher und linden Lüftchen. Und auch wenn der Peripheriker-Rat harmonisch und liebenswert wie immer die Vorzüge Neubrandenburgs mehr als einmal hervorhob, es wird schwer für Mecklenburgs drittgrößte Stadt sich auf das Siegertreppchen der Bezirksstädte zu schmuggeln.

Mission Bezirke bezirzen – viertes Kapitel: Franfkurt oder Słubice

Auf den ersten Blick liegt die Vermutung nahe, dass wir es uns an diesem wundervollen Sonntag etwas einfach machen wollten. Die knappe Stunde rüber an die Oder-Neiße-Friedensgrenze, Kaszanka und Tyskie im Sinn – zweifellos kein allzu anstrengendes Abenteuer auf der Bezirke-Bezirzen-Tour. Und dennoch, auch das musste erledigt werden und in seiner Funktion als einzige Grenzbezirksstadt und brandenburgischer Endbahnhof stand hier keinesfalls ein Leichtgewicht an. Nicht zuletzt haben wior nun schon 5 von 15 – ein Drittel ist geschafft! Wenn das kein Grund zum Feiern war?!

Die charmante Odermetropole gewinnt bereits auf den ersten Blick nachdem der Reisende vom Bahnhof durch ein reizendes Eisenbahnerviertel mit zentralem Eisenbahnerdenkmal geleitet wird. Blick auf den sanft dahin strudelnden Oderstrom und die dunklen polnischen Wälder spaziert man leichten Sinnes hinunter, passiert erklecklich ausreichende rote Backsteinbauten, welche mit einer ausgewählten Anzahl von funktionalen Profanbauten ergänzt werden.

Doch abseits dieser Reize zog es die Schritte des Wanderers nahezu magisch hin zu der verlockenden Welt des polnischen laissez-faires. Und so überschritten wir auch nach geschätzten 20 Minuten Frankfurt die Europabrücke. Auch hier besichtigten wir erst eingehend und pflichtschuldigst (erstes Wikipedia-Denkmal der Welt, zweiteiliger Fitnessparcour im Stadtpark, Oderhafen) bis wir uns ganz den lang vermissten Gaumenfreuden ostodriger Provenienz hingaben.

In völlig losgelöster Sonntagsstimmung und mit bis zum Reißen gefüllten Mägen traten wir dann irgendwann die Rückreise an. Erneut wandelten wir durch Frankfurt und genossen konzentrierte Unaufdringlichkeit brandenburgischer Urbanität. Ein Gednake der hier aufkeimte: Wäre Frankfurt ohne Polen etwas cottbusiger? Wahrscheinlich schon. Und dabei, auch dies noch ein Ziel, welches es zu bewältigen gilt.

Frisch gegessene Küchen: Korea – Wedding – Sam Yuk Gu

Die koreanische Küche als fleischlastiges und feuriges Findelkind unter all den bunten Gesundheitskindern Asiens konnte sich schon von jeher meiner Sympathie gewiss sein. So ist es fast schon ein wenig beschämend, dass es geschlagene neun Monate brauchte, bis ich dieser verheißungsvollen neuen Lokalität die Ehre erwies. Im kalten Winkel der Seestraße, dem gesichtslosen Transitbereich zwischen den Fleischtöpfen des Leopoldkiezes und der Fettlebe der Osloer Straße öffnete letztes Jahr auf der Asche eines südostasiatischen Allzweckbistros das “Sam Yuk Gu”.

Mit frischem Interieur und urbanen Flair begrüßt man hier seine Gäste. Aufmachung und Anspruch lassen leicht erkennen, dies hier ist zweifellos nicht mehr Teil jener kulinarischen Expeditionen für den ich den Wedding einst schätzte. Jene Plastiktischatmosphäre in gemächlich angefetteten Kaschemmen, wo man stets der Illusion hinterherjagte, diese wirklich authentische Genüsse aus fremden Kulturräumen zu erhaschen. Nein, derlei Späße waren hier nicht zu erwarten, aber wir sind ja aufgeschlossen und stets bereit die wenigen positiven Aspekte der Gentrifizierung mit allen Sinnen zu genießen.

Der ehrenwerte Stammtisch, geboren aus Gelaber, Trank und Spiel hatte sich zusammengefunden um erstmals mit kulinarischen Genüssen den Mittwoch zu feiern. Auf den ersten Blick ein würdiger Start. Die kompakte Speisekarte verhieß Gutes. Die so freundliche wie unaufdringliche Bedienung leitete uns charmant durch all die Freuden welche die ferne Halbinsel für uns vorbereitet hatte. Zwei Tischgrills standen flugs bereit und rasch klapperten die Stäbchen konzentriert durch die duftenden Kostbarkeiten. Frische wie Qualität der Zutaten ließen keine Wünsche offen. Natürlich muss hier noch ein zweiter und dritter Besuch absolviert werden um jedweden Zweifel auszuräumen, aber ich würde mich hier kurzentschlossen auf eine Weiterempfehlung festlegen.

So kann daher abschließend all jenen höhnischen Beobachtern aus den gentrifizierten Sektoren, welche seit Jahren voll ungeduldiger Missgunst mit der Parole “Der Wedding kommt” Angst verbreiten, gelassen entgegengehalten werden: Der Wedding kommt nicht, der Wedding is(s)t.

“Sam Yuk Gu” – Seestraße 71 – 16-22:30 Uhr – Montag Ruhetag

Münzenberg – MZB018 – SPEZIAL der Wahl

Koalitionsgemüse
Frühstück am Wahlsonntag – orakelig, knackig und verführerisch

Zwischen Havelland und Pierogarnia pendeln wir die Ergebnisse der Berlinwahl aus. Mit dabei im zweiten Teil des Gesprächs der “Besamer” (Stichwort: Sonnenblumenkernkraft) des Weddings, Daniel Gollasch, der uns mit jeder Menge Ja/Neins und der Kraft des Konjunktivs spektakuläre Inneneinsichten in den Politikbetrieb bietet.

2016-09-23-17-34-54

Bei Minute 57 plumpst die Frage “Was tun?!” in gähnende Leere. Grund ist nur zum Teil die Ahnungslosigkeit der Diskutanten, sondern vielmehr eine Gesprächspause in deren Folge der rote wie auch der grüne Faden verloren ging.

Wer das das Thema noch einmal strukturiert, durchdacht und vorzüglich aufbereitet haben möchte, dem sei ein weiteres Mal die Lage der Nation empfohlen. Pflichtpodcast!

Erstmals auch im zukunftsträchtigen OPUS-Format (mit 24 kbps) – ich bitte um feedback so ihr es nutzt!

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Frisch gegessene Küchen: Togo – Wedding – Relais de Savanna

Die Sonne brutzelt, der Asphalt schlägt Blassen, die Luft schwirrt – was liegt da näher als unseren afrikanischen Freunden einen kulinarischen Besuch abzustatten. Das Relais de Savanne ist ein lässiges kleines Restaurant in der Prinzenallee, dass schon viel zu lange auf meine Inspektion gewartete hatte. Mit freundlicher Herzlichkeit wird man hier empfangen und kann aus einer entspannt übersichtlichen Speisekarte wählen. Wir entschieden uns für Fisch mit Yamswurzeln und Rindfleisch-Gemüse-Topf sowie einen Avocado-Garnelen-Salat.

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Kurz gesagt: Alles war ein solider Hochgenuss. Frisch und knackig der Salat, knusprig der Fisch, zart das Fleisch und für mich die absolute Überraschung die Yamswurzeln! Kompakt in der Konsistenz und mit leicht süßlichen Beigeschmack erfreuten sie meine Geschmacksknospen und erschlugen binnen kürzester Zeit meinen Magen. Zweifellos ein äußerst überzeugendes Komprimat unter den effektiven Sattmachern. Hier gibt es jede Menge periphere Sterne und eine absolute Hingehempfehlung, gen auch ohne Kaffee-to-go.

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relais de savanna – Prinzenallee 33 – 13359 Wedding
Montag: Ruhetag

Dienstag&Mittwoch: ab 14 Uhr

Donnertag-Sonntag: 14 Uhr – open end

Frisch gegessene Küchen: Orient, Wedding, Mandi

Nach langer Zeit des Darbens hier mal wieder ein kleiner kulinarischer Querverweis. Vor einigen Monaten bereits eröffnete in unmittelbarer Nachbarschaft ein Restaurant, welches mit Köstlichkeiten der arabischen Küche auf sich aufmerksam machte. Früher gab es hier Spanferkel to go, heute Lamm, Falafel und Hummus. Die Fraktion der besorgten Speisepatrioten ächzt auch hierzu in gewohnt gequälter Manier. Uns vaterlandslosen Bauchmenschen dagegen gefiel alles sehr gut. All die lieb gewonnenen Leckerbissen sowie ein paar mir unbekannte Attraktionen der arabischen Küche werden hier frisch und preiswert feilgeboten.

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Einziger Wermutstropfen: Lamm war leider aus. So kam Hähnchen auf den Tisch. Das überzeugte jetzt zwar nicht in jeder Hinsicht (gut gewürzt, aber zu trocken) doch das Gesamtkunstwerk verdient uneingeschränkt Anerkennung. Eine willkommene Bereicherung des unmittelbaren Genussgebiets. Detailliertere Ausführungen auf dem wie gewohnt bestens informierten weddingweiser.

Mandi – Orientalische Spezialitäten
Seestraße 57 (Ecke Turiner Straße)
13347 Berlin, täglich von 11 Uhr bis Mitternacht geöffnet 

Öffentlicher Standpunktverkehr

Es stellt keinen erzählerischen Mehrwert dar, dass die zahllosen leeren Wände des öffentlichen Nahverkehrs schon von alters her als allgemeine Mitteilungsforen verwendet wurden. In einer Stadt wie Berlin, welche schon seit Kartoffelgedenken von meinungsgewaltigen Influencern bevölkert wird, gehören derlei Verschriftlichungen des Daseins quasi zur natürlichen Selbstvergewisserung des Individuums. Daher sieht sich der, diesen Botschaften dauerhaft ausgesetzte Konsument, den jeweiligen Bekundungen auch naturgemäß ein wenig abgestumpft gegenüber. Umso überraschter war ich jüngst in der U-Bahn als ich über einen kleinen Einzeiler stolperte, der mich dann doch kurz innehalten ließ.

2016-07-06 12.17.20

Diese Aussage ließ mich verwirrt zurück. Wieviel steckt in diesen fünf Wörtern! Freilich, eine gehörig Maß an Homophobie, jede Menge allgemeine Abneigung und eine deutliche Spur Religionshass. Doch ist es wirklich so einfach? Kann die Aussage hier tatsächlich nur durch die Summe seiner Teile ermittelt werden? Steckt möglicherweise noch ganz etwas anderes zwischen den Zeilen? Was führte den Autor zu dieser Aussage? Als ich mich in der U-Bahn sondierend umschaute, konnte ich keinerlei Anlass für derlei Ungemach ausmachen. So blieb ich weiterhin uneins mit diesem Statement und fordere daher eindringlich, der getroffenen Aussage noch weitere Erläuterungen folgen zu lassen. Ausreichend Platz ist an besagter Trennwand wäre jedenfalls vorhanden.

Fassadengeschichten

2016-06-22 18.24.34

Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit in einem eher unbedeutenden Teil der Berliner Straßengalaxie, da beschloss ein kleiner Balkon seine türkische Identität dem vorbeieilenden Volke kundzutun. Doch es begab sich, dass eben dies einen anderen Balkon enorm verdross. Schon lang war es ihm ein Dorn in der Rabatte, dass so ein zugewanderter Balustradenverschnitt über ihm stand. So beschloss er flugs sich mit einer Fahne Deutschlands zu schmücken, um quasi im wahrsten Sinne des Wortes Flagge zu zeigen. Doch den perfiden Osmanen focht dies nicht im geringsten an, frech verdoppelte er sein Fahnenrepertoire. Mit der aufrichtigen Entrüstung, die nur ein wahrer besorgter Balkon nachempfinden kann, rüstete der untere Balkon nach. Doch er verdoppelte die Beflaggung nicht nur, nein, er vervierfachte sie. Die Halbmondveranda nahm dieses Treiben achselzuckend zur Kenntnis und beschloss das gegenseitige Wettrüsten mittels der einzigen rationalen Entscheidung zu begegnen – dem Hinzufügen einer weiteren Fahne. Nun verlor der Teutonenerker völlig die Fassung – er schwelgte in einem schwarzrotgoldenen Rausch, er okkupierte sämtliche Räume der angrenzenden Wohnung, tapezierte sie in den einzig wahren Farben, im Kühlschrank gab es nur noch Pils, Rindfleisch und Schwarzbrot und das sollte nur der Beginn einer dreifaltigen Umgestaltung der Wirklichkeit sein…

Münzenberg – MZB015 – Zeitzeugenkatzentisch

2015-12-26 16.14.43
Zwischen Symbolbild und Platzhalter – ein gemeinsamer Spaziergang durch deutsch-deutsche Befindlichkeiten.

Ein geruhsamer Sonntag. Eine fantastisch aufgeräumte Wohnung. Eine neue, gleichermaßen altbekannte Figur im Münzenberg-Universum. Zeit und Gelassenheit um ein lange geplantes Thema anzupacken: Die olle Ossi-Wessi-Gemengelage im munteren Selbsterfahrungsaustausch. Freilich kommen wir bei diesem Thema auch an so manch anderem aktuellen Problem vorbeigeschlendert, aber hört selbst!

Relevante Querverweise und andere Nachtragungen:

 

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