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Mission Bezirke bezirzen: Fünftes Kapitel: Tipptopp – Rostock

In schwelgender Vorbereitung für dieses Projekt des Bezirkebezirzens hatten wir uns so manches in den schillerndsten Farben vorgestellt, doch eines war sicher, die einzige Ostsee-Exkursion, die uns die administrativen Gründungsväter der DDR gestatteten, wollten wir in der warmen Jahreszeit absolvieren. Wir wollten an den Gestaden des Binnenmeers die Nacht verbringen, dabei sinnierend ins Lagerfeuer starren und in Gleichklang mit den Wellen geraten. Stattdessen saßen wir nun umgeben von dem was manch einer höhnisch Frühherbst nennt im RE nach Rostock, ließen uns von den Regenrinnsalen am Fenster mählich einlullen und betrachteten voll liebevoller Abneigung die an uns vorbeifliegenden Feuchtgebiete. Nachdem wir aussteigen mussten, wird es nicht unbedingt besser. Der Spaziergang durch leergefegte Neubaugebiete, benetzt von feinstem Nieselstömen ließ den überzeugtesten Peripheriker ins Zweifeln kommen.

Doch wie so oft wurde alles schließlich wundervoll. Unsere tapfere Entscheidung, zum RFC zu gehen, ließ die Wettergötter aufmerken und so endete die tagelange Regenhusche, der Himmel brach auf und wir wurden Zeugen eines aufreizenden Amateurkicks gegen den 1.FC Neubrandenburg. Selbstverständlich endete diese packende Partie gegen die 4-Tore-Städter mit einem leistungsgerechten 2-2. Garniert wurde dieses Deluxe-Erlebnis noch von der, laut Szenemagazin 0381, besten Stadionwurst Rostocks und einer nahezu unanständige freundlichen Familienatmosphäre.

Nein, das war er leider nicht unser neuer Herzensverein. Auch Schifffahrthafen Rostock, ebenso auf dem Gelände ansässig, hatte spielfrei. So wohnten wir dem zwar etwas farblos klingenden Rostocker FC bei, doch bereuten wir dies zu keiner Sekunde. Namen sind eben doch bisweilen nur Dampf und Rauch.

Hiernach mussten wir uns erneut entscheiden. Die heilige Dreifaltigkeit Rostocks: Spitzenfußball, Meer und hanseatische Sehenswürdigkeiten – für uns sollte es nur zwei von drei geben. Wir wählten ohne lange mit der Möwe zu zucken Warnemünde und damit Option “Meer”. Eine kurze S-Bahnfahrt plus kleine Fährfahrt später saßen wir in Hohe Düne und schauten beseelt auf das große Wasser.

Einmütig bekannten wir bei abschließenden Fischbrötchen und Bier, dass Rostock eindeutig die überraschende Nummer 2 dieser Expeditionen geworden war. Selbstverständlich vermochte sie es selbst mit all ihrem geballten Fischkopp-Charme nicht, solch eine erlesene Perle wie Suhl auszuknocken, aber immerhin – wer hätte das gedacht?!

 

Mission Bezirke bezirzen – viertes Kapitel: Franfkurt oder Słubice

Auf den ersten Blick liegt die Vermutung nahe, dass wir es uns an diesem wundervollen Sonntag etwas einfach machen wollten. Die knappe Stunde rüber an die Oder-Neiße-Friedensgrenze, Kaszanka und Tyskie im Sinn – zweifellos kein allzu anstrengendes Abenteuer auf der Bezirke-Bezirzen-Tour. Und dennoch, auch das musste erledigt werden und in seiner Funktion als einzige Grenzbezirksstadt und brandenburgischer Endbahnhof stand hier keinesfalls ein Leichtgewicht an. Nicht zuletzt haben wior nun schon 5 von 15 – ein Drittel ist geschafft! Wenn das kein Grund zum Feiern war?!

Die charmante Odermetropole gewinnt bereits auf den ersten Blick nachdem der Reisende vom Bahnhof durch ein reizendes Eisenbahnerviertel mit zentralem Eisenbahnerdenkmal geleitet wird. Blick auf den sanft dahin strudelnden Oderstrom und die dunklen polnischen Wälder spaziert man leichten Sinnes hinunter, passiert erklecklich ausreichende rote Backsteinbauten, welche mit einer ausgewählten Anzahl von funktionalen Profanbauten ergänzt werden.

Doch abseits dieser Reize zog es die Schritte des Wanderers nahezu magisch hin zu der verlockenden Welt des polnischen laissez-faires. Und so überschritten wir auch nach geschätzten 20 Minuten Frankfurt die Europabrücke. Auch hier besichtigten wir erst eingehend und pflichtschuldigst (erstes Wikipedia-Denkmal der Welt, zweiteiliger Fitnessparcour im Stadtpark, Oderhafen) bis wir uns ganz den lang vermissten Gaumenfreuden ostodriger Provenienz hingaben.

In völlig losgelöster Sonntagsstimmung und mit bis zum Reißen gefüllten Mägen traten wir dann irgendwann die Rückreise an. Erneut wandelten wir durch Frankfurt und genossen konzentrierte Unaufdringlichkeit brandenburgischer Urbanität. Ein Gednake der hier aufkeimte: Wäre Frankfurt ohne Polen etwas cottbusiger? Wahrscheinlich schon. Und dabei, auch dies noch ein Ziel, welches es zu bewältigen gilt.

Mission: Bezirke bezirzen – drittes Kapitel: Karl-Chemnitz-Stadt

Unerschütterlich und voller Forscherdrang durchwühlten wir nun weiter die antiken Zentren jenes untergegangenen Kleinreichs namens DDR. Dieses Mal im Auge der Peripherie – Chemnitz formely known as Karl-Marx-Stadt. Der erste und unspektakulärste Teil in der herrlichen sächsischen Dreifaltigkeit welche aus Produktion, Verkauf und Verprassen bestand (besteht?). Dreimal dürft ihr raten welche Aufgabe hierbei Chemnitz zugedacht war. Wohl ein Grund warum dem gemeinen Residenz- oder Messestadtsachsen herzlich wenig zu Chemnitz einfällt. Wir meinen: Schade, uns hat es gefallen und wir freuen uns dank dieses Erlebnisses tatsächlich auf noch mehr Sachsen.

Die bisherigen Stationen der Bezirkskursion. Thüringen abgehakt. Jedenfalls bis zur Kreiskursion.

Münzenberg – MZB019 – Die Jahresvorschau 2017

Die Lesezeichen zum ausführlichen Genuss

 

Etliche dieser legendenumwobenen Expeditionen im Geiste der Erkundung der Peripherie haben uns verzückt, überrascht oder gar begeistert, doch die Reise nach Suhl hat die Messlatte mal wieder ein gewaltiges Stück nach oben gelegt. Es stimmte einfach alles: Wetter, Stimmung, Kulinarik, Gesprächsstoff und Kulisse. Das kleine Suhl überzeugte uns alle im Handumdrehen und führte schon Stunden vor der unweigerlichen Abreise zu jeder Menge traurigen Seufzern.

Das rote Suhl?! Das ließ uns aufmerken, sind doch revolutionär bewegte Waffenschmiede für die soziale Revolution um einiges wertvoller als die üblichen Buchdrucker.


Und auch wenn alles schief gelaufen wäre – angesichts dieses Schauspiels hätte kaum einer gezaudert, diesen Ausflug als gelungen zu bewerten.

Wenn ich mir eine Unterkunft hätte schnitzen können, viel besser hätte sie nicht sein können. Ein Bett zum Entgleisen!

 

Das offizielle Endergebnis in dreifacher Ausfertigung.
Und zum Abschluss noch etwas massive Gotik in Erfurt. Eindrucksvoll und majestätisch genossen wir alles außer jenem Fantasiewesen namens “Thüringer Rostbratwurst”.

 

 

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Mission: Bezirke bezirzen – erstes Kapitel: Elsterflorenz

Und erneut ging es auf große Entdeckungsreise. Im Hinterkopf ein neues ehrgeiziges Ziel, und zwar allen Bezirksstädten (nicht Bezirkshauptstädten, so lernten wir bereits an diesem ersten Wandertag!) der DDR einen Besuch abzustatten. Getreu der achtbaren Initialenergie, welche bereits vor einem knappen Jahrzehnt dazu führte, der Bereisung von sämtlicher Berliner S-Bahnendstationen ein internationales Podium zu bieten, traten nun erneut ein paar unverzagte Freunde der Peripherie an um des Novembers Unbill mit ausschweifendem Umherschweifen zu begegnen. (Nebenbei also nochmal Täterätäh und Dschingdereassa Bumm! 10 Jahre Viva Peripheria – fast hätt ich’s übersehen. Habt Dank all ihr Peripheristen und Peripherösen da draussen!)

2016-11-13-15-19-48
Sehr viel mehr als Bratwurst dürfte dem gemeinen Bundesbürger zu Thüringen wohl selten einfallen. Welch Überraschung daher, dass der hier beschriebene Ausflug ohne eine einzige Bratwurst absolviert und dennoch allgemein als Erfolg verbucht wurde.

Am Anfang stand Gera. Die große Unbekannte. Voller Überraschung musste ich unlängst im Kreise zahlreicher altgedienter Ostdeutscher feststellen, dass noch keiner dieser erfahrenen Haudegen und Provinzsassas jemals Kontakt mit der geheimnisvollen Reußenperle aufgenommen hatte. Doch nicht nur dass, nein, es wurde sogar offen angezweifelt, dass Gera je eine Bezirksstadt gewesen sei. Soviel ehrabschneidende Unwisseneit erforderte Satisfaktion. Als dann noch die Kunde von der angeblich vollständigsten Ausstellung des DDR-Comics im Geraer Stadtmuseum durchs Land eilte, war die Entscheidung gefallen. Gera würde das Fanal dieser “Tour de Bezirke” werden.

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Die Kampagne sitzt. “Wochenende Leipzig” – so prägnant und überzeugend wie “Niedersachsen. Klar”

Nach drei kleinen Hopsern in Wittenberg, Bitterfeld und Leipzig glitten wir dann schon bald bei bestem Kleinstaatswetter durch das vielbesungene Thüringerland. Geschmeidige Rundungen, kunterbunte Einsichten in den Indian Summer des Elstertals – versonnen blickt die Reisgeruppe aus dem ruckelnden Triebwagen der unvermindert Kurs auf das ersehnte Ziel hält.

2016-11-13-13-06-58
Einen Moment zögert der Chronist bevor er auf den Auslöser drückt. Nur ansatzweise ist ihm in diesem Moment bewusst, welch Anmut vereint mit trostloser Kantenschroffheit hier auf wenigen Pixeln für die Ewigkeit gebannt wird. Der Betrachter mag aufgebracht, gelangweilt oder unbeholfen weitertrinken, dennoch bleibt da etwas, so tief wie intensiv. Für Augenblicke wie diese lebt jeder von uns!

Angesichts des traurigen Umstands, dass Gera die zweitgrößte deutsche Stadt ohne elektrifizierten Bahnanschluss ist, fielen die Begeisterungsstürme, den Bahnhof betreffend eher zurückhaltend aus. Doch derlei bestürzende Beschneidungen sollten nicht das Maß der Dinge für den Rest Geras sein. Voller Tatendrang stürmen wir voran, immer mitten hindurch die sonntäglich aufgeräumten Magistralen der unbekannten Schönheit.

2016-11-13-15-03-42
Der Geraer Löwe nebst dazugehörigen Spatz – nur eine von zahlreichen Schmähungen der hiesigen Identität. Quetschte man in der düsteren Nazizeit sämtliches Viehzeug auf das Wappen, des auch scherzhaft “Thüringer Tiergarten” benamstes Wappen, bleib angeblich nicht mal für den Geraer Spatz ein Fleckchen frei. Wie meinen: “So nicht!”

Schnell war das Stadtmuseum gefunden, doch die angebliche achso vollständige Sammlung stellt sich schnell als bessere Wandzeitungscollage heraus. Aber die Enttäuschung sitzt nicht lange, umgehend werden wir verzaubert von zwei Etagen Daueraustellung der verrückten Geschichte Geras. Die bizarren Stilblüten der mitteldeutschen Kleinstaaterei, das absurde Versteckspiel all der inzestösen Heinriche und dergleichen mehr schaffen es uns zu verzaubern und lassen die Zeit wie im Fluge vergehen. Schlussendlich sind wir gar so willenlos, dass wir völlig ergeben auch die Ausstellung über Romantik in Gera inhalieren.

2016-11-13-15-06-33
Kulturtourists Feierabend, auch wenn die bratwurstige Sehnsucht leise wimmert bleibt es ein Jammern auf hohem Niveau. 

Nach soviel Kultur, welche furchtlos noch mit einem mittelschweren Stadtrundgang garniert wird, giert die Reisegruppe nach Kost und Trank. Ohne viel Federlesens wird also eine Schänke aufgesucht und bei schimmlig-gemütlicher Winterstimmung die genossenen Eindrücke gemeinsam verarbeitet. Schnell wird klar, die Bezirke der versunkenen Republik sind, wie nicht anders erwartet, ein reizvolles Reiseziel. Das ungeduldige Hufgeschar ist förmlich nicht zu spüren. So lasst uns freuen und juchhehen – 2017 wird uns mit einer ganz auserlesenen Perle willkommen heißen. Es geht nach Suhl, jenes entzückend schizophrene Kleinod tief im Hinterland von allem, welches sich gleichermaßen als “Stadt des Friedens” wie als “Waffenstadt” bezeichnet. Und warum auch nicht?! Wir können es zumindest kaum noch erwarten!