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Ratgeber: Stilvoll stranden in Albanien

Auf dem Gipfel des Berges lebt der Adler und die Fliege lebt am Pferdehintern. (albanisches Sprichwort)

Hinter den verwunschenen Bergen des Balkans liegt ein kleines, unbekanntes Land namens Albanien. Ein Land, bei dessen Nennung der gemeine Mitteleuropäer gewöhnlich achselzuckend ins Leere schaut. Allenfalls erntet man Reaktionen, die etwas mit Mafia, Krieg und Chaos zu tun haben. Man könnte nicht ferner liegen. Eingeklemmt zwischen Griechenland und Jugoslawien prosperiert Albanien schon seit geraumer Zeit still und heimlich vor sich hin. Die nordkoreanisch anmutende Hoxha-Ära scheint in ferner Vergangenheit zu liegen, Chaos und bürgerkriegesähnliche Zustände der Transformationsperiode ebenso.

Sanft umrankt die mediterrane Gegenwart die paranoide Vergangenheit – Albanien freut sich auf dich!

Mittlerweile rekelt sich der touristische Nobody gelassen und bietet selbstbewusst seine mediterranen Qualitäten feil. Schneebedeckte Berge und üppige Vegetation der Täler, historische Stadtkerne, faszinierende Sakralbauten und, nicht zu vergessen, diese fantastische Adriaküste, welche bisweilen so unverbaut und idyllisch daherkommt, dass Strandurlaub wieder seinen Namen verdient. Alles in allem ein Land was unsere Aufmerksamkeit erregte. Daher hier nun in gewohnter Weise ein paar Tipps, die euch helfen sollen, es selbst zu entdecken. Leider wird dieser Ratgeber sich vorerst auf Küste und Städte beschränken, da die Kürze des Aufenthalts einen Ausflug in die Berge verhinderte. Dabei sollte der Ausblick auf Highlights wie die legendäre Koman-Fähre oder den Peak-of-the-Balkans-Trail in jedem Bergliebhaber extremstes Lechzen auslösen.

Andere Wissensquellen

Wie so oft schon zuvor beobachtet, Reiseziele die nicht jedem etwas sagen, verfügen naturgemäß auch über einen mangelhafte Informationsgrundlage. Zwar gibt es Reiseführer zu Albanien, doch jeder hat eklatante Nachteile und meist nur geringfügige Vorteile. Der Reise Know-How-Führer mag den Anfang machen und prinzipiell ist an ihm auf den ersten Blick wenig auszusetzen, doch strotzt er bei genauerer Prüfung vor Ungenauigkeit und strukturellen Schwächen. Vielleicht, so möchte man verteidigend einwenden, sind derlei Schwächen bei einem Land im Wandel wie Albanien unvermeidlich. Das Gegenteil beweist jedoch der pocket-guide von Martina Kaspar und Günther Holzmann. Das seit einigen Jahren in Albanien lebende Paar liefert ein durchaus beeindruckendes Büchlein ab, prall gefüllt mit Informationen und Tipps, die nicht aus der 0815-Schublade gezogen scheinen. Einzig Layout und Format ließen mich innerlich gefrieren und meinen eigenen Anspruch verfluchend, reißaus nehmen. Als dritte Alternative muss hier noch der Reiseführer des sonst sehr geschätzten Trescher-Verlags erwähnt werden. Hier ist man am Klassenziel eines Reiseführers deutlich vorbeigeschlittert. Wer nach einer leidlich gut erzählten Landeskunde sucht, könnte damit gut bedient sein. Relevante Informationen, Tipps und konkrete Empfehlungen finden sich hier eher weniger und zudem schlecht findbar.

An- und Einreise

Die Mühen der erfolgreichen Annäherung an Albanien haben sich in den letzten Jahren deutlich verringert. Zwar sind die Spuren der totalen Abschottung an der infrastrukturellen Situation noch zu erkennen. So verfügt das Land lediglich über einen internationalen Flughafen (Tirana) und die Einreise auf dem Landweg ist einzig auf dem Straßenweg zu ermöglichen.

Flughafenbahnhof Podgorica – auch eine reizende Alternative zur legeren Einreise nach Albanien (Quelle)

Internationale Zugverbindungen gibt es bislang nicht. Angeblich gibt es eine Gütertransportstrecke von Podgorica nach Shkodra auf der in Zukunft die Einrichtung von Personenverkehr geplant ist, doch da wollen wir uns mal lieber keine übertriebenen Hoffnungen machen. Die smarteste Art des Enterns der albanischen Hoheitsgebiete ist die Einreise per Schiff. Es bieten sich hier zwei Varianten an: von Korfu nach Saranda oder von Bari nach Durrës.

Herumreisen

Die beste Information sei gleich zu Beginn herausgeschrien: Albanien verfügt weiterhin über eine funktionierende Eisenbahn! Erleichtert konnte ich davon ablassen, das erste kontinentaleuropäische Land auf meine schwarze Liste zu setzen.  Doch es muss gesagt werden, in einem guten Zustand befindet sie sich nicht. Selten, unzuverlässig und marode sind wohl noch die besten Adjektive mit dem der Service der Hekurudha Shqiptare beschrieben werden muss. Auch hier geistern diverse Pläne von Modernisierung und Verbesserung herum und obwohl ich Albanien hier viel zutraue, bleibt eine gewisse Skepsis erhalten. So bleibt der gängige Weg zur Abanienentdeckung der Bus. Natürlich wären auch Mietauto oder Fahrrad adäquate Alternativen, doch hier fehlen eigene Erfahrungen und so kann ich schwerlich Qualitatives dazu beitragen. Leider befindet sich auch das Niveau des busbetriebenen Fernverkehrs auf einem eher betrüblichen Niveau. Informationsaustausch und struktureller Ist-Zustand der bestehenden Busverbindungen sind alles andere als erheiternd. Fahrpläne existieren eher als fakultative Veranstaltung, Preise sind Verhandlungssache und das technische Level der Busflotte befindet sich eindeutig im grenzwertigen Bereich.

So übersichtlich, wie hier beim Busbahnhof Tirana bekommt man es nur selten serviert. Achtung Reisender,, hier geht es nur zu Zilen im Süden Albaniens. Der Busbahnhof für nördliche Ziele findet sich ein paar hundert Meter Richtung Zentrum linkerhand.

Überraschend war der relativ gute Zustand der Straßen. Letztlich kann aber zusammengefasst werden, dass Dank der Freundlichkeit der Menschen auch die Hürde des öffentlichen Fernverkehrs in Kauf genommen werden kann. Dennoch bleibt zu hoffen, dass die aktuelle aufblühende Phase in der albanischen Geschichte dazu genutzt wird, Bahn und Bus gleichermaßen auf ein annehmbares Niveau zu hieven, damit Albanien eines Tages vielleicht nicht trotz sondern sogar wegen seiner Transportwege geschätzt wird.

Übernachten

Wie schon ein paar Mal erwähnt, Albanien hat sich seit meiner letzten Visite vor gut zwanzig Jahren erheblich gemausert. In kleinen unspektakulären Schritten stabilisierte man die Gesellschaft, reduzierte die Korruption auf ein, der Region angemessenes Maß und investierte erklecklich vor sich hin. So avancierte Albanien peu à peu vom Geheimtipp für Hartgesottene zum Adria-Kleinod für Massentourismus scheuende Freunde einer mediterranen Auszeit. Meine Beobachtungen betreffen nun nur die Küste, die größeren Städte und all dies auch nur während der Nebensaison, doch das Gespräch mit den Menschen vor Ort sowie mit anderen Reisenden lassen einen groben Überblick zu. Kurz: Auch wenn man hier die Hauptsaison meiden sollte, so man Entspannung sucht, kann man an Küste wie in den größeren Städten problemlos eine günstige und geschmackvoll eingerichtete Unterkunft finden. Das untere Preissgement pendelt sich irgendwo gelassen zwischen €5-10 pro Nase ein. Die Qualität der Unterkünfte kann sich definitiv mit vergleichbaren Bleiben in den Nachbarländern messen. In den Bergen soll die touristische Infrastruktur noch nicht ganz so zuverlässig sein und noch mehr in den Kinderschuhen stecken.

Sprache

Die hier gesprochene Sprache gehört zweifelsfrei nicht zu den Hauptanziehungskräften eines Albanienausflugs. Ähnlich wie im georgischen Fall handelt es sich auch hier um eine weit abseits von allen “zivilisierten” Sprachen stehendes Konstrukt. Albanisch hat weder mit der slawischen Sprachfamilie etwas gemein (wie der ungeübte Blick angesichts der Nachbarschaftslage wohl meinen könnte) noch gibt es Verwandtschaftsverhältnisse zu romanischen Posse. Selbst die üblichen Verdachtsmomente bei sprachfamiliärem Querulantentum, wie ein Zugehörigkeit zu den Finno-Ugren oder irgendwelche keltischen Wurmfortsätze treffen nicht zu. Die Herkunft des Albanischen ist so rätselhaft wie manches andere in diesem Land. Und so mag dem größten Sprachenthusiasten die Lust vergehen angesichts dieser, losgelösten Sprachinsel, deren Herkunft bis heute selbst Philologen noch nicht klar ist. Wenn man schon kaum Verwandtschaft mit anderen Sprachen sein eigen nennt und der Einsteiger daher komplett von vorn anfangen darf beim Albanisch lernen, dann genießt man zusätzlich voll ausgelassenem Grimm, dass es selbst einfachste Wörter in sich haben. Ich brauchte bspw. erschreckend lang um mir so ein Ungetüm wie “faleminderit” einzuprägen. Dabei handelt es sich hierbei um das wohl wichtigste Wort in jeder neuen Sprache: Danke. Da ist es gut zu wissen, dass man mit Englisch ganz problemlos durchkommt und sogar Deutsch bisweilen zur Anwendung kommt. Die große Anzahl albanischer Gastarbeiter in der Schweiz und Deutschland machen sich hier bemerkbar.

Selbst die wählerischste Katze kann angesichts der Verlockungen der albanischen Küche nur schwerlich widerstehen.

Kulinarik

Eingebettet in den Balkan, aufgefangen durch Griechenland und abgefedert durch die nahe italienische Küste müsste es mit dem Teufel zu gehen, wenn die hiesige Küche nicht in anständigen Maße zu betören wüsste. Angesichts unserer kurzen Inspektion kann auch hier wieder nicht für ganz Albanien gesprochen werden und in Anbetracht unseres küstennahen Aufenthalts genossen wir auch überwiegend die delikaten Produkte des Meeres. Und hier kann ganz klar der Daumen nach oben gereckt werden. Auf einigen anderen Reisen, die mich durch Regionen führten, welche durch Mangel und Abschottung neben vielen anderen, auch die Fähigkeit zum anspruchsvollen und kreativen Kochen verloren gegangen schien, kann dies für Albanien zweifelsohne nicht beobachtet werden.  Die Küche ist abwechslungsreich, frisch und überaus mediterran. Noch viel mehr als in den angrenzenden Küchen wird hier, meines Erachtens weniger nach Rezept sondern aus der Stimmung heraus gekocht, daher lässt sich eine albanische Küche an sich schwer fassen. Außerdem wird die albanische Küche durch die eigene Diaspora noch zusätzlich zerfranst. So unterscheiden sich die albanischen Regionalküchen Westmazedoniens, des Kosovos, Montenegros, der Albaner in Serbien, der Arbëresh (Italien) und der Arvaniten (Griechenland) ähnlich der kruden Dialektvielfalt Albaniens – ein wundervoller Flickenteppich der Genüsse! Und so könnte beispielsweise ein kulinarische Tagestour aussehen:

Guten Morgen! Ich weiß, alles ist Geschmackssache und das Frühstück als Mahlzeit ist zudem dank diverser Existenzabsprechungen in Selbstfindungstrance gefallen, doch wenn man von all dem mal absieht – frischer, eiskalter Dhallë (Ayran) und dazu einen duftenden, warmen Byrek mit einer Füllung die eurer Tagesform entspricht – kann man den Tag besser beginnen? Aber natürlich! In dem man das Ganze noch mit einem Mokka abschließt, der nicht Geringeres auslöst als Urknall und universelle Expansion der eigenen Physis in einem Moment.  Nachdem ausreichend Tag genossen ist, wendet man sich wohlig der Frage nach dem Mittagsmahl zu. Auch wenn es hier zahllose Möglichkeiten gäbe, wählen wir für dieses Beispiel (und um den zauberhaften kulturellen Mischmasch zu demonstrieren) einen gewaltigen Klotz Moussaka. Selbstverständlich begleitet von einem knackigen Salat mit reichlich Schafskäse oben drauf. Zum Abend dann, zumindest in unserem Universum, hinab zur Hafenpinte um sich mit albanisch Roulette bei der Auswahl nie gehörter Fische und Meeresfrüchte vollzuschlagen.

Albanischer Wein – im Gegensatz zu seinem griechischen Pendant hierzulande bisher noch unbesungen. Zu Unrecht, wie ich finde.

Bleibt noch anzumerken, dass auch die mehrtausendjährige Geschichte des Weinanbaus das kurze Strohfeuer des Steinzeitkommunismus recht gut überstanden hat. Wie allerorts behauptet und bewiesen wird, scheint man diesbezüglich über den Weinberg zu sein und die albanische Weinkultur erblüht und trägt Früchte. Auch wenn der Großteil der geernteten Trauben nicht zu Wein verarbeitet wird, sondern entweder direkt gegessen oder zum albanischen Nationalschnaps Raki rrushi oder Konjak wird, bleibt immer noch genug über um mehrerer ausgezeichnete Weine zu produzieren, die den überraschten Gaumen erfreuen.

Schöne Orte (selbst beäugt):

Das Süd-Triumvirat Saranda-Ksamil-Butrint

Im letzten südlichen Zipfel Albaniens, kurz vor der griechischen Grenze (Korfu liegt an der nähesten Stelle weniger als 2 km entfernt in Sichtweite) liegen, wie an einer Perlenschnur aufgereiht drei Höhepunkte auf engstem Raum aneinander. Saranda mag auf den ersten Blick wenig Begeisterung auslösen. Die offenbare Planlosigkeit des Baubooms in dem an sich recht ereignisarmen ehemaligen Fischerdörfchen geben wenig Anlass um hier empfehlend erwähnt zu werden. Wenn man sich vor Augen hält, dass noch 1913 lediglich 110 Menschen diese Bucht besiedelten und man dann die hastig übereinander gestapelten Touristenschubladen der Gegenwart sieht, kommt man doch arg ins Zweifeln.

Ich wiederhole: Vor etwas mehr als einem Jahrhundert lebten hier 110 Menschen

Dennoch ist Saranda in der Nebensaison ein entspannter Ausgangsort um die Küste Südalbaniens zu entdecken. Als empfehlenswerter Ausflug wäre zum Beispiel Ksamil und Butrint zu nennen. Bei Ksamil handelt es sich um einen kleinen Badeort. Idyllisch am Ufer des Ionischen Meers, von vier kleinen Inseln umsäumt, feinster Sandstrand und Ausblicke, die man tief inhalieren sollte.  Butrint dagegen ist eine, mit dem Siegel Weltkulturerbe versehene Ruinenstadt, noch etwas südlicher an der Küste entlang. Die an sich schon beeindruckende Anlage der erhaltenen Stadt wird nochmals beeindruckender so man sich während des Rundgangs vorstellt welch ein gewaltiger und gut ausgestatteter Komplex dies vor knapp zwei Jahrtausenden einmal war.

Von Troja bis Venedig – jede Menge Geschichte und noch viel mehr Mythos
Syri i Kaltër (Das blaue Auge)

Auf halben Weg zwischen Saranda und Gjirokastra noch vor dem Bergpass gibt es einen kleinen unscheinbaren Abzweig von der Hauptstraße, der zu Albaniens wasserreichster Quelle führt. Ein knapper Kilometer staubiger Fußweg und schon steht man vor diesem verschwenderisch sprudelnden Naturschauspiel (ca. 6 m³/s). Die Tiefe der Quelle ist bis jetzt noch nicht ermittelt, doch das erscheint relativ irrelevant angesichts der intensiven tiefblauen Farbe, die auf dem hellen Karstgestein funkelt. Ein perfekter Zwischenstopp um Meersalz und Straßenstaub etwas entgegenzuschleudern.

Kalt, frisch und bunt – eine verschwenderische Oase im trockenen Karstgebirge
Gjirokaster

Sie gilt als eine der ältesten Städte Albaniens, die “Stadt der Steine”, wichtigstes kulturelles Zentrum, natürlich UNESCO-Weltkulturerbe. Doch damit nicht genug. Diese steinige Städtchen ist auch noch gleichermaßen Geburtsort des ehemaligen Diktators Enver Hoxha sowie des wohl bekanntesten albanischen Schriftstellers Ismail Kadare, der Gjirokaster mit seinem Roman “Chronik in Stein” verewigte. Ein unbedingtes Muss für die innerliche Erschließung Albaniens. Die beeindruckende sich über das Tal erhebende Burg wie die sich verzweifelt daran klammernde Altstadt – all dies lässt schon nach kurzer Zeit die “Chronik in Stein” vor dem inneren Auge auferstehen.

Tirana
Erst bei Nacht entfaltet sich die verkannte Feingeistin Tirana und lässt tief blicken

Von den meisten Albanienreisenden erhält die Hauptstadt nicht unbedingt die besten Kritiken. Auch ich erinnerte mich mit einer Mischung aus Faszination und Grauen an meine erste Begegnung mit der kahlen Blockopole im Herzen des Landes. Doch ich möchte den Versuch unternehmen, den ramponierten Ruf Tiranas ein wenig aufzupolieren. Kurz zusammengefasst sei gesagt, zwischen 2.30 und 6:00 ist es eine wunderschöne Stadt, die Klarheit und Ruhe ausstrahlt. Ein Spaziergang die achtspurige Hauptmagistrale hinab, ins rechteckig aufgeräumte Stadtzentrum hinein, lässt die vibrierende Reiseseele ins Gleichgewicht geraten und bei einem starken Mokka im Angesicht des zentralen, ehemaligen Aufmarschplatzes gelang es zumindest uns ausreichend geerdet zu werden um uns weiter auf das Land der Adler einzulassen. Daher, wenn Tirana – dann nachts!

Schöne Orte (bislang noch unbeäugt)

Die BERGE

Es mag sich im zuvor Gesagten schon angedeutet haben, doch die Auslassung des bergigen Teils war DER Fauxpas bei dieser Kurzinspektion. Wie allein das möglich sei, in einem Land, welches fast ausschließlich aus Bergen besteht, mag der interessierte Leser berechtigt einwenden. Nun, dies liegt hauptsächlich daran, dass die meisten Berge die man querend vorüberziehen sieht, reine, der Klimazone typische “Ansehberge” sind. Schön für Fotos, malerische Aussichten und gelassenes Blickeschweifen – doch in der Regel nichts zum Ersteigen und Erwandern. Zu trocken, verwildert und unerschlossen sind derlei Karstgebirge des Mittelmeerraums. Doch Albanien wäre nicht Albanien wenn es in dieser Hinsicht nicht mehr zu bieten hätte. Im Nordosten des Landes erheben sich die mächtigen Albanischen Alpen, angrenzend an Montenegro und den Kosovo kann hier ein Gebirge genossen werden wie man es in Europa, zumindest in dieser Ausgestaltung nur noch selten finden sollte. Alpin und wild aber dennoch touristisch machbar. Spätestens seit Etablierung des bereits zu Beginn erwähnten “Peak-of-the-Balkans-Trail” sollte Bergwandern hierzulande auf eine solide Basis gestellt sein.

Irgendwo dahinten, hinterm Horizont, dort stehen sie und warten – die albanischen Alpen

Anhängig zu diesem Thema wäre selbstverständlich eine Fahrt mit der Koman-Fähre. Diese, einmal täglich verkehrende Fähre absolviert in zweieinhalb Stunden eine spektakuläre Route vom Koman-Stausee, die steile Drini-Schlucht hinauf bis nach Fierza. Praktisch dabei ist, dass dies, so malerisch es sich einerseits anhört auch andererseits der beste Zubringer für Touren in den Albanischen Alpen ist.

Und auch wenn dies alles schon ausreichen würde für eine ausgewachsene nächste Reise, so gibt es daneben noch reichlich andere reizvolle Ziele mit denen Albanien gekonnt kokettiert (ganz abgesehen davon, dass man natürlich auch immer gern zu alten Plätzen zurückkehren möchte). Zu erwähnen wäre hier einerseits Berat – eine weitere Weltkulturerbe-Stadt in südlich von Tirana – ich wage nicht zu bezweifeln, dass die “Stadt der tausend Fenster” mich zumindest ebenso bezirzen würde wie Gjirokaster. Andererseits zwinkert noch eine weitere Kostbarkeit der Natur verlockend dem Reisenden entgegen: und zwar die Seenlandschaft von Ohrid und Prespa. Obwohl der schönere Teil hier wohl wahrscheinlich eher auf mazedonischer Seite gelegen ist, spräche ja auch nichts gegen einen kleinen Ausflug in das noch unbekanntere Nachbarland.

In diesem Sinne – bis bald Shqipëria!

 

Ratgeber: Wandern und andere Fortbewegungsarten in den ukrainischen Karpaten

Auch wenn meine Euphorie, erstmals in der Ukraine wandern zu dürfen, hier wohl diskret zwischen den Zeilen durchgesickert sein dürfte, für den gemeinen Biodeutschen assoziiert die Ukraine bestenfalls mit Panzerkrieg und Tschernobyl. Aus Gründen wie diesen versuche ich seit einiger Zeit in regelmäßigen Abständen, entdeckenswerte Regionen zu präsentieren und alles Wissenswerte für den Start bereitzulegen (gern darf dies auch immer von anderen Reisenden mit zusätzlichen Informationen ergänzt werden). Eine Region über die es keinerlei Reiseführer gibt, Kartenmaterial nur umständlich zu erhalten ist, eine Weltenecke, welche aus mitteleuropäischer Sicht nicht mal verrufen sondern schlichtweg nicht existent scheint, birgt für eine ausgewogene Beschreibung eine enorme Verantwortung. Denn obwohl Transkarpatien von Berlin aus näher als Paris, scheint es unserer Welt doch so fern und ist daher leicht misszuverstehen. Doch nach nur einer entspannten Nacht auf dem Schienenbett wird dem aufgeschlossenen Reisenden hier eine Lebenswirklichkeit serviert, welche ob ihrer Unverbrauchtheit und Selbstverständlichkeit gleichermaßen fasziniert. Damit dieses jedem interessierten Menschenwesen möglichst problemlos gelingt, hier nun meine Anleitung für diesen vergessenen Gebirgszipfel im Herzen Osteuropas. Denn ich fühle dieses Mal mehr als sonst, dass Aufklärung Not tut um das Naheliegende in der Ferne erkennbar zu machen und die Karpato-Ukraine in das Licht zu rücken, welches sie verdient.

Wer vor soviel Text sich erst einmal visuell überzeugen möchte, dem empfehle ich wärmstens “Transkarpatien in Farbe und bunt”

Karpato-Ukraine, Transkarpatien oder Sakarpatia – was denn nun?

Dort wo die Karpaten die Kurve kriegen, wo sich also dieser wundervolle über 1300 km lange Gebirgszug entscheidet nach Süden gen Transsylvanien abzudriften, dort in etwa liegt jene historische Region die heute unter dem eher prosaischen Titel einer administrativen Verwaltungseinheit, Oblast Transkarpatien (Закарпатська область/Sakarpatska oblast) firmiert. Und hierbei stoßen wir schon auf die erste Merkwürdigkeit. Der Ukrainer schiebt ein “Sa” und der Deutsche ein “Trans” vor die Karpaten um eben jenen Raum zu beschreiben. Aufmerksame, treue Leser erinnern sich vielleicht noch an ein ähnlich gestricktes Problem im Falle von jenem sonderlichen Landstrich namens Transnistrien. Während der Mitteleuropäer mit dem Prefix “trans” suggeriert, dass da etwas “hinter” den Karpaten sei, versteht der Ukrainer mehr von seinen Regionen und weiß, dass diese eher “auf” den Karpaten liegt. Man könnte diese Begriffsverwirrungen hier noch problemlos weiterführen, denn die Geschichte dieses Fleckchen Erdes kennt zahlreiche Besitzer, welche sich im Zuge der Jahrhunderte hier die Herrschaftsklinke aus der Hand rissen und in dessen Gefolge der Benennungswirrwarr erst richtig losging.

Denn diese Gegend hat im 20. Jahrhundert wohl öfter einen Herrschaftswechsel mitmachen dürfen als anderswo auf der Welt. So kursiert die (theoretisch mögliche ) Legende von jener schlohweißen Babuschka, welche in Österreich geboren, in der Tschechoslowakei zu Schule ging, in Ungarn einen Sohn gebar, sich in der Sowjetunion als Näherin durchschlug und nun in der Ukraine ihre magere Rente bekäme. Dies alles ohne je ihr Dorf zu verlassen. Schon auf den ersten Blick (oder besser, angesichts des Kauderwelschs an slawischen Sprachen, was man hier zu hören bekommt) begreift man, dass man sich hier nicht wirklich in der Ukraine befindet. Wie viele Gebirgsregionen in Grenzgebieten hat es das homogenisierende Nationenkonstrukt, welches die jeweilige Hauptstadt entwarf, in den entlegenen Bergtälern der Peripherie meist viel schwerer sich auszubreiten. So auch hier. Wen wundert’s angesichts dieser turbulenten Vorgeschichte. Die knappe Million Menschen die hier lebt teilt sich in ca. 30 Nationalitäten auf. Huzulen, Lemken, Boiken – Nationalitäten, die teils wie aus einem Fantasy-Roman entsprungen klingen. Und so leben sie dort, eingezwängt von abstrakten Grenzen, die von etwas noch Absurderen wie Staaten durch das Gebirge gezogen sind, in der irrigen Annahme diese majestätischen Gipfel, mächtigen Bergkämme und undurchdringliche Wälder trennen zu können. In den versunkenen österreichischen Kronländern Galizien und Bukowina stößt man kurz hinter der Grenze der EU auf ein irritierendes wie betörendes Gemisch von Weltabgeschiedenheit, von Herzen kommender Freundlichkeit, bitterer Armut und einer einfachen Art zu leben, die der Standardeuropäer längst verlernt hat. Doch genug der Vorrede, damit auch ihr bestens vorbereitet euren Ausflug anträumen könnt, stelle ich nach erprobten Modell hier wieder ein kleines Starterpack ins Netz.

Andere Wissensquellen: Wie eingangs schon erwähnt, solltet ihr mit dem Gedanken spielen, euch im Vorfeld eurer Reise mit einem kleinen Büchlein zur Gegend auszustatten – lasst es bleiben! Vertraut mir, es gibt nichts. Selbst, der in Sachen abseitiger Reiseziele hochverehrte “Conrad-Stein-Verlag”, weiß hier mit lupenreiner Nichtigkeit zu überzeugen. Zwei Bücher habe ich dann doch gefunden, die mich bestens einstimmten und welche ich als Reisevorbereitung wärmstens empfehlen kann.

Aus der Zusammenarbeit der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und dem ukrainischen Biosphärenreservat ist ein tolles Buch entstanden (“Naturführer: Urwälder im Zentrum Europas”) welches sich jeder mühelos als PDF herunterladen kann. Hier erhält man nicht nur einen profunden Überblick über die hiesige Flora und Fauna, sondern, wie es sich für einen Naturführer versteht, sind hier auch reichlich Routen- und Wandervorschläge enthalten, die durchaus inspirierend für eigene Touren sein können. Außerdem kann ich Martin Pollacks kleines Büchlein “Galizien. Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina” empfehlen. Es vermittelt auf charmante und geistreiche Weise einen Blick durch das Jahrhundert hindurch auf jene Zeit in der diese Gegend zwar ebenfalls bettelarm am Rand eines großen Landes versteckt lag, aber dennoch ein ganz anderer Kulturraum als heute war. Mich ließ dieses Buch über alle Maßen begeistert zurück, es weitet den Horizont aus der Mikroperspektive heraus und lässt mittels nachvollziehbarer Beschreibung der Vergangenheit die Gegenwart besser verstehen. Keine Frage Pollack hat in mir einen neuen Verehrer gewonnen. Von derlei Literatur sollte es definitiv mehr geben.

Die Problematik, an geeignete Karten heranzukommen, erwähnte ich bereits. Es sei hier in aller Form davon abgeraten lässig abzureisen ohne sich in irgendeiner Weise darüber Gedanken gemacht zu haben, wie man an Karten zu kommen gedenkt. Vor Ort sind sie jedenfalls keine normale Handelsware. Selbst übliche Verkaufsstellen wie Nationalparkeingänge, Hotels oder sonstige Hot Spots des Tourismus verfügen hier weder über Karten zur Orientierung wie im übrigen auch nicht über Karten zum verschicken. Diesen Mangel kann man auf zweierlei Weise überwinden: Karten lassen sich per Internet (bspw. bei polenkarten.de) ergattern oder man kauft sie vor Ort in auserlesenen Spezialläden. Verbindliche Sicherheit hat man beispielsweise in Uschgorod (am Ende der Voloschina-Straße in Uschgorod, 48°37’27.1″N 22°17’52.9″E)

Die für mich dieses Mal beste Methode dem Defizit zu begegnen war jedoch ein GPS-fähiges Gerät und gutes Offline-Kartenmaterial. Ich verwendete hierfür ein robustes Smartphone und die App Osmand. Bei der Umsonstversion von Osmand sollte man sich nicht von der Begrenzung an Offlinekarten erschrecken lassen, diese sind problemlos erweiterbar bis die Speicherkarte platzt. Die jeweiligen Karten sind hier runterladbar. Allerdings braucht man für eine Reise nach Transkarpatien ja auch wieder nicht allzu viele Karten. Für Route und aktuelle Tipps zum Wandern in Transkarpatien kann ich voller Ehrerbietung und Dank das Projekt eldp8.de von Rolf Gerstendorf empfehlen. Obzwar diese Seite im eigentlichen Sinne dem Europafernwanderweg E8 gewidmet ist, erhält man hier bislang die aktuellsten und wertvollsten Informationen für eine Wanderung in Transkarpatien, so man beschlossen hat auf der Route des E8 zu wandern. Dies so sei aber angeraten, ist für den Anfang eine durchaus sinnvolle Einstiegsdoroga!

An- und Einreise: Die Frage nach dem “Wie-komm-ich-hin?” ist in meinen Augen nur schienbar eine offene Frage. Selbstverständlich stehen Flugzeug und Auto zur Debatte, doch aus Gründen innerer Überzeugung sowie auch ganz simpel aufgrund fehlender eigener Erfahrung werde ich mich im folgenden ausschließlich über den Schienenweg auslassen.

Überblick der Gemengelage. In zarten braun gehalten sind die einzelnen Gebirgsketten, die die Region so anzeiehnd machen.

Das klassische Tor in die Berge Transkarpatiens ist Uschgorod. Von hier aus ist sind alle in Frage kommenden Ausgangspunkte für die jeweilige Bergwanderung mühelos erreichbar. Zwei Möglichkeiten, Uschgorod zu erreichen:

  • mit dem Nachtzug Prag-Kiew erreicht man Chop (danach Anschluss nach Uschgorod)
  • mit dem EC nach Budapest und von dort mit der ungarischen Bahn bis Záhony, dann über die Grenze nach Chop gefahren (danach Anschluss nach Uschgorod)

Von Berlin aus gerechnet, kommt man also in deutlich weniger als 24 Stunden und ohne nervige Umsteigerei in die ukrainischen Berge. Die Preislage sieht, so man ein paar Wochen vorher ordert in etwa so aus (Stand: August 2017): Berlin-Prag €30; Praha-Chop ca. €50 im Liegewagen;  insgesamt also €80/ Berlin-Budapest €40, Budapest(Nyugati)-Záhony ca. €20; insgesamt also etwas über €60 dafür aber einmal mehr umsteigen und weniger tschechoslowakischer Bahngenuss.

Die Alternativroute für alle die den Berghunger möglicherweise noch mit einen kleinen urbanen  Aperitif ergänzen möchten: Die Anfahrt über die unbekannte Schönheit Lemberg/Lwów/Lwiw. Von hier erreicht man ebenso alle bergigen Ausgangsorte in Transkarpatien, dauert halt nur etwas länger, was sich aber im gemütlichen Sowjetwaggon bestens ertragen lässt. Die Anreise erfolgt hier idealerweise über Polen, wobei es auch durchgehende Züge von Bratislawa, Budpest oder Wien gibt. Die sichere, unkomplizierte Planung wird einem hier durch die verquaste polnische Buchungspraxis verdorben. Polnische Einenbahntickets lassen sich immer noch nicht online erwerben. Wer also nicht den Luxus hat, nah an einem internationalen polnischen Schalter zu leben (von Berlin aus bspw. Kostrzyn), dem empfehle ich folgendes: entweder von Görlitz oder von Küstrin bis Wrocław, von hier nach Przemyśl an die polnisch-ukrainische Grenze. Hier wirft die marode Madame PKP dann einen Zug pro Tag nach Lemberg ins Rennen (14:26), aber von hier aus sollte es auch reichlich Mitfahrgelegenheiten und Busse geben. Wenn man es irgendwie schafft, vorher in Polen zu sein, kann man auch den durchgehenden Zug mittels Liege- oder Schlafwagen buchen. Es fährt ein Zug abends und einer morgens nach Lemberg (Ein Liegewagenplatz für die gesamte Strecke kostet ca. €60)

Als entspannten Geheimtipp zur Einreise kann ich auch noch die von uns absolvierte Route empfehlen. Hierbei reist man, statt von Prag nach Chop, nach Humenné (Berlin-Prag €30; Praha-Humenné ca. €25 im Liegewagen), dann weiter mit dem Bus (€2,85) bis Ubl’a, dem letzten slowakischen Ort vor der Grenze. Von hier aus kommt man über einen sehr entspannten, neu eingerichteten Grenzübergang nach Transkarpatien. Wenig Autoverkehr und Grenzer, die mit westlichem Wandersvolk Erfahrung haben da hier beispielsweise der “East-Carpathian-Greenway” entlangführt.

Herumreisen: Das Fortbewegen in Transkarpatien mag für den Osteuropaneuling durchaus einige Herausforderungen bereithalten. Diese vernachlässigte Peripherie eines nicht minder vernachlässigten Landes bietet neben den ererbten Obskuritäten sowjetischer Transportkultur ein erschreckendes Bild des Verfalls in jeglicher Hinsicht. Ob Bahn oder Straße – Fortbewegung folgt hier anderen Prämissen als im Goldenen Westen.

Eisenbahn – einstmals das souveräne Verkehrsmittel des Volkes, fristet es nun ein erbärmliches Schattendasein am Rande der Gesellschaft. Zwar sind die Züge voll und werden gern genutzt, doch die alten sowjetischen Modelle krauchen alterschwach auf wackeligen Gleisbett dahin, ihre Frequenz ist eigentlich nicht der Rede wert und wird höchstwahrscheinlich nur von extrem langfristigen Planern und Zugconnaiseuren genutzt.

Auf der ehemaligen Magistrale Lemberg-Wien verkehren aktuell nur noch drei Züge täglich. Vielleicht einer meiner traurigsten Momente in drei Wochen Ukraine.

Dabei ist sie weiterhin die preiswerteste Art zu reisen, doch ihre Nutzung will gekonnt sein. Da das beliebte Nahverkehrsmodell der Elekritschka offenbar aus dem Verkehr gezogen wurde, kann nur noch mit den wenigen überregionalen Zügen gereist werden. Hierbei gilt einerseits, dass das Ansinnen heute zu kommen um für heute eine Verbindung zu buchen eher ungewöhnlich ist und in der Ferienzeit sich auch als dementsprechend schwierig gestalten kann. Daher, so es möglich ist, gerne ein paar Tage vorher Tickets kaufen. Für den Ticketkauf reserviere man sich auch reichlich Zeit. Zumeist gibt es einen Schalter und das Ritual des Kaufs bedeutet, dass jede Kundenaktion deutlich mehr Zeit benötigt als man vermuten würde. Denn der Kauf eines Tickets ist sehr persönlich, sprich die Daten eines jeden Reisenden müssen eingetragen, diverse andere Fragen geklärt werden. Der gesamte Prozess wird von derartig viel unnötigen Ballast abgebremst, dass man hier eigentlich nicht genug Zeit einplanen kann. Aber es lohnt sich.

Und wenn die letzte Bohle verrottet ist, der letzte Zug auf der letzten Lok pfeift und die letzte Weiche falsch gestellt ist – werdet ihr immer noch nicht begreifen, dass die beste Art des Reisens verloren ist.

Für absolute Beginner hier nur kurz ein paar Dinge. Ähnlich einem europäischen Schlafwagen werdet ihr am Eingang eures Waggons von eurem Schaffner in Empfang genommen. Er behält für den Rest der Reise eure Tickets, versorgt euch mit Bettwäsche und auf Wunsch mit Tee und Snacks. Zwei Klassen stehen zur Verfügung: Kupe und Patskartni. Während erstere unseren Liegewagen gleicht, also einem soliden 6er-Abteil, handelt es sich bei letzterem um so etwas wie einen Schlafwagen ohne Abteile und dem verstörenden Begleitumstand, dass auch im Gang noch zwei Betten pro “Abteil” rangeklemmt sind. Was jetzt merkwürdig klingt, ist eine überaus annehmbare Art zu reisen und wie ihr hier eure Betten zusammenbaut, findet ihr schon alleine raus.

Bus – Man sollte nun annehmen, dass der übliche Zerfall des Schienenverkehrs zumindest dem Busgewerbe zum üblichen kurzfristigen Goldrausch verhelfen würde. Doch dies kann nur in  begrenzten Maße behauptet werden. Zwar liegt die Taktfrequenz hier deutlich höher (alles andere wäre auch gleichbedeutend mit der kompletten Einstellung des Verkehrs gewesen), doch pfeift auch hier die gesamte Struktur auf dem letzten Loch. Der gesamte Fuhrpark wie ein großer Teil der Straßen sind in jämmerlichen Zustand. Das gesamte System des öffentlichen Nahverkehrs jenseits der Schiene macht einen unorganisierten, chaotischen Eindruck. Busverbindungen existieren zwar, doch Zeit, Dauer und Zuverlässigkeit stehen auf einem anderen Blatt. Nichtsdestotrotz gehören Busse zum unverzichtbaren Fortbewegungsmittel und wenn allein nur um erleichtert aussteigen zu können und sich hiernach noch mehr auf die unberührte Natur und die Gnade des Selberlaufendürfens zu freuen.

Alles was sich bewegt, kann dein Taxi sein. Öffentlicher Nahverkehr in Bauernhand.

Mitfahrgelegenheiten – Doch nichts wird so traurig gegessen wie es wahrgenommen wird, oder wie lautet diese Lebensweisheit noch gleich? Wenn man sich also immer weniger auf, vom Staat oder freien Unternehmertum ausgehende Methoden der Fortbewegung verlassen kann, so springt hierzulande die aus der Not und der Wendigkeit der Menschen geborene Bereitschaft ein, um Menschen von A nach B zu befördern. Selten bin ich auf einer Reise von dieser Kürze mit solcher Selbstverständlichkeit mit einer vergleichbaren Zahl an unterschiedlichen Transportvarianten mitgenommen wurden. Die miserable Qualität der Straßen begünstigt zweifelsohne jene Modelle, welche durch eine gewisse Robust- und Grobheit zu überzeugen wissen. Ob mit den mächtigen, wie aus einem Stahlquader geschnitzten Lastern ZIL oder URAL, den anscheinend allmächtigen Kleintransportern UAZ oder auch mal ganz schlicht im bergfest zurechtgerüttelten PKW. Die Vielfalt der Möglichkeiten ist schier grenzenlos und wird nur von der Bereitschaft zur Mitnahme übertroffen.

Der kleine Grüne, ein gern gesehener Untersatz auf dem Weg in die Berge.

Fahrradfahren – Hierüber kann ich leider nicht aus der eigenen Erfahrung schöpfen, auch wenn ich als passionierter Fernradfahrer die Lage hier als eher suboptimal, allein der Straßen wegen, einschätzen würde. Das Netz verrät jedoch, dass es einige gewagt haben und ihre Berichte klingen nicht so übel wie ich es mir vorgestellt hätte.

Wandern – kommen wir nun zu der Fortbewegungsart wegen der alle vorgenannten eigentlich nur erwähnt wurden – der Urgroßmutter aller Bewegung – dem eigenständigen Laufen. Bzw. ihrer gestählten Cousine, dem Wandern mit Rucksack, also eher die Kategorie zivilisationsausblendender Parkspaziergang. Doch auch wenn man dem nichts abgewinnen kann und eher dem federleichten Tagesausflug zuneigt, auch dies ist problemlos möglich. Vorausgesetzt man hat die Navigationsfrage (s. Andere Wissensquellen) irgendwie für sich gelöst, steht dem selbstbestimmten Gang in die Berge Transkarpatiens nichts mehr im Wege. Natürlich sind die Wanderwege unterschiedlich gut markiert, in unserem Fall spürten wir zum Beispiel deutlich wie die Qualität Richtung Osten, also hin zu den Filetstückchen der Region, deutlich zunahm. Oftmals leiden die Wanderwege unter jenem, auch aus anderen Gegenden bekannten Syndrom, dass sie dort wo ihr Verlauf offensichtlich ist, überdeutlich markiert sind, dagegen an heiklen und unübersichtlichen Stellen durch Abwesenheit glänzen. Als Merkspruch mag gelten, möglichst konzentriert bei Auf- und Abstieg zu sein, auf den baumlosen Hochwiesen der Karpatenkämme ist der Weg der nächsten Tage meist auch ohne Wanderzeichen ersichtlich. Ich kann an dieser Stelle nur nochmals auf GPS-fähige Geräte verweisen. Wahrscheinlich gänge es auch ohne, doch es hat mit Sicherheit viel unnötiges Suchen und zurücklaufen erspart.

Kammwegweiser mit Weg im Hintergrund.

Sprache: Eines sei gleich vorweggenommen: Auch wenn die Reiseratschläge zur Region, wie erwähnt äußerst mager ausfallen, ein Tipp wiederholt sich meist in steter Penetranz – ohne Russisch- oder Ukrainischkenntnisse sei man hier komplett aufgeschmissen. Nun, was soll ich sagen?! Da ist was dran. Allein die Unkenntnis der kyrillischen Buchstaben würde einiges erschweren. Und lasst jegliche Hoffnung hinsichtlich der üblichen Sprachstützräder fahren – hier in den Bergen spricht man nicht in derlei exotischen Zungen wie Englisch oder Französisch. Jedoch möchte ich ergänzen, zumindest in dieser hier besprochenen Grenzregion ist man gut dabei so man wenigstens eine slawische Sprache halbwegs beherrscht. Die eingangs schon erwähnte wechselhafte Geschichte Transkarpatiens erzeugte eine Bevölkerung, welche sich größtenteils nicht als Ukrainer empfindet und förmlich zwischen den Sprachen zu schwimmen scheint. Und so genießt jedenfalls ein osteuropäisch geschultes Ohr hier Gespräche, die sich schwer einordnen lassen und unablässig zwischen den Sprachen springen. Versucht man ein Gespräch nun auf Russisch zu führen wird dies ohne Murren akzeptiert, doch schon nach kurzer Zeit entschwindet der Gesprächspartner zumeist in sein panslawisches Kauderwelsch. Ähnliches geschieht wenn man ein Gespräch auf Polnisch beginnt.

Kolotschawa, ein Dorf im Rajon Mischhirija in der Oblast Transkarpatien – mitten im Herzen der Tschechoslowakei

Bliebe abzuwarten was bei einem tschechischen Gesprächsstart geschehen würde, denn dies ist mit Abstand die hiesige lingua franca. Tschechisch? Ja, richtig gelesen. Der kurze Abschnitt in der Geschichte Transkarpatiens (1919-1938) in der man tatsächlich zur Tschechoslowakei gehörte sowie ein reges Interesse von tschechischer Seite nach der Wende (touristisch erlebend wie auch Tourismus-Infrastruktur aktiv aufbauend) führten offensichtlich dazu, dass diese von allen anderen vergessene Ecke einzig über die Tschechoslowakei eine zarte Verbindung in die große, weite Welt aufbauen konnte. Dieser überraschende Einfluss treibt dabei solch entzückende Blüten wie der Begleiterscheinung, dass man in manchen Karpatendörfern von Kindern mit einem flötenden “Achoj” begrüßt wird. Ein bezauberndes Erlebnis, als ob die russischen Cousins des kleinen Maulwurfs aus den Vorgärten springen würden.

Menschen: Es sollte aus dem zuvor Geschriebenen schon leicht hervorgequollen sein, dass der hiesige Menschenschlag ein durchaus netter ist. Selten habe ich auf Reisen dieser Länge das völlige Ausbleiben von unangenehmen Momenten oder kleineren Problemchen erlebt. Wir müssen hier definitiv Glück gehabt haben, denn ich bin ein fester Anhänger der These von einer universellen Idiotenquote überall auf diesem Planeten. Doch andererseits spricht es auf jeden Fall für die Menschen hier, denn an anderen Flecken der Erde fallen einem besagte Idioten zumindest schneller auf.  Es sind herzliche und freundliche Menschen. Menschen die aufgeschlossen und interessiert sind, ohne aufdringlich zu sein. Ein wenig schimmert bisweilen auch eine gewisse weltabgeschiedene Naivität durch, welche jedoch ohne Dünkel und Angst daherkommt, sondern sich stets entspannt auf den Fremden einlässt.

Passt diese kleine Gruppe netter Bergtouristen in das mit Kram bis zur Decke vollgestopfte Auto im Hintergrund? Den gemeinen Waldkarpaten regt dabei allein schon die Frage auf.

Bei allem Lob sei an dieser Stelle aber auch angedeutet, dass der weibliche Reisende in Nuancen anders behandelt wird als sein männliches Pendant. Dies hat vielleicht mehr Ursachen in der ländlichen Prägung der Region als in der kulturellen Ausrichtung Transkarpatiens. Dennoch bemerkt man schnell an kleinen Gesten und Ausrichtung der Gesprächsführung, dass die selbstständig agierende und selbstbewusst auftretende Frau hierzulande gewöhnungsbedürftig ist. Schlussendlich vermag aber auch diese kleine Schieflage den positiven Gesamteindruck nicht übermäßig zu mindern, da selbst dies mit Respekt und Charme einhergeht.

Übernachten: Überfliegt man vor Reiseantritt scherzeshalber die Übernachtungsmöglichkeiten, welche das Internet in Transkarpatien feilbietet, so streichelt man einmal mehr beruhigt sein Zelt. Außerhalb der größeren Städte, so scheint es, gibt es kaum Unterkünfte, das Prinzip organisierter Zeltplatz ist gänzlich unbekannt und die Kosten differieren zwischen absurd bis unbekannt. Die Wirklichkeit sieht einmal mehr ganz anders aus. Die allwissende Krake Google ist beruhigenderweise unfassbar schlecht informiert über Transkarpatien. Ob Restaurants mit vermietbaren Gästezimmern, spontan aufblühenden Appartements, die aus einem Gespräch in einer Kneipe entstehen können oder die schlichte Berghütte mit feinstem Quellwasser und sauberen Plumpsklo – all dies und noch viel mehr ist möglich zwischen Usch und Theiß. Sprich: Auch wenn es sich hier um eine vergessene Gebirgsecke handelt, Touristen sind hier keine unbekannte Größe. Da es sich hier um den gebirgigsten Teil der Ukraine handelt, war Wander- und Wintersporttourismus schon zu sowjetischen Zeiten üblich. Gewisse Reste hiervon haben sich gehalten, neue Anfänge zeigen sich zaghaft – kurz, in allen von uns besuchten Siedlungen hätten wir problemlos unterkommen können. Die, in denen wir schliefen, waren ausnahmslos sauber, stilvoll eingerichtet und äußerst preiswert (ein Durchschnittspreis den wir mehrfach präsentiert bekamen war 500 Hriwna/ca. €17 für 4 Personen). Eins stimmte aber tatsächlich, den Campingplatz wie er uns bekannt ist, fanden wir in der uns beschiedenen Zeit tatsächlich nicht.

Unterkunft nach Maß

Und warum auch? Überall in den Bergen ist zelten möglich. Teilweise sogar unter luxuriösesten Umständen. In den prominenteren Gebirgen wie Tschornohora oder Borschawa gibt es an den traumhaftesten Flecken ausgewiesene Biwakstellen meist mit eigener Quelle und Feuerstelle. Was will man mehr? All die, aus Mittel bis Ostmitteleuropa bekannten Sorgen hinsichtlich der Unbedenklichkeit von Wildzelten, Feuermachen und dergleichen mehr zerschlagen sich hier binnen kürzester Zeit wie ein schlechter Traum. Unbeschwertes Leben in freier Natur? Hier ist es noch ohne jedwede Haken möglich.

Hunde: Wie immer auch eine kurze Kritik zum Thema Hunde auf Reisen. Auch hier kann nur Bestes berichtet werden. Wir erlebten nicht ein einziges Mal eine Einschränkung durch unseren Hund, Unterkünfte, Restaurants, Bus, ohne Leine laufen in der Stadt – alles keinerlei Problem. Die Menschen begegnen Hunden allgemein freundlich und ohne Ängste. Streuner im klassischen Sinne sieht man so gut wie gar nicht. Für die Eisenbahn sollte man ein Ticket für den Hund kaufen, auch wenn uns das Reglement hier ein wenig willkürlich erschien, mitkommen tut man immer. In den Bergen versteht es sich von selbst, dass Besitzer von Rüden etwas achtsamer sein sollten. Wenn das zarte Gebimmel der Schafherden erklingt, ist deren hündisches Bewachungspersonal nicht mehr weit. Diese streifen in riesigen Radien um ihre Herde herum und nähern sich neugierig auch eventuellen Wanderern. Menschen gegenüber sind sie überaus respektvoll und furchtsam, doch die Erfahrung weiß, dass ein mitgebrachter Rüde die Situation hier unter Umständen verschärfen kann.

Manchmal sind die uneingeladenen Gäste die Besten

Kulinarik: Wenn die Originalität der ukrainischen Küche in der Reisegruppe auch heiß diskutiert wurde, so war eines über alle Zweifel erhaben – die Qualität der Zutaten! Ähnlich wie bei unseren georgischen Erlebnissen ist es immer wieder spektakulär, wie eine gewöhnliche Tomate die Zunge zum tanzen bringen kann. Es wäre müßig an dieser Stelle über die Entstehung von Lebensmitteln und das Verschwinden des Geschmacks zu referieren (bzw. ich verweise auf eine hier erschienene Buchbesprechung), halten wir daher einfach fest: Warum und wie auch immer, alles hier hat Geschmack, Konsistenz und Gehalt! Und noch eines sei vorweg gesagt: Abgesehen von Geschmack und Gehalt der angebotenen Speisen und Getränke fiel mir immer wieder auf inwiefern die Menschen hier eine ausgeprägten Detailversessenheit hinsichtlich der Originalität ihres Interieurs pflegen. Plastikgeschirr oder  0815-Möbel sind in Transkarpatien schwerlich vorstellbar. Selbst der kleinste Imbiss in der tiefsten Provinz hat sein eigenes individuelles Geschirr und mehrere stilvolle Ideen bei der Inneneinrichtung seines Lokals im Angebot. Nicht zuletzt sei die liebevoll in Szene gesetzten Kolybas erwähnt, jene urig eingerichteten Holzhäuser mit offenen Feuerstellen, welche nach kleineren touristischen Anpassungen an die frühere Verwendung nun mehrheitlich für ein meist verdammt gutes Restaurant stehen, in dem die typischen Gerichte der hiesigen Berge gereicht werden. Dem einen oder anderen mögen diese oberflächlichen Fragen des Speisens nebensächlich erscheinen, ich bin von einer derart ausgeprägten Vielfalt jedoch zutiefst angetan, insbesondere hinsichtlich der klaffenden Gegensätze, die sich in den meisten Nachbarländern diesbezüglich offenbaren.

Die Küche selbst ist ganz klar, wen mag es überraschen, slawisch geprägt. Wobei auch hier die Gebirge und Grenzen Faktoren sind, die die Küche Transkarpatiens noch einmal einen besonderen Stempel aufdrücken.

So ist die dominierende Suppe in den meisten Lokalitäten beispielsweise Bogratsch (nach dem ungarischen Wort Bogrács, das traditionelle Wort für den deckellosen Kochkessel in dem Gulasch zubereitet wird). Bogratsch ist dabei ein Wort für einen Eintopf für den wahrscheinlich deutlich mehr Rezepte existieren als Transkarpatien Einwohner hat. Einzige Konstanten waren: er wird heiß serviert und schmeckt hervorragend.

Eine von Abermillionen Bogratsch-Versionen im Entstehungsprozess. Nur echt wenn über dem offenen Feuer gekocht.

Eine weitere große Säule der transkarpatischen Küche ist wiederum ein treuer Gefährte aus rumänischen Wandertagen. Polenta, hier Banosch genannt, gibt es in zahlreichen Variationen als Brei, Kloß oder frittiert, ergänzt mit würzigen Bryndza (gesalzener Schafskäse), knusprigen Speck oder Gemüse.

Und dann natürlich die ganze Palette an diversen Mehlspeisen, welche in gewissen Abstufungen und Abschleifungen von der Oder bis zum Amur in den Töpfen brodelt und in den Pfannen brutzelt. Wareniki, Pelmeni, Tschebureki oder Pyrohy und die ganze Teigtaschenschar. Immer ein wohliger Genuss und nie eine schlechte Wahl.

Selbstverständlich ist auch Fleisch ein treuer und unverzichtbarer Bestandteil der transkarpatischen Küche. Auf den ersten Blick fällt zunächst der elementare Steuerknüppel sowjetischer Fleischkultur ins Auge: Schaschliki! Hier gilt zweifellos die Eingangsthese, natürlich ist so ein Schaschlik das denkbar einfachste Fleischgericht und ähnlich wie das Rad schwerlich neuzuerfinden, doch edle Zutaten sind bei einfachen Gerichten stets der Schlüssel. Und hiermit wurden die Spieße bei all unseren Kostproben immer reichlich bestückt und ließen uns entzückt zurück.

Neben diversen anderen Fleischgerichten, die hier nicht einzeln erwähnt werden können um einem Solokünstler Platz einzuräumen, der ihm ohne jeden Zweifel zusteht: Speck, bzw. Salo wie der Ukrainer es ausspricht. Speck hat es in unseren Breiten nicht gerade leicht. Dieses erlesene Schweineprodukt, welches in seinem reinen Wesen nichts anderes als Fett ist, befindet sich in Zeiten gesundheitsbewusster Ernährungskreuzzüge selbstverständlich in verlustreichen Rückzugsgefechten. Dies ist jenseits des Bug, wie so vieles noch anders. Salo hat auch in Russland und Belarus zahlreiche Gefolgsleute, doch in der Ukraine scheint er wie die Flagge oder das Wappen ein regelrechtes Nationalsymbol zu sein. Vielleicht, so könnte man ketzern, ist dieser fettige Leckerbissen so gar einer der stärksten verheinheitlichenden Artefakte des frisch konstruierten nationalen Konstrukts namens Ukraine. Und den besten Speck der Ukraine bekommt man dann wohl in der Westukraine, genauer in Transkarpatien. Wir befinden uns hier also im Epizentrum des Salo-Kults.

Salo – ein Wort so zart wie die Versuchung, so knusprig wie die Sünde und so aromatisch wie das Leben.

Dieser Speck besteht immer aus dem Rückenfett des Schweins. Am ehesten erinnert er vielleicht an den italienischen Lardo. Traditionell ist der ukrainische Speck mittel gesalzen, fest, mit Kümmel und Knoblauch gewürzt. Natürlich gibt es hier aber auch etliche andere Varianten des Salzens und Würzens: Es gibt den Speck mit Paprika, mit Sesam, mit bulgarischen Pfeffer und mit tausend anderen Gewürzen. Geräuchert wird er aber immer. Speck in seinen verschiedenen Variationen wird dann gern als Vorspeise auf saftigen, dunklen Roggenbrot, mit Knoblauch, Zwiebeln, Gurken und natürlich Wodka serviert und, vertraut mit Vegetarier aller Länder, alles Vorhergesagte mag großartig klingen, aber allein der Speck ist schon Grund genug, nach Transkarpatien zu reisen.

Die heilige Dreifaltigkeit der Getränke kann mit Kwas, Bier und Horylka recht umfassend beschrieben werden. Der Kwas, der alkoholfreie Brottrunk-Klassiker ist zumeist vom Fass in den unterschiedlichsten Varianten, von zuckersüß bis säuerlich-trüb zu haben. Jeder sollte ihn mal probieren und nicht nur einmal, denn die Geschmacksrichtungen können hier von Kneipe zu Kneipe schon enorm voneinander abweichen.

Das ukrainische Bier gehört zu den besten des slawischen Kontinents. Diese Erkenntnis überraschte uns schon bei unserem ersten Ukraine-Ausflug. Obolon, der allgegenwärtige Marktführer muss sich mit seinem Pils wie auch seinem Weizen nicht verstecken. Die meisten anderen Biere in der Ukraine sind definitiv auf Augenhöhe mit ihren Industriebier-Pendants in Mitteleuropa. Die größte Überraschung für mich war aber die Fassbiervariante von Schigulewskoje. Unter diesem Namen bekommt man in den ehemaligen GUS-Staaten zumeist irgendein Getränk was deutlich an seine eigentliche Funktion als Wodka-Spülmittel gemahnt. Die ukrainische Variante von Schigulewskoje dagegen befindet sich nicht nur auf Augenhöhe mit den Brauerzeugnissen Mitteleuropas, nein, ich möchte hier sogar todesmutig behaupten, dass sich diese Bier mit den böhmischen Delikatessen messen kann. Desweiteren haben wir auch hier in jenem verstaubten Winkel Europas die zarten Keime eine Microbrewer-Kultur ausmachen können. In Rachiw gibt es ein überraschte uns beispielsweise mitten in der Provinz ein ausgezeichnetes Craftbeer-Lokal und in Lemberg kamen wir aus dem staunenden Kosten gar nicht mehr raus.

Horylka, die ukrainische Variante des Wodkas (abgeleitet vom ukrainischen Wort für “brennen”) ist ein unausweichliches Erlebnis einer Transkarpatienreise. Ähnlich der polnischen Umgangsweise mit Hochprozentigen gibt es auch in der Ukraine eine unglaubliche Vielfalt an Sorten, viele davon aromatisiert mit Beeren, Honig oder – am bekanntesten – mit Pfeffer (der sogenannte “Pertsovka”, hier ein Vorschlag wie man ihn zu Hause herstellen kann). Dem unachtsamen Beobachter der Wodkaszene mag die ukrainische Qualität zunächst nicht viel sagen. Zu stark stehen die Wodka-Platzhirsche Polen und Russland beisammen und versperren hier etwas die freie Sicht auf durchaus originelle und schmackhafte Schnäpse. Probiert euch durch und seid für interessante Geschmackserlebnisse bereit. Aber nie pur, immer, wie euch jeder verantwortungsvoller Wodkaspender erinnern wird, mit der heiligen Allianz aus Schwarzbrot, Speck und Gurke.

Schöne Orte (selbst besehen)

Lwiw/Lwów/Lemberg – es mag sonderbar erscheinen, dass angesichts der Natur- und Wanderausprägung unserer Reise, hier mit einer Stadt eröffnet wird, doch diese Stadt hat sich diese Stellung zweifellos verdient. Lange habe ich von dieser Stadt geträumt. Neben Kiew und Odessa vermochte nur Lemberg unter den ukrainischen Städten ähnliches in mir auszulösen. Dabei wurden in meiner Klaviatur der Erwartungen hier verschiedenste Tasten berührt. Lemberg als jüdisches Zentrum Europas, als alte polnische Universitätsstadt oder als legerer Endbahnhof des kakanischen Imperiums. Und das war nur der Anfang einer unüberschaubaren Assoziationsswolke die vor mir aufploppte sobald ich an die alte Hauptstadt Galiziens dachte. Und bei all den hoch aufgetürmten Erwartungen kann ich nach mickrigen zwei Tagen Stadturlaub nur sagen: Es ist alles noch viel besser als erhofft!

So einzigartig und lobhudelnswert die galizische Königin auch ist, die Imagekampagne ließ mich doch etwas zweifelnd zurück.

Das Zentrum der 728.000-Einwohnerstadt ist von den Zerstörungen des 2. Weltkriegs vergleichsweise unberührt geblieben. Somit handelt es sich bei Lemberg um eine der wenigen osteuropäischen Städte, welche noch ein nahezu unversehrtes wie authentisches Stadtbild einer slawischen Großstadt der Vergangenheit heraufbeschwören kann. Dazu befindet sich Lemberg in einem, jedenfalls mir gefallenden Dämmerzustand zwischen Verfall und Auferstehung. Vieles macht einen maroden und kaputten Eindruck, kann aber problemlos neben neuen Lokalen oder sanierten Häusern koexistieren ohne einen Eindruck von Stilbruch und Planlosigkeit zu erzeugen. Lemberg gehört ohne jeden Zweifel in jene Kategorie von Städten, in denen ich schon nach dem ersten Flanieren gleichzeitig juchzen wie heulen möchte. Die pralle Dichte an Geschichte, Kultur, Gastronomie, Sehenswürdigkeiten und Menschen, welche mich hier interessiert, entzückt wie überfordert mich gleichzeitig. Drum wisse, geschätzter Nachreisender, wenn du Lemberg als Zwischenstation wählen solltest, wisse um die Reisezeit verschlingende Allmacht dieser unauffälligen galizischen Schönheit.

Tschornohora/Swydiwets – Auch wenn wir bei weitem nicht alles gesehen haben von den verschiedenen Gebirgen der ukrainischen Karpaten, die beiden oben genannten Gebirgszüge gehören wohl unumstritten zu den Sahnehäubchen im Angebot. Der hervorstechendste Charakterzug der die hiesigen Berge auszeichnet, sind jene im slawischen Raum unter der Bezeichnung “Polonina” (Bergwiesen oder Almen). Endlos erscheinende Wiesen, die sich auf einem mählich emporsteigenden Kamm vor dem Auge ausbreiten und die meisten Wandererherzen höher schlagen lassen. Wem das lebensfeindliche, alpine Gedöns nichts mehr ist, wer aber auch nicht ständig durch bewaldete Mittelgebirge stapfen will, der ist hier genau richtig. Bei gutem Wetter kann man hier tagelang ohne Zivilisationskontakt den Weg und das Dasein genießen. Beide Gebirgszüge lassen sich entspannt miteinander zu einer Wanderung verbinden (natürlich muss man zwischendurch wieder hinunter und hinauf!) Wasser ist für den aufmerksamen Pfadfinder selbst im Hochsommer kein Problem. Verpflegung sollte dagegen ausreichend dabei sein. Beide Gebirgszüge verfügen auf Kammhöhe über keinerlei Möglichkeit zum Lebensmittelerwerb.

Schöne Orte (noch unbesehen)

Mukatschewo – Neben dem administrativen Zentrum Transkarpatiens, Uschgorod, ist Mukatschewo so etwas wie das inoffizielle Zentrum und bester Ausgangspunkt für die Entdeckung Transkarpatiens. Nebenher hat die Stadt auch noch einiges mehr zu bieten. Hier kann nicht nur die Burg Palanok (im 14. Jahrhundert erbaut) besichtigt werden, auch die älteste Brauerei der Ukraine befindet sich hier.

Das Narzissental – nahe der Stadt Chust kann im Frühling eines der spektakulärsten Naturschauspiele Europas genossen werden. Auf einer Fläche von 170ha blühen hier lückenlose Felder von Stern-Narzissen. Das Vorkommen dieser Blume in diesen Höhenlagen ist einzigartig, denn normalerweise gedeihen sie auf Bergwiesen, kommen unter anderem in den Alpen vor. Es wird vermutet, dass der Gletscher als er von den Bergen herunterrutschte eine Erdschicht mit Bergpflanzen mitgenommen hat, unter welchen sich auch die Narzissen befanden.

Tscherniwzi/Tschernowitz – obzwar eher in Randlage der hier betrachteten Region könnte die ehemalige Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina ein würdiger Schlusspunkt jeder Transkarpatienreise sein. Wenn Lemberg an allen Ecken mit seinem matten Glamour an die große Zeit Polens erinnert, so muss Czernowitz als ein in Würde gealtertes Klein-Wien mit sowjetischer Patina erscheinen.

 

 

 

Frisch gegessene Küchen: Korea – Wedding – Sam Yuk Gu

Die koreanische Küche als fleischlastiges und feuriges Findelkind unter all den bunten Gesundheitskindern Asiens konnte sich schon von jeher meiner Sympathie gewiss sein. So ist es fast schon ein wenig beschämend, dass es geschlagene neun Monate brauchte, bis ich dieser verheißungsvollen neuen Lokalität die Ehre erwies. Im kalten Winkel der Seestraße, dem gesichtslosen Transitbereich zwischen den Fleischtöpfen des Leopoldkiezes und der Fettlebe der Osloer Straße öffnete letztes Jahr auf der Asche eines südostasiatischen Allzweckbistros das “Sam Yuk Gu”.

Mit frischem Interieur und urbanen Flair begrüßt man hier seine Gäste. Aufmachung und Anspruch lassen leicht erkennen, dies hier ist zweifellos nicht mehr Teil jener kulinarischen Expeditionen für den ich den Wedding einst schätzte. Jene Plastiktischatmosphäre in gemächlich angefetteten Kaschemmen, wo man stets der Illusion hinterherjagte, diese wirklich authentische Genüsse aus fremden Kulturräumen zu erhaschen. Nein, derlei Späße waren hier nicht zu erwarten, aber wir sind ja aufgeschlossen und stets bereit die wenigen positiven Aspekte der Gentrifizierung mit allen Sinnen zu genießen.

Der ehrenwerte Stammtisch, geboren aus Gelaber, Trank und Spiel hatte sich zusammengefunden um erstmals mit kulinarischen Genüssen den Mittwoch zu feiern. Auf den ersten Blick ein würdiger Start. Die kompakte Speisekarte verhieß Gutes. Die so freundliche wie unaufdringliche Bedienung leitete uns charmant durch all die Freuden welche die ferne Halbinsel für uns vorbereitet hatte. Zwei Tischgrills standen flugs bereit und rasch klapperten die Stäbchen konzentriert durch die duftenden Kostbarkeiten. Frische wie Qualität der Zutaten ließen keine Wünsche offen. Natürlich muss hier noch ein zweiter und dritter Besuch absolviert werden um jedweden Zweifel auszuräumen, aber ich würde mich hier kurzentschlossen auf eine Weiterempfehlung festlegen.

So kann daher abschließend all jenen höhnischen Beobachtern aus den gentrifizierten Sektoren, welche seit Jahren voll ungeduldiger Missgunst mit der Parole “Der Wedding kommt” Angst verbreiten, gelassen entgegengehalten werden: Der Wedding kommt nicht, der Wedding is(s)t.

“Sam Yuk Gu” – Seestraße 71 – 16-22:30 Uhr – Montag Ruhetag

Kulinarischer Endkampfgegner: Karpfen

Karpfen – lange Zeit das wohl einzige Lebewesen, der in Europa frei erwerbbaren, welches meinen hungrigen Avancen wacker widerstand. Zu mürbe und wabbelig seine Konsistenz, zu fad und erdig seine unmotivierten Geschmacksnoten und dann eben auch die Vita dieses lethargischen Schlammwühlers. Doch in den wagemutigen Momenten, die wohl jeder experimentierfreudige Gourmet kennen dürfte, ereilte mich dann der Ehrgeiz diesen geschmacksresistenten Gründelfisch essbar zu machen.

Schließlich ist das Essen aus anderen Gründen ja durchaus anzuraten. Einerseits gehört der Karpfen wohl zu den Fischen die aus ökologischer Perspektive am vertretbarsten zu essen sind und andererseits, da meine Sympathien mit dem Karpfen auf Teichgrundniveau sind, ist jeder gegessener Karpfen per se ein guter Karpfen. Denn eine Welt ohne Karpfen ist vorstellbar.

Blieb nur die Frage wie? Die Alternativen aus der Hölle, blau oder als Sülze schieden postspeiend aus. Starke Geschmacksverfremder waren gesucht. Daher wagte ich einen Blick in die Küche traditioneller Allesverwerter wie die asiatische und wurde schnell fündig. Mittels einer soliden Mischung aus Knoblauch, Chilli, Paprika, Zwiebeln und diversen Marinaden enstand ein bunter Sud, der auserkoren war um den Karpfen beizukommen. Der Fisch selber wurde kurz darauf schnell und ohne ihn mit allzu viel Aufmerksamkeit beehrt in ein Sesamölbad geworfen, wo er langsam aber sicher, jedenfalls äußerlich, viel von seiner Karpfigkeit verlor. Nach absolvierter Frittur beerdigte man ihn dann flugs unter der Gemüsepampe und ließ das Ganze geduldig einwirken.

Ein Bild voller Entracht und tränentreibender Schärfe, doch Vorsicht, unter all dem bunten Plunder lauert ein modriger Karpfen.

Und hat das alles geholfen? Die Geschmacksknospen zitterten bang dem großen Moment entgegen. Sagen wir es einmal so, der Asiate versteht sein Handwerk. Ein ganz und gar feuriges Ensemble voller Leben und Turbulenz, was sich da auf der Zunge entwickelte, doch als der Gaumen dann auf das welke Karpfenfleisch traf, da kamen Erinnerungen hoch und dies waren keine guten. Mürb und kraftlos wankte es im Mund zwischen all den aufgekratzen Geschmackspartygästen umher und ließ sich nicht dazu ermuntern auch etwas zur Feier beizutragen. Fazit: Freunde werden wir nicht aber einigen wir uns mal kulant auf ein Unentschieden.

 

Ratgeber: Apulien – ein paar Absätze zum Absatz

Keine Frage – der Stöckel des Stiefels gehört nicht unbedingt zu den populärsten Gegenden Italiens. Selbst der rührigste Promoter der Italienwiederentdeckung, Goethe, wie sämtliche der ihm nachfolgenden Romantiker ließen auf ihrem Weg gen Süden die Halbinsel im Osten stets links liegen. Zu schade für unsere altvorderen Kulturschaffenden möchte man meinen, denn die beeindruckenden Reste des Großhellenischen Reichs in Italiens äußerstem Südosten sind definitiv eine Reise wert. Dies soll nun hier in einem weiteren Kompendium aus der Themenreihe “Schöneres Reisen für eine bessere Welt” näher erläutert werden.

Apulien – Zu Gast bei den Steinfressern

Andere Wissensquellen: Seit ungefähr 20 Jahren scheint die kriminelle Ausstrahlung dieses Landstrichs spürbar zurückzugehen und demzufolge wird Apulien auch zunehmend von Touristen entdeckt. Dementsprechend steigt die Publikationsanzahl von reisebegleitenden Materialien. Eine Empfehlung meinerseits kann leider nicht ausgesprochen werden. Ich setzte gänzlich auf den “Baedeker, Italien Süden” (aus mir unverständlichen Gründen aus dem Verlagsprogramm genommen, letzte Auflage 2011 ) den ich dann natürlich entspannt zu Hause liegen ließ.

An- und Einreise: Zum Thema Einreise bleibt nicht viel zu sagen so man die Gnade eines EU-Passes erfahren hat. Doch auch ohne dies steht eine visafreie Einreise immerhin 66 Nationalitäten nichts im Wege. Auch die Anreise gehört wenn nicht zu den leichteren Übungen so zu vielleicht so gar zum vergnüglichsten Teil der ganzen Angelegenheit. Aus ideologischer Veranlagung wie aus reinem Pragmatismus heraus konzentriere ich mich dieses Mal allein auf den Schienenweg. Wer sich für Auto oder Flugzeug entscheidet, mag sich selber informieren und langweilen.

Eisenbahn: Die erklärte Festlegung auf dieses Verkehrsmittel kommt nicht von ungefähr. In Italien konnte die Eisenbahn noch viele ihrer konkurrenzlosen Vorteile in die Gegenwart hinein retten. Sie kommt in rascher Frequenz, erreicht die meisten wichtigen Punkte, ist preisgünstig (wobei das Tarifsystem leicht verständlich ist) und die Züge sind in gutem bis vorzüglichen Zustand. Diese einfache Basis wird dann auch offensichtlich von der Bevölkerung goutiert. Die Waggons sind stets gut gefüllt ohne überfüllt zu sein und die Stimmung an Bord machte stets Lust auf mehr.

Nur wenige Minuten Verspätung und schon werden Care-Pakete gereicht. Kleine Geste – gigantische Wirkung!

Als eine von zahlreichen Traumstrecken sei dem verwöhnten Zugreisenden die Adriamagistrale von Bologna nach Lecce anempfohlen. Sie rekelt sich lasziv und mit majestätischer Einzigartigkeit an der Meeresküste entlang. Nach Bologna kommt man, so man vorausschauend bucht, für kleines Geld von München rüber (5x pro Tag). Und nach München kommt der Berliner ja nun wirklich mühelos und in Bälde fast wie im Flug. Die knapp 1000 km hinunter nach Apulien gehören zu den schönsten Eisenbahnstrecken, die ich je das Vergnügen hatte, fahren zu dürfen. Ab Ancona schlängeln sich die Gleise liebevoll an dem verlockenden Strand der blauen Adria entlang, dabei windet sich der Zug mit genussvoller Leidenschaft anschmiegsam durch die immer südlicher wirkenden Häuserfluchten, bis er, ab Bari, dem letzten Teil dieser Fahrt scheinbar ununterbrochen durch Olivenhaine und Rebstöcke braust. Und das ganze Vergnügen wird schlussendlich damit gekrönt, dass man, so man bis zur Endstation reist, in Lecce aussteigen darf.

Sprache: Was soll man schon viel zu Italienisch sagen? Welche Sprache versprüht mehr Charme und Eleganz? Die Sprache der Renaissance, der schönen Künste, bündelt Zärtlichkeit und rohe Kraft gleichermaßen. Schon wenige banale Sätze im Alltagskontext können mit ihrer ungebremsten Kraft wollüstiger Vokale, ihren tanzenden Silben und ihrer ganzen Körperlichkeit den unvorbereiteten Barbaren mühelos niederstrecken.

So man die Ansprüche nur ein wenig senkt, kann man dank der Einfachheit des Italienischen schon beachtliche Anfangserfolge verbuchen. So noch irgendeine andere romanische Sprache im passiven Gedächtniskeller verstaubt, kann diese problemlos angewandt werden. Meine Dialogpraxis – Spanisch sprechen zu probieren und Italienisch versuchen zu verstehen – war jedenfalls fast immer ein voller Erfolg. Auch Englisch ist selbstverständlich immer eine Möglichkeit, doch muss berichtet werden, dass die Kenntnisse in dieser allseits beliebten Weltsprache mit steigenden Breitengraden zusehends sanken.

Herumreisen: Machen wir uns nichts vor: Alles hat Vor- und Nachteile. Der öffentliche Nahverkehr im kleinen Rahmen gehört in Italien zweifellos dazu. Die Eisenbahn ist für Fern- und Mittelstrecken über jeden Zweifel erhaben, doch im lokalen versagt sie komplett. Die wenigsten Städte verfügen über eine annehmbare Infrastruktur zur Fortbewegung, weshalb viele aufs Auto umsteigen, was wiederum dazu führt, die Straßen heillos zu verstopfen, was wiederum die paar Busse, die sich durch die Straßen verirren zu hilflosen Beförderungsschaukeln degradiert. Kurz – ein Teufelskreis! Im Dorf-zu-Dorf-Verkehr sieht es selbstredend nicht besser aus. Mangels geringer und undurchsichtiger Angebote eines versprengt und im Untergrund agierenden öffentlichen Nahverkehrs, steigt man aufs Auto um und lässt die wenigen Verbindungen leer durch die Gegend trudeln. Ein Trauerspiel fürwahr. Empfehlung hier wäre sich reiseplanerisch an den Schienen des Landes zu orientieren und Ausflüge abseits derer entweder verteufelt gut zu planen oder einfach dem Zufall überlasssen. Es kommt meist aufs Gleiche raus.

Übernachten: Apulien lebt nicht nur von Oliven und Wein allein, auch der die Verköstigung, Bespaßung und Unterbringung von neugierigen Fremden gehört unzweifelhaft zu den apulischen Einnahmequellen. Speziell im Sommer müssen die, für den italienischen Süden eher untypischen, ausgedehnten Sandstrände und die funkelnde Adria enorme Anziehungskraft auf die klassische Badeurlaubsfraktion ausüben. Daher kann man in der Nebensaison aus einem reichhaltigen Angebot großartiger Unterbringungsmöglichkeiten schöpfen. Ob Hotel, Pension oder eigenes Appartement – das bleibt ganz dem Gusto des Reisenden überlassen. Das Preisniveau tut dabei ein übriges um die Wahl so angenehm wie möglich zu gestalten. Denn im Vergleich zu Norditalien bleiben hier die Kosten durchaus im erträglichen Rahmen.

Hunde: Wie schon bei früheren Besuchen bemerkt, ist die Hundefreundlichkeit in Italien außergewöhnlich. Zumindest aus der Perspektive eines Hundes kann an Italien wirklich wenig ausgesetzt werden. Ungelogen mindestens jeder zweite Passant nimmt von einem Hund in ausschließlich freundlicher Art Notiz. Es wird geschnalzt, gestreichelt und gelächelt, als ob der letzte Hund der Welt auf dem Bürgersteig flanieren würde. Wie selbstverständlich hat man mit dem Hund Einlass in Räumlichkeiten, die ihm sonst (prinzipiell zu Recht) verwehrt bleiben. Die elenden Scherereien die allzu oft bei der Fortbewegung mit Hund aufkommen, verpuffen in Italien wie ein absurder, böser Traum.

Willkommen im Hundeparadies. Sicher, Euphorie sieht anders aus, doch die hiesige Hundewillkomenskultur versucht alles um jeden Hund für sich zu gewinnen.

Was mir jedoch speziell im Vergleich zu früheren Besuchen auffiel, war die signifikant gestiegene Hundedichte. Entweder täuscht mich hier die Erinnerung oder das ist eine spezifische Apulität. Auf jeden Fall  hatten in den Städten mehr Leute einen Hund dabei als in Friedrichshain zu besten Zeiten. Und wenn ich schon Friedrichshain erwähne, keimte da ein Verdacht in mir. Die niedrige Geburtenrate Italiens ist allgemein bekannt. Was, wenn man sich speziell in Süditalien, wo die geburtshemmenden Faktoren um einiges dringlicher als in Norditalien sind, im Zweifel vermehrt gegen ein Kind und für einen Hund entschieden hat? Ich bin mir da unsicher, aber der Verdacht erscheint mir doch recht plausibel.

Kulinarik: Nun, vor diesem Absatz grauste es mir schon etwas, denn wie soll ich auch nur in annähernd erschöpfender Weise das hier erlebbare Märchenland beschreiben. Eine schier unlösbare Aufgabe. Fangen wir einfach mal mit einem soliden Paukenschlag des Lobhudelei-Orchesters an: die italienische Küche ist die Beste der mir bekannten Welt. Im italienischen Universum gibt es dabei weit mehr als die beiden Galaxien Pasta und Pizza. Vielfalt, Improvisationstalent und Perfektionismus unterstützt von einer fruchtbaren Gesamtsituation und einer langen, von zahlreichen Kulturbesuchen durchsetzten Geschichte sind die Grundlagen für die Entstehung dieser reizenden Verführerin. Das Wunderbarste ist dabei aber, dass jede Region, ja schon das nächste Dorf hinten am Horizont ureigene Spezialitäten und unbekannte Genüsse im Angebot hat. Das macht jede Italienreise zu einer unkalkulierbaren Entdeckungstour für die Geschmackssinne.

Frischer Fisch – elementarer Bestandteil der apulischen Küche!

Bevor ich loslege noch ein paar grundlegende Formalitäten: Die italienische Küche wird rituell organisiert durch eine luftige Aufteilung in Antipasti, Primi (Pasta oder Risotto), Secondi (Fleisch oder Fisch) und Dolce. Bisweilen wird dies noch durch Pizza und Salate ergänzt. Wie man sich das dann zusammenstellt bleibt jedem selbst überlassen.

So man selbst zaubern möchte und ich will das hier jedem mit aller Dringlichkeit empfehlen, seien zwei Dinge zu beachten. Zum einen, die uns vertraute Supermarktisierung ist Apulien bestenfalls in rudimentären Ansätzen zu beobachten. Deshalb läuft der Lebensmittelerwerb hier noch auf die traditionelle Weise, sprich: man muss jede Menge Läden aufsuchen um den Einkauf zu komplettieren. Das ist kein Ding und macht sogar Spaß. Merke: Die Segmentierung ist hierbei festen unveräußerlichen Regeln unterworfen, z. B. Wurst und Schinken gibt es nicht beim Fleischer und Fleisch gibt es beim Fleischer, aber auch wirklich nur dort. Zum anderen, behalte die Siesta im Auge (siehe: meine Gedanken zum Thema). Sie meinen es ernst und kennen keine Gnade. Von 13 bis 16 Uhr (manchmal auch etwas länger) ist alles zu und nur die Töpfe des weise Vorausschauenden werden gefüllt sein.

Was hat nun also Apulien zu bieten? Einleitend kann gesagt werden, dass die lange Küste dieses Landstrichs die Küche mit reichlich Fisch und Meeresfrüchten geprägt hat. Cozze arraganate, Orata alla pugliese – klangvolle Namen, duftende Erinnerungen und unbedingte Empfehlungen!

Die Pasta von Apulien ist zweifellos Orecchiette (italienisch: Öhrchen) und ob Öhrchen oder nicht, Pasta in einem beliebigen Lokal vor Ort genossen, ist in den allermeisten Fällen ein garantierter Hochgenuss und er macht auf einfache Art klar, warum die italienische Küche all diese Verehrungen und Verbeugungen meinerseits verdient. Nicht die Masse sondern die Klasse macht es. Einfache und überschaubare Rezepturen, diese aber mit Bedacht ausgewählt und aufeinander abgestimmt. Frische Tomaten (die nach Tomate schmecken!!!), Kräuter, etwas Käse und Orecciette – das Leben kann so schön sein! Im übrigen sollte man mindestens einmal Orecchiette con cima rapa probieren. Dabei lernt man eines der prominentesten Gemüse der Region kennen: Stängelkohl, äußerlich etwas an wilden Broccoli erinnernd, aber deutlich bitterer und schärfer schmeckend.

Erwähnenswert ist auf jeden Fall auch die Apulische Calzone. Auf den ersten Blick mag sie ihrem neapolitanischen Cousin gleichen, doch das dem Teig reichlich beigemengte Olivenöl führen zu einer unerwarteten Geschmacksexplosion.

Käse: Weichkäse von Schaf, Ziege, Kuh und Büffel: Mazzarelle, Scamorze, Pròvole, Provolone, Caciocavallo, frischer und gelagerter Pecorini, Burrate, Manteche und Ricotte – Namen, die mich schon beim Hintippen wegschmelzen lassen. Eine besondere Leckerei, die ich so erstmals hier genießen durfte, ist eine Art geräucherter Ricotta, dessen Name sich jedoch leider weder in Erinnerungen wie Aufzeichnungen auffinden ließ.

Fleischfarbenes Glück, geronnen in Wurst und Schinken.

Wurst: Auch hier kennt jeder Tag mindestens eine Offenbarung. Das morgendliche Durchkosten an der Wursttheke um neue Köstlichkeiten fürs Frühstück zu ergattern, war ein verlässlicher Höhepunkt des Tages. Ein Klassiker ist die Salsiccia Piccante, luftgetrocknet und scharf – exquisit. In Sachen Schinken entdeckte ich Capocollo und begriff erst nach mehren Happen, dass es sich hier um eine Wurst mit Schinkenseele handelt. Ein Traum! Welch gottserbärmliche Armseeligkeit liegt dagegen in der Bedeutung des deutschen Worts Schinkenwurst. Capocollo – unbedingt probieren! Keinesfalls auslassen sollte man Tarantello, diese Wurst wird aus dem frischem Fleisch der Bauchseite des Thunfisches gemacht – ein unvergleichlicher Leckerbissen. Wer hätte es gedacht, die Italiener machen aus Fisch Wurst und es schmeckt auch noch!

Zwei Dinge prägen Apulien wie nichts anderes: Wein & Olivenöl. Ich beschrieb eingangs die endlosen Olivenhaine und Rebstöcke, welche man auf den 400 km Eisenbahnstrecke durch Apulien durchquert. Dementsprechend ergiebig ist der Abfluss edler Tropfen aus Apulien. Es ist die Region Italiens in der der meiste Wein produziert wird. Ganz Apulien, der “Weinkeller Italiens” erzeugt mehr Wein als Deutschland. 80% davon sind Rotweine und zwar weitaus mehr als die für Apulien bekannten Primitivo und Negroamaro. Ich kann bspw. Uva di Troia empfehlen. Und auch wenn die Region von Rotwein dominiert ist so gibt es dennoch ein paar ausgezeichnete Weißweine, die ich kennenlernen durfte. Da wäre der allseits bekannte Verdeca, aber auch eine autochtone Rebsorte namens Fiano Minutolo, die mich schwer begeisterte.

Noch bedeutender für Apulien als Wein sind zweifellos Oliven.  Schon seit dem 7. Jahrtausend vor Chr. isst man hier die knackigen Ölfrüchte. Die Leidenschaft hierfür scheint seitdem ungebrochen und so verwundert es nur geringfügig, dass 40% der italienischen Olivenölproduktion aus Apulien kommen. Ich behaupte, dass selbst die stursten Kostverächter hier schwach werden. Die Kunst, diese unscheinbare Steinfrucht zu ungeahnten geschmacklichen Höhen emporzutreiben ist nämlich, wen wundert’s, hierzulande auf schwindelerregendem Niveau angekommen.

Schöne Orte (selbst besehen):

Lecce – bescheiden in den letzten Winkel Italiens geklemmt gehört sie zu jenen Städten, die einen trotz aller Vorbereitung einfach nur wegblasen. Das “Florenz des Südens” ist eine wahre “Rokoko-Explosion” und dabei touristisch so gut wie unberührt. Dies erstaunt in nicht geringem Maße, denn die heimliche Hauptstadt von Salento ist die komplett erhaltene Offenbarung eines eigenen Barockstils, des nach der Stadt benannten Lecceser Barock. Mit dem in der Nähe abgebauten weichen Tuffstein wurde hier ein Gesamtkunstwerk errichtet, das nicht nur wunderschön, sondern in gewissen Teilen einfach nur noch als durchgeknallt zu bezeichnen ist. Die Masse an opulenten Fassaden, in sich verschlungenen Ornamenten, Fabelwesen und sonstigen Dekorationen sind in ihrer Wucht schwer zu fassen und ließen mich sinnieren, welche Art von Gesprächen wohl mit Architekten, die für so etwas verantwortlich zeichneten, möglich wären.

Gallipoli – auf der anderen Seite an der westlichen Küste pustelt sich eine winzige Altstadt in die Bucht. Die von Griechen gegründete Kolonie (griechisch: “Schöne Stadt”) ist heute eine bekannte Sehenswürdigkeit Süditaliens. Das übersichtliche centro storico ist kompeltt vom Meer umschlossen und nur mittels einer Brücke mit der auf dem Festland gelegenen Neustadt verbunden. Mag es daran gelegen haben, dass wir hier die Weihnachtstage verbracht haben, doch irgendeine ganz eigene Stimmung beherrscht diese Kleinstadt. War es die liebevoll arrangierte Nachstellung biblischer Szenerien oder die aufwändige Bastelei an riesigen Pappmachéfiguren, welche dann am zum Neuen Jahr unter großen Geschrei in die Luft gesprengt werden? Man wird hier irgendwie das Gefühl nicht los, dass hier ein paar besondere Menschen mehr als üblich leben und diese Stadt damit zu etwas Besonderem machen.

Monopoli – ein munteres kleines Städtchen an der Adria südlich von Bari. Ganz normales Süditalien gepaart mit dem gewissen Etwas, welche durch die verwinkelte Altstadt gewährleistet wird. Bis zum Schluss habe ich mich in diesem Labyrinth immer wieder verlaufen, was kein allzu großes Problem darstellte, da ich auf diese Weise aus der Stadt die überraschendsten Dinge herauskitzeln konnte. Allerliebste kleine Bars, entzückende Restaurants oder noch ein ganz neues bombastisch verschnörkeltes Gotteshaus, welches zwischen andere Häuser reingeklemmt in seiner ganzen Pracht kaum zu erkennen war.

Polignano a Mare – auch dies ein entzückendes kleines Küstenstädtchen, kurz hinter Monopoli (5 Bahnminuten). Auch wenn diese Stadt an sich selbstredend selbstverständlich eine Schönheit ist, hierher fährt man wohl hauptsächlich um sich von der gewaltigen Kulisse der Steilküste zu ergötzen. Das Städtchen scheint sich mit aller Kraft den Naturgewalten entgegenzustellen und klammert sich trotzig an die Felskante. Wirklich beachtlich und erfrischend!

Alberobello – obwohl diese putzig anmutenden Rundhäuser, wie sie hier in der sogenannten “Zona dei Trulli” besichtigt werden können, in ganz Süditalien zu finden sind, verbindet man sie im Endeffekt doch hauptsächlich mit Apulien. Die Entstehungsgeschichte dieser ohne Mörtel, Stein auf Stein geschichteten Häuschen ist so entzückend wie charakteristisch für den Mezzogiorno. Im 17. Jahrhundert kam ein gewisser Graf namens Giangirolamo II. Acquaviva d’Aragona auf die schwejksche Idee Häuser ohne Zement und Mörtel zu bauen. Denn so konnte man diese ärgerliche Bestimmung umgehen, wonach neue Ortschaften, ergo neue Häuser, bei der Obrigkeit gemeldet und bezahlt gehörten. Denn diese locker übereinander geschichteten Häuslein konnten im Falle einer königlichen Inspektion ganz einfach abgebaut und später leicht wiedererrichtet werden. Dabei erwiesen sich die aus Not und Trotz entstandenenen Häuser als überaus praktisch. “Durch ihre Bauweise aus massivem Naturstein mit sehr dicken Wänden und winzigen Fenstern bieten die Trulli einen guten Schutz gegen die anhaltende Sommerhitze in Apulien, weil sich das Innere nur langsam aufheizt. Im Winter hingegen speichert ein Trullo für lange Zeit die Wärme, die durch einen offenen Kamin erzeugt wird.” (wikipedia)  Wir halten fest: selbst bei der der Errichtung von Slums gelingt dem Italiener mit seiner unverrückbaren Neigung für Stil und Eleganz das Kunststück, es kultiviert und geschmackvoll zu gestalten.

Schöne Orte (noch unbesehen):

Gargano Nationalpark: Am sogenannten Sporn des Stiefels befindet sich der größte Nationalpark Italiens. Mit solch einem einzigartigen Fanal begrüßt also Apulien die von Norden einreisenden Barbaren. Hier gibt es sie noch, jene dichten und schattigen Wälder, die einst ganz Süditalien bedeckten. Durch die schützende Lage hat sich dies hier erhalten und wird nun weiterhin sorgsam geschützt. Auf einer Fläche, die 0,7% der Landesfläche Italiens ausmacht, befinden sich ca. 35% des italienischen Pflanzenarten. Zusätzlich locken Felsen, Lagunenseen und, natürlich, pittoreske Küstenstädtchen. Kurz gesagt, hier wird einem jene Art von Idylle versprochen, die im Rest Süditaliens dank des umtriebigen Menschen verloren gegangen ist. Steht für mich ganz fest auf dem Reiskalender fürs nächste Mal.

Tremiti-Inseln: Gleich um die Ecke liegen diese sechs unscheinbaren Inseln. Nur zwei von ihnen sind bewohnt und 496 Einwohner genießen auf diesem autofreien Paradies das Leben. Erreichbar sind sie ganzjährig von Termoli aus. Wer Entspannung und Ruhe sucht und sich von der Winzigkeit der Inseln nicht abschrecken lässt, der kann hier mit Sicherheit sein Glück finden.

Castel del Monte (Barletta): Kaum ein Motiv wie das dieses Stauferschlosses ziert mehr Reiseführer oder Internetauftritte, die Apulien bewerben. Zahlreiche Mythen umranken das Schloss. Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, welchen Zweck das achteckige Gebäude erfüllen sollte, verfügt es doch über keinerlei Gräben, Arsenale, Schießscharten oder Mannschaftsräume, die für einen solchen Bau ansonsten typisch sind. Theorien, dass hier astronomische Messfunktionen Ursache des Baus wären, sind angesichts diverser Indizien nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber selbstverständlich finden sich hier noch weitaus mehr Deutungen, die allesamt einen Besuch rechtfertigen würden.

 

Frisch gegessene Küchen: Togo – Wedding – Relais de Savanna

Die Sonne brutzelt, der Asphalt schlägt Blassen, die Luft schwirrt – was liegt da näher als unseren afrikanischen Freunden einen kulinarischen Besuch abzustatten. Das Relais de Savanne ist ein lässiges kleines Restaurant in der Prinzenallee, dass schon viel zu lange auf meine Inspektion gewartete hatte. Mit freundlicher Herzlichkeit wird man hier empfangen und kann aus einer entspannt übersichtlichen Speisekarte wählen. Wir entschieden uns für Fisch mit Yamswurzeln und Rindfleisch-Gemüse-Topf sowie einen Avocado-Garnelen-Salat.

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Kurz gesagt: Alles war ein solider Hochgenuss. Frisch und knackig der Salat, knusprig der Fisch, zart das Fleisch und für mich die absolute Überraschung die Yamswurzeln! Kompakt in der Konsistenz und mit leicht süßlichen Beigeschmack erfreuten sie meine Geschmacksknospen und erschlugen binnen kürzester Zeit meinen Magen. Zweifellos ein äußerst überzeugendes Komprimat unter den effektiven Sattmachern. Hier gibt es jede Menge periphere Sterne und eine absolute Hingehempfehlung, gen auch ohne Kaffee-to-go.

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relais de savanna – Prinzenallee 33 – 13359 Wedding
Montag: Ruhetag

Dienstag&Mittwoch: ab 14 Uhr

Donnertag-Sonntag: 14 Uhr – open end

Frisch gegessene Küchen: Orient, Wedding, Mandi

Nach langer Zeit des Darbens hier mal wieder ein kleiner kulinarischer Querverweis. Vor einigen Monaten bereits eröffnete in unmittelbarer Nachbarschaft ein Restaurant, welches mit Köstlichkeiten der arabischen Küche auf sich aufmerksam machte. Früher gab es hier Spanferkel to go, heute Lamm, Falafel und Hummus. Die Fraktion der besorgten Speisepatrioten ächzt auch hierzu in gewohnt gequälter Manier. Uns vaterlandslosen Bauchmenschen dagegen gefiel alles sehr gut. All die lieb gewonnenen Leckerbissen sowie ein paar mir unbekannte Attraktionen der arabischen Küche werden hier frisch und preiswert feilgeboten.

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Einziger Wermutstropfen: Lamm war leider aus. So kam Hähnchen auf den Tisch. Das überzeugte jetzt zwar nicht in jeder Hinsicht (gut gewürzt, aber zu trocken) doch das Gesamtkunstwerk verdient uneingeschränkt Anerkennung. Eine willkommene Bereicherung des unmittelbaren Genussgebiets. Detailliertere Ausführungen auf dem wie gewohnt bestens informierten weddingweiser.

Mandi – Orientalische Spezialitäten
Seestraße 57 (Ecke Turiner Straße)
13347 Berlin, täglich von 11 Uhr bis Mitternacht geöffnet 

Frisch gelesene Bücher: Das Omnivoren-Dilemma

Wohl zum ersten Mal seit ich diese Sache mit den Buchbesprechungen hier mache, habe ich das Gefühl, zunächst einmal den Titel des Buches erklären zu müssen.  Bei Omnivoren handelt es sich um Allesfresser, und zu diesen, auch wenn es da die eine oder andere versprengte Meinung gibt, gehören wir. Der erläuternde Untertitel des Buchs macht dann mit aller Sperrigkeit klar, wohin die Reise gehen soll: “Wie sich die Industrie der Lebensmittel bemächtigte und warum essen so kompliziert wurde”. Also mal wieder ein Buch übers Essen.

omnivoren

Nachdem wir uns in einem Münzenberg-Spezial ja schon an diesem Thema versucht haben, nun ein wenig Theorie zur, Achtung, Unterfütterung. Ich denke weiterhin, dass das Thema es wert ist und auch in den kommenden Jahren enorm kommen wird. Und Michael Pollan, welcher als einer der Begründer der Slow-Food-Bewegung gilt, zeigt in diesem 600seitigen Wälzer eindrucksvoll weshalb.

Pollan unternimmt eine dreiteilige Entdeckungsreise zu den gegenwärtigen Möglichkeiten der Ernährung: industriell/”bio”ländlich/”Jäger-und-Sammler”.  Dabei wird natürlich mit der ersten Expedition gleich der stärkste Tobak präsentiert. Der militärisch-industrielle Komplex der Lebensmittelproduktion unserer Gegenwart lädt auf unüberschaubar vielen Ebenen zum Gruseln ein. Was hier aber besonders angenehm auffällt, ist, dass der Autor bei allem Diabolischen, die dieser Thematik anhaftet, stets auch in der Lage ist, die beeindruckende technologische Leistung zu honorieren, die bspw. darin steckt, aus einer Pflanze wie Mais derart viele Stoffe zu extrahieren um sie dann wieder zu beliebigen Produkten zusammenzufügen. Auch lässt er hierbei nicht aus den Augen, dass es die industrielle Lebensmitteltechnik war, die uns Omnivoren den Sieg über die Jahreszeiten, die geographische Lage und vieles mehr bescherte. Leider, so muss an dieser Stelle angemerkt werden, bezieht sich das gesamte Buch fast fortwährend auf die USA, so dass der europäische Leser ein wenig im Unklaren darüber gelassen wird, wie viel hiervon auch ihn betrifft.

Der Teil der sich mit “Bio-Landwirtschaft” beschäftigt, im Buch auch als “pastoral” bezeichnet, fällt in seinem Urteil auch nicht allzu überschwänglich aus. Zwar erachtet Pollan jeden Hektar Boden der auf diese Weise bewirtschaftet wird als einen für den Planeten zurückgewonnenen Hektar, doch das war auch schon alles an eindeutigen Abgrenzungen zum industriellen Widerpart. Zu unterschiedlich die Herangehensweisen, zu widersprüchlich die Philosophien und vor allem, zu übermächtig auch hier das Diktat des Profits und die Dominanz des Etablierten. Eindrucksvoll dekonstruiert er aber zumindest den Vorwurf an “Bio”-Lebensmittel ob ihres hohen Preises. Angesichts der versteckten Kosten, die in industriellen Lebensmitteln stecken (diverse Subventionen, Wasserverschmutzung,  nahrungsmittelbedingte Erkrankungen, Antibiotikaresistenz) weshalb diese eben nur scheinbar billig sind, gehören die meisten “Bio”-Lebensmittel zu den billigsten Lebensmitteln, die wir aktuell kaufen können. Doch das bleibt ein schwaches Argument wenn mal wieder am Ende des Geldes noch viel zu viel Monat übrig ist.

Der Teil aber auf den ich mich am meisten gefreut hatte, war der letzte Teil. Welche Möglichkeiten bieten sich uns Stadtmenschen zu autarker Ernährung? Was gibt es neben dem gelegentlichen Äpfelpflücken und Pilzesammeln. Pollan unternimmt hier natürlich Expeditionen auf voller Breite.  Jagen und Fischen, natürlich ganz legitime Mittel dieses Zweigs des Nahrungserwerbs, sehe ich leider in naher Zukunft für mich als nicht realistisch an. Doch nebenher entsteht in diesem Abschnitt des Buchs dann doch eine launige Atmosphäre der Improvisation und Genussfreude, die mir sehr behagt und die auch den Autor zum Ende zu einem “wirklich perfekten Dinner” führt. Die eine oder andere Sache (bspw. die Angelegenheit mit der Wildhefenkultivierung) werde ich unter Garantie auch mal ausprobieren. Natürlich, so resümiere ich gemeinsam mit dem Autor, ist dies natürlich keine alleinseeligmachende Alternative. Zumal nicht für die paar Milliärdchen, die sich um uns herum versammelt haben. Doch es ist ein wertvolles Buch um den Möglichkeiten die wir haben Aufmerksamkeit zu schenken und vielleicht mit der Suche nach etwas anders Schmeckenden nebenher eine andere, eine bessere Welt vorzubereiten.

 

Münzenberg – MZB012 – SPEZIAL-Ernährung

Jpeg
Ernährung – zwischen ausgewogen und abgewogen.

Ein weiteres Aufnahme aus den heiligen Hallen des geschätzten Mastuls.

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Weihnachtsmettzchen

Die besinnliche Zeit trapst heran. Und nachdem ich heute zaghaft weihnachtliche Gefühle entdeckte da ich erstmals Kälte verspürte als ich mit 7 Kilo gefrorenen Vögel unter der Achsel nach Hause schlenderte, dachte ich mir, gönn dir doch das initiale Element der Weihnachtsstimmung: Plätzchen backen. Nur dieses Mal Plätzchen nach meinem Geschmack. Lammspringerl und Rindertaler!

mettzchen

Einfachere Gemüter würden hier eventuell von Bulettchen sprechen.  Angesichts der edlen Zutaten, die hier ins Spiel kommen ein folgenschwerer Trugschluss. Zwischenfazit: Ein Hochgenuss. Und endlich begreife ich auch die Faszination des Teignapfausschleckens!