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Lebus – Bacchus – Zielonus Górus

Ein weiteres Mal zuckelte die  Karawane in die Ferne. Das ehrbare Ansinnen, allen Nachbarn einen kleinen Besuch abzustatten, führte dieses Mal zu so etwas wie einem Heimspiel. Schließlich ist der Polonisierungsgrad der üblichen Reisegruppenzusammensetzung doch erheblich über dem Durchschnitt. Andererseits war Zielona Góra für uns relatives Neuland. Die kleine unscheinbare Weinmetropole sollte, so der Plan, uns an einem Wochenende nicht überfordern, sondern uns ein paar gelassene Herbsttage in der Provinz gestatten. Doch wir hatten es wohl ein wenig unterschätzt. Wer hätte das gedacht? Zielona Góra ist mehr als ein Two-Night-Stand!

Sechzehn Jahr, graues Haar

Heute vor 16 Jahren seufzte eine zarten Promenadenmischung namens Patita erleichtert auf als ihr ein kugelrundes braunes Fellknäuel entnommen wurde. Der beste Hund der Welt war geboren. Sancho, wie er bald genannt wurde, begleitet mich seither in steter Zuverlässigkeit und wenn ich zurückblicke, bin ich für fast jeden einzelnen Tag, den er an meiner Seite war, über alle Maßen dankbar.

Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass er mich solang begleitet und wir quasi gemeinsam ergrauen. Daher hier nochmals in aller Öffentlichkeit Danke dafür. Selbstredend auch an alle Betreuer, Sympathisanten und Gelegenheitskrauler. Und nun, hoch die Näpfe! Auf einen geruhsamen Lebensabend. 29 Jahre und 5 Monate gilt es zu schlagen. Dies ist der offizielle Rekord des Cattle-Dogs Bluey.

La dolce siesta

Dem Konzept der gesellschaftlich verankerten Mittagsruhe stehe ich prinzipiell sehr aufgeschlossen gegenüber. Ein paar Stunden Freizeit mitten am Tag sind für mich zweifelsohne ein Gewinn auch wenn der Arbeitstag hierdurch natürlich etwas in die Länge gezogen wird. Speziell in den heißen Monaten muss hier wohl auch nicht viel abgewogen, sondern schlicht und ergreifend auf Naturgewalten reagiert werden.

Im Winter erschien mir diese Tagesaufteilung anfangs leicht suboptimal, stellt sie doch zumindest den Reisenden vor organisatorische Hindernisse zu besten Zeit des Tages. Temperaturen und Tagesstimmung erfordern auf den ersten Blick auch nicht wirklich eine Ruhepause, nichtsdestotrotz verwaisen die Städte zwischen eins und vier mit trotziger Routine. Doch aus Arbeitnehmersicht bringen die freien Mittagsstunden in der Tat einen unübertrefflichen Vorteil: der düstere Winterklassiker von Arbeitstag und Freizeitnacht unserer Breiten wird hier elegant ausgehebelt. So gesehen, machen sie also Mal wieder alles richtig hier im Mezzogiorno. 

Posted from Monopoli, Apulia, Italy.

Zwischenbilanz

40 – zuversichtlich gesehen kurz vor der Halbzeit, düster interpretiert der Beginn des Lebensherbsts. Wie dem auch immer sei, auf jeden Fall bietet diese numerische Zäsur Gelegenheit um zurück zu blicken und einen kleinen Abgleich mit den Ansichten des Frühsommers dieses Lebens zu unternehmen.

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So denn:

Meinungen, die Veränderungen unterworfen waren

– die Weltrevolution gehört zu den elementaren und unvermeidlichen Ereignissen der näheren Zukunft
– Menschen über 40 ist prinzipiell nicht zu trauen
– feste Beziehungen (außer mit der Revolution) sind Teufelswerk
– Jazz und klassische Musik sind reine Zeitverschwendung

Ansichten, die dagegen Bestand hatten:

– die Eisenbahn ist das beste vom Menschen erdachte Fortbewegungsmittel
– das Zelt-Lagerfeuer-Ding ist die beste Form von Urlaub
– Hunde sind toll
– Fleisch, Bier, Milch und Brot sind die Säulen einer genussvollen Ernährung
– Nahmo ist weiterhin ein peinlicher Kackverein
– Bücher sind Freunde

Ich fasse zusammen: unterm Strich doch eine ganz akzeptable Entwicklung. Ich bin gespannt auf den kommenden Abgleich mit dem Lebenswinter.

Posted from Brezno, Banská Bystrica Region, Slovakia.

Je ne suis pas Karkoffelköter

Das Murren aus den unfruchtbaren Niederungen von Besorgtistan und den staubigen Ebenen der Nochsagendürfei haben wir alle vernommen. Doch wir lachten bestenfalls über Menschen die nach dichten Grenzen schrien, für Menschen versteht sich, nicht für Schwarzgeld. Kopfschüttelnd registrierten wir deren hysterische Aussagen darüber, dass Kriegsflüchtlinge kein Handy besitzen dürften, Steuerflüchtlinge dagegen schon. Dergleichen mehr Nonsense ertrugen wir mit einem immer stärkeren Unwillen, da schien die gequälte Warnung vor Überfremdung und möglichem Verlust unserer beutelgermanisch-christlichen Werte nur ein weiteres Puzzlestück aus dem populären Spiel “Mensch-heuchel-dir-einen”.

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Doch aktuelle Aufnahmen aus dem Wedding, einem der vielzitierten Ethnogettos, werden auch den letzten überzeugen: es ist soweit! Sie haben tatsächlich recht. Deutschland hat sich abgeschafft. Mitten am helllichten Tag sehen wir hier eine böswillige Karikatur unseres Osterhasen. Ein Kartoffelköter!!!! Armes Deutschland! Und wie um uns noch weiter zu verhöhnen noch nicht einmal zu Ostern, nein mitten zwischen den Jährchen (zwischen Ostern und Pfingsten). In der Tat ein an Symbolkraft kaum zu überbietender Angriff auf unsere Identität. Mit was müssen wir leidgeprüften Kulturträger noch rechnen? Was wird aus dem Pfingstochsen, der Zahnfee, dem gewissen Etwas und, natürlich mit der Leitgestalt des treudeutsch-christlichen Wesens, dem Weihnachtsmann? Gedanken die einen das Befürchten lehren. Daher skandiere ich mit den “Patriotischen Osterhasen gegen das Kartoffelelend” (POGKE) – nehmt die Eier in die Hand für das deutsche Vaterland!

π soll sie leben

Heute ist ist der offizielle Feiertag der Kreiskonstante Pi. Ein kurzer Blick auf den Kalender erklärt dies ziemlich überzeugend. Laut Tante Wikipedia wird der Pi-Tag “traditionell mit dem gemeinsamen Verzehren von runden Kuchen begangen (im Englischen wird der griechische Buchstabe π lautgleich wie das englische Wort pie, Kuchen, ausgesprochen)” . Das sollte doch machbar sein. Außerdem bin ich so frei zu diesem Kaffekränzchen noch die passende Begleitmusik zu stiften: Viel Spaß bei dem Folgenden und verschwendet einen kurzen Moment der  Andacht an die Kraft des menschlichen Geistes, auch in Anbetracht eines bisweilen eher gegenteiligen Eindrucks jenes viel gerühmten Verstandes.


Ach, das ist übrigens noch längst nicht alles hier auf eurem “Gute-Nachrichten-Kanal”. Gerade eben ist die ESA-Sonde Exomars erfolgreich ins All gestartet. Und irgendwie wirkt die lebensfeindliche Atmosphäre des Mars’ auf einmal deutlich anziehender als früher.

Zum Frauentag

Nun endlich wieder die richtigen, einzig wahren Blumen zum Feiertag. Lange glaubte ich sie endgültig verloren. Machte Tulpenschwemme wie Rosenflut verantwortlich für ihr unerklärliches Ausbleiben. Nun hat der Rote Wedding sich dann doch noch einmal auf seine ehemaligen Kernkompetenzen besonnen und ein paar wunderschöne Nelken aus dem Ärmel gezaubert. Viel waren auch nicht mehr im Angebot. Kaum auszumachen hinter all den kunterbunten Tulpen und langstieligen Rosengewächsen.

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Daher soll dieser Blumengruß zum Internationalen Ehrentag auch hier geteilt werden und allen  Frauen gewidmet sein. Die meinen kriegen sie natürlich in echt, doch all die anderen dürfen sich voller Inbrunst auf dieses nahezu lebensechte Abbild stürzen. Hoch sollt ihr leben!

De-facto-Fazit

Transnistrien, Pridnestrowje, PMR – was dem einen als die klingenden Lockrufe eines verwunschenen De-facto-Königreich erscheint, wirkt auf andere als absurdes Randgebiet verschrobener Schmuggelfürsten und Restverwerter der sowjetischen Konkursmasse. Den allermeisten wird es dagegen gar nichts sagen. Und dies, so würde ich selbst in meiner Funktion als gelegentlicher Hohepriester des Allgemeinwissens urteilen, völlig zurecht.

Tiraspol – Hauptstadt von Pridnestrowien

Transnistrien ist Molwanien. Es steht zumindest in meiner Vorstellung für die realexistierende Quintessenz jener kruden Lebensweise die jenseits des Bugs beginnt und in den verschiedensten Ausprägungen von da an allerorten zu beobachten ist. Ein Streifen Land, geringfügig größer als Luxemburg, welches in den frühen 90ern einen so blutigen wie im Rest der Welt unbemerkten Krieg führte. Nur um bloß nicht mit denen weiter zusammenzuleben mit denen man dies Jahrzehnte zuvor reichlich problemlos getan hatte. Doch dies geschah selbstredend nicht einfach so. Großrumänien stand damals auf der Tagesordnung und die mehrheitlich russischstämmigen Menschen östlich des Dnestr wollten nicht Teil hiervon werden. Konflikte wie diese, die auf den ersten Blick meist provinziell und hanebüchen erscheinen, gewinnen, so man sich näher mit ihnen beschäftigt, meist an Gehalt und nur wenig später kann man sogar vieles nachvollziehen. Oder glaubt es zumindest.

Jenseits der Hauptstraße. Tiraspol

Zaghafte Recherchen ergabe Erstaunliches: So stellte sich der trotzige Landesteil rechts des Flusses als schwerindustriell ausgestatteter Teil der Sowjetrepublik Moldawien heraus und der Begriff Transnistrien wurde deutlich früher geprägt. Im Zweiten Weltkrieg nämlich, von den rumänischen Besatzern. All dies sind interessante Neuigkeiten für mich und so gewinnt die Betrachtung jenes “eingefrorenen Konflikts” an der Peripherie der europäischen Deutungsgrenze immer mehr an Konturen. So bekommt jene Reise neben all der seit Jahren aufgestauten Exotik einen Hauch von Ernsthaftigkeit. Ich reiste um zu verstehen. Handelt es sich bei der PMR um etwas identitär Eigenes? Und wenn ja, welche Klaviatur ist die lautere – die nationale oder sie soziale? Schlussendlich: Wie geht es den Menschen und wo sehen sie ihre Perspektiven? Große Fragen, zugegeben. Keiner kann nach einer knappen Woche hierauf Antwort geben und ist das Land auch noch so klein. Dennoch will ich das was hängengeblieben ist, versuchen hier festzuhalten.

Der erste Eindruck hinterließ keine übermäßig deutlichen Spuren. Aus der Ukraine kommend änderte sich nicht sonderlich viel, oberflächlich gesehen. Es wirkte auch im zweiten Eindruck wie eine astreine sowjetische Provinzstadt ohne viel Schnickschnack. Kleinere Details fielen erst bei genauen Hinschauen auf. Weniger Werbung, weniger Armut auf den Straßen. Doch das waren nur subjektive Beobachtungen. In der Hauptstadt. Kurz vor DEM Feiertag. Das wollte wahrlich nicht viel heißen.

Die folgenden Tage gehören der Bürokratie. Nichts anderes hatte ich erwartet und eigentlich bin ich, nachdem ich schon nach 2 Tagen und läppischen zwei Ämtern meine Registrierung in den Händen halte, ein wenig enttäuscht. Offenbar hat der Pridnestrowische Tourismus seine Kinderkrankheiten und Rüpelphase schon hinter sich. Harmlos wie ein ungelenker Jungerwachsener taumelt er den Erwartungen erlebnishungriger Reisender entgegen. Aber natürlich ist dies ein hervorragender Erkenntnishorizont um die Gegenwärtigkeit auszuloten. Auffällig hier: Die Dominanz des Papierkriegers ist zwar ungebrochen und in stolzer Tradition zu den zaristischen Schreibstuben und sowjetischen Bürohöllen, doch die Angst ist gleichsam nicht allgegenwärtig und in ihrer Strahlkraft wie durch mediterrane Lässigkeit sacht abgefedert. Selbstverständlich ist hier wie eh und jeh Demut, Geduld und Respekt in reichlichen Portionen gefordert, doch irgendwie schwingt auch mit, dass schon alles gutgehen wird und nichts so heiß gegessen wird usw. usf. So man also auf diesen erheblichen Zeitfresser eingestellt ist, kann man sich mittels dieser Prozedur hervorragend einstellen auf den Rhythmus des kleinen Ländchens am Dnestr.

Erholung am Dnestr – wer kann da schon Nein sagen?!

Da unsere Einreise nun zwar bestätigt aber eben mit Betonung auf “Ein” abgesegnet war, konnten wir nicht abgelenkt werden von möglichen Reizen jenseits der Landesgrenzen. Und so lernten wir unser neues Zuhause gebührend kennen. Wobei, selbst für ein so winziges Land reichte auch hier die Zeit kaum aus. Außer einem Ausflug nach Bendery blieb beispielsweise das flache Land völlig unentdeckt und Sehenswürdigkeiten wie die legendäre KVINT-Brennerei gänzlich unbesichtigt.

In dieser Zeit gewann ich nichtsdestotrotz einen überraschend positiven Eindruck von der PMR. Ja, es handelt sich hier, wie eingangs schon erwähnt um Provinz. Dementsprechend mag es, aus touristischer Perspektive, bisweilen etwas uninspiriert müffeln in Tiraspols Straßen. Doch wenn man den Touristen beiseite lässt und sich mehr auf seine Rolle als Reisender einlässt, dann spürt man, dass es sich hier um ein äußerst entspanntes Fleckchen Erde handelt. Ja, ich habe “entspannt” geschrieben. Das mag verwundern angesichts der politischen Situation die sich um die PMR herum deutlich zu verschärfen scheint und die auch uns bei der Reisplanung mehr als einmal erhebliche Bauchschmerzen verursacht hat. Außerdem, wie kann ein nicht anerkannter Staat entspannt daherkommen? Widerspricht sich das nicht? Mitnichten. Vielleicht auch im Kontrast zu dem was auf beiden Seiten der PMR zu sehen und zu erwarten bleibt, wirkt die Stimmung, DSer Umgang der Menschen miteinander die gesamte Atmosphäre ungemein gelassen und friedlich, fast mit einem Hang zur Trägheit. Doch dies beinhaltet natürlich auch die Frage wie kommt es zu diesem feinen Stimmungsnterschied, den ich zu spüren meinte, Einfach nur ein paar Grenzen und eigene Staatsinsignien mögen in den seltensten Fällen genügen, und auch hier scheint mir, ist es ein wenig mehr.

Symbolfoto; Aus wenig mehr zu machen

Eines muss hier unmissverständlich klar sein: Ohne die massive Subventionierung durch Russland wäre die PMR nur schwer denkbar in ihrer jetzigen Gestalt. Nichtsdestotrotz ist das Erreichte ein, auf den ersten Blick, äußerst ausgeglichenes Sozialgefüge. JA, es gibt den allgegenwärtigen Monsterkonzern Sheriff und JA es gibt auch hier unverhältnismäßigen Luxus der üblichen Ausbeuterfratzen und da kommen mit Sicherheit noch jede Menge anderer JA’s die ich jetzt nicht auf dem Schirm habe. Aber verglichen mit dem einen Armenhaus im Westen und dem anderen Irrenhaus im Osten hat man hier dann doch offenbar ein paar Weichen richtig gestellt.

Aufforderung wie Erinnerung – T-Shirt-Motiv, ick hör dir trapsen!

Einen letzten Schub warmer Gefühle dem Dnestr-Projekt gegenüber hatte ich als ich zwei Tage vor dem großen Feiertag der Probe zu den Feierlichkeiten beiwohnte. Ich bin mir über den gewaltigen Anteil an Propaganda bewusst den der “Tag des Sieges” leider schon immer aufgebürdet bekam. Die Tragik des Einzelnen und das stille Gedenken an das unfassbare Leid welches in diesem Tag mündet wurde mir stets durch das martialisch-pathetische Tschingdarasabums vergällt. Trotzdem vermag ich zu abstrahieren und so bin ich an diesem Tag empfänglich für Gefühle aufwallender Traurigkeit wie auch Dankbarkeit für diese wichtige und doch so verlustreiche Leistung der Sowjetunion. Aber ich weiß auch um die Schwierigkeit, Gedenken dauerhaft mit Leben zu erfüllen. Wie  Wahrheiten zur Phrasenhaftigkeit mutieren und historische Erkenntnisse zu Banalitäten entstellt werden. Meine bescheidenen Erinnerungen an die politischen Feiertage in jenem anderen Staatsversuch (um die Elbe drumrum) sprechen von heuchlerischen Kundgebungen ohne Herz und Überzeugung. Dies war hier in Tiraspol nicht so. Die Zuschauer waren offensichtlich freiwillig hier. Sie saßen auf den Tribünen und sangen die Lieder (die wohltuend unmilitärisch waren) mit und genossen den schwülen Maitag zusammen. Und es handelte sich hier nicht nur um die möglicherweise sentimentale grauhaarige Fraktion – es war ein solider Altersquerschnitt der hier war und mit Natürlichkeit und Lebensfreude mein Herz gewann.

Daher möchte ich damit schließen, dass, auch wenn die Großen der Staatengemeinschaft weiterhin auf stur schalten – meine Anerkennung habt ihr! Ich weiß, das wird auf dem diplomatischen Parkett jetzt nicht sonderlich viel bringen, aber ich finde, ihr solltet das wissen. Wer so etwas auf die Beine stellt wie ihr und das nun bald 25 Jahre hat Souveränität genauso verdient wie beispielsweise Luxemburg. In diesem Sinne – viel Erfolg und gutes Gelingen noch in diesen unruhigen Zeiten. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.

 

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Feiertag in der Kleiststadt

Wie kann man einen unserer wertvollsten Feiertage besser würdigen als mit einem Ausflug nach Frankfurt an der Oder? Schnell in das Flaggschiff der Regionalexpress-Flottille gesprungen und wenig später steht man in Brandenburgs viertgrößter Stadt. Selbstverständlich zieht es den kundigen Provinzerforscher jedoch alsbald hinüber auf die andere Seite. Schließlich hat Pfingsten ja nun auch aktiv damit zu tun, in “anderen Zungen zu sprechen”. Der Gang über die Oder stellt einen gelungenen Wechsel von exzessiver Stille und anprangernder Nichtigkeit hin zu turbulenter Marktschreierei westslawischer Ausprägung dar.

Graziös und unaufdringlich erweckt dieses Wikipedia-Denkmal bei dem Betrachter den unstillbaren Wunsch mehr zu erfahren.

Doch man tut Słubice zutiefst unrecht wenn man es seine Funktion auf Zigarettenhandel und Spargelfälscherei reduziert. Schließlich genügt ein erster Blick um zu erkennen, dass es sich hier um das unbestrittene Zentrum des Lebuser Haardesigns handeln muss. Und dennoch, der despektierliche Charme jedweder Grenzstädte, des falschen Daseins im richtigen Land (oder umgedreht!) schwingt auch hier unbeirrt vor sich hin. Auf dem Markt kommt der Gurkendealer durcheinander als mit Zloty bezahlt werden soll, der Lärm der Durchgangsstraße erinnert an Zuhause und der Bigos schmeckt wie eine Drohung.

Und schon saust er davon, mein neuer Arbeitsgeber, ein Schmuckblatt auf jedem Lebenslauf!

Aber derlei Dinge kennen wir und sind wir unbedingt bereit hinzunehmen, denn schließlich gewinnt der Charme Polens selbst an seinen Rändern. Auch mit Duda. Ein schöner Tag geht zu Ende und wir danken einmal mehr dem heiligen Geist für die Nettigkeit aufzusteigen und wandern froh den Bahnhofshang hinauf.

Sonnenodergang

 

Über Heimkehrer und andere Zurückgebliebene

Zurück, überquellend von Eindrücken und nicht ganz Verstandenen, möchte ich dennoch bevor die große Verarbeitungsmaschine begonnen hat, ihr Werk zu verrichten, schon mal ein kleines Appetithäppchen verbreiten. Ein Ausschnitt der großen Feierlichkeiten zum “Tag des Sieges”. Wenn man dies mit den Bildern zu selbigen Feiertag in Moskau vergleicht, mag der Hauch einer Vorstellung von der tiefen Provinzialität und trotzigen Verwurzeltheit des Lebens am Dnistr erweckt sein.  

Ein Feiertag, welcher seit einigen Jahrzehnten westlich des Bugs wie durch Zauberhand verloren gegangen zu sein scheint. Und in Anbetracht der fragenden Gesichter der Jugendlichen auf dem Geburtstag einer Dame, die nun seit gestern in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen ist: An diesem Tag wird der Sieg über das Dritte Reich im Zweiten Weltkrieg gefeiert. Ein Krieg, der nicht wie man aktuell vermuten könnte, hauptsächlich in der Normandie und in deutschen Städten stattgefunden hat. Tatsächlich fand dieser Konflikt zu großen Teilen in der Sowjetunion statt und konnte nur durch verheerende Opfer von eben dieser gewonnen werden. Selbstverständliche und bekannte Sachen, die ich da ausplaudere?! Möchte man meinen. Doch dazu später mehr.

Wer jetzt neugierig geworden ist, kann sich auch die komplette Show von den Profis geben (Ab 56:20 geht der musikalische Teil los, wobei das Militärdomino kurz davor auch seinen Reiz hat)