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Schlussakte LOST

EEs mag dem aufmerksamen Leser dieses Blogs nicht entgangen sein, dass ich, obzwar ich die letzten Folgen von LOST mit atemloser Leidenschaft live und öffentlich kommentierte, ein solides Schlusswort zu alldem verwehrte. Dies geschah hauptsächlich aufgrund akuter Verwirrung und nicht geringer Unsicherheit, irgendetwas nicht wirklich verstanden zu haben, mit dem mich die letzten 100 Minuten LOST vor einem guten Jahr zurückließen. Nun ist ein wenig Zeit vergangen, die erhitzten Diskussionen sind abgeebbt und ich nutzte den grauen November um mich erneut auf die Insel zu begeben.

Nach 121 Folgen (erste und unumstößliche Vorgabe für jedwede Diskussion über LOST muss sein, dass diese Serie keineswegs im traditionellen Fernsehwochenrythmus, sondern im en-bloc-Modus genossen gehört!) fühle ich mich nun ausreichend gerüstet, um fachgerecht zu resümieren und abzuschließen.

Eines sei gleich vorweggenommen: Der neuerliche Genuss aller Folgen führte keineswegs zu neuen Erkenntnissen oder einem besseren Verständnis. Ich bin weiter verwirrt und unsicher hinsichtlich vieler offener Fragen. Doch das erneute Sehen der Serien brachte mich auch zu dem Schluss, dass die Auflösung der unzähligen Geheimnisse, Unklarheiten, Rätsel, Mythen, Fragmente und Timelines gar nicht von Belang ist, ja der Grundschwingung von LOST sogar zuwiderlaufen würde. Die ewige Litanei mancher Nörgler, welche zwar zwanghaft weiter schauten, aber währenddessen unablässig weissagten, dass “die das niemals alles auflösen könnten”, basiert auf einem grundsätzlichen Missverständnis. Das Gesamtkunstwerk LOST begreift sich nicht in diesem Sinne. Der herkömmliche Spannungsbogen zahlreicher Filme, Serien und Bücher, Fragen aufzuwerfen und sie zum Ende in irgendeiner Weise zu einer schlüssigen Lösung zurückzuführen, greift hier nicht, würde das Konzept von LOST letztlich sogar herabwürdigen.

Sicher kann man von dem gängigen Drama-Motiv , welches die Serie nutzt in die Irre geführt werden. Schließlich ist LOST nicht der erste Versuch welche sich mit den ewigen Menschheitsfragen wie Gut und Böse, Wissenschaft und Glauben, Schicksal und Bestimmung, Egoismus und Verantwortung auseinandersetzt. Doch lassen die Autoren dem Zuschauer, so er sich darauf einlässt, hier in vielen Belangen die Freiheit der Deutung. Dies geschieht selbstredend zu dem Preis, dass es wie im Leben, keine wirklichen Antworten gibt, dafür aber immer nur noch mehr wirkliche Fragen.

Dies mag nicht jedem seins sein, doch die Erfahrung weiß zu berichten, dass noch die unterschiedlichsten Charaktere und Geschmäcker hieran ihren Gefallen gefunden haben. Doch dies liegt meines Erachtens in der eigentlichen Stärke von LOST begründet – der menschlichen Komponente. Mir ist hierfür wirklich kein besserer Ausdruck eingefallen, aber was mir bei der zweiten Durchsicht auffiel, befreit vom Druck des Begreifenmüssens und des kein-Detail-oder-Zwischenton-übersehen-Dürfens, ist die unvergleichliche Qualität der Einzeldarsteller und der sich entspinnenden Beziehungen zueinander. Abgesehen vom rein Handwerklichen, also den außergewöhnlichen, schauspielerischen Leistungen, ergänzt durch meisterhaftes Verweben mit Bild- und Toneffekten ergänzt von reizvollen kulturellen und literarischen Referenzen (die special effects sind zugegebenerweise nicht immer vom feinsten!) kommt hier zweierlei zum tragen, was diese Serie in meinen Augen außergewöhnlich macht: Jenseits des Mahlstroms der Normalität und der Gewissheit eines geordneten Alltags kennt jedes Leben jene besonderen Momente die die Extreme der Gefühlswelt herauszukitzeln vermögen – wahrhaftige Liebe, glühenden Zorn, selbstlose Zuneigung, grenzenlosen Hass, bösartigen Neid oder echte Freundschaft. Zahllose Künstler versuchten und versuchen stets mit unterschiedlichsten Methoden diese Momente einzufangen und der großen Masse zu vermitteln. Selten gelingt dieses Unternehmen ohne in Kitsch und Unglaubwürdigkeit zu versinken. Insbesondere transatlantische Produktionen stehen oftmals für effektheischende und durchschaubare Gefühlsmanipulationen. Nicht so bei LOST. Selten haben mich fiktive Charaktere und deren Erlebnisse derart stark bewegt. Dafür Danke.

Die zweite Sache, die mir auffiel ist eng an das eben beschriebene Phänomen gekoppelt. War ich beim Erstgenuss noch teilweise geschockt bis genervt von all dem Verrat und Betrug, von den Doppelspielchen und Ränkeschmieden; konnte ich gewissen Figuren ihre Taten einfach nicht verzeihen und trug ihnen ihre Taten bis zuletzt nach, so erkannte ich beim zweiten Sehen hierin eine ungeahnte Qualität der Serie. Verschafft LOST doch auf nahezu spielerische Weise eine wertvolle Perspektive auf das Zusammenleben von Menschen. Wir alle machen während unserem kurzen Aufenthalt auf diesem Planeten eine Entwicklung durch, wir machen dabei Fehler, unverzeihliche, nie wieder rückgängig zu machende Fehler (“Was geschehen ist, ist geschehen”), doch wir sind nicht unsere Fehler. Jeder Mensch verdient nicht nur eine zweite Chance, sondern auch eine dritte. Allein auch weil wir uns durch diese Fehler verändern, ist es nur natürlich, dass es zu Neubewertungen und nie erwarteten Neukonstellationen zwischenmenschlicher Beziehungen kommen kann. Allein für dies – die glaubwürdige Darstellung dieses ständig in Bewegung befindlichen komplexen Gewusels sozialer Verstrickungen gebührt LOST Respekt. Und natürlich nochmals Dank.

Ich bin mir nach dem erneuten Genuss der Serie mehr als sicher, dass hier etwas geschaffen wurde, was die reizüberfluteten Ausstoßmargen gegenwärtiger Fernsehserien überleben wird. LOST wird auch in 20 oder 50 Jahren noch ein Begriff sein, jedenfalls für mich. Und damit ein letztes Mal Danke. Bis zur nächsten Durchsicht.    

Frisch gesehene Serien: Misfits

Ich möchte hier nun auch mal dem Eindruck entgegenwirken, dass es sich bei Büchern um meine einzigen schöpferischen Stimulanzien handelt. Weit gefehlt! Die ausufernde, weltenerschaffende und vor sich hin mäandernde Fernsehserie gehört zweifellos zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen. Nur ist es leider so, dass man sich, ähnlich Büchern, auch hier einen gewissen Anspruch aufgebaut hat. Serien wie LOST, Sopranos, Six Feet Under, The Wire oder Rome sind nun mal keine Alltagserscheinungen. Sie laufen letztlich auch nicht endlos weiter, sondern, auch dies ein offensichtliches Qualitätsmerkmal, enden und werden nie wieder fortgesetzt.

Bei der verzweifelten Suche nach erneuten Glücksmomenten mit dem bewegten Bild stieß ich unlängst auf “Misfits” und ich muss sagen: Ich bin begeistert. Es geht um fünf Jugendliche die wegen kleinerer Delikte in einem “Community Center” ihre Strafen mit gemeinnütziger Arbeit abarbeiten. Ein Sturm zieht auf, blitzt sie durch und wenig später entdecken sie gewisse besondere Fähigkeiten an sich. Dieses Ereignis steht als Beginn für einen Strudel an Ereignissen, der einen so schnell nicht wieder loslässt. Es ist dabei weit mehr als die europäische Unterschichtenvariante des us-amerikanischen Hochglanzerfolgs “Heroes”. In den 13 Folgen “Misfits” steckt weit mehr.


Hier die erste Folge komplett. Viel Vergnügen! Ich werde versuchen, diesen Link am Leben zu halten. Manchmal zickt die Contentmafia ja bei solchen Sachen ein wenig.

Denn wie gesagt, so begeistert war ich lange nicht mehr. Hier stimmt einfach alles. Horror, Drama, Fantasy und Comedy in der richtigen Feinabstimmung, glaubhafte Charaktere und “echte” Gesichter, Aussprüche, die man auch selber hätte sagen können wenn man so schlagfertig wäre, großartige Musikauswahl. Dazu trieft das Ganze vor Originalität und bizarren Ideen, dass man einfach nur noch juchzen möchte. Außerdem bin ich völlig angetan von der Ästethik der Serie. Das Graue und Schmutzige der englischen Vorstadt wird so hervorragend eingefangen und stellt einen exzellenten Rahmen für die Handlung dar, welcher sich wohltuend abhebt von all den ewig gleichen Hintergründen, die ein Großteil der restlichen Serien zu bieten haben. Einziger Wermutstropfen bleibt die jämmerlich kleine Anzahl an Folgen, da britische Serien ja die Aagewohnheit haben ihre Staffeln auf sechs Folgen zu begrenzen.

Mehr als Schall und Rauch

Wo wir grade bei Fernsehserien sind – schon mal was von “Mad Men” gehört?! Ein überaus sehenswertes Stück Fernsehkunst, welches sich hauptsächlich mit der Werbebranche der 60er Jahre in New York beschäftigt. Wen das jetzt schon mal nicht vom Hocker haut, der sollte sich schon gar nicht von der anfangs recht gemächlich dahin plätschernden Story abschrecken lassen. “Mad Men” braucht ein wenig, aber es lohnt sich. Man könnte die Serie wohl am ehesten mit dem Begriff des Sittengemäldes umschreiben. Mit viel Mühe fürs Detail wird hier versucht ein möglichst realitätsnahes Bild dieser Zeit zu zeichnen. Selbstverständlich nur in Form eines Mosaiksteinchens, denn die 60er waren mehr als edel gekleidete Herren, rollenbewusste Ehefrauen und fügsame Sekretärinnen. Doch was diese Serien neben vielem anderen auszeichnet ist die Bedeutung des Rauchens in ihr. Aber bitte seht selbst! Manchmal obsiegt angesichts der irrwitzigsten Situationen, in denen hier geraucht wird (Frauenarzt, Schwangere, Kinderzimmer etc.) die paranoide Vorstellung, dass evtl. die Anti-Raucher-Lobby ihre Finger im Spiel hatte. In die Richtung: “Seht her, wie es früher ohne Nichtraucherschutz war! Das wollt ihr doch nicht wieder.” Ja, ich weiß, ein wenig weit hergeholt. Andererseits, es erstaunt doch, dass so etwas überhaupt noch produzierbar ist in den Vereinigten Staaten des Gesundheitswahns!