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Frisch gelesene Bücher: Italienlektüre

Wenn man Reisen eher nicht als touristische Abhaktour, sondern vielmehr als neugierige Expedition auf der ewigen Suche nach dem Anderen (und nicht dem Fremden!) sieht, dann versucht man selbstredend mit allen Mitteln in die jeweilige neue Heimat einzutauchen. Neben kulinarischen, sprachlichen und modischen Experimenten greife ich stets auch zu literarischen Stimulanzien um mich ganz der Illusion hinzugeben, ich könne auf diese Weise meine veränderte Umwelt besser fassen, als könne ich so tiefer einreisen.

Luciana Castellina: Die Entdeckung der Welt

Den Anfang machte ich stilsicher nach Ankunft im roten Bologna mit den Tagebuchnotizen einer hierzulande wohl eher unbekannten Dame. In Italien dürfte ihr Name dagegen doch eine gewisse Bekanntheit haben, zählt sie doch zu den großen Figuren der italienischen Nachkriegspolitik. Im spezielleren Sinne ist sie gleichermaßen auch Zeitzeugin wie Protagonistin jener euphorischen Aufbruchsstimmung die der Kommunismus in Italien erleben durfte.

So beschreiben die Tagebuchnotizen leider nur die prägenden Jahre von 1943 bis 1947, jene prägenden Jahre, die aus einem präpubertären, faschistischen Mädchen jene überzeugte Kommunistin machen sollten, die sie in Großen und Ganzen bis heute geblieben ist. Ihr Ansinnen ist es, dann auch, der Generation ihrer Enkel und Urenkel zu vermitteln, wie ein solcher Wandel vonstatten ging.

Für mich ein über weite Strecken bewegendes und außerordentlich informatives Buch. Die Energie jener Generation, die einem schrecklichen Krieg entkamen und eben diese Gräuel um jeden Preis erneut verhindern wollten. Dass angesichts des Versagens der bestehenden Ordnung für Jugendliche die Idee einer neuen Gesellschaftsordnung wie jener des Kommunismus überaus anziehend erschien, kann ich mehr als nachvollziehen, obwohl dieses Verständnis dank aktueller historischer Deutungshoheiten und einhergehender zynischer Diskreditierung erheblich erschwert wird. Somit haben wir hier einen weiteres lesenswertes Zeitdokument vorliegen, welches in ruhigen Ton die Aufzeichnungen von sich selbst zerlegt, analysiert und so dem aufgeschlossenen Leser vermittelt, weshalb der Kommunismus so wirkmächtig und realistisch erschien.

Spannend waren für mich aber auch hier diverse interessante Details aus diesem Abschnitt der italienischen Geschichte zu erfahren. So war mir bspw. das Chaos nach der Verhaftung Mussolinis nicht bewusst. Die Irritation im Tagebuch ist nachfühlbar und so recht verstehe ich das Gemengelage von unterschiedlichen Wiederständlern und Unterstützern des Systems auch jetzt noch nicht so recht. Aber dies mag ich wahrscheinlich sogar mit dem einen oder anderen Zeitgenossen gemein haben. Ein anderer spannender Aspekt ist neben der Triest-Frage, die der gesamten Positionierung zu Jugoslawien. Italiener kehren in das Land zurück, welche Landsleute zuvor in einem hässlichen Krieg enorm zugesetzt hatten, um beim Wiederaufbau zu helfen. In der Beschreibung dieses, heute so fern erscheinenden Akts der Solidarität, steckt so viel Herzblut und Hoffnung, dass eine gerechtere Welt nicht nur machbar sondern sogar nah wäre, die allen die Lektüre dieses kleinen Büchleins rechtfertigt.

Carlo Levi: Christus kam nur bis Eboli

Angekommen im Mezzogiorno legte ich also diese Aufzeichnungen beiseite und griff zu einem “Klassiker des italienischen Neorealismus”. Zwar nicht in Apulien handelnd sondern in der Basilicata (aber das ist ja quasi nebenan) gilt dieses Buch als einer der einfühlsamsten wie realistischsten Beschreibungen des italienischen Südens am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Der Roman entstammt den Erinnerungen eines, unter Mussolini hierher verbannten Antifaschisten und sind in der Tat nicht nur lesenswert sondern auch lesbar (allzu viele als Klassiker titulierten Bücher kranken ja in meinen Augen an ihrer eingeschränkten Lesbarkeit). Es handelt sich um ein äußerst detailreiches und tabuloses Einfangen jener abgehängten Welt in den weltfernen Bergen Süditaliens. Auch wenn der Stiefel bis heute nicht zu den prosperierenden Vorzeigeregionen Europas gehört, so ist doch vieles des hier Beschriebenen schwer vorstellbar, liegt es doch gerade mal 80 Jahre zurück. Es ist eine unbarmherzige Welt, die hier beschrieben wird, beherrscht von Armut und Aberglaube wie der faulen Dreistigkeit der herrschenden Eliten.  Doch neben der erschütternden Millieustudie, die dieses Buch unzweifelhaft darstellt, hat es streckenweise auch politische Aussagekraft, die mich nochmals überraschten. Die Gedanken des Autors über den Süden, das Problem der Bauern und die Möglichkeiten die eine Gesellschaft gegeben sind um derlei unauflösbar scheinende Probleme zu bewältigen, haben über die Jahrzehnte nichts an Aktualität verloren und verdienten mit Recht etwas mehr Aufmerksamkeit. Mich haben sie zumindest sehr inspiriert und mir den einen oder anderen neuen Gedanken eingepflanzt.

Wu Ming: Altai

Und nachdem ich also mit diesem doch eher runterziehenden Büchlein die Feiertage verbracht hatte, war es dann recht bald soweit: Nach der alten Devise “Das Beste zum Schluss” erblätterte ich endlich die Seiten des neuen Wu Mings. Jedes Jahr, so das stolze Vorhaben des hierfür allzeit verehrten Verlags “Assoziation A”, soll nun ein weiteres Buch des Schriftstellerkollektivs “Wu Ming” in deutscher Sprache erscheinen. Deren Bücher, welche hier bereits erwähnt wurden, sind schlichtweg über jeden Zweifel erhaben.

Daher nun auch weniger Lobhudelei sondern auf zur kurzen Inhaltsbeschreibung. Genaugenommen nahm ich “Altai” mit einem leicht flauen Gefühl in die Hände, da ich wusste, dass es sich hier um die Fortsetzung von “Q” handelte. Dies war das erste Buch der Kollektivs und in meinen Augen nichts Geringeres als eines der besten Bücher, welches ich je gelesen habe. Nur leider lag dieses Erlebnis knappe 13 Jahre zurück und meine Erinnerungen waren dann doch ein wenig verblichen. Doch meine Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Sicher, das Wissen um die Vorgeschichte des “alten Mannes”, welcher der Protagonist von “Q” ist, schaden dem Lesevernügen nicht, aber auch ohne dieses Wissen hat man an diesem Buch seine Freude. Es ist neuerlich ein gelungener Wurf, die Geschichte eines jungen Mannes der in den Strudel der Auseinandersetzungen zwischen Osmanischen Reich und Christenheit im 16. Jahrhundert gerät. Dabei unterscheidet es sich so wohltuend von dem Meer an Büchern, die sich in diesem Genre austoben, durch diskrete Fachkenntnis, Humor und Originalität. Allein der, den üblichen Spannungsbögen und geläufigen Erwartungshaltungen entgegengesetzte Handlungsverlauf ist die Lektüre wert und wieder einmal begreife ich zu schätzen, was die Autoren meinen, wenn sie behaupten, dass in ihren Büchern “die Geschichte gegen den Strich gebürstet wird und hier gegen das Kontinuum der Herrschaft Räume der Utopie geöffnet werden.” Mit der nachklingenden Wirkung dieses Buchs saß es sich gleich um ein Vielfaches beschwingter im Zug nach Norden. Solang solche Bücher das Licht der Welt erblicken, kann es keine wirklich dunklen Winter geben.

 

Arrividerci

Auf geht’s zur letzten großen Reise dieses Jahres. Zauberhafte 2043 Bahnkilometer liegen vor uns bis wir das Land wo die Zitronen blühen erreichen werden um dort dieses Jahr mit gebührend Abstand zu verabschieden.

Und dieser Abstand ist zwingend notwendig. Warum? Letztlich war es nur ein weiteres Jahr der Verschärfung des kapitalistischen Grundwiderspruchs, doch mit, oberflächlich betrachtet, immer widerwärtigeren Resultaten. Kleinbürgerliche Angst, heuchlerische Besitzstandswahrung, platter Hass und ganz allgemein, grenzdebiler Skeptizismus sogar den selbstverständlichsten Errungenschaften von Aufklärung und Wissenschaft gegenüber werden aus der Gosse hochgespült, um mit einfachen Antworten komplexe Missstände beseitigen zu wollen. All die wohlbekannten, vorbestraften Geister blinzeln frech und dreist im 21. Jahrhundert als wäre nix gewesen. Angesichts dieser vorhersehbaren Misere, welche ohne viel Geschichtskenntnisse erkennbar ist, wird mir übel, ob meiner Hilflosigkeit wie meiner Untätigkeit gleichermaßen.

Daher suche ich Abstand und vertraue mich ganz der selbstvergessenen Gelassenheit des Mezzogiorno an. Es wäre nicht das erste Mal dass mir der Stiefel wieder ausreichend Grundvertrauen und Hoffnung schenkt um den ganz normalen Schlamassel würdevoll gegenüber zu treten.

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Frisch gelesene Bücher: Postkapitalismus

In Zeiten wie diesen (welche sich im übrigen auch nicht sonderlich von anderen Zeiten, insbesondere jener oft zitierten guten, alten Zeit unterscheidet), in dem sich mal wieder etwas mehr aufgeregt und besorgt wird, sind Bücher von trockener, rationaler Gegenwartsanalyse kostbare Schätze. Wenn zahlreiche glitzernde Stellvertreterkonflikte sich in den gesellschaftlichen Mittelpunkt drängen, wenn aufgebauschte Angst sich mit schwach verhohlener Besitzstandswahrung paart und auch sonst allerorten die Zwerge lange Schatten werfen, dann ist ein solch erfrischendes Buch wie das von Paul Mason genau das richtige um neue Kraft zu tanken und den Blick auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Mit “Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie” hat Mason etliche kluge Gedanken zum “Kern des Pudels” zu Papier gebracht. Die meisten der haarspalterischen und erbitterten Diskussionen der letzten Jahrzehnte, welche um Zukunft und Entwicklung unserer Gesellschaft kreisen, sparen bewusst oder unbewusst ein konkretes Problem aus: Kapitalismus. Und genau hier setzt Mason an. Unbefangen und schwungvoll aktualisiert er die Traditionsbestände linker Theorie, zeichnet ein (für die Kürze) unfassbar gehaltvollen wie pointierten Abriss der Arbeiterbewegung, rechnet schonungslos mit dem Neoliberalismus ab und entwirft dann doch überraschend ungelenk seine Thesen für einen Übergang zu einer neuen Ordnung. Dass eben dieser Entwurf nicht wirklich zu überzeugen weiß, schmälert den Wert dieses Grundrisses aber keineswegs. Schließlich versteht Mason den Übergang zu eben jenem Postkapitalismus als eine ähnlich tiefgreifende Transition wie der Übergang vom Feudalismus zum Merkantilismus und schließlich zum Industriekapitalismus. Historische Übergänge dieser Güte sind nun einmal schwer planbar. Hier wird schnell klar: Postkapitalismus wird harte Arbeit.

So eindringlich und inspirierend  der Aktionsplan des “revolutionären Reformismus” auch daher kommt, so bleibt dies trotzdem der am wenigsten überzeugende Teil des Buchs. Die Feststellung, dass sich gegenwärtig schon reichlich postkapitalistische Strukturen behaupten, also Geschäftsformen, die sich den ehernen Gesetzen der profitorientierten Ökonomie entziehen, so ist dies eine Feststellung, die aber nichts bedeuten muss und vielleicht die Anpassungsfähigekeit, keinesfalls aber die Widerstandskraft des Kapitalismus überstrapazieren könnte. Und auch wenn hier jede Menge interessanter Beobachtungen zur Neuinterpretation der Rolle des Menschen in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft stecken, weiß Mason um die Kritikwürdigkeit seiner Thesen wenn er ironisch anmerkt, dass er sich freuen würde, wenn seine Prinzipien “von einer wütenden Menge in der Luft zerrissen und vollkommen überarbeitet würden.”

Der Wert dieses Buchs, welcher mit so viel Kraft und Ideen gespendet hat, liegt vielmehr in seiner historischen und theoretischen Pionierarbeit. Die Beschreibung des Ist-Zustands und seiner historischen Ursachen ist so verständlich und fundiert beschrieben wie ich es lange nicht mehr erlebt habe. Hier fährt Mason zu brillanter rhetorischer Stärke auf und wäre so manchem Zeitgenossen dringend zur Lektüre empfohlen. Und so möchte ich auch schließen, denn wenn man an Masons Gedanken auch einiges kritisieren und bemängeln kann, so ist es zumindest ein vielversprechenderer Ansatz als die halb-faschistische Säuselei, die mit den üblichen einfachen Antworten und der Sehnsucht nach Autoritärem den offensichtlichen Schlamassel zu begegnen sucht. Einmal mehr begreife ich, wie nötig Aufklärung gegenwärtig ist, doch mit diesem Buch in der Hinterhand mag diesem hehren Ansinnen vielleicht ein wenig mehr Erfolg beschieden sein.

Münzenberg – MZB017 – Zukunftsmusik

Wo geht es hin? Wer kommt mit? Und vor allem wie?
Wo geht es hin? Wer kommt mit? Und vor allem wie?

Immer wieder deuteten wir in vorangegangenen Podcasts an, über das Thema des Widerspruchs von technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung reden zu wollen. Zahlreiche Gespräche hierüber gingen off record ins Land. Nun aber nehmen wir all unseren Mut zusammen und versuchen unsere Gedanken zum Thema zu bündeln.

  • Alte Folgen der “Sanft und Sorgfältig”-Ära sind nun auch (dank teranas) im feed von “Fest und Flauschig”
  • Dank und Ehrerbietung für diesen und viele Abende davor geht an die Pierogarnia
  • der erwähnte Vollmond-Newsletter samt der Information vom 16.8. (Machen wir ein kleines Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, man würde alle 7,4 Milliarden Menschen dieser Erde nach Deutschland bringen und dort gleichmäßig verteilt aufstellen. Alle Menschen dieser Welt in diesem einen Land! Wie viele Menschen würden dann auf einem Quadratmeter in Deutschland stehen? Schätzen Sie einmal … man denkt an Menschenmassen, man denkt an Enge, an Menschen, die Schulter an Schulter stehen … weit gefehlt! Jeder einzelne Mensch hätte dann etwa 48 Quadratmeter Raum für sich und der Rest des Erdballs wäre menschenleer …)
  • die These des Buchdruck-Internet-Vergleichs hab ich aus der Buchrezension über “Die granulare Gesellschaft” von “In trockenen Büchern”
  • das schwedische 6-Stunden-Modell
  • Die “Roboter-Revolution” – nur noch wenige Tage zu sehen!
  • Ab 2025 nur noch mit dem E-Auto nach Norwegen
  • Asyl in Island
  • Berggeschenk unter Nachbarn
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Frisch gelesene Bücher: Kollaps

Eine überraschend lange Zeit erschien an dieser Stelle kein Kommentar zu frisch verzehrter Lektüre. Dies lag nun keinesfalls daran, dass ich dem Lesen abgeschworen hätte, vielmehr lag es daran, dass der just absolvierte Wälzer es echt in sich hatte und dementsprechend viel Zeit abverlangte. “Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen” ist ein fast 700-seitiger, prall gefüllter Wissensspeicher, der mir einiges abforderte. Kein Buch was man so locker nebenher lesen kann.

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Seit jeher hege ich ein tiefes Interesse für eben jenes Thema. Was zeichnet eine stabile Gesellschaft aus und was kann diese Stabilität dann doch innerhalb kürzester Zeit gefährden? Hierzu findet sich nicht erst seit der hemmungslosen Mäanderisierung des Internets ein unüberschaubares Meinungsangebot. Voll von Hysterie und Lust am Untergang. Die wenigsten Gedankengänge zeichnen sich dagegen durch solch ein gut strukturiertes und abgewogenes Gedankengebäude aus.

Grob gefasst ist das Buch in drei Teile untergliedert. Die Beschreibung des Zusammenbruchs verschiedener vergangenen Kulturen, eine Untersuchung einiger gefährdeter Gesellschaften der Gegenwart sowie dem Versuch aus der Vergangenheit Lehren für uns zu ziehen. Persönlich hat mich der erste Teil am stärksten beeindruckt. Speziell die Ausführungen zur polynesischen Expansion sowie das Scheitern der Wikinger auf Grönland aber auch das positive Gegenbeispiel, die klugen Reaktionen auf Veränderungen im Japan der Tokugawa-Epoche fesselten mich und regten zum Nachdenken an.

Die Herangehensweise des Geographen Diamond ist dabei nicht umweltdeterministisch sondern untersucht die Zusammenhänge von Umwelt und menschlichen Handeln wie die fünf wesentlichen Faktoren, die zu einem Zusammenbruch menschlicher Gesellschaften führen, deutlich machen: Umweltschäden, Klimaschwankungen, feindliche Nachbarn, Wegfall von Handelspartnern und eine falsche Reaktion der Gesellschaft auf Veränderung. Wenn man sich diese fünf Faktoren genauer anschaut, wird schnell klar, dass nicht alle eintreten müssen um eine Zivilisation ins Wanken zu bringen. Die unterschiedlichsten Konstellationen sind hier denkbar und im Nachhinein ist manche Situation definitiv besser einschätzbar. So mag man vielleicht das Handeln der Bewohner der Osterinsel, die ihren Lebensraum bis auf den letzten Baum rodeten nicht verstehen oder die Intention der Grönland-Wikinger nicht begreifen, welche trotz größter Hungersnöte partout das Robbenjagen von den Inuit-Nachbaren nicht lernen wollten – ein paar hundert Seiten später erkennt man dann, dass auch unsere heutigen Gesellschaften in vergleichbaren Fehlentscheidungsdynamiken gefangen sind. Hier erfährt man auch zweifellos viel schon an anderer Stelle Gehörtes und Gelesenes – zahlreiche ungelöste Probleme die unser Dasein auf diesem Planeten nicht unerheblich erschweren könnten. Und die Erkenntnis, dass wir in diesem Fall eben nicht “nur” eine verödete Insel zurücklassen sondern dieses Mal die Sache gründlicher denn je verschlampen könnten, lastet stark auf einem wenn man sich durch all die Fakten, Beobachtungen und Thesen kämpft.

Und dennoch bleibt Hoffnung, bzw. “vorsichtiger Optimismus”, denn eben jene Vernetzung der Weltgesellschaft, die uns gleichsam auch alle in den Abgrund reißen kann, bietet auch die Möglichkeit durch kluge Reaktionen auf die veränderten Gesamtbedingungen das Ruder noch rumzureißen. Wie oft ich von diesem “noch” nun schon gelesen oder gehört habe. Andererseits ist das Buch von 2005. Vielleicht ist diese “noch” dann auch schon nicht mehr gültig.

Münzenberg – MZB016 – Zwischen Wildem Wunder und Blauen Mann

Unser weitester Ausflug im Dienste Münzenbergs bisher. Im so wunderschönen wie verrufenen Elbflorenz traf ich dieses Mal auf Antje um zu plaudern, zu erörtern und dergleichen mehr.

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Frisch gelesene Bücher: Das Omnivoren-Dilemma

Wohl zum ersten Mal seit ich diese Sache mit den Buchbesprechungen hier mache, habe ich das Gefühl, zunächst einmal den Titel des Buches erklären zu müssen.  Bei Omnivoren handelt es sich um Allesfresser, und zu diesen, auch wenn es da die eine oder andere versprengte Meinung gibt, gehören wir. Der erläuternde Untertitel des Buchs macht dann mit aller Sperrigkeit klar, wohin die Reise gehen soll: “Wie sich die Industrie der Lebensmittel bemächtigte und warum essen so kompliziert wurde”. Also mal wieder ein Buch übers Essen.

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Nachdem wir uns in einem Münzenberg-Spezial ja schon an diesem Thema versucht haben, nun ein wenig Theorie zur, Achtung, Unterfütterung. Ich denke weiterhin, dass das Thema es wert ist und auch in den kommenden Jahren enorm kommen wird. Und Michael Pollan, welcher als einer der Begründer der Slow-Food-Bewegung gilt, zeigt in diesem 600seitigen Wälzer eindrucksvoll weshalb.

Pollan unternimmt eine dreiteilige Entdeckungsreise zu den gegenwärtigen Möglichkeiten der Ernährung: industriell/”bio”ländlich/”Jäger-und-Sammler”.  Dabei wird natürlich mit der ersten Expedition gleich der stärkste Tobak präsentiert. Der militärisch-industrielle Komplex der Lebensmittelproduktion unserer Gegenwart lädt auf unüberschaubar vielen Ebenen zum Gruseln ein. Was hier aber besonders angenehm auffällt, ist, dass der Autor bei allem Diabolischen, die dieser Thematik anhaftet, stets auch in der Lage ist, die beeindruckende technologische Leistung zu honorieren, die bspw. darin steckt, aus einer Pflanze wie Mais derart viele Stoffe zu extrahieren um sie dann wieder zu beliebigen Produkten zusammenzufügen. Auch lässt er hierbei nicht aus den Augen, dass es die industrielle Lebensmitteltechnik war, die uns Omnivoren den Sieg über die Jahreszeiten, die geographische Lage und vieles mehr bescherte. Leider, so muss an dieser Stelle angemerkt werden, bezieht sich das gesamte Buch fast fortwährend auf die USA, so dass der europäische Leser ein wenig im Unklaren darüber gelassen wird, wie viel hiervon auch ihn betrifft.

Der Teil der sich mit “Bio-Landwirtschaft” beschäftigt, im Buch auch als “pastoral” bezeichnet, fällt in seinem Urteil auch nicht allzu überschwänglich aus. Zwar erachtet Pollan jeden Hektar Boden der auf diese Weise bewirtschaftet wird als einen für den Planeten zurückgewonnenen Hektar, doch das war auch schon alles an eindeutigen Abgrenzungen zum industriellen Widerpart. Zu unterschiedlich die Herangehensweisen, zu widersprüchlich die Philosophien und vor allem, zu übermächtig auch hier das Diktat des Profits und die Dominanz des Etablierten. Eindrucksvoll dekonstruiert er aber zumindest den Vorwurf an “Bio”-Lebensmittel ob ihres hohen Preises. Angesichts der versteckten Kosten, die in industriellen Lebensmitteln stecken (diverse Subventionen, Wasserverschmutzung,  nahrungsmittelbedingte Erkrankungen, Antibiotikaresistenz) weshalb diese eben nur scheinbar billig sind, gehören die meisten “Bio”-Lebensmittel zu den billigsten Lebensmitteln, die wir aktuell kaufen können. Doch das bleibt ein schwaches Argument wenn mal wieder am Ende des Geldes noch viel zu viel Monat übrig ist.

Der Teil aber auf den ich mich am meisten gefreut hatte, war der letzte Teil. Welche Möglichkeiten bieten sich uns Stadtmenschen zu autarker Ernährung? Was gibt es neben dem gelegentlichen Äpfelpflücken und Pilzesammeln. Pollan unternimmt hier natürlich Expeditionen auf voller Breite.  Jagen und Fischen, natürlich ganz legitime Mittel dieses Zweigs des Nahrungserwerbs, sehe ich leider in naher Zukunft für mich als nicht realistisch an. Doch nebenher entsteht in diesem Abschnitt des Buchs dann doch eine launige Atmosphäre der Improvisation und Genussfreude, die mir sehr behagt und die auch den Autor zum Ende zu einem “wirklich perfekten Dinner” führt. Die eine oder andere Sache (bspw. die Angelegenheit mit der Wildhefenkultivierung) werde ich unter Garantie auch mal ausprobieren. Natürlich, so resümiere ich gemeinsam mit dem Autor, ist dies natürlich keine alleinseeligmachende Alternative. Zumal nicht für die paar Milliärdchen, die sich um uns herum versammelt haben. Doch es ist ein wertvolles Buch um den Möglichkeiten die wir haben Aufmerksamkeit zu schenken und vielleicht mit der Suche nach etwas anders Schmeckenden nebenher eine andere, eine bessere Welt vorzubereiten.

 

Münzenberg – MZB015 – Zeitzeugenkatzentisch

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Zwischen Symbolbild und Platzhalter – ein gemeinsamer Spaziergang durch deutsch-deutsche Befindlichkeiten.

Ein geruhsamer Sonntag. Eine fantastisch aufgeräumte Wohnung. Eine neue, gleichermaßen altbekannte Figur im Münzenberg-Universum. Zeit und Gelassenheit um ein lange geplantes Thema anzupacken: Die olle Ossi-Wessi-Gemengelage im munteren Selbsterfahrungsaustausch. Freilich kommen wir bei diesem Thema auch an so manch anderem aktuellen Problem vorbeigeschlendert, aber hört selbst!

Relevante Querverweise und andere Nachtragungen:

 

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Je ne suis pas Karkoffelköter

Das Murren aus den unfruchtbaren Niederungen von Besorgtistan und den staubigen Ebenen der Nochsagendürfei haben wir alle vernommen. Doch wir lachten bestenfalls über Menschen die nach dichten Grenzen schrien, für Menschen versteht sich, nicht für Schwarzgeld. Kopfschüttelnd registrierten wir deren hysterische Aussagen darüber, dass Kriegsflüchtlinge kein Handy besitzen dürften, Steuerflüchtlinge dagegen schon. Dergleichen mehr Nonsense ertrugen wir mit einem immer stärkeren Unwillen, da schien die gequälte Warnung vor Überfremdung und möglichem Verlust unserer beutelgermanisch-christlichen Werte nur ein weiteres Puzzlestück aus dem populären Spiel “Mensch-heuchel-dir-einen”.

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Doch aktuelle Aufnahmen aus dem Wedding, einem der vielzitierten Ethnogettos, werden auch den letzten überzeugen: es ist soweit! Sie haben tatsächlich recht. Deutschland hat sich abgeschafft. Mitten am helllichten Tag sehen wir hier eine böswillige Karikatur unseres Osterhasen. Ein Kartoffelköter!!!! Armes Deutschland! Und wie um uns noch weiter zu verhöhnen noch nicht einmal zu Ostern, nein mitten zwischen den Jährchen (zwischen Ostern und Pfingsten). In der Tat ein an Symbolkraft kaum zu überbietender Angriff auf unsere Identität. Mit was müssen wir leidgeprüften Kulturträger noch rechnen? Was wird aus dem Pfingstochsen, der Zahnfee, dem gewissen Etwas und, natürlich mit der Leitgestalt des treudeutsch-christlichen Wesens, dem Weihnachtsmann? Gedanken die einen das Befürchten lehren. Daher skandiere ich mit den “Patriotischen Osterhasen gegen das Kartoffelelend” (POGKE) – nehmt die Eier in die Hand für das deutsche Vaterland!

Münzenberg – MZB014 – Sudelfunk

Brandenburg an der Havel – der unbestrittene Überraschungsstar der bisherigen Endstationstournee – gelingt es im Sturm unsere Herzen zu erobern. Ein wasserverschnörkeltes Schätzchen mit jeder Menge reizender Gebäude, verwinkelter Straßen und netter (wenn auch spärlich gesäter) Menschen. ***Aufgrund schwacher Akkulage fiel der Teil über Münzenberg ins Datenloch. Ich entschloss mich daher kurzerhand, diesen Abschnitt neu einzusprechen.***

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Domstadt, Inselstadt, Altstadt, Neustadt – es gibt genug Brandenburg für alle.

 

2016-03-20 12.06.24
Mit dieser schwungvollen Forderung wir der Reisende kurz hinter dem Bahnhof konfrontiert. Wir meinen: Zu spät und zu naheliegend.

 

2016-03-20 12.34.11
Ob Jesus wirklich derselbe bleibt, nunja. Doch das Problem dieser Formulierung scheint mir ein anderes: ein gehender Hase? Hase hüpfen oder hoppeln, aber sie gehen nicht. Dafür ist in der Tat eher Jesus bekannt und somit scheint die Aussage dieser kleinen Wandzeitung irgendwie zweifelhaft daherkommend. Wie dem auch sei – Frohe Ostern!
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