Schlagwort-Archive: Italien

Ein paar Blicke zurück

Was kann man im dunkelsten Januar seit Beginn der Wetteraufzeichnungen Besseres machen als sich Bilder vom vergangenen Italienausflug anzuschauen? Natürlich: diese Hoffnungsschnappschüsse mit anderen Ergrauten und resignierten Klimagenossen zu teilen. Es braucht nicht mehr lang, dann wird es auch hierzulande wieder erträglicher und wenn nicht, der nächste Zug wartet schon…

Ratgeber: Winter, Sonne, Sonnenschein – nur in Kampanien kann’s schöner sein

Che bella cosa è na jurnata ’e sole, (Wie schön ist ein sonniger Tag,)
n’aria serena doppo na tempesta! (die klare Luft nach einem Sturm!)
Pe’ ll’aria fresca para già na festa… (Die frische Luft wirkt wie ein Fest…)
Che bella cosa na jurnata ’e sole. (Wie schön ist ein sonniger Tag.)

‘O sole mio (1898 von Leonardo di Capua im wunderschönen Odessa mit Sehnsucht nach dem noch wunderschöneren Neapel komponiert)

Kampanien! So man, wie in meinem Falle, an sich schon mittelschwer italienverknallt ist, gehört Kampanien zweifellos zu den Regionen, welche den geringsten Anlauf benötigen um einen schlicht und einfach umzuhauen. Die verschiedenen Regionen Italiens gehören per se zu den mit Attraktionen jeglicher Coleur verdichtetsten Gegenden der Welt, doch dies hier übertrifft nochmal einiges. Vom Vesuv beherrscht, von bezaubernden Küsten umsäumt – eine brachiale Schönheit die seit Jahrtausenden Künstler inspiriert hat. Pompeji, Sorrent, Herculaneum, Ischia, Capri, Pizza und SSC Neapel – hier ist wohl eine der mächtigsten Quellen jener ewigen Italiensehnsucht zu verorten, die seit längerem beständig Menschen aus dem grauen Norden anzieht und so eine lückenlose, gut dreihundertjährige Geschichte des Tourismus vorzuweisen hat. Hier kommt jeder auf seine Kosten, der Kunst- und Geschichtskenner,  Natur- und Meeresfreund sowie der passionierte Gourmet oder der verträumte Nostalgiker antiker Traditionen. Aber der Reihe nach. So übermächtig das Angebot Kampaniens auch erscheinen mag, ich wage es unerschrocken, einen kleinen Überblick von campania felix, der glücklichen Landschaft, der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Anmerkung: Da ich exakt ein Jahr zuvor ähnliches unternahm, nur eben nicht in Kampanien sondern in Apulien, versteht es sich von selbst das gewisse Punkte der Reiseanleitung sich überschneiden oder wiederholen würden. Daher war ich bei einigen Abschnitten so frei, meine, ein Jahr zuvor gewonnenen Einschätzungen zu zitieren.  

Andere Wissensquellen: Hach herrjeh, wenn ich bei vielen Empfehlungen der Vergangenheit an dieser Stelle verlegen herumstocherte und innerlich verzweifelte warum es zwar drölfzich Bücher zu dem maßlos überschätzten Jakobsweg gibt, aber nicht einen einzigen nützlichen Wissensspeicher zu dem jeweiligen Stück Planeten, den ich gerade anpreisen wollte, so ist es in diesem Fall grundlegend anders. Die Fülle an Ratgebern im Buchformat ist so reichlich wie vielfältig. Wanderführer, Geschichtswegweiser, Kulinarikkompass oder topaktuellen und grundsoliden Reiseführer – alles ist vorhanden. Auch einzelne Teilregionen wie bspw. der Cilento warten mit gut unterrichteten Nachschlagewerken auf. Auch das Internet hat etliche prall mit Informationen gefüllte Portale in petto. Als gute Einstiegspunkte seien hier portanapoli und kampanien-insider genannt. (Für den Cilento sei cilento-aktiv.info wärmstend empfohlen) Und letztlich hat diese Region wie kaum eine andere auch reichlich Literatur unserer Altvorderen im Angebot. Goethes “Italienische Reise”, Seumes “Spaziergang nach Syrakus”, Gregorovius’ “Wanderjahre in Italien” um nur einige zu nennen.

An- und Abreise: Hier bin ich so frei und verweise erstmals auf meinen Apulien-Ratgeber vom letzten Jahr: “Zum Thema Einreise bleibt nicht viel zu sagen so man die Gnade eines EU-Passes erfahren hat. Doch auch ohne dies steht eine visafreie Einreise immerhin 66 Nationalitäten nichts im Wege. Auch die Anreise gehört wenn nicht zu den leichteren Übungen so zu vielleicht so gar zum vergnüglichsten Teil der ganzen Angelegenheit. Aus ideologischer Veranlagung wie aus reinem Pragmatismus heraus konzentriere ich mich dieses Mal allein auf den Schienenweg. Wer sich für Auto oder Flugzeug entscheidet, mag sich selber informieren und langweilen.”

Eisenbahn: Auch hier kann ich größtenteils auf einmal gewonnene Erkenntnisse zurückgreifen: “Die erklärte Festlegung auf dieses Verkehrsmittel kommt nicht von ungefähr. In Italien konnte die Eisenbahn noch viele ihrer konkurrenzlosen Vorteile in die Gegenwart hinein retten. Sie kommt in rascher Frequenz, erreicht die meisten wichtigen Punkte, ist preisgünstig (wobei das Tarifsystem leicht verständlich ist) und die Züge sind in gutem bis vorzüglichen Zustand. Diese einfache Basis wird dann auch offensichtlich von der Bevölkerung goutiert. Die Waggons sind stets gut gefüllt ohne überfüllt zu sein und die Stimmung an Bord machte stets Lust auf mehr.” Obwohl diese leicht euphorisch klingende Einschätzung, nach der diesjährigen Inspektion geringfügig zurechtgerückt werden muss. Unser diesjähriger Aufenthalt beinhaltete deutlich mehr Eisenbahnnutzung als das letzte Mal, daher gab es mehr Gelegenheit dafür um die abgewetzten und schäbigen Stellen auf dem glitzernden Schienenkleid von Signora Trenitalia auszumachen. Die chronische Verspätungssucht speziell im Regionalverkehr ist erstaunlich und nahezu elementar. Ein Zug der nach Fahrplan abfährt scheint eher die Ausnahme als die Regel zu sein. Die Regionalzüge sind zudem in schlechten Zustand, ähnlich wie manche Gleise und Bahnanlagen. Außerdem könnte die Frequenz auf den Stammstrecken deutlich höher sein wie auch die Auslastung nahelegt, aber das ist soweit ja kein ausschließlich italienisches Problem. Das kennen wir aus den meisten Ländern, die noch mit einem Personenschienenverkehr ausgestattet sind. Doch trotz Verspätungen und klappernder Türen bleibt das Bahnreisen in Italien als Fortbewegungsmittel ohne Konkurrenz für alle die das Leben gern in welcherlei Zügen auch immer genießen.

Als Routenempfehlung gibt es (von Berlin aus gesehen) eigentlich nicht sehr viele Alternativen als die Zwei-Hüpfer-Partie “München-Rom”. Nach München kommt man seit Kurzem in spektakulären 4,5 Stunden oder mit dem ICE-Sprinter gar in rastlosen, knappen 4 Stunden. Und dank der rührigen ÖBB existiert auch immer noch ein Nachtzug welcher in knapp 12 Stunden die ewige Stadt zu erreichen versucht. Offensichtlich stark behindert durch die Dusseligkeit der deutschen wie italienischen Schienenverwalter, gehört der “München-Rom-Nachtzug” zu den verrufenen Bummelkindern unter den europäischen Fernverbindungen, dennoch ist er immer eine Reise wert. Man sollte einfach für den Umstieg an den jeweiligen Endbahnhöfen ein wenig mehr Zeit im Puffer haben. Selbstverständlich gibt es auch noch einige Tagzüge (was ich bei erstmaliger Reise aufgrund der Alpenüberfahrt auf jeden Fall empfehlen würde), dann heißt der Umstiegsbahnhof aber Bologna oder Verona. Eine Direktverbindung nach Rom über Tage gibt es leider nicht.

Es ist immer ungemein beruhigen zwei rote Pfeile im Köcher zu haben.

Von Rom nach Kampanien ist es nur noch ein kleiner Sprung. Die Distanz nach Neapel kann auf dreierlei Art bewältigt werden: Mit dem frecciarossa (dem “roten Pfeil”) in einer Stunde und 10 Minuten, dem Intercity in knapp 2 Stunden oder den BummelRegionale in knapp 3 Stunden. Die Preise pendeln pro Ticket hierfür zwischen 23 und 10.

Herumreisen: Blicken wir ein Jahr zurück: “Die Eisenbahn ist für Fern- und Mittelstrecken über jeden Zweifel erhaben, doch im lokalen versagt sie komplett. Die wenigsten Städte verfügen über eine annehmbare Infrastruktur zur Fortbewegung, weshalb viele aufs Auto umsteigen, was wiederum dazu führt, die Straßen heillos zu verstopfen, was wiederum die paar Busse, die sich durch die Straßen verirren zu hilflosen Beförderungsschaukeln degradiert. Kurz – ein Teufelskreis! Im Dorf-zu-Dorf-Verkehr sieht es selbstredend nicht besser aus. Mangels geringer und undurchsichtiger Angebote eines versprengt und im Untergrund agierenden öffentlichen Nahverkehrs, steigt man aufs Auto um und lässt die wenigen Verbindungen leer durch die Gegend trudeln. Ein Trauerspiel fürwahr. Empfehlung hier wäre sich reiseplanerisch an den Schienen des Landes zu orientieren und Ausflüge abseits derer entweder verteufelt gut zu planen oder einfach dem Zufall überlasssen. Es kommt meist aufs Gleiche raus.”

Dieser Einschätzung hat meines Erachtens weiterhin Bestand. Einzig hinzuzufügen seien hier die kampanischen Spezifika. Denn für einige relevante Sehenswürdigkeiten der Region kann man sich sehr gut “reiseplanerisch an den Schienen” orientieren. Die Circumvesuviana beispielsweise ist ein gemütlicher, den Golf streichelnder Nahverkehrszug mit dem man problemlos Pompeji, Herculaneum oder Sorrent erreichen kann. Auch die Standardzüge der Trenitalia stricken zumindest an der Küste ein dichtes Netz an Verbindungen mit denen man allerhand erreichen kann.

Die Kritik vom letzten Mal sei aber nochmals mit Verve erneuert. Der leidige, motorisierte Individualverkehr selbst in den schmalsten Gassen der bezaubernden Altstädte Süditaliens gehört für mich zu den nervigsten Angelegenheiten die jeden Aufenthalt hier vergiften. Wie schön könnte alles sein wenn man zumindest in den historischen Stadtkernen den Transportstandard des Römischen Reichs zurück erlangt werden könnte. Diese Viertel sind für Autoverkehr nicht im Entferntesten ausgelegt und jeder verträumte Bummel durch sie wird durch diese Gefährte enorm geschmälert. Es sollte doch im Bereich des Möglichen liegen, hier kleine Reservate des Fußgängers zu etablieren.

Sprache: “Was soll man schon viel zu Italienisch sagen? Welche Sprache versprüht mehr Charme und Eleganz? Die Sprache der Renaissance, der schönen Künste, bündelt Zärtlichkeit und rohe Kraft gleichermaßen. Schon wenige banale Sätze im Alltagskontext können mit ihrer ungebremsten Kraft wollüstiger Vokale, ihren tanzenden Silben und ihrer ganzen Körperlichkeit den unvorbereiteten Barbaren mühelos niederstrecken.

So man die Ansprüche nur ein wenig senkt, kann man dank der Einfachheit des Italienischen schon beachtliche Anfangserfolge verbuchen. So noch irgendeine andere romanische Sprache im passiven Gedächtniskeller verstaubt, kann diese problemlos angewandt werden. Meine Dialogpraxis – Spanisch sprechen zu probieren und Italienisch versuchen zu verstehen – war jedenfalls fast immer ein voller Erfolg. Auch Englisch ist selbstverständlich immer eine Möglichkeit, doch muss berichtet werden, dass die Kenntnisse in dieser allseits beliebten Weltsprache mit steigenden Breitengraden zusehends sanken.”

Übernachten: Wie eingangs schon erwähnt gehören große Teile Kampaniens zu einer Region, die auf eine mehr als dreihundertjährige, unterbrechungsfreie Tourismustradition zurückblicken kann. Dementsprechend routiniert und souverän fällt hier auch der Umgang mit Fremden und ihren Bedürfnissen aus. Gegenden wie die Amalfiküste sowie die Inseln Ischia und Capri gehören folgerichtig auch zu den auserleseneren Erholungsgebieten und sind dementsprechend teuer. Abgesehen von diesen hot spots finden sich aber beispielsweise im Cilento oder in der näheren Umgebung Neapels preiswerte und geschmackvoll eingerichtete Unterkünfte.

Altersgemäße Freizeitgestaltung für den besten Hund der Welt im besten Hundeland der Welt

Hunde: “Wie schon bei früheren Besuchen bemerkt, ist die Hundefreundlichkeit in Italien außergewöhnlich. Zumindest aus der Perspektive eines Hundes kann an Italien wirklich wenig ausgesetzt werden. Ungelogen mindestens jeder zweite Passant nimmt von einem Hund in ausschließlich freundlicher Art Notiz. Es wird geschnalzt, gestreichelt und gelächelt, als ob der letzte Hund der Welt auf dem Bürgersteig flanieren würde. Wie selbstverständlich hat man mit dem Hund Einlass in Räumlichkeiten, die ihm sonst (prinzipiell zu Recht) verwehrt bleiben. Die elenden Scherereien die allzu oft bei der Fortbewegung mit Hund aufkommen, verpuffen in Italien wie ein absurder, böser Traum.”

Kulinarik: “… die italienische Küche ist die Beste der mir bekannten Welt. Im italienischen Universum gibt es dabei weit mehr als die beiden Galaxien Pasta und Pizza. Vielfalt, Improvisationstalent und Perfektionismus unterstützt von einer fruchtbaren Gesamtsituation und einer langen, von zahlreichen Kulturbesuchen durchsetzten Geschichte sind die Grundlagen für die Entstehung dieser reizenden Verführerin. Das Wunderbarste ist dabei aber, dass jede Region, ja schon das nächste Dorf hinten am Horizont ureigene Spezialitäten und unbekannte Genüsse im Angebot hat. Das macht jede Italienreise zu einer unkalkulierbaren Entdeckungstour für die Geschmackssinne.”

Die pralle Macht von Geschmack und Frische – das Weihnachstmahl im Rohformat.

Ja, so schrub ich ahnungsloser Sklave der Genüsse noch vor einem Jahr. Doch wie mit dem bereits erwähnten Überangebot an Geschichte und Natur verhält es sich in Kampanien auch mit den leiblichen Genüssen, sprich: auch hier wird nochmal deutlich eine Schippe drauf gelegt. Sei es der zentrale Stellenwert, den diese Region seit mehreren Jahrtausenden beansprucht oder die dank Vesuv extrem fruchtbare Erde, welche sämtliche Zutaten mit einem gewissen Extra ausstattet – hier wird selbst jener positiv überrascht der mit den höchsten Erwartungen anreist.

Fangen wir bei dem Grundlegendsten an, der Pizza napoletana. Bevor diese zum Wahrzeichen Italiens wurde, war sie zunächst einmal ein regionales Sinnbild und zwar das von Neapel. 2011 wurde für die Pizza ein Antrag auf Aufnahme in das Immaterielle Weltkulturerbe der UNESCO gestellt. Und ich muss verzweifelt ächzen, selbstverständlich, aber warum erst jetzt? Über die Qualität der Pizza muss sich an dieser Stelle nicht groß ausgelassen werden. Ich halte es für reichlich blasiert zu behaupten, dass es nur in Neapel die einzig wahre Pizza gäbe. Die Qualität ist in dieser Hinsicht südlich der Alpen prinzipiell hoch und wenn man acht gibt kann man sogar nördlich der Alpen bisweilen auf ausgezeichnete Pizza treffen, sogar im Wedding. Doch es muss erwähnt sein, dass das Pizza in Neapel natürlich einen ganz anderen Stellenwert hat und daher kann man unbesorgt an jeder Ecke in in jedem beliebigen Etablissement zugreifen und wird sehr selten enttäuscht.

Ein weiterer mit Kampanien verketteter Geschmacksbaustein ist der Mozarella di Bufala, echter Büffel-Mozarella. Denn aufgrund seines DOP-Status darf eben jener nur hier hergestellt werden.In diesem Falle muss eindeutig gesagt sein, hier handelt es sich keinesfalls um wichtigtuerische Gourmetallüren. Büffel-Mozarella unterscheidet sich in der Tat von der hierzulande allgemein bekannteren Kuh-Mozarella. Er ist in seiner Konsistenz wie Geschmack eindeutig vielfältiger. Der cremige Kern und die leicht salzige Note sind Kriterien, die ihn auch bei diversen Gerichten unterscheidbar von Kuh-Mozarella machen.

Die Tomate gehört unzweifelhaft zu den elementarsten Säulen auf der die italienischen Küche ruht. Kaum vorstellbar wie ein präkolumbianisches Italien kulinarisch existieren konnte, doch das soll hier nicht das Thema sein. Kampanien weiß jedoch auch in Tomatenfragen entschieden aufzutrumpfen. Der fruchtbare Vulkanboten, die intensive Sonne und die frische Meeresluft boten zahlreichen Tomatensorten einen erquicklichen Lebensraum. Allen voran, das Flaggschiff der Tomaterei, die San-Marzano-Tomate. Der Legende nach schenkte sie im Jahre 1770 der König von Peru seinem Königskollegen in Neapel. Diese Flaschentomaten zeichnen sich durch ein intensives, fruchtiges Aroma aus und eignen sich hervorragend für den Salat, da ihr festes Fruchtfleisch nicht zum verwässern neigt und auch Salatsaucen hervorragend annimmt. Als ein weiterer Star der Tomatenszene muss die Piennolo-Tomate bezeichnet werden. Die, überall in Kampanien angebauten Pomodorino del Piennolo (auch pomodorini da serbo, spongilli oder corbarini) werden auf Schnüre gezogen und an den Decken neben Knoblauch- und Zwiebelkränzen das ganze Jahr über aufbewahrt. In diesen Bündeln reifen sie dann langsam, äußerlich trocknen sie, aber im Inneren bleiben sie saftig. So hat der gewiefte Kampanier eine Möglichkeit gefunden, das gesamte Jahr Zugriff auf die Farben, Düfte und Gewürze des Sommers zurückzugreifen. Neben diesen Highlights weiß noch der winzigste Gemüseladen ein zwei weitere Sorten Tomaten feilzubieten, doch ich möchte an dieser Stelle abbrechen, da man mir sonst vorwerfen könnte, dass ich Tomaten auf den Augen hätte.

Nicht Kolumbus sondern die geschätzten Araber brachten die Zitrone an die kampanische Küste. Neben etlichen anderen Sorten, welche in Italien aus diesem Präsent gezüchtet wurden, sticht die Sorrent- sowie Amalfizitrone heraus. Es sind riesige, sonnengelbe Früchte die einem bei jedem Marktbesuch verführerisch anblinzeln. Sie haben eine ungewöhnlich dicke Schale,  welche reich an ätherischen Ölen ist, die wiederum gegen eine ganze Batterie an Krankheiten helfen soll, außerdem enthalten diese Zitronen mehr Vitamin C als alle anderen Zitronen. Ihren praktischen und auf den ersten Blick ersichtlichen Nutzen erhalten sie in der Küche: Nudelsaucen, Fischwürzung und Backwerk – überall trifft man auf die sauren Ergebnisse dieser Riesenzitrone. Doch die wohl entscheidendste Bedeutung kommt ihr bei der Gewinnung von Limoncello, dem über allem thronenden Likör Kampaniens, zu. Wenn ich es bislang noch nicht bemängelte, so sei es hiermit nachgetragen: die Perfektion der leiblichen Genüsse Italiens krankte in meinen Augen bislang an Bier und Schnaps. In diesen Kategorien meinte ich bislang nichts Herausragendes zu entdecken. Dabei bleibt es auch bis auf weiteres. Zweifellos ist dies zutiefst subjektiv, doch Limoncello hat meine Gaumen nicht erobert. Dennoch ziehe ich meinen Hut vor der leidenschaftlichen und engagierten Art wie hier mit besten Zutaten jongliert wird um einen Schnaps zu kreiiren, der offensichtlich einer großen Anzahl von Menschen über alle Maßen mundet.

Spaghetti alle vongole – einfach, frisch, fantastisch!

Da wir dieses Mal wenig essen gingen, sondern lieber selber kochten, verweise ich auf diese Liste der Top 10 der Regionalgerichte Kampaniens, welche nach besten Können und mit ehrgeizigsten Absichten versuchte nachzukochen. Für den leichten Einstieg in die hiesige Küche kann ich Spaghetti con le vongole, Parmigiana di Melanzane sowie Pesce all’Aqua Pazza empfehlen. Selbst ein Risotto gelang mir hier und zwar das hier empfohlene Risotto alla Pescatora. Die hier ebenso aufgezählten Spezialitäten Pizza, Totani al Patate sowie Polpette empfehle ich in einem vertrauenswürdigen Lokal zu ordern, denn dies sind Gerichte für die eindeutig Erfahrung nötig sind, die bei einem Kurzurlaub selten zu gewinnen sind.

Zum Thema Wein fühlte ich schon während des Tippens Kapitulationsregungen. Wie bei jeder anderen Region Italiens wäre dies eigentlich nur mit einem eigenen Artikel zu bewältigen. Als Basisgepäck daher nur folgendes: Die grundlegenden Rebsorten vor Ort sind Falanghina (weiß) und Piedirosso (rot). Unter dieser Beflaggung erhält man in Kampanien überaus vorzügliche Weine. Im Weißweinsegment kann man dann auch Falanghinas entdecken, die mit Biancolella oder Greco verschnitten sind und nicht minder delikat sind. Einen Wein den man, wenn man in der Gegend ist, unbedingt kosten sollte, ist der Falerner. Dieser Wein gehörte im Römischen Reich zu den beliebtesten und ist mit gewissen Abstrichen auch heute noch zu genießen. Heute wird dieser Wein ausschließlich in Falerno del Massico angebaut und gilt als modernes Pendant des antiken Falerners.

Schöne Orte (selbst besehen)

Neapel! Ach Neapel. Neapel sehen und sterben. Neapel gilt seit jeher als magischer Ort, ein auf die Erde gefallenes Stück Himmel. Und dennoch scheidet diese Stadt die Geister. Die Meinungen gehen hier von offener Abscheu bis hin zu fanatischer Vergötterung. Die unumstrittene Hauptstadt des Mezzogiorno ist daher offensichtlich ein komplexer Fall. Lasst mich die Beschreibung dieser Stadt mal etwas unorthodox versuchen. Stellen wir uns einfach vor, du betrittst eine Küche, die in irgendeiner Weise deinem Verantwortungsbereich unterstellt ist. Die betreffende Räumlichkeit befindet sich auf den ersten Blick in einem miserablen Zustand, der Abwasch türmt sich bedenklich, der Mülleimer ist voll, alle Arbeitsflächen sind fleckig und schreien nach Zuwendung. Doch auf dem Tisch zwischen all dem Schmutz blinzelt dich ein Buch an, dass du schon immer lesen wolltest, aber aus Gründen nie von dir genossen werden konnte. Wenn du dir jetzt notdürftig Platz schaffst und dich völlig selbstverständlich setzt und anfängst zu lesen, dann wird dir Neapel nicht nur gefallen, du wirst es lieben!

Napoli – wo sind schmutzige Gedanken unschuldiger als hier?

Es ist der allgegenwärtige Schmutz und Lärm, die eng aneineinander gerückte Architektur und die dunkle Patina des Verlebten, die viel zur Unbeliebtheit Neapels selbst bei unvoreingenommenen Besuchern der Stadt beiträgt. Und damit haben sie völlig Recht. Neapel ist eine laute, chaotische, schmutzige Stadt. Wer lichte Renaissancemetropolen wie Florenz, filigrane Lagunenstädte wie Venedig oder mondäne Weltnabel wie Mailand mag, wird hier zumindest irritiert zurückschrecken. Dass ich über all das nicht nur hinweg blicken kann, sondern es sogar direkt anschauen kann ohne in diese Reflexe zu verfallen, habe ich zwei lang geschätzten Freunden zu verdanken: Der Geschichte und dem Fußball. Das Interesse und die Leidenschaft für Geschichte ermöglicht mir die Sicht auf eine zusammenhängende Altstadt in einer Größe (vertikal wie horizontal) die in dieser Form ihresgleichen auf dem Planeten sucht, zu erkennen. Abseits des Wissens darum, dass in den letzten zwei Jahrtausenden hier fast alles um-, ab- und überbaut wurde, kann man sich mit etwas Augen-zusammen-kneifen des Eindrucks nicht erwehren, durch eine echte Großstadt des Römischen Imperiums zu promenieren. Und in dieser Hinsicht hilft sogar all der Müll, die diversen Geruchsschwaden und der Lärm (abgesehen wie gesagt von den Motorgeräuschen), denn die Plebejerviertel der Antike waren nicht saniert und für Touristen aufgehübscht. Die unmittelbar erlebbare Authentizität (dieser abgenutzte Begriff darf hier ausnahmsweise ohne Scham verwendet werden), dieses Gefühl, winzigstes Teilchen einer Stadt zu sein, die seit über 2500 Jahren einfach nur da war, ließ mich überlaufen vor Glück. Zum Thema Fußball sei nur kurz angefügt: SSC Napoli und Maradona. Wenn man Ende der 80er den Fußball entdeckte, kam man hieran nicht vorbei und eine Stadt die so etwas der Menschheit schenkte kann einfach nicht von grundauf schlecht sein.

Der Schlund zur Hölle – ein Spaziergang der besonderen Art.

Als wir durch zähe Wolkenschwaden an einem Dezembermorgen an den Hängen des Vesuvs emporwanderten, konnten wir uns nicht einigen: Ist der Vesuv wohl der berühmteste Vulkan? Ist er im Allgemeinwissen am nachhaltigsten verankert? Ich meine schon. Zwar ist der Ätna deutlich aktiver und dementsprechend häufiger in den Nachrichten und dieser isländische Vulkan sowieso, aber dessen Namen wird niemals präsenter sein, auch wenn er den Flugbetrieb noch dreimal lahmlegen sollte. Vulkane außerhalb Europas wie der Krakatau oder Mount St. Helens können maximal einen schwachen Nachhall im kollektiven Gedächtnis verbuchen. Nein, der Vesuv ist DER Vulkan. Majestätisch thront er über Neapel (in welcher Stadt der Welt kann man inner halb einer Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln vom Hauptbahnhof bis zum Krater eines aktiven Vulkan gelangen?) Doch der Vesuv ist nicht allein seiner berühmten Ausbrüche wegen bekannt und einen Ausflug wert. Eine Wanderung auf diesen Vulkan ermöglicht nicht nur einen intensiven Blick in die geologische Intimsphäre unseres Planeten, sie gestattet auch einen Ausnahmeausblick auf all das Schöne um einen herum.

Pompöses Pompeji – was hat dich bloß so ruiniert?

Und wer Vesuv sagt muss auch Pompeji sagen. Auch wenn ich hier ausdrücklich davor warnen möchte, die augenscheinliche Nähe von beiden zum Anlass zu nehmen, beide Ziele an einem Tag absolvieren zu wollen. Pompeji war eine antike Stadt, die bei dem wohl bekanntesten Ausbruch des Vesuvs 79 n.u.Z. komplett verschüttet wurde. Hiernach machte man sich nicht die Mühe, die Stadt wieder aufzubauen und nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs geriet das Wissen um Pompeji mählich in Vergessenheit. erst im 18. Jahrhundert erinnerte man sich wieder an die untergegangene Stadt und begann sie stückweise auszugraben. Heraus kam dabei Stück für Stück eine der am besten erhaltenen Ruinen-Städte der Antike. Die schier unüberschaubare Größe der Stadt und der erstaunliche Reichtum an erhaltenen Details sollten jeden Besucher in seinen Bann ziehen. Die Ausmaße des Besichtigungswürdigen ist derart gewaltig, dass ich das anfangs belächelte 3-Tagesticket (€15) für ein durchaus sinnvolles Angebot erachte (Tagesticket €10), so man die Zeit hat.

Es ist genug Geschichte und Kultur für alle da.

Eine weitere außergewöhnliche Anhäufung unbedingt zu besichtigender Geschichte ist Paestum. Diese ehemalige blühende griechische Kolonie wurde von den Römern übernommen und geriet nach deren Abgang recht schnell in Vergessenheit. Die mächtigen Tempelanlagen überlebten die Jahrhunderte und stehen heute in ihrer ganzen Pracht zum Bewundern zur Verfügung. Ein ideales Tagestourziel, welches mitsamt Museum und Touristen-Feierabendwein in dem kleinen Städtchen leichterhand zu absolvieren ist.

Antiker Hund trifft alte Tempel. Das Beste aus zwei Welten.

Schöne Orte (noch unbesehen)

Die Amalfi-Küste gehört zweifellos zu den Filetstücken Kampaniens. Wie eingangs schon erwähnt spiegelt sich dies naturgemäß auch in der Preislage vor Ort wieder. Auch die infrastrukturelle Anbindung, die eigentlich nur eine Erschließung per Auto sinnvoll erscheinen lässt, macht eine Entdeckung dieses entzückenden Küstenstreifens recht aufwändig. Das sollte jedoch nicht davon abhalten sich bei bietender Gelegenheit dieses Stück Bilderbuchitalien zu gönnen. Entlang des Golfs von Salerno ziehen sich, an den Fels geklebt, einer Perlenkette gleich, kleine Städtchen die in Sachen Liebreiz und Idylle auf nahezu absurdeste Art miteinander konkurrieren. Positano, Ravello, Vietrisul Mare und natürlich Amalfi sind hier nur die namhaftesten Adressen.

Die Prominenz der bereits beschriebenen Glamourruine Pompeji ist die Ursache, dass Herculaneum ein ungerechtfertigtes Schattendasein fristet. Herulaneum wurde genauso wie Pompeji durch den gleichen Vulkanausbruch verschüttet und ist dementsprecht genauso gut erhalten und zu besichtigen. Sie ist zwar etwas kleiner und zu römischen Zeiten auch nicht ganz so bedeutend wie das legendäre Pompeji, dennoch: wenn anderswo eine Ruinenstadt wie Herculaneum entdeckt würde, wäre sie definitiv eine Sensation. So aber steht sie wohl für alle Zeiten in der zweiten Reihe der antiken Sehenswürdigkeiten Kampaniens. Dabei könnte die Kompaktheit und die geringere Bedeutung für eine Besichtigung durchaus Vorteile bieten. Ein geringerer Touristenansturm und eine überschaubarere Fläche könnten einen Tagesausflug nach Herculaneum auf jeden Fall schmackhaft machen.

Und natürlich die Inseln: Capri, Ischia und Procida. Zumindest die ersten beiden sollten den meisten ein Begriff sein. Ischia hat in meinen Augen das meiste zu bieten. Die größte Insel im Golf von Neapel ist vulkanischen Ursprungs und hat mit dem Monte Epomeo (779m) auch einen nennenswerten Berg auf der Habenseite. So hat Ischia neben einer spannenden geologischen Visitenkarte auch Thermalbäder, lecker Kaninchen, feinste Strände und natürlich jede Menge antiker Steinhaufen im Angebot.

Hier handelt es sich entgegen des umlaufenden Texts weder um Capri noch um Ischia. Gaeta im nördlich kühlen Latium war unsere letzte Station und Abschluss unser Kampanien-Tour. Eine unzweifelhafte Erinnerung daran, dass es noch jede Menge mehr Italien gibt. Ich bin gespannt aufs nächste Jahr.

Capri dagegen gilt wohl unumstritten als monänste Insel des Mittelmeers. Der Klang ihres Namens löst nicht nur Schlagermelodien aus, sondern ruft Nostalgie und Schwärmerei hervor. Schon seit frühesten Zeiten war die immergrüne Insel vor Neapel ein populärer Ort für Entspannungssuchende und Sommerfrischler. In jüngerer Vergangenheit wählten die unterschiedlichsten Figuren Der A-und B-Prominenz die Insel als Domizil aus. Rilke, Gorki, Bacon und Debussy fühlten sich hier wohl und mehrten den Ruf der Insel als auserlesene Insel der Seeligen. Zweifellos ein lohnenswerter Ausflug mit Garantie auf  jede Menge Wohlklang für die geplagten Seelen des Nordens.

Und wer noch nicht genug Bilder hat, hier gibts noch etwas Bonusbildmaterial:

 

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Ciao e ciao

Ein weiteres Jahr neigt sich dem Ende entgegen und mit Zunahme der Gräunis von Wetter und Worten lockt stetig die Milde des Südens. Ich verdeutliche diese Neigung der Einfachheit mal an zwei einfachen Textbeispielen.

“Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?-
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut.
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl?
Dahin, dahin
Geht unser Weg.
O Vater, lass uns ziehn!” (1795)

 

“Letztlich war es nur ein weiteres Jahr der Verschärfung des kapitalistischen Grundwiderspruchs, doch mit, oberflächlich betrachtet, immer widerwärtigeren Resultaten. Kleinbürgerliche Angst, heuchlerische Besitzstandswahrung, platter Hass und ganz allgemein, grenzdebiler Skeptizismus sogar den selbstverständlichsten Errungenschaften Aufklärung und Wissenschaft gegenüber werden aus der Gosse hochgespült, um mit einfachen Antworten komplexe Missstände beseitigen zu wollen. All die wohlbekannten, vorbestraften Geister blinzeln frech und dreist im 21. Jahrhundert als wäre nix gewesen. Angesichts dieser vorhersehbaren Misere, welche ohne viel Geschichtskenntnisse erkennbar ist, wird mir übel, ob meiner Hilflosigkeit wie meiner Untätigkeit gleichermaßen. Daher suche ich Abstand und vertraue mich ganz der selbstvergessenen Gelassenheit des Mezzogiorno an. Es wäre nicht das erste Mal dass mir der Stiefel wieder ausreichend Grundvertrauen und Hoffnung schenkt um den ganz normalen Schlamassel würdevoll gegenüber zu treten.” (16.12.2016)

Es erschließt sich hier auf den ersten Blick zweifelsfrei wer Dichterfürst ist und wer nicht. Dennoch habe ich beiden Zitaten nichts hinzuzufügen und trete voller Vertrauen in die Hoffnung spendendende Kraft des Belpaese die Reise an. Habe ich doch dieses Mal zudem das auserlesene Vergnügen mit Kampanien des Dichterfürsten liebsten Vorgaten zu genießen.

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Ratgeber: Apulien – ein paar Absätze zum Absatz

Keine Frage – der Stöckel des Stiefels gehört nicht unbedingt zu den populärsten Gegenden Italiens. Selbst der rührigste Promoter der Italienwiederentdeckung, Goethe, wie sämtliche der ihm nachfolgenden Romantiker ließen auf ihrem Weg gen Süden die Halbinsel im Osten stets links liegen. Zu schade für unsere altvorderen Kulturschaffenden möchte man meinen, denn die beeindruckenden Reste des Großhellenischen Reichs in Italiens äußerstem Südosten sind definitiv eine Reise wert. Dies soll nun hier in einem weiteren Kompendium aus der Themenreihe “Schöneres Reisen für eine bessere Welt” näher erläutert werden.

Apulien – Zu Gast bei den Steinfressern

Andere Wissensquellen: Seit ungefähr 20 Jahren scheint die kriminelle Ausstrahlung dieses Landstrichs spürbar zurückzugehen und demzufolge wird Apulien auch zunehmend von Touristen entdeckt. Dementsprechend steigt die Publikationsanzahl von reisebegleitenden Materialien. Eine Empfehlung meinerseits kann leider nicht ausgesprochen werden. Ich setzte gänzlich auf den “Baedeker, Italien Süden” (aus mir unverständlichen Gründen aus dem Verlagsprogramm genommen, letzte Auflage 2011 ) den ich dann natürlich entspannt zu Hause liegen ließ.

An- und Einreise: Zum Thema Einreise bleibt nicht viel zu sagen so man die Gnade eines EU-Passes erfahren hat. Doch auch ohne dies steht eine visafreie Einreise immerhin 66 Nationalitäten nichts im Wege. Auch die Anreise gehört wenn nicht zu den leichteren Übungen so zu vielleicht so gar zum vergnüglichsten Teil der ganzen Angelegenheit. Aus ideologischer Veranlagung wie aus reinem Pragmatismus heraus konzentriere ich mich dieses Mal allein auf den Schienenweg. Wer sich für Auto oder Flugzeug entscheidet, mag sich selber informieren und langweilen.

Eisenbahn: Die erklärte Festlegung auf dieses Verkehrsmittel kommt nicht von ungefähr. In Italien konnte die Eisenbahn noch viele ihrer konkurrenzlosen Vorteile in die Gegenwart hinein retten. Sie kommt in rascher Frequenz, erreicht die meisten wichtigen Punkte, ist preisgünstig (wobei das Tarifsystem leicht verständlich ist) und die Züge sind in gutem bis vorzüglichen Zustand. Diese einfache Basis wird dann auch offensichtlich von der Bevölkerung goutiert. Die Waggons sind stets gut gefüllt ohne überfüllt zu sein und die Stimmung an Bord machte stets Lust auf mehr.

Nur wenige Minuten Verspätung und schon werden Care-Pakete gereicht. Kleine Geste – gigantische Wirkung!

Als eine von zahlreichen Traumstrecken sei dem verwöhnten Zugreisenden die Adriamagistrale von Bologna nach Lecce anempfohlen. Sie rekelt sich lasziv und mit majestätischer Einzigartigkeit an der Meeresküste entlang. Nach Bologna kommt man, so man vorausschauend bucht, für kleines Geld von München rüber (5x pro Tag). Und nach München kommt der Berliner ja nun wirklich mühelos und in Bälde fast wie im Flug. Die knapp 1000 km hinunter nach Apulien gehören zu den schönsten Eisenbahnstrecken, die ich je das Vergnügen hatte, fahren zu dürfen. Ab Ancona schlängeln sich die Gleise liebevoll an dem verlockenden Strand der blauen Adria entlang, dabei windet sich der Zug mit genussvoller Leidenschaft anschmiegsam durch die immer südlicher wirkenden Häuserfluchten, bis er, ab Bari, dem letzten Teil dieser Fahrt scheinbar ununterbrochen durch Olivenhaine und Rebstöcke braust. Und das ganze Vergnügen wird schlussendlich damit gekrönt, dass man, so man bis zur Endstation reist, in Lecce aussteigen darf.

Sprache: Was soll man schon viel zu Italienisch sagen? Welche Sprache versprüht mehr Charme und Eleganz? Die Sprache der Renaissance, der schönen Künste, bündelt Zärtlichkeit und rohe Kraft gleichermaßen. Schon wenige banale Sätze im Alltagskontext können mit ihrer ungebremsten Kraft wollüstiger Vokale, ihren tanzenden Silben und ihrer ganzen Körperlichkeit den unvorbereiteten Barbaren mühelos niederstrecken.

So man die Ansprüche nur ein wenig senkt, kann man dank der Einfachheit des Italienischen schon beachtliche Anfangserfolge verbuchen. So noch irgendeine andere romanische Sprache im passiven Gedächtniskeller verstaubt, kann diese problemlos angewandt werden. Meine Dialogpraxis – Spanisch sprechen zu probieren und Italienisch versuchen zu verstehen – war jedenfalls fast immer ein voller Erfolg. Auch Englisch ist selbstverständlich immer eine Möglichkeit, doch muss berichtet werden, dass die Kenntnisse in dieser allseits beliebten Weltsprache mit steigenden Breitengraden zusehends sanken.

Herumreisen: Machen wir uns nichts vor: Alles hat Vor- und Nachteile. Der öffentliche Nahverkehr im kleinen Rahmen gehört in Italien zweifellos dazu. Die Eisenbahn ist für Fern- und Mittelstrecken über jeden Zweifel erhaben, doch im lokalen versagt sie komplett. Die wenigsten Städte verfügen über eine annehmbare Infrastruktur zur Fortbewegung, weshalb viele aufs Auto umsteigen, was wiederum dazu führt, die Straßen heillos zu verstopfen, was wiederum die paar Busse, die sich durch die Straßen verirren zu hilflosen Beförderungsschaukeln degradiert. Kurz – ein Teufelskreis! Im Dorf-zu-Dorf-Verkehr sieht es selbstredend nicht besser aus. Mangels geringer und undurchsichtiger Angebote eines versprengt und im Untergrund agierenden öffentlichen Nahverkehrs, steigt man aufs Auto um und lässt die wenigen Verbindungen leer durch die Gegend trudeln. Ein Trauerspiel fürwahr. Empfehlung hier wäre sich reiseplanerisch an den Schienen des Landes zu orientieren und Ausflüge abseits derer entweder verteufelt gut zu planen oder einfach dem Zufall überlasssen. Es kommt meist aufs Gleiche raus.

Übernachten: Apulien lebt nicht nur von Oliven und Wein allein, auch der die Verköstigung, Bespaßung und Unterbringung von neugierigen Fremden gehört unzweifelhaft zu den apulischen Einnahmequellen. Speziell im Sommer müssen die, für den italienischen Süden eher untypischen, ausgedehnten Sandstrände und die funkelnde Adria enorme Anziehungskraft auf die klassische Badeurlaubsfraktion ausüben. Daher kann man in der Nebensaison aus einem reichhaltigen Angebot großartiger Unterbringungsmöglichkeiten schöpfen. Ob Hotel, Pension oder eigenes Appartement – das bleibt ganz dem Gusto des Reisenden überlassen. Das Preisniveau tut dabei ein übriges um die Wahl so angenehm wie möglich zu gestalten. Denn im Vergleich zu Norditalien bleiben hier die Kosten durchaus im erträglichen Rahmen.

Hunde: Wie schon bei früheren Besuchen bemerkt, ist die Hundefreundlichkeit in Italien außergewöhnlich. Zumindest aus der Perspektive eines Hundes kann an Italien wirklich wenig ausgesetzt werden. Ungelogen mindestens jeder zweite Passant nimmt von einem Hund in ausschließlich freundlicher Art Notiz. Es wird geschnalzt, gestreichelt und gelächelt, als ob der letzte Hund der Welt auf dem Bürgersteig flanieren würde. Wie selbstverständlich hat man mit dem Hund Einlass in Räumlichkeiten, die ihm sonst (prinzipiell zu Recht) verwehrt bleiben. Die elenden Scherereien die allzu oft bei der Fortbewegung mit Hund aufkommen, verpuffen in Italien wie ein absurder, böser Traum.

Willkommen im Hundeparadies. Sicher, Euphorie sieht anders aus, doch die hiesige Hundewillkomenskultur versucht alles um jeden Hund für sich zu gewinnen.

Was mir jedoch speziell im Vergleich zu früheren Besuchen auffiel, war die signifikant gestiegene Hundedichte. Entweder täuscht mich hier die Erinnerung oder das ist eine spezifische Apulität. Auf jeden Fall  hatten in den Städten mehr Leute einen Hund dabei als in Friedrichshain zu besten Zeiten. Und wenn ich schon Friedrichshain erwähne, keimte da ein Verdacht in mir. Die niedrige Geburtenrate Italiens ist allgemein bekannt. Was, wenn man sich speziell in Süditalien, wo die geburtshemmenden Faktoren um einiges dringlicher als in Norditalien sind, im Zweifel vermehrt gegen ein Kind und für einen Hund entschieden hat? Ich bin mir da unsicher, aber der Verdacht erscheint mir doch recht plausibel.

Kulinarik: Nun, vor diesem Absatz grauste es mir schon etwas, denn wie soll ich auch nur in annähernd erschöpfender Weise das hier erlebbare Märchenland beschreiben. Eine schier unlösbare Aufgabe. Fangen wir einfach mal mit einem soliden Paukenschlag des Lobhudelei-Orchesters an: die italienische Küche ist die Beste der mir bekannten Welt. Im italienischen Universum gibt es dabei weit mehr als die beiden Galaxien Pasta und Pizza. Vielfalt, Improvisationstalent und Perfektionismus unterstützt von einer fruchtbaren Gesamtsituation und einer langen, von zahlreichen Kulturbesuchen durchsetzten Geschichte sind die Grundlagen für die Entstehung dieser reizenden Verführerin. Das Wunderbarste ist dabei aber, dass jede Region, ja schon das nächste Dorf hinten am Horizont ureigene Spezialitäten und unbekannte Genüsse im Angebot hat. Das macht jede Italienreise zu einer unkalkulierbaren Entdeckungstour für die Geschmackssinne.

Frischer Fisch – elementarer Bestandteil der apulischen Küche!

Bevor ich loslege noch ein paar grundlegende Formalitäten: Die italienische Küche wird rituell organisiert durch eine luftige Aufteilung in Antipasti, Primi (Pasta oder Risotto), Secondi (Fleisch oder Fisch) und Dolce. Bisweilen wird dies noch durch Pizza und Salate ergänzt. Wie man sich das dann zusammenstellt bleibt jedem selbst überlassen.

So man selbst zaubern möchte und ich will das hier jedem mit aller Dringlichkeit empfehlen, seien zwei Dinge zu beachten. Zum einen, die uns vertraute Supermarktisierung ist Apulien bestenfalls in rudimentären Ansätzen zu beobachten. Deshalb läuft der Lebensmittelerwerb hier noch auf die traditionelle Weise, sprich: man muss jede Menge Läden aufsuchen um den Einkauf zu komplettieren. Das ist kein Ding und macht sogar Spaß. Merke: Die Segmentierung ist hierbei festen unveräußerlichen Regeln unterworfen, z. B. Wurst und Schinken gibt es nicht beim Fleischer und Fleisch gibt es beim Fleischer, aber auch wirklich nur dort. Zum anderen, behalte die Siesta im Auge (siehe: meine Gedanken zum Thema). Sie meinen es ernst und kennen keine Gnade. Von 13 bis 16 Uhr (manchmal auch etwas länger) ist alles zu und nur die Töpfe des weise Vorausschauenden werden gefüllt sein.

Was hat nun also Apulien zu bieten? Einleitend kann gesagt werden, dass die lange Küste dieses Landstrichs die Küche mit reichlich Fisch und Meeresfrüchten geprägt hat. Cozze arraganate, Orata alla pugliese – klangvolle Namen, duftende Erinnerungen und unbedingte Empfehlungen!

Die Pasta von Apulien ist zweifellos Orecchiette (italienisch: Öhrchen) und ob Öhrchen oder nicht, Pasta in einem beliebigen Lokal vor Ort genossen, ist in den allermeisten Fällen ein garantierter Hochgenuss und er macht auf einfache Art klar, warum die italienische Küche all diese Verehrungen und Verbeugungen meinerseits verdient. Nicht die Masse sondern die Klasse macht es. Einfache und überschaubare Rezepturen, diese aber mit Bedacht ausgewählt und aufeinander abgestimmt. Frische Tomaten (die nach Tomate schmecken!!!), Kräuter, etwas Käse und Orecciette – das Leben kann so schön sein! Im übrigen sollte man mindestens einmal Orecchiette con cima rapa probieren. Dabei lernt man eines der prominentesten Gemüse der Region kennen: Stängelkohl, äußerlich etwas an wilden Broccoli erinnernd, aber deutlich bitterer und schärfer schmeckend.

Erwähnenswert ist auf jeden Fall auch die Apulische Calzone. Auf den ersten Blick mag sie ihrem neapolitanischen Cousin gleichen, doch das dem Teig reichlich beigemengte Olivenöl führen zu einer unerwarteten Geschmacksexplosion.

Käse: Weichkäse von Schaf, Ziege, Kuh und Büffel: Mazzarelle, Scamorze, Pròvole, Provolone, Caciocavallo, frischer und gelagerter Pecorini, Burrate, Manteche und Ricotte – Namen, die mich schon beim Hintippen wegschmelzen lassen. Eine besondere Leckerei, die ich so erstmals hier genießen durfte, ist eine Art geräucherter Ricotta, dessen Name sich jedoch leider weder in Erinnerungen wie Aufzeichnungen auffinden ließ.

Fleischfarbenes Glück, geronnen in Wurst und Schinken.

Wurst: Auch hier kennt jeder Tag mindestens eine Offenbarung. Das morgendliche Durchkosten an der Wursttheke um neue Köstlichkeiten fürs Frühstück zu ergattern, war ein verlässlicher Höhepunkt des Tages. Ein Klassiker ist die Salsiccia Piccante, luftgetrocknet und scharf – exquisit. In Sachen Schinken entdeckte ich Capocollo und begriff erst nach mehren Happen, dass es sich hier um eine Wurst mit Schinkenseele handelt. Ein Traum! Welch gottserbärmliche Armseeligkeit liegt dagegen in der Bedeutung des deutschen Worts Schinkenwurst. Capocollo – unbedingt probieren! Keinesfalls auslassen sollte man Tarantello, diese Wurst wird aus dem frischem Fleisch der Bauchseite des Thunfisches gemacht – ein unvergleichlicher Leckerbissen. Wer hätte es gedacht, die Italiener machen aus Fisch Wurst und es schmeckt auch noch!

Zwei Dinge prägen Apulien wie nichts anderes: Wein & Olivenöl. Ich beschrieb eingangs die endlosen Olivenhaine und Rebstöcke, welche man auf den 400 km Eisenbahnstrecke durch Apulien durchquert. Dementsprechend ergiebig ist der Abfluss edler Tropfen aus Apulien. Es ist die Region Italiens in der der meiste Wein produziert wird. Ganz Apulien, der “Weinkeller Italiens” erzeugt mehr Wein als Deutschland. 80% davon sind Rotweine und zwar weitaus mehr als die für Apulien bekannten Primitivo und Negroamaro. Ich kann bspw. Uva di Troia empfehlen. Und auch wenn die Region von Rotwein dominiert ist so gibt es dennoch ein paar ausgezeichnete Weißweine, die ich kennenlernen durfte. Da wäre der allseits bekannte Verdeca, aber auch eine autochtone Rebsorte namens Fiano Minutolo, die mich schwer begeisterte.

Noch bedeutender für Apulien als Wein sind zweifellos Oliven.  Schon seit dem 7. Jahrtausend vor Chr. isst man hier die knackigen Ölfrüchte. Die Leidenschaft hierfür scheint seitdem ungebrochen und so verwundert es nur geringfügig, dass 40% der italienischen Olivenölproduktion aus Apulien kommen. Ich behaupte, dass selbst die stursten Kostverächter hier schwach werden. Die Kunst, diese unscheinbare Steinfrucht zu ungeahnten geschmacklichen Höhen emporzutreiben ist nämlich, wen wundert’s, hierzulande auf schwindelerregendem Niveau angekommen.

Schöne Orte (selbst besehen):

Lecce – bescheiden in den letzten Winkel Italiens geklemmt gehört sie zu jenen Städten, die einen trotz aller Vorbereitung einfach nur wegblasen. Das “Florenz des Südens” ist eine wahre “Rokoko-Explosion” und dabei touristisch so gut wie unberührt. Dies erstaunt in nicht geringem Maße, denn die heimliche Hauptstadt von Salento ist die komplett erhaltene Offenbarung eines eigenen Barockstils, des nach der Stadt benannten Lecceser Barock. Mit dem in der Nähe abgebauten weichen Tuffstein wurde hier ein Gesamtkunstwerk errichtet, das nicht nur wunderschön, sondern in gewissen Teilen einfach nur noch als durchgeknallt zu bezeichnen ist. Die Masse an opulenten Fassaden, in sich verschlungenen Ornamenten, Fabelwesen und sonstigen Dekorationen sind in ihrer Wucht schwer zu fassen und ließen mich sinnieren, welche Art von Gesprächen wohl mit Architekten, die für so etwas verantwortlich zeichneten, möglich wären.

Gallipoli – auf der anderen Seite an der westlichen Küste pustelt sich eine winzige Altstadt in die Bucht. Die von Griechen gegründete Kolonie (griechisch: “Schöne Stadt”) ist heute eine bekannte Sehenswürdigkeit Süditaliens. Das übersichtliche centro storico ist kompeltt vom Meer umschlossen und nur mittels einer Brücke mit der auf dem Festland gelegenen Neustadt verbunden. Mag es daran gelegen haben, dass wir hier die Weihnachtstage verbracht haben, doch irgendeine ganz eigene Stimmung beherrscht diese Kleinstadt. War es die liebevoll arrangierte Nachstellung biblischer Szenerien oder die aufwändige Bastelei an riesigen Pappmachéfiguren, welche dann am zum Neuen Jahr unter großen Geschrei in die Luft gesprengt werden? Man wird hier irgendwie das Gefühl nicht los, dass hier ein paar besondere Menschen mehr als üblich leben und diese Stadt damit zu etwas Besonderem machen.

Monopoli – ein munteres kleines Städtchen an der Adria südlich von Bari. Ganz normales Süditalien gepaart mit dem gewissen Etwas, welche durch die verwinkelte Altstadt gewährleistet wird. Bis zum Schluss habe ich mich in diesem Labyrinth immer wieder verlaufen, was kein allzu großes Problem darstellte, da ich auf diese Weise aus der Stadt die überraschendsten Dinge herauskitzeln konnte. Allerliebste kleine Bars, entzückende Restaurants oder noch ein ganz neues bombastisch verschnörkeltes Gotteshaus, welches zwischen andere Häuser reingeklemmt in seiner ganzen Pracht kaum zu erkennen war.

Polignano a Mare – auch dies ein entzückendes kleines Küstenstädtchen, kurz hinter Monopoli (5 Bahnminuten). Auch wenn diese Stadt an sich selbstredend selbstverständlich eine Schönheit ist, hierher fährt man wohl hauptsächlich um sich von der gewaltigen Kulisse der Steilküste zu ergötzen. Das Städtchen scheint sich mit aller Kraft den Naturgewalten entgegenzustellen und klammert sich trotzig an die Felskante. Wirklich beachtlich und erfrischend!

Alberobello – obwohl diese putzig anmutenden Rundhäuser, wie sie hier in der sogenannten “Zona dei Trulli” besichtigt werden können, in ganz Süditalien zu finden sind, verbindet man sie im Endeffekt doch hauptsächlich mit Apulien. Die Entstehungsgeschichte dieser ohne Mörtel, Stein auf Stein geschichteten Häuschen ist so entzückend wie charakteristisch für den Mezzogiorno. Im 17. Jahrhundert kam ein gewisser Graf namens Giangirolamo II. Acquaviva d’Aragona auf die schwejksche Idee Häuser ohne Zement und Mörtel zu bauen. Denn so konnte man diese ärgerliche Bestimmung umgehen, wonach neue Ortschaften, ergo neue Häuser, bei der Obrigkeit gemeldet und bezahlt gehörten. Denn diese locker übereinander geschichteten Häuslein konnten im Falle einer königlichen Inspektion ganz einfach abgebaut und später leicht wiedererrichtet werden. Dabei erwiesen sich die aus Not und Trotz entstandenenen Häuser als überaus praktisch. “Durch ihre Bauweise aus massivem Naturstein mit sehr dicken Wänden und winzigen Fenstern bieten die Trulli einen guten Schutz gegen die anhaltende Sommerhitze in Apulien, weil sich das Innere nur langsam aufheizt. Im Winter hingegen speichert ein Trullo für lange Zeit die Wärme, die durch einen offenen Kamin erzeugt wird.” (wikipedia)  Wir halten fest: selbst bei der der Errichtung von Slums gelingt dem Italiener mit seiner unverrückbaren Neigung für Stil und Eleganz das Kunststück, es kultiviert und geschmackvoll zu gestalten.

Schöne Orte (noch unbesehen):

Gargano Nationalpark: Am sogenannten Sporn des Stiefels befindet sich der größte Nationalpark Italiens. Mit solch einem einzigartigen Fanal begrüßt also Apulien die von Norden einreisenden Barbaren. Hier gibt es sie noch, jene dichten und schattigen Wälder, die einst ganz Süditalien bedeckten. Durch die schützende Lage hat sich dies hier erhalten und wird nun weiterhin sorgsam geschützt. Auf einer Fläche, die 0,7% der Landesfläche Italiens ausmacht, befinden sich ca. 35% des italienischen Pflanzenarten. Zusätzlich locken Felsen, Lagunenseen und, natürlich, pittoreske Küstenstädtchen. Kurz gesagt, hier wird einem jene Art von Idylle versprochen, die im Rest Süditaliens dank des umtriebigen Menschen verloren gegangen ist. Steht für mich ganz fest auf dem Reiskalender fürs nächste Mal.

Tremiti-Inseln: Gleich um die Ecke liegen diese sechs unscheinbaren Inseln. Nur zwei von ihnen sind bewohnt und 496 Einwohner genießen auf diesem autofreien Paradies das Leben. Erreichbar sind sie ganzjährig von Termoli aus. Wer Entspannung und Ruhe sucht und sich von der Winzigkeit der Inseln nicht abschrecken lässt, der kann hier mit Sicherheit sein Glück finden.

Castel del Monte (Barletta): Kaum ein Motiv wie das dieses Stauferschlosses ziert mehr Reiseführer oder Internetauftritte, die Apulien bewerben. Zahlreiche Mythen umranken das Schloss. Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, welchen Zweck das achteckige Gebäude erfüllen sollte, verfügt es doch über keinerlei Gräben, Arsenale, Schießscharten oder Mannschaftsräume, die für einen solchen Bau ansonsten typisch sind. Theorien, dass hier astronomische Messfunktionen Ursache des Baus wären, sind angesichts diverser Indizien nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber selbstverständlich finden sich hier noch weitaus mehr Deutungen, die allesamt einen Besuch rechtfertigen würden.

 

Frisch gelesene Bücher: Italienlektüre

Wenn man Reisen eher nicht als touristische Abhaktour, sondern vielmehr als neugierige Expedition auf der ewigen Suche nach dem Anderen (und nicht dem Fremden!) sieht, dann versucht man selbstredend mit allen Mitteln in die jeweilige neue Heimat einzutauchen. Neben kulinarischen, sprachlichen und modischen Experimenten greife ich stets auch zu literarischen Stimulanzien um mich ganz der Illusion hinzugeben, ich könne auf diese Weise meine veränderte Umwelt besser fassen, als könne ich so tiefer einreisen.

Luciana Castellina: Die Entdeckung der Welt

Den Anfang machte ich stilsicher nach Ankunft im roten Bologna mit den Tagebuchnotizen einer hierzulande wohl eher unbekannten Dame. In Italien dürfte ihr Name dagegen doch eine gewisse Bekanntheit haben, zählt sie doch zu den großen Figuren der italienischen Nachkriegspolitik. Im spezielleren Sinne ist sie gleichermaßen auch Zeitzeugin wie Protagonistin jener euphorischen Aufbruchsstimmung die der Kommunismus in Italien erleben durfte.

So beschreiben die Tagebuchnotizen leider nur die prägenden Jahre von 1943 bis 1947, jene prägenden Jahre, die aus einem präpubertären, faschistischen Mädchen jene überzeugte Kommunistin machen sollten, die sie in Großen und Ganzen bis heute geblieben ist. Ihr Ansinnen ist es, dann auch, der Generation ihrer Enkel und Urenkel zu vermitteln, wie ein solcher Wandel vonstatten ging.

Für mich ein über weite Strecken bewegendes und außerordentlich informatives Buch. Die Energie jener Generation, die einem schrecklichen Krieg entkamen und eben diese Gräuel um jeden Preis erneut verhindern wollten. Dass angesichts des Versagens der bestehenden Ordnung für Jugendliche die Idee einer neuen Gesellschaftsordnung wie jener des Kommunismus überaus anziehend erschien, kann ich mehr als nachvollziehen, obwohl dieses Verständnis dank aktueller historischer Deutungshoheiten und einhergehender zynischer Diskreditierung erheblich erschwert wird. Somit haben wir hier einen weiteres lesenswertes Zeitdokument vorliegen, welches in ruhigen Ton die Aufzeichnungen von sich selbst zerlegt, analysiert und so dem aufgeschlossenen Leser vermittelt, weshalb der Kommunismus so wirkmächtig und realistisch erschien.

Spannend waren für mich aber auch hier diverse interessante Details aus diesem Abschnitt der italienischen Geschichte zu erfahren. So war mir bspw. das Chaos nach der Verhaftung Mussolinis nicht bewusst. Die Irritation im Tagebuch ist nachfühlbar und so recht verstehe ich das Gemengelage von unterschiedlichen Wiederständlern und Unterstützern des Systems auch jetzt noch nicht so recht. Aber dies mag ich wahrscheinlich sogar mit dem einen oder anderen Zeitgenossen gemein haben. Ein anderer spannender Aspekt ist neben der Triest-Frage, die der gesamten Positionierung zu Jugoslawien. Italiener kehren in das Land zurück, welche Landsleute zuvor in einem hässlichen Krieg enorm zugesetzt hatten, um beim Wiederaufbau zu helfen. In der Beschreibung dieses, heute so fern erscheinenden Akts der Solidarität, steckt so viel Herzblut und Hoffnung, dass eine gerechtere Welt nicht nur machbar sondern sogar nah wäre, die allen die Lektüre dieses kleinen Büchleins rechtfertigt.

Carlo Levi: Christus kam nur bis Eboli

Angekommen im Mezzogiorno legte ich also diese Aufzeichnungen beiseite und griff zu einem “Klassiker des italienischen Neorealismus”. Zwar nicht in Apulien handelnd sondern in der Basilicata (aber das ist ja quasi nebenan) gilt dieses Buch als einer der einfühlsamsten wie realistischsten Beschreibungen des italienischen Südens am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Der Roman entstammt den Erinnerungen eines, unter Mussolini hierher verbannten Antifaschisten und sind in der Tat nicht nur lesenswert sondern auch lesbar (allzu viele als Klassiker titulierten Bücher kranken ja in meinen Augen an ihrer eingeschränkten Lesbarkeit). Es handelt sich um ein äußerst detailreiches und tabuloses Einfangen jener abgehängten Welt in den weltfernen Bergen Süditaliens. Auch wenn der Stiefel bis heute nicht zu den prosperierenden Vorzeigeregionen Europas gehört, so ist doch vieles des hier Beschriebenen schwer vorstellbar, liegt es doch gerade mal 80 Jahre zurück. Es ist eine unbarmherzige Welt, die hier beschrieben wird, beherrscht von Armut und Aberglaube wie der faulen Dreistigkeit der herrschenden Eliten.  Doch neben der erschütternden Millieustudie, die dieses Buch unzweifelhaft darstellt, hat es streckenweise auch politische Aussagekraft, die mich nochmals überraschten. Die Gedanken des Autors über den Süden, das Problem der Bauern und die Möglichkeiten die eine Gesellschaft gegeben sind um derlei unauflösbar scheinende Probleme zu bewältigen, haben über die Jahrzehnte nichts an Aktualität verloren und verdienten mit Recht etwas mehr Aufmerksamkeit. Mich haben sie zumindest sehr inspiriert und mir den einen oder anderen neuen Gedanken eingepflanzt.

Wu Ming: Altai

Und nachdem ich also mit diesem doch eher runterziehenden Büchlein die Feiertage verbracht hatte, war es dann recht bald soweit: Nach der alten Devise “Das Beste zum Schluss” erblätterte ich endlich die Seiten des neuen Wu Mings. Jedes Jahr, so das stolze Vorhaben des hierfür allzeit verehrten Verlags “Assoziation A”, soll nun ein weiteres Buch des Schriftstellerkollektivs “Wu Ming” in deutscher Sprache erscheinen. Deren Bücher, welche hier bereits erwähnt wurden, sind schlichtweg über jeden Zweifel erhaben.

Daher nun auch weniger Lobhudelei sondern auf zur kurzen Inhaltsbeschreibung. Genaugenommen nahm ich “Altai” mit einem leicht flauen Gefühl in die Hände, da ich wusste, dass es sich hier um die Fortsetzung von “Q” handelte. Dies war das erste Buch der Kollektivs und in meinen Augen nichts Geringeres als eines der besten Bücher, welches ich je gelesen habe. Nur leider lag dieses Erlebnis knappe 13 Jahre zurück und meine Erinnerungen waren dann doch ein wenig verblichen. Doch meine Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Sicher, das Wissen um die Vorgeschichte des “alten Mannes”, welcher der Protagonist von “Q” ist, schaden dem Lesevernügen nicht, aber auch ohne dieses Wissen hat man an diesem Buch seine Freude. Es ist neuerlich ein gelungener Wurf, die Geschichte eines jungen Mannes der in den Strudel der Auseinandersetzungen zwischen Osmanischen Reich und Christenheit im 16. Jahrhundert gerät. Dabei unterscheidet es sich so wohltuend von dem Meer an Büchern, die sich in diesem Genre austoben, durch diskrete Fachkenntnis, Humor und Originalität. Allein der, den üblichen Spannungsbögen und geläufigen Erwartungshaltungen entgegengesetzte Handlungsverlauf ist die Lektüre wert und wieder einmal begreife ich zu schätzen, was die Autoren meinen, wenn sie behaupten, dass in ihren Büchern “die Geschichte gegen den Strich gebürstet wird und hier gegen das Kontinuum der Herrschaft Räume der Utopie geöffnet werden.” Mit der nachklingenden Wirkung dieses Buchs saß es sich gleich um ein Vielfaches beschwingter im Zug nach Norden. Solang solche Bücher das Licht der Welt erblicken, kann es keine wirklich dunklen Winter geben.

 

Föhner Abschied

Ja, ich gestehe, als wir gestern in Verona aus dem Zug stiegen und uns der eisige Atem von Gevatter Winter ins Gesicht tauchte, da ertappte ich mich kurzzeitig bei dem Gedanken, dass seine Rache für unsere freche Desertion gar fürchterlich werden würde. Derlei verzärtelte Anwandlungen sind dem Italienreisenden nicht unbekannt und werden zurecht in einer hübsch verschnörkelten Schublade des Schranks der “First-World-Problems” aufbewahrt.

Doch als die Sonne in der Hauptstadt Balkoniens aufging, zeigte uns Italien noch Mal was es drauf hat. Dank milder Abwinde, der Gnade geographischer Lage und auserlesenster Steinhaufen genossen wir noch einmal mit voller Kraft den letzten Tag südlich der Alpen. Frohgemut und bestens betankt mit Sonne, Freundlichkeit und Lust auf Leben kehren wir zurück. Die Tage werden wieder länger, nix wird so heiß gegessen wie gekocht und sowieso!

Posted from Verona, Veneto, Italy.

La dolce siesta

Dem Konzept der gesellschaftlich verankerten Mittagsruhe stehe ich prinzipiell sehr aufgeschlossen gegenüber. Ein paar Stunden Freizeit mitten am Tag sind für mich zweifelsohne ein Gewinn auch wenn der Arbeitstag hierdurch natürlich etwas in die Länge gezogen wird. Speziell in den heißen Monaten muss hier wohl auch nicht viel abgewogen, sondern schlicht und ergreifend auf Naturgewalten reagiert werden.

Im Winter erschien mir diese Tagesaufteilung anfangs leicht suboptimal, stellt sie doch zumindest den Reisenden vor organisatorische Hindernisse zu besten Zeit des Tages. Temperaturen und Tagesstimmung erfordern auf den ersten Blick auch nicht wirklich eine Ruhepause, nichtsdestotrotz verwaisen die Städte zwischen eins und vier mit trotziger Routine. Doch aus Arbeitnehmersicht bringen die freien Mittagsstunden in der Tat einen unübertrefflichen Vorteil: der düstere Winterklassiker von Arbeitstag und Freizeitnacht unserer Breiten wird hier elegant ausgehebelt. So gesehen, machen sie also Mal wieder alles richtig hier im Mezzogiorno. 

Posted from Monopoli, Apulia, Italy.

Italien satt in vier Zügen

Alles nahm in einem gewöhnlichen ICE nach München seinen Anfang. Eine dieser raschen Fahrten – solide, pünktlich und routiniert – genauso wie die Deutsche Bahn nur in seltenen Ausnahmefällen erwähnt wird obwohl die meisten Züge genau diese Prädikate verdienen. Einmal mehr flog die Republik an mir vorbei. All diese entzückenden und sträflicherweise von mir noch nicht bewanderten Mittelgebirge… Schon bald waren wir in München und wurden mit allerfeinstem Schneeregen begrüßt, was das sehnsuchstvolle Schmachten hin zu dem ersehnten Ziel jenseits der Alpen nur noch verstärkte.

Im Gegensatz zu so vielen meiner Lieben aus meinem Soziotop habe ich Bayern gegenüber keinerlei Beißreflex. Nein, ich genieße bei all meinen Berührungen mit dem Freistaat die urigen Sonderlichkeiten dieses eigenwilligen Bergvolks. Speziell die Kunststückchen im Kulinarischen ringen mir immer wieder Respekt ab. So genoss ich auch dieses Mal nach kurzem Stadtrundgang Haxe und Helles, verabschiedete mich vollsr Respekt von der Welt der Barbaren. 

Am nächsten Tag machten wir dann endlich rüber. In einem vorzüglichen Zug der ÖBB machten wir es uns gemütlich und genossen bei bester Sicht diese wunderschöne Hochgebirgspassage, nur um recht bald in der Poebene, dem Brandenburg Italiens, gepflegt wegzuschnarchen.

Und dann war sie einfach da: “die Fette, die Rote, die Gelehrte” – Bologna! Schwer auf wenigen Zeilen zu beschreiben, es soll genügen zu erwähnen, dass eine Stadt, die mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und Dauerregen aufwartet in den seltensten Fällen zu begeistern weiß. Bologna jedoch gelang dieses Kunststück. Gefühlte Geschichte, gefüllte Mägen und gefallende Menschen in einem Gesamtkunstwerk von Stadt, Bologna wir sehen uns wieder!

Doch dann war es soweit. In einem bis auf den letzten Platz genutzten Zug zuckelten wir gen Lecce. Nach DB und ÖBB zeigte uns nun Trenitalia wie man die Schiene beherrschte. Und ich muss sagen: Chapeau! Komplett ausgenutzte Kapazitäten und dennoch entspanntes Fahrvergnügen auf einer zusätzlichen noch über alle Maßen beeindruckenden Strecke, welche zeitweise bis auf 10 Meter an die Adria herankam.Das alles garniert mit Freundlichkeit und ungezwungener Fröhlichkeit von Fahrgästen wie Schaffnern.

Lecce – das “Florenz des Südens”, eine “Rokokoexplosion” – der Ruf dieser Stadt war ihr seit längerem vorausgeeilt. Voller Spannung unternahmen wir also unsere ersten Schritte und waren schon nach kurzer Zeit völlig hin und weg. Soviel Fantasie in Stein auf engstem Raum, dass der Geist Mühe hatte hinterher zu kommen. Wer in Süditalien vorbeischaut sollte diese Schnuckelchen keinesfalls auslassen. Nach ausführlichsten Rundgängen und gemeinschaftlichen Fotomassakern stiegen wir dann in den letzten Zug.

Ein rumpeliger kleiner Schienenbus, voll bis zum Dach brachte uns auf die andere Seite des Hackens, nach Gallipoli. Und nach einer guten Stunde standen wir dann in unserem Weihnachtsdomizil und wir sahen, dass es gut war.

Posted from .