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Manöverkritik: Polen per Rad

Nun sind wir also wieder da. Nach exakt 750 km ruht die Pedale und das erlebnisüberquellende Bewusstsein wirft den Verarbeitungsgenerator an.Vorab sei gesagt, wer hier öfters vorbeischaut, weiß dass mir Polen sehr am Herzen liegt und ich keineswegs mit Kurzschlussargumenten und Klischeekanonen unterwegs bin, es sei denn sie fordern es wirklich heraus. Daher bitte die folgenden Worte nicht als böswilligen Rundumschlag verstehen, sondern als kurioses Zeitdokument, welches in einigen Jahren polnischen Kindern vorgelesen wird, nachdem sie mal wieder eine dieser traumhaften Radstrecken an der Ostsee genossen haben.

Die Route in schematischer Darstellung.

Was hatten wir zuvor alles an Horrorgeschichten über unsere geplante Sommertour gehört: Die Massen würden sich an der polnischen Ostsee aneinander reiben, dass es nur so schmatzen würde; die Radwege eine Mischung aus aggressiver Landstraße, holprigen und versandeten Waldwegen welche wiederum ausnahmslos chaotisch markiert wären. Und sie hatten alle Recht. Das Aberwitzige – wir hatten dennoch unseren Spaß, denn perfekte Radwege sind nicht alles. Schließlich gibt es ja auch noch Gegenwind, Mücken und Durchfall.

Eine gepflegte Betonpiste – die Spitze der Fahradwegsevolution. Hatten wir sie war der Tag gerettet.

Denn schließlich waren die Widrigkeiten kalkulierte Widrigkeiten und somit nicht in der Lage uns die Laune zu verderben. Aber schauen wir uns die Ursachen doch einmal genauer an.

Frage Nr. 1 – Warum, verdammt nochmal, ist die polnische Ostseeküste jeden Sommer derartig überfüllt?

Die polnischen Schulferien sind für alle Woiwodschaften einheitlich und alljährlich in den Monaten Juli und August. Hier gibt es keine Chance auf ferienbedingte Feuerpausen. Polen hat länger als der gemeine Ostdeutsche die Freiheit zu reisen wohin er will, nur hat er leider keinen passenden Vereinigunspartner auf dem politischen Weltmarkt gefunden, der das Taschengeld für regelmäßige Mittelmeerbesuche bereitstellen könnte. Zwar steigt das allgemeine Wohlstandsniveau seit Jahren, doch bei der überwiegenden Mehrheit reicht es dann doch wohl immer noch “nur” für den jährlichen Ostseeurlaub. Und dann kommt da ja auch noch Gewohnheit und kulturelle Hegemonie als Faktoren hinzu.

Was mir bisweilen, wenn mal wieder allerfeinster polnischer Unterschichtenpop in grenzwerttiger Lautstärke mein Ohr erfreute, durch den Kopf ging, war die Frage nach der Alternative. Der Deutsche, Brite, Holländer weiß wohin er reisen muss um mit seinesgleichen der Dumpfheit im Warmen zu frönen. Doch was sollte der Pole machen. Mit Deutschen beim Sangria grölen? Mit Briten Bierwettkämpfe aufnehmen? Soweit ist der europäische Gedanke noch nicht fortgeschritten. Dies gekoppelt mit der Macht des Gewohnten führt zu gewaltigen Massen die sich zwischen Świnomünde und Habichtsgóra drängen – und zwar jedes Jahr. Leider muss man auch sagen nur zwei Monate.

Der polnische Ostseestrip – Magnet der Coolen und Reichen – selbstverständlich auch eine feste Adresse für den Mann mit der angewachsenen Sonnenbrille!

Den Rest des Jahres liegt der Tourismus brach und totale Stille zieht ein. Was ja an und für sich verlockend und wohltuend erscheinen mag, führt aber zu einem komplett desaströsen Improvisationstourismus. Warum soll man irgendetwas solide und durchdacht organisieren wenn es ja doch nur für den sommerlichen Durchmarsch reichen muss. Und für den hat es bisher ja wohl immer gereicht! Womit wir quasi schon nahtlos zu Frage Nr. 2 überleiten können.

Warum, verdammt noch mal, gibt es keine vernünftige Radwegeinfrastruktur in Polen? 

Bevor wir hier weiterreden, fallt nicht auf die Propagandamärchen illustrer Verlage und Internetportale rein. In Polen gibt es KEINE Infrastruktur von Radwegen. Zwar gibt es mehr als lobenswerte Anfänge, wie bspw. das kurze Stück von Dźwirzyno bis Mielno ist nahezu mustergültig markiert und fast widerwärtig perfekt gestaltet. Doch hier reden wir von Ausnahmen. Ausnahmen die jedoch Grund zur Hoffnung geben.

So übertrieben perfekt geht es auch. Polen – das Land der Extreme!

Denn schließlich kann man das Entstehen von Radwegen nur dialektisch begreifen. Wenn laut Lenin Kommunismus eintreten wird sobald Sozialismus und Elektrifizierung gewährleistet sind, so kann dies für den polnischen Radweg nur heißen, dass zuvorderst funktionierende Autostraßen und realexistierende Fahrradtouristen da sein müssen. Denn auch wenn meine Skepsis gegenüber dem realexistierenden Individualverkehr mittels Auto angesichts des besichtigten Wahnsinns enorm gestiegen sind, so verstehe ich wohl, dass es nicht hinnehmbar wäre, dieses Land, in Anbetracht seiner Holperpisten, mit einem edlen Netz an fein asphaltierten Radwegen zu überziehen.Daher bleibt abzuwarten was geschehen wird.

Der R10 von seiner schleimigsten Seite. Schön auch, dass wir wenige Meter später im Sand steckenblieben. Verrückte Natur!

Die Frage nach dem Aufkommen eines relevanten Fahrradtourismus’ ist dagegen eine deutlich andere. Überall in den Touri-Orten sieht man Radler, in größeren Ortschaften ist es ein unübersehbares Verkehrsmittel, ja sogar das Lehnwort Radler hat es als Biermischgetränk in den polnischen Sprachwortschatz geschafft. Doch bleibt hier noch die Hürde der Informationsbeschaffung zu nehmen. Schließlich könnte man ja auch Karten zu der jeweiligen Region herausgeben. Doch dies ist leider nicht der Fall. Es war für mich ein unfassbares Moment in Gdanzig, als ich nach ca. 24 abgegrasten Läden,  in dem so relativ jeder Quadratzentimeter Polens touristisch ausgewertet war und erworben werden konnte, nicht eine einzige schlichte Karte von der benachbarten Region vorhanden war. Derartiges kannte ich nur wenn es sich um eine militärisches Sperrgebiet handelte. Dies tat es aber nicht. Hier muss noch nachgebessert werden. Meine Forderung: Weniger Plasteschnickschnack, mehr Wander- und Radkarten! Sollte doch machbar sein.

Dank modernster Technologie wird dem Kartenmangel auf kecke weise der Kampf angesagt. Der öffentliche Aushang wird abfotografiert  und hiernach beliebig oft konsultiert. Sollte jemand Interesse an einer Radtour in besagtem Ausschnitt haben: einfach ausdrucken und schon kann’s losgehen.

Doch auch wenn ich die nächsten Jahre die Gazelle wohl nicht mehr über die Oder springen lasse, so habe ich tatsächlich Hoffnung, dass man eines Tages mit gutem Gewissen die Radreise gen Osten empfehlen kann. Aktuell braucht es hierfür leider noch jede Menge schwarzen Humor, Durchhaltewillen und Freude an überstandenen Entbehrungen.

Versöhnliches Ende eines wilden Ritts durch Radpolen. Nächstes Mal dann aber doch wieder Mitteleuropa für uns Pussies. Ohne nachtragend zu wirken:  Wenn irgendwer den Verantwortlichen für den R10 auftreiben könnte, ich würde immer noch ne Menge Bier auf seinen Skalp setzen.

Andererseits muss erwähnt werden, dass all dies nur für den R10 während seiner schwierigsten Zeit gilt. Die Atmosphäre östlich von Gdanzig war eine komplett andere: Deutlich größere Lücken im Touri-Auftrieb, ruhigere Landstraßen – einfach entspannter. So ließ sich auch der R1, den wir für zwei Tage zum Rückweg erkoren bis wir in den Zug stiegen, deutlich netter und fahrbarer an. Also wer weiß, was da noch möglich gewesen wäre. Diese Frage gebe ich mal einfach weiter.

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Zwei Jahre später

Es versteht sich von selbst, dass ein gedehnter Gdanzig-Aufenthalt neben Bernsteinorgien, Hanseromantik und Backsteingotikexzessen auch einen Besuch im Stadion beinhalten muss. Hier tickelten sich die Iberer in Form und die Griechen wurden einmal mehr hinausverabschiedet.
Sieht nett aus. Schön steil. Ganz robuste Bausubstanz. Auch wenn ein Besuch im Verinsheim schnell aufzeigte, dass Freundschaft mit den Hausherren von Lechia Gdansk sich eher schwierig gestalten würde.