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Ratgeber: Winter, Sonne, Sonnenschein – nur in Kampanien kann’s schöner sein

Che bella cosa è na jurnata ’e sole, (Wie schön ist ein sonniger Tag,)
n’aria serena doppo na tempesta! (die klare Luft nach einem Sturm!)
Pe’ ll’aria fresca para già na festa… (Die frische Luft wirkt wie ein Fest…)
Che bella cosa na jurnata ’e sole. (Wie schön ist ein sonniger Tag.)

‘O sole mio (1898 von Leonardo di Capua im wunderschönen Odessa mit Sehnsucht nach dem noch wunderschöneren Neapel komponiert)

Kampanien! So man, wie in meinem Falle, an sich schon mittelschwer italienverknallt ist, gehört Kampanien zweifellos zu den Regionen, welche den geringsten Anlauf benötigen um einen schlicht und einfach umzuhauen. Die verschiedenen Regionen Italiens gehören per se zu den mit Attraktionen jeglicher Coleur verdichtetsten Gegenden der Welt, doch dies hier übertrifft nochmal einiges. Vom Vesuv beherrscht, von bezaubernden Küsten umsäumt – eine brachiale Schönheit die seit Jahrtausenden Künstler inspiriert hat. Pompeji, Sorrent, Herculaneum, Ischia, Capri, Pizza und SSC Neapel – hier ist wohl eine der mächtigsten Quellen jener ewigen Italiensehnsucht zu verorten, die seit längerem beständig Menschen aus dem grauen Norden anzieht und so eine lückenlose, gut dreihundertjährige Geschichte des Tourismus vorzuweisen hat. Hier kommt jeder auf seine Kosten, der Kunst- und Geschichtskenner,  Natur- und Meeresfreund sowie der passionierte Gourmet oder der verträumte Nostalgiker antiker Traditionen. Aber der Reihe nach. So übermächtig das Angebot Kampaniens auch erscheinen mag, ich wage es unerschrocken, einen kleinen Überblick von campania felix, der glücklichen Landschaft, der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Anmerkung: Da ich exakt ein Jahr zuvor ähnliches unternahm, nur eben nicht in Kampanien sondern in Apulien, versteht es sich von selbst das gewisse Punkte der Reiseanleitung sich überschneiden oder wiederholen würden. Daher war ich bei einigen Abschnitten so frei, meine, ein Jahr zuvor gewonnenen Einschätzungen zu zitieren.  

Andere Wissensquellen: Hach herrjeh, wenn ich bei vielen Empfehlungen der Vergangenheit an dieser Stelle verlegen herumstocherte und innerlich verzweifelte warum es zwar drölfzich Bücher zu dem maßlos überschätzten Jakobsweg gibt, aber nicht einen einzigen nützlichen Wissensspeicher zu dem jeweiligen Stück Planeten, den ich gerade anpreisen wollte, so ist es in diesem Fall grundlegend anders. Die Fülle an Ratgebern im Buchformat ist so reichlich wie vielfältig. Wanderführer, Geschichtswegweiser, Kulinarikkompass oder topaktuellen und grundsoliden Reiseführer – alles ist vorhanden. Auch einzelne Teilregionen wie bspw. der Cilento warten mit gut unterrichteten Nachschlagewerken auf. Auch das Internet hat etliche prall mit Informationen gefüllte Portale in petto. Als gute Einstiegspunkte seien hier portanapoli und kampanien-insider genannt. (Für den Cilento sei cilento-aktiv.info wärmstend empfohlen) Und letztlich hat diese Region wie kaum eine andere auch reichlich Literatur unserer Altvorderen im Angebot. Goethes “Italienische Reise”, Seumes “Spaziergang nach Syrakus”, Gregorovius’ “Wanderjahre in Italien” um nur einige zu nennen.

An- und Abreise: Hier bin ich so frei und verweise erstmals auf meinen Apulien-Ratgeber vom letzten Jahr: “Zum Thema Einreise bleibt nicht viel zu sagen so man die Gnade eines EU-Passes erfahren hat. Doch auch ohne dies steht eine visafreie Einreise immerhin 66 Nationalitäten nichts im Wege. Auch die Anreise gehört wenn nicht zu den leichteren Übungen so zu vielleicht so gar zum vergnüglichsten Teil der ganzen Angelegenheit. Aus ideologischer Veranlagung wie aus reinem Pragmatismus heraus konzentriere ich mich dieses Mal allein auf den Schienenweg. Wer sich für Auto oder Flugzeug entscheidet, mag sich selber informieren und langweilen.”

Eisenbahn: Auch hier kann ich größtenteils auf einmal gewonnene Erkenntnisse zurückgreifen: “Die erklärte Festlegung auf dieses Verkehrsmittel kommt nicht von ungefähr. In Italien konnte die Eisenbahn noch viele ihrer konkurrenzlosen Vorteile in die Gegenwart hinein retten. Sie kommt in rascher Frequenz, erreicht die meisten wichtigen Punkte, ist preisgünstig (wobei das Tarifsystem leicht verständlich ist) und die Züge sind in gutem bis vorzüglichen Zustand. Diese einfache Basis wird dann auch offensichtlich von der Bevölkerung goutiert. Die Waggons sind stets gut gefüllt ohne überfüllt zu sein und die Stimmung an Bord machte stets Lust auf mehr.” Obwohl diese leicht euphorisch klingende Einschätzung, nach der diesjährigen Inspektion geringfügig zurechtgerückt werden muss. Unser diesjähriger Aufenthalt beinhaltete deutlich mehr Eisenbahnnutzung als das letzte Mal, daher gab es mehr Gelegenheit dafür um die abgewetzten und schäbigen Stellen auf dem glitzernden Schienenkleid von Signora Trenitalia auszumachen. Die chronische Verspätungssucht speziell im Regionalverkehr ist erstaunlich und nahezu elementar. Ein Zug der nach Fahrplan abfährt scheint eher die Ausnahme als die Regel zu sein. Die Regionalzüge sind zudem in schlechten Zustand, ähnlich wie manche Gleise und Bahnanlagen. Außerdem könnte die Frequenz auf den Stammstrecken deutlich höher sein wie auch die Auslastung nahelegt, aber das ist soweit ja kein ausschließlich italienisches Problem. Das kennen wir aus den meisten Ländern, die noch mit einem Personenschienenverkehr ausgestattet sind. Doch trotz Verspätungen und klappernder Türen bleibt das Bahnreisen in Italien als Fortbewegungsmittel ohne Konkurrenz für alle die das Leben gern in welcherlei Zügen auch immer genießen.

Als Routenempfehlung gibt es (von Berlin aus gesehen) eigentlich nicht sehr viele Alternativen als die Zwei-Hüpfer-Partie “München-Rom”. Nach München kommt man seit Kurzem in spektakulären 4,5 Stunden oder mit dem ICE-Sprinter gar in rastlosen, knappen 4 Stunden. Und dank der rührigen ÖBB existiert auch immer noch ein Nachtzug welcher in knapp 12 Stunden die ewige Stadt zu erreichen versucht. Offensichtlich stark behindert durch die Dusseligkeit der deutschen wie italienischen Schienenverwalter, gehört der “München-Rom-Nachtzug” zu den verrufenen Bummelkindern unter den europäischen Fernverbindungen, dennoch ist er immer eine Reise wert. Man sollte einfach für den Umstieg an den jeweiligen Endbahnhöfen ein wenig mehr Zeit im Puffer haben. Selbstverständlich gibt es auch noch einige Tagzüge (was ich bei erstmaliger Reise aufgrund der Alpenüberfahrt auf jeden Fall empfehlen würde), dann heißt der Umstiegsbahnhof aber Bologna oder Verona. Eine Direktverbindung nach Rom über Tage gibt es leider nicht.

Es ist immer ungemein beruhigen zwei rote Pfeile im Köcher zu haben.

Von Rom nach Kampanien ist es nur noch ein kleiner Sprung. Die Distanz nach Neapel kann auf dreierlei Art bewältigt werden: Mit dem frecciarossa (dem “roten Pfeil”) in einer Stunde und 10 Minuten, dem Intercity in knapp 2 Stunden oder den BummelRegionale in knapp 3 Stunden. Die Preise pendeln pro Ticket hierfür zwischen 23 und 10.

Herumreisen: Blicken wir ein Jahr zurück: “Die Eisenbahn ist für Fern- und Mittelstrecken über jeden Zweifel erhaben, doch im lokalen versagt sie komplett. Die wenigsten Städte verfügen über eine annehmbare Infrastruktur zur Fortbewegung, weshalb viele aufs Auto umsteigen, was wiederum dazu führt, die Straßen heillos zu verstopfen, was wiederum die paar Busse, die sich durch die Straßen verirren zu hilflosen Beförderungsschaukeln degradiert. Kurz – ein Teufelskreis! Im Dorf-zu-Dorf-Verkehr sieht es selbstredend nicht besser aus. Mangels geringer und undurchsichtiger Angebote eines versprengt und im Untergrund agierenden öffentlichen Nahverkehrs, steigt man aufs Auto um und lässt die wenigen Verbindungen leer durch die Gegend trudeln. Ein Trauerspiel fürwahr. Empfehlung hier wäre sich reiseplanerisch an den Schienen des Landes zu orientieren und Ausflüge abseits derer entweder verteufelt gut zu planen oder einfach dem Zufall überlasssen. Es kommt meist aufs Gleiche raus.”

Dieser Einschätzung hat meines Erachtens weiterhin Bestand. Einzig hinzuzufügen seien hier die kampanischen Spezifika. Denn für einige relevante Sehenswürdigkeiten der Region kann man sich sehr gut “reiseplanerisch an den Schienen” orientieren. Die Circumvesuviana beispielsweise ist ein gemütlicher, den Golf streichelnder Nahverkehrszug mit dem man problemlos Pompeji, Herculaneum oder Sorrent erreichen kann. Auch die Standardzüge der Trenitalia stricken zumindest an der Küste ein dichtes Netz an Verbindungen mit denen man allerhand erreichen kann.

Die Kritik vom letzten Mal sei aber nochmals mit Verve erneuert. Der leidige, motorisierte Individualverkehr selbst in den schmalsten Gassen der bezaubernden Altstädte Süditaliens gehört für mich zu den nervigsten Angelegenheiten die jeden Aufenthalt hier vergiften. Wie schön könnte alles sein wenn man zumindest in den historischen Stadtkernen den Transportstandard des Römischen Reichs zurück erlangt werden könnte. Diese Viertel sind für Autoverkehr nicht im Entferntesten ausgelegt und jeder verträumte Bummel durch sie wird durch diese Gefährte enorm geschmälert. Es sollte doch im Bereich des Möglichen liegen, hier kleine Reservate des Fußgängers zu etablieren.

Sprache: “Was soll man schon viel zu Italienisch sagen? Welche Sprache versprüht mehr Charme und Eleganz? Die Sprache der Renaissance, der schönen Künste, bündelt Zärtlichkeit und rohe Kraft gleichermaßen. Schon wenige banale Sätze im Alltagskontext können mit ihrer ungebremsten Kraft wollüstiger Vokale, ihren tanzenden Silben und ihrer ganzen Körperlichkeit den unvorbereiteten Barbaren mühelos niederstrecken.

So man die Ansprüche nur ein wenig senkt, kann man dank der Einfachheit des Italienischen schon beachtliche Anfangserfolge verbuchen. So noch irgendeine andere romanische Sprache im passiven Gedächtniskeller verstaubt, kann diese problemlos angewandt werden. Meine Dialogpraxis – Spanisch sprechen zu probieren und Italienisch versuchen zu verstehen – war jedenfalls fast immer ein voller Erfolg. Auch Englisch ist selbstverständlich immer eine Möglichkeit, doch muss berichtet werden, dass die Kenntnisse in dieser allseits beliebten Weltsprache mit steigenden Breitengraden zusehends sanken.”

Übernachten: Wie eingangs schon erwähnt gehören große Teile Kampaniens zu einer Region, die auf eine mehr als dreihundertjährige, unterbrechungsfreie Tourismustradition zurückblicken kann. Dementsprechend routiniert und souverän fällt hier auch der Umgang mit Fremden und ihren Bedürfnissen aus. Gegenden wie die Amalfiküste sowie die Inseln Ischia und Capri gehören folgerichtig auch zu den auserleseneren Erholungsgebieten und sind dementsprechend teuer. Abgesehen von diesen hot spots finden sich aber beispielsweise im Cilento oder in der näheren Umgebung Neapels preiswerte und geschmackvoll eingerichtete Unterkünfte.

Altersgemäße Freizeitgestaltung für den besten Hund der Welt im besten Hundeland der Welt

Hunde: “Wie schon bei früheren Besuchen bemerkt, ist die Hundefreundlichkeit in Italien außergewöhnlich. Zumindest aus der Perspektive eines Hundes kann an Italien wirklich wenig ausgesetzt werden. Ungelogen mindestens jeder zweite Passant nimmt von einem Hund in ausschließlich freundlicher Art Notiz. Es wird geschnalzt, gestreichelt und gelächelt, als ob der letzte Hund der Welt auf dem Bürgersteig flanieren würde. Wie selbstverständlich hat man mit dem Hund Einlass in Räumlichkeiten, die ihm sonst (prinzipiell zu Recht) verwehrt bleiben. Die elenden Scherereien die allzu oft bei der Fortbewegung mit Hund aufkommen, verpuffen in Italien wie ein absurder, böser Traum.”

Kulinarik: “… die italienische Küche ist die Beste der mir bekannten Welt. Im italienischen Universum gibt es dabei weit mehr als die beiden Galaxien Pasta und Pizza. Vielfalt, Improvisationstalent und Perfektionismus unterstützt von einer fruchtbaren Gesamtsituation und einer langen, von zahlreichen Kulturbesuchen durchsetzten Geschichte sind die Grundlagen für die Entstehung dieser reizenden Verführerin. Das Wunderbarste ist dabei aber, dass jede Region, ja schon das nächste Dorf hinten am Horizont ureigene Spezialitäten und unbekannte Genüsse im Angebot hat. Das macht jede Italienreise zu einer unkalkulierbaren Entdeckungstour für die Geschmackssinne.”

Die pralle Macht von Geschmack und Frische – das Weihnachstmahl im Rohformat.

Ja, so schrub ich ahnungsloser Sklave der Genüsse noch vor einem Jahr. Doch wie mit dem bereits erwähnten Überangebot an Geschichte und Natur verhält es sich in Kampanien auch mit den leiblichen Genüssen, sprich: auch hier wird nochmal deutlich eine Schippe drauf gelegt. Sei es der zentrale Stellenwert, den diese Region seit mehreren Jahrtausenden beansprucht oder die dank Vesuv extrem fruchtbare Erde, welche sämtliche Zutaten mit einem gewissen Extra ausstattet – hier wird selbst jener positiv überrascht der mit den höchsten Erwartungen anreist.

Fangen wir bei dem Grundlegendsten an, der Pizza napoletana. Bevor diese zum Wahrzeichen Italiens wurde, war sie zunächst einmal ein regionales Sinnbild und zwar das von Neapel. 2011 wurde für die Pizza ein Antrag auf Aufnahme in das Immaterielle Weltkulturerbe der UNESCO gestellt. Und ich muss verzweifelt ächzen, selbstverständlich, aber warum erst jetzt? Über die Qualität der Pizza muss sich an dieser Stelle nicht groß ausgelassen werden. Ich halte es für reichlich blasiert zu behaupten, dass es nur in Neapel die einzig wahre Pizza gäbe. Die Qualität ist in dieser Hinsicht südlich der Alpen prinzipiell hoch und wenn man acht gibt kann man sogar nördlich der Alpen bisweilen auf ausgezeichnete Pizza treffen, sogar im Wedding. Doch es muss erwähnt sein, dass das Pizza in Neapel natürlich einen ganz anderen Stellenwert hat und daher kann man unbesorgt an jeder Ecke in in jedem beliebigen Etablissement zugreifen und wird sehr selten enttäuscht.

Ein weiterer mit Kampanien verketteter Geschmacksbaustein ist der Mozarella di Bufala, echter Büffel-Mozarella. Denn aufgrund seines DOP-Status darf eben jener nur hier hergestellt werden.In diesem Falle muss eindeutig gesagt sein, hier handelt es sich keinesfalls um wichtigtuerische Gourmetallüren. Büffel-Mozarella unterscheidet sich in der Tat von der hierzulande allgemein bekannteren Kuh-Mozarella. Er ist in seiner Konsistenz wie Geschmack eindeutig vielfältiger. Der cremige Kern und die leicht salzige Note sind Kriterien, die ihn auch bei diversen Gerichten unterscheidbar von Kuh-Mozarella machen.

Die Tomate gehört unzweifelhaft zu den elementarsten Säulen auf der die italienischen Küche ruht. Kaum vorstellbar wie ein präkolumbianisches Italien kulinarisch existieren konnte, doch das soll hier nicht das Thema sein. Kampanien weiß jedoch auch in Tomatenfragen entschieden aufzutrumpfen. Der fruchtbare Vulkanboten, die intensive Sonne und die frische Meeresluft boten zahlreichen Tomatensorten einen erquicklichen Lebensraum. Allen voran, das Flaggschiff der Tomaterei, die San-Marzano-Tomate. Der Legende nach schenkte sie im Jahre 1770 der König von Peru seinem Königskollegen in Neapel. Diese Flaschentomaten zeichnen sich durch ein intensives, fruchtiges Aroma aus und eignen sich hervorragend für den Salat, da ihr festes Fruchtfleisch nicht zum verwässern neigt und auch Salatsaucen hervorragend annimmt. Als ein weiterer Star der Tomatenszene muss die Piennolo-Tomate bezeichnet werden. Die, überall in Kampanien angebauten Pomodorino del Piennolo (auch pomodorini da serbo, spongilli oder corbarini) werden auf Schnüre gezogen und an den Decken neben Knoblauch- und Zwiebelkränzen das ganze Jahr über aufbewahrt. In diesen Bündeln reifen sie dann langsam, äußerlich trocknen sie, aber im Inneren bleiben sie saftig. So hat der gewiefte Kampanier eine Möglichkeit gefunden, das gesamte Jahr Zugriff auf die Farben, Düfte und Gewürze des Sommers zurückzugreifen. Neben diesen Highlights weiß noch der winzigste Gemüseladen ein zwei weitere Sorten Tomaten feilzubieten, doch ich möchte an dieser Stelle abbrechen, da man mir sonst vorwerfen könnte, dass ich Tomaten auf den Augen hätte.

Nicht Kolumbus sondern die geschätzten Araber brachten die Zitrone an die kampanische Küste. Neben etlichen anderen Sorten, welche in Italien aus diesem Präsent gezüchtet wurden, sticht die Sorrent- sowie Amalfizitrone heraus. Es sind riesige, sonnengelbe Früchte die einem bei jedem Marktbesuch verführerisch anblinzeln. Sie haben eine ungewöhnlich dicke Schale,  welche reich an ätherischen Ölen ist, die wiederum gegen eine ganze Batterie an Krankheiten helfen soll, außerdem enthalten diese Zitronen mehr Vitamin C als alle anderen Zitronen. Ihren praktischen und auf den ersten Blick ersichtlichen Nutzen erhalten sie in der Küche: Nudelsaucen, Fischwürzung und Backwerk – überall trifft man auf die sauren Ergebnisse dieser Riesenzitrone. Doch die wohl entscheidendste Bedeutung kommt ihr bei der Gewinnung von Limoncello, dem über allem thronenden Likör Kampaniens, zu. Wenn ich es bislang noch nicht bemängelte, so sei es hiermit nachgetragen: die Perfektion der leiblichen Genüsse Italiens krankte in meinen Augen bislang an Bier und Schnaps. In diesen Kategorien meinte ich bislang nichts Herausragendes zu entdecken. Dabei bleibt es auch bis auf weiteres. Zweifellos ist dies zutiefst subjektiv, doch Limoncello hat meine Gaumen nicht erobert. Dennoch ziehe ich meinen Hut vor der leidenschaftlichen und engagierten Art wie hier mit besten Zutaten jongliert wird um einen Schnaps zu kreiiren, der offensichtlich einer großen Anzahl von Menschen über alle Maßen mundet.

Spaghetti alle vongole – einfach, frisch, fantastisch!

Da wir dieses Mal wenig essen gingen, sondern lieber selber kochten, verweise ich auf diese Liste der Top 10 der Regionalgerichte Kampaniens, welche nach besten Können und mit ehrgeizigsten Absichten versuchte nachzukochen. Für den leichten Einstieg in die hiesige Küche kann ich Spaghetti con le vongole, Parmigiana di Melanzane sowie Pesce all’Aqua Pazza empfehlen. Selbst ein Risotto gelang mir hier und zwar das hier empfohlene Risotto alla Pescatora. Die hier ebenso aufgezählten Spezialitäten Pizza, Totani al Patate sowie Polpette empfehle ich in einem vertrauenswürdigen Lokal zu ordern, denn dies sind Gerichte für die eindeutig Erfahrung nötig sind, die bei einem Kurzurlaub selten zu gewinnen sind.

Zum Thema Wein fühlte ich schon während des Tippens Kapitulationsregungen. Wie bei jeder anderen Region Italiens wäre dies eigentlich nur mit einem eigenen Artikel zu bewältigen. Als Basisgepäck daher nur folgendes: Die grundlegenden Rebsorten vor Ort sind Falanghina (weiß) und Piedirosso (rot). Unter dieser Beflaggung erhält man in Kampanien überaus vorzügliche Weine. Im Weißweinsegment kann man dann auch Falanghinas entdecken, die mit Biancolella oder Greco verschnitten sind und nicht minder delikat sind. Einen Wein den man, wenn man in der Gegend ist, unbedingt kosten sollte, ist der Falerner. Dieser Wein gehörte im Römischen Reich zu den beliebtesten und ist mit gewissen Abstrichen auch heute noch zu genießen. Heute wird dieser Wein ausschließlich in Falerno del Massico angebaut und gilt als modernes Pendant des antiken Falerners.

Schöne Orte (selbst besehen)

Neapel! Ach Neapel. Neapel sehen und sterben. Neapel gilt seit jeher als magischer Ort, ein auf die Erde gefallenes Stück Himmel. Und dennoch scheidet diese Stadt die Geister. Die Meinungen gehen hier von offener Abscheu bis hin zu fanatischer Vergötterung. Die unumstrittene Hauptstadt des Mezzogiorno ist daher offensichtlich ein komplexer Fall. Lasst mich die Beschreibung dieser Stadt mal etwas unorthodox versuchen. Stellen wir uns einfach vor, du betrittst eine Küche, die in irgendeiner Weise deinem Verantwortungsbereich unterstellt ist. Die betreffende Räumlichkeit befindet sich auf den ersten Blick in einem miserablen Zustand, der Abwasch türmt sich bedenklich, der Mülleimer ist voll, alle Arbeitsflächen sind fleckig und schreien nach Zuwendung. Doch auf dem Tisch zwischen all dem Schmutz blinzelt dich ein Buch an, dass du schon immer lesen wolltest, aber aus Gründen nie von dir genossen werden konnte. Wenn du dir jetzt notdürftig Platz schaffst und dich völlig selbstverständlich setzt und anfängst zu lesen, dann wird dir Neapel nicht nur gefallen, du wirst es lieben!

Napoli – wo sind schmutzige Gedanken unschuldiger als hier?

Es ist der allgegenwärtige Schmutz und Lärm, die eng aneineinander gerückte Architektur und die dunkle Patina des Verlebten, die viel zur Unbeliebtheit Neapels selbst bei unvoreingenommenen Besuchern der Stadt beiträgt. Und damit haben sie völlig Recht. Neapel ist eine laute, chaotische, schmutzige Stadt. Wer lichte Renaissancemetropolen wie Florenz, filigrane Lagunenstädte wie Venedig oder mondäne Weltnabel wie Mailand mag, wird hier zumindest irritiert zurückschrecken. Dass ich über all das nicht nur hinweg blicken kann, sondern es sogar direkt anschauen kann ohne in diese Reflexe zu verfallen, habe ich zwei lang geschätzten Freunden zu verdanken: Der Geschichte und dem Fußball. Das Interesse und die Leidenschaft für Geschichte ermöglicht mir die Sicht auf eine zusammenhängende Altstadt in einer Größe (vertikal wie horizontal) die in dieser Form ihresgleichen auf dem Planeten sucht, zu erkennen. Abseits des Wissens darum, dass in den letzten zwei Jahrtausenden hier fast alles um-, ab- und überbaut wurde, kann man sich mit etwas Augen-zusammen-kneifen des Eindrucks nicht erwehren, durch eine echte Großstadt des Römischen Imperiums zu promenieren. Und in dieser Hinsicht hilft sogar all der Müll, die diversen Geruchsschwaden und der Lärm (abgesehen wie gesagt von den Motorgeräuschen), denn die Plebejerviertel der Antike waren nicht saniert und für Touristen aufgehübscht. Die unmittelbar erlebbare Authentizität (dieser abgenutzte Begriff darf hier ausnahmsweise ohne Scham verwendet werden), dieses Gefühl, winzigstes Teilchen einer Stadt zu sein, die seit über 2500 Jahren einfach nur da war, ließ mich überlaufen vor Glück. Zum Thema Fußball sei nur kurz angefügt: SSC Napoli und Maradona. Wenn man Ende der 80er den Fußball entdeckte, kam man hieran nicht vorbei und eine Stadt die so etwas der Menschheit schenkte kann einfach nicht von grundauf schlecht sein.

Der Schlund zur Hölle – ein Spaziergang der besonderen Art.

Als wir durch zähe Wolkenschwaden an einem Dezembermorgen an den Hängen des Vesuvs emporwanderten, konnten wir uns nicht einigen: Ist der Vesuv wohl der berühmteste Vulkan? Ist er im Allgemeinwissen am nachhaltigsten verankert? Ich meine schon. Zwar ist der Ätna deutlich aktiver und dementsprechend häufiger in den Nachrichten und dieser isländische Vulkan sowieso, aber dessen Namen wird niemals präsenter sein, auch wenn er den Flugbetrieb noch dreimal lahmlegen sollte. Vulkane außerhalb Europas wie der Krakatau oder Mount St. Helens können maximal einen schwachen Nachhall im kollektiven Gedächtnis verbuchen. Nein, der Vesuv ist DER Vulkan. Majestätisch thront er über Neapel (in welcher Stadt der Welt kann man inner halb einer Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln vom Hauptbahnhof bis zum Krater eines aktiven Vulkan gelangen?) Doch der Vesuv ist nicht allein seiner berühmten Ausbrüche wegen bekannt und einen Ausflug wert. Eine Wanderung auf diesen Vulkan ermöglicht nicht nur einen intensiven Blick in die geologische Intimsphäre unseres Planeten, sie gestattet auch einen Ausnahmeausblick auf all das Schöne um einen herum.

Pompöses Pompeji – was hat dich bloß so ruiniert?

Und wer Vesuv sagt muss auch Pompeji sagen. Auch wenn ich hier ausdrücklich davor warnen möchte, die augenscheinliche Nähe von beiden zum Anlass zu nehmen, beide Ziele an einem Tag absolvieren zu wollen. Pompeji war eine antike Stadt, die bei dem wohl bekanntesten Ausbruch des Vesuvs 79 n.u.Z. komplett verschüttet wurde. Hiernach machte man sich nicht die Mühe, die Stadt wieder aufzubauen und nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs geriet das Wissen um Pompeji mählich in Vergessenheit. erst im 18. Jahrhundert erinnerte man sich wieder an die untergegangene Stadt und begann sie stückweise auszugraben. Heraus kam dabei Stück für Stück eine der am besten erhaltenen Ruinen-Städte der Antike. Die schier unüberschaubare Größe der Stadt und der erstaunliche Reichtum an erhaltenen Details sollten jeden Besucher in seinen Bann ziehen. Die Ausmaße des Besichtigungswürdigen ist derart gewaltig, dass ich das anfangs belächelte 3-Tagesticket (€15) für ein durchaus sinnvolles Angebot erachte (Tagesticket €10), so man die Zeit hat.

Es ist genug Geschichte und Kultur für alle da.

Eine weitere außergewöhnliche Anhäufung unbedingt zu besichtigender Geschichte ist Paestum. Diese ehemalige blühende griechische Kolonie wurde von den Römern übernommen und geriet nach deren Abgang recht schnell in Vergessenheit. Die mächtigen Tempelanlagen überlebten die Jahrhunderte und stehen heute in ihrer ganzen Pracht zum Bewundern zur Verfügung. Ein ideales Tagestourziel, welches mitsamt Museum und Touristen-Feierabendwein in dem kleinen Städtchen leichterhand zu absolvieren ist.

Antiker Hund trifft alte Tempel. Das Beste aus zwei Welten.

Schöne Orte (noch unbesehen)

Die Amalfi-Küste gehört zweifellos zu den Filetstücken Kampaniens. Wie eingangs schon erwähnt spiegelt sich dies naturgemäß auch in der Preislage vor Ort wieder. Auch die infrastrukturelle Anbindung, die eigentlich nur eine Erschließung per Auto sinnvoll erscheinen lässt, macht eine Entdeckung dieses entzückenden Küstenstreifens recht aufwändig. Das sollte jedoch nicht davon abhalten sich bei bietender Gelegenheit dieses Stück Bilderbuchitalien zu gönnen. Entlang des Golfs von Salerno ziehen sich, an den Fels geklebt, einer Perlenkette gleich, kleine Städtchen die in Sachen Liebreiz und Idylle auf nahezu absurdeste Art miteinander konkurrieren. Positano, Ravello, Vietrisul Mare und natürlich Amalfi sind hier nur die namhaftesten Adressen.

Die Prominenz der bereits beschriebenen Glamourruine Pompeji ist die Ursache, dass Herculaneum ein ungerechtfertigtes Schattendasein fristet. Herulaneum wurde genauso wie Pompeji durch den gleichen Vulkanausbruch verschüttet und ist dementsprecht genauso gut erhalten und zu besichtigen. Sie ist zwar etwas kleiner und zu römischen Zeiten auch nicht ganz so bedeutend wie das legendäre Pompeji, dennoch: wenn anderswo eine Ruinenstadt wie Herculaneum entdeckt würde, wäre sie definitiv eine Sensation. So aber steht sie wohl für alle Zeiten in der zweiten Reihe der antiken Sehenswürdigkeiten Kampaniens. Dabei könnte die Kompaktheit und die geringere Bedeutung für eine Besichtigung durchaus Vorteile bieten. Ein geringerer Touristenansturm und eine überschaubarere Fläche könnten einen Tagesausflug nach Herculaneum auf jeden Fall schmackhaft machen.

Und natürlich die Inseln: Capri, Ischia und Procida. Zumindest die ersten beiden sollten den meisten ein Begriff sein. Ischia hat in meinen Augen das meiste zu bieten. Die größte Insel im Golf von Neapel ist vulkanischen Ursprungs und hat mit dem Monte Epomeo (779m) auch einen nennenswerten Berg auf der Habenseite. So hat Ischia neben einer spannenden geologischen Visitenkarte auch Thermalbäder, lecker Kaninchen, feinste Strände und natürlich jede Menge antiker Steinhaufen im Angebot.

Hier handelt es sich entgegen des umlaufenden Texts weder um Capri noch um Ischia. Gaeta im nördlich kühlen Latium war unsere letzte Station und Abschluss unser Kampanien-Tour. Eine unzweifelhafte Erinnerung daran, dass es noch jede Menge mehr Italien gibt. Ich bin gespannt aufs nächste Jahr.

Capri dagegen gilt wohl unumstritten als monänste Insel des Mittelmeers. Der Klang ihres Namens löst nicht nur Schlagermelodien aus, sondern ruft Nostalgie und Schwärmerei hervor. Schon seit frühesten Zeiten war die immergrüne Insel vor Neapel ein populärer Ort für Entspannungssuchende und Sommerfrischler. In jüngerer Vergangenheit wählten die unterschiedlichsten Figuren Der A-und B-Prominenz die Insel als Domizil aus. Rilke, Gorki, Bacon und Debussy fühlten sich hier wohl und mehrten den Ruf der Insel als auserlesene Insel der Seeligen. Zweifellos ein lohnenswerter Ausflug mit Garantie auf  jede Menge Wohlklang für die geplagten Seelen des Nordens.

 

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Bezirke bezirzen – siebtes Kapitel: Per Sachsen-Anhalter durch die Garnixis

Was liegt näher als nach den exotischen Reisezielen der jüngeren Vergangenheit, die Reisesaison des neuen Jahrs mit solch einem erdigen Durchschnittsgaranten wie Magdeburg zu eröffnen? Im Zuge der Bezirksstadtexpeditionen durften wir nun schon die unterschiedlichsten Charaktere von Urbanität entdecken. Ob nun der graumäusige Charme Gerasdie entrückte Bergwelt Suhls, die gelassene Nichtigkeit Frankfurts oder die karge Emotionalität Rostocks – unsere Operationen an den zahlreichen offenen Herzen der Peripherie offenbarten die unterschiedlichsten Töne auf der Klaviatur von Siedlungsbemühungen. Doch nun war Magdeburg an der Reihe.

Was Gera an Unscheinbarkeit ausstrahlt und Neubrandenburg an Provinzialität feilbietet, scheint die ehemals ruhmreiche Bördeperle mit konturloser Durchschnittigkeit kontern zu wollen. Dementsprechend unvoreingenommen fuhr das reizüberflutungserprobte Peripherikerteam an einem lichten Januarvormittag zum europäisch-asiatischen Grenzfluss (Adenauer) um der ehemaligen Bezirksstadt und heutigen Landeshauptstadt einen Besuch abzustatten.

Erstes Klischee welches schon nach kurzer Zeit zertrümmert wurde ist jenes des “Landes der Frühaufsteher”. Mit dieser Titulierung versuchte das identitätslose Mischgewebe namens Sachsen-Anhalt zumindest auf der Mitleidsschiene sich irgendwie in das Passivwissen der Republik zu hacken. Doch ein Blick auf die Magistralen Magdeburgs zum High Noon sprach Bände: Gähnende Leere kreischte uns entgegen. Erst eine Stunde später als der verkaufsoffene Sonntag den lustlosen Verbraucher herauskitzelte, füllten sich die Fußgängerzonen und ein überraschend quirliges Treiben entstand.

Solang das Centrum-Warenhaus nicht auf ist, wird in Sachsen-Anhalt kein Frühaufsteher gesichtet.

Dies lag zum großen Teil auch an dem ersten Event des Jahres: “Magdeburg on Ice” , welches mit dem spektakulären Superlativ “das größte Eis-Festival Sachsen-Anhalts” antrat, hielt die Stadt fest im amüsiervergnügten Würgegriff. So wurden wir mehr oder minder schreckenstarre Zeugen von “Magdeburgs größten Morning-Workout unter freien Himmel” mit Detlef Soost sowie dem leibhaftigen Bernhard Brink. Manchmal fordern diese Expeditionen an die Peripherie von einem einiges an emotionaler Stabilität ab.

Getreu der These:Die Kunsthistoriker haben die Kirchen dieser Welt nur verschieden interpretiert, es geht aber darum sie zu instagrammisieren.”

Da half zum Ausgleich nur ein entspannter Spaziergang an Magdeburgs edler Elbpromenade, ein Bummel durch die Altstadt und natürlich das unumstrittene Zentrum der Straße der RomanTik – der Dom. Nachdem dies alles mit gebührender Anerkennung und ausreichender Ablichtung absolviert war, sollte all dies wie immer mit den kulinarischen Spezialitäten des Bezirks gekrönt werden. Doch, o weh, der Minuspunktregen platterte heftigst – in Magdeburg schließt das Brauhaus sonntags 16 Uhr, 15 Uhr Küchenschluss. So waren wir gezwungen in der schlecht gelauntesten Kaschemme des noch jungen Jahres fränkisch zu speisen. Schande über das Innenleben deiner Häuser, Friede den Außenfreuden des fröhlichen Durchschnitts sachsen-anhaltinischer Provinienz.

 

Unbeweglich, eiskalt und mit jeder Menge Ecken und Kanten – Magdeburg kompakt

Ciao e ciao

Ein weiteres Jahr neigt sich dem Ende entgegen und mit Zunahme der Gräunis von Wetter und Worten lockt stetig die Milde des Südens. Ich verdeutliche diese Neigung der Einfachheit mal an zwei einfachen Textbeispielen.

“Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?-
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut.
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl?
Dahin, dahin
Geht unser Weg.
O Vater, lass uns ziehn!” (1795)

 

“Letztlich war es nur ein weiteres Jahr der Verschärfung des kapitalistischen Grundwiderspruchs, doch mit, oberflächlich betrachtet, immer widerwärtigeren Resultaten. Kleinbürgerliche Angst, heuchlerische Besitzstandswahrung, platter Hass und ganz allgemein, grenzdebiler Skeptizismus sogar den selbstverständlichsten Errungenschaften Aufklärung und Wissenschaft gegenüber werden aus der Gosse hochgespült, um mit einfachen Antworten komplexe Missstände beseitigen zu wollen. All die wohlbekannten, vorbestraften Geister blinzeln frech und dreist im 21. Jahrhundert als wäre nix gewesen. Angesichts dieser vorhersehbaren Misere, welche ohne viel Geschichtskenntnisse erkennbar ist, wird mir übel, ob meiner Hilflosigkeit wie meiner Untätigkeit gleichermaßen. Daher suche ich Abstand und vertraue mich ganz der selbstvergessenen Gelassenheit des Mezzogiorno an. Es wäre nicht das erste Mal dass mir der Stiefel wieder ausreichend Grundvertrauen und Hoffnung schenkt um den ganz normalen Schlamassel würdevoll gegenüber zu treten.” (16.12.2016)

Es erschließt sich hier auf den ersten Blick zweifelsfrei wer Dichterfürst ist und wer nicht. Dennoch habe ich beiden Zitaten nichts hinzuzufügen und trete voller Vertrauen in die Hoffnung spendendende Kraft des Belpaese die Reise an. Habe ich doch dieses Mal zudem das auserlesene Vergnügen mit Kampanien des Dichterfürsten liebsten Vorgaten zu genießen.

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Serben bringen Glück

Man kennt das, ein legerer Abend, leicht sitzend in vertrauter Runde. Das Gespräch mäandert ziellos durch die glücklichen Weiten ehemals erlebter Streifzüge durch Europa im Auftrag von König Fußball. Lang ist es her, dass zumindest “wir” dank eines Hintertürchens im Reglement mit Union Berlin Finnland und Bulgarien entdecken durften. Doch der andere Teil der Gesprächsrunde kann mitnichten derlei Erinnerungsdelikatessen präsentieren. Man muss eben schon sehr alt sein um die europäischen Höhepunkte des 1.FC Kölns aktiv miterlebt zu haben. Traurige Augen zeigten in die düsteren Abgründe langjähriger Fahrstuhltristesse. Und so hörte ich mir erstaunt zu wie ich lauthals verkündete im Falle des Falles auch die schätzenswerten Kölner Kollegen mit meinem Support zu beehren. Wer konnte denn ahnen, dass jene spätnächtliche Anteilnahme so bald von der Realität abgeprüft würde?

Als dann die Auslosung London, Borissow und Belgrad in den Fokus rückte, war die Entscheidung schnell gefallen. Meine Begeisterung für die diversen Reste des reizvollen Vielvölkerstaats auf der Schokoladenseite des Balkans wurden an dieser Stelle ja bisweilen schon einmal thematisiert und so wurde die Tour nach Belgrad leichterhand organisiert. Heute Abend ist es endlich soweit – schnucklige 1200 Bahnkilometerkilometer warten auf uns.  Ein wahres Reisesahnehäubchen in diesem, von auserlesenen Reisen dicht gesäten Jahr. Ick freu mir!

Bezirke bezirzen – sechstes Kapitel: Nüchtern, November, Neubrandenburg

Zunächst sei an dieser Stelle erst einmal voller Demut der triefend nasse Hut gezogen. Ich hab nicht wirklich dran geglaubt als ich an einem vernieselten, grauen Novembervormittag ans S-Bahngleis trat, dass ich tatsächlich in Gesellschaft nach Neubrandenburg reisen würde. Doch die üblichen Verdächtigen fanden sich tatsächlich auch zu dieser dann doch eher unattraktiven Bezirksstadttour ein.

Und so tuckerten wir gemächlich an Landschaften vorbei die uns mit ihren Schattierungen von hell- bis dunkelgrau gekonnt einlullten. Bald mussten wir den Zug dann doch verlassen und stolperten an einem jämmerlichen Bahnhof vorbei, mitten rein in die reizende Vier-Tore-Stadt. Vier Tore, mehr fällt selbst gewieftesten Periperikern nicht zu dieser Stadt ein, bei deren Erwähnung nicht wenige Berliner irritiert reagieren (“Neubrandenburg? Brandenburg? Neu? Wie jetzt?”). Pflichtschuldigst bummelten wir dann auch bei weiterhin erlesenen Nieselwetter den Stadtwallrundgang ab und goutierten sämtliche Tore.

Danach war es dann auch mal wieder gut. Wir schlenderten am zaghaft aufkeimenden Weihnachtsmarkt vorbei, speisten anständig mecklenburgisch im “Schweinestall” und verließen dann in angemessen Tempo die Backsteingotikmetropole.

Fazitär sei hier angemerkt, dass naturgemäß wenige Städte an einem solch düsteren Novembertag zu überzeugen wissen. Sicher gewinnt der Vier-Tore-Reigen im lebensbejahenden Lenz bei Vogelgezwitscher und linden Lüftchen. Und auch wenn der Peripheriker-Rat harmonisch und liebenswert wie immer die Vorzüge Neubrandenburgs mehr als einmal hervorhob, es wird schwer für Mecklenburgs drittgrößte Stadt sich auf das Siegertreppchen der Bezirksstädte zu schmuggeln.

Lebus – Bacchus – Zielonus Górus

Ein weiteres Mal zuckelte die  Karawane in die Ferne. Das ehrbare Ansinnen, allen Nachbarn einen kleinen Besuch abzustatten, führte dieses Mal zu so etwas wie einem Heimspiel. Schließlich ist der Polonisierungsgrad der üblichen Reisegruppenzusammensetzung doch erheblich über dem Durchschnitt. Andererseits war Zielona Góra für uns relatives Neuland. Die kleine unscheinbare Weinmetropole sollte, so der Plan, uns an einem Wochenende nicht überfordern, sondern uns ein paar gelassene Herbsttage in der Provinz gestatten. Doch wir hatten es wohl ein wenig unterschätzt. Wer hätte das gedacht? Zielona Góra ist mehr als ein Two-Night-Stand!

Ratgeber: Stilvoll stranden in Albanien

Auf dem Gipfel des Berges lebt der Adler und die Fliege lebt am Pferdehintern. (albanisches Sprichwort)

Hinter den verwunschenen Bergen des Balkans liegt ein kleines, unbekanntes Land namens Albanien. Ein Land, bei dessen Nennung der gemeine Mitteleuropäer gewöhnlich achselzuckend ins Leere schaut. Allenfalls erntet man Reaktionen, die etwas mit Mafia, Krieg und Chaos zu tun haben. Man könnte nicht ferner liegen. Eingeklemmt zwischen Griechenland und Jugoslawien prosperiert Albanien schon seit geraumer Zeit still und heimlich vor sich hin. Die nordkoreanisch anmutende Hoxha-Ära scheint in ferner Vergangenheit zu liegen, Chaos und bürgerkriegesähnliche Zustände der Transformationsperiode ebenso.

Sanft umrankt die mediterrane Gegenwart die paranoide Vergangenheit – Albanien freut sich auf dich!

Mittlerweile rekelt sich der touristische Nobody gelassen und bietet selbstbewusst seine mediterranen Qualitäten feil. Schneebedeckte Berge und üppige Vegetation der Täler, historische Stadtkerne, faszinierende Sakralbauten und, nicht zu vergessen, diese fantastische Adriaküste, welche bisweilen so unverbaut und idyllisch daherkommt, dass Strandurlaub wieder seinen Namen verdient. Alles in allem ein Land was unsere Aufmerksamkeit erregte. Daher hier nun in gewohnter Weise ein paar Tipps, die euch helfen sollen, es selbst zu entdecken. Leider wird dieser Ratgeber sich vorerst auf Küste und Städte beschränken, da die Kürze des Aufenthalts einen Ausflug in die Berge verhinderte. Dabei sollte der Ausblick auf Highlights wie die legendäre Koman-Fähre oder den Peak-of-the-Balkans-Trail in jedem Bergliebhaber extremstes Lechzen auslösen.

Andere Wissensquellen

Wie so oft schon zuvor beobachtet, Reiseziele die nicht jedem etwas sagen, verfügen naturgemäß auch über einen mangelhafte Informationsgrundlage. Zwar gibt es Reiseführer zu Albanien, doch jeder hat eklatante Nachteile und meist nur geringfügige Vorteile. Der Reise Know-How-Führer mag den Anfang machen und prinzipiell ist an ihm auf den ersten Blick wenig auszusetzen, doch strotzt er bei genauerer Prüfung vor Ungenauigkeit und strukturellen Schwächen. Vielleicht, so möchte man verteidigend einwenden, sind derlei Schwächen bei einem Land im Wandel wie Albanien unvermeidlich. Das Gegenteil beweist jedoch der pocket-guide von Martina Kaspar und Günther Holzmann. Das seit einigen Jahren in Albanien lebende Paar liefert ein durchaus beeindruckendes Büchlein ab, prall gefüllt mit Informationen und Tipps, die nicht aus der 0815-Schublade gezogen scheinen. Einzig Layout und Format ließen mich innerlich gefrieren und meinen eigenen Anspruch verfluchend, reißaus nehmen. Als dritte Alternative muss hier noch der Reiseführer des sonst sehr geschätzten Trescher-Verlags erwähnt werden. Hier ist man am Klassenziel eines Reiseführers deutlich vorbeigeschlittert. Wer nach einer leidlich gut erzählten Landeskunde sucht, könnte damit gut bedient sein. Relevante Informationen, Tipps und konkrete Empfehlungen finden sich hier eher weniger und zudem schlecht findbar.

An- und Einreise

Die Mühen der erfolgreichen Annäherung an Albanien haben sich in den letzten Jahren deutlich verringert. Zwar sind die Spuren der totalen Abschottung an der infrastrukturellen Situation noch zu erkennen. So verfügt das Land lediglich über einen internationalen Flughafen (Tirana) und die Einreise auf dem Landweg ist einzig auf dem Straßenweg zu ermöglichen.

Flughafenbahnhof Podgorica – auch eine reizende Alternative zur legeren Einreise nach Albanien (Quelle)

Internationale Zugverbindungen gibt es bislang nicht. Angeblich gibt es eine Gütertransportstrecke von Podgorica nach Shkodra auf der in Zukunft die Einrichtung von Personenverkehr geplant ist, doch da wollen wir uns mal lieber keine übertriebenen Hoffnungen machen. Die smarteste Art des Enterns der albanischen Hoheitsgebiete ist die Einreise per Schiff. Es bieten sich hier zwei Varianten an: von Korfu nach Saranda oder von Bari nach Durrës.

Herumreisen

Die beste Information sei gleich zu Beginn herausgeschrien: Albanien verfügt weiterhin über eine funktionierende Eisenbahn! Erleichtert konnte ich davon ablassen, das erste kontinentaleuropäische Land auf meine schwarze Liste zu setzen.  Doch es muss gesagt werden, in einem guten Zustand befindet sie sich nicht. Selten, unzuverlässig und marode sind wohl noch die besten Adjektive mit dem der Service der Hekurudha Shqiptare beschrieben werden muss. Auch hier geistern diverse Pläne von Modernisierung und Verbesserung herum und obwohl ich Albanien hier viel zutraue, bleibt eine gewisse Skepsis erhalten. So bleibt der gängige Weg zur Abanienentdeckung der Bus. Natürlich wären auch Mietauto oder Fahrrad adäquate Alternativen, doch hier fehlen eigene Erfahrungen und so kann ich schwerlich Qualitatives dazu beitragen. Leider befindet sich auch das Niveau des busbetriebenen Fernverkehrs auf einem eher betrüblichen Niveau. Informationsaustausch und struktureller Ist-Zustand der bestehenden Busverbindungen sind alles andere als erheiternd. Fahrpläne existieren eher als fakultative Veranstaltung, Preise sind Verhandlungssache und das technische Level der Busflotte befindet sich eindeutig im grenzwertigen Bereich.

So übersichtlich, wie hier beim Busbahnhof Tirana bekommt man es nur selten serviert. Achtung Reisender,, hier geht es nur zu Zilen im Süden Albaniens. Der Busbahnhof für nördliche Ziele findet sich ein paar hundert Meter Richtung Zentrum linkerhand.

Überraschend war der relativ gute Zustand der Straßen. Letztlich kann aber zusammengefasst werden, dass Dank der Freundlichkeit der Menschen auch die Hürde des öffentlichen Fernverkehrs in Kauf genommen werden kann. Dennoch bleibt zu hoffen, dass die aktuelle aufblühende Phase in der albanischen Geschichte dazu genutzt wird, Bahn und Bus gleichermaßen auf ein annehmbares Niveau zu hieven, damit Albanien eines Tages vielleicht nicht trotz sondern sogar wegen seiner Transportwege geschätzt wird.

Übernachten

Wie schon ein paar Mal erwähnt, Albanien hat sich seit meiner letzten Visite vor gut zwanzig Jahren erheblich gemausert. In kleinen unspektakulären Schritten stabilisierte man die Gesellschaft, reduzierte die Korruption auf ein, der Region angemessenes Maß und investierte erklecklich vor sich hin. So avancierte Albanien peu à peu vom Geheimtipp für Hartgesottene zum Adria-Kleinod für Massentourismus scheuende Freunde einer mediterranen Auszeit. Meine Beobachtungen betreffen nun nur die Küste, die größeren Städte und all dies auch nur während der Nebensaison, doch das Gespräch mit den Menschen vor Ort sowie mit anderen Reisenden lassen einen groben Überblick zu. Kurz: Auch wenn man hier die Hauptsaison meiden sollte, so man Entspannung sucht, kann man an Küste wie in den größeren Städten problemlos eine günstige und geschmackvoll eingerichtete Unterkunft finden. Das untere Preissgement pendelt sich irgendwo gelassen zwischen €5-10 pro Nase ein. Die Qualität der Unterkünfte kann sich definitiv mit vergleichbaren Bleiben in den Nachbarländern messen. In den Bergen soll die touristische Infrastruktur noch nicht ganz so zuverlässig sein und noch mehr in den Kinderschuhen stecken.

Sprache

Die hier gesprochene Sprache gehört zweifelsfrei nicht zu den Hauptanziehungskräften eines Albanienausflugs. Ähnlich wie im georgischen Fall handelt es sich auch hier um eine weit abseits von allen “zivilisierten” Sprachen stehendes Konstrukt. Albanisch hat weder mit der slawischen Sprachfamilie etwas gemein (wie der ungeübte Blick angesichts der Nachbarschaftslage wohl meinen könnte) noch gibt es Verwandtschaftsverhältnisse zu romanischen Posse. Selbst die üblichen Verdachtsmomente bei sprachfamiliärem Querulantentum, wie ein Zugehörigkeit zu den Finno-Ugren oder irgendwelche keltischen Wurmfortsätze treffen nicht zu. Die Herkunft des Albanischen ist so rätselhaft wie manches andere in diesem Land. Und so mag dem größten Sprachenthusiasten die Lust vergehen angesichts dieser, losgelösten Sprachinsel, deren Herkunft bis heute selbst Philologen noch nicht klar ist. Wenn man schon kaum Verwandtschaft mit anderen Sprachen sein eigen nennt und der Einsteiger daher komplett von vorn anfangen darf beim Albanisch lernen, dann genießt man zusätzlich voll ausgelassenem Grimm, dass es selbst einfachste Wörter in sich haben. Ich brauchte bspw. erschreckend lang um mir so ein Ungetüm wie “faleminderit” einzuprägen. Dabei handelt es sich hierbei um das wohl wichtigste Wort in jeder neuen Sprache: Danke. Da ist es gut zu wissen, dass man mit Englisch ganz problemlos durchkommt und sogar Deutsch bisweilen zur Anwendung kommt. Die große Anzahl albanischer Gastarbeiter in der Schweiz und Deutschland machen sich hier bemerkbar.

Selbst die wählerischste Katze kann angesichts der Verlockungen der albanischen Küche nur schwerlich widerstehen.

Kulinarik

Eingebettet in den Balkan, aufgefangen durch Griechenland und abgefedert durch die nahe italienische Küste müsste es mit dem Teufel zu gehen, wenn die hiesige Küche nicht in anständigen Maße zu betören wüsste. Angesichts unserer kurzen Inspektion kann auch hier wieder nicht für ganz Albanien gesprochen werden und in Anbetracht unseres küstennahen Aufenthalts genossen wir auch überwiegend die delikaten Produkte des Meeres. Und hier kann ganz klar der Daumen nach oben gereckt werden. Auf einigen anderen Reisen, die mich durch Regionen führten, welche durch Mangel und Abschottung neben vielen anderen, auch die Fähigkeit zum anspruchsvollen und kreativen Kochen verloren gegangen schien, kann dies für Albanien zweifelsohne nicht beobachtet werden.  Die Küche ist abwechslungsreich, frisch und überaus mediterran. Noch viel mehr als in den angrenzenden Küchen wird hier, meines Erachtens weniger nach Rezept sondern aus der Stimmung heraus gekocht, daher lässt sich eine albanische Küche an sich schwer fassen. Außerdem wird die albanische Küche durch die eigene Diaspora noch zusätzlich zerfranst. So unterscheiden sich die albanischen Regionalküchen Westmazedoniens, des Kosovos, Montenegros, der Albaner in Serbien, der Arbëresh (Italien) und der Arvaniten (Griechenland) ähnlich der kruden Dialektvielfalt Albaniens – ein wundervoller Flickenteppich der Genüsse! Und so könnte beispielsweise ein kulinarische Tagestour aussehen:

Guten Morgen! Ich weiß, alles ist Geschmackssache und das Frühstück als Mahlzeit ist zudem dank diverser Existenzabsprechungen in Selbstfindungstrance gefallen, doch wenn man von all dem mal absieht – frischer, eiskalter Dhallë (Ayran) und dazu einen duftenden, warmen Byrek mit einer Füllung die eurer Tagesform entspricht – kann man den Tag besser beginnen? Aber natürlich! In dem man das Ganze noch mit einem Mokka abschließt, der nicht Geringeres auslöst als Urknall und universelle Expansion der eigenen Physis in einem Moment.  Nachdem ausreichend Tag genossen ist, wendet man sich wohlig der Frage nach dem Mittagsmahl zu. Auch wenn es hier zahllose Möglichkeiten gäbe, wählen wir für dieses Beispiel (und um den zauberhaften kulturellen Mischmasch zu demonstrieren) einen gewaltigen Klotz Moussaka. Selbstverständlich begleitet von einem knackigen Salat mit reichlich Schafskäse oben drauf. Zum Abend dann, zumindest in unserem Universum, hinab zur Hafenpinte um sich mit albanisch Roulette bei der Auswahl nie gehörter Fische und Meeresfrüchte vollzuschlagen.

Albanischer Wein – im Gegensatz zu seinem griechischen Pendant hierzulande bisher noch unbesungen. Zu Unrecht, wie ich finde.

Bleibt noch anzumerken, dass auch die mehrtausendjährige Geschichte des Weinanbaus das kurze Strohfeuer des Steinzeitkommunismus recht gut überstanden hat. Wie allerorts behauptet und bewiesen wird, scheint man diesbezüglich über den Weinberg zu sein und die albanische Weinkultur erblüht und trägt Früchte. Auch wenn der Großteil der geernteten Trauben nicht zu Wein verarbeitet wird, sondern entweder direkt gegessen oder zum albanischen Nationalschnaps Raki rrushi oder Konjak wird, bleibt immer noch genug über um mehrerer ausgezeichnete Weine zu produzieren, die den überraschten Gaumen erfreuen.

Schöne Orte (selbst beäugt):

Das Süd-Triumvirat Saranda-Ksamil-Butrint

Im letzten südlichen Zipfel Albaniens, kurz vor der griechischen Grenze (Korfu liegt an der nähesten Stelle weniger als 2 km entfernt in Sichtweite) liegen, wie an einer Perlenschnur aufgereiht drei Höhepunkte auf engstem Raum aneinander. Saranda mag auf den ersten Blick wenig Begeisterung auslösen. Die offenbare Planlosigkeit des Baubooms in dem an sich recht ereignisarmen ehemaligen Fischerdörfchen geben wenig Anlass um hier empfehlend erwähnt zu werden. Wenn man sich vor Augen hält, dass noch 1913 lediglich 110 Menschen diese Bucht besiedelten und man dann die hastig übereinander gestapelten Touristenschubladen der Gegenwart sieht, kommt man doch arg ins Zweifeln.

Ich wiederhole: Vor etwas mehr als einem Jahrhundert lebten hier 110 Menschen

Dennoch ist Saranda in der Nebensaison ein entspannter Ausgangsort um die Küste Südalbaniens zu entdecken. Als empfehlenswerter Ausflug wäre zum Beispiel Ksamil und Butrint zu nennen. Bei Ksamil handelt es sich um einen kleinen Badeort. Idyllisch am Ufer des Ionischen Meers, von vier kleinen Inseln umsäumt, feinster Sandstrand und Ausblicke, die man tief inhalieren sollte.  Butrint dagegen ist eine, mit dem Siegel Weltkulturerbe versehene Ruinenstadt, noch etwas südlicher an der Küste entlang. Die an sich schon beeindruckende Anlage der erhaltenen Stadt wird nochmals beeindruckender so man sich während des Rundgangs vorstellt welch ein gewaltiger und gut ausgestatteter Komplex dies vor knapp zwei Jahrtausenden einmal war.

Von Troja bis Venedig – jede Menge Geschichte und noch viel mehr Mythos
Syri i Kaltër (Das blaue Auge)

Auf halben Weg zwischen Saranda und Gjirokastra noch vor dem Bergpass gibt es einen kleinen unscheinbaren Abzweig von der Hauptstraße, der zu Albaniens wasserreichster Quelle führt. Ein knapper Kilometer staubiger Fußweg und schon steht man vor diesem verschwenderisch sprudelnden Naturschauspiel (ca. 6 m³/s). Die Tiefe der Quelle ist bis jetzt noch nicht ermittelt, doch das erscheint relativ irrelevant angesichts der intensiven tiefblauen Farbe, die auf dem hellen Karstgestein funkelt. Ein perfekter Zwischenstopp um Meersalz und Straßenstaub etwas entgegenzuschleudern.

Kalt, frisch und bunt – eine verschwenderische Oase im trockenen Karstgebirge
Gjirokaster

Sie gilt als eine der ältesten Städte Albaniens, die “Stadt der Steine”, wichtigstes kulturelles Zentrum, natürlich UNESCO-Weltkulturerbe. Doch damit nicht genug. Diese steinige Städtchen ist auch noch gleichermaßen Geburtsort des ehemaligen Diktators Enver Hoxha sowie des wohl bekanntesten albanischen Schriftstellers Ismail Kadare, der Gjirokaster mit seinem Roman “Chronik in Stein” verewigte. Ein unbedingtes Muss für die innerliche Erschließung Albaniens. Die beeindruckende sich über das Tal erhebende Burg wie die sich verzweifelt daran klammernde Altstadt – all dies lässt schon nach kurzer Zeit die “Chronik in Stein” vor dem inneren Auge auferstehen.

Tirana
Erst bei Nacht entfaltet sich die verkannte Feingeistin Tirana und lässt tief blicken

Von den meisten Albanienreisenden erhält die Hauptstadt nicht unbedingt die besten Kritiken. Auch ich erinnerte mich mit einer Mischung aus Faszination und Grauen an meine erste Begegnung mit der kahlen Blockopole im Herzen des Landes. Doch ich möchte den Versuch unternehmen, den ramponierten Ruf Tiranas ein wenig aufzupolieren. Kurz zusammengefasst sei gesagt, zwischen 2.30 und 6:00 ist es eine wunderschöne Stadt, die Klarheit und Ruhe ausstrahlt. Ein Spaziergang die achtspurige Hauptmagistrale hinab, ins rechteckig aufgeräumte Stadtzentrum hinein, lässt die vibrierende Reiseseele ins Gleichgewicht geraten und bei einem starken Mokka im Angesicht des zentralen, ehemaligen Aufmarschplatzes gelang es zumindest uns ausreichend geerdet zu werden um uns weiter auf das Land der Adler einzulassen. Daher, wenn Tirana – dann nachts!

Schöne Orte (bislang noch unbeäugt)

Die BERGE

Es mag sich im zuvor Gesagten schon angedeutet haben, doch die Auslassung des bergigen Teils war DER Fauxpas bei dieser Kurzinspektion. Wie allein das möglich sei, in einem Land, welches fast ausschließlich aus Bergen besteht, mag der interessierte Leser berechtigt einwenden. Nun, dies liegt hauptsächlich daran, dass die meisten Berge die man querend vorüberziehen sieht, reine, der Klimazone typische “Ansehberge” sind. Schön für Fotos, malerische Aussichten und gelassenes Blickeschweifen – doch in der Regel nichts zum Ersteigen und Erwandern. Zu trocken, verwildert und unerschlossen sind derlei Karstgebirge des Mittelmeerraums. Doch Albanien wäre nicht Albanien wenn es in dieser Hinsicht nicht mehr zu bieten hätte. Im Nordosten des Landes erheben sich die mächtigen Albanischen Alpen, angrenzend an Montenegro und den Kosovo kann hier ein Gebirge genossen werden wie man es in Europa, zumindest in dieser Ausgestaltung nur noch selten finden sollte. Alpin und wild aber dennoch touristisch machbar. Spätestens seit Etablierung des bereits zu Beginn erwähnten “Peak-of-the-Balkans-Trail” sollte Bergwandern hierzulande auf eine solide Basis gestellt sein.

Irgendwo dahinten, hinterm Horizont, dort stehen sie und warten – die albanischen Alpen

Anhängig zu diesem Thema wäre selbstverständlich eine Fahrt mit der Koman-Fähre. Diese, einmal täglich verkehrende Fähre absolviert in zweieinhalb Stunden eine spektakuläre Route vom Koman-Stausee, die steile Drini-Schlucht hinauf bis nach Fierza. Praktisch dabei ist, dass dies, so malerisch es sich einerseits anhört auch andererseits der beste Zubringer für Touren in den Albanischen Alpen ist.

Und auch wenn dies alles schon ausreichen würde für eine ausgewachsene nächste Reise, so gibt es daneben noch reichlich andere reizvolle Ziele mit denen Albanien gekonnt kokettiert (ganz abgesehen davon, dass man natürlich auch immer gern zu alten Plätzen zurückkehren möchte). Zu erwähnen wäre hier einerseits Berat – eine weitere Weltkulturerbe-Stadt in südlich von Tirana – ich wage nicht zu bezweifeln, dass die “Stadt der tausend Fenster” mich zumindest ebenso bezirzen würde wie Gjirokaster. Andererseits zwinkert noch eine weitere Kostbarkeit der Natur verlockend dem Reisenden entgegen: und zwar die Seenlandschaft von Ohrid und Prespa. Obwohl der schönere Teil hier wohl wahrscheinlich eher auf mazedonischer Seite gelegen ist, spräche ja auch nichts gegen einen kleinen Ausflug in das noch unbekanntere Nachbarland.

In diesem Sinne – bis bald Shqipëria!

 

Warum reisen?

Im Dienste von Aufklärung und Bildung sowie in dem festen Vertrauen, dass Reisen einer der besten Freunde dieses tapferen Gespanns ist, möchte ich ein weiteres Gewächs in dieses digitale Potpourri stecken: Einen Reiseführer! So lautet jedenfalls der antiquierte Ausdruck für Veröffentlichungen dieser Art, die es sich seit etwas mehr als zwei Jahrhunderten zur Aufgabe gemacht haben, den Fremden mit ausreichend Rüstzeug zu versehen, damit er bestens vorbereitet unbekannte Gefilde entdecken kann. Leicht irritiert beobachte ich nun schon seit längerem mit immer größerer Ungeduld, dass sich trotz immer weiterer Ausdeutung des Individuums und blitzschneller digitaler Technologien, die Qualität dieses Mediums nicht wirklich revolutioniert wird. Ich spreche hier von jener Art eines Reiseführers wie er von Douglas Adams seinerzeit visioniert wird. Der Anhalter, er wäre in Zeiten allgegenwärtiger Netzpräsenz und wasserdichter, kratzfester Tablets technisch möglich – so sind wir der Idee eines, den wechselhaften Umständen jederzeit anpassbaren Reisenachschlagwerks näher denn je. Selbstverständlich müssen die Wissensbausteine möglichst klein und überschaubar gehalten sein damit dies irgendwann die Chance hat, Teil jenes erstrebten,  granular zusammengesetzten Gesamtkunstwerks zu werden.

Ich fange einfach mal an.

Skipetaren-Express

Etwas mehr als zwanzig Jahre ist es nunmehr her als ich an Bord eines himmelblauen Trabis über die albanische Grenze rollte. Mehre Tage folgten, die mich derart begeisterten, dass ich infolgedessen tatsächlich einige Semester Albanisch lernte. In der Hoffnung beim nächsten Mal der Begeisterung auch ein wenig Verständnis beizumischen. Bedauerlicherweise führte dergleichen Strebsamkeit nicht zu neuerlichen Kontakten mit dem geschätzten Reich der Skipetaren. Es blieb bei jenem einzigen und dementsprechend verklärten Tête-à-Tête in den 90ern.


Doch nun ist es soweit, das Reisependel schlug gen Balkan aus und in diesem Augenblick sitzen wir im Zug nach Albanien. Mit der Eisenbahn nach Albanien? Nein, das kann selbst mit Superschaffnerkräften nicht möglich gemacht werden. Schließlich begeben wir uns hier in ein Land, welches, wie ich der Fachpresse im Internet entnehmen musste, 2016 den Schienenverkehr einstellen musste, weil dem staatlichen Eisenbahnunternehmen das Geld für Diesel fehlte. Ein leichtes Frösteln bemächtigt sich meiner angesichts dieses unfassbaren Frevels. Noch keine meiner etlichen Reisen führte mich in ein relevantes Flächenland ohne die wohligen Klänge des Schienenstrangs. Doch bevor ich diese Schande in mein Schwarzbuch der Eisenbahnverächter aufnehme, will ich mir zunächst selbst ein Bild machen. Um dies zu ermöglichen, muss leider leider ein Flugzeug ab Budapest herhalten. Derlei düstere Gedanken werden jedoch schnell verscheucht im Angesicht der kommenden 13-stündigen Fahrt, gehostet von der besten Eisenbahn der Welt – České dráhy!

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Mission Bezirke bezirzen – fünftes Kapitel: Tipptopp – Rostock

In schwelgender Vorbereitung für dieses Projekt des Bezirkebezirzens hatten wir uns so manches in den schillerndsten Farben vorgestellt, doch eines war sicher, die einzige Ostsee-Exkursion, die uns die administrativen Gründungsväter der DDR gestatteten, wollten wir in der warmen Jahreszeit absolvieren. Wir wollten an den Gestaden des Binnenmeers die Nacht verbringen, dabei sinnierend ins Lagerfeuer starren und in Gleichklang mit den Wellen geraten. Stattdessen saßen wir nun umgeben von dem was manch einer höhnisch Frühherbst nennt im RE nach Rostock, ließen uns von den Regenrinnsalen am Fenster mählich einlullen und betrachteten voll liebevoller Abneigung die an uns vorbeifliegenden Feuchtgebiete. Nachdem wir aussteigen mussten, wird es nicht unbedingt besser. Der Spaziergang durch leergefegte Neubaugebiete, benetzt von feinstem Nieselstömen ließ den überzeugtesten Peripheriker ins Zweifeln kommen.

Doch wie so oft wurde alles schließlich wundervoll. Unsere tapfere Entscheidung, zum RFC zu gehen, ließ die Wettergötter aufmerken und so endete die tagelange Regenhusche, der Himmel brach auf und wir wurden Zeugen eines aufreizenden Amateurkicks gegen den 1.FC Neubrandenburg. Selbstverständlich endete diese packende Partie gegen die 4-Tore-Städter mit einem leistungsgerechten 2-2. Garniert wurde dieses Deluxe-Erlebnis noch von der, laut Szenemagazin 0381, besten Stadionwurst Rostocks und einer nahezu unanständige freundlichen Familienatmosphäre.

Nein, das war er leider nicht unser neuer Herzensverein. Auch Schifffahrthafen Rostock, ebenso auf dem Gelände ansässig, hatte spielfrei. So wohnten wir dem zwar etwas farblos klingenden Rostocker FC bei, doch bereuten wir dies zu keiner Sekunde. Namen sind eben doch bisweilen nur Dampf und Rauch.

Hiernach mussten wir uns erneut entscheiden. Die heilige Dreifaltigkeit Rostocks: Spitzenfußball, Meer und hanseatische Sehenswürdigkeiten – für uns sollte es nur zwei von drei geben. Wir wählten ohne lange mit der Möwe zu zucken Warnemünde und damit Option “Meer”. Eine kurze S-Bahnfahrt plus kleine Fährfahrt später saßen wir in Hohe Düne und schauten beseelt auf das große Wasser.

Einmütig bekannten wir bei abschließenden Fischbrötchen und Bier, dass Rostock eindeutig die überraschende Nummer 2 dieser Expeditionen geworden war. Selbstverständlich vermochte sie es selbst mit all ihrem geballten Fischkopp-Charme nicht, solch eine erlesene Perle wie Suhl auszuknocken, aber immerhin – wer hätte das gedacht?!