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Belfast – Reisesplitter

Erneut zog die Karawane von den Rängen der Försterei hinaus in die weite Welt. Aller zwei Jahre so scheint es, wird mit immer quälenderer Mühe eine Wette kreiert, welche die Mission hat, alle Beteiligten gemeinsam in die Ferne zu verfrachten. Der Anspruch hinsichtlich der Auswahl des Reiseziels ist dabei gleichermaßen hoch wie dem Zufall verpflichtet. Dieses Mal sollte es nach Belfast gehen. Nach ausgiebigen Portionen Osteuropas, garniert mit Schnupperkursen des belgischen Savoir-vivre ein gewaltiger Schritt. Exotisches Neuland lockte.Doch zuvor war der Weg das Ziel. Vier Züge, ein Schiff und ein Tunnel wollten erlebt werden. Allein in Bezug auf die Anreise verfügt dieser Ausflug wohl über etliche Alleinstellungsmerkmale. Da auf dem Rückflug auch die eher prosaische Fortbewegung des Fliegens genutzt wurde, waren alle Bewegungsmöglichkeiten im Einsatz. Der Eurotunnel verdient an dieser Stelle eine gesonderte Erwähnung. Dieser knapp 50 km lange Tunnel sowie der dazugehörige Zug beeindruckte mich zutiefst. In weniger als zwei Stunden rauscht man wie besinnungslos auf die Insel zu. Welch imponierende Schaffenskraft steckt hinter diesem Projekt?! Allein der Zug!

Schnieke glitzert er verlockend dem faszinierten Fahrgast entgegen. Völlig ergeben sollte ich die Reise erleben. Kein Schritt durch den Bauch des Wunderwerks sollte erfolgen. Hier ist wohl eine Wiederholung fällig!

 

Von Fachleuten wird der Zug oftmals als der komplizierteste Zug der je gebaut wurde, bezeichnet. Der Eurostar ist in der Lage sowohl Stromschienen als auch Oberleitungen zu verwenden, wobei er bei letzteren kein Problem mit unterschiedlichen Spannungen hat (25 kV, 50 Hz Wechselstrom, 3 kV sowie 1,5 kV Gleichspannung).  Hinsichtlich Höhe und Breite musste an das kleinere Lichtraumprofil Großbritanniens gedacht werden und das ursprüngliche Modell deutlich eingeschrumpft werden. Außerdem beherrscht der Zug alle drei Signalsysteme der befahrenen Länder – ein wahrhaftes Prunkstück der Eisenbahnerwelt. Und wohin fährt er?! In das Purgatorium des Schienenverkehrs – die schillernd chaotische Privatisierungshölle dessen was einmal das Mutterland der schönsten Fortbewegungsart der Welt war.

Fast ausschließlich Übles hört man seit den verheerenden Auswirkungen der Beeching-Axt vom britischen Eisenbahnsystem. Dergestalt Schreckliches hatte ich erwartet. Doch wie so oft übertrumpft das Miststück Realität jenes naive Ding namens Vorstellung.  Die erste Reaktion auf unser Vorhaben nach Belfast per Bahn, bzw per SailRail fahren zu wollen, stieß auf die entgeisterte Gegenfrage, ob wir nicht doch lieber fliegen wollten. Wohlgemerkt, ein Mann der Bahn meinte dies. Wenn man jene in Virgin-Diensten stehende Kreatur wohlmeinend so bezeichnen möchte. Auf die Bestätigung unseres Ansinnens folgte eine zähe Recherche verschiedener Mitarbeiter, die in erschreckender Weise von Unkenntnis und Ahnungslosigkeit geprägt war. Als wir nach geraumer Zeit endlich die unscheinbaren Tickets in den Händen hielten, stöhnte der armen Mann, dass er in 30 Jahren noch nie ein solches Ticket ausgestellt habe. Armes England…

Darauf verlief die Reise erstaunlicherweise ohne besondere Vorkommnisse und bald schritten wir dem Belfaster Morgengrauen entgegen. Was habe ich nun aus den darauffolgenden sechs Tagen mitgenommen?! Knifflige Frage. Doch zunächst einmal zum Grundgefühl: In Belfast herrscht Friede. Freundliche, leidenschaftliche Menschen allerorten. Eine überraschend angenehme Fußballszene (hierzu in angemessener Ausführlichkeit des Fachmanns Analyse), ein intakter und halbwegs preiswerter öffentlicher Nahverkehr (Nordirland – verstaatlichte Eisenbahn – bloß keine Schlüsse ziehen!) und teuer Bier.

Was hatte ich mir vorher vorgestellt? Mein Bild von Belfast war geprägt von angegrauten Nachrichtenbildern der Gewalt und des Terrors. Bislang sah ich nie die Notwendigkeit mich näher mit dieser Problematik zu befassen, da meine Reisekreise der Vergangenheit diese Region gekonnt umspielten. Im Angesicht der nahenden Gruppenexpedition im Namen der Belle Époque las ich nun anfangs neugierig und mit der Zeit immer bestürzter von einem Konflikt, der diesen Landstrich und insbesondere Belfast über mehrere Jahrzehnte in ein irrationales Zahn-um-Zahn-Universum verwandelte. Nach Ansicht des Objekts blieben Fragen, aus irritierenden Antworten wurden weitere Fragen, welche sich in Unklarheit und Meinungsverschiedenheiten in respektabler Größenordnung mauserten.

Wenn doch mal alles so einfach wäre… Bewundernswert grenzdebile Einschätzung einer Wandmalerei auf der Shankill Road.

Eingangs meinte ich bereits, dass in Belfast Frieden herrschen würde. Dies war durchaus mein Eindruck. Doch die Spuren der Vergangenheit sind unübersehbar. Die Fahnen, welche übereifrig an zahlreichen Häusern auf die Einstellung des Hauses hinweisen, Hinweisschilder an Pubs die kategorisch auf Aus- oder Abgrenzung bestehen. Doch was vielleicht mehr als alles andere deprimiert und die Abgründe der Vergangenheit aufzeigt, sind die mächtigen Zäune und Mauern, die zwischen den Vierteln darauf achten, dass die Bewohner dieser Stadt nur ja nicht zusammenkommen, weil sonst… Tja, weshalb eigentlich?

Ein Mahnmal der Intoleranz, UNESCO-Weltkulturerbeverleiher bitte übernehmen Sie!

Dass jene bis in die Gegenwart hinein allzu oft scheinbar jede Gelegenheit nutzen um sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, steht außer Frage. Aber warum? Dies Frage trieb uns an einigen Abenden um. Klar, man könnte man meinen, dass es sich hier um einen glasklaren Religionskonflikt handele. Katholen auf der einen, Ketzer auf der anderen. Dazu noch eine Brise historische Besatzerwürze und fertig ist der Lack. Diese Ansicht ist verlockend und wird dem halbherzig Interessierten daher mit Vorliebe serviert. Auch ich nutzte annodazumals mein passives Viertelwissen um im Abituraufsatz zum Thema “Nathan der Weise” den Nordirlandkonflikt heranzuziehen um die Sorgen des alten Mannes möglichst anschauungsreich und altklug zu bebildern. Doch ist es wirklich so einfach? Nein, wie üblich ist dem nicht so.

Der Nordirlandkonflikt, oder “The Troubles” wie er auf den Inseln genannt wird, kann selbstverständlich nicht losgelöst von seiner Vorgeschichte betrachtet werden, doch versteht man unter ihm gemeinhin die Eskalation, welche Ende der 60er Jahre begann und sich bis in unsere Gegenwart hineinzog und dabei 3530 Todesopfer forderte (1841 hiervon waren Zivilisten). Anfangs war der aufkeimende Konflikt ganz klar inspiriert vom Zeitgeist bürgerrechtlicher Selbstbestimmungstendenzen. Martin Luther King und die Studentenproteste Europas führten schnell dazu, dass sich auch in Nordirland etwas gegen die bestehenden Ungerechtigkeiten regte. Dass die Proteste nicht lange friedlich blieben, mag vom wirtschaftlichen Niedergang dieser Zeit gefördert sein. Warum genau ab 1969 jedoch Gewalt und Unruhen unübersehbar zunahmen, gehört dennoch für mich zu einer der nicht wirklich geklärten Fragen. Die IRA, jene treibende Kraft der Gewalt der kommenden Jahrzehnte, war jedoch von diesen Ausbrüchen komplett überrascht. Nichtsdestotrotz gelang es ihr, nach einigen wirren Spaltungen und internen Grabenkämpfen das Heft zu übernehmen und fortan mit wechselndem Erfolg die Realität in diesem kleinen Zipfel Irlands mitzubestimmen.

All dies ist selbstredend so stark verkürzt wie unübersichtlich doch eines sticht in meinen Augen hervor: Die IRA und ihre zahlreichen republikanischen Splittergruppen sahen sich zweifelsfrei als Befreiungsbewegungen, die im Grundsatz für ein vereinigtes Irland stritten. Ein vereinigtes Irland aber auch definitiv unter dem Vorzeichen des Katholizismus. Soziale Zielstellungen waren zwar stets präsent, blieben aber den nationalen und religiösen untergeordnet. Und hierin begreife ich das fatale Missverständnis sämtlicher Bemühungen, die kompromisslose Sackgasse in der sich die Gewaltspirale jahrelang aussichtslos tummelte. Der Kampf gegen London und für den Abzug der Briten aus Nordirland übersah den Umstand, dass sich hier eine Anzahl von Menschen befand, die sich auch ohne die Unterstützung Englands mit allen Mitteln gegen eine Vereinigung mit der Republik Irland gewehrt hätten. Die Vereinfachung auf einen Kampf zwischen Protestanten und Katholiken greift hier zu kurz. Und dennoch stehen diese Begriffe als unüberwindbares Unterscheidungsmerkmal. Natürlich ist Religion immer nur der Deckmantel, das Etikett darunter brodelnder Gegensätze. Im irischen Fall kämpft ein diffuses Selbstverständnis von arm-bäuerlich gegen wohlhabend-industriell. Doch die konfessionellen Etiketten ziehen sich in Nordirland zäher als in anderen europäischen Regionen durch die Gesellschaft. Die Bedeutung der religiösen Zugehörigkeit auf andere gesellschaftliche Bereiche ist hier starrer und unüberbrückbarer. In den abgegrenzten Vierteln Belfasts entstanden so in der Tat eigene Ethnien, wenn man einen Ethnos so verstehen will, dass es sich dabei um organisierte Gruppen handelt, die sich ihre Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe hauptsächlich durch die Abgrenzung zu einer anderen Gruppe bewusst ist und sich ihr überlegen fühlt.

“And then, one Thursday, nearly two thousand years after one man had been nailed to a tree for saying how great it would be to be nice to people for a change, a girl sitting on her own in a small cafe in Rickmansworth suddenly realized what it was that had been going wrong all this time, and she finally knew how the world could be made a good and happy place. This time it was right, it would work, and no one would have to get nailed to anything.” (So Long, and Thanks For All the Fish)

Daher konnte es in Nordirland zwangsläufig keinen Frieden geben solang man sich der Anerkennung der Realität verweigerte, und zwar dem Umstand, dass der entscheidende Punkt nicht in der Vereinigung von Territorien sondern in der Vereinigung von Menschen bestünde. Und genau dort stehen wir dann heute. Nachdem die IRA nach zähem Ringen einen Waffenstillstand zustimmte, dessen Inhalt sie genaugenommen auch schon 30 Jahre früher hätte unterschreiben können, geht es um nichts anderes als zaghaftes Aufeinanderzugehen und Kennenlernen. Diese Entwicklung, die sich seit nunmehr 15 Jahren schüchtern entfaltet, zu begutachten war eines der Hauptinteressen die mich bewegte als ich mich auf den Weg nach Belfast machte. Mein vorläufiges Fazit fällt hier überaus positiv aus. Zwar ist der Identitäts- und Machtkampf noch präsent und die Segregation der beiden Gruppen unübersehbar, doch die Tendenz zu einer gewaltlosen Option der Zukunft hat spürbar Aufwind. Zweifellos bin ich dennoch enorm verwirrt und irritiert von dieser Reise zurückgekehrt. Das Thema wird mich höchstwahrscheinlich noch länger interessieren. Lektüre- und Diskussionsabende werden sich zu dieser Problematik noch aneinanderreihen wenn die Erinnerung an das letzte Ale schon längst verblasst sind. Doch bis dahin drücke ich Nordirland die Daumen und gehe einfach mal davon aus, dass bei meiner nächsten Stippvisite der ein oder andere Zaun lässig zur Seite weggerostet ist.

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Frisch gelesene Bücher: Eureka Street, Belfast

Zweifellos wäre ich auf dieses Buch nicht ohne weiteres gekommen. Da brauchte es schon die lang geplante und heiß ersehnte Gruppenreise, die auf ihrer Tour durch mehr oder weniger absurde Weltenecken, nach Belarus, Belgien und Belgrad nun endlich in Belfast Station machte. So stand ich in der Pflicht mich auf dies verlockende Reiseziel gebührend vorzubereiten. Nach eingehendem Wikipedisieren versuchte ich zunächst über ein ganz treffliches Sachbuch (IRA: Langer Weg zum Frieden) Zugang zu Materie zu erhalten. Nachdem dieses Buch unzählige Fragen und Diskussionen aufwarf stürzte ich mich zweifelhafter Hoffnung auf einen belletristischen Versuch, die mäandernden Probleme des Nordirlandkonflikts besser zu verstehen. Was soll ich sagen? Ich genoss dieses Buch wie lange keins mehr. belfast Mag sein, dass es immer mehr Spaß macht durch eine fremde Stadt zu wandeln und synchron ein Buch über diese zu lesen. Doch abgesehen davon war es einfach auch ein frisch und unaufgeregter Roman über ein schwer zu fassendes Thema. Dem Autor gelingt es mühelos die Perspektive von Menschen, die in einer von Terror und Intoleranz verhärteten Realität aufwachsen, wiederzuspiegeln. Mittels schwarzem Humor und lässigen Fatalismus stellt die handelnde Gruppe Spätpubertärer mit leichter Hand die Absurdität und Scheinheiligkeit der ganzen Angelegenheit dar. Dabei gelingt Wilson scheinbar nebenher noch eine der besten Darstellungen sinnentleerter Gewalt, die ich jemals die Ehre hatte zu lesen. Hier kann ich nur noch meine Mütze lüften und anerkennend mit der Zunge schnalzen. Schön in Belfast gewesen zu sein. Noch schöner kann es nur mit diesem Buch sein!

Erlesene Reisen

Nach einigen Tagen des Verdauens von Eindrücken in hyperboräischen Gefilden möchte ich nun doch kurz Kunde geben von zwei heiteren Wochen in Sizilien. Neben zwei Reisebegleitern aus Fleisch und Blut hatte ich dank digitaler Auswahllosigkeit auch zwei Literaten mit im Gepäck, welche ohne Unterlass die lange Reise mit ausschweifenden Kommentaren versahen. Die Rede ist von Johann Gottfried Seume (“Spaziergang nach Syrakus”) und Johann Wolfgang von Goethe (“Italienische Reise”).

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Nachträglich möchte ich mich zunächst bei allen vieren bedanken. Es war mir in jeder Hinsicht ein Fest. Schon immer hatte ich auf meinen zuvor begangenen Italienreisen vorgehabt, mit den Aufzeichnungen aus einer anderen Zeit auf den gleichen Wegen zu wandeln, Parallelen zu entdecken, Beobachtungen zu teilen. Da wir im Gegensatz zur großen Masse des gegenwärtigen Touristenschwarms auf das Flugzeug verzichteten, hatten wir auch die Möglichkeit einer vergleichbaren, langsamen Annäherung an das Ziel und die daraus folgenden Beobachtungen. Sicher der Zug ist gegenüber Schusters Rappen (Seume) oder der Kutsche (von Goethe) immer noch ein rasantes Fortbewegungsmittel, aber dennoch. Außerdem ist unser mageres Päckchen an Zeit, welches wir Arkadien opfern konnten natürlich nachgerade erbärmlich gegenüber den zeitlichen Möglichkeiten der Herren Humanisten vergangener Jahrhunderte. So mag das misanthropische Geknurre Seumes angesichts unsäglicher Zustände in irgendeiner böhmischen Schänke durchaus seine Parallele mit unseren Mienen angesichts der ersten Station unserer Reise auf die verheißungsvolle Insel gehabt haben – Elsterwerda! Dabei kann festgehalten werden, dass mich die Aufzeichnungen Seumes weitaus mehr amüsiert haben. Die miesepetrigen, auf höchstem Niveau krittelnden Bemerkungen des unbeirrt gen Syrakus wandernden Sachsen erheiterten mich deutlich mehr als die ausführlichen Erörterungen des Dichterfürsten. Gleichsam waren die Notizen Goethes unvergleichbar detaillierter und gaben über manch Umstand mehr her als die flüchtigen Beobachtungen des schnell weiter wandernden Seume.

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Der Italienreisende in Pose. Unsere Kopfbekleidungen waren zweifellos nicht ganz so schick. Ansonsten fiel der Dichterfürst in der Reisegruppe kaum auf. Jenseits der Alpen wurden beide Herren jedoch entschieden gesprächiger. Die bis heute ungebrochene Italiensehnsucht des Bildungsbürgertums muss zu dieser Zeit noch deutlich exklusiver gewesen sein. Gemälde, Skulpturen, sagenumwobene Gebäude waren zumeist nur aus Beschreibungen bekannt und konnten hier leibhaftig bestaunt werden; Südfrüchte verschiedenster Coleur waren für den Hessen wie den Sachsen ein teures wie seltenes Gewächshausgut – hier wuchs es an jeder Straßenecke; und zu guterletzt Licht, Klima, Atmosphäre! Ein Land zum Aufatmen und Abstreifen aller Bedrückungen der Schlechtwetterkleinstaaterei Deutschlands. Auch wenn ich mittlerweile Kopien der Alten Meister jederzeit mühelos betrachten kann (reizender Surftipp zum Thema!), Südfrüchte seit der Großen Revolution zum Alltag gehören und auch eine Dosis Sonne zwischendurch mittlerweile nicht mehr übermäßig schwer zu erringen ist – die ersten Stunden Italien ergreifen auch mich immer wieder aufs Neue. Hier waren wir alle vier vereint in schwelgendem Genuss. Der Rest der Reise verlief dann recht unterschiedlich. Während Goethe selbstverständlich erstmal ein paar Monate in der “Hauptstadt der Welt” hängenblieb, nahm Seume ab Neapel die Fähre. Wir fuhren dagegen den ganzen Stiefel ab und erblickten bald – die Morgensonne im Rücken – Sizilien! Im Gegensatz zu Festlanditalien gestaltete sich unser Blick hier sehr verschieden. Das Sizilien des frühen 19. Jahrhunderts muss den Kritiken Seumes und Goethes nach, über alle Maßen rückständig und gefährlich gewesen sein. Heute ist es allenfalls und nur bedingt ersteres. Ständig musste ich nun bei meinen beiden Herren von Müllproblemen, grassierenden Aberglauben, primitiver Küche, ja Lebensmittelknappheiten lesen. Andauernd gab es Sorgen mit den Lohnbediensteten und Maultieren. Zur Krönung resignierte Goethe erschöpft als er sah, dass das Reisefässchen Wein kommentarlos mit Wasser gemischt wurde.

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Dem Frühling entgegen, ihr Wanderfreunde all! Es gibt ihn, Wald auf Sizilien. Und wenn dann sogar so artenreich wie nirgends! Meine Diagnose fiel hier entschieden positiver aus. Exzellentes Essen; freundliche aber unaufdringliche Menschen; abseits der Küsten wildes, freies Land, welches vor Fruchtbarkeit strotzt; immer wieder Blicke und Perspektiven, die die Seele durchpusten; akzeptable Lebenshaltungskosten und zu guter Letzt: das hundefreundlichste Land durch das ich je mit einem Hund die Ehre hatte zu reisen.

Fazit: Beide Bücher sind zweifellos zu empfehlen, bieten sie doch originäre Einblicke hinsichtlich Italien und der Perspektive der Epoche auf jenes Land.  Der Spaßfaktor ist jedoch um einiges gesteigert wenn es vor Ort, bestenfalls auf der Originalstrecke gelesen wird. Sizilien als Reiseziel sei hier über den stillstehenden Lorbeer gelobt. Wer sich gestresst, ausgebrannt oder sonstwie negativ gestimmt fühlt und hier keine Veränderung verspürt, für den dürfte es wahrscheinlich eh zu spät sein.        

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Strausberg

Wenn ich nach knapp sechs Jahren wieder beschließe, den S-Bahnendhaltstellen-Parcours aufleben zu lassen, so mag es nicht sonderlich verwundern wenn dieser erste Ausflug einen eher mahnhaften und lehrreichen Charakter besitzen sollte. Schließlich fiel unsere S-Bahn in den letzten Jahren erheblich durch Arbeitsverweigerung und dümpelnden Dilettantismus auf. Daher stand der gestrige Ausflug unter dem düsteren Motto: “Was wären wir ohne die S-Bahn?” Hierfür war nichts weiter nötig als die spontane Aufhebung des S-Bahnverkehrs auf der Strecke Mahlsdorf-Strausberg. Stattdessen durften wir den Schienenersatzverkehr nutzen und mit diesem eine gute Stunde bis zu unserem heißersehnten Ziel dümpeln. Wobei selbst der wohlmeinendste Kenner brandenburgerischer Gefilde weiß, dass es eine “gute” Stunde in einem Bus durch Brandenburg per se nicht geben kann. Schier endlos kam uns die Zeit vor in der wir gut durchgerüttelt an trostlosen Einfamilienhäusern, verzweifelter Vegetation und zerrütteten Geschäftsideen vorbeituckerten. strausberg1 Ansicht einer idyllischen Perle aus dem Katalog für Fernreisen – Strausberg! Es gibt kaum gute Gründe dir zu Nahe zu kommen und doch machst du es einem sehr schwer genau dies zu erreichen. Doch schließlich war auch diese Fahrt einmal zu Ende und wir vermochten dank Einsamkeit der Natur und allerfeinstem Sonnenschein diesem Ausflug noch etwas abzugewinnen. Unser Weg führte uns von Hegermühle entlang am Herrensee bis zum Strausberger See wo wir, den Umständen trotzend in einem Strandlokal einen kleinen Imbiss zu uns nahmen. Nachdem die Sonne erleichtert Brandenburg verlassen durfte, nahmen auch wir zähneklappernd unseren Hut und dümpelten auf dem gleichen beschwerlichen Weg zurück.  Es blieb trotz aller Beschwerlichkeiten ein schöner Ausflug und lässt in aller Deutlichkeit aufmerken wie wichtig die S-Bahn ist. Vielleicht weniger für uns, sondern eben für die Peripherie. Denn wenn der Strausberger weit über eine Stunde braucht um Hoffnung zu tanken, was bedeutet das dann für jene, die, schrecklicher Gedanke, noch hinter Strausberg “leben”? Es sollte uns daher Ansporn und Ziel sein, das Prinzip öffentlicher Nahverkehr weiterhin zu unterstützen, zu hegen und zu pflegen. Wenn sie also das nächste Mal wieder auf offener Strecke stehen bleibt weil die Temperatur schockierenderweise um einige Grad gefallen ist – einfach mal aussteigen und sanft streichelnd schieben. Sie ist es wert. strausberg2 Frostig-romantische Atmosphäre nach vollendeter Exkursion. Ach, und hinsichtlich der veränderungsrelevanten Beobachtungen für die dieses Langzeitprojekt ja auch gedacht ist: Nichts Neues in Strausberg! Achtung! Die Koordinaten für den nächsten Ausflug: am nächsten Sonntag wieder 13 Uhr wieder vom Alex. Doch dieses Mal geht es nach Hönow. Ich habe nämlich diesmal auch die reizvolleren der U-Bahnendhaltestellen mit ins Sortiment getan. Und dies nicht nur weil ich der S-Bahn nicht mehr so recht traue. Also, bis dahin!

… you’re not in Europe here!

“Please go inside and eat, you’re not in Europe here!”

Ich erhielt diese irritierende Information vergangenen Freitag als ich in der Halbzeitpause eine stärkende Leckerei erwarb, welche zum Anpfiff noch nicht ganz vertilgt war. Da die zweite Halbzeit schon lief, stellte ich mich folgsam vor das Etablissement, mit dem zu diesem Zeitpunkt wichtigsten Fernsehgerät des Universums und lugte aufmerksam durch die Scheiben. Nun kam der Kellner des bewussten Lokals mit seiner folgenschweren Aufforderung hinzu. Freudig kam ich seiner Aufforderung nach und trippelte fröhlich mampfend zu der kleinen Gruppe, welche im Inneren der Kneipe gebannt das Spiel verfolgte. Das Spiel war ergebnisbedingt schnell vergessen, der Ausspruch des Kellners nicht. Schließlich waren wir weder jenseits von Bosporus oder Ural sondern “nur” in Belgrad. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich für meinen Teil bin schwer begeistert von der Perle zwischen Save und Donau. Doch da ich schon überraschend oft in meinem kurzen Leben Zeuge der Folgen eines Hypes um interessante, unverbrauchte (und vor allem preiswerte) Städte war, werde ich mich hüten hier die große Werbekeule zu schwingen, sondern mich vielmehr auf die Nachteile und Unannehmlichkeiten Belgrads konzentrieren. Denn einerseits habe ich mich mit diesem Gedankenspiel schon vor Ort versucht zu beruhigen und andererseits bin ich es dem Motto dieses Blogs sowieso schuldig. Kommen wir also zurück zur einleitenden Aussage. Krude Informationen dieser Art war ich prinzipiell schon aus anderen Gegenden, die die Schulbuchgeografie (bzw. heute die Arbeitsblätter der Erdkunde-Lernbüros, würg!) Europa zuordnet, gewöhnt. Der Hauptprotagonist für diese Vorstellung war bislang für mich immer Russland gewesen. Der Kern der dieser Szenerie innewohnt ist schlicht folgender: Die sterile Streberwelt mit ihren hochtechnologisierten Wohlstandserfolgen mag zwar ganz nett sein, doch ist sie nichts gegen die kernige und gesunde Kultur echter, unverdorbener Menschen wie sie sich aufgrund des ausgebliebenen Kontakts mit Konsumkinkerlitzchen und Reizüberflutung in Russland erhalten hat. Daher ist der Russe per se originell, spontan und ein improvisierender Überlebensgott, welcher über den Europäer nur spöttisch lächelt, da er dessen Kultiviertheit und nur als Zeichen seiner emotionalen Verkümmertheit wahrnimmt und ihnen die Fähigkeit zum auf sich allein gestellten Handeln sowieso abspricht. Diese Sicht der Dinge findet sich also, wenig überraschend, in Belgrad. Offensichtlich ist das panslawische Band hier noch intakt. Ob man es als Komplex, natürliche Schutzwahrnehmung oder als schlichte Wahrheit betrachtet, diesbezüglich gibt es zwischen Russen und Belgradern offenbar Parallelen. Es ist diese Art von trotzigem Selbstbewusstsein, welches zwar auf den ersten Blick ganz charmant erscheinen mag, dennoch aber auch die Keimzelle für eher unappetitliche Geistesströmungen sein kann. Denn obwohl wir innerhalb einer Woche eingehender Belgradstudien nicht über die Fallstricke des Nationalismus stolperten, in keine Sickergrube der Homophobie direkt hineinlinsten und jegliche xenophobischen Wetterlagen umgehen konnten – es liegt unzweifelhaft in der Luft. Vorurteilsbedingte Abwehrmechanismen warten lauernd auf ihren Einsatz. Vieles scheint möglich und wenig ist klar. Belgrad, auch wenn es sich den Eindruck einer politisch desinteressierten, dafür aber exzessiv feiernden, Partymetropole geben will, ist traumatisiert vom Regen europäischer Bomben und scheint nicht wirklich zu wissen, wohin es will. Gegenwärtig verlegt man sich also auf abwartendes Schmollen ggf. mit sexy Outlaw-Bonus. Das wirkt verlockend und kann Spaß machen. Jedenfalls für den Augenblick. Wohin die Reise geht, muss sich definitiv aber demnächst zeigen. Ich hätte Lust dabei zu sein, doch ich bin sicher das geht nicht jedem meiner Leser so. Daher dieses ausführliche Psychogramm in der Nachteilsliste. Ein weiterer, eher offensichtlicher Nachteil ist der öffentliche Nahverkehr. Hier handelt es sich um nichts Geringeres als eine zum Himmel schreiende Katastrophe. Jahre des untätigen Abwartens in Sachen Infrastrukturupdates, Bombardierungen und Explosion der Autoanzahl führen zu einer schier unerträglichen Situation, die viel Geduld erfordert. Eine funktionierende Metro (in Arbeit) und ein paar Fahrradwege wären hier die richtige Medizin. Was gibt’s noch an Negativem? Mit Sprache muss ich sicherlich nicht kommen, schließlich haben Prag, Krakau und Budapest bewiesen, dass dies kein Hindernis ist. Das Alkoholverkaufsverbot von 22 Uhr bis 6 Uhr ist mit Sicherheit nichts Positives, doch wie jedes Verbot umgeh- und aushebelbar. Zum Dahinsiechen der Fußballkultur wurde sich andernorts schon ausgelassen und das Debakel des serbischen Pfandsystems ist wohl ein eigener Artikel wert. Und mehr fällt mir dann wirklich nicht ein (abgesehen davon dass Freunde und Familie ein Stückchen weiter weg wohnen würden) und das ist beachtlich, da ich mich als weitgereisten Menschen mittlerweile immun gegen solcherart Anwandlungen gefühlt hatte. Schließlich waren doch, so schön es in der Fremde war, daheim immer die größere Anzahl an Vorteilen versammelt. Was hat Belgrad also, dass es dieses Mal ein anderes Gefühl war? Ich habe keine Ahnung, aber ich werde dem auf den Grund gehen. So bald wie möglich!

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Eine gottverdammte Wohlfühlstadt

Einst besang Farin Urlaub in bekannter Zurückhaltung Schweden als “gottverdammtes Wohlfühlland”. So weit möchte ich mich mit dieser kleinen Städtekritik nicht gehen (schließlich könnte ich über das dazugehörige Land auch nur Zugfenstereinschätzungen geben), doch das diesjährige Ziel unserer Überraschungsexkursion kann zumindest als Stadt dieses Prädikat mit einiger Berechtigung für sich beanspruchen. lubljana1    Ljubljana – Hauptstadt jenes unbemerkt vor sich hin wohlfühlenden Zwergstaates, der zumeist Aufmerksamkeit erhält wenn er verwechselt wird. Wie war das nochmal? Slowakei, Slowenien und dann gab’s doch da auch noch Slawonien?! Derlei Zuordnungsprobleme nimmt der Slowene, so scheint’s, recht gelassen und zählt in all seinen Reiseführern geduldig die entscheidenden Erkennungs- und Unterscheidungsmerkmale auf. ljubljana2 Die Großartigkeit Ljubljanas zeichnet sich dabei im Wesentlichen durch das unspektakuläre Fehlen jedweder die Wochenendauszeit beeinträchtigender Störgeräusche. Unauffällig angeschmiegt an Italien, Ungarn, Österreich und den Balkan steht es weniger in deren mächtigen Kulturschatten sondern schafft es deren beste Errungenschaften leichterhand zu vereinen. So findet sich hier ein Städtchen in dem Wein- und Biertradition auf höchsten Niveau nebeneinander harmonieren und in dem der Gulasch es schafft, die nicht für möglich gehaltenen Vereinigung der hohen Schulen von Kümmeligkeit und Paprikaschärfe zu präsentieren. Schon an dieser Stelle fragt sich der wachsame Reisende: Ist das alles nicht eine Spur zu perfekt? Nur um sich kurz darauf zurückzulehnen, etwas von diesem herrlichen Brot zu genießen und zu beschließen: Na, und wenn schon! Doch es bleibt nicht allein bei leiblichen Genüssen. ljubljana3 Die überschaubare Größe Ljubljanas (278.638 Ew.) und  die vermeintliche touristische Zeitrangigkeit führt einerseits nicht zu verschlafener Provinzialität (s. bspw. “Gówno Kowno”) und schützt das Städtchen andererseits vor hyperventilierenden Jugendtourismusexzessen. Herauskommt ein entspannter Ort unaufgeregter aber dennoch beständig aufreizender Atmosphäre, in dem, wenn man sich durch die Altstadt schlängelt, sich in Österreich wähnt, wenn man an der zufrieden glucksenden Ljubljanica die Augen zu den, in jeder Richtung unanständig lockenden Bergen aufrichtet, hierzu dem ebenso wohlklingenden wie –schmeckenden Bier frönt, an die zahlreichen Verlockungen des Balkans erinnert wird und der milde Frühsommerwind auf der Haut an Italien mahnt. ljubljana4 Dann irgendwann hört man mit der blödsinnigen Vergleicherei auf und begreift, dass man das unverschämte Glück hat in Ljubljana zu sein – dieser gottverdammten Wohlfühlstadt.

Brettspiele

Es braucht ja nun wahrlich wenig um mich für Odessa zu begeistern. Seit Jahren, achwas, nunmehr Jahrzehnten geistert das Traumbild des schnuckligen Schwarmeeridylls durch meine Reisepläne. Doch bislang blieb es eine Träumerei. Da ist das nachfolgende, entzückende Zeitdokument doch ein willkommene Kelle Öl, die auf das zischende Begehren des gezielten Fernwehs gegossen wird. Ach, da werden Erinnerungen wach. Wie ich damals, als die Gelenke noch elastisch und die Angst unterentwickelt, mit auf Sandpapierbeklebten Brettern an die ein paar zersägte Rollschuhe genagelt waren, die Schlaglochpisten des Elbtals hinunterfegte. Schön zu wissen, dass in der Stadt meiner Sehnsüchte zur selben Zeit ähnliche Gelüste ausgelebt wurden. Beim verzückten Genuss des kurzen Streifens rechnete ich nun damit, dass die verrückten cкейтбордep auch die berühmte Treppe in ihrer halsbrecherischen Manöver einbauen würden. Doch angesichts der ansonsten überaus disziplinierten Jugendlichen, welche in adretter Sportkleidung und vorbildlichen Kniebeschonung hier ihren Auftritt feiern, wäre eine solche Entweihung undenkbar. Jedenfalls gibt es zumindest hiervon keine verbürgten Aufnahmen.