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Mission Bezirke bezirzen – viertes Kapitel: Franfkurt oder Słubice

Auf den ersten Blick liegt die Vermutung nahe, dass wir es uns an diesem wundervollen Sonntag etwas einfach machen wollten. Die knappe Stunde rüber an die Oder-Neiße-Friedensgrenze, Kaszanka und Tyskie im Sinn – zweifellos kein allzu anstrengendes Abenteuer auf der Bezirke-Bezirzen-Tour. Und dennoch, auch das musste erledigt werden und in seiner Funktion als einzige Grenzbezirksstadt und brandenburgischer Endbahnhof stand hier keinesfalls ein Leichtgewicht an. Nicht zuletzt haben wior nun schon 5 von 15 – ein Drittel ist geschafft! Wenn das kein Grund zum Feiern war?!

Die charmante Odermetropole gewinnt bereits auf den ersten Blick nachdem der Reisende vom Bahnhof durch ein reizendes Eisenbahnerviertel mit zentralem Eisenbahnerdenkmal geleitet wird. Blick auf den sanft dahin strudelnden Oderstrom und die dunklen polnischen Wälder spaziert man leichten Sinnes hinunter, passiert erklecklich ausreichende rote Backsteinbauten, welche mit einer ausgewählten Anzahl von funktionalen Profanbauten ergänzt werden.

Doch abseits dieser Reize zog es die Schritte des Wanderers nahezu magisch hin zu der verlockenden Welt des polnischen laissez-faires. Und so überschritten wir auch nach geschätzten 20 Minuten Frankfurt die Europabrücke. Auch hier besichtigten wir erst eingehend und pflichtschuldigst (erstes Wikipedia-Denkmal der Welt, zweiteiliger Fitnessparcour im Stadtpark, Oderhafen) bis wir uns ganz den lang vermissten Gaumenfreuden ostodriger Provenienz hingaben.

In völlig losgelöster Sonntagsstimmung und mit bis zum Reißen gefüllten Mägen traten wir dann irgendwann die Rückreise an. Erneut wandelten wir durch Frankfurt und genossen konzentrierte Unaufdringlichkeit brandenburgischer Urbanität. Ein Gednake der hier aufkeimte: Wäre Frankfurt ohne Polen etwas cottbusiger? Wahrscheinlich schon. Und dabei, auch dies noch ein Ziel, welches es zu bewältigen gilt.

Frisch gelesene Bücher: Basken, Hunde, Sensationen

Ein kunterbunter Sachbuchmix sei hier kurz auf die Schnelle präsentiert. Halt alles was mir so in den letzten Monaten in die Quere kam. Ach, und hier findet man mich übrigens bei goodreads.

 

 

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Der Kern des Bilbos – ein heißer Tanz auf dem Baskenball

Anmutig ächzend erhob sich die altehrwürdige Reisegruppe ein weiteres Mal um ihrer unersättlichen Neugier nach absurden Lebensumständen im Draussen nachzugeben. Ein Jahrzehnt  abgefahrener Stationen in wohliger Erinnerung (Pridnestrowien, Belfast, Belgrad, Belgien, Minsk) kuschelten wir uns in den Zug und rauschten gen Baskenland. Nach Bilbo (wohl auch Bilbao auf Besatzerspanisch genannt) der, zumindest von uns zur Hauptstadt des Baskenland erkorenen Metropole sollte es diese Mal gehen. Zugegeben, verglichen mit einigen der vorangegangenen Reiseziele, scheint diese gemütlich in die Antlantikkniebeuge geschmiegte Region, in Sachen Absurdität und Exotik auf den ersten Blick ein wenig zu kurz gekommen zu sein. Doch betrachtetet man Geschichte, Selbstverständnis und Kultur der Basken etwas genauer, blinken einem da recht schnell diverse Anhaltspunkte entgegen, die einen Besuch hier rechtfertigen.

Aber der Reihe nach. Da das primäre Reiseziel, Fußball, an anderer Stelle weitaus profunder und ausführlicher dargestellt wurde, möchte ich hier nur einiges kurz bemerken. Quantität und Qualität waren auf diesem kleinen Flecken Erde wohl beispiellos. Fußball ist hier definitiv keine Randnotiz sondern wesentlicher Eckpfeiler des baskischen Daseins. Und auch wenn uns eine Heimspiel nicht vergönnt war, so verschenke ich doch, nicht nur der Farben wegen, bedenkenlos eines meiner vielen Fußballherzen an Athletic Bilbo.

Grün, Berge, Meer – die ewige Dreifaltigkeit des Wohlgefühls.

Widmen wir uns nun dem ersten Eindruck: Grün so grün, aufreizende Berglandschaften und dann noch ein einladend schäumender Ozean dazu – was will man mehr?! Angesichts der beige-grauen Karstlandschaften, die ich mit großen Teilen der kastilischen Hochebene assoziiere, ein wohltuender Kontrast. Hinsichtlich der Berge wird es für den Rest der Reise bei sehnsüchtigen Blicken aus dem Zugfenster bleiben. Unsere Expeditionen streifen hauptsächlich die nicht minder lockende Küste, das Hinterland musste aus Zeitgründen auf später verschoben werden. Und hier treffen wir dann auch schon auf ein immer wiederkehrendes Element – das Auswählen und Entscheiden. Das Baskenland ist selbst auf den ersten Blick proppenvoll mit sehenswerten Erlebniswürdigkeiten. Bei näherem Hinsehen wird die Selektion zu einem quälenden Dauerzustand. Nun mag der eine oder andere einwenden, dass dieses Phänomen dem sehenden Reisenden doch wohlbekannt sein müsste, doch es gibt hier zweifellos solche und solche Regionen. In Pridnjestrowien beispielsweise erinnere ich eher nicht an dieses Grundgefühl.

Nachdem wir nach der Ankunft das Wochenende erfolgreich mit Fußball gefüllt hatten, verhieß der Wochenbeginn “Heraus zum revolutionären Ersten Mai”. Nun ist die Geschichte der Arbeiterbewegung und sozialrevolutionärer Ansätze in Spanien zum einen und im Baskenland im Besonderen eine leicht diffizile Angelegenheit. Die allseits bekannte Spaltung der Arbeiterbewegung in kommunistisch und sozialdemokratisch hat durch die Stärke der Anarchisten auf der iberischen Halbinsel zu einer nicht unbedeutenden Verkomplizierung der Gemengelage geführt und insbesondere im Spanischen Bürgerkrieg die tragische Niederlage der progressiven Kräfte begünstigt. Im Baskischen wurde diese kleingeistige Zersplitterung zusätzlich noch ergänzt durch einen vielfach vorbestraften Bekannten namens Nationalismus, welcher sich hier zur Abwechslung das Gewand mal links herum anstreifte. Zumindest die gut organisierte Arbeiterschaft, des im Vergleich zum eher bäuerlichen, spanischen Kernland, beachtlich durchindustrialisierten Baskenland schloss sich fast komplett der Verteidigung der Republik an, und erlebte nach erbitterten Kampf eine blutige Niederlage. Dies alles und einiges mehr im Hinterkopf schritten wir sodann zum allgemeinen Treffpunkt des Demonstrationszuges.

Die Revolution marschiert. In Einzelgrüppchen.

Hier bot sich uns die symptomatische Zurschaustellung jenes beschriebenen historischen Dilemmas: In sicherem Abstand von einander sammelten sich auf der breiten Straße die verschiedenen Grüppchen. Auch als sich der “Zug” in Bewegung setzte, achtete die Volksfront vom Baskenland peinlich genau darauf den Abstand zur baskischen Volksfront nicht zu verringern. Wie nicht anders zu erwarten (und dennoch wollte ich es zunächst nicht glauben!) mündete jeder einzelne Block auf einem gesonderten Kundgebungsplatz. Und auch wenn die Reden der anderen bisweilen vom Wind herüber geweht wurden, ignorierte man dies geflissentlich und gebärdete sich jeweils unbeirrt als einzig wahrer Gralshüter der Revolution. Alles sehr traurig, frustrierend und ein gerüttelt Maß peinlich.

Kommen wir daher lieber zu einem lebensbejahenden und über alle Maßen begeisternden Thema: dem öffentlichen Nahverkehr. Dieser, in hiesigen Breiten eher Apathie verbreitende Themenkomplex hat mich im Baskenland mehrmals täglich zu überschäumender Freude und sitzenden Ovationen gebracht. Der geschmeidig dahingleitende Verbund aus Bussen (Stadt und Fern), Straßenbahn, Metro und Eisenbahn (Euskotren) allein wäre schon eine Erwähnung wert. Doch bemerkenswert ist hier das Modell der Bezahlung, welche mittels einer kleinen Karte (BarikCard) die Fortbewegung zum preiswerten Kinderspiel macht. Einmal anonym erworben, kann an Bahnhöfen und sogar in manchen Kneipen Geld drauf geladen werden. Sodenn steigt man, seine Karte haltend an einem beliebigen Anfangspunkt ein, wobei ein gewisser Grundbetrag abgezogen wird, beim Aussteigen wiederholt man diesen Vorgang, und der, von der gefahrenen Strecke abhängige Betrag wird zusätzlich abgezogen.

Bahnfahren im Baskenland – es kann so einfach sein!

Dank der regelmäßigen und aufeinander abgestimmten Taktfrequenz erhält der Reisende hierdurch ein Höchstmaß an Freiheit und der Tourist zudem die Möglichkeit ohne Einbußen dort auszusteigen, wo es ihm beliebt. Dies mag in ähnlicher Form auch anderswo so gehandhabt werden, doch drei Punkte leuchten hier hervor, die mir bedeutend erscheinen. Zum einen die nicht unerhebliche Reduzierung des Fahrpreises, die man hierdurch erhält, zum anderen das scheinbare makellose Funktionieren eines solchen Systems und zu guter Letzt die, bei einer solchen Methode nicht selbstverständliche Möglichkeit der anonymen Nutzung.

Genug der einleitenden Worte, kommen wir nun endlich zum Kern des Bilbos. Wie schaut’s aus im pulsierenden Zentralorgan des Baskenlands? Unser Reiseziel schmiegt sich mäandernderweise an den Ria de Bilbao, welcher sich wenige Kilometer später in den Golf von Biskaya ergießt. Aufgrund seiner Lage und verschiedener begünstigender Faktoren entwickelte sich Bilbo rasch zu einer massiv industrialisierten Hafenstadt. So muss das Erscheinungsbild der Stadt bis vor Kurzem hässlich, grau und schmutzig gewesen sein. Der industrielle Niedergang der 1970er und der Würgegriff der ETA taten ihr übriges – zweifellos wirkte Bilbo noch vor einem Vierteljahrhundert eher weniger einladend. Doch Anfang der 90er führten einige wenige Maßnahmen zu einer kometenhaften Aufwertung des baskischen Schmuddelkinds. Der spektakuläre Bau des Guggenheim-Museums führte zu einer derart radikalen Veränderung der Stadt, dass man fürderhin diesen Prozess der Aufwertung sogar “Bilbao-Effekt” taufte .

Der Ground Zero des “Bilbao-Effekts” – der charmante Blick- und Touristenfang lässt selbst unbedarfteste Architekturverächter kurz aufmerken.

Auch die von Sir Norman Foster projektierte Metro urbanisierte und modernisierte innerhalb kürzester Zeit und stülpte offenbar einmal alles komplett um. Wenn man heute durch die Gassen Bilbos schlendert, kann man sich all dies beim besten Willen nur schwer vorstellen. Sehr hilfreich und empfehlenswert für den geschärften Blick bei der historischen Stadtbesichtigung war eine kleine, aber feine App namens “Free Bilbo”. Diese, aus der alternativen Szene stammende Stadtführung vermittelte, zwar bisweilen mit kruden Vokabular und merkwürdiger Deutung, eine Perspektive, die es ermöglichte durch die glitzernde Fassade des neuen Bilbos, die Konturen der vergangenen Realität auszumachen. Denn eine solche massive Umgestaltung urbanen Raums erschafft auch immer Verlierer. Als langjähriger Berliner hat man per se eine sensible Wahrnehmung für die erdrückende Umarmung gentrifizierender Maßnahmen. Die Hinweise für stattfindende Verdrängung und Ausgrenzung, welche “Free Bilbo” offerierte, beachteten wir deshalb umso aufmerksamer. Einmal mehr fiel es schwer, den geschilderten Ausgangszustand jenes bunten Viertels durch das wir wandelten, vorzustellen. Aus dem Blickwinkel der keimfrei sanierten Kieze unserer Stadt erschien so etwas wie San Francisco in Bilbao immer noch bunt und angenehm lebhaft. Hier spürte man jene weltoffene und multiethnische Patina, die mich von jeher anzieht und in mir unmittelbar Wohlbehagen auslöst. Doch dies ist eben wie so oft eine Frage der Relation. Es steht außer Frage, dass das  Prä-Guggenheim-Bilbao wohl eine sehr beeindruckende Zeitreiseziel wäre.

Das Filetstück dieser Reiseerlebnisse ist zu guter Letzt ein kurzer Einblick in die sagenhafte Welt der baskischen Kulinarik. Jeder halbwegs kundige Iberer schnalzt bei der Erwähnung Bilbos lüstern mit der Zunge. Schon eine oberflächliche Recherche offenbart, dass das Baskenland die unumstrittene Feinschmecker-Hochburg Spaniens ist. Derart eingestimmt reist man naturgemäß mit hohen Erwartungen und freudig pulsierenden Gaumen an. Um es vorweg zu nehmen: die hohe Dichte an Sterneköchen der Region haben wir nicht mitgenommen und auch die, immer wieder gewöhnungsbedürftigen Essenszeiten der mediterranen Welt haben uns wahrscheinlich den einen oder anderen kulinarischen Höhepunkt verpassen lassen. Abseits davon genügten selbst einige sporadische Abstecher ins Baskonomische um zu erahnen, zu was sie fähig ist. Viele Gerichte hier sind vom nahen Meer beeinflusst.

Zwar nicht Nueva Cocina Vasca und trotzdem grandios!

Da wäre zum Besipiel Bacalao al Phi-Phi (Stockfisch mit einer Soße aus der eigenen Gelantine), Chipirones en su tinta (Kalmare in eigener Tinte) oder die berühmten Angulas (Glasaale) um nur einige zu nennen. Hinsichtlich Fleisch neigt man eher dem Rind als dem Schwein zu und natürlich gibt es auch hier etliche erlesene Spezialitäten, auf deren Qualität der Baske, mit der ihm eigenen Sorge um Tradition und Einzigartigkeit mit Argwohn wacht. Gesondert hinweisen möchte ich hier auf die vorzügliche Morcilla (Blutwurst). Obwohl insgesamt vielleicht ein Mü zu süß kann sie sich zweifellos mit der Königin aller Blutwürste, ihre Eminenz Kaszanka, messen. Obzwar aus den vorgenannten Gründen ich leider nicht das große Gaumenerweckungserlebnis genießen durfte, so würde ich mich dennoch zu der Behauptung versteifen, dass die erlebten Grundlagen Anlass zur Hoffnung auf Großartiges geben. Wie gesagt, ich werde das Gefühl nicht los, das Baskenland nur marginal angekratzt zu haben. Ein weitere Reise mit eingehender Vertiefung all der erlebten Appetithäppchen ist zwingend erforderlich.

Topa (bask. Prost) und immer wieder Topa – ein Wein ganz nach meinem Geschmack!

Ein Element der baskischen Sinnesfreuden haben wir jedoch in aller Ausführlichkeit und mit gebührender Beharrlichkeit untersucht: Txakoli! Dieser sehr trockene, leicht moussierende Weißwein mit hohem Säuregehalt ist der feuchte Stolz der trinkenden Baskenheit. Außerhalb der Provinz Biskaya wird dieser Wein aus waghalsig hohen Bogen ins Glas geworfen. Der Bilbote verzichte auf derlei Zirkusnummern, weiß er doch, so zumindest die Aussage im Txakoli-Museum, dass der hier produzierte Götternektar wirklicher Weißwein ist und nicht solch ein Bauerntrunk wie im Rest des Baskenlandes. Mir als frisch überzeugten Liebhaber des trockenen Weißweins kam dieser Tropfen geschmacklich sehr entgegen. Munter prickelnd bisweilen so trocken, dass die Zunge pelzte war Txakoli ein würdiger Reisebegleiter und kundiger Führer in die baskische Seele. Noch ein triftiger Grund wiederzukommen. Agur, Euskadi!

Mission: Bezirke bezirzen – drittes Kapitel: Karl-Chemnitz-Stadt

Unerschütterlich und voller Forscherdrang durchwühlten wir nun weiter die antiken Zentren jenes untergegangenen Kleinreichs namens DDR. Dieses Mal im Auge der Peripherie – Chemnitz formely known as Karl-Marx-Stadt. Der erste und unspektakulärste Teil in der herrlichen sächsischen Dreifaltigkeit welche aus Produktion, Verkauf und Verprassen bestand (besteht?). Dreimal dürft ihr raten welche Aufgabe hierbei Chemnitz zugedacht war. Wohl ein Grund warum dem gemeinen Residenz- oder Messestadtsachsen herzlich wenig zu Chemnitz einfällt. Wir meinen: Schade, uns hat es gefallen und wir freuen uns dank dieses Erlebnisses tatsächlich auf noch mehr Sachsen.

Die bisherigen Stationen der Bezirkskursion. Thüringen abgehakt. Jedenfalls bis zur Kreiskursion.

Nur Gutes aus der Salzkammer

Die zweite Stippvisite in unserer herzallerliebsten Nachbarländer führte uns dieses Mal nach Österreich, genauer, nach Salzburg. Wir nehmen mit: Kulinarik fantastisch, Kultur ohne Ende, Sauberkeit über alles und Österreichisch ist der beste Dialekt der Welt. Jedenfalls an diesem Wochenende.

Nächste Station: Rummähren in Mähren – Brno

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Münzenberg – MZB019 – Die Jahresvorschau 2017

Die Lesezeichen zum ausführlichen Genuss

 

Etliche dieser legendenumwobenen Expeditionen im Geiste der Erkundung der Peripherie haben uns verzückt, überrascht oder gar begeistert, doch die Reise nach Suhl hat die Messlatte mal wieder ein gewaltiges Stück nach oben gelegt. Es stimmte einfach alles: Wetter, Stimmung, Kulinarik, Gesprächsstoff und Kulisse. Das kleine Suhl überzeugte uns alle im Handumdrehen und führte schon Stunden vor der unweigerlichen Abreise zu jeder Menge traurigen Seufzern.

Das rote Suhl?! Das ließ uns aufmerken, sind doch revolutionär bewegte Waffenschmiede für die soziale Revolution um einiges wertvoller als die üblichen Buchdrucker.


Und auch wenn alles schief gelaufen wäre – angesichts dieses Schauspiels hätte kaum einer gezaudert, diesen Ausflug als gelungen zu bewerten.

Wenn ich mir eine Unterkunft hätte schnitzen können, viel besser hätte sie nicht sein können. Ein Bett zum Entgleisen!

 

Das offizielle Endergebnis in dreifacher Ausfertigung.
Und zum Abschluss noch etwas massive Gotik in Erfurt. Eindrucksvoll und majestätisch genossen wir alles außer jenem Fantasiewesen namens “Thüringer Rostbratwurst”.

 

 

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Ratgeber: Apulien – ein paar Absätze zum Absatz

Keine Frage – der Stöckel des Stiefels gehört nicht unbedingt zu den populärsten Gegenden Italiens. Selbst der rührigste Promoter der Italienwiederentdeckung, Goethe, wie sämtliche der ihm nachfolgenden Romantiker ließen auf ihrem Weg gen Süden die Halbinsel im Osten stets links liegen. Zu schade für unsere altvorderen Kulturschaffenden möchte man meinen, denn die beeindruckenden Reste des Großhellenischen Reichs in Italiens äußerstem Südosten sind definitiv eine Reise wert. Dies soll nun hier in einem weiteren Kompendium aus der Themenreihe “Schöneres Reisen für eine bessere Welt” näher erläutert werden.

Apulien – Zu Gast bei den Steinfressern

Andere Wissensquellen: Seit ungefähr 20 Jahren scheint die kriminelle Ausstrahlung dieses Landstrichs spürbar zurückzugehen und demzufolge wird Apulien auch zunehmend von Touristen entdeckt. Dementsprechend steigt die Publikationsanzahl von reisebegleitenden Materialien. Eine Empfehlung meinerseits kann leider nicht ausgesprochen werden. Ich setzte gänzlich auf den “Baedeker, Italien Süden” (aus mir unverständlichen Gründen aus dem Verlagsprogramm genommen, letzte Auflage 2011 ) den ich dann natürlich entspannt zu Hause liegen ließ.

An- und Einreise: Zum Thema Einreise bleibt nicht viel zu sagen so man die Gnade eines EU-Passes erfahren hat. Doch auch ohne dies steht eine visafreie Einreise immerhin 66 Nationalitäten nichts im Wege. Auch die Anreise gehört wenn nicht zu den leichteren Übungen so zu vielleicht so gar zum vergnüglichsten Teil der ganzen Angelegenheit. Aus ideologischer Veranlagung wie aus reinem Pragmatismus heraus konzentriere ich mich dieses Mal allein auf den Schienenweg. Wer sich für Auto oder Flugzeug entscheidet, mag sich selber informieren und langweilen.

Eisenbahn: Die erklärte Festlegung auf dieses Verkehrsmittel kommt nicht von ungefähr. In Italien konnte die Eisenbahn noch viele ihrer konkurrenzlosen Vorteile in die Gegenwart hinein retten. Sie kommt in rascher Frequenz, erreicht die meisten wichtigen Punkte, ist preisgünstig (wobei das Tarifsystem leicht verständlich ist) und die Züge sind in gutem bis vorzüglichen Zustand. Diese einfache Basis wird dann auch offensichtlich von der Bevölkerung goutiert. Die Waggons sind stets gut gefüllt ohne überfüllt zu sein und die Stimmung an Bord machte stets Lust auf mehr.

Nur wenige Minuten Verspätung und schon werden Care-Pakete gereicht. Kleine Geste – gigantische Wirkung!

Als eine von zahlreichen Traumstrecken sei dem verwöhnten Zugreisenden die Adriamagistrale von Bologna nach Lecce anempfohlen. Sie rekelt sich lasziv und mit majestätischer Einzigartigkeit an der Meeresküste entlang. Nach Bologna kommt man, so man vorausschauend bucht, für kleines Geld von München rüber (5x pro Tag). Und nach München kommt der Berliner ja nun wirklich mühelos und in Bälde fast wie im Flug. Die knapp 1000 km hinunter nach Apulien gehören zu den schönsten Eisenbahnstrecken, die ich je das Vergnügen hatte, fahren zu dürfen. Ab Ancona schlängeln sich die Gleise liebevoll an dem verlockenden Strand der blauen Adria entlang, dabei windet sich der Zug mit genussvoller Leidenschaft anschmiegsam durch die immer südlicher wirkenden Häuserfluchten, bis er, ab Bari, dem letzten Teil dieser Fahrt scheinbar ununterbrochen durch Olivenhaine und Rebstöcke braust. Und das ganze Vergnügen wird schlussendlich damit gekrönt, dass man, so man bis zur Endstation reist, in Lecce aussteigen darf.

Sprache: Was soll man schon viel zu Italienisch sagen? Welche Sprache versprüht mehr Charme und Eleganz? Die Sprache der Renaissance, der schönen Künste, bündelt Zärtlichkeit und rohe Kraft gleichermaßen. Schon wenige banale Sätze im Alltagskontext können mit ihrer ungebremsten Kraft wollüstiger Vokale, ihren tanzenden Silben und ihrer ganzen Körperlichkeit den unvorbereiteten Barbaren mühelos niederstrecken.

So man die Ansprüche nur ein wenig senkt, kann man dank der Einfachheit des Italienischen schon beachtliche Anfangserfolge verbuchen. So noch irgendeine andere romanische Sprache im passiven Gedächtniskeller verstaubt, kann diese problemlos angewandt werden. Meine Dialogpraxis – Spanisch sprechen zu probieren und Italienisch versuchen zu verstehen – war jedenfalls fast immer ein voller Erfolg. Auch Englisch ist selbstverständlich immer eine Möglichkeit, doch muss berichtet werden, dass die Kenntnisse in dieser allseits beliebten Weltsprache mit steigenden Breitengraden zusehends sanken.

Herumreisen: Machen wir uns nichts vor: Alles hat Vor- und Nachteile. Der öffentliche Nahverkehr im kleinen Rahmen gehört in Italien zweifellos dazu. Die Eisenbahn ist für Fern- und Mittelstrecken über jeden Zweifel erhaben, doch im lokalen versagt sie komplett. Die wenigsten Städte verfügen über eine annehmbare Infrastruktur zur Fortbewegung, weshalb viele aufs Auto umsteigen, was wiederum dazu führt, die Straßen heillos zu verstopfen, was wiederum die paar Busse, die sich durch die Straßen verirren zu hilflosen Beförderungsschaukeln degradiert. Kurz – ein Teufelskreis! Im Dorf-zu-Dorf-Verkehr sieht es selbstredend nicht besser aus. Mangels geringer und undurchsichtiger Angebote eines versprengt und im Untergrund agierenden öffentlichen Nahverkehrs, steigt man aufs Auto um und lässt die wenigen Verbindungen leer durch die Gegend trudeln. Ein Trauerspiel fürwahr. Empfehlung hier wäre sich reiseplanerisch an den Schienen des Landes zu orientieren und Ausflüge abseits derer entweder verteufelt gut zu planen oder einfach dem Zufall überlasssen. Es kommt meist aufs Gleiche raus.

Übernachten: Apulien lebt nicht nur von Oliven und Wein allein, auch der die Verköstigung, Bespaßung und Unterbringung von neugierigen Fremden gehört unzweifelhaft zu den apulischen Einnahmequellen. Speziell im Sommer müssen die, für den italienischen Süden eher untypischen, ausgedehnten Sandstrände und die funkelnde Adria enorme Anziehungskraft auf die klassische Badeurlaubsfraktion ausüben. Daher kann man in der Nebensaison aus einem reichhaltigen Angebot großartiger Unterbringungsmöglichkeiten schöpfen. Ob Hotel, Pension oder eigenes Appartement – das bleibt ganz dem Gusto des Reisenden überlassen. Das Preisniveau tut dabei ein übriges um die Wahl so angenehm wie möglich zu gestalten. Denn im Vergleich zu Norditalien bleiben hier die Kosten durchaus im erträglichen Rahmen.

Hunde: Wie schon bei früheren Besuchen bemerkt, ist die Hundefreundlichkeit in Italien außergewöhnlich. Zumindest aus der Perspektive eines Hundes kann an Italien wirklich wenig ausgesetzt werden. Ungelogen mindestens jeder zweite Passant nimmt von einem Hund in ausschließlich freundlicher Art Notiz. Es wird geschnalzt, gestreichelt und gelächelt, als ob der letzte Hund der Welt auf dem Bürgersteig flanieren würde. Wie selbstverständlich hat man mit dem Hund Einlass in Räumlichkeiten, die ihm sonst (prinzipiell zu Recht) verwehrt bleiben. Die elenden Scherereien die allzu oft bei der Fortbewegung mit Hund aufkommen, verpuffen in Italien wie ein absurder, böser Traum.

Willkommen im Hundeparadies. Sicher, Euphorie sieht anders aus, doch die hiesige Hundewillkomenskultur versucht alles um jeden Hund für sich zu gewinnen.

Was mir jedoch speziell im Vergleich zu früheren Besuchen auffiel, war die signifikant gestiegene Hundedichte. Entweder täuscht mich hier die Erinnerung oder das ist eine spezifische Apulität. Auf jeden Fall  hatten in den Städten mehr Leute einen Hund dabei als in Friedrichshain zu besten Zeiten. Und wenn ich schon Friedrichshain erwähne, keimte da ein Verdacht in mir. Die niedrige Geburtenrate Italiens ist allgemein bekannt. Was, wenn man sich speziell in Süditalien, wo die geburtshemmenden Faktoren um einiges dringlicher als in Norditalien sind, im Zweifel vermehrt gegen ein Kind und für einen Hund entschieden hat? Ich bin mir da unsicher, aber der Verdacht erscheint mir doch recht plausibel.

Kulinarik: Nun, vor diesem Absatz grauste es mir schon etwas, denn wie soll ich auch nur in annähernd erschöpfender Weise das hier erlebbare Märchenland beschreiben. Eine schier unlösbare Aufgabe. Fangen wir einfach mal mit einem soliden Paukenschlag des Lobhudelei-Orchesters an: die italienische Küche ist die Beste der mir bekannten Welt. Im italienischen Universum gibt es dabei weit mehr als die beiden Galaxien Pasta und Pizza. Vielfalt, Improvisationstalent und Perfektionismus unterstützt von einer fruchtbaren Gesamtsituation und einer langen, von zahlreichen Kulturbesuchen durchsetzten Geschichte sind die Grundlagen für die Entstehung dieser reizenden Verführerin. Das Wunderbarste ist dabei aber, dass jede Region, ja schon das nächste Dorf hinten am Horizont ureigene Spezialitäten und unbekannte Genüsse im Angebot hat. Das macht jede Italienreise zu einer unkalkulierbaren Entdeckungstour für die Geschmackssinne.

Frischer Fisch – elementarer Bestandteil der apulischen Küche!

Bevor ich loslege noch ein paar grundlegende Formalitäten: Die italienische Küche wird rituell organisiert durch eine luftige Aufteilung in Antipasti, Primi (Pasta oder Risotto), Secondi (Fleisch oder Fisch) und Dolce. Bisweilen wird dies noch durch Pizza und Salate ergänzt. Wie man sich das dann zusammenstellt bleibt jedem selbst überlassen.

So man selbst zaubern möchte und ich will das hier jedem mit aller Dringlichkeit empfehlen, seien zwei Dinge zu beachten. Zum einen, die uns vertraute Supermarktisierung ist Apulien bestenfalls in rudimentären Ansätzen zu beobachten. Deshalb läuft der Lebensmittelerwerb hier noch auf die traditionelle Weise, sprich: man muss jede Menge Läden aufsuchen um den Einkauf zu komplettieren. Das ist kein Ding und macht sogar Spaß. Merke: Die Segmentierung ist hierbei festen unveräußerlichen Regeln unterworfen, z. B. Wurst und Schinken gibt es nicht beim Fleischer und Fleisch gibt es beim Fleischer, aber auch wirklich nur dort. Zum anderen, behalte die Siesta im Auge (siehe: meine Gedanken zum Thema). Sie meinen es ernst und kennen keine Gnade. Von 13 bis 16 Uhr (manchmal auch etwas länger) ist alles zu und nur die Töpfe des weise Vorausschauenden werden gefüllt sein.

Was hat nun also Apulien zu bieten? Einleitend kann gesagt werden, dass die lange Küste dieses Landstrichs die Küche mit reichlich Fisch und Meeresfrüchten geprägt hat. Cozze arraganate, Orata alla pugliese – klangvolle Namen, duftende Erinnerungen und unbedingte Empfehlungen!

Die Pasta von Apulien ist zweifellos Orecchiette (italienisch: Öhrchen) und ob Öhrchen oder nicht, Pasta in einem beliebigen Lokal vor Ort genossen, ist in den allermeisten Fällen ein garantierter Hochgenuss und er macht auf einfache Art klar, warum die italienische Küche all diese Verehrungen und Verbeugungen meinerseits verdient. Nicht die Masse sondern die Klasse macht es. Einfache und überschaubare Rezepturen, diese aber mit Bedacht ausgewählt und aufeinander abgestimmt. Frische Tomaten (die nach Tomate schmecken!!!), Kräuter, etwas Käse und Orecciette – das Leben kann so schön sein! Im übrigen sollte man mindestens einmal Orecchiette con cima rapa probieren. Dabei lernt man eines der prominentesten Gemüse der Region kennen: Stängelkohl, äußerlich etwas an wilden Broccoli erinnernd, aber deutlich bitterer und schärfer schmeckend.

Erwähnenswert ist auf jeden Fall auch die Apulische Calzone. Auf den ersten Blick mag sie ihrem neapolitanischen Cousin gleichen, doch das dem Teig reichlich beigemengte Olivenöl führen zu einer unerwarteten Geschmacksexplosion.

Käse: Weichkäse von Schaf, Ziege, Kuh und Büffel: Mazzarelle, Scamorze, Pròvole, Provolone, Caciocavallo, frischer und gelagerter Pecorini, Burrate, Manteche und Ricotte – Namen, die mich schon beim Hintippen wegschmelzen lassen. Eine besondere Leckerei, die ich so erstmals hier genießen durfte, ist eine Art geräucherter Ricotta, dessen Name sich jedoch leider weder in Erinnerungen wie Aufzeichnungen auffinden ließ.

Fleischfarbenes Glück, geronnen in Wurst und Schinken.

Wurst: Auch hier kennt jeder Tag mindestens eine Offenbarung. Das morgendliche Durchkosten an der Wursttheke um neue Köstlichkeiten fürs Frühstück zu ergattern, war ein verlässlicher Höhepunkt des Tages. Ein Klassiker ist die Salsiccia Piccante, luftgetrocknet und scharf – exquisit. In Sachen Schinken entdeckte ich Capocollo und begriff erst nach mehren Happen, dass es sich hier um eine Wurst mit Schinkenseele handelt. Ein Traum! Welch gottserbärmliche Armseeligkeit liegt dagegen in der Bedeutung des deutschen Worts Schinkenwurst. Capocollo – unbedingt probieren! Keinesfalls auslassen sollte man Tarantello, diese Wurst wird aus dem frischem Fleisch der Bauchseite des Thunfisches gemacht – ein unvergleichlicher Leckerbissen. Wer hätte es gedacht, die Italiener machen aus Fisch Wurst und es schmeckt auch noch!

Zwei Dinge prägen Apulien wie nichts anderes: Wein & Olivenöl. Ich beschrieb eingangs die endlosen Olivenhaine und Rebstöcke, welche man auf den 400 km Eisenbahnstrecke durch Apulien durchquert. Dementsprechend ergiebig ist der Abfluss edler Tropfen aus Apulien. Es ist die Region Italiens in der der meiste Wein produziert wird. Ganz Apulien, der “Weinkeller Italiens” erzeugt mehr Wein als Deutschland. 80% davon sind Rotweine und zwar weitaus mehr als die für Apulien bekannten Primitivo und Negroamaro. Ich kann bspw. Uva di Troia empfehlen. Und auch wenn die Region von Rotwein dominiert ist so gibt es dennoch ein paar ausgezeichnete Weißweine, die ich kennenlernen durfte. Da wäre der allseits bekannte Verdeca, aber auch eine autochtone Rebsorte namens Fiano Minutolo, die mich schwer begeisterte.

Noch bedeutender für Apulien als Wein sind zweifellos Oliven.  Schon seit dem 7. Jahrtausend vor Chr. isst man hier die knackigen Ölfrüchte. Die Leidenschaft hierfür scheint seitdem ungebrochen und so verwundert es nur geringfügig, dass 40% der italienischen Olivenölproduktion aus Apulien kommen. Ich behaupte, dass selbst die stursten Kostverächter hier schwach werden. Die Kunst, diese unscheinbare Steinfrucht zu ungeahnten geschmacklichen Höhen emporzutreiben ist nämlich, wen wundert’s, hierzulande auf schwindelerregendem Niveau angekommen.

Schöne Orte (selbst besehen):

Lecce – bescheiden in den letzten Winkel Italiens geklemmt gehört sie zu jenen Städten, die einen trotz aller Vorbereitung einfach nur wegblasen. Das “Florenz des Südens” ist eine wahre “Rokoko-Explosion” und dabei touristisch so gut wie unberührt. Dies erstaunt in nicht geringem Maße, denn die heimliche Hauptstadt von Salento ist die komplett erhaltene Offenbarung eines eigenen Barockstils, des nach der Stadt benannten Lecceser Barock. Mit dem in der Nähe abgebauten weichen Tuffstein wurde hier ein Gesamtkunstwerk errichtet, das nicht nur wunderschön, sondern in gewissen Teilen einfach nur noch als durchgeknallt zu bezeichnen ist. Die Masse an opulenten Fassaden, in sich verschlungenen Ornamenten, Fabelwesen und sonstigen Dekorationen sind in ihrer Wucht schwer zu fassen und ließen mich sinnieren, welche Art von Gesprächen wohl mit Architekten, die für so etwas verantwortlich zeichneten, möglich wären.

Gallipoli – auf der anderen Seite an der westlichen Küste pustelt sich eine winzige Altstadt in die Bucht. Die von Griechen gegründete Kolonie (griechisch: “Schöne Stadt”) ist heute eine bekannte Sehenswürdigkeit Süditaliens. Das übersichtliche centro storico ist kompeltt vom Meer umschlossen und nur mittels einer Brücke mit der auf dem Festland gelegenen Neustadt verbunden. Mag es daran gelegen haben, dass wir hier die Weihnachtstage verbracht haben, doch irgendeine ganz eigene Stimmung beherrscht diese Kleinstadt. War es die liebevoll arrangierte Nachstellung biblischer Szenerien oder die aufwändige Bastelei an riesigen Pappmachéfiguren, welche dann am zum Neuen Jahr unter großen Geschrei in die Luft gesprengt werden? Man wird hier irgendwie das Gefühl nicht los, dass hier ein paar besondere Menschen mehr als üblich leben und diese Stadt damit zu etwas Besonderem machen.

Monopoli – ein munteres kleines Städtchen an der Adria südlich von Bari. Ganz normales Süditalien gepaart mit dem gewissen Etwas, welche durch die verwinkelte Altstadt gewährleistet wird. Bis zum Schluss habe ich mich in diesem Labyrinth immer wieder verlaufen, was kein allzu großes Problem darstellte, da ich auf diese Weise aus der Stadt die überraschendsten Dinge herauskitzeln konnte. Allerliebste kleine Bars, entzückende Restaurants oder noch ein ganz neues bombastisch verschnörkeltes Gotteshaus, welches zwischen andere Häuser reingeklemmt in seiner ganzen Pracht kaum zu erkennen war.

Polignano a Mare – auch dies ein entzückendes kleines Küstenstädtchen, kurz hinter Monopoli (5 Bahnminuten). Auch wenn diese Stadt an sich selbstredend selbstverständlich eine Schönheit ist, hierher fährt man wohl hauptsächlich um sich von der gewaltigen Kulisse der Steilküste zu ergötzen. Das Städtchen scheint sich mit aller Kraft den Naturgewalten entgegenzustellen und klammert sich trotzig an die Felskante. Wirklich beachtlich und erfrischend!

Alberobello – obwohl diese putzig anmutenden Rundhäuser, wie sie hier in der sogenannten “Zona dei Trulli” besichtigt werden können, in ganz Süditalien zu finden sind, verbindet man sie im Endeffekt doch hauptsächlich mit Apulien. Die Entstehungsgeschichte dieser ohne Mörtel, Stein auf Stein geschichteten Häuschen ist so entzückend wie charakteristisch für den Mezzogiorno. Im 17. Jahrhundert kam ein gewisser Graf namens Giangirolamo II. Acquaviva d’Aragona auf die schwejksche Idee Häuser ohne Zement und Mörtel zu bauen. Denn so konnte man diese ärgerliche Bestimmung umgehen, wonach neue Ortschaften, ergo neue Häuser, bei der Obrigkeit gemeldet und bezahlt gehörten. Denn diese locker übereinander geschichteten Häuslein konnten im Falle einer königlichen Inspektion ganz einfach abgebaut und später leicht wiedererrichtet werden. Dabei erwiesen sich die aus Not und Trotz entstandenenen Häuser als überaus praktisch. “Durch ihre Bauweise aus massivem Naturstein mit sehr dicken Wänden und winzigen Fenstern bieten die Trulli einen guten Schutz gegen die anhaltende Sommerhitze in Apulien, weil sich das Innere nur langsam aufheizt. Im Winter hingegen speichert ein Trullo für lange Zeit die Wärme, die durch einen offenen Kamin erzeugt wird.” (wikipedia)  Wir halten fest: selbst bei der der Errichtung von Slums gelingt dem Italiener mit seiner unverrückbaren Neigung für Stil und Eleganz das Kunststück, es kultiviert und geschmackvoll zu gestalten.

Schöne Orte (noch unbesehen):

Gargano Nationalpark: Am sogenannten Sporn des Stiefels befindet sich der größte Nationalpark Italiens. Mit solch einem einzigartigen Fanal begrüßt also Apulien die von Norden einreisenden Barbaren. Hier gibt es sie noch, jene dichten und schattigen Wälder, die einst ganz Süditalien bedeckten. Durch die schützende Lage hat sich dies hier erhalten und wird nun weiterhin sorgsam geschützt. Auf einer Fläche, die 0,7% der Landesfläche Italiens ausmacht, befinden sich ca. 35% des italienischen Pflanzenarten. Zusätzlich locken Felsen, Lagunenseen und, natürlich, pittoreske Küstenstädtchen. Kurz gesagt, hier wird einem jene Art von Idylle versprochen, die im Rest Süditaliens dank des umtriebigen Menschen verloren gegangen ist. Steht für mich ganz fest auf dem Reiskalender fürs nächste Mal.

Tremiti-Inseln: Gleich um die Ecke liegen diese sechs unscheinbaren Inseln. Nur zwei von ihnen sind bewohnt und 496 Einwohner genießen auf diesem autofreien Paradies das Leben. Erreichbar sind sie ganzjährig von Termoli aus. Wer Entspannung und Ruhe sucht und sich von der Winzigkeit der Inseln nicht abschrecken lässt, der kann hier mit Sicherheit sein Glück finden.

Castel del Monte (Barletta): Kaum ein Motiv wie das dieses Stauferschlosses ziert mehr Reiseführer oder Internetauftritte, die Apulien bewerben. Zahlreiche Mythen umranken das Schloss. Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, welchen Zweck das achteckige Gebäude erfüllen sollte, verfügt es doch über keinerlei Gräben, Arsenale, Schießscharten oder Mannschaftsräume, die für einen solchen Bau ansonsten typisch sind. Theorien, dass hier astronomische Messfunktionen Ursache des Baus wären, sind angesichts diverser Indizien nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber selbstverständlich finden sich hier noch weitaus mehr Deutungen, die allesamt einen Besuch rechtfertigen würden.

 

Föhner Abschied

Ja, ich gestehe, als wir gestern in Verona aus dem Zug stiegen und uns der eisige Atem von Gevatter Winter ins Gesicht tauchte, da ertappte ich mich kurzzeitig bei dem Gedanken, dass seine Rache für unsere freche Desertion gar fürchterlich werden würde. Derlei verzärtelte Anwandlungen sind dem Italienreisenden nicht unbekannt und werden zurecht in einer hübsch verschnörkelten Schublade des Schranks der “First-World-Problems” aufbewahrt.

Doch als die Sonne in der Hauptstadt Balkoniens aufging, zeigte uns Italien noch Mal was es drauf hat. Dank milder Abwinde, der Gnade geographischer Lage und auserlesenster Steinhaufen genossen wir noch einmal mit voller Kraft den letzten Tag südlich der Alpen. Frohgemut und bestens betankt mit Sonne, Freundlichkeit und Lust auf Leben kehren wir zurück. Die Tage werden wieder länger, nix wird so heiß gegessen wie gekocht und sowieso!

Posted from Verona, Veneto, Italy.