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Föhner Abschied

Ja, ich gestehe, als wir gestern in Verona aus dem Zug stiegen und uns der eisige Atem von Gevatter Winter ins Gesicht tauchte, da ertappte ich mich kurzzeitig bei dem Gedanken, dass seine Rache für unsere freche Desertion gar fürchterlich werden würde. Derlei verzärtelte Anwandlungen sind dem Italienreisenden nicht unbekannt und werden zurecht in einer hübsch verschnörkelten Schublade des Schranks der “First-World-Problems” aufbewahrt.

Doch als die Sonne in der Hauptstadt Balkoniens aufging, zeigte uns Italien noch Mal was es drauf hat. Dank milder Abwinde, der Gnade geographischer Lage und auserlesenster Steinhaufen genossen wir noch einmal mit voller Kraft den letzten Tag südlich der Alpen. Frohgemut und bestens betankt mit Sonne, Freundlichkeit und Lust auf Leben kehren wir zurück. Die Tage werden wieder länger, nix wird so heiß gegessen wie gekocht und sowieso!

Posted from Verona, Veneto, Italy.

La dolce siesta

Dem Konzept der gesellschaftlich verankerten Mittagsruhe stehe ich prinzipiell sehr aufgeschlossen gegenüber. Ein paar Stunden Freizeit mitten am Tag sind für mich zweifelsohne ein Gewinn auch wenn der Arbeitstag hierdurch natürlich etwas in die Länge gezogen wird. Speziell in den heißen Monaten muss hier wohl auch nicht viel abgewogen, sondern schlicht und ergreifend auf Naturgewalten reagiert werden.

Im Winter erschien mir diese Tagesaufteilung anfangs leicht suboptimal, stellt sie doch zumindest den Reisenden vor organisatorische Hindernisse zu besten Zeit des Tages. Temperaturen und Tagesstimmung erfordern auf den ersten Blick auch nicht wirklich eine Ruhepause, nichtsdestotrotz verwaisen die Städte zwischen eins und vier mit trotziger Routine. Doch aus Arbeitnehmersicht bringen die freien Mittagsstunden in der Tat einen unübertrefflichen Vorteil: der düstere Winterklassiker von Arbeitstag und Freizeitnacht unserer Breiten wird hier elegant ausgehebelt. So gesehen, machen sie also Mal wieder alles richtig hier im Mezzogiorno. 

Posted from Monopoli, Apulia, Italy.

Italien satt in vier Zügen

Alles nahm in einem gewöhnlichen ICE nach München seinen Anfang. Eine dieser raschen Fahrten – solide, pünktlich und routiniert – genauso wie die Deutsche Bahn nur in seltenen Ausnahmefällen erwähnt wird obwohl die meisten Züge genau diese Prädikate verdienen. Einmal mehr flog die Republik an mir vorbei. All diese entzückenden und sträflicherweise von mir noch nicht bewanderten Mittelgebirge… Schon bald waren wir in München und wurden mit allerfeinstem Schneeregen begrüßt, was das sehnsuchstvolle Schmachten hin zu dem ersehnten Ziel jenseits der Alpen nur noch verstärkte.

Im Gegensatz zu so vielen meiner Lieben aus meinem Soziotop habe ich Bayern gegenüber keinerlei Beißreflex. Nein, ich genieße bei all meinen Berührungen mit dem Freistaat die urigen Sonderlichkeiten dieses eigenwilligen Bergvolks. Speziell die Kunststückchen im Kulinarischen ringen mir immer wieder Respekt ab. So genoss ich auch dieses Mal nach kurzem Stadtrundgang Haxe und Helles, verabschiedete mich vollsr Respekt von der Welt der Barbaren. 

Am nächsten Tag machten wir dann endlich rüber. In einem vorzüglichen Zug der ÖBB machten wir es uns gemütlich und genossen bei bester Sicht diese wunderschöne Hochgebirgspassage, nur um recht bald in der Poebene, dem Brandenburg Italiens, gepflegt wegzuschnarchen.

Und dann war sie einfach da: “die Fette, die Rote, die Gelehrte” – Bologna! Schwer auf wenigen Zeilen zu beschreiben, es soll genügen zu erwähnen, dass eine Stadt, die mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und Dauerregen aufwartet in den seltensten Fällen zu begeistern weiß. Bologna jedoch gelang dieses Kunststück. Gefühlte Geschichte, gefüllte Mägen und gefallende Menschen in einem Gesamtkunstwerk von Stadt, Bologna wir sehen uns wieder!

Doch dann war es soweit. In einem bis auf den letzten Platz genutzten Zug zuckelten wir gen Lecce. Nach DB und ÖBB zeigte uns nun Trenitalia wie man die Schiene beherrschte. Und ich muss sagen: Chapeau! Komplett ausgenutzte Kapazitäten und dennoch entspanntes Fahrvergnügen auf einer zusätzlichen noch über alle Maßen beeindruckenden Strecke, welche zeitweise bis auf 10 Meter an die Adria herankam.Das alles garniert mit Freundlichkeit und ungezwungener Fröhlichkeit von Fahrgästen wie Schaffnern.

Lecce – das “Florenz des Südens”, eine “Rokokoexplosion” – der Ruf dieser Stadt war ihr seit längerem vorausgeeilt. Voller Spannung unternahmen wir also unsere ersten Schritte und waren schon nach kurzer Zeit völlig hin und weg. Soviel Fantasie in Stein auf engstem Raum, dass der Geist Mühe hatte hinterher zu kommen. Wer in Süditalien vorbeischaut sollte diese Schnuckelchen keinesfalls auslassen. Nach ausführlichsten Rundgängen und gemeinschaftlichen Fotomassakern stiegen wir dann in den letzten Zug.

Ein rumpeliger kleiner Schienenbus, voll bis zum Dach brachte uns auf die andere Seite des Hackens, nach Gallipoli. Und nach einer guten Stunde standen wir dann in unserem Weihnachtsdomizil und wir sahen, dass es gut war.

Posted from Gallipoli, Puglia, Italy.

Arrividerci

Auf geht’s zur letzten großen Reise dieses Jahres. Zauberhafte 2043 Bahnkilometer liegen vor uns bis wir das Land wo die Zitronen blühen erreichen werden um dort dieses Jahr mit gebührend Abstand zu verabschieden.

Und dieser Abstand ist zwingend notwendig. Warum? Letztlich war es nur ein weiteres Jahr der Verschärfung des kapitalistischen Grundwiderspruchs, doch mit, oberflächlich betrachtet, immer widerwärtigeren Resultaten. Kleinbürgerliche Angst, heuchlerische Besitzstandswahrung, platter Hass und ganz allgemein, grenzdebiler Skeptizismus sogar den selbstverständlichsten Errungenschaften von Aufklärung und Wissenschaft gegenüber werden aus der Gosse hochgespült, um mit einfachen Antworten komplexe Missstände beseitigen zu wollen. All die wohlbekannten, vorbestraften Geister blinzeln frech und dreist im 21. Jahrhundert als wäre nix gewesen. Angesichts dieser vorhersehbaren Misere, welche ohne viel Geschichtskenntnisse erkennbar ist, wird mir übel, ob meiner Hilflosigkeit wie meiner Untätigkeit gleichermaßen.

Daher suche ich Abstand und vertraue mich ganz der selbstvergessenen Gelassenheit des Mezzogiorno an. Es wäre nicht das erste Mal dass mir der Stiefel wieder ausreichend Grundvertrauen und Hoffnung schenkt um den ganz normalen Schlamassel würdevoll gegenüber zu treten.

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Zügig nach Zürich

Obzwar es ein trauriger Anlass war, nämlich die Abschaffung des deutschbahnigen Nachtzuges, wurde es dann doch eine recht fröhliche Reise und eine ausgedehnte Erneuerung der nachbarschaftlichen Beziehungen.

Wir taten alles was von touristischer Seite von uns erwartet wurde: an soviel wie mögliche Worte ein “li” ranhängen, langsam sprechen mit lautem sprechen zu verwechseln und ganz allgemein alles furchtbar niedlich zu finden. Die Gegenseite glänzte auch mit Vorhersehbaren und wartete mit absurden Preisen für die banalsten Produkte des täglichen Bedarfs auf und ignorierte uns sonst auf vornehmste Weise. Viel gesehen haben wir schlussendlich nicht, wahrscheinlich weil wir uns soviel erzählen mussten. Dieser Redebedarf spricht für Wiederholungstaten. Das Konzept war schnell geboren – der Nachbarschaftsparcour. Nächste Station: Salzburg.

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Mission: Bezirke bezirzen – erstes Kapitel: Elsterflorenz

Und erneut ging es auf große Entdeckungsreise. Im Hinterkopf ein neues ehrgeiziges Ziel, und zwar allen Bezirksstädten (nicht Bezirkshauptstädten, so lernten wir bereits an diesem ersten Wandertag!) der DDR einen Besuch abzustatten. Getreu der achtbaren Initialenergie, welche bereits vor einem knappen Jahrzehnt dazu führte, der Bereisung von sämtlicher Berliner S-Bahnendstationen ein internationales Podium zu bieten, traten nun erneut ein paar unverzagte Freunde der Peripherie an um des Novembers Unbill mit ausschweifendem Umherschweifen zu begegnen. (Nebenbei also nochmal Täterätäh und Dschingdereassa Bumm! 10 Jahre Viva Peripheria – fast hätt ich’s übersehen. Habt Dank all ihr Peripheristen und Peripherösen da draussen!)

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Sehr viel mehr als Bratwurst dürfte dem gemeinen Bundesbürger zu Thüringen wohl selten einfallen. Welch Überraschung daher, dass der hier beschriebene Ausflug ohne eine einzige Bratwurst absolviert und dennoch allgemein als Erfolg verbucht wurde.

Am Anfang stand Gera. Die große Unbekannte. Voller Überraschung musste ich unlängst im Kreise zahlreicher altgedienter Ostdeutscher feststellen, dass noch keiner dieser erfahrenen Haudegen und Provinzsassas jemals Kontakt mit der geheimnisvollen Reußenperle aufgenommen hatte. Doch nicht nur dass, nein, es wurde sogar offen angezweifelt, dass Gera je eine Bezirksstadt gewesen sei. Soviel ehrabschneidende Unwisseneit erforderte Satisfaktion. Als dann noch die Kunde von der angeblich vollständigsten Ausstellung des DDR-Comics im Geraer Stadtmuseum durchs Land eilte, war die Entscheidung gefallen. Gera würde das Fanal dieser “Tour de Bezirke” werden.

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Die Kampagne sitzt. “Wochenende Leipzig” – so prägnant und überzeugend wie “Niedersachsen. Klar”

Nach drei kleinen Hopsern in Wittenberg, Bitterfeld und Leipzig glitten wir dann schon bald bei bestem Kleinstaatswetter durch das vielbesungene Thüringerland. Geschmeidige Rundungen, kunterbunte Einsichten in den Indian Summer des Elstertals – versonnen blickt die Reisgeruppe aus dem ruckelnden Triebwagen der unvermindert Kurs auf das ersehnte Ziel hält.

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Einen Moment zögert der Chronist bevor er auf den Auslöser drückt. Nur ansatzweise ist ihm in diesem Moment bewusst, welch Anmut vereint mit trostloser Kantenschroffheit hier auf wenigen Pixeln für die Ewigkeit gebannt wird. Der Betrachter mag aufgebracht, gelangweilt oder unbeholfen weitertrinken, dennoch bleibt da etwas, so tief wie intensiv. Für Augenblicke wie diese lebt jeder von uns!

Angesichts des traurigen Umstands, dass Gera die zweitgrößte deutsche Stadt ohne elektrifizierten Bahnanschluss ist, fielen die Begeisterungsstürme, den Bahnhof betreffend eher zurückhaltend aus. Doch derlei bestürzende Beschneidungen sollten nicht das Maß der Dinge für den Rest Geras sein. Voller Tatendrang stürmen wir voran, immer mitten hindurch die sonntäglich aufgeräumten Magistralen der unbekannten Schönheit.

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Der Geraer Löwe nebst dazugehörigen Spatz – nur eine von zahlreichen Schmähungen der hiesigen Identität. Quetschte man in der düsteren Nazizeit sämtliches Viehzeug auf das Wappen, des auch scherzhaft “Thüringer Tiergarten” benamstes Wappen, bleib angeblich nicht mal für den Geraer Spatz ein Fleckchen frei. Wie meinen: “So nicht!”

Schnell war das Stadtmuseum gefunden, doch die angebliche achso vollständige Sammlung stellt sich schnell als bessere Wandzeitungscollage heraus. Aber die Enttäuschung sitzt nicht lange, umgehend werden wir verzaubert von zwei Etagen Daueraustellung der verrückten Geschichte Geras. Die bizarren Stilblüten der mitteldeutschen Kleinstaaterei, das absurde Versteckspiel all der inzestösen Heinriche und dergleichen mehr schaffen es uns zu verzaubern und lassen die Zeit wie im Fluge vergehen. Schlussendlich sind wir gar so willenlos, dass wir völlig ergeben auch die Ausstellung über Romantik in Gera inhalieren.

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Kulturtourists Feierabend, auch wenn die bratwurstige Sehnsucht leise wimmert bleibt es ein Jammern auf hohem Niveau. 

Nach soviel Kultur, welche furchtlos noch mit einem mittelschweren Stadtrundgang garniert wird, giert die Reisegruppe nach Kost und Trank. Ohne viel Federlesens wird also eine Schänke aufgesucht und bei schimmlig-gemütlicher Winterstimmung die genossenen Eindrücke gemeinsam verarbeitet. Schnell wird klar, die Bezirke der versunkenen Republik sind, wie nicht anders erwartet, ein reizvolles Reiseziel. Das ungeduldige Hufgeschar ist förmlich nicht zu spüren. So lasst uns freuen und juchhehen – 2017 wird uns mit einer ganz auserlesenen Perle willkommen heißen. Es geht nach Suhl, jenes entzückend schizophrene Kleinod tief im Hinterland von allem, welches sich gleichermaßen als “Stadt des Friedens” wie als “Waffenstadt” bezeichnet. Und warum auch nicht?! Wir können es zumindest kaum noch erwarten!

Ratgeber: Reisen wie Gott in Georgien

„Als Gott das Land an die Völker verteilte, verspäteten sich die Georgier. Denn sie hatten den Abend zuvor wie üblich reichlich gesungen, musiziert, getanzt und das Leben im Allgemeinen voller Hingabe gefeiert. Zuerst zürnte der Herr, denn alles Land war bereits verteilt. Doch die Fröhlichkeit und der Charme der Vertreter dieses Volkes versöhnten ihn, und er schenkte den Georgiern den Flecken Erde, den er eigentlich für sich selbst vorbehalten hatte….“

Georgien – jenes über alle Maßen begünstigte Kleinod, umsäumt von den Hängen des Kaukasus und den Gestaden des Schwarzen Meeres befindet sich gegenwärtig nicht direkt im Auges des Massentourismussturms. Und obwohl ich dies ja an und für sich gut finde, bin ich dennoch der Meinung, dass dieses großartige Land und seine Menschen etwas mehr Interesse verdient hätten. Sicher, standen neben Unwissenheit, jede Menge Klischees und halbwissende Vorurteile eurer Reise nach Georgien bisher im Weg. Diese sollen nun mit einem weiteren Kompendium aus der Themenreihe “Schöneres Reisen für eine bessere Welt” beseitigt werden.

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Reiseland Georgien

Andere Wissensquellen: Der verfügbare Wissensstand zum Thema Georgien, nicht allein als Reiseland, kann mit besten Gewissen als dürftig beschrieben werden. Die landläufigen Reiseführer glänzen mit veralteten Plattitüden oder überschlagen sich mit redundanten Analysen der hiesigen Sehenswürdigkeiten. Im Netz findet sich als einzig brauchbare Anlaufstelle georgiano.de – hier findet sich reichlich Material für den wissbegierigen Individualtouristen. Kartenmaterial, Wanderrouten und andere nützliche und halbwegs aktualisierte Informationen sind hier im Angebot. Bei wikivoyage lassen sich zusätzlich auch ein paar grundlegende Informationen abstauben.

Einreise: Ungewohnte Einfachheit lässt die Reise schon von Beginn an geschmeidig starten. Sämtliche EU-Bürger und noch ein paar mehr (immerhin 94 Staaten) dürfen bis zu einem Jahr visumfrei einreisen. Es genügt der Personalausweis. Vorbildcharakter par excellence.

topographische-karte-georgien

Anreise: Lange galt Georgien zurecht als beschwerlich oder zumindest sehr kostspielig von Deutschland aus zu erreichen. Dank des Billigfliegers Wizzair gehören diese Zeiten aber seit geraumer Zeit der Vergangenheit an. Nach anfänglichen Direktflügen von Polen und Ungarn kann man seit kurzem auch von Schönefeld oder Dortmund für wenig Geld (hin&zurück ab €60) zu dem quasi eigens für diesen Zweck ins georgische Herzland gestampften Flughafen Kutaissi reisen. Daneben gibt es selbstredend auch nach andere Fluglinien wie bspw Ukrainian Airlines oder Air Baltic, die Georgien recht preiswert anfliegen.

Die Anreise auf dem Festland ob per Zug oder Auto ist zwar möglich, stellt aber aufgrund der Distanz eher den Weg als Ziel in den Vordergrund und nicht Georgien. Zu Bedenken sei hier zudem der Konflikt in der Ukraine, welcher die Nordroute nach Georgien etwas komplizierter gestaltet. Die Tour über die Türkei wäre hierbei erheblich vorzuziehen.

Ein absoluter Leckerbissen für den Reisegourmet stellt dabei noch eine andere Alternative dar. Von Illchiwsk (Odessa) bis Poti oder Batumi verkehrt einmal die Woche eine Fähre. In schlanken 60 Stunden könnte man auf derart einmalige Art und Weise das Schwarze Meer komplett durchkreuzen um so Georgien zu erreichen. In der Vierer-Kabine mit Außenklo für schlappe $95 zu haben. Funfact am Rande: das hier eingesetzte Fährschiff ist auf den bezaubernden Namen “Greifswald” getauft.

Herumreisen: Um es gleich vorweg zu sagen – infrastrukturell gesehen ist Georgien ein elendiglich nach Luft schnappendes Elend. Eisenbahnen verkehren selten und bedienen nur ein Minimum des Notwendigen. Der öffentliche Nahverkehr leidet unter offensiver Vernachlässigung und die Straßen zehren seit Jahrzehnten von der Substanz. Ergänzt man diese, per se schon ungünstige Gemengelage mit der feurig-selbstmörderischen Grundeinstellung der meisten aktiv am Verkehr beteiligten Georgier, so verspricht dies nichts Gutes. Grundlegend sei jedem potenziellen Georgienentdecker ans Herz gelegt, nicht allzu viel verschiedene Ziele während eines Aufenthalts anzusteuern. Die verhältnismäßig geringe Fläche (69.700 qkm) mag dazu einladen, doch es hat sich bewährt nach Anreise eines der verlockenden Ziele anzupeilen und dort jenseits der Straße auf Tour zu gehen. Mit mehreren Zielen innerhalb einer Woche zerstört man unnötig den einmal erlangten Erholungseffekt.

Kurz vor der russischen Grenze....
Kurz vor der russischen Grenze….

Die zur Verfügung stehenden Fortbewegungsmittel im einzelnen:

Eisenbahn – eine schüchtern im Hintergrund stehende Alternative. Hauptsächlich auf den Hauptrouten verkehrend und im Schatten der quirligen Busbahnhöfe liegend, kann ein Blick auf den Fahrplan nicht schaden. Da sie relativ selten verkehren ist es zumeist keine Alternative für den raschen Ortswechsel aber wenn Zeit vorhanden, eine Überlegung wert. Die Züge wirken recht gepflegt (im Gegensatz zu den Gleisanlagen) und die Preise liegen zum Heulen niedrig (Beispiel: Batumi-Kutaissi: 1 Lari (2016: 0,37 Cent). Speziell für Verbindungen nach der Anreise oder vor der Abreise bieten sich die das Land durchquerende Nachtverbindungen an.

Marschrutki: Dieser eingedeutschte Begriff ist auf dem gesamten Gebiet der Ex-Sowjetunion ein geläufiger Begriff für sogenannte Sammeltaxis, mit deren Hilfe prinzipiell fast jedes Ziel was an einer Straße liegt, erreicht werden kann. Das Prinzip ist denkbar einfach. Zwar gibt es im Groben so etwas wie Fahrpläne, welche aber eher als Orientierungspläne zu verstehen sind. Ein Marschrutka ist eher durch komplette Ausnutzung aller verfügbaren Sitzplätze zur Bewegung zu motivieren als durch so etwas wie eine abstrakte Abfahrtszeit. Hieraus resultierend ist ebenso, dass ein Marschrutka jederzeit und überall an der Straße herangewunken werden kann. Die Preise variieren in munterer Selbstbestimmung, bezahlt wird beim Aussteigen.

Taxis: Das Taxi kann als letzte Alternative in ausweglosen Situationen ebenfalls herangezogen werden. Verfügbar sind sie in den meisten Regionen, für Verhandlungen, ob Preis oder Ziel seien zumindest rudimentäre Russischkenntnisse anempfohlen.

Sprache: Der Kaukasus galt in der Antike als der “Berg der Sprachen”, Strabo spruch einst von nicht weniger als 70 Dolmetschern, die man benötigte um allein am Schwarzen Meer erfolgreich Handel zu betreiben. Derlei Vielfalt, so sie in diesem Ausmaß je bestanden hat, ist zwar längst Vergangenheit, doch die Zahl und Eigenheit der hiesigen Schriften und Sprachen weiß immer noch zu faszinieren. Neben Georgisch werden hier noch 23 Sprachen aus sechs verschiedenen Sprachfamilien gesprochen. Doch so sehr meine Leidenschaft für dieses Land auch erglüht, dem Ansinnen das Georgische auch nur halbwegs zu beherrschen, ist einem erschöpften Realitätsempfinden gewichen. Allein das scheinbar aus einem Fantasyroman entsprungene hiesige Alphabet lässt einen ehrfürchtig niederknien. So danken wir einmal mehr den verachtungswürdigen Triebkräften imperialer Expansionsbestrebungen in der Geschichte und verweisen auf die lingua franca des Kaukasus – Russisch. Auch wenn die Sehnsucht nach dem Westen offensichtlich ist, Russisch bleibt weiterhin die beste Sprache um sich zu verständigen. Speziell mit Menschen, die die Sowjetunion noch erlebt haben, ist dies eine mehr als ausreichende Verständigungsmöglichkeit. Bei jüngeren Menschen ist Englisch meist die Sprache der Wahl, wobei dank des miserablen Bildungssystems und geringer Anwendungsmöglichkeiten während der Transition dies eher schlecht als recht beherrscht wird. Auch Deutsch wird in gar nicht so wenigen Fällen gesprochen, mittlerweile soll Deutsch an georgischen Schulen gar Französisch als zweite Sprache abgelöst haben. Und wenn gar nichts mehr helfen sollte, kann irrwitzigerweise die geschätzte Weltsprache Polnisch einen Rettungsanker darstellen. Denn dank der eingangs erwähnten Billigfluglinie entdeckten in den letzten Jahren Polen Georgien in großen Scharen, was in Gastronomie und Tourismusgewerbe zu respektablen Sprachkenntnissen im Polnischen geführt hat.

Menschen: Unbestritten das Salz in der Suppe. Abseits jeder Verallgemeinerungen und sonstiger Über-den-Kamm-Schererei kann hier die Aussage getroffen werden, dass zwischen Großem und Kleinen Kaukasus ein ungemein herzlicher Menschenschlag lebt, der sich dabei stets unaufdringlich und galant um die Befindlichkeit seiner Gäste sorgt.

Selbst Wölfe im Schafspelz scheinen hierzulande nett zu sein.
Selbst Wölfe im Schafspelz scheinen hierzulande nett zu sein.

Selbst dem unerfahrensten Reisenden wird schon nach ersten Augenblicken seiner Georgienreise spüren, dass er hier wohl aufgehoben ist. Ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit ganz unerwarteter Güte. Dieses Gefühl wird dann auch statistisch bestätigt, weltweit steht Georgien aktuell auf Platz 3 in der Kategorie der unkriminellsten Länder.

Geographie: Obwohl Georgien streng genommen zu Asien gehört ist man sich diesbezüglich vor Ort recht unsicher. Bisweilen spricht man spricht eher von Georgien als etwas eigenem oder vom Balkon Europas. Die Fläche entspricht mit knapp 70.000 qkm ungefähr der von Bayern, was angesichts der Fahrzeiten, die das Reisen hier erfordert wirklich enorm überrascht. 87% des Landes sind von Gebirgen oder Vorgebirgen, 44% von Wald (5% Urwald) bedeckt. Im Norden lockt der Große Kaukasus im Süden betört der Kleine Kaukasus. Klimatisch weiß dieses kleine Land mit einem breiten Portfolio von sieben Klimazonen zu überzeugen. Der Kaukasus schützt Georgien vor den eisigen russischen Winden und ermöglicht so, dass das Schwarze Meer das Land kontinuierlich erwärmen kann. So kann der Reisende zu jeder Jahreszeit wählen zwischen diversen Variationen von subtropisch, steppig und kontinental-gemäßigt. Beste Reisezeit bleibt dennoch Frühling oder Herbst.

Kulinarik: Ja, wo soll man hier anfangen? Vielfalt, Frische, Reichhaltigkeit und Exotik lassen mich hier jedes Mal von Neuen nach Luft schnappen. Auch wenn selbstredend Vegetarier und ähnlich Veranlagte wie immer nur einen Bruchteil der Kultur genießen können, kommen auch diese hier auf ihre Kosten. In einem Land mit mehreren Ernten pro Jahr und einer stark landwirtschaftlich geprägten Kultur, die aber noch nicht von den Segnungen industrieller Herstellung betroffen ist, kann Ernährung nicht geringer als ein Erweckungserlebnis beschrieben werden.

Schaschliki - die Mutter aller Fleischcolliers!
Schaschliki – die Mutter aller Fleischcolliers!

Hier die wichtigsten Spezialitäten ohne die kein Georgienentdecker das Land wieder verlassen sollte:

  • Chatschapuri – eine Art Fladenbrot mit Käse gefüllt oder belegt, stets und überall frisch und billig in diversen Variationen zu haben; allein dies wäre schon Grund genug nach Georgien zu reisen
  • Chinkali – die hiesige Auslegung gefüllter Teigtaschen, groß und würzig – eine vollwertige Mahlzeit für jede Gelegenheit
  • Mzwadi – Schaschlik, die Mutter aller kaukasischen Delikatessen; von hier aus begann ihr Siegeszug über die Grills dieser Welt, selbstredend schmecken sie hier am besten
  • Chartscho – eine deftige Rind- oder Lammfleischsuppe mit Nüssen und natürlich jeder Menge Koriander

Doch es ist nicht nur ein Paradies der Leckerbissen – Georgien bietet als Mutterland des Weins gleichsam auch eine unüberschaubare Anzahl an erlesenen Weinen. 500 der 4000 Rebsorten dieses Planeten kommen von hier, die Geschichte des Weinbaus hat hier eine 8000jährige Geschichte, das Wort Vino ist ein georgisches – muss ich noch mehr sagen?! Außerdem ist ein Georgienbesuch ohne eine Kostprobe der hiesigen Cognacs eine unermessliche Straftat. Auch wenn man bislang mit dieser Spirituose nicht sonderlich viel anfangen konnte, hier sollte man es wagen. Vertraut mir – ein Offenbarung für die Sinne. Ein weiterer alkoholischer Kompagnon, Tschatscha, wird man dagegen schwer aus dem Wege gehen können. Diese, zumeist schwarzgebrannte, hochprozentige Grappa-Variation wird einem unter Garantie schon beim ersten Kontakt mit Einheimischen angeboten werden.

Reiseziele: Nach soviel vorbereitender Lobhudelei nun aber zum Kern des Pudels. Wohin soll die Reise gehen? Was hat Georgien denn Lohnenswertes zu besichtigen?

Kutaissi

Städte:

      • Tblissi/Tiflis – Als Hauptstadt Georgiens, größte Stadt (1,16 Mio. Einwohner; ein Drittel der Bevölkerung) gilt sie als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des Landes. Damit ist es selbstredend ein erklärtes Ziel jedes Georgienausflugs. Einen Ansatz für die zahlreichen Sehenswürdigkeiten die Tblissi im Angebot hat, und die dem geneigten Städteliebhaber ausreichend Unterhaltung für eine erlebnisreiche Woche bieten sollten, kann man diesem ausführlichen Artikel entnehmen.  Als Unterkunft sei an dieser Stelle schamlos für das Hostel “Why not…” Werbung gemacht. Die ungezwungene familiäre Atmosphäre und ganz und gar entspannte Stimmung unterscheiden es wohltuend von dem austauschbaren Einerlei der globalen Hostelschwemme
      • Kutaissi – eingangs schon erwähnte zweitgrößte Stadt Georgiens (200.000 Einwohner) und Hauptstadt der Provinz Imeretien. Historisch gesehen die alte Haupstadt des antiken Kolchis und damit quasi das ehemalige Zentrum Georgiens. Dank der Billigfliegerlogik werden die meisten Georgienreisen hier ihren Anfang nehmen. Hierfür ist Kutaissi vorzüglich ausgestattet. es gibt zahlreiche Unterkünfte und einige nette Lokale. Eines der reizendsten Etablissements ist hierbei das Restaurant Palaty direkt in der Altstadt. Nicht nur die Küche ist hier nochmal einen Zacken delikater als üblich auch das Kulturangebot machte die Besuche hier stets zu etwas ganz Besonderem. Ein Spaziergang zu der majestätisch über Stadt thronenden Bagrati Kathedrale sei wärmstens empfohlen. Die Aussicht hier oben ist den kleinen Aufstieg zweifellos wert. Daneben laden zahlreiche sehenswerte Klöster, Kirchen und Höhlen in der direkten Umgebung zu einem Besuch ein.

 

        • Batumi – Neben der recht reizlosen Hafenstadt Poti die größte Stadt Georgiens am Schwarzen Meer. Eine wuselige, aufstrebende Ansiedlung, welche dank ihres mediterranen Flairs einen hervorragenden Ausgangspunkt für die Entdeckung der Küste bietet

Natur:

Der Borjomi-Nationalpark von oben
Der Borjomi-Nationalpark von oben
        • Borjomi – bekannt schon seit der Zarenzeit für seine Mineralquellen gehört Borjomi wohl zu den berühmtesten Kurorten, in diesem an Kurorten reich gesegnetem Land. Gleichzeitig ist es aber auch das Tor zum Bordschomi-Charagauli-Nationalpark. Dieser 85.000 ha große Nationalpark im Kleinen Kaukasus ist wohl einer der bestausgestatteten und organisiertesten Nationalparks in Georgien. Dabei ist der Nationalpark einer der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete Asiens. Die Wanderwege hier sind hervorragend markiert, Schutzhütten sind über das gesamte Gebiet verteilt. Der beste Einstieg für den Naturfreund, der sich seine ersten Meriten in Georgien erwerben will
        • Swanetien – abgeschiedene Bergregion im Großen Kaukasus. Bekannt und auf zahlreichen Reiseführen abgedruckt sind die typischen Wehrtürme aus der Zeit des Fürstentums Swanetien. Empfehlenswert und auch für weniger erfahrene Wanderer geeignet ist die Strecke von Mestia nach Ushguli. Die Strecke ist angemessen markiert und problemlos in fünf Tagen zu schaffen. Anreise nach Mestia mit Marschrutka über Sugdidi
        • Tuschetien – Bergregion im Nordosten, gilt als eine der unberührtesten und ursprünglichsten Gegenden Georgiens. Große Teile gehören zu dem Tusheti-Nationalpark, einem der spektakulärsten Naturreservate des Landes
Der Kazbeg, Prometheus-Gedächtnisfelsen, taucht in der obigen Aufzählung gar nicht auf. Ist aber definitiv einen Abstecher wert.
Der Kazbeg, PrometheusGedächtnisfelsen, taucht in der obigen Aufzählung gar nicht auf. Ist aber definitiv einen Abstecher wert.

Kultur:

        • das Höhlenkloster von Vardzia – faszinierende in den Fels gehauene Kloster- und Wehranlage. Im 12. Jahrhundert erbaut, wird die Anlage, welche zeitweise bis zu 50.000 Menschen Obdach bot, bis heute als Mönchskloster genutzt Diese, als Hauptsehenswürdigkeit Georgiens geltende Anlage ist zweifellos die Reise wert und sei jedem ans Herz gelegt. Ebenso wie das etwas mehr Sportlichkeit verlangende Höhlenkloster Dawit Garedscha an der Grenze zu Aserbaidschan
        • die Weinernte in Kachetien – Kachetien, die östlichste Provinz mit der Hauptstadt Telawi gilt als die Wiege des Weinbaus. Nicht nur zur Weinernte (Ende September) wird jedem Weinliebhaber eine Exkursion hierher die Tränen in die Augen treiben. Hier können noch hunderte altmodische Weingüter genossen werden, die ohne jegliche Einmischung der Moderne seit Jasons Zeiten vor sich hin winzern
        • Gori – die Geburtsstadt Stalins. Man kommt nicht drumrum, der berühmteste Georgier aller Zeiten ist zweifellos der schnauzbärtige Dschugaschwilli. Wer mag, kann der Kleinstadt in der Nähe Tblissis einen Besuch abstatten und im Stalinmuseum so spektakuläre Exponate wie den Waggon, in dem der Generalissimus nach Jalta fuhr, besichtigen.
          Stalins Waggon. Trainspotting für Salonbolschewisten.

          Wer dem nicht viel abgewinnen kann, der darf sich natürlich auch hier über eine Höhlenstadt erfreuen.Uplisziche gehört zu einer der mächtigsten Festungsanlagen an dem sich jahrhundertelang die jeweiligen Eroberer Georgiens die Zähne ausbissen. Bis die Mongolen kamen…

        • die Seilbahn- und Bergbaustadt Tschiatura – kleine Bergbaustadt, die auch wenn sie einst der größte Manganerzproduzent der Welt war (1879 war der Anteil am Weltexport 50%) sonst nicht unbedingt der Erwähnung wert wäre. Was sie besonders macht, ist das öffentliche Nahverkehrsmittel Nummer 1, die aus 26 Seilbahnen besteht. Angesichts der knifflig bergigen Lage der Stadt entschied man sich zu dieser außergewöhnlichen Vernetzung. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art und Spaß für die ganze Familie.

Und sonst:

        • die Schwarzmeerküste – einst neben der Krim DER Sommerurlaubstraum jedes Sowjetbürgers verharrt die sonnige Küstenregion gegenwärtig in lässiger Apathie, die nur zaghaft wieder wachgeküsst wird. Zahlreiche Hotelanlagen, edle Villen und geräumige Strandanlagen erzählen von einer goldenen, längst vergangenen Zeit. Aktuell liegt hier vieles brach auch wenn der Strom von türkischen, polnischen und russischen Touristen langsam zunimmt. Doch auch wenn der Abstieg der Küste offensichtlich erscheint, kann man hier ganz ausgezeichnet ein paar entspannte und ruhige Tage verbringen. Empfehlenswerte Orte sind hierfür Kobuleti und Shekvetili

 

Ein Zipfel Glückseligkeit

Da wo Europas Schönheit kulminiert
wo Asiens Grazie hinübergiert
dort liegt ein Land, in Berge reingeschmiegt,
fast so als hätte hier das Gute doch gesiegt.

Ist es das Land wo Milch und Honig fließt?
wo gar die Goethesche Zitrone blüht?
Dies alles und so vieles mehr gibt’s hier auf die Hand
Komm vorbei, genieß und blüh’ auf im Gott verdammten Wohlfühlland

Zart und schroff der Berge Rücken
allüberall das Aug’ entzücken.
Des Südens sanft und milde Weihen
lässt allzeit Frucht wie Pflanz’ gedeihen

So fließt der Wein, der Schaschlik brutzelt gut
Kein Wunder, dass hier keiner verhutzeln tut.
Ob Sonntag, Mittwoch – hat Sorgen irgendwer?
Hier wird gelebt als gäb’s kein Morgen mehr

Wen wundert’s, wenn ein Land so gut bestückt
der hiesge Menschenschlag nur minimal verrückt,
ja, ich möcht’ mich gar versteigen zu empfinden
der Pol der Freundlichkeit ist hier zu finden.

Posted from Imereti, Georgia.

Wunderschienes Georgien

Und dann sollte es also doch noch einmal mit dem Zug klappen. Vom Schwarzen Meer bis nach Kutaissi fuhren wir nicht im staubig-stickigen Marschrutka sondern auf samtenen Gleisen. Der Fahrpreis (1 Lari=ca. 0,35 Cent) für drei Stunden Fahrt in einem geräumigen, luftigen Gefährt trieb mir kurz etwas Feuchtigkeit in die Augen. Welch ein Genuss, welch Welten liegen zwischen diesen beiden Fortbewegungsarten?! Das entspannte Gleiten mit Freiheit für Beine und Blase gegenüber dem hysterischen Chaos der Landstraße mit all ihren Zwängen und Drängen! Also Georgier, immer ran ans Werk und baut aus – ihr seid definitiv auf dem richtigen Weg.

Gastfreundschaft

Bereits in dem Augenblick in dem ich den Titel dieses Beitrags niederschreibe, fühle ich mich schäbig angesichts der Blutleere die diesem Begriff innewohnt, wenn man damit versucht zu beschreiben, was in Georgien darunter verstanden wird. Doch auch wenn ich gemeinhin nicht knausere mit neuen Wortschöpfungen, so scheitere ich daran, die exzessive Gastlichkeit der Georgier in ein adäquates Wortvehikel zu gießen. 

Grusinisches Frühstück mit Eliteblick. Knapp acht Stunden nach dem Völlegefühl meines Lebens.

Das Phänomen beginnt schon vor der direkten Kontaktaufnahme. Jederzeit, so man sich in der Öffentlichkeit befindet, hat man das unbestimmte Gefühl, dass jede aufkommende Unsicherheit oder sonstige Frage zu Wegen, Preisen, Wetter usw. umgehend vom nächstbefindlichen Georgier geklärt wird.  Ob an unübersichtlichen Kreuzungen, vollen Marschrutkis oder in einer beliebigen sonstigen Alltagssituation – stets wird mit sanfter Galanterie und freundlicher Unaufdringlichkeit dem Gast der Weg geebnet. Doch all dies ist nur das allgemeine Grundrauschen einer fast schon als fanatisch zu bezeichnenden Willkommenskultur, die einmal ausgelöst in ihrer Naturgewalt ehrfurchtgebietend ist. 

Schaschlik zum Frühstück, alles als andere als spießig!

So sahen wir uns nach kurzem Kennenlerngespräch im Marschrutki auf einmal im Auto der Familie in die Berge kutschiert, zur gnadenlosen Völlerei eingeladen, mit Geschenken überschüttet und zum Abschluss, noch völlig geschafft im extra für uns nachts geöffneten Heilbad wie Gott im Georgierreich verwöhnt zu werden.

Jenseits der Öffnungszeiten im Höhlenkloster, der Tamadan machts möglich.

Man muss sich diesen entfesselten Sturm der Gastlichkeit als einen unablässigen Strudel von flinken, bärenstarken Männern und herzensguten Frauen vorstellen, die mit nicht abebbender Energie um einen herumwuseln und immer wieder neue Ideen präsentieren um den Gast zu verwöhnen. Dabei ist der aufblitzende Schalk in ihren Augen und die  kindlich anmutende Freude, die sie haben, wenn sie die nächste Fuhre Wir-haben-dich-lieb auffahren, einfach nur entzückend. Gleichermaßen bezaubernd ist dabei auch die hierbei in ausufernden Maße kennengelernte Tafelkultur. Dass die zahlreichen Schätze der von mir vergötterten georgischen Küche in unverschämter Masse gereicht werden, war erwartbar wenn auch in dieser Verschwendungssucht gleichsam überraschend. Faszinierend war die pathetische Ernsthaftigkeit, die der Tamadan mit seinen immer wiederkehrenden Toasts erzeugte. Die epischen und vor Poesie triefenden Aussprüche erfordern reichlich Geduld und Selbstkontrolle. Wie auch mit der Dauer eines solchen Abends, aus dem ohne Probleme auch ein weiterer Abend erwachsen kann, liebevolle Vereinnahmung zu Gästelhaft zu werden droht. Hier sollte man wachsam sein und versuchen getreu der alten Volksweisheit zu gehen wenn es am schönsten ist. Auch wenn einem das mit Sicherheit nicht leicht gemacht wird. 

Ein kleiner Einkauf für zwei Fremde, die man vor einer halben Stunde kennengelernt hat.

Nichtsdestotrotz ist die georgische Gastfreundschaft ein einzigartiges Kulturerlebnis und gehört zweifelsohne in den stet wachsenden Kanon der Famositäten, die dieses Land auszeichnet.

Posted from Vardzia, Imereti, Georgia.