Schlagwort-Archive: Russland

Frisch gelesene Bücher: Labyrinth der Spiegel

Es gibt in der Tat problematischere Zwangsstörungen als, in gewissen Abständen zu den Büchern von Sergej Lukianenko greifen zu müssen. Seit der um die Jahrtausendwende mit den Wächter-Romanen mein Herz im Sturm eroberte, erliege ich immer mal wieder der Hoffnung derlei Spektakuläres erneut unter den neueren Werken des Meisters zu finden. Meine regelmäßigen Kritiken legen von ein beredtes Zeugnis ab. Enttäuschung wird hier zwar nie serviert, immer sind es schwungvoll entworfene Themen aus einem Bereich den ich weder Science-Fiction noch Fantasy sondern eben, ganz russisch, Phantastik nennen würde. So gesehen sind Lukianenkos Bücher dann zumindest auch immer willkommene Abwechslungen. Der Unterschied ist nicht groß, aber spürbar, angesichts des kulturellen Gleichtakts der einem aus den meisten Büchern des angelsächsischen, zentraleuropäischen Kulturraums entgegen schlägt.

labyrinth

“Labyrinth der Spiegel” stellt dabei noch in anderer Hinsicht eine Abwechslung dar. Das Buch demonstriert auf unfreiwillig komische Art die rasante Entwicklung der digitalen Revolution. Lukianenko skizziert in seinem, aus dem Jahr 2009 stammenden Roman, eine virtuelle Realität, wie wir sie zwar leider immer noch nicht erreicht haben, doch die Instrumente und Begleitumstände, wirken enorm wirklichkeitsfremd. Auch wenn die virtuelle Welt hier dank eines Tricks erreicht wird, der Autor also geschickt die technischen Fallstricke, die ein solches Szenario in sich birgt, umgeht, sträubt sich in mir alles wenn ich ertragen muss, dass der Protagonist sich mit Windows Home über sein Modem einwählt. Auch wenn im Kielwasser solcher Erwägungen folgende aufreizende Stilblüten entstehen:

Wer benutzt denn heute noch einen Mac? Es hat Menschen und Neandertaler gegeben, dann kamen IBM und Apple. Morsche Zweige sind nicht lebensfähig.

Zweifelsohne handelt es sich hier nicht um seinen besten Wurf, doch abseits der perspektivischen Fehlkalkulationen und des gerüttelt Maß an dumpfen russischen Nationalismus à la “Dafür dass er durch und durch Amerikaner war, war er ganz in Ordnung” gibt es auch in diesem Buch gelegentlich hellere Momente mit denen ich bislang noch in jedem Lukanienko-Buch belohnt wurden bin. So stolperte ich richtiggehend über erfrischende Inspirationen zu den Konsequenzen die eine Künstliche Intelligenz für die menschliche Evolution mit sich bringen könnte oder die Frage warum die Stoßrichtung jeglicher Virtualität immer eskapistische Tendenzen tragen muss.

Alles in allem also ein durchschnittlich guter Lukianenko. Für Kenner der Materie durchaus auslassbare Lektüre und für Einsteiger gibt es weitaus Besseres (s. oben).

Zemfira

Vor nicht einmal zwanzig Jahren, zu ähnlichen  Jahreszeitumständen wie heute erreichte ich ein graues und desorientiertes Land mit dem Vorhaben hier länger bleiben zu wollen. Russland – Ende der 90er ein kaputtes und desorientiertes Land hatte ich mir für für mein Auslandsstudium auserwählt. Ich brachte die Hoffnung, wie so viele vor mir, mit zu verstehen. Ich kam um zu begreifen. Dieses riesige Land, seine Menschen, seine Seele. Insbesondere der Anfang war dann alles andere als leicht. Die Wirtschaft lag darnieder, der Zweite Tschetschenienkrieg dräute heran und ein allzeit trunkenener Präsident war auf dem besten Weg die ehemalige Weltmacht, diesen selbsterklärten Versuch einer besseren Gesellschaft zu einer Randnotiz der Geschichte zu degradieren.

Земфира – Блюз от kostyukovsky на Rutube.

Wie gesagt, ich hatte erhebliche Startschwierigkeiten damals im November im Schwarzerdegebiet. Einer der ersten und bedeutendsten Anker, die mich auf dem mir fremden und unwirtlich erscheinenden Kontinent festhielten, war schließlich die Entdeckung von Zemfira. Ihre klare Stimme, deren Inhalt ich schon nach kurzer Zeit voller Entzücken decodieren lernte und ihre Musik berührten etwas in mir und öffneten ein klein wenig dieses mächtig behäbige Portal in die inneren Verständniskreise Russlands. Fortan ließ mich Zemfira nie wieder los. Sie entwickelte sich genauso wie ich. Heute ist sie nun in Berlin und ich bin dabei. Ein Moment voller Melancholie und Erinnerungen, aber hauptsächlich voller entfesselter Lebensfreude!

Frisch gelesene Bücher: Wie ich nach Swanetien reisen wollte

Wohl noch nie entsprach der Titel eines Buches so exakt meinen realen Lebensumständen. Denn in der Tat wollte auch ich nach Swanetien reisen, und zwar morgen. Doch ein klammheimlicher Blick auf die Wetterkurve ließ die Vernunft einreiten und überzeugte mich in Georgien dem Land der sieben Klimazonen ein wärmeres Eckchen zu entdecken.Und wenn es selbst der große Benno Pludra, Held meiner Kindheitstage, nicht nach Swanetien geschafft hat, kratzt es etwas weniger, ein weiteres Mal die großen Kawenzmänner an der russischen Grenze auszulassen.

swanetien1

Während Pludra durch ausufernde Gastfreundschaft und desaströse Straßen scheiterte ist es bei uns also “nur” das Wetter. Doch wenn der Regengott auf Reisen geht, dann lieber einmal ängstlicher als nötig wenn es um die ihn treu umsorgenden Wolkenschäfchen geht.

Worum sonst dreht es sich noch in dem kleinen Büchlein?  Der Rest des kleinen Erzählbands macht noch einmal mehr Lust auf den baldigen Ausflug in das heißgeliebte Georgiens. Freilich atmen die Erzählungen Pludras den Geist jener friedlichen Zeiten, die die Sowjetunion annodazumal dieser Region bescherte. Vieles hier liest sich arg beschönigt und rosarot verfärbt. Prosaisch wandeln wir durch eine Welt des Aufbaus unaufhaltbar der Zukunftssonne zugewandt. Und dennoch weiß der Kaukasusfreund zwischen den Zeilen zu lesen und zählt nun voller Ungeduld die Stunden bis er endlich wieder kaukasischen Boden betreten darf.

Frisch gelesene Bücher: Vier Panzersoldaten und ein Hund

Lange stellte ich diesem Buch auf ebay nach und als es mir nun endlich gelang, musste es auch umgehend verschlungen werden. Bekanntheit hat die Geschichte von Janek, Gustlik, Grześ und Semjon,  Szarik (Hund) und Rudy (Panzer) wohl hauptsächlich durch die gleichnamige Serie erlangt. Das Buch, obwohl ganz normal in der DDR verlegt, gehörte zweifelsohne nicht zum Standardrepertoire des normalen Jugendzimmerbuchregals.

panzerfahrer

Aber die Serie hatte es in sich. Auch wenn sie deutlich vor meiner aktiven Fernsehzeit über die Bildschirme flimmerte – Wikipedia wird angesichts des genauen Datums der Erstausstrahlung ein wenig fahrig, entweder 1972 oder 1968 soll es gewesen sein. Wie dem auch sei – den zahlreichen, folgenden Wiederholungen konnte ich nicht entgehen.  Und sie trafen einen Nerv. Wie diese bunte Truppe aus Russen, Grusiniern und Polen da leger und immer einen kecken Spruch auf den Lippen fröhlich zwischen Bug und Oder aufräumte, das gefiel mir, das war anders als die übliche staatstragische Form der Befreiung vom Nazigeschmeiß wie sie für uns sonst medial aufbereitet wurde.  Natürlich war hier viel Phantasie und reichlich Logikverdrängung gefragt, aber he, das zeichnet wohl die meisten erfolgreichen Jugendserien aus, ob sie nun mit Cowboys, Geheimagenten oder Schildkröten operieren.

Was mich nun aber nach all der Zeit wieder zu diesem Thema trieb und insbesondere zum Buch? Nun, vielleicht ein Stück weit die diffuse Sehnsucht nach jener “heilen Welt” die mir dort versprochen wurde. Eine Welt in der Polen gemeinsam mit Russen an eine Strang ziehen und dabei sogar noch Spaß zu haben scheinen. Schließlich war diese Serie in Polen kein Ladenhüter, ganz im Gegenteil. Neben diesen eher unrühmlichen Motiven hatte ich natürlich auch Lust auf das Buch, welches in den meisten Fällen detaillierter oder gar besser als die Verfilmung ist.

Nun, in diesem Fall würde ich das Buch zu den seltenen Fällen rechnen, wo dem nicht so ist. Hölzern, knöchern schleppen wir uns durch die Handlung, den augenzwinkernden Humor der Fernsehserie kann man in den unbeholfenen Dialogen allenfalls vermuten. So blieb mir Zeit mich zwischen den Zeilen an anderen Auffälligkeiten abzuarbeiten. Beispielsweise die Übersetzung: Es scheint nicht der Rede wert, dass die Ortschaften, die hier vorkommen ausnahmslos auf polnisch zitiert werden, doch das man hierbei selbst Warszawa statt dem überaus üblichen Warschau verwendet, erscheint schon ein wenig vorauseilend gefallsüchtig. Dabei unterläuft dem Übersetzer dann aber wieder solch peinliche Fehler wie Kistrzyn statt Kostrzyn. Außerdem bin ich mir nicht klar wieviel Polnischkenntnisse der Übersetzer voraussetzte, aber wenn Sätze ohne Erklärung mit “Cholera” beginnen, löste dies mit Sicherheit bei dem einen oder anderen gewisse Irritationen aus.


Anmerkung zur Titelmelodie: Die gelungene poetische Übersetzung der DDR-Synchronisation im Vergleich zur eigentlichen Titelmelodie. Netterweise als englische Untertitel zur Verfügung gestellt.

Und zuletzt noch einiges zu dem Hund. Ich gestehe, er war für mich wohl der wahre Hauptgrund, diese Serie zu lieben. Zweierlei Dinge habe ich nach der Lektüre hier noch hinzuzufügen. Zum einen erschrak ich beim Lesen tatsächlich darüber wie ich beim Genuss der Filme nie einen Gedanken daran verschwendet habe, was für ein Horror die ganze Angelegenheit für einen Hund gewesen sein muss. Krach, Gestank, Durst, Enge – das wirkte verfilmt immer irgendwie viel fluffiger. Wenigstens diesen Respekt muss man in dieser Hinsicht dem Buch erweisen, hier wird diesbezüglich nichts beschönigt. Zum anderen entnehme ich den Buch die Erkenntnis, dass die Beschreibungen von Szarik nicht wirklich einem Altdeutschen Schäferhund wie in der Serie gezeigt, entsprechen, eher wohl irgendetwas zottiges Wolfshundiges, halt ein sibirischer Tigerjäger.

Fazit: Es klang schon an, aber ich betone das gern noch mal – dieses Buch muss man nicht lesen. Selbst jenen, die die Serie gemocht haben, empfehle ich lieber noch einmal die Serie zu schauen. Diese ist in der Tat ein originäres Zeitdokument, das Buch erscheint dagegen blass und harmlos. Ist ja auch mal schön diesen Fall zu erleben. Viele weitere Beispiele für dieses Phänomen kenne ich nicht.

MZB007 – Münzenberg – Der uneinheitliche Einheitsplausch

25 Jahre am Humboldthain. Zu Füßen das ewig unbeteiligte Berlin.
25 Jahre am Humboldthain. Zu Füßen das ewig unbeteiligte Berlin.

 

I’ve been looking for freedom von David Hasselhoff auf tape.tv.

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Grenzerfahrungen

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So frei dieser Blick erscheint - zwei Kilometer entfernt ist die Grenze zu Russland.

Erneut wollten wir uns heute wieder dem Ehrfurcht gebietenden Kasbeg nähern. Noch ein wenig näher an Russland wollten wir uns an ihn heran schlängeln. Nette Idee, bezaubernder Weg der uns bei allerbesten Wetter beständig in die Höhe führte. Doch nach zärtlich erklommenen 500 Höhenmetern erblickten wir den lässigsten, je gesehenen Grenzer (T-Shirt&Funke). Jener erklärte uns sanft aber bestimmt, dass wir zum weitergehen einen Propusk bräuchten. Diesen gebe es auch ohne Probleme und für lau, die Station hierfür sei auch nur 5 Kilometer und 500 Höhenmeter entfernt. Unsere Motivation für dieses Unternehmen sank angesichts dieser Angaben jedoch immens. Nun denn, ich begreife derlei Erfahrungen als Teil meines Scout-Auftrags für die große Sommertour. Die Berge mögen frei und wild erscheinen, doch die Staatsgrenzen benötigen hier stets eine gesonderte Aufmerksamkeit.

Posted from Stepantsminda, Mtskheta-Mtianeti, Georgia.

Endlich da!

Nur um die, an den heimischen Empfangsgeräten bangenden Freunde peripherer Expeditionen zu beruhigen – wir sind da! Ohne größere Komplikationen trudelten wir friedlich über Batumi nach Tiflis. Nach etwas Regeneration geht es nun ans richtige Entdecken. Aktuell kann noch nicht wirklich konstatiert werden. Ein paar Kurzbeobachtungen:

– Eisenbahn enttäuschend, Wein großartig, Menschen überschäumend freundlich und gesprächig (russischen) Kulinarik gigantisch und zum heulen schmackhaft, Berge sexy

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MZB002 – Münzenberg – Pridnestrowische Soirée

  • Wir manöverkritteln unsere Erlebnisse in der PMR. Die zugehörigen Textergüsse gab es ja schon HIER und HIER.
  • Pfingsten und die allgemeine Feiertagslage
  • Saisonabschlussfazit
  • Grand Prix Eurovision de la Chanson

 

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De-facto-Fazit

Transnistrien, Pridnestrowje, PMR – was dem einen als die klingenden Lockrufe eines verwunschenen De-facto-Königreich erscheint, wirkt auf andere als absurdes Randgebiet verschrobener Schmuggelfürsten und Restverwerter der sowjetischen Konkursmasse. Den allermeisten wird es dagegen gar nichts sagen. Und dies, so würde ich selbst in meiner Funktion als gelegentlicher Hohepriester des Allgemeinwissens urteilen, völlig zurecht.

Tiraspol – Hauptstadt von Pridnestrowien

Transnistrien ist Molwanien. Es steht zumindest in meiner Vorstellung für die realexistierende Quintessenz jener kruden Lebensweise die jenseits des Bugs beginnt und in den verschiedensten Ausprägungen von da an allerorten zu beobachten ist. Ein Streifen Land, geringfügig größer als Luxemburg, welches in den frühen 90ern einen so blutigen wie im Rest der Welt unbemerkten Krieg führte. Nur um bloß nicht mit denen weiter zusammenzuleben mit denen man dies Jahrzehnte zuvor reichlich problemlos getan hatte. Doch dies geschah selbstredend nicht einfach so. Großrumänien stand damals auf der Tagesordnung und die mehrheitlich russischstämmigen Menschen östlich des Dnestr wollten nicht Teil hiervon werden. Konflikte wie diese, die auf den ersten Blick meist provinziell und hanebüchen erscheinen, gewinnen, so man sich näher mit ihnen beschäftigt, meist an Gehalt und nur wenig später kann man sogar vieles nachvollziehen. Oder glaubt es zumindest.

Jenseits der Hauptstraße. Tiraspol

Zaghafte Recherchen ergabe Erstaunliches: So stellte sich der trotzige Landesteil rechts des Flusses als schwerindustriell ausgestatteter Teil der Sowjetrepublik Moldawien heraus und der Begriff Transnistrien wurde deutlich früher geprägt. Im Zweiten Weltkrieg nämlich, von den rumänischen Besatzern. All dies sind interessante Neuigkeiten für mich und so gewinnt die Betrachtung jenes “eingefrorenen Konflikts” an der Peripherie der europäischen Deutungsgrenze immer mehr an Konturen. So bekommt jene Reise neben all der seit Jahren aufgestauten Exotik einen Hauch von Ernsthaftigkeit. Ich reiste um zu verstehen. Handelt es sich bei der PMR um etwas identitär Eigenes? Und wenn ja, welche Klaviatur ist die lautere – die nationale oder sie soziale? Schlussendlich: Wie geht es den Menschen und wo sehen sie ihre Perspektiven? Große Fragen, zugegeben. Keiner kann nach einer knappen Woche hierauf Antwort geben und ist das Land auch noch so klein. Dennoch will ich das was hängengeblieben ist, versuchen hier festzuhalten.

Der erste Eindruck hinterließ keine übermäßig deutlichen Spuren. Aus der Ukraine kommend änderte sich nicht sonderlich viel, oberflächlich gesehen. Es wirkte auch im zweiten Eindruck wie eine astreine sowjetische Provinzstadt ohne viel Schnickschnack. Kleinere Details fielen erst bei genauen Hinschauen auf. Weniger Werbung, weniger Armut auf den Straßen. Doch das waren nur subjektive Beobachtungen. In der Hauptstadt. Kurz vor DEM Feiertag. Das wollte wahrlich nicht viel heißen.

Die folgenden Tage gehören der Bürokratie. Nichts anderes hatte ich erwartet und eigentlich bin ich, nachdem ich schon nach 2 Tagen und läppischen zwei Ämtern meine Registrierung in den Händen halte, ein wenig enttäuscht. Offenbar hat der Pridnestrowische Tourismus seine Kinderkrankheiten und Rüpelphase schon hinter sich. Harmlos wie ein ungelenker Jungerwachsener taumelt er den Erwartungen erlebnishungriger Reisender entgegen. Aber natürlich ist dies ein hervorragender Erkenntnishorizont um die Gegenwärtigkeit auszuloten. Auffällig hier: Die Dominanz des Papierkriegers ist zwar ungebrochen und in stolzer Tradition zu den zaristischen Schreibstuben und sowjetischen Bürohöllen, doch die Angst ist gleichsam nicht allgegenwärtig und in ihrer Strahlkraft wie durch mediterrane Lässigkeit sacht abgefedert. Selbstverständlich ist hier wie eh und jeh Demut, Geduld und Respekt in reichlichen Portionen gefordert, doch irgendwie schwingt auch mit, dass schon alles gutgehen wird und nichts so heiß gegessen wird usw. usf. So man also auf diesen erheblichen Zeitfresser eingestellt ist, kann man sich mittels dieser Prozedur hervorragend einstellen auf den Rhythmus des kleinen Ländchens am Dnestr.

Erholung am Dnestr – wer kann da schon Nein sagen?!

Da unsere Einreise nun zwar bestätigt aber eben mit Betonung auf “Ein” abgesegnet war, konnten wir nicht abgelenkt werden von möglichen Reizen jenseits der Landesgrenzen. Und so lernten wir unser neues Zuhause gebührend kennen. Wobei, selbst für ein so winziges Land reichte auch hier die Zeit kaum aus. Außer einem Ausflug nach Bendery blieb beispielsweise das flache Land völlig unentdeckt und Sehenswürdigkeiten wie die legendäre KVINT-Brennerei gänzlich unbesichtigt.

In dieser Zeit gewann ich nichtsdestotrotz einen überraschend positiven Eindruck von der PMR. Ja, es handelt sich hier, wie eingangs schon erwähnt um Provinz. Dementsprechend mag es, aus touristischer Perspektive, bisweilen etwas uninspiriert müffeln in Tiraspols Straßen. Doch wenn man den Touristen beiseite lässt und sich mehr auf seine Rolle als Reisender einlässt, dann spürt man, dass es sich hier um ein äußerst entspanntes Fleckchen Erde handelt. Ja, ich habe “entspannt” geschrieben. Das mag verwundern angesichts der politischen Situation die sich um die PMR herum deutlich zu verschärfen scheint und die auch uns bei der Reisplanung mehr als einmal erhebliche Bauchschmerzen verursacht hat. Außerdem, wie kann ein nicht anerkannter Staat entspannt daherkommen? Widerspricht sich das nicht? Mitnichten. Vielleicht auch im Kontrast zu dem was auf beiden Seiten der PMR zu sehen und zu erwarten bleibt, wirkt die Stimmung, DSer Umgang der Menschen miteinander die gesamte Atmosphäre ungemein gelassen und friedlich, fast mit einem Hang zur Trägheit. Doch dies beinhaltet natürlich auch die Frage wie kommt es zu diesem feinen Stimmungsnterschied, den ich zu spüren meinte, Einfach nur ein paar Grenzen und eigene Staatsinsignien mögen in den seltensten Fällen genügen, und auch hier scheint mir, ist es ein wenig mehr.

Symbolfoto; Aus wenig mehr zu machen

Eines muss hier unmissverständlich klar sein: Ohne die massive Subventionierung durch Russland wäre die PMR nur schwer denkbar in ihrer jetzigen Gestalt. Nichtsdestotrotz ist das Erreichte ein, auf den ersten Blick, äußerst ausgeglichenes Sozialgefüge. JA, es gibt den allgegenwärtigen Monsterkonzern Sheriff und JA es gibt auch hier unverhältnismäßigen Luxus der üblichen Ausbeuterfratzen und da kommen mit Sicherheit noch jede Menge anderer JA’s die ich jetzt nicht auf dem Schirm habe. Aber verglichen mit dem einen Armenhaus im Westen und dem anderen Irrenhaus im Osten hat man hier dann doch offenbar ein paar Weichen richtig gestellt.

Aufforderung wie Erinnerung – T-Shirt-Motiv, ick hör dir trapsen!

Einen letzten Schub warmer Gefühle dem Dnestr-Projekt gegenüber hatte ich als ich zwei Tage vor dem großen Feiertag der Probe zu den Feierlichkeiten beiwohnte. Ich bin mir über den gewaltigen Anteil an Propaganda bewusst den der “Tag des Sieges” leider schon immer aufgebürdet bekam. Die Tragik des Einzelnen und das stille Gedenken an das unfassbare Leid welches in diesem Tag mündet wurde mir stets durch das martialisch-pathetische Tschingdarasabums vergällt. Trotzdem vermag ich zu abstrahieren und so bin ich an diesem Tag empfänglich für Gefühle aufwallender Traurigkeit wie auch Dankbarkeit für diese wichtige und doch so verlustreiche Leistung der Sowjetunion. Aber ich weiß auch um die Schwierigkeit, Gedenken dauerhaft mit Leben zu erfüllen. Wie  Wahrheiten zur Phrasenhaftigkeit mutieren und historische Erkenntnisse zu Banalitäten entstellt werden. Meine bescheidenen Erinnerungen an die politischen Feiertage in jenem anderen Staatsversuch (um die Elbe drumrum) sprechen von heuchlerischen Kundgebungen ohne Herz und Überzeugung. Dies war hier in Tiraspol nicht so. Die Zuschauer waren offensichtlich freiwillig hier. Sie saßen auf den Tribünen und sangen die Lieder (die wohltuend unmilitärisch waren) mit und genossen den schwülen Maitag zusammen. Und es handelte sich hier nicht nur um die möglicherweise sentimentale grauhaarige Fraktion – es war ein solider Altersquerschnitt der hier war und mit Natürlichkeit und Lebensfreude mein Herz gewann.

Daher möchte ich damit schließen, dass, auch wenn die Großen der Staatengemeinschaft weiterhin auf stur schalten – meine Anerkennung habt ihr! Ich weiß, das wird auf dem diplomatischen Parkett jetzt nicht sonderlich viel bringen, aber ich finde, ihr solltet das wissen. Wer so etwas auf die Beine stellt wie ihr und das nun bald 25 Jahre hat Souveränität genauso verdient wie beispielsweise Luxemburg. In diesem Sinne – viel Erfolg und gutes Gelingen noch in diesen unruhigen Zeiten. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.

 

Posted from Berlin, Berlin, Germany.

Transit nach Transnistrien

Nun denn! Bevor Erlebnisse zu Erinnerungen erstarren und Eindrücke zu Meinungen gerinnen hier der Versuch einer Zusammenfassung einer außergewöhnlichen Reise. Ich habe mich aufgrund der Dichte dazu entschieden, das Ganze in zwei Teilen abzuhandeln. Zunächst also eine Betrachtung dessen was bei mir von knappen drei Tagen Ukraine hängengeblieben ist um dann mit Schwung auf das eigentliche Thema der Reise zu kommen: Transnistrien!Ungewöhnlich, ja nachgerade verdächtig lang belauerte ich die Ukraine. Angesichts meiner Reisefreudigkeit im Allgemeinen sowie meiner Osteuropaaffinität im Besonderen mag es verwundern, dass es sich bei diese Ausflug tatsächlich um meinen ersten wirklich gültigen Aufenthalt in der Ukraine handelte. Ein ganzes Jahr lebte ich in russischer Steinwurfnähe von der ukrainischen Grenze in Woronesch, mehrere Sommer wanderte ich durch die Bieszczady in Polen und der Slowakei und nur einige wenige Male sprang ich kurz über die Grenzsteine in den Bergen. Auch von Rumänien aus lugte ich gelegentlich sehnsuchtsvoll hinüber und schaffte es nur aufgrund  aberwitziger Missverständnisse nicht den entscheidenden Schritt zu bewerkstelligen.

Abenteuer auf dem Schienenstrang – endlich wieder in gebührender Ausführlichkeit.

Nun sollte es endlich soweit sein. Zwar nur als Durchreise, aber immerhin. Ein Land wie die Ukraine durchreist man, in Anbetracht ihrer Ausmaße, selten in kurzer Zeit. Dabei schien es nicht direkt der günstigste Zeitpunkt für meine überfällige Aufwartung zu sein. Auch der gelegentliche Nachrichtenkonsument sollte im Laufe des letzten Jahres mitbekommen haben, dass es mal wieder gewaltig knirscht zwischen West und Ost. Und der Schauplatz dieser Reiberei ist einmal mehr die Ukraine. So grübelten und wägten, so prüften, recherchierten und verglichen wir im Vorfeld dieser Reise mehr als üblich ob dieses Unternehmen wohl so eine schlaue Idee wäre. Bisweilen keimte gar der bösartige Verdacht auf, dass das “winzige” Zeitfenster für Ukrainereisen von 22 Jahren möglicherweise verpasst sei. Letztlich entschieden wir uns dafür und – so viel kann hier schon verraten werden – wir taten gut daran.

Die ersten Momente Ukraine waren dunkel und von kritischen Augenpaaren begleitet. Endlich wieder eine richtige Grenze. Bei Nacht. Tief im wolhynischen Nirgendwo. Doch irgendwann rattert der Zug weiter. Langsam, fast vorsichtig. Und sofort fällt mir der Unterschied auf. Das charakteristische “Klack-Klack” der Gleise. Hier sind die Schienen noch grob genietet, nicht nivellierend geschweißt.

Nein, auch dieses Foto vermag es nicht Kiew angemessen einzufangen. Trotzdem ein Bildchen zwischendurch.

Kiew am Morgen weiß anfangs nicht wirklich zu bestechen. Schwül und unmotiviert hektisch, ein uninspiriertes Bahnhofsgebäude und die übliche Handelsatmosphäre von Bahnhofsvierteln in Ländern, in denen Bahnhöfe noch Umwälzwerke des Lebens sind und keine sicherheitssterilen Markthallen mit gelegentlich aufflackerndem Reiseverkehr. Doch nach einem tiefen Durchatmen gelingt es den Blick zu schärfen und ich beginne zu staunen. Was für eine Stadt! Wenn Kiew die Mutter aller russischen Städte sein soll, dann hat sie entweder bei der Erziehung ihrer Brut ein paar entscheidende Fehler gemacht oder der Vater muss ein gar sonderbarer Typ gewesen sein. Da ich die Erziehungsqualitäten von Müttern nur äußerst ungern anzweifle, schweife ich bei meiner Wanderung am Dnjepr immer wieder ab, warum nicht mehr Kiew in der russischen Urbanität stecken kann.

Diese Stadt erschlägt mit ihrer grünen Weitschweifigkeit, opulenten Gebäuden und einer reizenden Morbidität, welche gleichsam von beachtlicher Gepflegtheit umgarnt wird. Auch wenn es nie gezielt geschah so habe ich dennoch viel von Kiew zuvor gelesen. Es tauchte halt immer wieder auf. Und so wandele ich wie immer auch durch Geschichte und Geschichten als ich in Kiew war. Und ja, anders als in so manch anderer Stadt, welche für mich ähnlich aufgeladen war, gelingt es mir hier sofort einzutauchen und mir vorzustellen wie es einmal war.

Doch auch wenn Kiew noch so zeitlos daherkommen mag, die Gegenwart ist auch für den Ukraine-Anfänger spürbar. Schnell eile ich über den Maidan, da jegliches Verharren nur sofort die Rattenfänger des Krieges anzieht, auf der Suche nach Spenden oder empfänglichen Ohren für ein wenig Agitation zwischendurch. Die gelb-blauen Fahnen, ukrainische Symbolik und Straßensprüche allerorten – auch wenn die junge Maisonne noch so unverfänglich hinunterblinzelt, die Zerissenheit und Anspannung des vergangenen Jahrs ist allenfalls mal kurz Zigaretten holen, sie ist noch präsent und man spürt, dass sie jederzeit durch die Tür poltern wird.

Rodina Mat’ – Mutter Heimat. Bemerkenswert hierbei: Ein Besuch der Oberkante des Schildes ist möglich.

Unsere Fahrt geht weiter nach Odessa. Und wie kaum ein anderes Verkehrsmittel auf diesem Planeten bringt uns der Zug mit Menschen in Kontakt. Ein Bauarbeiter aus der Provinz, der nach getaner Arbeit in der Hauptstadt zurück zu Frau und Kind die Provinz fährt. Stets lächelnd und mit freundlicher Stimme spricht er davon, dass es sich um nichts anderes als Krieg handelt und Russland der ewige Feind sei. So bitter derlei Gesprächseinstiege anmuten, so verwirrend schnell wendet sich das Gespräch auch wieder anderen, weniger düsteren Themen zu. Es geht um Arbeit, Familie und gutes Essen. Lange, viel zu lange schwatzen wir im wild schwankenden Kupplungsraum des Waggons.

Dreimal hatte ich auf dieser Reise das Vergnügen in Odessa anzukommen, doch das erste Mal war zweifellos kein refferenzierbarer Besuch. Schnell ging es weiter an den Dnistr. Doch dazu, wie angekündigt, später mehr. Ich reiste danach noch einmal als Gruppe und einmal als Paar nach Odessa und es muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass Odessa in meiner Vorstellung noch einen Zacken mehr idealisiert war als Kiew. Umso überraschender, dass die Erwartungen mehr als erfüllt wurden.

Der Mythos Odessa – diese aufreizende Perle am letzten Rockzipfel des Russischen Reichs. Geheimnisvoll, fruchtbar und einfach wunderschön, so wabert Odessa seit ich lesen kann durch meine Phantasie. Traumhaft gelegen und mit den außergewöhnlichsten Sagen und Legenden ausgestattet, hat diese Stadt alles um mich dauerhaft zu befeuern. Und nun war ich endlich hier und konnte es nicht fassen. Mag sein, dass ich nach den Tagen der beschaulichen Provinz in Tiraspol, den Fluten von Reizen noch ein wenig wehrloser gegenüberstand. Doch hierbei handelte es sich zweifellos nur um geringfügige Abweichungen.

Wenn Städte träumen würden, kommt garantiert bisweilen Odessa darin vor.

Diese Stadt bezirzt mit einer Art von Charme für den das Adjektiv mondän einst erschaffen wurde. Mondän aber nicht auf seine häufiger vorkommende, arrogante bzw. abgehobene Art. Nein, diese ausladende Vielfalt hier wirkt gleichermaßen erdig wie selbstverständlich und dennoch Welten entfernt von dem Großteil menschlicher Siedlungsansätze – eine bestechende Kombination. Wir schlendern mit Blick aufs Meer über DIE Treppe, wandeln entzückt durch schattige Straßen und nehmen, eher nebenher entdeckt und mitgenommen, das vielleicht beste Mahl dieser Reise zu uns. Bedenklich allein der Zustand der Häuser. So reizvoll ich verwitterte Bausubstanz von einstiger Größe auch empfinde, hier bleibt nicht mehr viel Zeit zum retten. Nur wenige Jahre trennen hier in Würde gealterte Schönheiten von Trümmerhaufen. Es bleibt zu wünschen, dass sich alsbald hier eine Perspektive auftun würde, die Odessa renovieren könnte. Und das ggf. auch noch ohne die üblichen Begleiterscheinungen…

Symptomatisch für vieles: Richtige oder falsche Weichenstellungen – in verrottetem Zustand führt alles vom Weg ab

Und damit kommen wir nun auch schon zum Ausblick. Und hier, so schön und überfällig diese Reise auch war, komme ich zum eher deprimierenden Teil, den ich für mich aus diesen Tagen gezogen habe. Gerne lasse ich mich von den Zeitläuften eines Besseren belehren, doch ich schätze die Zukunft des Landes zwischen Bug und Donbass als sehr beschränkt ein. Nicht erst seit 2013 wird auf ukrainischen Boden ein Stellvertreterkonflikt ausgetragen, der, auch wenn er von einer Seite gewonnen werden sollte, eingefroren wird oder mit wackligen Kompromissen gelöst werden sollte, das Land ruinieren, die Menschen traumatisieren und die Stimmung auf Generationen vergiften wird. Ich muss gestehen, dass ich mit dieser Meinung schon angereist war. Viel, was meine Einschätzung verändert hätte, habe ich leider nicht erlebt. Am ehesten froh gestimmt hat mich dabei die Beobachtung, dass  ich das Gefühl hatte, der Konflikt würde nicht von der Masse der Bevölkerung getragen (jenes winzigen Teils, den ich getroffen habe, in jenem Teil des Landes das ich durchreist habe) sondern von einem kleinen Teil an unbefriedigten Spinnern angeheizt wird. Aber so ist es ja leider in den meisten Fällen. Eine ehrlich kriegshungrige, nationalistische Bevölkerungsmehrheit gibt es in den wenigsten Situationen. Und so reiste ich zurück mit meiner Einschätzung der Lage und bin nun aber ein gutes Stück trauriger um diesen Standpunkt, da ich nun weiß welch wunderschönes Land da zum Spielball erkoren wurde. Und wer weiß, vielleicht war das sogar noch der beste Zeitpunkt für eine Ukrainereise.