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Probieren geht über Studieren

Selbst wenn man mich in jüngerer Vergangenheit nur in homöopathischen Dosen genießen durfte, weiß man, so das Thema nur geringfügig am Komplex “Bildung an Berliner Schulen” vorbeischrammte, gerate ich mit gnadenloser Zuverlässigkeit in Rage und geriere mich nicht selten gar als erbarmungsloser Eiferer. Deshalb hier ein ausführlicher Hintergrundreport. Jede Menge Text ganz ohne Bilder – dem Thema angemessen! Seine Ursache hat meine offensichtliche Unzufridenheit darin, dass ich nun schon seit geraumer Zeit an vorderster Front stehe bei den Schlachten im Berliner Erziehungsdickicht. Anfangs reagierte ich noch irritiert angesichts der sonderbaren Ansprüche, merkwürdigen Konzepte und bizarr anmutender Herangehensweisen, die in unseren Schulen anscheindend auf der Tagesordnung standen. Wie bei kaum einem anderen Schnittpunkt in den Erwachsenen-Kind-Beziehungen spürte ich hier jenen widerwärtigen Unmut aus der autoritären Ecke aufsteigen, welcher stur behauptete, “dass das früher besser gewesen sei und dies auch aus gutem Grund”. Ich konnte nicht begreifen, was an Pflichtlektüre, Diktaten und Noten schlecht sein sollte, warum auf Hausaufgaben und Gedichte auswendig lernen verzichtet, weshalb Sitzenbleiben verboten und der Klassenverband praktisch aufgelöst wurde. Kurz ich war ratlos und verzweifelt! Mit der Zeit nahm mein Interesse an der von mir ausgemachten Misere immer mehr zu, Berlin warf sich währenddessen freudig kreischend in eine weitere Bildungsreform und zu guter Letzt sah ich erstaunt, dass ich Elternvertreter geworden war. In dieser Funktion unternahm ich heute den lang versprochenen Hospitierausflug um zunächst einmal das pädagogische Konzept in seiner funkelnden Gänze zu begreifen. Ich trat an um zu verstehen. Bei aller Abneigung und Skepsis wollte ich zuvorderst nichts anderes als verstehen. Denn so ich es ermöglichen kann, ziehe ich es gemeinhin vor, über etwas herzuziehen, was ich kenne und verstehe. Prinzipiell ist dies dem umgekehrten Modell eigentlich fast immer vorzuziehen. Andererseits ist es mit der Pädagogik so eine Sache. Ich weiß von meinen beiden Fachgebieten, wie anstrengend das unqualifizierte Genörgel von Zeitzeugen, Laien und anderen Muggeln sein kann, und man einfach nur Ruhe und Vertrauen für seine Arbeit einfordern möchte. Es versteht sich von selbst, dass auch in der Pädagogik eine Entwicklung stattfinden muss, dass neue Sachen ausprobiert gehören und Fortschritte auch durch Misserfolge zustande kommen können. Doch die Objekte des Prozesses sind hier nun eben Menschen (Menschen mit denen man Tag für Tag zusammen ist und deren Lebensweg einem irgendwie am Herzen liegt!) und deshalb habe ich festgestellt wie beschränkt meine Experimentierlaune dann doch ist. Die Schulexkursion war bitter nötig. Denn allein der Wust an neuen Begriffen hinter dem sich die Reformpädagogik versteckt, und daher gewaltig an des Kaisers neue Kleider erinnert, ist keinesfalls eine vernachlässigbare Bildungslücke. Oder kann irgendwer der gerade mitlesenden Schulabsolventen etwas mit den Begriffen Kompetenzraster, Lernbüros, Zertifikaten oder den ominösen Modi Basis, Kompakt und Master anfangen? Nein, ich jedenfalls nicht und dementsprechend ahnungslos stehe ich dann auch den täglichen Erlebnisberichten aus der Schule gegenüber. Deshalb hier eine kleine Einführung. Die Schule besteht aus verschiedenen Lernbüros der jeweiligen Fächer (im Endeffekt so etwas wie Klassenräume in unserer Zeit). Jeder Schüler hat die freie Wahl zu entscheiden wo und wieviel er diese besucht. Auf diese Weise gestaltet er seinen eigenen Stundenplan. Einzige Anforderung ist, dass er in den belegten Fächern in einem groben Zeitraum eine gewisse Anzahl an Zertifikaten erreicht (bis Klasse 8 wird selbstverständlich auf Zensuren verzichtet). Um sich auf diese Zertifikate (auf diesen steht dann alles was der Schüler nun offiziell kann, jedoch nicht was er nicht kann), welche bei Nichtbestehen einmal wiederholt werden können, vorzubereiten, sucht sich der Schüler selbstständig bereitliegende Arbeitsmaterialien heraus, die er dann während der Schulzeit abarbeitet. Nach Absolvierung der Arbeit gibt es “Stuhlkreise” bei denen alle Schüler zusammen sitzen und ihre Leistungen beurteilen und dies von den “Lernbegleiter” (mit dieser Berufsbezeichnung versehen sich die Lehrer hier und meinen das völlig ernst!) bestätigen oder verneinen lassen. Im Endeffekt sehe ich einsame Schüler, die verbissen und lustlos über ihren Aufgaben sitzen. Der Kampf gegen den verhassten Frontalunterricht hat hier dazu geführt, dass dem individuellen Lernen keine Schranken mehr gesetzt sind. Dies jedoch auf Kosten gemeinsamen Lernens. Jeder lernt für sich allein. Der in Eigenverantwortlichkeit erblühende Einzelkämpfer – einfach nur entzückend! Außerdem sehe ich das Ziel, dem Schüler Frustration und Versagensängste zu nehmen, in dem man auf Zensuren verzichtet, als nicht erreicht an wenn ich den gesenkten Blick vieler Schüler sehe, die heute ihren misslungenen Zertifikatsversuch in den Händen halten. Ob 1 oder 6 oder die Wunderwelt der Zertifikate – Versagen und Triumph wird es (und ich meine MUSS) es weiterhin geben um Fortentwicklung zu ermöglichen. Hausaufgaben gibt es keine, aus verschiedenen Gründen. Entweder weil, wie ein Lehrer gegenüber den Schülern meinte, er keine Lust hätte alles zu korrigieren (sic!), oder weil, wie es eine Lehrerin gegenüber Eltern anfangs unglücklich versuchte zu erklären, man doch von den Kindern nicht erwarten könne, zu Hause etwas anzufassen, was sie alleine gar nicht verstehen würden. Offiziell ist aber wohl der Grund, dass das gesamte Konzept von einer Intensivierung des eigenverantwortlichen Lernens ausgeht und man daher hofft, dass der Schüler irgendwann von selbst begreift, dass er auch zu Hause etwas tun muss, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Ebenso gestaltet es sich mit eventueller Pflichtlektüre, eines meiner am erbittertsten verfochtenen Ziele. Wie, so gellte mein hysterischer Entsetzensschrei allzu oft zum Himmel empor, sollen wir Kindern, welche mehr als alle Kinder vor ihnen vom Lesen weggelenkt werden, zu Lesenden machen, wenn nicht mit Zwang. Ob man später Freude am Lesen hat oder nicht, aber die Fähigkeit des flüssigen Lesens ist ein sozialer Indikator sondernormen. Und dies erlernt man eben nur durch regelmäßige Praxis. In diesem Punkt bleibe ich hart. Auch weil ich mir von Lesen noch jede Menge andere Synergieeffekte verspreche. Doch was meinte die Direktorin zu diesem Ansinnen? Das Kind müsse allein seinen Weg zum Lesen finden. Wenn es nicht angerührt wird vom Gelesenen dann wird es nie Spaß am Lesen empfinden. Ach… das sind dann so die Momente in denen ich jene unüberwindbare Müdigkeit empfinde.   Denn dies ist wohl das Credo jener reformpädagogischen Überzeugungstäter: Alles was wehtun könnte, alles was anstrengend sein könnte und schließlich alles was nicht als anregend wahrgenommen wird, damit wird das Kind nicht belästigt. Denn schließlich wird es irgendwann allein, bzw, sanft von seinen “Lernbegleitern” dorthin geschubst werden. Dann begreift der Jugendliche plötzlich was nötig ist um zu wachsen und zu verstehen. Immer auf’s Neue wiederholt die euphorisch ins Morgenrot blinzelnde Direktorin, dass wir nur Geduld haben sollen. Es ist eine “konzeptimmanente Begleiterscheinung”, dass Kinder anfangs jene Freiheit als Recht auf Faulheit interpretieren würden. Doch eher früher als später würde sie die Erkenntnis ereilen, dass nur sie selbst ihren Erfolg in der Schule in der Hand haben. Und jene auf dieser Erkenntnis resultierenden Lernerfolge seinen als bedeutend nachhaltiger und wertvoller anzusehen, als die von herkömmlichen Bildungserfolgen. Hier würde dem Jugendlichen auf diese Weise mehr mitgegeben als nur schnödes Wissen und papierene Beglaubigungen. Daher erzeugt man mit idealistischer Neuerermanier ein Lernverhalten, welches hinsichtlich der Wissensaneignung an universitäre Betriebe angelehnt ist, seine Bewertungs- wie Leistungsmaßstäbe dagegen eher nach Pfadfindermaßstäben konstruiert. Ich bleibe skeptisch und wachsam, denn ich halte dieses System selbst für manchen Erwachsenen als zu anspruchsvoll. Doch verzweifelt bin ich nicht mehr. Wie wir zum Abschluss noch tröstend mit auf den Weg bekamen: "Machen Sie sich keine Sorgen, die finden alle ihren Weg". Genau. Es gibt hervorragende Architekten aus Waldorfschulen und gescheiterte Existenzen aus der Premierleague der EOS. Letztlich wird er seinen Weg finden. Welche Rolle die Schule hierbei spielt, wird sich zeigen. Stolz auf mein neu entdeckte Gelassenheit schlenderte ich über den Schulhof. Bis zum nächsten Mal.