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Öffentlicher Standpunktverkehr

Es stellt keinen erzählerischen Mehrwert dar, dass die zahllosen leeren Wände des öffentlichen Nahverkehrs schon von alters her als allgemeine Mitteilungsforen verwendet wurden. In einer Stadt wie Berlin, welche schon seit Kartoffelgedenken von meinungsgewaltigen Influencern bevölkert wird, gehören derlei Verschriftlichungen des Daseins quasi zur natürlichen Selbstvergewisserung des Individuums. Daher sieht sich der, diesen Botschaften dauerhaft ausgesetzte Konsument, den jeweiligen Bekundungen auch naturgemäß ein wenig abgestumpft gegenüber. Umso überraschter war ich jüngst in der U-Bahn als ich über einen kleinen Einzeiler stolperte, der mich dann doch kurz innehalten ließ.

2016-07-06 12.17.20

Diese Aussage ließ mich verwirrt zurück. Wieviel steckt in diesen fünf Wörtern! Freilich, eine gehörig Maß an Homophobie, jede Menge allgemeine Abneigung und eine deutliche Spur Religionshass. Doch ist es wirklich so einfach? Kann die Aussage hier tatsächlich nur durch die Summe seiner Teile ermittelt werden? Steckt möglicherweise noch ganz etwas anderes zwischen den Zeilen? Was führte den Autor zu dieser Aussage? Als ich mich in der U-Bahn sondierend umschaute, konnte ich keinerlei Anlass für derlei Ungemach ausmachen. So blieb ich weiterhin uneins mit diesem Statement und fordere daher eindringlich, der getroffenen Aussage noch weitere Erläuterungen folgen zu lassen. Ausreichend Platz ist an besagter Trennwand wäre jedenfalls vorhanden.

Morgenstund hat Atomleber im Mund

“Wir haben einen Atomtest entwickelt, mit dem die Leberfunktion in Echtzeit bestimmt werden kann.”

Mühsam dämmert der labile Erkenntnisgewinnungsteil meines müden Geistes als er sich mit den Schriftzeichen dieser Werbebotschaft in der U-Bahn abmüht. Ein glücklicher Mann steht weißbekittelt daneben und wirkt überaus glücklich. Möglicherweise kann die Aussage, welche noch immer durch die Verständnisfilter meiner Großhirnrinde sickert, ihm zugerechnet werden. Was, frage ich mich abschweifend, erwartet er dann nur von mir als aufrechten Konsumenten?! Wie kann ich ihm helfen durchzustarten? Lustlos hangle ich mich dann aber wieder zurück zur eigentlichen Kernaussage: Atomtests? Ein kurzes Aufraffen versteckter Motivationsreserven und ein angestrengtes Fokussieren auf den ärgerlichen Bruch in meinem persönlichen Kausalitätskontinuum – und schon begreife ich, dass die Brille vielleicht doch langsam angebracht zu sein scheint. Atemtests – wie langweilig!

Li-La-Laune-Bahn

Fahrlässigerweise habe ich noch keinerlei Kommentar zu DEM Großereignis im Berliner öffentlichen Nahverkehr abgegeben. Dies soll hiermit nachgeholt werden. Tusch und Tättererä – die U6 ist wieder dä!!!

Der Lila Blitz, welcher die Stadt mit selbstbewusster Miene von Nord nach Süd durchfurcht ist nach grausam langer Bastelei wieder am Start und sogar am Ziel. Meine persönliche Lebensader pulst, dass es eine reine Freude ist. Vorbei die Flickwerkumsteigerei und das Tourigeschubse an der Friedrichstraße – hach – wie hab ick dir vermisst!

Da lächeln wir doch gelassen über die neuesten Ansagen der aktuellen Kostenanpassungen für den eigentlichen Anlass der Großbaustelle Kanzler-U-Bahn, klopfen auf das marode Holz Berliner Baustellen und sehen der kommenden Sperrung des Nord-Süd-Tunnels der S-Bahn mit Aufregung entgegen. 

Tourilympics

Seit einer erklecklich langen Zeit gehört, dank U6-Unterbrechung, der Gang vom Bahnhof Friedrichstraße bis zum Bahnhof Französische Straße zu meinem täglich Brot. Es gibt weitaus Schlimmeres. Der Großteil der Strecke ist überdacht, unmäßig weit ist es auch nicht und gegen ein wenig frische Luft zwischendurch ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Wenn, ja wenn diese Strecke nicht zu den eruptiv mäandernden Touristenetappen gehören würde. Nun will ich hier keineswegs in den Chor jener ewig meckernden Großstadtneurotiker einstimmen. Aber nein, kommt weiterhin in Scharen. Erzählt euren vermögenden Erzeugern vom Charme dieser Stadt, kauft euch ein und saniert uns kaputt. Bitteschön. Aber das ist ein anderes Thema. Worum es mir geht, ist, ein wenig Struktur in euer Wandeln zu bringen.

Daher hier die sieben unerlässlichen Regeln zum erfolgreichen, und einzig wahren Berlin-Marathon.

1. Bleibt aus unerfindlichen Gründen plötzlich und unvermittelt stehen. Für die Endwertung ist hier Qualität entscheidender als Quantität. Ununterbrochenes Stehenbleiben ist zwar ganz okay, aber das abrupte Abbremsen im flüssigen Gang, mit Fühlnähe zum nächsten Verfolger ist eindeutig höher zu bewerten.

2. Macht Fotos! Gern verbunden mit der ersten Disziplin. Wert wird hier aber insbesondere darauf gelegt, dass ihr einerseits die abwegigsten Objekte (euch selbst, Edelboutiquen, Ampelmännchen etc.) ablichtet sowie andererseits, für besagtes Fotoshooting den Verkehr möglichst lange aufhaltet.

3. Habt alle Hände voll und schlenkert mit eben diesen möglichst selbstvergessen um euch. Die Standardausrüstung des Tourilethen besteht hier in einem Handy in der einen und einem schleimigen Kaffeemischgetränk mit halbherzig aufgepfropften Deckel in der anderen Hand. Variationen sind hier zahlreich und gern gesehen. Achtet bitte darauf, dass, solltet ihr mit den den selbstgewählten Spielelementen bei anderen Mitspielern Trefferpunkte erzielen, die Hauptschuld für dieses Ereignis dem jeweiligen Kontrahenten zugeschustert wird.

4.Traditionell handelt es sich um einen einen Parcours mit Gegenverkehr, also versucht auch hier ausreichend Treffer zu landen. Die oben genannten Mittel bieten hierzu jede Menge Spielraum. Doch hier muss nicht Schluss sein. Eine denkbar inkonsistente Wegführung, ausschweifende Gestikulation und unvorhersehbare Überholmanöver wenn der Flaschenhals am engsten ist, erzielen respektable B-Noten.

5. Versuch immer so langsam wie möglich zu laufen. Einzige Ausnahme: An roten Ampeln musst du unbedingt die Poolposition ergattern. Natürlich einzig mit dem Ziel bei Grün erneut so langsam und so spät wie möglich loszulaufen.

6. Laber laut, ununterbrochen und völlig enthemmt vor dich hin. Die Juroren werden es im Übrigen in jedem Fall honorieren, wenn dein Team weit über das Teilnehmerfeld verstreut ist und dennoch eine grundsolide Mannschaftsdiskussion über alle Köpfe hinweg stattfindet.

7. Fahr Fahhrad. Die Königsdisziplin für den erfahrenen Tourilethen. Solltest du obige Punkte fahhradfahrend erfüllen, ist dir der Sieg so gut wie sicher.

In diesem Sinne – Sport frei!     

Preiskampf à la BVG

Wenn man wie meine Wenigkeit zur Fortbewegung in der Großstadt entgegen aller Widrigkeiten und Hemmnissen voll auf den öffentlichen Nahverkehr setzt, weiß man um die Verletzbarkeit dieses Treibens. Wie oft erwischte mich die irrwitzige Vorstellung was aus mir werden würde wenn eines Tages meine Lebensader U6 nicht mehr fahren würde. Wenn sie von einen Tag auf den anderen nicht mehr schneidig und scheinbar mühelos die Nord-Süd-Tangente entlangrattern würde. Doch es kam wie es kommen musste – eines Tages sah ich mit zitterndem Blick eines von jenen gelb-kreischenden Bauankündigungsplakaten. Es war soweit. Im Dienste der langangekündigten “Kanzler-U-Bahn” (offizieller Titel: Unternehmen Lückenschluss) wurde die Hauptschlagader meiner Mobilität kurzerhand abgeklemmt. Bis Herbst 2013 soll der Spaß nun gehen! Doch letztlich gewöhnt man sich an alles. Schließlich war die gräuliche Zeit mit SEV in beide Richtungen; zweimal Umsteigen und 500m Laufen zeitlich begrenzt und hat sich mittlerweile hin zu einem annehmbaren Spaziergang zwischen Friedrichstraße und Französischer Straße gewandelt. Was bleibt ist die hiermit verbundene, wohl lächerlichste Aktion der BVG, an der ich je die Ehre hatte, teilzunehmen. Kurz bevor die Unterbrechung Wirklichkeit werden sollte, zogen schüchterne BVGler durch die Waggons und informierten die Bevölkerung von ihrem Vorhaben. Neben buntbedruckten Prospekten und lustloser Redseligkeit hatte sie auch lustige gelbe Streifen mit dabei, die zu einem aufregenden Gewinnspiel animieren sollten. Wenn, so die Mission, man in der harten Zeit der Unterbrechung es schaffen sollte, besagten Streifen an 17 unterschiedlichen Tagen an den beiden Transferstaionen abzustempeln und ihn dann zur BVG zu schicken, käme man in die Auswahl “mit tollen Preisen” belohnt zu werden. bvgeschenk Nun, was soll ich sagen. Ich machte tatsächlich mit. Hauptsächlich weil ich einfach einmal wissen möchte, was man bei der BVG unter “tollen Preisen” versteht. Mir schwant diesbezüglich ja Fürchterliches! Nun ist er akkurat und mustergültig vollgestempelt und geht heute in die Post. Meine Aufregung ist kaum in Worte zu fassen. Sobald die Gewinne über mich herabgepurzelt sind, werde ich es selbstverständlich keinesfalls unterlassen, euch Kunde von den erhaltenen Schätzen zu geben!      

Öffentlicher Sprachverkehr

Es hätte ja auch alles ganz anders laufen können, damals ’45 in Potsdam. Auf eine reizvolle Ansicht der alternativ-historischen Möglichkeiten und seiner Auswirkungen auf den öffentlichen Nahverkehr stieß ich soeben auf diesem Blog.

Gar allerliebst, wie ich finde. Dennoch müsste man wohl gewisse Stationsnamen auch hinsichtlich ihrer historischen Beständigkeit abwägen. Ob es in einem polnischen Berlin einen “Pl. Mostu Powitrznego” gegeben häte, würde für genauso zur Debatte stehen wie die Existenz eines “Pl. Ernsta Reutera”. Nichtsdestotrotz werde ich heute mit viel mehr Schwung in die “Winnicka” springen um zur “Jeziorowa” zu gelangen!

Im übrigen will ich mich ja gar nicht mit unnötiger Klugscheißerei in den Vordergrund drängen. Schließlich scheint das Projekt ja auf gründlicher Vorarbeit zu fundieren. Wie man dem engagierten Wiki entnehmen kann, sind hier seit geraumer Zeit versierte Sprachschöpfer am Werk. So gibt es unseren geliebten öffentlichen Nahverkehr auch in tschechisch, französisch und italienisch. Ein Traum! Was wäre das beispielsweise für eine Welt in der Berlin einen “Hlavní nádraží” hätte!

He, U-Bahnfahrer!

Ihr kriegt in der Regel nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit und Lob gespendet, oder? Und wenn schon Aufmerksamkeit dann ist es meist nur das übliche, ewiggleiche Genörgel und Gemecker. Dabei ist euer tägliches und nächtliches Schaffen nicht hoch genug zu bewerten. Unablässig braust ihr durch die Wogen grenzdebiler Großstadtbewohner und irrlichternder Touristen, die auch nach Jahrzehnten selbst die einfachsten Regeln des urbanen Nahverkehrs nicht begreifen wollen oder können. Angesichts dessen bin ich, ob eurer oftmals an den Tag gelegten Lässigkeit und Kontenance, wenn mal wieder wer nicht wissen will wo er mit dem Fahrrad rein darf und wo nicht, so überrascht wie dankbar. Manch garstiger Tag in der sonst wahllos um sich tretenden Stadt ist durch derlei erdige Kommentare deinerseits eine entspannte Note verliehen wurden. Doch unlängst, als ich mal wieder in der U6 stand und heimwärts tuckerte, übertraft ihr euch nachgerade selbst. Manchmal wenn ich mit den Gedanken woanders bin, vergesse ich auf den ausgetretenen Pfaden des Heimwegs den Hund an die Leine zu nehmen. Daher wusste ich wer gemeint war, als folgender Spruch durch die Lautsprecher knarrte: “Werta Fahrgast! Ick muss Sie leida drauf hinweisen, dass die von Ihnen benutzte unsichtbare Leine merkwürdigaweise nicht den Beförderungsbedingungen der BVG entspricht. Ick würde Sie daher bitten mit einer herkömmlichen Leine vorlieb zu nehmen. Vielen Dank füa ihr Vaständnis!  Gar kein Ding! Immer gern wenn man so nett aufgefordert wird. Also nochmal: Vielen Dank Berliner U-Bahnfahrer für euch und bleibt weiter so wie ihr seid! Übellaunige, kleinkarierte Triebwagendiktatoren sind von dieser Lobhudelei natürlich ausgenommen!