Transit nach Transnistrien

Nun denn! Bevor Erlebnisse zu Erinnerungen erstarren und Eindrücke zu Meinungen gerinnen hier der Versuch einer Zusammenfassung einer außergewöhnlichen Reise. Ich habe mich aufgrund der Dichte dazu entschieden, das Ganze in zwei Teilen abzuhandeln. Zunächst also eine Betrachtung dessen was bei mir von knappen drei Tagen Ukraine hängengeblieben ist um dann mit Schwung auf das eigentliche Thema der Reise zu kommen: Transnistrien!Ungewöhnlich, ja nachgerade verdächtig lang belauerte ich die Ukraine. Angesichts meiner Reisefreudigkeit im Allgemeinen sowie meiner Osteuropaaffinität im Besonderen mag es verwundern, dass es sich bei diese Ausflug tatsächlich um meinen ersten wirklich gültigen Aufenthalt in der Ukraine handelte. Ein ganzes Jahr lebte ich in russischer Steinwurfnähe von der ukrainischen Grenze in Woronesch, mehrere Sommer wanderte ich durch die Bieszczady in Polen und der Slowakei und nur einige wenige Male sprang ich kurz über die Grenzsteine in den Bergen. Auch von Rumänien aus lugte ich gelegentlich sehnsuchtsvoll hinüber und schaffte es nur aufgrund  aberwitziger Missverständnisse nicht den entscheidenden Schritt zu bewerkstelligen.

Abenteuer auf dem Schienenstrang – endlich wieder in gebührender Ausführlichkeit.

Nun sollte es endlich soweit sein. Zwar nur als Durchreise, aber immerhin. Ein Land wie die Ukraine durchreist man, in Anbetracht ihrer Ausmaße, selten in kurzer Zeit. Dabei schien es nicht direkt der günstigste Zeitpunkt für meine überfällige Aufwartung zu sein. Auch der gelegentliche Nachrichtenkonsument sollte im Laufe des letzten Jahres mitbekommen haben, dass es mal wieder gewaltig knirscht zwischen West und Ost. Und der Schauplatz dieser Reiberei ist einmal mehr die Ukraine. So grübelten und wägten, so prüften, recherchierten und verglichen wir im Vorfeld dieser Reise mehr als üblich ob dieses Unternehmen wohl so eine schlaue Idee wäre. Bisweilen keimte gar der bösartige Verdacht auf, dass das “winzige” Zeitfenster für Ukrainereisen von 22 Jahren möglicherweise verpasst sei. Letztlich entschieden wir uns dafür und – so viel kann hier schon verraten werden – wir taten gut daran.

Die ersten Momente Ukraine waren dunkel und von kritischen Augenpaaren begleitet. Endlich wieder eine richtige Grenze. Bei Nacht. Tief im wolhynischen Nirgendwo. Doch irgendwann rattert der Zug weiter. Langsam, fast vorsichtig. Und sofort fällt mir der Unterschied auf. Das charakteristische “Klack-Klack” der Gleise. Hier sind die Schienen noch grob genietet, nicht nivellierend geschweißt.

Nein, auch dieses Foto vermag es nicht Kiew angemessen einzufangen. Trotzdem ein Bildchen zwischendurch.

Kiew am Morgen weiß anfangs nicht wirklich zu bestechen. Schwül und unmotiviert hektisch, ein uninspiriertes Bahnhofsgebäude und die übliche Handelsatmosphäre von Bahnhofsvierteln in Ländern, in denen Bahnhöfe noch Umwälzwerke des Lebens sind und keine sicherheitssterilen Markthallen mit gelegentlich aufflackerndem Reiseverkehr. Doch nach einem tiefen Durchatmen gelingt es den Blick zu schärfen und ich beginne zu staunen. Was für eine Stadt! Wenn Kiew die Mutter aller russischen Städte sein soll, dann hat sie entweder bei der Erziehung ihrer Brut ein paar entscheidende Fehler gemacht oder der Vater muss ein gar sonderbarer Typ gewesen sein. Da ich die Erziehungsqualitäten von Müttern nur äußerst ungern anzweifle, schweife ich bei meiner Wanderung am Dnjepr immer wieder ab, warum nicht mehr Kiew in der russischen Urbanität stecken kann.

Diese Stadt erschlägt mit ihrer grünen Weitschweifigkeit, opulenten Gebäuden und einer reizenden Morbidität, welche gleichsam von beachtlicher Gepflegtheit umgarnt wird. Auch wenn es nie gezielt geschah so habe ich dennoch viel von Kiew zuvor gelesen. Es tauchte halt immer wieder auf. Und so wandele ich wie immer auch durch Geschichte und Geschichten als ich in Kiew war. Und ja, anders als in so manch anderer Stadt, welche für mich ähnlich aufgeladen war, gelingt es mir hier sofort einzutauchen und mir vorzustellen wie es einmal war.

Doch auch wenn Kiew noch so zeitlos daherkommen mag, die Gegenwart ist auch für den Ukraine-Anfänger spürbar. Schnell eile ich über den Maidan, da jegliches Verharren nur sofort die Rattenfänger des Krieges anzieht, auf der Suche nach Spenden oder empfänglichen Ohren für ein wenig Agitation zwischendurch. Die gelb-blauen Fahnen, ukrainische Symbolik und Straßensprüche allerorten – auch wenn die junge Maisonne noch so unverfänglich hinunterblinzelt, die Zerissenheit und Anspannung des vergangenen Jahrs ist allenfalls mal kurz Zigaretten holen, sie ist noch präsent und man spürt, dass sie jederzeit durch die Tür poltern wird.

Rodina Mat’ – Mutter Heimat. Bemerkenswert hierbei: Ein Besuch der Oberkante des Schildes ist möglich.

Unsere Fahrt geht weiter nach Odessa. Und wie kaum ein anderes Verkehrsmittel auf diesem Planeten bringt uns der Zug mit Menschen in Kontakt. Ein Bauarbeiter aus der Provinz, der nach getaner Arbeit in der Hauptstadt zurück zu Frau und Kind die Provinz fährt. Stets lächelnd und mit freundlicher Stimme spricht er davon, dass es sich um nichts anderes als Krieg handelt und Russland der ewige Feind sei. So bitter derlei Gesprächseinstiege anmuten, so verwirrend schnell wendet sich das Gespräch auch wieder anderen, weniger düsteren Themen zu. Es geht um Arbeit, Familie und gutes Essen. Lange, viel zu lange schwatzen wir im wild schwankenden Kupplungsraum des Waggons.

Dreimal hatte ich auf dieser Reise das Vergnügen in Odessa anzukommen, doch das erste Mal war zweifellos kein refferenzierbarer Besuch. Schnell ging es weiter an den Dnistr. Doch dazu, wie angekündigt, später mehr. Ich reiste danach noch einmal als Gruppe und einmal als Paar nach Odessa und es muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass Odessa in meiner Vorstellung noch einen Zacken mehr idealisiert war als Kiew. Umso überraschender, dass die Erwartungen mehr als erfüllt wurden.

Der Mythos Odessa – diese aufreizende Perle am letzten Rockzipfel des Russischen Reichs. Geheimnisvoll, fruchtbar und einfach wunderschön, so wabert Odessa seit ich lesen kann durch meine Phantasie. Traumhaft gelegen und mit den außergewöhnlichsten Sagen und Legenden ausgestattet, hat diese Stadt alles um mich dauerhaft zu befeuern. Und nun war ich endlich hier und konnte es nicht fassen. Mag sein, dass ich nach den Tagen der beschaulichen Provinz in Tiraspol, den Fluten von Reizen noch ein wenig wehrloser gegenüberstand. Doch hierbei handelte es sich zweifellos nur um geringfügige Abweichungen.

Wenn Städte träumen würden, kommt garantiert bisweilen Odessa darin vor.

Diese Stadt bezirzt mit einer Art von Charme für den das Adjektiv mondän einst erschaffen wurde. Mondän aber nicht auf seine häufiger vorkommende, arrogante bzw. abgehobene Art. Nein, diese ausladende Vielfalt hier wirkt gleichermaßen erdig wie selbstverständlich und dennoch Welten entfernt von dem Großteil menschlicher Siedlungsansätze – eine bestechende Kombination. Wir schlendern mit Blick aufs Meer über DIE Treppe, wandeln entzückt durch schattige Straßen und nehmen, eher nebenher entdeckt und mitgenommen, das vielleicht beste Mahl dieser Reise zu uns. Bedenklich allein der Zustand der Häuser. So reizvoll ich verwitterte Bausubstanz von einstiger Größe auch empfinde, hier bleibt nicht mehr viel Zeit zum retten. Nur wenige Jahre trennen hier in Würde gealterte Schönheiten von Trümmerhaufen. Es bleibt zu wünschen, dass sich alsbald hier eine Perspektive auftun würde, die Odessa renovieren könnte. Und das ggf. auch noch ohne die üblichen Begleiterscheinungen…

Symptomatisch für vieles: Richtige oder falsche Weichenstellungen – in verrottetem Zustand führt alles vom Weg ab

Und damit kommen wir nun auch schon zum Ausblick. Und hier, so schön und überfällig diese Reise auch war, komme ich zum eher deprimierenden Teil, den ich für mich aus diesen Tagen gezogen habe. Gerne lasse ich mich von den Zeitläuften eines Besseren belehren, doch ich schätze die Zukunft des Landes zwischen Bug und Donbass als sehr beschränkt ein. Nicht erst seit 2013 wird auf ukrainischen Boden ein Stellvertreterkonflikt ausgetragen, der, auch wenn er von einer Seite gewonnen werden sollte, eingefroren wird oder mit wackligen Kompromissen gelöst werden sollte, das Land ruinieren, die Menschen traumatisieren und die Stimmung auf Generationen vergiften wird. Ich muss gestehen, dass ich mit dieser Meinung schon angereist war. Viel, was meine Einschätzung verändert hätte, habe ich leider nicht erlebt. Am ehesten froh gestimmt hat mich dabei die Beobachtung, dass  ich das Gefühl hatte, der Konflikt würde nicht von der Masse der Bevölkerung getragen (jenes winzigen Teils, den ich getroffen habe, in jenem Teil des Landes das ich durchreist habe) sondern von einem kleinen Teil an unbefriedigten Spinnern angeheizt wird. Aber so ist es ja leider in den meisten Fällen. Eine ehrlich kriegshungrige, nationalistische Bevölkerungsmehrheit gibt es in den wenigsten Situationen. Und so reiste ich zurück mit meiner Einschätzung der Lage und bin nun aber ein gutes Stück trauriger um diesen Standpunkt, da ich nun weiß welch wunderschönes Land da zum Spielball erkoren wurde. Und wer weiß, vielleicht war das sogar noch der beste Zeitpunkt für eine Ukrainereise.

 

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