Wahl im Weddingshain

Nun denn, der Parlamentarismus hat mal wieder seine Kinder besucht. Es wurde gewählt und das Ergebnis war so trist wie vorhersehbar. Lassen wir uns daher von großen Zahlen nicht beeindrucken und betrachten einmal eingehend die Ergebnisse der Wahllokale meiner zwei Lebenszentren. Auch in diesem Fall greift die Okkupation und wir dürfen nicht von Wedding sondern müssen von Mitte sprechen. Genauer: Bundestagswahlkreis Mitte vs. Friedrichshain-Kreuzberg. Noch genauer: Wahlbezirk 526 gegen 507.

Die elementaren Informationen zuerst. Beide Wahlkreise sind in ihre Grundaussage, dem Bundestrend widersprechende Einzugsgebiete. Im Friedrichshain hat Genosse Ströbele sein Generalabonnement und in Mitte fuhr tatsächlich die SPD ein Direktmandat ein. Und dies trotz des wohl unvorteilhaftesten Politikerportraits aller Zeiten, unter dessen ästhetischer Knute wir mehrere Wochen leiden mussten. Outgesourct unter “Gruselige Wahlplakate Teil 1”. Grüne und Sozis vorn, daneben starke Anteile für die Linken, CDU und FDP eher im Hintergrund – das sind wahrlich rentitente Resultate. Ich freu mich also einmal mehr, hier leben zu dürfen.

Aber kommen wir zu den wirklich wichtigen Sachen: Beteiligung und Gültigkeit. Zunächst blinkt die Anzahl der Wahlberechtigten auf. Trotz einer vergleichbaren Bevölkerungsdichte dürfen im Weddinger Wahlbezirk gut 300 Menschen (1.506/1.199) weniger die Urne füllen. Dies hat zweifellos viel mit dem Umstand zu tun, dass es in Deutschland Sitte ist, Wahlunmündigkeit mit der Herkunft zu verknüpfen. Die Wahlbeteiligung bleibt hiervon unbeeinflusst und ist in beiden Bezirken recht grottig, wobei die von Friedrichshain wenigstens noch über die 50%-Marke tropfte (53, 7% gegenüber 42, 9% im Wedding). Ein relevanter Unterschied taucht in der interessanten Abteilung der “ungültigen Stimmen” auf. Während diese im Friedrichshain stabil über einem Prozent schwankt, ist im Wedding die Differenz zwischen ungültigen Erststimmen (16) und Zweitstimmen (6) auffällig.

Kommen wir zum Kleingedruckten und konzentrieren uns auf all die Parteien, die es im Großfeldexperiment nicht in den Bundestag geschafft haben. Diesbezüglich ist man in beiden Wahlbezirken mit der Bundesentscheidung weitestgehend einverstanden. Aber eben nur weitestgehend, denn die Piraten hätten es zumindest in diesen beiden Wahlbezirken Friedrichsshain locker über die 5%-Hürde geschafft. 55 (6,9%) Menschen, damit 3 mehr als der FDP ihre Zweitstimme gaben (im gesamten Wahlkreis kam man auf 6,0%), ist dann doch ein ganz respektabler Einstieg. Doch die Überraschung erbrachte in dieser Hinsicht der Wedding. Zwar kam man im gesamten Wahlkreis nicht über die bewusste Hürde (4,2%), doch in “meinem” Wahlbezirk entschieden sich 42 Menschen für die Freibeuter der Wahlurne und fuhren damit gigantische 8,3% ein. Sollten tatsächlich die paar Aufkleber, die ich zaghaft angebracht hatte, zu diesem Erdrutschsieg geführt haben?!

Was gab es sonst noch?! Nur wenige Partein konnten gar keine Stimmen auf sich vereinen. Darunter die DVU und ödp in beiden Bezirken und im Friedrichshain noch zusätzlich die Reps. Mein digital suggerierter Wahlvorschlag DKP ging erwartungsgemäß klaglos unter, wobei man im Friedrichshain fünf Erstimmen und drei Erststimmen ergatterte, im Wedding dagen nur eine verängstigte Zweitstimme erhielt. Gehen wir also in diese frustrierende Legislaturperiode mit der kurzweiligen Beschäftigung, den einen DKP-Wähler in Wahlbezirk 526 kennzulernen. Das sollte doch machbar sein.

Für den internen Wettstreit vergebe ich angesichts dieses Wahlergebnisses mal ganz gönnerhaft an jeden einen Punkt.

Friedrichshain – Wedding
4-2

4 Gedanken zu „Wahl im Weddingshain“

  1. die eisame, allerdings KEINESWEGS verängsigte zweitstimme für die dkp stammt dann wohl von mir!
    dem schreiber des artikels dürfte sicher bekannt sein, daß eine abgabe der erststimme im drögen wedding leider nicht möglich war.
    leider kann ich hier nur anonym einen kommentar abgeben da keines der angebotenen profile auf mich zutrifft….
    in diesem sinne rita

  2. upps, entschuldigung…..habe gerade gesehen, dass ich beim schreiben des vorherigen artikels (einzige dkp-wählerin im wedding)wohl einige tasten nicht getroffen habe, wie peinlich…dass kommt davon, wenn man's immer eilig hat! es soll natürlich heissen: "einsame" statt "eisame" und "verängstigt" statt verängsigt". sorry, brauche wohl mal eine neue tastatur.
    rita

  3. Hört, hört – so früh hatte ich die Auflösung des Weddinger Wahlrätsels gar nicht erwartet. Wunderbar! Na dann, immer schön Rot Front! Und wie fühlt man sich so als singuläre Stimme? Als sichtbares Mahnmal der Individualität oder doch eher als heiserer Rufer in der Wüste?!

  4. Hej, Sasha, da ich – ehrlich gesagt – im Leben nie damit gerechnet hätte gerade hier im ehemals roten Wedding die einzige Kommunistin zu sein, bin ich eigentlich mehr erstaunt…andererseits, solange viele die Linkspartei wählen oder andere Parteien aus der linken Ecke (und ich meine jetzt nicht die SPD)haut's mich noch nicht um. Ansonsten falle ich hier im Wedding rein äußerlich sowieso immer noch auf ;D, warum also dann nicht auch noch die einzige KPD-Wählerin! Bin ja eigentlich auf den Artikel gestoßen, weil ich sehen wollte, ob die KPD hier im Wedding aktiv ist und wenn ja, wie und wo. Nun ja, da ich ja hier offenbar die Einzige bin….
    Ansonsten fühle ich mich großartig, wenigstens die Fahne hochzuhalten!
    In diesem Sinne Rot Front

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