Gedser geht sehr

Nach längerer Zeit machte sich die Reisegruppe “Gute Nachbarschaft” mal wieder auf den Weg. Dieses Mal war nach Schweiz, Österreich, Tschechien und Polen, entgegen dem Uhrzeigersinn nun Dänemark dran. Wir blieben auch gleich nach der Überfahrt hängen und genossen so die wahrscheinlich mit Abstand kleinste Siedlung dieser Reisereihe – Gedser (800Ew.). Wen mag es dabei verwundern, das unser kleinstes Nachbarland (Hört mir auf mit Luxemburg!) folgerichtig auch mit der kleinsten Delegation aus dem Wedding beehrt wurde. Doch das tat der üblichen Entdeckerfreude und dem nachbarschaftlichen Kennenlernen keinen Abbruch. Wir nehmen mit: der Däne hat es gern still, Smørrebrød ist eine vollwertige Mahlzeit und øl ist teurer als Öl. Ich zumindest mag das kleine Land im Norden, auch wenn ich es nicht allzu oft machen kann, da ich im Anschluss immer zwanghaft alle Filme der Olsenbande bingen muss.

Ratgeber: Oder-Neisse-Friedensradweg

Unter all den Radwegen, die jenes menschenleere Gefilde, welches gemeinhin auch unter der Bezeichnung Brandenburg bekannt ist, durchqueren, sticht der Oder-Neisse-Radweg mit einigen Finessen hervor. Schließlich schlängelt er sich unter anderem durch die Landkreise Uckermark, Görlitz und Vorpommern-Greifswald – ihres Zeichens die Landkreise mit der jeweils geringsten Bevölkerungsdichte in ihren Bundesländern. Zudem hat man mit dem Nachbarland Polen, welches man auf diesem Radweg nur selten aus den Augen verliert, stets eine willkommene Abwechslung zum schläfrigen Randzonengebiet und immer bestes, mobiles Internet.

Dem Abendbunt entgegen – Ödnis muss nicht immer grau sein.

Nach mehreren Ausflügen an den Zweistromweg habe ich ihn zwar immer noch nicht komplett abgefahren. An beiden Enden franst der Radweg noch ins geheimnisvoll Umwitterte ab. So betreffen also meine hier getroffenen Aussagen, die Strecke vom sächsischen Rothenburg bis hinauf ins pommersche Löcknitz. Die eigentliche Ausdehnung vom tschechischen Nova Ves bis zum haffigen Ückermünde habe ich bislang noch nicht genießen dürfen.

Andere Wissensquellen:  Eine akzeptable Onlinestimmung könnt ihr bei oder-neisse-radweg.de oder  www.oderneisse-radweg.de erhalten. Ein vorzügliche Vorbereitungsressource bei Radwanderungen jeglicher Natur ist auch stets das radreise-wiki. Hier findet sich eine solide und schnörkellose Tourbeschreibung mit allen notwendigen Koordinaten. Daneben gibt es selbstverständlich auch Offlinequellen wie die bewährten wetter- und reißfesten Tourenbücher von bikeline.

Anreise: Für uns Molochbewohner gehört die Anreise wohl zu den leichteren Aspekten dieser Radreise. Nach einer bizarr kurzen Zugfahrt kann man aus den staubigen und überquellenden Straßen in Gegenden torpediert werden, die Enzyklopädien das Symbolbild für Einsamkeit liefern könnten. Zahlreiche Zugstrecken kreuzen den Oder-Neisse-Radweg. Zur Auswahl stehen die direkt von Berlin zu erreichenden Ziele: Frankfurt (Oder), RE1, Küstrin-Kietz, RB28 und Schwedt (Oder), RE3. Mit einmal in Frankfurt (Oder) Cottbus umsteigen kann man aber auch leicht einen südlicheren Einstiegspunkt wie Eisenhüttenstadt, Guben oder Forst auswählen. Um den Radweg ganz sauber von Anfang an zu fahren, ist ein wenig Aufwand mehr nötig. Ückermünde ist von Berlin aus nach einmaligen Umsteigen in Pasewalk innerhalb von knapp 3 Stunden per Bahn zu erreichen. Bei Nova Ves wird es schon etwas schwieriger: fünfeinhalb Stunden und Umstiege in Cottbus, Zittau und Liberec wären für dieses Unterfangen nötig. Den Wahnwitzigen unter euch sei noch gesagt, dass es auf polnischer Seite einen Zwillingsweg geben soll. Doch nach einer ausführlichen Expedition in die Raderepublik Polen machten wir Erfahrungen der Art, dass wir vom Radfahren in unserem geschätzten Nachbarland vorerst Abstand nahmen.

Übernachten: Auch wenn es sich hier fraglos um recht unbesiedelte Gebiete handelt, durch die man radelt, allein durch die wachsende Popularität des Fernradwegs sind etliche Unterkünfte an ihm entlang emporgeschossen. Diese lassen sich mühelos mit den oben genannten Informationsquellen entdecken oder auch einfach auf offener Strecke vom Wegesrand ablesen. Doch für den Oder-Neisse-Gourmet empfiehlt es sich natürlich den Tag draußen nahtlos in die Nacht übergehen zu lassen und die freie Natur ohne lästige Unterbrechung zu genießen. Gelegenheit hat man hierzu wahrlich genug. Wer diesbezüglich noch ein paar Tipps braucht, liest mein frisch herausgekommenen Wildzelten-Ratgeber.

Charakteristik der Strecke: Die gesamte Strecke beträgt 538 km, ist also in Anbetracht der gut ausgebauten Wege und des größtenteils ebenen Verlaufs in einer guten Woche zu schaffen. Ich tendiere dazu den Weg grob in drei Teile aufzugliedern:

  • Vom bergigen Dreiländereck ins Flachland – von Nova Ves bis Forst
  • Von der Lausitz in den Oderbruch – von Forst  bis Schwedt
  • Der platte Rest – Von Schwedt bis ans Haff.
Der Protagonist des ersten Teils -die Lausitzer Neisse

Der hügelige Teil im Süden wird Richtung Zittauer Berge und Liberec mit Sicherheit noch zunehmen. Der von mir befahrene Teil beendet seine Hügeligkeit von Rothenburg aus gesehen ein paar Kilometer vor Forst. Obzwar dieser Streckenabschnitt hier als hügelig bezeichnet wurde, kann man dennoch, selbst mit mittelfiter Erscheinung ohne viel Anstrengung Kilometer machen. Wenn man von Norden kommt, sollten die kurvigen Etappen mit abwechslungsreicherer Vegetation und der immer versteckter agierenden Neisse einen wahren Hochgenuss darstellen. Nach all der Plattheit sollte dies definitiv nochmal ein gelungener Wachmacher sein. Desweiteren locken auf dieser Etappe reichlich Außergewöhnlichkeiten, die eine kurze Erwähnung wert sein sollten. Die Altstadt von Görlitz sollte für den schöngeistig gesinntem Radler ein Muss sein. Diese alte, reiche Handelsstadt, welche im Krieg kaum zerstört und in den letzten Jahrzehnten edelst restauriert wurde, weiß als überbordender Schauplatz von Renaissance, Barock und Gotik zu überzeugen.

Fürst-Pückler-Park- verstörend betörend

Der nächste Höhepunkt auf der Strecke ist der in Bad Muskau gelegene Fürst-Pückler-Park. Dieser Park, welcher als der größte Landschaftspark Zentraleuropas im englischen Stil gilt, wurde ebenfalls in den letzten Jahrzehnten liebevoll restauriert und  kommt schockierend betörend daher. Der größere Teil des Parks befindet sich in Polen und ist durch mehrere bezaubernde Neissebrücken miteinander verbunden. So behaupte ich einfach mal, dass man wohl kaum schöner in Polen einreisen kann als bei einem Besuch in diesem einzigartigen Park.

Eines von vielen Instagram-Epizentren. Man denke sich nur wie schön es hätte sein können, wenn sie das Wasser nicht abgelassen hätten.

Nicht ganz auf der Stammstrecke aber einen Abstecher wert ist der Azaleen- und Rhododendronpark Kromlau. Hier kann man zur richtigen Jahreszeit in einem unbeschreiblichen Blütenmeer waten und zu jeder anderen Jahreszeit die spektakuläre Konstruktion der Rakotzbrücke bestaunen. Zur Entfernungsorientierung Rothenburg- Forst: 70km

Kommen wir nun zum großen Mittelteil: Von der Lausitz in den Oderbruch. Genaugenommen befinden wir uns auch schon zuvor in der Lausitz, denn das gesamte Gebiet bis Zittau gehört zu dieser Region, genauer zur Oberlausitz. Nachdem wir das waldige und abwechslungsreiche Stück bis Forst absolviert haben, befinden wir uns dann aber definitiv in der Niederlausitz. Ab Forst ändert sich der Charakter der Strecke. Wenn sich aufgrund des Terrains zuvor der Radweg sehr oft vom Flusslauf (der hier noch ein weitgehend naturbelassen ist) entfernt, so bleiben wir nun fast immer in Sichtweite. Der Weg wird immer ebener und schnurgerader und nutzt vielfach die angelegten Deiche für die Streckenführung. Zu Forst ist nicht allzu viel zu sagen, es sei denn man möchte nach den zwei zuvor erlebten Parks noch einen drauf setzen. In Forst kann man sich mit Rosen vergnügen – der Ostdeutsche Rosengarten wartet auf erlebnishungrige Floristen. Offensichtlich ist der exaltierte Kleingärtner in dieser Region mehr als einmal auf offene Ohren gestoßen.

Das braune Gold Lausitz – ganze Dörfer verschwinden für diesen räudigen Rohstoff. Entzückend!

Auf dem Weg nach Guben radelt man durch saftige Auen und schattige Wälder. Bis zur Wende gab es hier noch eine Zugverbindung, doch Mutter Natur hat gut gewerkelt um diese Episode ungeschehen zu machen. Mit den riesigen Tagebauen, die an der Strecke aufklaffen, hat sie dagegen wohl noch lange zu tun. Mit einem Co2-Ausstoß von 23,3 Mio. Tonnen ist das anliegende Kraftwerk Jänschwalde das vierschmutzigste Europas.

Angesichts solcher Erlebnisse schadet es nicht, dass das polnische Pendant von Guben, Gubin nicht weit ist. Das überraschend hübsche Kleinstädtchen ist die perfekte Raststätte um dergleichen Anblicke mit einem frischen Fassbier hinunterzuspülen. Nach Guben geht es auf ähnlicher Strecke wie zuvor weiter nordwärts, bis endlich nach gut 10 km endlich die Oder hinzuplätschert. Von hier lohnt sich ein kleiner Abstecher nach Neuzelle (5km) um Kloster wie Klosterbrauerei gebührend zu würdigen. Mit fremdenverführerischer Koketterie weiß man darauf hinzuweisen, dass hier angeblich das erste Bierbad Europas eröffnet habe. Danach kommt Eisenhüttenstadt, doch der Weg kreuzt nur zaghaft das winzige Altstadtzentrum und so sieht man wenig vom speziellen Charme der sozialistischen Planstadt. Wen das Einzigartige mehr als das Schöne reizt, dem sei ein kleiner Ausreißer in die Neubauschluchten Stalinstadts empfohlen.

Jede Menge Gegend für jede Menge Entspannung.

Dann geht es auf gewohnt prächtig ausgebauter Strecke nach Frankfurt (Oder) und hiermit sind wir dann auch endlich im Oderbruch. Dieses ehemals komplett versumpfte Urstromtal, welches der Alte Fritz trockenlegen ließ, legt noch mal eine gewaltige Schippe hinsichtlich Flachheit drauf. Die alternativlose Ebene dieser Region sowie ihre offenherzige Leere findet viele Liebhaber, aber auch reichlich Menschen, die dieser Landschaft ratlos gegenüberstehen. Dabei muss gesagt sein, dass interessanterweise die Strecke zwischen Küstrin und Hohenwutzen, also das Filetstück des Oderbruchs, zu den touristisch am besten erschlossenen Stücken des Radwegs gehört.

Polenmarkt Hohenwutzen – endlich normale Leute!

Was ist sonst noch zu erleben? Den, aus Funk und Fernsehen bekannten Polenmarkt in Hohenwutzen sollte man definitiv mit einer Stippvisite beehren, in Stolpe haben wir ein wunderfeines, kleines Künstlercafé (“Fuchs&Hase”) entdecken dürfen und Schwedt, tja Schwedt, hier fühlt man die Uckermark. (Zur Streckenorientierung, Forst-Schwedt: 218km, also eher etwas für 2-3 Tage)

Anfahrt auf Stolpe – den Oderbruch im Rücken

Der platte Rest – von Schwedt bis ans Haff – von hier führt der Weg nun durch den Nationalpark “Unteres Odertal” durch endlos scheinende Sümpfe welche ausreichend mit Vögeln ausgestattet sind. Die Route führt ins entspannte Mescherin, die den letzten Ausflug per Brücke nach Polen offeriert. Das zu besichtigende Gryfino auf der anderen Seite ist aber eher etwas für den Kenner desaströser Stadt- und Infrastrukturplanung. Die von gnadenlosem Transitverkehr umtoste, alte Backsteinkirche kann nur mit größter Mühe wahrgenommen werden und die ausgefransten Neubauten bieten einen wenig erklecklichen Rahmen für diesen gescheiterten Siedlungsversuch.

Das einzig wahre Feldbett. Entlang der Neisse wie der Oder gibt es etliche Gelegenheiten hierfür.

Ab Mescherin wendet sich der Radweg irritierenderweise vom vertrauten Flusslauf gänzlich ab und führt weit hinein ins Innenland. Sei es weil selbst die Oder auf dieser Höhe sich in zwei Flüsse geteilt hat, oder sei es weil der Weg sonst folgerichtig durch Polen führen müsste, auf jeden Fall geht die Strecke nun über weite Felder durch den Landkreis Greifswald-Vorpommern. Nach einem kleinen Schlenker über Penkun, geht es wieder steil nach Norden. Nach Löcknitz sind es noch gut 50km bis Ückermünde. Wer mag kann hier sogar das Angebot wahrnehmen die (in der Saison) dreimal am Tag (8:10/11:30/15:10) verkehrende Fähre nach Usedom zu besteigen um den Ausflug mit der echten Ostsee zu krönen. Angesichts der saftigen Überfahrtspreise (Preisbeispiel für zwei Fahrräder+zwei Erwachsene für 80 Minuten Fahrt: €48,40) würde ich dagegen eher zu einem Stettinbesuch mit kleiner Bahnfahrt zum Meer raten. (Streckenorientierung. Schwedt-Löcknitz: 70km)

Ratgeber: Wildzelten leicht gemacht

Nachdem ich immer mal wieder, wenn ich spaßeshalber diesbezüglich im Netz recherchierte, derartigen Unsinn und hanebüchene Ratschläge lesen durfte, fühle ich mich bemüßigt, zu diesem Thema ein umfassendes Kompendium für Ein- und Aussteiger zu verfassen. Ich kann hierbei auf ein Vierteljahrhundert Erfahrung in einem guten Dutzend Länder zurückgreifen und sehe mich daher als hinreichend kompetent.

  1. Wildzelten – will ich das überhaupt?

Gehörst du der Pauschalreisefraktion an? Sind geordnete Verhältnisse wie du sie zu Hause hast für dich elementar? Bist du ein extremer Insektenphobiker? Ist Einsamkeit und Dunkelheit für dich ein Graus? Wenn du eine dieser Fragen mit Ja beantworten kannst, solltest du die Finger von den Heringen lassen und weiterhin deinen gewohnten Übernachtungsmethoden im Urlaub vertrauen.

Bist du dagegen auf der Flucht vor dem Trubel der Großstadt und ist Erholung für dich auch der Abstand zu Menschen sowie ihren Regeln, Konventionen und anderen Zumutungen. Sehnst du dich zudem nach weitgehend uneingehegter Natur oder bist du tendenziell knapp bei Kasse, dann könnte das Wildzelten etwas für dich sein.

Unvergleichliche Momente – ein Zelt im Himmel – kein Hotelbett kann es hiermit aufnehmen.

2. Warum Wildzelten?

Nun könnte man durchaus einwenden, dass es doch in den meisten Ländern ausreichend offizielle Zeltplätze gäbe und somit doch keine dringende Notwendigkeit dafür bestehe, außerhalb der zugelassenen Räume sein Zelt aufzuschlagen. Aus meiner Sicht sprechen einige Gründe gegen diese Annahme. Zum einen schränkt die Begrenzung auf offizielle Zeltplätze eine “wirkliche” Naturreise zu sehr ein. Wandert man beispielsweise auf einem Bergkamm, stellt es eine gewaltige Zumutung dar derart viele Höhenmeter und Bergromantik zu verlieren, nur um innerhalb der verordneten Parameter des regulären Tourismus zu bleiben. Prinzipiell wären viele Passwanderungen gar nicht durchführbar wenn man nicht eine Zeltübernachtung in Eigenregie einkalkulieren würde. Zum anderen ziehen mich die meisten Zeltplätze auch nicht über die Maßen an. Duschmarken, Nachtruhe und die frisch rasierten Rabatten der Dauercamper sind einfach nicht jedermanns Sache. Sicherlich gibt es hier auch lobenswerte Ausnahmen, ich durfte etliche entspannte Naturzeltplätze erleben und zwischendurch nehme ich, sollte es sich so ergeben, auch gerne mal einen offiziellen Zeltplatz mit, doch ich verstehe diese eben als Angebote und nicht als bindende Pflichtveranstaltungen. Der überwältigendste Grund ist jedoch das Erlebnis an sich. Der unbezahlbare Genuss eines Sonnenuntergangs in den Bergen, das stille nächtliche Bad im anliegenden Gewässer, die unfassbare Stille der zur Ruhe gekommenen Natur und die unfassbare Unendlichkeit des, von Campingleuchten oder anderen Zivilisationsstörquellen unbefleckten Sternenhimmel – ich liebe es!

3. Ist das nicht verboten?

Ja, nun, in der Tat ist das der Pferdefuß. Die Rechtslage ist zwar weit davon entfernt einheitlich zu sein. Nicht nur, dass es diesbezüglich in jedem Land natürlich eigene Regeln gibt, selbst in Deutschland differiert das Reglement von Bundesland zu Bundesland. Zu dieser Frage kann man sich in besagten Internet erschöpfend informieren. Das Thema Schuld und Sühne scheint dann auch der Aufreger zu sein, der das Volk beschäftigt. Dabei ist dies in meinen Augen gar nicht die große Sache. Einerseits sind die jeweiligen Strafen, wenn überhaupt, eher zu vernachlässigen, und andererseits geht es ja auch darum nicht erwischt zu werden. Ich zumindest hatte dieses Missvergnügen ganze drei Mal und es war zwar unschön aber verschmerzbar.

Ohne Worte – ohne Erlaubnis

4. Was brauche ich zum Wildzelten?

Es versteht sich eigentlich von selbst, aber ein Zelt sollte im Inventar vorhanden sein. Ich empfehle kleine (maximal 3-Personen) Zelte in Naturfarben. Hauszelte oder schreiend bunte Festivaliglus sollten eher vermieden werden. Außerdem wäre es auch hilfreich wenn man sich mit seinem Zelt auskennt, sprich es in Windeseile auf- und abbauen kann. Desweiteren sollte eine Taschen- oder Stirnlampe zur Ausrüstung gehören. Einen Schlafsack, Isomatte – fertig. Das restliche Equipment gleicht dem einer stinknormalen Tageswanderung. Außer dem Proviant vielleicht, der sollte natürlich der längeren Verbleibedauer in der Natur angepasst sein.

5. Wie finde ich die perfekte Stelle?

Kommen wir also nun zum Kern des Pudels. Zugegeben, um das wirklich ideale Plätzchen zu finden gehört natürlich immer eine Portion Glück. Es sei denn man kann auf Erfahrungen zurückgreifen und weiß schon im Vorfeld wo man zu schlafen gedenkt. Im Regelfall ist man aber zum ersten Mal in der Gegend und schaut sich zum Abend hin gezielt um. Ein kleiner Check des Kartenmaterials kann natürlich auch helfen um das Suchraster einzuschränken. Doch zunächst geht es in vorderster Linie erst einmal darum einen Platz zu finden, auf dem man unentdeckt bleibt.

So lächerlich es klingen mag, aber sobald man mehr als tausend Meter von einer mit Auto befahrbaren Straße entfernt ist, verringert sich die Wahrscheinlichkeit von Abenddämmerung bis Sonnenaufgang auf Menschen zu treffen um solide 95%! Das gilt ebenso für dichtbevölkerte und zersiedelte Länder wie Deutschland oder Holland wie natürlich sowieso für eher menschenärmere Staaten wie die Slowakei oder Irland. Doch um eben jene zerstreuten Frühaufsteher nicht zu irritieren empfiehlt es sich ebenfalls Abstand von jenem Weg zu suchen über den man gekommen ist. Sichtschutz ist hier das Stichwort. Ein grünes , kleines Zelt hundert Meter entfernt von einem Wanderweg ist, so man sich in einer waldigen Region befindet, nur sehr schwer auszumachen. Schließlich sollte die einzige Sorge das Luxusproblem sein, dass ein paar Meter weiter wahrscheinlich ein noch idyllischeres Plätzchen gewartet hätte. Hiergegen lässt sich aber schlechterdings nichts unternehmen außer entspannter Gelassenheit und das Wissen, dass das Streben nach Perfektion ein müßiges Unterfangen sei.

Bei Wandern mit Hunden sollte man früh genug darauf achten, den Hund so zu erziehen, dass er nicht bei jedem Bäumerascheln ausflippt. Im Regelfall kann man hier mit ausreichend Erlebnissen der Angst und den daraus folgenden Bellattacken entgegenwirken.

In einigen Fällen kann man auch in die Luxussituation geraten, dass die jeweilige Naturverwaltung an gewissen Stellen das Wildzelten quasi gestattet (oder duldet) und mit einigen sinnvollen Accessoires ausstattet. So findet sich hier zumeist ein Mülleimer, eine Trinkwasserquelle, Bänke, Tische und manchmal sogar eine abgesicherte Feuerstelle oder Schutzhütte. Zu erkennen sind derlei Stellen schnell an den Zeichen der Nutzung durch andere Wanderer. Speziell im osteuropäischen Raum sind derlei Plätze keine Seltenheit, aber auch in Skandinavien findet sich Vergleichbares. Sollte man in den Vorratsschränken der Hütte etwas finden und benutzen, so gehört es zum guten Pfadfinderton, es durch etwas Adäquates zu ersetzen.

Ob zu Fuß, mit Rad oder Paddelboot – auf diese Weisen kann man sich den gewünschten Traumplätzchen am besten nähern.

In manchen Fällen kann es auch eine Überlegung wert sein, Schutzhütten oder Rastplätze zum Wildzelten zu nutzen auch wenn diese ganz klar nur als Regenunterstand oder Picknickstellen konzipiert sind. Der überwältigende Anteil derer, die in und für die Natur arbeiten, weiß das Bestreben zu schätzen, wenn man schon außerhalb der Norm nächtigt, so doch zumindest innerhalb vorbereiteten Menschenareale. In der warmen Jahreszeit spricht auch wenig dagegen hier ohne Zelt zu übernachten, denn gegen solch ein Treiben ist selbst der pedantischste Gesetzeswächter machtlos. Denn dies ist, soweit ich weiß, in den meisten europäischen Staaten legal.

6. Was sollte ich noch bedenken? 

Alles zuvor Gesagte hat nur seine Gültigkeit solange man, dem gesunden Menschenverstand folgend, sich draußen normal verhält. Folgende Dinge seien hierbei gesondert hervorgehoben: offenes Feuer! Wenn das nächtliche Zelten gemeinhin als Bagatelldelikt mit “Mach-nur-dass-du-wegkommst”-Zeigefinger gehandhabt wird, so kann es beim Tatbestand des Feuermachens ganz schnell ungemütlich werden, sollte man in Berührung mir irgendwelchen Autoritätspersonen geraten. Daher sollte man einerseits jedes Mal genau überlegen ob die Stelle ausreichend abgeschieden ist um ein Feuerchen zu wagen und andererseits hinsichtlich Brandschutz die eigenen Fähigkeiten und äußeren Gegebenheiten genauestens abklopfen.

Das offene Feuer ist ein edler Luxus und rundet das Erlebnis erst richt ab, wil laber in jedem Falle wohl bedacht sein.

Vorsicht und Respekt sollte man generell Naturschutzgebieten zollen. Selbstverständlich gibt es auch hier regionale Abweichungen, dennoch, wenn man in einen Nationalpark hinein schreitet, sollte man entweder noch einen Zacken vorsichtiger sein oder es irgendwie so organisieren, dass man das Nächtigen hier vermeidet. (Nebenbei bemerkt: In meiner Erfahrung finden sich etliche Erinnerungen, in denen sich die Wiesen vor Nationalparkeingängen als ganz annehmbare Schlafplätze offenbarten.)

Immer wieder werde ich darauf angesprochen wie es denn mit wilden Tieren da draußen aussähe. Nun, gesprochen für Europa möchte ich, ohne es unnötig kleinzureden, die von wilden Tieren ausgehende Gefahren eher als irrelevant abtun. Die wenigen Tiere die eine Gefahr sein könnten, gehen uns in aller Regel aus gutem Grund aus dem Weg. Sollte man Bären oder, viel gefährlicher in meinen Augen, Wildschweinen begegnen, sollte man ruhig und respektvoll reagieren. Lebensmittelreste sollten nicht quer ums Zelt verteilt werden und eventuelle Hunde an die kurze Leine genommen werden. Abgesehen davon sind Zecken und Mücken mit Sicherheit die größere tierische Sorge als jede säugetierbasierte Angst.

Und ganz allgemein sollte das Wildzelten im wesentlichen so ablaufen als ob ihr nie da gewesen seid. Sprich: seid still, nehmt euren Müll weg, beseitigt eventuelle Lagerfeuerreste und, vor allem, brecht möglichst früh das Zelt ab. Ich spreche hier nicht von Sonnenaufgangsexzessen, schließlich ist das ja immer noch Urlaub, aber je früher desto besser. Es spricht nichts gegen ein ausgedehntes Frühstück, etwas Lektüre in der zarten Morgensonne oder ein wenig Yoga, doch bitte, baut zuerst das Zelt ab. Kein tentus delictus, kein Problem.

Fazit

Wenn du draußen, fernab der Eurocamping-Wüsten und Hotelburgen, schlafen möchtest. Wenn du mitten in Europa wirklich auf Distanz zur Zivilisation gehen willst, so ist dies vielleicht leichter als du denkst. Auch wenn sich der Mensch in beängstigenden Ausmaß vervielfältigt und ausbreitet, so zieht er es verwirrenderweise vor, gerade jene Orte zu besuchen, die schon übervoll aus allen Nähten platzten. Deshalb wird es auch in Zukunft, trotz explodierender Städte die Leere des Oderbruchs und die Stille der Bieszczady geben. Mit den wenigen Tipps, die ich hier aufgeschrieben habe, ein wenig Intuition und ein paar selbst gesammelter Erfahrungen sollte es dir ein Leichtes sein, stressfrei und mühelos dein Plätzchen unterm Sternenzelt zu finden.

 

 

Geschrieben aus Kassel, Hesse, Germany.

Bezirke bezirzen – neuntes Kapitel: Schwer(in) Ordnung, Schwerin

Schwerin – Stadt der sieben Seen und sieben Wälder – was hast du uns allesamt von den Socken gehauen. Eingekuschelt in zufrieden glucksende Gewässer und umsäumt von kokett zur Schau gestellter Flora weiß die kleinste Landeshauptstadt der Republik auf unaufgeregte Weise zu überzeugen. Immer noch heillos überrascht müssen wir konstatieren: Wir haben eine neue Nummer Zwei. Nur Suhl bleibt weiterhin unangefochten auf der Spitzenposition. Doch angesichts der noch anstehenden Perlen Halle-Leipzig-Dresden bleibt zu vermuten, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Zweifellos ist die seriöse Städtekritik ein arg wackeliges Unterfangen. Ungerechtfertigte Assoziationen, nachgetragene Erinnerungen, Tagesstimmung, Wetterlage oder schlecht gelaunte Eingeborene können genauso unvermittelt wie ungerecht zur raschen Abstempelung führen. Daher soll diese erste Exkursionsreihe hier keinesfalls als allgemeingültig angesehen werden. So wissen doch die meisten Siedlungen der nördlichen Hemisphäre bei munter-frischem Maiwetter besser zu überzeugen als im perspektivarmen November. Aber bleiben wir realistisch! Gewisse Grundtendenzen lassen sich entgegen aller Voreingenommenheit und saisonaler Tendenzen klar erkennen. Cottbus bräuchte beispielsweise einige bemerkenswerte Naturkatastrophen und sonstige massive Wunderwirkung um jemals im oberen Bewertungsbereich mitzuspielen.

Hier nahm die Überraschung ihren Lauf. Derglei Bahnhöfe gehörten bislang auch nicht zum Repertoire eines standardmäßigen Bezirksstadtausflugs.

Doch kommen wir zurück zu Schwerin. Allein die fast verdoppelte Anzahl der Reisegruppe ließ aufmerken. Obwohl sich das Vorwissen über Schwerin in Schloss, See und nicht am Meer erschöpfte, schien das linde Maiwetter und die Exotik des Unbekannten ein paar Wesen mehr als die übliche eingeschworene Peripherikergemeinde anzuziehen. Mit der sanften Wucht eines Paukenschlags begrüßt Schwerin zunächst seine besten, nämlich bahnreisenden Gäste mit einem überaus entzückenden Bahnhof.  Vor 10 Jahren erfuhr man sogar die Ehre zum Kleinstadtbahnhof des Jahres erwählt zu werden.

Marmorstein und Eisen bricht…. Gips wahrscheinlich auch, siht aber dennoch irritierend schick aus.

Der Rest des Städtchens erschließt sich schnell und ohne große Grübelei. Man schlendert von See zu See, genießt die abwechslungsreichen Freuden des Gipsbarocks und genießt leichter Dinge das was die mecklenburgischen Herzöge für pompös hielten. In der Tat ist Schwerins Antlitz unter den Städten der Region etwas besonderes. Abgesehen von den obligatorischen Backsteingotikklötzen, bietet Schwerin etwas das abseits der üblichen Hansestadtästhetik oder der preußischen Funktionssiedlung zu verorten ist. Hier kann man tatsächlich den Charme einer historischen Residenzstadt erleben, und dies sollte nicht nur im Mai Spaß machen. In meinen Augen bislang DIE Überraschung unserer Bezirzungsversuche!

Geschrieben aus Berlin, Berlin, Germany.

Münzenberg 029 – Das literarische Trio: Der Gang vor die Hunde

Nach langer Zeit wieder da. Euer Lieblingsbücherclub gibt sich die Ehre und dies sogar mit 50% mehr Deutungskraft. Erstmals dabei der Empfehler des besprochenen Buchs höchstselbst – Noël! Wir freuen uns, euch diese Mal einen wahrhaft empfehlenswerten Leckerbissen zu präsentieren.

Progrès. Les Escargots non sympathiques

Kästners Meisterwerk, so die einhellige Meinung. Eindeutige Leseempfehlung für dieses frische und geistreiche Buch. Ein Buch wie es definitiv mehr bräuchte. Aber hört selbst.

Shownotes:

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Tschüss Winter – fuck the Pullis!

Unter diesem verheißungsvollen Motto wollten wir mit wehenden Fahnen für ein verlängertes Wochenende gen Adria hüpfen und von dort aus den letzten Zuckungen des hiesigen Winters tolldreist ins Gesicht spucken. So zumindest der Plan. Ein toller Plan, der uns in mancher graukaltfeuchter Stunde den klimatischen Zumutungen mit breiter Brust entgegentreten ließ. Entrückt kichernd streichelten wir in diesen dunklen Stunden jenen kostbaren Joker, der uns dann wenn es wirklich genug ist mit kalt, dunkel, grau in die Welt des Aufbruchs und des Neubeginns schleudern sollte. Doch es hat nicht sollen sein. Die eisige Mundfäule Väterchen Frosts, dessen Renteneintrittsalter scheinbar auch nicht unbeeindruckt von den irdischen neoliberalen Tendenzen zu sein scheint, weht unangenehm herüber bis zu den Küsten der montenegrinischen Sorglosigkeit. So bleibt es nun uns überlassen mit einer Mischung aus rheinischem Frohsinn, polnischem Fatalismus und ostdeutschem Schlendrian das Beste aus diesem Wochenende zu machen.

Und ja, es ist mir bewusst, dass Mutter Natur durchaus ein paar deutlich unangenehmere Pfeile im Köcher hat, um zu verdeutlichen, wie ihr Flugreisen gegen den Strich gehen.

Geschrieben aus Berlin, Berlin, Germany.

Bezirke bezirzen – achtes Kapitel: Ohne Bus nach Cottzug

Auf ein Wort, Cottbus! Ich will dir nichts vormachen, auch wenn ich versuchte unvoreingenommen und aufgeschlossen dir eine Chance zu geben, so sah ich es als relativ unrealistisch an, dass du in der Bezirksstadt-Rangliste nur annähernd gut abschneiden würdest. Als wir vor einem guten Jahr diese Entdeckungstour durch die einstigen Bezirkskapitalen begannen, trieb uns Neugier, Reiselust und, selbstverständlich, Aufgeschlossenheit der Peripherie gegenüber an. Doch in deinem Falle, ich will es offen gestehen, fiel mir der letzte Punkt doch deutlich schwerer. Etliche Umsteigeerlebnisse und ein vorangegangener Altstadtbesuch bestärkten mich in dem Eindruck, dass es sich bei dir um ein ganz und gar belangloses, unaufgeregtes und substanzarmes Städtchen handelt. Nicht schlimm, nicht schön – einfach nur das was der Anhalter so treffend als “größtenteils harmlos” bezeichnet. Doch nun bist du eben da und warst unzweifelhaft Bezirksstadt, auch wenn dir dieser Titel wohl damals schlicht aus Alternativlosigkeit zugefallen war (was gab es schon sonst zwischen Dresden und Berlin). Also ab nach Cottbus.

Die Kernkompetenzen des Bezirksstadtschlusslichts: Strom, Verkehr, Braunkohle und schiefe Oberleitungsmasten. Selten war die Neigung nach Erreichen des Ziels direkt die Rückfahrt anzutreten derart stark ausgeprägt.

Bedenkt man diese vorherrschende Grundstimmung, sollte man angesichts der arktischen Winde und der überwältigenden Gräunis, mit der uns die irrelevante Gurkenmetropole begrüßte, von einer denkbar schlechten Ausgangsvoraussetzung für die anstehende Stadtkritik ausgehen. Doch gar so schlimm sollte es dann gar nicht werden. Schließlich sorgen derart tief gesetzte  Erwartungen zumeist für ganz akzeptable bis annehmbare Erlebnisse. Schließlich gab es da den Branitzer Park, diese von Fürst Pückler (ja, dem mit dem Eis!) gestaltete Parkanlage weiß die eher unüberzeugenden Siedlungsversuche geschickt in den Hintergrund zu drängen.

Wasserpyramide mit Fürt Pücklers Grab. Der beste Hashtag des Ausflugs war geboren #fürstpücklereis

So stimmte uns dieser unverhofft romantische Winterspaziergang milde gegenüber den kommenden Zumutungen. Der anschließende Stadtrundgang hinterließ keine bleibenden Narben aber auch keine nachhaltigen Erinnerungen. Roter Backstein, Neubauglinker und dazwischen jede Menge Raum für bessere Ideen. Wir dinnierten ganz ausgezeichnet. In dieser Disziplin geht der letzte Platz dann wohl doch eindeutig nach Magdeburg und Cottbus strafte wacker all die bösen Zungen ab, von wegen Essen mitnehmen bei Brandenburgfahrten.

Doch letztlich waren wir dann doch alle recht froh wieder im warmen Zug gen Berlin zu sitzen. Auch wenn meine Reisegenossen wie üblich harmonisierend und vermittelnd herumnuschelten, dass es doch gar nicht so übel gewesen sei und man über den letzten Platz für Cottbus doch nochmal nachdenken müsse. Für mich eine klare wenn auch nicht einfache Sache. Angesichts des Umstands, dass uns nun nur noch Halle, Leipzig, Schwerin und Dresden bevorstehen, glaube ich einfach nicht, dass hier noch eine niedrigere Platzierung zu erwarten ist, aber realistisch gesehen gibt es für mich bis jetzt drei letzte Plätze. Da dies nun mal nicht sein kann, entscheide ich mich vor Ablauf der Bezirksstadtinspektion für einen eindeutigen Verlierer: Cottbus. Und das ist doch auch schon was. Endlich raus aus der Mittelmäßigkeit.

Geschrieben aus Cottbus, Brandenburg, Germany.

Die Welt ohne den besten Hund der Welt

Schluss. Aus. Vorbei. Am 15.2.2018 verlor ich einen Freund.

Sancho ist nicht mehr.

Sancho Pansa (* 18.9.2001, † 15.2.2018)

Und nein, ich möchte die narzistische und selbstreferentielle Jauchegrube namens Internet nicht um eine weiteren selbstmitleidigen Auswurf erweitern. Ich möchte hier vielmehr die Trauer umdrehen und diesem großartigen Hund ein Denkmal, nein ein Dankmal setzen. Genug Tränen raus und Whiskey reingeflossen – es war eine gigantische Zeit mit dem besten Hund der Welt! Lasst mich das Leben feiern!

Unauffällig und anspruchslos schlawienertest du unter meinen Knien durch mein Leben, so dass ich im Rückblick manchmal Mühe hatte, festzustellen, ob du überhaupt dabei warst. Genau die richtige Mischung aus skeptisch-distanziert und bedingungslos loyal. Keine Allüren, keine Macken – einfach ein ganz normaler Hund.

Und was hast du in diesen knappen 17 Jahren alles erlebt! Du hast mehr Berge erklommen als der Großteil einer durchschnittlichen Raterepublik überhaupt kennt, bist durch Flüsse und Meere geschwommen und hast mit Wölfen geheult. Bieszczady, Böhmen, Mala Fatra, Durmitor, der Ätna – um nur einige der schönsten Stationen zu nennen. Apropos Stationen: Eisenbahn! Der Muttermilch knapp entwöhnt, brachte ich dir schnell den Zauber des Schienenstrangs nahe. Fortan gehörte das sanfte Tam-Tam der Gleise zu deinem liebsten Wiegengeräusch. Der beste Hund der Welt kreuzte mit dem besten Verkehrsmittel der Welt quer durch den alten Kontinent. Doch neben all den Reisen warst du letztlich ein eingefleischter Stadthund. Genauer, eine richtiger Berliner Töle. Die verrauchten Kneipen des märkischen Molochs waren dir genauso vertraut wie die weitläufigen Parks. Auch Universität und Bibliothek waren selbstverständlicher Teil deines Reviers. Doch ein Hund wie du begnügte sich nicht mit einer Metropole: Dresden war zweifellos deine zweite Heimat. Dank massiver Arbeitseinsätze meinerseits lagerte ich dich unzählige Male hier bei meiner Mutter ab und obwohl ich nicht dabei war, weiß ich wie du dein Bestes gabst um Sachsen zu einer lebenswerten Region zu machen. Und schließlich kam dann auch noch die Liebe. Melana. Ein tapsiger Wolfsmischling aus den fernen Pyrenäen. Die Hingabe und Zuneigung war mit der du ihre Ohren Melanas auslecktest… Kinder bekamst du dagegen mit Zuma. Nennen wir es mal Zweckbeziehung. Den Freuden der Vaterschaft standest du jedoch zeitlebens ambivalent gegenüber. Schlussendlich fandest du sogar Eingang in die Literatur. Doch auch die Leiden des Lebens sollten dir begegnen. Schwere Hundekämpfe mit Nahtoderfahrung, ein Bandscheibenvorfall mit vollständiger Lähmung und die entwürdigende Demenz der letzten Monate.

Drei meiner großen Lieben in einem Bild: Vater, Tochter, Alte Försterei!

Was bleibt zu sagen? Danke für die großartige Zeit, für Stabilität, Liebe und Wärme. Und tschüss.

  • Wenn einer der geschätzten Mitstreiter noch tolle Fotos, speziell aus der frühen Zeit hat, immer her damit!

Geschrieben aus Kassel, Hesse, Germany.

Ein paar Blicke zurück

Was kann man im dunkelsten Januar seit Beginn der Wetteraufzeichnungen Besseres machen als sich Bilder vom vergangenen Italienausflug anzuschauen? Natürlich: diese Hoffnungsschnappschüsse mit anderen Ergrauten und resignierten Klimagenossen zu teilen. Es braucht nicht mehr lang, dann wird es auch hierzulande wieder erträglicher und wenn nicht, der nächste Zug wartet schon…

Geschrieben aus Berlin, Berlin, Germany.

Münzenberg – MZB028 – Das literarische Duo: Moby Dick

Und hinein geht’s in das verheißungsvoll glitzernde 2018 mit einem mächtigen Schinken. Einem der Schwergewichte aus der Kategorie “Kenn-ich-aber-noch-nie-gelesen”. Hier die wichtigsten shownotes zum Gesprächsverlauf:

Wahl des nächsten Buchs: 1. Die Entdeckung der Langsamkeit 2. Der Gang vor die Hunde 3. Frankenstein

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Alles hat Vor- und Nachteile