Kaukasucht

So, Kaukasus, du Mutter aller Gebirge, letzte wahrhaftige Grenze, Keimzelle von zahlreichen Hochkulturen und Heimat von noch zahlreicheren zänkischen Bergvölkern – nun ist es endlich soweit! Obwohl ich mich dir schon mehrere Male mit zaghaften Expeditionen schüchtern annäherte, heute ist der erste Tag einer Reise tief hinein in die Welt meiner innersten Wünsche und Bedürfnisse. Wir haben es gegen alle Widerstände möglich gemacht und sehr viel Zeit zusammengekratzt. Lass nun also die Spiele beginnen und uns gegenseitig begeistern! Meine Erwartungen sind zurecht sehr hoch. Die legendären armenischen Fettschwanzschafe über die Zunge hüpfen lassen, auf knapp 2000m in den größten Kauskasussee springen, knurrig-quietschenden Eisenbahnexzessen frönen, die idyllische Abgeschiedenheit Swanetiens genießen, wieder ein paar der 500 nur hier vorkommenden Weine entdecken, Schaschlyk, Chatschapuri, Tschtscha – oh là là!

“Blaue kaukasische Berge, seid mir gegrüßt! Der ganze Weltschmerz geht zum Teufel, das Herz schlägt und die Brust weitet sich, man ist in dieser Minute wunschlos glücklich.” (M. Lermontow)

Natürlich werde ich versuchen, wie gewohnt, frische Eindrücke möglichst schnell den vertrauenswürdigen Eilboten des Internets zu übergeben. Hier an dieser Stelle aber wahrscheinlich eher weniger, Vivaperipheria sehe ich immer mehr als das massive Flaggschiff meines Meinungsimperiums. Hier ist eher der Raum für abschließende Beurteilungen und ausführliche Empfehlungen. Für die tägliche Dosis Kaukasus empfehle ich in den nächsten Wochen vielmehr Twitter (für die schnell aus der Hüfte geschossenen Beobachtungen) sowie Instagram (für die etlichen, zu erwartenden visuellen Eindrücke eines ausgewiesenen Schnappschussologen). Praktischerweise habe ich beides elegant an beiden Seiten dieses Blogs präsentabel und klickbar hinzugefügt. 

Ratgeber: Wandern in der Malá Fatra

Das Wandern in den slowakischen Bergen wurde an dieser Stelle ja bereits einmal am Beispiel der Niederen Tatra in aller Ausführlichkeit ausgebreitet. Dieses Mal soll es nun um die Malá Fatra gehen. Und hierbei handelt es sich in meinen Augen um nichts Geringeres als das Prunkstück, das Sahnehäubchen, schlicht und einfach das Beste was dieses, an entzückenden Gebirgen reich gesegnete Land zu bieten hat. Wenn euch also der Hafer juckt, euch die Stadt über den Kopf wächst und ihr es einfach mal probieren wollt mit diesem Wandern und speziell mit dieser besonderen Form des Wanderns – ein Kamm, ein Rucksack, eine Woche – dann ist die Malá Fatra die beste Empfehlung. Dieser schnuckelige Gebirgszug, kokettiert mit den Reizen eines heranwachsenden Hochgebirges obwohl es der Höhe nicht mehr als ein prächtig entwickeltes Mittelgebirge ist. Die Ausstattung mit Hütten und die Markierung der Wanderwege ist mustergültig und nahezu vorbildhaft, wobei dennoch die Möglichkeit zum eigenständigen Übernachten in der Natur freundlich geduldet wird. Nicht zuletzt ist die Malá Fatra in der Westslowakei gelegen und gehört somit zu den, von Deutschland aus, schnellst erreichbaren bergigen Entspannungsregionen. Doch genug der Vorschusslorbeeren, hier ist der detaillierte Steckbrief für ungetrübte Wandergenüsse in der Kleinen Fatra!

Wanderung auf dem Kammweg der Malá Fatra

Komplettvariante: Bytča/Rajec bis Zázrivá (ca. 6 Tage)
Das Beste vom Besten: Strečno bis Zázrivá (2-3 Tage)

Andere Wissensquellen: Es finden sich erstaunlich wenige Erlebnisberichte, welches dieses fantastische Kleinod gebührend bejubeln würden. Recherchiert man im Internet findet man hauptsächlich die üblichen kommerziellen Angebote für organisierte Wanderungen und ein paar vereinzelte Wanderberichte aus dem Kinderstadium des Internets. So erschreckend wie erstaunlich. Umso wichtiger, dass ich diese kleine Zusammenfassung hier erstellt habe.

Hinsichtlich Kartenmaterials sei gesagt: Einen vorzüglichen Überblick der Wegstrecke bietet in gewohnt solider Manier das Online-Karten-Portal turistika.freemeap.sk. Echte Wanderkarten im Maßstab 1:50000 können vor Ort mühelos erworben werden.  Auch der Markt der Wanderführer im Totholz-Segment ist eigentlich nicht vorhanden. Abgesehen von antiquierten Ausgaben aus Vorwendezeiten und dem Bändlein aus dem freytag-berndt-Verlag gibt es kaum Lesestoff zur Vorbereitung auf die Fatra.

Anreise: Die Anfahrt ist wie bereits angedeutet, denkbar einfach und schnell. Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Mala-Fatra-Expeditionen ist Žilina. Dieses nette Städtchen kurz hinter der tschechisch-slowakischen Grenze erreicht man am stilsichersten im Schlafwagen. Zwei Züge fahren täglich von Prag über Žilina in die Slowakei ( “Bohemia”  22:19/4:34 oder “Slovakia” 23:59/5:47). Natürlich spricht auch nichts dagegen mit dem schicken Pendolino tagsüber gen Slowakei zu reisen. Einberechnet die zwei Nachtzugverbindungen verkehrt 16 Mal am Tag eine Direktverbindung zwischen Prag und Žilina. Tickets lassen sich entweder im voraus über das Internetportal von České dráhy erwerben oder klassisch am Fahrkartenschalter vor Ort. Wobei es in der Saison nicht schadet rechtzeitig vorher zu reservieren, so man mit dem Schlafwagen zu reisen plant. Tickets für den Liegewagen, früh genug gebucht, fangen bei €15 an, ein Tageszugticket schlanke €9,18. Willkommen im Eisenbahnparadies! Der Pendolino fährt übrigens 7:10 in Prag ab und kommt schon  4 Stunden und 24 Minuten später in Žilina an (Preis €12,22).

Der Schienenbus – ein treuer Geselle, stets bereit die leidigen Stellen ohne Berge zu überbrücken.

Herumreisen: Im Eisenbahnparadies geht dieses natürlich mit Leichtigkeit vonstatten. Alle wichtigen Einstiegspunkte ins Gebirge werden von zuverlässig brummenden Nahverkehrsverbindungen angefahren (ausgenommen Zázrivá, aber diesen Ort sehen wir aus später ausgeführten Gründen definitiv nur als Ausstiegspunkt). Abseits des prächtig ausgebauten Streckennetzes gibt es aber stets auch ein zuverlässiges Bussystem, welches die wenigen Lücken hervorragend auszustopfen weiß.

Die Malá Fatra im Überblick. Mit im Bild: das Geschwistergebirge Velka Fatra

Charakteristik des Gebirges: Die Malá Fatra ist ein Mittelgebirge am nordwestlichen Rand der Slowakei. Trotz der verhältnismäßig geringen Höhen (höchster Berg ist der Veľký Kriváň mit 1709m) weiß die Fatra über lange Strecken mit ausgedehnten Bergwiesen und felsigen Momenten zu bezirzen, die klarstellen, dass man bei weiten kein gewöhnliches, forstiges Mittelgebirge ist. Der Hauptkamm verläuft von Südwest nach Nordost und wird in der Mitte von dem Fluss Váh durschschnitten und trennt somit die Fatra in zwei Teile (ergo, man muss, so man die Fatra komplett durchwandern möchte, einmal all seine Höhenmeter vergessen und nochmals von vorn anfangen!) Der südwestliche Teil wird Lúčanská Fatra (nach dem höchsten Berg Veľká Lúka, 1.476 m) und der nordöstliche Teil Krivánska Fatra (nach besagtem Veľký Kriváň) genannt.

Ähnlich wie im Falle der Niederen Tatra unterscheiden sich die beiden Gebirgsteile derartig voneinander, dass man sie aber fast als verschiedene Gebirge wahrnimmt. Dies erklärt auch, dass die meisten nur die Krivánska Fatra bewandern und den südlichen Teil der Fatra verschmähen. Denn während der nördliche Abschnitt fast den gesamten Kamm über mit spektakulären Blicken ins Tal und bei guter Sicht auf die umliegenden Gebirge belohnt, und mit aufregenden Felspassagen und idyllischen Bergwiesen kokettiert, ist der südliche Teil ein eher zurückhaltender, größtenteils bewaldeter Gebirgszug.

Ich stehe beiden, im weiteren ausgeführten Wandervorschlägen, der Komplettvariante und die Rosinenpickervariante, aufgeschlossen gegenüber. Beide haben etwas für sich. Letztlich würde ich es eher von der vorhanden Zeit abhängig machen, wobei ein erstmaliger Fatrabesuch schon die komplette Erwanderung provoziert.

Regeln&Gesetze: Diesbezüglich möchte ich der Einfachheit halber einfach das bereits für die Niedere Tatra geschriebene zitieren: “Die Niedere Tatra Malá Fatra bietet dem zivilisationsmüden Naturfreund ungeahnte Möglichkeiten um sich im Herzen des sonst so zersiedelten und überregulierten Mitteleuropas auszuleben. Sicher, man sollte die angebrachten Schilder, welche auf gesonderte Rechte der Natur hinweisen, ernstnehmen. Hier gelten strengere Gesetze, die zelten, Lagerfeuer, ja, das schlichte Verlassen des Wanderwegs untersagen. Doch schon das einfache Kartenstudium zu Beginn der Wanderung zeigt die heiklen Schutzzonen, die auch dieser Kamm durchquert, so das man dies in die Planung aufnehmen kann und es vermeidet hier übernachten zu müssen. Zudem bieten sich manche lebensfeindlichen und windzerzausten Gegenden per se nicht zum Übernachten an. Doch so man Wanderkarte wie Hinweisschilder aufmerksam im Auge behält, sind die Gelegenheiten für ein freies und wildes Pfadfinderabenteuer hier noch recht ungefährdet. “ Dies gilt uneingeschränkt auch für die Malá Fatra, wobei hinzuzufügen sei, dass der südliche Teil noch einen deutlichen Zacken unbesuchter und wilder ist als der eher im touristischen Schlaglicht stehende nördliche Teil.

Jeder Feierabend ein Genuss für alle Sinne.

Ausrüstung&Fitness: Ich zitiere erneut: “Dieser Kammweg [in diesem Fall anwendbar auf die Komplettvariante] ist für mittelfitte Wanderer locker in einer Woche zu schaffen. Hier können schon gering erfahrene Wanderer erste Meriten sammeln. Zur Ausrüstung muss nicht viel gesagt werden. Der normale Goldstandard für draußen: festes, knöchelhohes Schuhwerk mit ausreichend Profil und optionalen Gamaschen, Regenschutz, Zelt, Schlafsack, Taschenlampe, Messer, Kocher, Proviant (für drei Tage, den Rest kann man auf den Hütten oder in Dörfern dazu kaufen).”

Besonderheiten: Der durchgängig rot markierte Kammwanderweg ist aktuell als E3 Teil des europäischen Fernwanderwegnetzes. Diese altehrwürdige Eminenz unter den Fernwanderwegen führt auf knapp 7000 km von der portugiesischen Atlantikküste bis an den bulgarischen Goldstrand. Er ist gleichermaßen Teil des Jakobweges wie auch Nachlassverwalter des ruhmreichen “Bergwanderweg der Freundschaft Eisenach–Budapest”, kurz EB-Weg. Das herausragende Gefühl, mittels eines Kammwegs über dem kleingeistigen Einerlei des Tals hinwegzuwandern gewinnt dank solcher Eigenschaften natürlich ohne Zweifel noch deutlich hinzu.

Routenempfehlung: Laufrichtung Ost-West oder West-Ost?

Es ist merkwürdig, so oft ich den Kammweg der Malá Fatra gelaufen bin, lief ich stets von West nach Ost. Ohne viel darüber nachzudenken, doch als ich es dann doch einmal tat, fiel mir auf dass es triftige Gründe für diese Laufrichtung gibt. Zum einen ist aus dramaturgischer Sicht die Steigerung der Reize und Genüsse in diese Richtung einfach gelungener und zum anderen erreicht man das westliche Ende schneller und unkomplizierter wenn man von Deutschland kommt. Abgesehen davon spricht rein gar nichts gegen die entgegengesetzte Laufrichtung.

Komplettvariante: 1. Tag, Aufwärmetappe, von Bytča bis an den Fuß der Malá Fatra

Dieser Tag hat eigentlich noch gar nichts mit der Malá Fatra zu tun. Zwar sollte man den mächtigen Gebirgskamm fast den ganzen Tag am Horizont erblicken können, doch die Handlung dieses Tages spielt sich komplett außerhalb der Fatra ab. Ich wähle diesen Einstieg dennoch immer wieder gerne da er die perfekte lockere Aufwärmrunde ist und zudem durch dieses entzückende kleine Felsgebirge namens Súľovské vrchy führt. So man etwas weniger Zeit hat, keine Aufwärmrunde braucht oder sonstige Gründe hat, kann man natürlich auch problemlos den Einstieg direkt in Rajec wählen. Auch hierhin kommt man einfach und bequem von Žilina mit der Bahn (37 Minuten Fahrt).  Folgt man jedoch meinem Vorschlag steigt man in Žilina in den Zug nach Bytča (stündlich, 19 Minuten Fahrzeit) und beginnt hier eine der schönsten Wanderungen seines Lebens. Der Einkauf von Proviant und anderen Lebensmitteln in Žilina ist ratsam aber nicht dringend notwendig da wir auf dieser Etappe noch zwei Dörfer kreuzen. Es sei denn die Zeit erfordert es denn die Öffnungszeiten in der Slowakei sind speziell auf den Dörfern teilweise sehr rigide. Es empfiehlt sich daher im Vorfeld der Anreise kurz die Öffnungszeiten in den jeweiligen Supermärkten zu checken um keine böse Überraschung zu erleben.

Steigt man am Bahnhof aus, muss man nur dem Leuchtfeuer der Kneipen folgen um den richtigen Wanderweg zu finden. Die Bar direkt am Bahnhof weist in die Richtung in die man der Straße folgen muss und sobald man nach wenigen Metern auf der rechten Straßenseite erneut in einer Kneipe sitzt, ist man schon zu weit. Kurz davor biegt der blaue Wanderweg ab und führt uns nach einer kleinen Siedlung sanft über Wiesen bergan. Schon nach 1-2 Stunden erreicht man Wald und die Súľovské vrchy. Sollte man sich hier zur richtigen Zeit anfinden, bietet sich diese Gegend auch definitiv zum Übernachten an. Jede Menge moosweiche Schlafplätze und auf einem der Felsen sitzend ein erhabener Ausblick ins Abendrot. Doch in der Regel hält sich die Wanderung hier nicht länger auf. Die Route zweigt vom blauen auf den roten Weg ab bis pod Roháčom erreicht ist. Ab da an geht es auf dem grünen Weg weiter. Der grüne Strich wird unsere Markierung bleiben bis wir den Kamm der Malá Fatra erreicht haben. Nach den Felsen wird das kleines Dörfchen Súľov (Einkaufsmöglichkeiten in kleinem Laden) durchquert. Die Strecke bis Rajec folgt einem gemütlichen Bergkamm und ist hervorragend zum Einlaufen geeignet. Rajec bietet letztmalig vor dem Kammaufstieg Einkaufs- und Restaurationsmöglichkeiten. Hiernach muss eine leider sehr langweilige schnurgerade Asphaltstraße bewältigt werden um den Fuß der Malá Fatra zu erreichen. Sobald man die waldigen, menschenarmen Gebiete erreicht hat, finden sich hier zahlreiche einladende Biwakplätze. Der, den Weg begleitende Bach bietet zusätzlichen Komfort.

Gesamtstrecke: ca. 30km; Höhenmeter: ca.1200m

2. Tag, vom Fuß der Malá Fatra (bei Rajec) bis zum Minčol 

Für den heutigen Tag ist das hier notierte Ziel Minčol lediglich ein Orientierungspunkt. Irgendwo auf dem Kamm wird man letztlich nächtigen, da das komplette Durchwandern der Lúčanská Fatra etwas übertrieben wäre und auch bedacht werden sollte, dass man es vielleicht so einrichten mag, dass am nächsten Tag nur der Abstieg und nicht auch noch der erneute Aufstieg in die Krivanska Fatra anstehen sollte. Es spricht daher nichts gegen ein Plätzchen deutlich vor dem Minčol und einem ausufernd exzessiven Frühstück um den ersten Tag auf dem Kamm gebührend zu feiern.

Speziell die Lúčanská Fatra bietet sich in nahezu jedem Moment als gastfreundlicher Ort für ein gemütliches Zeltlager an.

Doch vor all diesen Genüsslichkeiten steht einer der heftigsten Aufstiege dieser Wanderung. Folgt der grüne Weg anfangs noch dem Bachverlauf und steigt daher eher gemächlich an, ist es damit nach Erreichen des Sattels und des roten Wegs vorbei. Die knapp 400 Höhenmeter, die einem hier auf weiniger als einem Kilometer abverlangt werden, gehen schnurgerade und unerbittlich den Berg hoch. Nicht schön und bei feuchtem Wetter dank des Lehmbodens auch nahezu unmöglich zu erklimmen.  Nachdem man dann jedoch oben auf dem Hnilická Kýčera (1218m) sollte man tief durchatmen, seinen Blick über das Tal schweifen lassen und dich an dem Gefühl erfreuen, dass man den Kamm erreicht hat. Ab hier folgt der Weg dem natürlichen Höhenprofil des Kamms. Dies beinhaltet kleinere Abstiege und Aufstiege, doch prinzipiell ähnelt der Weg einem harmlosen Waldspaziergang mit zwischenzeitlicher prächtiger Aussicht.

Grand Hotel Partyaán

Ein wunderschöner Übernachtungsplatz (insbesondere bei schlechtem Wetter!) ist die Bergwiese Horná Lúka (1299m). Hier steht für jedermann die Schutzhütte Gran Hotel Partyzán zur Verfügung und wenige Meter die Wiese hinab gluckst eine klare Bergquelle aus dem Gras hervor – luxuriöser kann man es kaum haben! Derlei dem Gemeinwohl bereitgestellte Hütten heißen hierzulande útulňa und sind ein wahrer Segen für jeden der die Einsamkeit der Berge dem Gerangel überfüllter Chatas vorzieht. Doch natürlich kann man auch weiterlaufen. Der weitere Weg nähert sich dann langsam den höchsten Erhebungen dieses Gebirgsteils. Auf dem namensspendenden, höchste Berg Velká Lúka (1476m) befindet man sich schneller und müheloser als man vermuten würde. Hiernach sieht man rechterhand zahlreiche Lifts und diverse, dem Wintersport gewidmete Berghütten. Wenn man Glück hat, kann man hier klopfen und bekommt zu rechten Zeit ein kühles Getränk gereicht. Danach wird der Weg wieder deutlich waldiger und nach der letzten Aussicht, dem mit jeder Menge alter Partisanengeschütze bespicktem Minčol, geht es dann endgültig hinab in die Klamm. All die kostbaren Höhenmeter müssen hier wohl oder übel abgetreten werden.

Stumme Zeugen für Lärm und Zerstörung – der südliche Gebirgsteil ist ein einziges Freilichtmuseum.

Gesamtstrecke: ca. 25km; Höhenmeter: ca. 1200m

3. Tag, vom Minčol bis zur Chata pod Suchým

Auch für diese Etappe ist etwas Vorerklärung nötig. Ich für meinen Teil versuche es zu vermeiden an einem Tag solch einen gewaltigen Abstieg UND Aufstieg zu absolvieren. Die Wiesen hinter Strečno  bieten sich dabei auch noch mehr als an um hier zu nächtigen. Da jede Wanderung ihre eigene Dynamik und ihren eigenen Zeitplan entwickelt, sind die Etappen hier eher als grobe Einheiten zu verstehen, die auftauchenden Empfehlungen für Übernachtungsplätze dagegen sollte man schon eher als relevante Markierungspunkte für die eigene Planung in Betracht ziehen.

Doch gehen wir diese Etappe einmal ab: Der Abstieg hat es wirklich in sich. Strečno liegt auf unfassbaren 360 m.ü.M. und do heißt es mal locker 1000 Höhenmeter zu verlieren. Dafür ist der Empfang im Dorf überaus nett gestaltet. Direkt am Dorfeingang, unmittelbar am roten Wanderweg ist eine schnucklige Kneipe in den Fels gehauen. Hier gibt es nicht nur Bier sondern auch einfache Hausmannskost. Sodann führt der Weg über eine schmale Fußgängerbrücke über die Váh um dann sehr bald das Dorf schon wieder zu verlassen. Die saftigen Wiesen, welche sich hier unter der malerischen Burg, die über dem Durchbruch thront, ausbreiten, kann ich wärmstens für ein Nachtlager empfehlen. Im Dorf können natürlich auch ggf. die Proviantbestände aufgefüllt werden.

Ab hier beginnt auch die zweite Variante Das Beste vom Besten: Strečno bis Zázrivá”. Wählt man diese Route so sollte man von Žilina die zwei Stationen bis Nezbudská Lúčka/Strečno (11min) fahren. Achtung, die Bummelzüge die hier halten, sind einzig jene der Kategorie OS. Ihr Ziel lautet entweder Poprad oder Košice, außerdem sollte man nach dem Einsteigen eigentlich schon recht bald aufmerksam am Ausgang stehen, denn die gewünschte Station ist kurz und leicht zu übersehen. Nichtsdestotrotz gibt es selbst an einem solch verlassenen Zwischenhalt direkt eine nette, freundliche Kneipe. Hier kann man sich entspannt auf den drohenden Aufstieg vorbereiten.

Da lugt sie schüchtern hervor, dieser zuverlässige Garant für Bier, Obdach und eine warme Mahlzeit.

Um das heutige Etappenziel, die Chata zu erreichen, gibt es drei Möglichkeiten: die klassische Variante, der rote Weg, führt an der verlassenen Burg vorbei und hat einen recht kontinuierlichen, berechenbaren Steigungsgrad, der blaue Weg führt an der Burg vorbei und nimmt einen streckenweise hysterischen Anstiegscharakter an und zu guterletzt sei auch die vom blauen Weg links abgehende Straße zu empfehlen. Dies ist die kürzeste aber eben auch unspektakulärste Variante um den ersten Schub der erforderlichen Höhenmeter zu erreichen. Die Chata pod Suchým gehört zu einer der schönsten Chatas, die ich persönlich kennengelernt habe. Hier gibt es wohlige Entspannung in gelassener Bergatmosphäre zu fairen Preisen mit netten Leuten. Wirklich überlaufen ist diese Chata, am Wahrnehmungsrand des erlebnisorientierten  Tourismus gelegen,  auch nur äußerst selten.

Gesamtstrecke: ca. 18km, Höhenmeter: ca. 1000m runter, 700m hoch

4. Tag, von der Chata pod Suchým bis zu Chata pod Chelbom

Mit dieser Etappe öffnet die Fatra langsam die Schatzschatulle in der sie ihre Kronjuwelen verwahrt hat. Ich kann jeden verstehen, der sich nur dieses Sahnehäubchen aussucht und den waldigen Teil der Fatra links liegen lässt. Daher sind die Etappen hier auch großzügiger angelegt, da ich dazu auffordere diesem Kamm, so man gutes Wetter hat, mit ausgiebigen Pausen zu genießen.

Kurz hinter dem Suchý erstrecken sich für die nächste Zeit traumhafte Bergwiesen mit freiem Blick in beide Täler und auf beide Tatras. Zentral im Bild der kleine Krivan.

Die Chata befindet sich auf 1075 m.ü.M. und da wir auf dieser Etappe über die höchsten Punkte der Fatra wandern, steht uns also noch einiges bevor. Die Chata ist dennoch ein idealer Ausgangsort für den Tag, da man einen großen Teil des Aufstiegs schon hinter sich hat und somit ohne allzu viel Anstrengung den Kammweg genießen kann. Nachdem man den Namensparton der Chata, den Suchý (1468m) erklommen hat, ist das Gröbste erledigt.  Nach einigen leichten Klettereien über den anfangs sehr felsigen Kamm wird man mit sanften Anstiegen über Malý Kriváň (1671m) und Pekelnik (1609m) – der Velký Kriváň (1709m) ist fakultativ da es ein Gipfelabstecher vomn roten Weg aus ist – zu einer Liftstation am Snilovské sedlo (1524m) geleitet (bis 17 Uhr gibt es hier gastronomisch was zu holen!) .

Rein gar nichts spricht natürlich gegen das Auslassen der beschriebenen Chatas. Ein Bett unter freien Himmel findet sich immer. Blick von der Krivanska Fatra auf Žilina.

Von hier aus ist es über den grünen Weg nur noch ein Katzensprung bis zur Chata pod Chlebom, wo man für einen symbolischen Euro problemlos davor zelten darf. Diese Chata ist aufgrund der Liftnähe und weil sie im Epizentrum der touristischen Höhepunkte liegt, gerne sehr voll bis ausgebucht.

Gesamtstrecke: 12km, Höhenmeter: knapp 1000m

5. Tag, von der Chata pod Chlebom bis zum Sedlo Medziholie

Die Kürze dieser Etappe mag den einen oder anderen stutzen lassen, doch hier spricht der Kammgourmet aus mir und es gibt sehr gute Gründe für meine Empfehlung. Der entscheidende Punkt neben dem Rat nach drei harten Wandertagen immer etwas Ruhe einkehren zu lassen ist die Wiese auf dem Sedlo Medziholie. Diese Bergwiese gehört zu den idyllischsten und inspirierendsten Orten die ich auf all meinen Reisen je erleben durfte.

Zwischen zerklüfteten Backenzahn und gelassenen weiblichen Formen – eine der schönsten Wiesen der Welt!

Zwischen Bergen die gegensätzlicher nicht sein könnten, dem karstigen, zackigen Veľký Rozsutec (1610m) und dem samtenen, weichen Buckel namens Stoh (1608m) befindet sich eine der schönsten Bergwiesen, die ich kenne. Eigentlich ist schon allein diese Wiese Grund genug um sich in die Malá Fatra aufzumachen. Da dieser Sattel auch schon wieder jenseits der touristisch relevanten Gipfelregion ist, kann man hier die Stille der Bergeexzessiv genießen. Medzieholie (1185m) verfügt neben zahlreichen exklusiven Terassenwiesen auch über eine eigene Quelle, so dass dem ausschweifenden Genuss des Draussenseins keine Grenzen gesetzt sind. Und im Angesicht des Umstands, dass es nach dieser Wiese nur noch Abstieg und Zivilisation gibt, bleibt man doch gern noch etwas länger.

Gesamtstrecke: 10km; Höhenmeter:  ca. 700m 

6. Tag, Auslaufen von Sedlo Medziholie nach Zázrivá

Natürlich spricht an so einem Ort nichts gegen ein ausführliches Frühstück und ein gepflegt in die Länge gezogenen Aufbruch. Doch irgendwann muss es dann doch losgehen und so stehen zwei Alternativen für den Abstieg im Angebot. Zweifellos ist der Klassiker, der rote Weg nach Zázrivá, wobei absolut nichts dagegen spricht auf den letzten großen Aufstieg des Veľký Rozsutec hierbei zu verzichten und mithilfe des blauen Wegs den Berg zu umgehen. Mit großem Rucksack ist die Wegführung des Roten eine eher langwierige Plackerei. Ich rate vielmehr dazu, nachdem das Lager in Medzieholie aufgeschlagen ist, diesen Berg wie auch den Stoh, also beide Pole dieses kleinen Bergplaneten, ohne Gepäck nacheinander zu erklimmen. Ein gelungener Abschluss einer wundervollen Woche in den Bergen.

Über den Wolken… ist so so manches mehr als die Freiheit grenzenlos.

Für den Abstieg empfehle ich also entweder hier den blauen Weg zu nehmen, welcher sich dann mit dem Roten am sedlo Medzirozsutce wieder vereinigt um dann nach einem kleinen Aufstieg abrupt hinunter  zu fallen und erst in dem verschlafenen Zázrivá endet. Man kann aber auch den blauen Weg in die andere Richtung nehmen und über den auslaufenden Kamm gen Párnica laufen. Der unschlagbare Vorteil hierbei wäre, dass Párnica an die Eisenbahn angeschlossen ist, während man von Zázrivá erstmal mit dem Bus vorlieb nehmen muss. Ansonsten gleichen sich die Strecken von Länge und Anspruch relativ. Die Route nach Zázrivá kann allenfalls für sich in Anspruch nehmen, etwas reizvollere Ausblicke zu bieten. Über ausgezeichnete Schlafplätze auf den Feldern am Dorfrand verfügen beide Alternativen.

Gesamtstrecke: ca. 20 km; Höhenmeter: etwa 700m

Mögliche Anschlusswanderungen: Der besagte ruhmreiche E3 aka EB kommt hier auf ziemlich bedenkliche Abwege in dem er uns durch jede Menge unspekatkuläre Forstgebiete hin zum Stausee von Trstená führt um dann hinter Zakopane quasi die Vorberge des Vorgebirges der Hohen Tatra zu queren. Nein, so sehr ich vom Goldstandard des EBs überzeugt bin, hier zeigt die Wegführung eindeutig Schwächen auf. Solltest du also nicht zu den schätzenswerten Verrückten gehören, die sich vorgenommen haben, einmal den gesamten Weg von Eisenach nach Budapest zu wandern, rate ich von dieser Anschlusswanderung ernsthaft ab.

Dagegen bieten sich zwei Leckerbissen in direkter Nähe eher an. Gefällt einem das bisher Erlebte und will man das Niveau nicht ansteigen lassen, käme zweifellos der große Bruder, die Veľká Fatra in die nähere Auswahl. Ähnlich wie die Malá Fatra handelt es sich bei diesem, südlich gelegenen Mittelgebirge um eine mit reichlich Wald, Bergwiesen und Felsen ausgestattete Schönheit. Auch hier gibt es einen wunderschönen Kammweg den man gemächlich laufend in 3-4 Tagen absolvieren könnte. Für den Anschluss muss man nicht einmal in einen Zug steigen. Von Párnica kommt man innerhalb weniger Stunden über Stankovany und Korbelka auf den roten Weg, der einen ohne viele Umstände auf den Kamm der Großen Fatra führt.

Westtatra – für den kleinen Niveauanstieg danach.

Die andere Alternative wäre die Westtatra (Západné Tatry). Diese alpine Ouvertüre von dem was dann später in der Hohen Tatra kulminiert, stellt den Wanderer aber schon vor größere Herausforderungen. Hier gibt es beispielsweise keinen durchgehenden Hauptkamm, die Anstiege sind deutlich höher und das Niveau der der Wanderwege steigt enorm. Außerdem ist hier das Wetter sehr unbeständig und wirklich nur in den Sommermonaten überhaupt denkbar. Wer sich von alldem nicht abschrecken lassen will, dem sei empfohlen im Tal angekommen eine Verbindung nach Zuberec oder Huty (beides nur mit Bus zu machen) zu ermitteln. Dies sind jeweils aus meiner Sicht die besten Einstiegspunkte für eine Wanderung in die Westtatra.

 

Weiterführende und hilfreiche Links:

Hütten auf dem Kammweg

 

 

 

Bezirke bezirzen – zehntes Kapitel: Unter Hallunken und Hallodris in Halle

Das vorvorletzte Kapitel begann mit eitel Sonnenschein und bester Bezirksstadtentdeckerlaune. Ich war ausnahmsweise schon Mal vorgefahren da ich in familiärer Mission die Design-Avantgarde unserer Republik bestaunen durfte.

Die eigentliche Entdeckertour begann am nächsten Tag mit vereinten Kräften. Ein erster Blick offenbarte neben reger Bautätigkeit und massiver Friseursdichte eine sympathische, frische Stadt. Wir schlenderten entspannt durch die Altstadt, erklommen die Hausmannstürme und riefen unser aktives Allgemeinwissen über Halle ab: Genscher und Händel.

Rliebt in Halle? Diverse Möglichkeiten verdeckt der Daumen, doch wir verraten locker es heißt “Verliebt in Halle”. In meinem Falle korrekt in seiner geballten Doppeldeutigkeit.

Danach spazierten wir, von der angestauten Hitze angemattet, hinab zum Saalestrand um bei leichtem Geplauder die heißesten Stunden zu überstehen. Vom Baden sahen wir dann doch ab nachdem wir die Schlammigkeitsgrad des zweitlängsten Nebenflusses der Elbe als zu hoch eingestuft hatten.

Fachwerkinnenleben – Inneneinsichten in eine bewegte Vergangenheit.

Auf dem Weg zum vorletzten WM-Spiel, welches wir auf der zauberhaften Peißnitzinsel genießen wollten, stolperten wir über einen unerwarteten Leckerbissen: eine wunderschöne Pioniereisenbahn. Bislang war ich in meinem tadelswerten Scheuklappendenken immer davon ausgegeangen dass neben Dresden nur noch Leipzig und Berlin über so etwas verfügten.

Wieso “heimliche Liebe”? Zu dieser Neigung stehe ich!

Doch weit gefehlt! Wie ich einem am Fahrkartenschalter entnommenen Parkeisenbahn-Quartetett entnehmen durfte, gibt es noch ganze 10 Bahnen mehr. Dräute da gar ein neues Reisemuser nach Ablauf der Bezirksstadt-Tournee heran.

Crispendorf? Vatterode? Nie gehört! Rreizvollen Reiseziele gibt es scheinbar mehr als Sand am Meer.

Der Rest des Tages verfloss schnell bei Fußball und traditionellem Brauhausbesuch. Viel zu früh mussten wir zum Bahnhof eilen, denn seit der Herrschaft der Hochgeschwindigkeit sind die Nahverkehrsverbindungen schon arg entschleunigt. So schauen zunächst einmal voller Vorfreude auf unsere beiden letzten Leckerbissen in der Bezirksstadtgala: Dresden und Leipzig! Was soll da schon schiefgehen?!

 

Münzenberg 30 – Das literarische Trio: Die Elenden

Endlich! Es ist vollbracht. Die Elenden sind vernascht und wir bereuen nichts. Jedenfalls fast nichts. Zwischen “kann man machen” und “unbedingt lesenswert”. Aber hört selbst!

Shownotes:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Buchempfehlungen: Würde von Gerald Hüther; Theseus von André Gide; Schnelles Denken, langsames Denken von Daniel Kahnemann; Utopia von Thomas Morus; Qualityland von Marc-Uwe Kling; Grau von Jasper Fforde; Der lange Kosmos von Terry Pratchett und Stephen Baxter

Das nächste Buch: Transit von Anna Seghers

gewinnt gegen “Ansichten eines Clowns” und “Herr der Fliegen”

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Gedser geht sehr

Nach längerer Zeit machte sich die Reisegruppe “Gute Nachbarschaft” mal wieder auf den Weg. Dieses Mal war nach Schweiz, Österreich, Tschechien und Polen, entgegen dem Uhrzeigersinn nun Dänemark dran. Wir blieben auch gleich nach der Überfahrt hängen und genossen so die wahrscheinlich mit Abstand kleinste Siedlung dieser Reisereihe – Gedser (800Ew.). Wen mag es dabei verwundern, das unser kleinstes Nachbarland (Hört mir auf mit Luxemburg!) folgerichtig auch mit der kleinsten Delegation aus dem Wedding beehrt wurde. Doch das tat der üblichen Entdeckerfreude und dem nachbarschaftlichen Kennenlernen keinen Abbruch. Wir nehmen mit: der Däne hat es gern still, Smørrebrød ist eine vollwertige Mahlzeit und øl ist teurer als Öl. Ich zumindest mag das kleine Land im Norden, auch wenn ich es nicht allzu oft machen kann, da ich im Anschluss immer zwanghaft alle Filme der Olsenbande bingen muss.

Ratgeber: Oder-Neisse-Friedensradweg

Unter all den Radwegen, die jenes menschenleere Gefilde, welches gemeinhin auch unter der Bezeichnung Brandenburg bekannt ist, durchqueren, sticht der Oder-Neisse-Radweg mit einigen Finessen hervor. Schließlich schlängelt er sich unter anderem durch die Landkreise Uckermark, Görlitz und Vorpommern-Greifswald – ihres Zeichens die Landkreise mit der jeweils geringsten Bevölkerungsdichte in ihren Bundesländern. Zudem hat man mit dem Nachbarland Polen, welches man auf diesem Radweg nur selten aus den Augen verliert, stets eine willkommene Abwechslung zum schläfrigen Randzonengebiet und immer bestes, mobiles Internet.

Dem Abendbunt entgegen – Ödnis muss nicht immer grau sein.

Nach mehreren Ausflügen an den Zweistromweg habe ich ihn zwar immer noch nicht komplett abgefahren. An beiden Enden franst der Radweg noch ins geheimnisvoll Umwitterte ab. So betreffen also meine hier getroffenen Aussagen, die Strecke vom sächsischen Rothenburg bis hinauf ins pommersche Löcknitz. Die eigentliche Ausdehnung vom tschechischen Nova Ves bis zum haffigen Ückermünde habe ich bislang noch nicht genießen dürfen.

Andere Wissensquellen:  Eine akzeptable Onlinestimmung könnt ihr bei oder-neisse-radweg.de oder  www.oderneisse-radweg.de erhalten. Ein vorzügliche Vorbereitungsressource bei Radwanderungen jeglicher Natur ist auch stets das radreise-wiki. Hier findet sich eine solide und schnörkellose Tourbeschreibung mit allen notwendigen Koordinaten. Daneben gibt es selbstverständlich auch Offlinequellen wie die bewährten wetter- und reißfesten Tourenbücher von bikeline.

Anreise: Für uns Molochbewohner gehört die Anreise wohl zu den leichteren Aspekten dieser Radreise. Nach einer bizarr kurzen Zugfahrt kann man aus den staubigen und überquellenden Straßen in Gegenden torpediert werden, die Enzyklopädien das Symbolbild für Einsamkeit liefern könnten. Zahlreiche Zugstrecken kreuzen den Oder-Neisse-Radweg. Zur Auswahl stehen die direkt von Berlin zu erreichenden Ziele: Frankfurt (Oder), RE1, Küstrin-Kietz, RB28 und Schwedt (Oder), RE3. Mit einmal in Frankfurt (Oder) Cottbus umsteigen kann man aber auch leicht einen südlicheren Einstiegspunkt wie Eisenhüttenstadt, Guben oder Forst auswählen. Um den Radweg ganz sauber von Anfang an zu fahren, ist ein wenig Aufwand mehr nötig. Ückermünde ist von Berlin aus nach einmaligen Umsteigen in Pasewalk innerhalb von knapp 3 Stunden per Bahn zu erreichen. Bei Nova Ves wird es schon etwas schwieriger: fünfeinhalb Stunden und Umstiege in Cottbus, Zittau und Liberec wären für dieses Unterfangen nötig. Den Wahnwitzigen unter euch sei noch gesagt, dass es auf polnischer Seite einen Zwillingsweg geben soll. Doch nach einer ausführlichen Expedition in die Raderepublik Polen machten wir Erfahrungen der Art, dass wir vom Radfahren in unserem geschätzten Nachbarland vorerst Abstand nahmen.

Übernachten: Auch wenn es sich hier fraglos um recht unbesiedelte Gebiete handelt, durch die man radelt, allein durch die wachsende Popularität des Fernradwegs sind etliche Unterkünfte an ihm entlang emporgeschossen. Diese lassen sich mühelos mit den oben genannten Informationsquellen entdecken oder auch einfach auf offener Strecke vom Wegesrand ablesen. Doch für den Oder-Neisse-Gourmet empfiehlt es sich natürlich den Tag draußen nahtlos in die Nacht übergehen zu lassen und die freie Natur ohne lästige Unterbrechung zu genießen. Gelegenheit hat man hierzu wahrlich genug. Wer diesbezüglich noch ein paar Tipps braucht, liest mein frisch herausgekommenen Wildzelten-Ratgeber.

Charakteristik der Strecke: Die gesamte Strecke beträgt 538 km, ist also in Anbetracht der gut ausgebauten Wege und des größtenteils ebenen Verlaufs in einer guten Woche zu schaffen. Ich tendiere dazu den Weg grob in drei Teile aufzugliedern:

  • Vom bergigen Dreiländereck ins Flachland – von Nova Ves bis Forst
  • Von der Lausitz in den Oderbruch – von Forst  bis Schwedt
  • Der platte Rest – Von Schwedt bis ans Haff.
Der Protagonist des ersten Teils -die Lausitzer Neisse

Der hügelige Teil im Süden wird Richtung Zittauer Berge und Liberec mit Sicherheit noch zunehmen. Der von mir befahrene Teil beendet seine Hügeligkeit von Rothenburg aus gesehen ein paar Kilometer vor Forst. Obzwar dieser Streckenabschnitt hier als hügelig bezeichnet wurde, kann man dennoch, selbst mit mittelfiter Erscheinung ohne viel Anstrengung Kilometer machen. Wenn man von Norden kommt, sollten die kurvigen Etappen mit abwechslungsreicherer Vegetation und der immer versteckter agierenden Neisse einen wahren Hochgenuss darstellen. Nach all der Plattheit sollte dies definitiv nochmal ein gelungener Wachmacher sein. Desweiteren locken auf dieser Etappe reichlich Außergewöhnlichkeiten, die eine kurze Erwähnung wert sein sollten. Die Altstadt von Görlitz sollte für den schöngeistig gesinntem Radler ein Muss sein. Diese alte, reiche Handelsstadt, welche im Krieg kaum zerstört und in den letzten Jahrzehnten edelst restauriert wurde, weiß als überbordender Schauplatz von Renaissance, Barock und Gotik zu überzeugen.

Fürst-Pückler-Park- verstörend betörend

Der nächste Höhepunkt auf der Strecke ist der in Bad Muskau gelegene Fürst-Pückler-Park. Dieser Park, welcher als der größte Landschaftspark Zentraleuropas im englischen Stil gilt, wurde ebenfalls in den letzten Jahrzehnten liebevoll restauriert und  kommt schockierend betörend daher. Der größere Teil des Parks befindet sich in Polen und ist durch mehrere bezaubernde Neissebrücken miteinander verbunden. So behaupte ich einfach mal, dass man wohl kaum schöner in Polen einreisen kann als bei einem Besuch in diesem einzigartigen Park.

Eines von vielen Instagram-Epizentren. Man denke sich nur wie schön es hätte sein können, wenn sie das Wasser nicht abgelassen hätten.

Nicht ganz auf der Stammstrecke aber einen Abstecher wert ist der Azaleen- und Rhododendronpark Kromlau. Hier kann man zur richtigen Jahreszeit in einem unbeschreiblichen Blütenmeer waten und zu jeder anderen Jahreszeit die spektakuläre Konstruktion der Rakotzbrücke bestaunen. Zur Entfernungsorientierung Rothenburg- Forst: 70km

Kommen wir nun zum großen Mittelteil: Von der Lausitz in den Oderbruch. Genaugenommen befinden wir uns auch schon zuvor in der Lausitz, denn das gesamte Gebiet bis Zittau gehört zu dieser Region, genauer zur Oberlausitz. Nachdem wir das waldige und abwechslungsreiche Stück bis Forst absolviert haben, befinden wir uns dann aber definitiv in der Niederlausitz. Ab Forst ändert sich der Charakter der Strecke. Wenn sich aufgrund des Terrains zuvor der Radweg sehr oft vom Flusslauf (der hier noch ein weitgehend naturbelassen ist) entfernt, so bleiben wir nun fast immer in Sichtweite. Der Weg wird immer ebener und schnurgerader und nutzt vielfach die angelegten Deiche für die Streckenführung. Zu Forst ist nicht allzu viel zu sagen, es sei denn man möchte nach den zwei zuvor erlebten Parks noch einen drauf setzen. In Forst kann man sich mit Rosen vergnügen – der Ostdeutsche Rosengarten wartet auf erlebnishungrige Floristen. Offensichtlich ist der exaltierte Kleingärtner in dieser Region mehr als einmal auf offene Ohren gestoßen.

Das braune Gold Lausitz – ganze Dörfer verschwinden für diesen räudigen Rohstoff. Entzückend!

Auf dem Weg nach Guben radelt man durch saftige Auen und schattige Wälder. Bis zur Wende gab es hier noch eine Zugverbindung, doch Mutter Natur hat gut gewerkelt um diese Episode ungeschehen zu machen. Mit den riesigen Tagebauen, die an der Strecke aufklaffen, hat sie dagegen wohl noch lange zu tun. Mit einem Co2-Ausstoß von 23,3 Mio. Tonnen ist das anliegende Kraftwerk Jänschwalde das vierschmutzigste Europas.

Angesichts solcher Erlebnisse schadet es nicht, dass das polnische Pendant von Guben, Gubin nicht weit ist. Das überraschend hübsche Kleinstädtchen ist die perfekte Raststätte um dergleichen Anblicke mit einem frischen Fassbier hinunterzuspülen. Nach Guben geht es auf ähnlicher Strecke wie zuvor weiter nordwärts, bis endlich nach gut 10 km endlich die Oder hinzuplätschert. Von hier lohnt sich ein kleiner Abstecher nach Neuzelle (5km) um Kloster wie Klosterbrauerei gebührend zu würdigen. Mit fremdenverführerischer Koketterie weiß man darauf hinzuweisen, dass hier angeblich das erste Bierbad Europas eröffnet habe. Danach kommt Eisenhüttenstadt, doch der Weg kreuzt nur zaghaft das winzige Altstadtzentrum und so sieht man wenig vom speziellen Charme der sozialistischen Planstadt. Wen das Einzigartige mehr als das Schöne reizt, dem sei ein kleiner Ausreißer in die Neubauschluchten Stalinstadts empfohlen.

Jede Menge Gegend für jede Menge Entspannung.

Dann geht es auf gewohnt prächtig ausgebauter Strecke nach Frankfurt (Oder) und hiermit sind wir dann auch endlich im Oderbruch. Dieses ehemals komplett versumpfte Urstromtal, welches der Alte Fritz trockenlegen ließ, legt noch mal eine gewaltige Schippe hinsichtlich Flachheit drauf. Die alternativlose Ebene dieser Region sowie ihre offenherzige Leere findet viele Liebhaber, aber auch reichlich Menschen, die dieser Landschaft ratlos gegenüberstehen. Dabei muss gesagt sein, dass interessanterweise die Strecke zwischen Küstrin und Hohenwutzen, also das Filetstück des Oderbruchs, zu den touristisch am besten erschlossenen Stücken des Radwegs gehört.

Polenmarkt Hohenwutzen – endlich normale Leute!

Was ist sonst noch zu erleben? Den, aus Funk und Fernsehen bekannten Polenmarkt in Hohenwutzen sollte man definitiv mit einer Stippvisite beehren, in Stolpe haben wir ein wunderfeines, kleines Künstlercafé (“Fuchs&Hase”) entdecken dürfen und Schwedt, tja Schwedt, hier fühlt man die Uckermark. (Zur Streckenorientierung, Forst-Schwedt: 218km, also eher etwas für 2-3 Tage)

Anfahrt auf Stolpe – den Oderbruch im Rücken

Der platte Rest – von Schwedt bis ans Haff – von hier führt der Weg nun durch den Nationalpark “Unteres Odertal” durch endlos scheinende Sümpfe welche ausreichend mit Vögeln ausgestattet sind. Die Route führt ins entspannte Mescherin, die den letzten Ausflug per Brücke nach Polen offeriert. Das zu besichtigende Gryfino auf der anderen Seite ist aber eher etwas für den Kenner desaströser Stadt- und Infrastrukturplanung. Die von gnadenlosem Transitverkehr umtoste, alte Backsteinkirche kann nur mit größter Mühe wahrgenommen werden und die ausgefransten Neubauten bieten einen wenig erklecklichen Rahmen für diesen gescheiterten Siedlungsversuch.

Das einzig wahre Feldbett. Entlang der Neisse wie der Oder gibt es etliche Gelegenheiten hierfür.

Ab Mescherin wendet sich der Radweg irritierenderweise vom vertrauten Flusslauf gänzlich ab und führt weit hinein ins Innenland. Sei es weil selbst die Oder auf dieser Höhe sich in zwei Flüsse geteilt hat, oder sei es weil der Weg sonst folgerichtig durch Polen führen müsste, auf jeden Fall geht die Strecke nun über weite Felder durch den Landkreis Greifswald-Vorpommern. Nach einem kleinen Schlenker über Penkun, geht es wieder steil nach Norden. Nach Löcknitz sind es noch gut 50km bis Ückermünde. Wer mag kann hier sogar das Angebot wahrnehmen die (in der Saison) dreimal am Tag (8:10/11:30/15:10) verkehrende Fähre nach Usedom zu besteigen um den Ausflug mit der echten Ostsee zu krönen. Angesichts der saftigen Überfahrtspreise (Preisbeispiel für zwei Fahrräder+zwei Erwachsene für 80 Minuten Fahrt: €48,40) würde ich dagegen eher zu einem Stettinbesuch mit kleiner Bahnfahrt zum Meer raten. (Streckenorientierung. Schwedt-Löcknitz: 70km)

Ratgeber: Wildzelten leicht gemacht

Nachdem ich immer mal wieder, wenn ich spaßeshalber diesbezüglich im Netz recherchierte, derartigen Unsinn und hanebüchene Ratschläge lesen durfte, fühle ich mich bemüßigt, zu diesem Thema ein umfassendes Kompendium für Ein- und Aussteiger zu verfassen. Ich kann hierbei auf ein Vierteljahrhundert Erfahrung in einem guten Dutzend Länder zurückgreifen und sehe mich daher als hinreichend kompetent.

  1. Wildzelten – will ich das überhaupt?

Gehörst du der Pauschalreisefraktion an? Sind geordnete Verhältnisse wie du sie zu Hause hast für dich elementar? Bist du ein extremer Insektenphobiker? Ist Einsamkeit und Dunkelheit für dich ein Graus? Wenn du eine dieser Fragen mit Ja beantworten kannst, solltest du die Finger von den Heringen lassen und weiterhin deinen gewohnten Übernachtungsmethoden im Urlaub vertrauen.

Bist du dagegen auf der Flucht vor dem Trubel der Großstadt und ist Erholung für dich auch der Abstand zu Menschen sowie ihren Regeln, Konventionen und anderen Zumutungen. Sehnst du dich zudem nach weitgehend uneingehegter Natur oder bist du tendenziell knapp bei Kasse, dann könnte das Wildzelten etwas für dich sein.

Unvergleichliche Momente – ein Zelt im Himmel – kein Hotelbett kann es hiermit aufnehmen.

2. Warum Wildzelten?

Nun könnte man durchaus einwenden, dass es doch in den meisten Ländern ausreichend offizielle Zeltplätze gäbe und somit doch keine dringende Notwendigkeit dafür bestehe, außerhalb der zugelassenen Räume sein Zelt aufzuschlagen. Aus meiner Sicht sprechen einige Gründe gegen diese Annahme. Zum einen schränkt die Begrenzung auf offizielle Zeltplätze eine “wirkliche” Naturreise zu sehr ein. Wandert man beispielsweise auf einem Bergkamm, stellt es eine gewaltige Zumutung dar derart viele Höhenmeter und Bergromantik zu verlieren, nur um innerhalb der verordneten Parameter des regulären Tourismus zu bleiben. Prinzipiell wären viele Passwanderungen gar nicht durchführbar wenn man nicht eine Zeltübernachtung in Eigenregie einkalkulieren würde. Zum anderen ziehen mich die meisten Zeltplätze auch nicht über die Maßen an. Duschmarken, Nachtruhe und die frisch rasierten Rabatten der Dauercamper sind einfach nicht jedermanns Sache. Sicherlich gibt es hier auch lobenswerte Ausnahmen, ich durfte etliche entspannte Naturzeltplätze erleben und zwischendurch nehme ich, sollte es sich so ergeben, auch gerne mal einen offiziellen Zeltplatz mit, doch ich verstehe diese eben als Angebote und nicht als bindende Pflichtveranstaltungen. Der überwältigendste Grund ist jedoch das Erlebnis an sich. Der unbezahlbare Genuss eines Sonnenuntergangs in den Bergen, das stille nächtliche Bad im anliegenden Gewässer, die unfassbare Stille der zur Ruhe gekommenen Natur und die unfassbare Unendlichkeit des, von Campingleuchten oder anderen Zivilisationsstörquellen unbefleckten Sternenhimmel – ich liebe es!

3. Ist das nicht verboten?

Ja, nun, in der Tat ist das der Pferdefuß. Die Rechtslage ist zwar weit davon entfernt einheitlich zu sein. Nicht nur, dass es diesbezüglich in jedem Land natürlich eigene Regeln gibt, selbst in Deutschland differiert das Reglement von Bundesland zu Bundesland. Zu dieser Frage kann man sich in besagten Internet erschöpfend informieren. Das Thema Schuld und Sühne scheint dann auch der Aufreger zu sein, der das Volk beschäftigt. Dabei ist dies in meinen Augen gar nicht die große Sache. Einerseits sind die jeweiligen Strafen, wenn überhaupt, eher zu vernachlässigen, und andererseits geht es ja auch darum nicht erwischt zu werden. Ich zumindest hatte dieses Missvergnügen ganze drei Mal und es war zwar unschön aber verschmerzbar.

Ohne Worte – ohne Erlaubnis

4. Was brauche ich zum Wildzelten?

Es versteht sich eigentlich von selbst, aber ein Zelt sollte im Inventar vorhanden sein. Ich empfehle kleine (maximal 3-Personen) Zelte in Naturfarben. Hauszelte oder schreiend bunte Festivaliglus sollten eher vermieden werden. Außerdem wäre es auch hilfreich wenn man sich mit seinem Zelt auskennt, sprich es in Windeseile auf- und abbauen kann. Desweiteren sollte eine Taschen- oder Stirnlampe zur Ausrüstung gehören. Einen Schlafsack, Isomatte – fertig. Das restliche Equipment gleicht dem einer stinknormalen Tageswanderung. Außer dem Proviant vielleicht, der sollte natürlich der längeren Verbleibedauer in der Natur angepasst sein.

5. Wie finde ich die perfekte Stelle?

Kommen wir also nun zum Kern des Pudels. Zugegeben, um das wirklich ideale Plätzchen zu finden gehört natürlich immer eine Portion Glück. Es sei denn man kann auf Erfahrungen zurückgreifen und weiß schon im Vorfeld wo man zu schlafen gedenkt. Im Regelfall ist man aber zum ersten Mal in der Gegend und schaut sich zum Abend hin gezielt um. Ein kleiner Check des Kartenmaterials kann natürlich auch helfen um das Suchraster einzuschränken. Doch zunächst geht es in vorderster Linie erst einmal darum einen Platz zu finden, auf dem man unentdeckt bleibt.

So lächerlich es klingen mag, aber sobald man mehr als tausend Meter von einer mit Auto befahrbaren Straße entfernt ist, verringert sich die Wahrscheinlichkeit von Abenddämmerung bis Sonnenaufgang auf Menschen zu treffen um solide 95%! Das gilt ebenso für dichtbevölkerte und zersiedelte Länder wie Deutschland oder Holland wie natürlich sowieso für eher menschenärmere Staaten wie die Slowakei oder Irland. Doch um eben jene zerstreuten Frühaufsteher nicht zu irritieren empfiehlt es sich ebenfalls Abstand von jenem Weg zu suchen über den man gekommen ist. Sichtschutz ist hier das Stichwort. Ein grünes , kleines Zelt hundert Meter entfernt von einem Wanderweg ist, so man sich in einer waldigen Region befindet, nur sehr schwer auszumachen. Schließlich sollte die einzige Sorge das Luxusproblem sein, dass ein paar Meter weiter wahrscheinlich ein noch idyllischeres Plätzchen gewartet hätte. Hiergegen lässt sich aber schlechterdings nichts unternehmen außer entspannter Gelassenheit und das Wissen, dass das Streben nach Perfektion ein müßiges Unterfangen sei.

Bei Wandern mit Hunden sollte man früh genug darauf achten, den Hund so zu erziehen, dass er nicht bei jedem Bäumerascheln ausflippt. Im Regelfall kann man hier mit ausreichend Erlebnissen der Angst und den daraus folgenden Bellattacken entgegenwirken.

In einigen Fällen kann man auch in die Luxussituation geraten, dass die jeweilige Naturverwaltung an gewissen Stellen das Wildzelten quasi gestattet (oder duldet) und mit einigen sinnvollen Accessoires ausstattet. So findet sich hier zumeist ein Mülleimer, eine Trinkwasserquelle, Bänke, Tische und manchmal sogar eine abgesicherte Feuerstelle oder Schutzhütte. Zu erkennen sind derlei Stellen schnell an den Zeichen der Nutzung durch andere Wanderer. Speziell im osteuropäischen Raum sind derlei Plätze keine Seltenheit, aber auch in Skandinavien findet sich Vergleichbares. Sollte man in den Vorratsschränken der Hütte etwas finden und benutzen, so gehört es zum guten Pfadfinderton, es durch etwas Adäquates zu ersetzen.

Ob zu Fuß, mit Rad oder Paddelboot – auf diese Weisen kann man sich den gewünschten Traumplätzchen am besten nähern.

In manchen Fällen kann es auch eine Überlegung wert sein, Schutzhütten oder Rastplätze zum Wildzelten zu nutzen auch wenn diese ganz klar nur als Regenunterstand oder Picknickstellen konzipiert sind. Der überwältigende Anteil derer, die in und für die Natur arbeiten, weiß das Bestreben zu schätzen, wenn man schon außerhalb der Norm nächtigt, so doch zumindest innerhalb vorbereiteten Menschenareale. In der warmen Jahreszeit spricht auch wenig dagegen hier ohne Zelt zu übernachten, denn gegen solch ein Treiben ist selbst der pedantischste Gesetzeswächter machtlos. Denn dies ist, soweit ich weiß, in den meisten europäischen Staaten legal.

6. Was sollte ich noch bedenken? 

Alles zuvor Gesagte hat nur seine Gültigkeit solange man, dem gesunden Menschenverstand folgend, sich draußen normal verhält. Folgende Dinge seien hierbei gesondert hervorgehoben: offenes Feuer! Wenn das nächtliche Zelten gemeinhin als Bagatelldelikt mit “Mach-nur-dass-du-wegkommst”-Zeigefinger gehandhabt wird, so kann es beim Tatbestand des Feuermachens ganz schnell ungemütlich werden, sollte man in Berührung mir irgendwelchen Autoritätspersonen geraten. Daher sollte man einerseits jedes Mal genau überlegen ob die Stelle ausreichend abgeschieden ist um ein Feuerchen zu wagen und andererseits hinsichtlich Brandschutz die eigenen Fähigkeiten und äußeren Gegebenheiten genauestens abklopfen.

Das offene Feuer ist ein edler Luxus und rundet das Erlebnis erst richt ab, wil laber in jedem Falle wohl bedacht sein.

Vorsicht und Respekt sollte man generell Naturschutzgebieten zollen. Selbstverständlich gibt es auch hier regionale Abweichungen, dennoch, wenn man in einen Nationalpark hinein schreitet, sollte man entweder noch einen Zacken vorsichtiger sein oder es irgendwie so organisieren, dass man das Nächtigen hier vermeidet. (Nebenbei bemerkt: In meiner Erfahrung finden sich etliche Erinnerungen, in denen sich die Wiesen vor Nationalparkeingängen als ganz annehmbare Schlafplätze offenbarten.)

Immer wieder werde ich darauf angesprochen wie es denn mit wilden Tieren da draußen aussähe. Nun, gesprochen für Europa möchte ich, ohne es unnötig kleinzureden, die von wilden Tieren ausgehende Gefahren eher als irrelevant abtun. Die wenigen Tiere die eine Gefahr sein könnten, gehen uns in aller Regel aus gutem Grund aus dem Weg. Sollte man Bären oder, viel gefährlicher in meinen Augen, Wildschweinen begegnen, sollte man ruhig und respektvoll reagieren. Lebensmittelreste sollten nicht quer ums Zelt verteilt werden und eventuelle Hunde an die kurze Leine genommen werden. Abgesehen davon sind Zecken und Mücken mit Sicherheit die größere tierische Sorge als jede säugetierbasierte Angst.

Und ganz allgemein sollte das Wildzelten im wesentlichen so ablaufen als ob ihr nie da gewesen seid. Sprich: seid still, nehmt euren Müll weg, beseitigt eventuelle Lagerfeuerreste und, vor allem, brecht möglichst früh das Zelt ab. Ich spreche hier nicht von Sonnenaufgangsexzessen, schließlich ist das ja immer noch Urlaub, aber je früher desto besser. Es spricht nichts gegen ein ausgedehntes Frühstück, etwas Lektüre in der zarten Morgensonne oder ein wenig Yoga, doch bitte, baut zuerst das Zelt ab. Kein tentus delictus, kein Problem.

Fazit

Wenn du draußen, fernab der Eurocamping-Wüsten und Hotelburgen, schlafen möchtest. Wenn du mitten in Europa wirklich auf Distanz zur Zivilisation gehen willst, so ist dies vielleicht leichter als du denkst. Auch wenn sich der Mensch in beängstigenden Ausmaß vervielfältigt und ausbreitet, so zieht er es verwirrenderweise vor, gerade jene Orte zu besuchen, die schon übervoll aus allen Nähten platzten. Deshalb wird es auch in Zukunft, trotz explodierender Städte die Leere des Oderbruchs und die Stille der Bieszczady geben. Mit den wenigen Tipps, die ich hier aufgeschrieben habe, ein wenig Intuition und ein paar selbst gesammelter Erfahrungen sollte es dir ein Leichtes sein, stressfrei und mühelos dein Plätzchen unterm Sternenzelt zu finden.

 

 

Geschrieben vonKassel, Hesse, Germany.

Bezirke bezirzen – neuntes Kapitel: Schwer(in) Ordnung, Schwerin

Schwerin – Stadt der sieben Seen und sieben Wälder – was hast du uns allesamt von den Socken gehauen. Eingekuschelt in zufrieden glucksende Gewässer und umsäumt von kokett zur Schau gestellter Flora weiß die kleinste Landeshauptstadt der Republik auf unaufgeregte Weise zu überzeugen. Immer noch heillos überrascht müssen wir konstatieren: Wir haben eine neue Nummer Zwei. Nur Suhl bleibt weiterhin unangefochten auf der Spitzenposition. Doch angesichts der noch anstehenden Perlen Halle-Leipzig-Dresden bleibt zu vermuten, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Zweifellos ist die seriöse Städtekritik ein arg wackeliges Unterfangen. Ungerechtfertigte Assoziationen, nachgetragene Erinnerungen, Tagesstimmung, Wetterlage oder schlecht gelaunte Eingeborene können genauso unvermittelt wie ungerecht zur raschen Abstempelung führen. Daher soll diese erste Exkursionsreihe hier keinesfalls als allgemeingültig angesehen werden. So wissen doch die meisten Siedlungen der nördlichen Hemisphäre bei munter-frischem Maiwetter besser zu überzeugen als im perspektivarmen November. Aber bleiben wir realistisch! Gewisse Grundtendenzen lassen sich entgegen aller Voreingenommenheit und saisonaler Tendenzen klar erkennen. Cottbus bräuchte beispielsweise einige bemerkenswerte Naturkatastrophen und sonstige massive Wunderwirkung um jemals im oberen Bewertungsbereich mitzuspielen.

Hier nahm die Überraschung ihren Lauf. Derglei Bahnhöfe gehörten bislang auch nicht zum Repertoire eines standardmäßigen Bezirksstadtausflugs.

Doch kommen wir zurück zu Schwerin. Allein die fast verdoppelte Anzahl der Reisegruppe ließ aufmerken. Obwohl sich das Vorwissen über Schwerin in Schloss, See und nicht am Meer erschöpfte, schien das linde Maiwetter und die Exotik des Unbekannten ein paar Wesen mehr als die übliche eingeschworene Peripherikergemeinde anzuziehen. Mit der sanften Wucht eines Paukenschlags begrüßt Schwerin zunächst seine besten, nämlich bahnreisenden Gäste mit einem überaus entzückenden Bahnhof.  Vor 10 Jahren erfuhr man sogar die Ehre zum Kleinstadtbahnhof des Jahres erwählt zu werden.

Marmorstein und Eisen bricht…. Gips wahrscheinlich auch, siht aber dennoch irritierend schick aus.

Der Rest des Städtchens erschließt sich schnell und ohne große Grübelei. Man schlendert von See zu See, genießt die abwechslungsreichen Freuden des Gipsbarocks und genießt leichter Dinge das was die mecklenburgischen Herzöge für pompös hielten. In der Tat ist Schwerins Antlitz unter den Städten der Region etwas besonderes. Abgesehen von den obligatorischen Backsteingotikklötzen, bietet Schwerin etwas das abseits der üblichen Hansestadtästhetik oder der preußischen Funktionssiedlung zu verorten ist. Hier kann man tatsächlich den Charme einer historischen Residenzstadt erleben, und dies sollte nicht nur im Mai Spaß machen. In meinen Augen bislang DIE Überraschung unserer Bezirzungsversuche!

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Münzenberg 029 – Das literarische Trio: Der Gang vor die Hunde

Nach langer Zeit wieder da. Euer Lieblingsbücherclub gibt sich die Ehre und dies sogar mit 50% mehr Deutungskraft. Erstmals dabei der Empfehler des besprochenen Buchs höchstselbst – Noël! Wir freuen uns, euch diese Mal einen wahrhaft empfehlenswerten Leckerbissen zu präsentieren.

Progrès. Les Escargots non sympathiques

Kästners Meisterwerk, so die einhellige Meinung. Eindeutige Leseempfehlung für dieses frische und geistreiche Buch. Ein Buch wie es definitiv mehr bräuchte. Aber hört selbst.

Shownotes:

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Tschüss Winter – fuck the Pullis!

Unter diesem verheißungsvollen Motto wollten wir mit wehenden Fahnen für ein verlängertes Wochenende gen Adria hüpfen und von dort aus den letzten Zuckungen des hiesigen Winters tolldreist ins Gesicht spucken. So zumindest der Plan. Ein toller Plan, der uns in mancher graukaltfeuchter Stunde den klimatischen Zumutungen mit breiter Brust entgegentreten ließ. Entrückt kichernd streichelten wir in diesen dunklen Stunden jenen kostbaren Joker, der uns dann wenn es wirklich genug ist mit kalt, dunkel, grau in die Welt des Aufbruchs und des Neubeginns schleudern sollte. Doch es hat nicht sollen sein. Die eisige Mundfäule Väterchen Frosts, dessen Renteneintrittsalter scheinbar auch nicht unbeeindruckt von den irdischen neoliberalen Tendenzen zu sein scheint, weht unangenehm herüber bis zu den Küsten der montenegrinischen Sorglosigkeit. So bleibt es nun uns überlassen mit einer Mischung aus rheinischem Frohsinn, polnischem Fatalismus und ostdeutschem Schlendrian das Beste aus diesem Wochenende zu machen.

Und ja, es ist mir bewusst, dass Mutter Natur durchaus ein paar deutlich unangenehmere Pfeile im Köcher hat, um zu verdeutlichen, wie ihr Flugreisen gegen den Strich gehen.

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Alles hat Vor- und Nachteile