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Ratgeber: Oder-Neisse-Friedensradweg

Unter all den Radwegen, die jenes menschenleere Gefilde, welches gemeinhin auch unter der Bezeichnung Brandenburg bekannt ist, durchqueren, sticht der Oder-Neisse-Radweg mit einigen Finessen hervor. Schließlich schlängelt er sich unter anderem durch die Landkreise Uckermark, Görlitz und Vorpommern-Greifswald – ihres Zeichens die Landkreise mit der jeweils geringsten Bevölkerungsdichte in ihren Bundesländern. Zudem hat man mit dem Nachbarland Polen, welches man auf diesem Radweg nur selten aus den Augen verliert, stets eine willkommene Abwechslung zum schläfrigen Randzonengebiet und immer bestes, mobiles Internet.

Dem Abendbunt entgegen – Ödnis muss nicht immer grau sein.

Nach mehreren Ausflügen an den Zweistromweg habe ich ihn zwar immer noch nicht komplett abgefahren. An beiden Enden franst der Radweg noch ins geheimnisvoll Umwitterte ab. So betreffen also meine hier getroffenen Aussagen, die Strecke vom sächsischen Rothenburg bis hinauf ins pommersche Löcknitz. Die eigentliche Ausdehnung vom tschechischen Nova Ves bis zum haffigen Ückermünde habe ich bislang noch nicht genießen dürfen.

Andere Wissensquellen:  Eine akzeptable Onlinestimmung könnt ihr bei oder-neisse-radweg.de oder  www.oderneisse-radweg.de erhalten. Ein vorzügliche Vorbereitungsressource bei Radwanderungen jeglicher Natur ist auch stets das radreise-wiki. Hier findet sich eine solide und schnörkellose Tourbeschreibung mit allen notwendigen Koordinaten. Daneben gibt es selbstverständlich auch Offlinequellen wie die bewährten wetter- und reißfesten Tourenbücher von bikeline.

Anreise: Für uns Molochbewohner gehört die Anreise wohl zu den leichteren Aspekten dieser Radreise. Nach einer bizarr kurzen Zugfahrt kann man aus den staubigen und überquellenden Straßen in Gegenden torpediert werden, die Enzyklopädien das Symbolbild für Einsamkeit liefern könnten. Zahlreiche Zugstrecken kreuzen den Oder-Neisse-Radweg. Zur Auswahl stehen die direkt von Berlin zu erreichenden Ziele: Frankfurt (Oder), RE1, Küstrin-Kietz, RB28 und Schwedt (Oder), RE3. Mit einmal in Frankfurt (Oder) Cottbus umsteigen kann man aber auch leicht einen südlicheren Einstiegspunkt wie Eisenhüttenstadt, Guben oder Forst auswählen. Um den Radweg ganz sauber von Anfang an zu fahren, ist ein wenig Aufwand mehr nötig. Ückermünde ist von Berlin aus nach einmaligen Umsteigen in Pasewalk innerhalb von knapp 3 Stunden per Bahn zu erreichen. Bei Nova Ves wird es schon etwas schwieriger: fünfeinhalb Stunden und Umstiege in Cottbus, Zittau und Liberec wären für dieses Unterfangen nötig. Den Wahnwitzigen unter euch sei noch gesagt, dass es auf polnischer Seite einen Zwillingsweg geben soll. Doch nach einer ausführlichen Expedition in die Raderepublik Polen machten wir Erfahrungen der Art, dass wir vom Radfahren in unserem geschätzten Nachbarland vorerst Abstand nahmen.

Übernachten: Auch wenn es sich hier fraglos um recht unbesiedelte Gebiete handelt, durch die man radelt, allein durch die wachsende Popularität des Fernradwegs sind etliche Unterkünfte an ihm entlang emporgeschossen. Diese lassen sich mühelos mit den oben genannten Informationsquellen entdecken oder auch einfach auf offener Strecke vom Wegesrand ablesen. Doch für den Oder-Neisse-Gourmet empfiehlt es sich natürlich den Tag draußen nahtlos in die Nacht übergehen zu lassen und die freie Natur ohne lästige Unterbrechung zu genießen. Gelegenheit hat man hierzu wahrlich genug. Wer diesbezüglich noch ein paar Tipps braucht, liest mein frisch herausgekommenen Wildzelten-Ratgeber.

Charakteristik der Strecke: Die gesamte Strecke beträgt 538 km, ist also in Anbetracht der gut ausgebauten Wege und des größtenteils ebenen Verlaufs in einer guten Woche zu schaffen. Ich tendiere dazu den Weg grob in drei Teile aufzugliedern:

  • Vom bergigen Dreiländereck ins Flachland – von Nova Ves bis Forst
  • Von der Lausitz in den Oderbruch – von Forst  bis Schwedt
  • Der platte Rest – Von Schwedt bis ans Haff.
Der Protagonist des ersten Teils -die Lausitzer Neisse

Der hügelige Teil im Süden wird Richtung Zittauer Berge und Liberec mit Sicherheit noch zunehmen. Der von mir befahrene Teil beendet seine Hügeligkeit von Rothenburg aus gesehen ein paar Kilometer vor Forst. Obzwar dieser Streckenabschnitt hier als hügelig bezeichnet wurde, kann man dennoch, selbst mit mittelfiter Erscheinung ohne viel Anstrengung Kilometer machen. Wenn man von Norden kommt, sollten die kurvigen Etappen mit abwechslungsreicherer Vegetation und der immer versteckter agierenden Neisse einen wahren Hochgenuss darstellen. Nach all der Plattheit sollte dies definitiv nochmal ein gelungener Wachmacher sein. Desweiteren locken auf dieser Etappe reichlich Außergewöhnlichkeiten, die eine kurze Erwähnung wert sein sollten. Die Altstadt von Görlitz sollte für den schöngeistig gesinntem Radler ein Muss sein. Diese alte, reiche Handelsstadt, welche im Krieg kaum zerstört und in den letzten Jahrzehnten edelst restauriert wurde, weiß als überbordender Schauplatz von Renaissance, Barock und Gotik zu überzeugen.

Fürst-Pückler-Park- verstörend betörend

Der nächste Höhepunkt auf der Strecke ist der in Bad Muskau gelegene Fürst-Pückler-Park. Dieser Park, welcher als der größte Landschaftspark Zentraleuropas im englischen Stil gilt, wurde ebenfalls in den letzten Jahrzehnten liebevoll restauriert und  kommt schockierend betörend daher. Der größere Teil des Parks befindet sich in Polen und ist durch mehrere bezaubernde Neissebrücken miteinander verbunden. So behaupte ich einfach mal, dass man wohl kaum schöner in Polen einreisen kann als bei einem Besuch in diesem einzigartigen Park.

Eines von vielen Instagram-Epizentren. Man denke sich nur wie schön es hätte sein können, wenn sie das Wasser nicht abgelassen hätten.

Nicht ganz auf der Stammstrecke aber einen Abstecher wert ist der Azaleen- und Rhododendronpark Kromlau. Hier kann man zur richtigen Jahreszeit in einem unbeschreiblichen Blütenmeer waten und zu jeder anderen Jahreszeit die spektakuläre Konstruktion der Rakotzbrücke bestaunen. Zur Entfernungsorientierung Rothenburg- Forst: 70km

Kommen wir nun zum großen Mittelteil: Von der Lausitz in den Oderbruch. Genaugenommen befinden wir uns auch schon zuvor in der Lausitz, denn das gesamte Gebiet bis Zittau gehört zu dieser Region, genauer zur Oberlausitz. Nachdem wir das waldige und abwechslungsreiche Stück bis Forst absolviert haben, befinden wir uns dann aber definitiv in der Niederlausitz. Ab Forst ändert sich der Charakter der Strecke. Wenn sich aufgrund des Terrains zuvor der Radweg sehr oft vom Flusslauf (der hier noch ein weitgehend naturbelassen ist) entfernt, so bleiben wir nun fast immer in Sichtweite. Der Weg wird immer ebener und schnurgerader und nutzt vielfach die angelegten Deiche für die Streckenführung. Zu Forst ist nicht allzu viel zu sagen, es sei denn man möchte nach den zwei zuvor erlebten Parks noch einen drauf setzen. In Forst kann man sich mit Rosen vergnügen – der Ostdeutsche Rosengarten wartet auf erlebnishungrige Floristen. Offensichtlich ist der exaltierte Kleingärtner in dieser Region mehr als einmal auf offene Ohren gestoßen.

Das braune Gold Lausitz – ganze Dörfer verschwinden für diesen räudigen Rohstoff. Entzückend!

Auf dem Weg nach Guben radelt man durch saftige Auen und schattige Wälder. Bis zur Wende gab es hier noch eine Zugverbindung, doch Mutter Natur hat gut gewerkelt um diese Episode ungeschehen zu machen. Mit den riesigen Tagebauen, die an der Strecke aufklaffen, hat sie dagegen wohl noch lange zu tun. Mit einem Co2-Ausstoß von 23,3 Mio. Tonnen ist das anliegende Kraftwerk Jänschwalde das vierschmutzigste Europas.

Angesichts solcher Erlebnisse schadet es nicht, dass das polnische Pendant von Guben, Gubin nicht weit ist. Das überraschend hübsche Kleinstädtchen ist die perfekte Raststätte um dergleichen Anblicke mit einem frischen Fassbier hinunterzuspülen. Nach Guben geht es auf ähnlicher Strecke wie zuvor weiter nordwärts, bis endlich nach gut 10 km endlich die Oder hinzuplätschert. Von hier lohnt sich ein kleiner Abstecher nach Neuzelle (5km) um Kloster wie Klosterbrauerei gebührend zu würdigen. Mit fremdenverführerischer Koketterie weiß man darauf hinzuweisen, dass hier angeblich das erste Bierbad Europas eröffnet habe. Danach kommt Eisenhüttenstadt, doch der Weg kreuzt nur zaghaft das winzige Altstadtzentrum und so sieht man wenig vom speziellen Charme der sozialistischen Planstadt. Wen das Einzigartige mehr als das Schöne reizt, dem sei ein kleiner Ausreißer in die Neubauschluchten Stalinstadts empfohlen.

Jede Menge Gegend für jede Menge Entspannung.

Dann geht es auf gewohnt prächtig ausgebauter Strecke nach Frankfurt (Oder) und hiermit sind wir dann auch endlich im Oderbruch. Dieses ehemals komplett versumpfte Urstromtal, welches der Alte Fritz trockenlegen ließ, legt noch mal eine gewaltige Schippe hinsichtlich Flachheit drauf. Die alternativlose Ebene dieser Region sowie ihre offenherzige Leere findet viele Liebhaber, aber auch reichlich Menschen, die dieser Landschaft ratlos gegenüberstehen. Dabei muss gesagt sein, dass interessanterweise die Strecke zwischen Küstrin und Hohenwutzen, also das Filetstück des Oderbruchs, zu den touristisch am besten erschlossenen Stücken des Radwegs gehört.

Polenmarkt Hohenwutzen – endlich normale Leute!

Was ist sonst noch zu erleben? Den, aus Funk und Fernsehen bekannten Polenmarkt in Hohenwutzen sollte man definitiv mit einer Stippvisite beehren, in Stolpe haben wir ein wunderfeines, kleines Künstlercafé (“Fuchs&Hase”) entdecken dürfen und Schwedt, tja Schwedt, hier fühlt man die Uckermark. (Zur Streckenorientierung, Forst-Schwedt: 218km, also eher etwas für 2-3 Tage)

Anfahrt auf Stolpe – den Oderbruch im Rücken

Der platte Rest – von Schwedt bis ans Haff – von hier führt der Weg nun durch den Nationalpark “Unteres Odertal” durch endlos scheinende Sümpfe welche ausreichend mit Vögeln ausgestattet sind. Die Route führt ins entspannte Mescherin, die den letzten Ausflug per Brücke nach Polen offeriert. Das zu besichtigende Gryfino auf der anderen Seite ist aber eher etwas für den Kenner desaströser Stadt- und Infrastrukturplanung. Die von gnadenlosem Transitverkehr umtoste, alte Backsteinkirche kann nur mit größter Mühe wahrgenommen werden und die ausgefransten Neubauten bieten einen wenig erklecklichen Rahmen für diesen gescheiterten Siedlungsversuch.

Das einzig wahre Feldbett. Entlang der Neisse wie der Oder gibt es etliche Gelegenheiten hierfür.

Ab Mescherin wendet sich der Radweg irritierenderweise vom vertrauten Flusslauf gänzlich ab und führt weit hinein ins Innenland. Sei es weil selbst die Oder auf dieser Höhe sich in zwei Flüsse geteilt hat, oder sei es weil der Weg sonst folgerichtig durch Polen führen müsste, auf jeden Fall geht die Strecke nun über weite Felder durch den Landkreis Greifswald-Vorpommern. Nach einem kleinen Schlenker über Penkun, geht es wieder steil nach Norden. Nach Löcknitz sind es noch gut 50km bis Ückermünde. Wer mag kann hier sogar das Angebot wahrnehmen die (in der Saison) dreimal am Tag (8:10/11:30/15:10) verkehrende Fähre nach Usedom zu besteigen um den Ausflug mit der echten Ostsee zu krönen. Angesichts der saftigen Überfahrtspreise (Preisbeispiel für zwei Fahrräder+zwei Erwachsene für 80 Minuten Fahrt: €48,40) würde ich dagegen eher zu einem Stettinbesuch mit kleiner Bahnfahrt zum Meer raten. (Streckenorientierung. Schwedt-Löcknitz: 70km)

Diashow, die Zweite

Wie angekündigt hier nun der zweite Wurf an Bildern aus der, schon langsam die selige Patina der schönen, hellen, freien Zeit in ferner Vergangenheit annehmenden Reise. Diese Mal mit deutlich höherem Niveau, dank nieszkaischer Bildkunst und Ästhetikphilie, lediglich die ungelenken Kommentare gehen auf mich zurück.

Diashow, die erste

Hier also wie angedroht so angebracht die erste Diashow. Basierend auf meiner schnappschussigen Weltsicht.

Elbe – Friesland – Bene

Die Stadthitze drückt, der Alltag röchelt gemächlich heran – Zeit für ein kleines Fazit der vergangenen Wochen. Die bereits vorliegende Dokumentation einiger Schlaglichter sollte ja schon angedeutet haben, dass es sich eigentlich  um drei Staffeln einer zusammenhängenden Urlaubsserie handelt. Der einsame Charme von Havel und Elbe, der herbe Spaß an der friesischen Nordseeküste sowie die muntere Gazelligkeit im schönen Hollgien.

nordsee_karte

Wie schon das letzte Mal will ich mich nicht durch chronologische Aneinanderreihung der Geschehnisse befleißigen, sondern hier ein paar Beobachtungen, die mich unterwegs beschäftigt und beeindruckt haben, vertiefen und somit einen hoffentlich etwas unterhaltsameren Eindruck der Radtour in den Goldenen Westen zu offerieren. Außerdem wird mittels der neuen Möglichkeiten der Blogmaschine alsbald eine Auslese der besten Fotos über euch hereinprasseln. Mein Geschwafel unterliegt wie auch jener Urenkel des gefürchteten Mediums – die Diashow – natürlich wie immer der Freiwilligkeit. Daher keine Maulerei ob möglicher Weitschweifigkeit.

Der deutsche Campingplatz oder der tiefere Sinn des Grüßens

Wie nicht anders zu erwarten, war dieser Ausflug sehr an gewisse touristischen Einhegungen angepasst. Auch wenn die Weite der norddeutschen Ebene allzu gern und oft eine unendliche Leere vorgaukeln wollte, die erweiterte Küstenregion von Hamburg bis Brügge ist eine recht lückenlos besiedelte und in fast jeder Hinsicht gut behütete Gegend. Wildzelten oder Lagerfeuerromantik gehörten somit nur äußerst bedingt zum Portfolio der Tour. Deshalb konnte ich meine, in den letzten Sommern schon angeschnupperten Erkenntnisse zum deutschen Camperwesen erheblich vertiefen. Ich möchte es vorwegnehmen, erschlossen hat sich mir diese Geisteshaltung weiterhin nicht, ich kann hier nur beharrlich Beobachtungen hinzufügen, die schließlich irgendwann einmal ein befriedigende Analyse erlauben sollten. Die Nähe des Campers zum Kleingärtner ist so offensichtlich wie verwirrend. Wenn einem das Konzept eines winzigen Fleckchen im Freien (am, auf unabsehbare Zeit, gleichen Ort) angeschlossen an sämtliche Segnungen der Zivilisation behagt, warum, verdammtnochmal, hat man dann keinen Kleingarten?! Eine Frage, von der ich mich dieses Mal nicht aufhalten lassen wollte. Unbefangen ließ ich mich ein auf diese bizarre Welt von frisch gestutzten Rabatten, Schuhregalen im Fond des Caravans und Brötchenvorbestellungsformularen.

Auch in Holland ist der Camper stets perfekt ausgerüstet. Das tägliche Vollbad für den Gartenzwerg ein Muss!
Auch in Holland ist der Camper stets perfekt ausgerüstet. Das tägliche Vollbad für den Gartenzwerg ein Muss!

Die hervorstechendste Eigenschaft des gemeinen Dauercampers ist wohl seine anerkennunshungrige Art von Freundlichkeit gepaart mit als leger verstandener Offenheit in jener “schönsten Zeit des Jahres”. Er gibt sich locker obwohl er insgeheim schon die Duschmarken abzählt, sie lächeln und belächeln mit einer Grimasse wenn sie mal wieder ein paar von diesen armen, verwirrten Onenightstands angesichtig werden. (“Und dann auch noch ohne Auto!”) Doch ich konzentrierte mich auf den schönen Schein und ließ mich, wie gesagt ein auf diese  merkwürdige Schattenwelt der Schrebermutanten. Schließlich waren viele ihrer Anlagen nicht nur herausragend gepflegt sondern auch in ihrer Anlage durchdacht, wunderschön gelegen und zumeist gar nicht mal teuer! Ach, und außerhalb vom Meckelbrandischen war es in aller Regelmäßigkeit sogar noch nach 18 Uhr möglich, ein kleines Bierchen zu erwerben. Und dennoch, bereits eine solche Banalität wie Grüßen sollte mir verdeutlichen, dass ich irgendetwas hier grundlegend nicht verstand. Der Campingplatz versprüht in seiner sozialen Vermittlungsinstanz den eines Dorfs, eines gemütlichen allseits vor Kumpeligkeit krachenden Menschelns, dass es nur so eine Art hat. Wenn man sich also morgens zum Klogang herausschält, wird man einmal überrascht, dass man auf dem Weg zum Klo gegrüßt wird, eine zweites Mal, dass man beim Zähneputzen gegrüßt wird. Das dritte zu kreuzende Lebewesen grüßt man daher recht munter, einigermaßen erwacht wie man sich nach diesen reinigenden Minuten langsam fühlt. Doch keine Erwiderung. Irritiert ziehe ich meine Kreise und denke, dass ich wohl noch einige Studien zu dem Homo Campicus unternehmen muss bis ich ihm wirklich auf Augenhöhe begegnen und sein Treiben auch nur annähernd begreifen werde.

 

Fern dem Zentrum – Die Gemeinsamkeit von Bayern und Friesland

Hach, eine Überschrift von Format, die in der Lage sein sollte, bei manchem mit ätzender Frische Widerspruch und Entsetzen auszulösen. Na dann streck ich mal gelöst auch die zweite Hand ins Wespennest. Ein paar einleitende Worte zu Beginn. Wenn wir ab und an in gelöster Stimmung friedvoll die Füße ausstrecken im Berliner Soziotop dann kommt das Gespräch mitunter auf die große Schar derer im Westen der vereinigten Republik, die laut Umfrage noch nie die Beitrittsgebiete besucht haben (Laut Umfragen nach 25 Jahren immer noch jeder fünfte). Verächtlich witzelnd kuscheln sich über diese Faktenlage jung wie alt, Ostler wie Westler im gemeinsam entdeckten Berlin aneinander und es entsteht jenes wertvolle Gefühl von Überlegenheit der Deutungshoheit, welche aus derlei Lebenserfahrung gewonnen wäre. Doch wie sehen sie meist aus, die Streifzüge, von jenen die sich rühmen, beide Welten zu kennen. Blasse Metropoleneskapaden, Abiturreisen oder hastige Umsteigemanöver. Auch die assimilierten Westler dieser Erfahrungsrunden beziehen ihre Kenntnisse nicht selten aus liebevoll gepflegten Kindheitserinnerungen, Klischees und Abgrenzungsidentitäten. Ich muss es hier einmal in aller Deutlichkeit sagen: Deutschland und seine peripheren Regionen sind für die meisten allenfalls vergilbte Kindheitserinnerungen. Warum auch in Jever mit Uwe und Klaus ein Bier trinken wenn man auf ausgetretenen Backpackerrouten in Bangkok Gutmenschenkolnialismus betreiben kann. Auch ich war frappiert als ich feststellen musste, dass ich schon in Frankreich, Spanien, England und Norwegen in den Atlantik gesprungen bin, aber die deutsche Nordsee nur von Otto-Filmen kannte, dass die bitteren, grünen Flaschen seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten meine Kehle erfreuten, ich aber niemals nur annähernd in der Nähe der Quelle dieses Labsals war.

Mit dem Rand vom Land fühl ich mich verwandt.
Mit dem Rand vom Land fühl ich mich verwandt.

Umso mehr fieberte ich der Begegnung entgegen. Humor (Otto&Werner), Geschichte (Störtebeker) und eben Bier boten Anreize genug. Allein die Briefmarkenlandschaft schreckte lange Zeit ab. Doch nun in der dritten Saison bergloser Sommerurlaube war ich auch hierfür bereit jene Reize zu entdecken die ich zuvor nur mit Ödnis verbunden hätte. Und siehe, wir wurden Freunde auf den ersten Blick. Ich mochte die Menschen, ihre saloppe Art, die aber stets von ernst meinender Freundlichkeit bedeckt war, ihren Witz, ihre Mundart – eine Möglichkeit der Sicht das Leben anzunehmen in dieser rauen und kargen Gegend, die sich mit der meinigen problemlos paaren könnte. Und um den provokanten Winkelzug abzuschließen – Ähnliches verspüre ich auch in Bayern. Und dieses gewagte These nehme ich mir einfach heraus als Entdecker dieser vergessenen Ozeane der alten Zutrittsgebiete. Alles natürlich mit anderen Vorzeichen versteht sich, aber die Grundtendenz, hier noch einen Blick auf originäre Lebenstraditionen erhaschen zu können, das denke ich auch hier zu erfahren. Dies erschöpft sich nicht in der vielfältigen Bierkultur der einen oder der eigenständigen Teelandschaft der anderen, wenn man genau hinschaut, genügen schon wenige Tage um die kleinen, feinen Unterschiede in vielen anderen Details zu erkennen. Jene Unterschiede die zunächst der Nationalismus, dann der Faschismus und zuletzt die Globalisierung in jenem großen Klumpen um Berlin herum immer weiter herauswuschen. Kein Grund zum Jammern oder noch dümmeren Reaktionen, doch wenn ich reise, dann steh ich auf derlei Dinge und wie ungleich schöner ist es so etwas im eigenen Kulturraum auszumachen. Divergenz vor der eigenen Haustür hat in meinen Augen deutlich mehr Anziehungskraft als jene, welche ich nur bruchstückenhaft begreife und allenfalls teilweise, gänzlich wohl nie verinnerlichen kann.

Fietslandia – Paralleluniversum auf zwei Rädern

Genug vom Provokant genascht, hin zum offensichtlichen Konsensbericht, so könnte man meinen. Dass Holland hinsichtlich Fahrradfreundlichkeit weit, weit vom Rest der Welt weggegestürmt ist, dürfte allgemein bekannt sein. Und dennoch möchte ich dem noch ein paar Dinge hinzufügen und sei es um dem Umstand in aller Angemessenheit zu huldigen. Von Polen müssen wir diesbezüglich nicht reden, orientieren wir uns mit der Vergleichslatte also lieber an heimischen Gefilden. Manchmal, wenn man einen dieser schicken Fernradwege in Deutschland entlangschnürt, kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass es schon gewaltige Fortschritte zu feiern gibt. Auch wenn man sich am schlechten Beispiel im Osten misst. Doch nach meinem ersten Gazellensprung über die Ems verstand ich wo wir wirklich standen. Ich begriff was möglich ist. Und ich will es auch bei mir zu Hause. Was hier in Deutschland unternommen wird ist nichts anderes als der uninspirierte und visionsarme Versuch dem allgegenwärtigen Autoversum ein paar Fahrradkanäle unterzujubeln. Quasi eine Angliederung und Unterordnung eines in der Hackordnung unterprivilegierten Verkehrsmittels mit dem Ziel den ungestörten Autofluss zu gewährleisten. Dies kann zu großartigen Trassenführungen führen, es kann aber auch zu halbherzigen Bastarden zwischen Straße und Radweg mit irritierender Wegführung und Vorfahrtsbedingungen kommen. In jedem Falle sieht man die Höchstleistungen deutscher Radwegprojekte stets nur bei prestigeträchtigen Fernradwegen in bevölkerungsarmen Regionen. Sobald der Radweg an eine nennenswerte Stadt stößt, weicht er erschrocken zurück vor der wahren Verkehrsmacht, zerfranst und zerfasert sich zunehmend und verkümmert schlussendlich in der schützenden Nähe des Rinnsteins der anderen Entrechteten – dem gemeinen Fußvolk.

Es ist genug Platz für alle da. Radistrale auf dem Deich.
Es ist genug Platz für alle da. Radistrale auf dem Deich.

In Holland, so begriff ich schon nach kurzer Zeit, geht man grundlegend anders an die Sache heran. Hier besteht nichts Geringeres als ein paralleles Netzwerk von Radwegen zu der bestehenden Autostruktur. Diese sind vorzüglich in Schuss, ausgestattet mit feinstem Leitsystem und mustergültig markiert (auch wenn ich eine Zeit brauchte um zu verstehen, dass man in Holland nicht dem Prinzip der Fernradrouten folgt, sondern das komplette Land mit Kreuzungspunkten ausgestattet hat, so dass man sich mit einer Karte oder einer App flugs die eigene Route zusammenschneidern kann). Dies hat Genuss und Gefahrlosigkeit auf beiden Seiten zur Folge. Man verschränkt und hegt ein wie es für diese beiden Verkehrsmittel sinnvoll ist. Es ist also, der Holländer zeigte es zweifelsohne, nicht zu aufwändig oder unbezahlbar, sondern schlicht und einfach machbar. Ich bin begeistert. Bis ich die Gazelle in die Eisenbahn treiben musste. Es mag verwundern bis regelrecht verstören, aber ein Land mit einer derartigen Ausrichtung auf Zweiradrigkeit stellt sich als Desaster dar wenn es um die Verzahnung von öffentlichem Nahverkehr und Fahrrad geht. Zwei mächtige Stufen gilt es mit dem Rad zu erklimmen um in den Zug zu kommen, die Fahrradabteile sind in Frage des Raums wie der Anzahl ein schlechter Witz – blamabel, äußerst blamabel. Wobei ich das hier für mich so entschlüsselt habe: der Standardholländer scheint an all seinen Lebenseckpunkten Fahrräder zu haben (nur so können sich die unüberschaubaren Herden an Rädern an jedem noch so kleinen Bahnhof erklären) und steigt unbefahrradet in die Bahn. Auch ein cleveres Prinzip, für uns aber leider nicht praktikabel. So holte ich mir dann noch zum Abschluss eine Zerrung beim Fahrradheben in fietslandia! Alles Gute ist halt nie beisammen und: Alles hat Vor- und Nachteile. Sowieso.

In Zahlen:
Tage: 21 (davon aktiv gefahren 17); reine Fahrzeit: 56 Stunden; Gesamtkilometer: 1030 km; längste Etappe: 85 km (19.7.); kürzeste Etappe: 20 km (27.7.); Durchschnittsetappe: ca. 60 km; Durchschnittsgeschwindigkeit: 18,3

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Ach, Bahn!

Gut 30 Stunden und achtmal umsteigen später sind wir dann auch schon in Stendal… Bahnfahren in der Ersten Welt, durch die EG-Gründungszone. Wie es dem Stellwerk Münster geht, wissen wir nicht. Wir haben nach 6 Stunden warten ein Taxi zum nächsten funktionierenden Bahnhof genommen. Es ist alles so unglaublich traurig. Ein Wochenende auf der deutschen Schiene wandelt noch jede  Wut in fatalistisches Mitleid. Wie bist du heruntergekommen! Was haben sie dir angetan? Die Stoßrichtung ist jedenfalls klar – das Desaster anstupsen bis keiner dich als seriöses Verkehrsmittel mehr ernst nimmt. Aber nicht mit mir – auch wenn ihr noch so unverschämt sabotiert – ich fahr kein Auto!

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Geschrieben vonStendal, Saxony-Anhalt, Germany.

Nach Hause

Und schon ist sie wieder vorbei, die Sommer-Auszeit. Nach 1030 wundervollen Kilometern, die wir gönnerhaft mit Rotterdam und Hotelnacht besiegelten, geht es nun heimwärts. Schön war’s.

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Kommen wir zur allständigen Abrechnung mit der Deutschen Bahn – wie könnte man schöner heimkehren?! Mit acht Mal umsteigen und soliden 16 Stunden Fahrt trotzen wir die zurückgelegte Strecke auf anstrengendste Weise ab. (Und das sagt ein Eisenbahnfans!) Warum wir nicht einfach die durchgehende Verbindung von Amsterdam nach Berlin nehmen und in etwas mehr als 6 Stunden wären? Weil die schrullige alte Tante Bahn wie jedes Jahr im Sommer völlig überraschenderweise registriert, dass Menschen, die Urlaub machen mehr Platz in den Zügen beanspruchen, ja bisweilen sogar das eine oder andere Fahrrad mehr transportiert werden könnte. Dies war schon letztes Jahr in Polen ein Problem, aber gut, das ist ja der unterentwickelte Osten… Schließlich traut man sich in derart erschlossene Regionen sogar mehr als einen täglichen Zug während der Saison zu schicken. Nein, die Angelegenheit scheint komplizierter zu sein, als wir Zivilisten annehmen. Einfach den relevanten Linien einen Radwaggon hinzufügen würde sicherlich die Leistungskapazität der Ersten Welt überstrapazieren.

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Die apokalyptischen Radfahrer

Nachdem nun Gevatter Gegenwind, Genosse Regen treue Begleiteter dieser kleinen Reise waren, hat sich nun endlich auch Väterchen Klamme-Kälte dazugesellt. Aller jut solange die vierte Gewalt nicht anklopft. Wider alle Widrigkeiten haben wir uns heute nach Regenabbruch erst zum späten Nachmittag über die Deiche wagen können und schauen nun stolzüberströmt auf die 997 des Tachos. Wat werden morgen die Heinekorken knallen!

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Geschrieben vonRockanje, South Holland, Netherlands.