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Ratgeber: Kreuz und quer übers Schwarze Meer

Über die Ukraine wie über Georgien wurde an dieser Stelle schon reichlich gelobhudelt und geschwelgt. Was läge da näher als das die beiden verbindende Band zum eigenen Thema zu machen, es quasi etwas ausufern zu lassen. Die Rede ist von der Fährverbindung Batumi-Tschornomorsk. Da die Landverbindung aus bekannten Gründen etwas ausgebremst ist, blinzelt den aufgeweckten Flugverächter rasch die maritime Alternative an. Und, soviel sei hier schon gespoilert, solange man über ausreichend Zeit verfügt, ist dies mit Abstand die vorzüglichste Art der Annäherung an eines der beiden Schätzchen.

Hier nun also der nächste Reisebericht im Geiste des Anhalters um dieses außergewöhnliche Erlebnis möglichst vielen Lebewesen in der Galaxis schmackhaft zu machen!

Mit der MS Kaunas von Batumi nach Chernomorsk

Welche Richtung soll man fahren? Hier zeigt sich nun das Credo dieses Blogs hier in seiner ausgeprägtesten Form. Anfangs erschien mir die Reise mit Ostkurs am plausibelsten. All die ersehnten Kostbarkeiten von Chatschapuri bis unberührter Berglandschaft im Sinn, sollte eine solche zweitägige Schiffsreise doch ein wahrer Genuss sein. Dazu noch zuvor der unbezahlbare Reiz einer Anreise mit der ukrainischen Bahn – was will man mehr?! Jedoch, es mag auch sein, dass die Latenz zur Verspätung, diese gierige Ungeduld zur Qual werden lassen kann. Ich denke da nur mit Grausen an das andere Schiff, welches mit Sicht auf den Hafen von Batumi über einen Tag warten musste. Auf der Rückreise, wenn die kostbaren Tage des freien Herumstreunerns sich langsam dem Ende zuneigen, ist man eher bereit, solche Verschleppungen gelassen in Kauf zu nehmen. Und sowieso: im Vergleich zu dem abrupten Realitätsschock des Flugs ist die langsam gleitende Fähre ein weitaus wärmerer Entzug, der dem sensiblen Fernwehklagenden eindeutig zu empfehlen sei. Ihr merkt es mal wieder; alles hat Vor- und Nachteile, wobei ich dann doch aus vorgenannten Gründen dem Westkurs ein wenig mehr abgewinnen konnte.
Eine Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön!

Wichtige Links zur Schiffsfahrt

Eine wichtige Anmerkung noch zu Beginn. An dieser Stelle beziehe ich mich ausschließlich auf den georgischen Hafen Batumi. Aktuell kann es aber schon heute sein, dass Ankunft oder Abfahrt über Poti, den zweiten georgischen Hafen abläuft. Hierüber kann ich aber leider keine eigenen Erfahrungen beisteuern. Zudem wuchtet man auch noch einen dritten Hafen ans Schwarze Meer um die neue Seidenstraße zu befeuern. Diese milliardenschwere Investition wächst gerade in Anaklia, nördlich von Poti, heran. Es sieht ganz danach aus, dass man sich auf der georgischen Seite des Schwarzen Meers einiges überlegt hat um den Infrastrukturvorteil Küste mit aller Kraft auszunutzen.

Andere Wissensquellen

Außer den Umstand der bloßen Existenz einer derartigen Fährverbindung schweigen sich die meisten herkömmlichen Reiseführer aus. So ist man hinsichtlich Reisevorbereitung größtenteils auf Reiseberichte im Internet angewiesen. Diese sind aber zum Zeitpunkt meiner Abreise deutlich in die Jahre gekommen. Eine ganz gute und aktuelle Übersicht findet sich bei caravanistan.com sowie die ganz ausverzügliche Reisebeschreibung auf zug-nach-irgendwo.de, die witzigerweise kurz nach unserer Ankunft in Odessa eine Reise in die Gegenrichtung auf dem selben Schiff beschreibt. Und obwohl ich der Meinung bin, dass der Schiffsweg in der nächsten Zeit populärer wird und sich demzufolge die Berichte mehren werden, ist derzeit noch Aufklärung über den Ukraine-Kaukasus-Express nötig.

Buchung & Organisation

Ein kleiner Schritt für den Reisenden, doch ein großer Schritt für die Reise – alles beginnt mit einer Buchung im Internet. Unter ukrferry.com lässt sich die mögliche Passage problemlos einen guten Monat vorher buchen. Natürlich kann man, zumal wenn man das Abfahrtsdatum noch nicht so genau weiß, die Buchung auch deutlich später vornehmen. Wir trafen jedenfalls einige Reisende, die das Fährticket noch am Tag der Abfahrt erstanden. Wohlgemerkt im August und die Passagierdecks waren dabei alles andere als ausverkauft. Die Preise für die One-Way-Passage changieren zwischen $350 für die Einzelkajüte bis zu $125 für ein Bett in der Vierer-Standard-Kabine. Alle Kabinen verfügen aber immer über ein Innen-WC samt Dusche. Wir wählten eine C2-Doppelkabine und waren vollauf zufrieden.
Eines der Traumschiffe in Lauerposition
Wenn man jedoch eher zu den nervösen und vorfreudigen Reisenaturen gehören sollte, dann nur nicht verzweifeln wenn die Abreisedaten auch einen Monat vorher noch nicht terminiert sind. Nur Geduld, sie kommen irgendwann. Vier Wochen ist ein Orientierungswert, ähnlich wie das gesamte Reiseunterfangen wird man hier schon früh in Demut und Geduld unterwiesen.

Anreise

Ich schätze jetzt einfach mal, dass die West-Ost-Passage häufiger vorkommt. Daher beginne ich mit der Beschreibung selbiger. Wenn man von Berlin startet kann man mit schlappen 3xUmsteigen schon in der Fähre sitzen. Es gibt hier einige Varianten per Zug nach Odessa zu kommen. Ich präsentiere daher nur einen Menüvorschlag. Der erste Zug, der Berlin-Warschau-Express dabei sicherlich der banalste Schritt. Doch listen wir der Übersichtlichkeit wegen alles fein säuberlich auf.
  • Berlin-Warschau-Express: aktuell viermal täglich (6:37/9:37/12:37/16:37), in knapp sechseinhalb Stunden mit Sparpreis für €29,90
  • Lwów-Express: verkehrt als D 51/52 einmal täglich zwischen Breslau, Warschau und Lviv (Lwów); zu buchen über die PKP; alternativ wäre hier auch möglich bis zur polnischen Grenzstadt Przemyśl zu fahren um dann den direkten Nachtzug nach Odessa zu nehmen; buchbar über die Ukrainischen Staatsbahn (18:09/11:15)
  • Lwiw-Odessa: viermal täglich verkehrende Nachtzüge, buchbar über das Onlineportal der Ukrainischen Staatsbahn
  • Odessa-Tschernomorsk
Die Anreise zum Fährterminal mag hierbei möglicherweise die anspruchvollste Etappe sein. Ausgewiesener Zubringer ist in jedem Falle der Bus Nr. 15, welcher vom Bahnhofsplatz startet. Daneben gibt es aber noch etliche Busse und Marschrutki mehr, die einen sicher zum Hafen bringen können. Beziehungsweise in die Nähe davon. Die Busfahrer wissen hier zumeist Bescheid und werden einen rechtzeitig rauswerfen. Dann steht nochmals ein guter Kilometer schlecht markierter Fußweg an (Tipp Online-Navigation) bis man das Fährterminal erreicht hat.
Das Tschornomorsker Dock – meisterhaft versteckt lohnt es doch jegliche Mühsal der Anreise.
Hier sei auch nochmal gesondert darauf hingewiesen, dass man vor Ort nichts zu erwarten hat, was an ähnlichen grenzüberschreitenden Reisepunkten zu erwarten wäre. Kein Bankomat/Wechselstube, keinerlei Kiosk/Imbiss, keinerlei Möglichkeit zum SIM-Kartenerwerb und sanitäre Anlagen auf allerunterstem Niveau. Sprich: alles Reisenotwendige sollte zuvor besorgt und auch die meist langen Wartezeiten hierbei bedacht sein. Dies gilt natürlich in ähnlicher Bedeutung für hier Ankommende. Soll heißen, ein paar Griwnen oder kleine Euroscheine sollten zum Grundinventar gehören. Letztlich wäre an dieser Stelle auch die Wahl eines Taxis keineswegs mit Gesichtsverlust gleichzusetzen. (So man in der Lage ist, eines heranzukommunizieren.)

Auf See

Wie in diversen Reisebeschreibungen in allen Zungen der Welt angedeutet, gehört diese Fährpassage nicht direkt zu den allerpünktlichsten Beförderungsmitteln. Wartezeiten im Stundenbereich sind die Regel. Den Rekord von 22 Stunden verspäteter Abfahrt und 30 Stunden verspäteter Ankunft, den wir bei unserer Jungfernfahrt erreichten, gehört aber wohl eher zu den selteneren Fällen. Nichtsdestotrotz sollte man Ruhe und Geduld einpacken um in den Genuss dieses Deluxe-Reiseerlebnisses zu kommen. Dabei sind die Formalitäten, so es denn soweit ist, reichlich entspannt, um nicht zu sagen lässig. Saloppe Zollkontrolle, flüchtiges Überfliegen der Dokumente und schon geht es hinein in den gewaltigen Bauch der Fähre. Drei Schiffe wären hier im Angebot:
  • MS Kaunas Seaways (Jahrgang 1989, Länge 191m)
  • MS Vilnius Seaways (Jahrgang 1987, Länge 191m)
  • MS Greifswald (Jahrgang 1988, Länge 191m)
Natürlich spekuliert man hier aus verschiedenen Gründen auf das Glück mit der Greifswald zu fahren, doch auch die Kaunas ist eine Seereise wert wie auch die baugleiche Vilnius. Auf der Kaunas entdeckten wir nach den ersten planlosen Schritten in der untersten Etage des Schiffes einen Fahrstuhl, der uns zur Rezeption in der 6. Etage befördert. Hier erhält man gegen Vorlage von Ticket und Pass den Zimmerschlüssel. Uns begeisterte wie überraschte die Kabine gleichermaßen. Sauber, frische Luft, funktionale Sanitäranlagen und nix weiter zu meckern.
Kurz nachdem man eingecheckt hat, verinnerlicht man sacht die Ruhe und Unbesorgtheit die solche eine lange Seereise auslöst. Und mag dort draussen, jenseits der Küsten die ärgsten Kümmernisse und gräulichsten Bedenken herumkriechen, hier an Bord besteht das Dasein fortan aus Schlummern im sanften Wellengang, drei Mahlzeiten ohne Reue und exzessiven Müßiggang!

Verpflegung

Zu diesem Thema hatten sich die meisten Reisenden die vor mir hier waren mit zumeist leicht despektierlichen Ton geäußert. Sicher, es gäbe die im Fährpreis inbegriffene Vollpension, jene drei Mahlzeiten, die zu festen Zeiten überall an Bord schnarrend ausgerufen werden. Doch bestünden die Mahlzeiten zu großem Teil aus Wurst und seien daher nicht jedermanns Sache. Obwohl ich nicht unbedingt als Wurstfeind gelte, statteten wir uns vorsichtshalber an den Gestaden des kulinarischen Hochgenusses, in Georgien mit reichlich saftigen Gemüse und bestem gesalzenen Käse aus. Doch dies hätten wir locker bleiben lassen können. Die drei Gänge auf der MS Kaunas konnten sich mit gehobenen Kantinenessen sowjetischer Provenienz messen. Der Flaschenhals war ein ganz ein anderer.
Mittagessen auf der MS Kaunas. Kein Grund für Beschwerden.
Nichtalkoholische Getränke. Zwar war die Trinkwasserversorgung mittels Wasserstationen in den Gängen sichergestellt. Doch ein schönes Sprudelwasser, eine Limo, Saft – all dies war nicht aufzutreiben auf dem Schiff. Die Bar, die in unregelmäßigen Abständen aufmachte, bot Kaffee, Schnaps und Bier (das infernalische Angebot lautete hier übrigens: kleine Dosen von Bitburger, Warsteiner oder Heineken!) an und der kleine Duty-Free-Shop, der mit ebenso unbeständigen Öffnungszeiten hervorstach, konnte das Sortiment nur mit Importwhiskey und deutschem Perlwein ergänzen. Ich empfehle also die hier geschilderten Umstände zu bedenken und den eigenen Proviantbedürfnissen entsprechend zuzukaufen.

Leute

Das war neben Verpflegung, Unterkunft und überhaupt eine der spannendsten Fragen im Vorfeld: Was für Menschen findet man auf solch einer Passage? Welche Stimmung herrscht an Deck? Die Grundvermutung, eine Mischung aus Travellern und Truckern hat sich im wesentlichen bestätigt. Wobei es natürlich immer etwas anderes ist wenn solche theoretischen Erwägungen mit Leben gefüllt werden. Wenn man mit grummeligen Kasachen und fröhlichen Kaukasiern den Blick aufs Meer wirft und über dies und jenes schwatzt um gleich danach in eine polnische Reisegruppe und ihr stets verschmitztes Zischelgespräch zu stolpern, dann ist das schon eine ungefähre Abbildung der zu erwartenden sozialen Kontakte auf einer Schwarzmeerüberfahrt.
Wer mal zwischendurch ein wenig losgelöst sein will – egal von was – hier ist man dafür richtig.
Die Passagiere dieser Lebensader, welche den aktuellen Krisenherd Donbass umpulst, besteht aus zwei Gruppen: Truckern und Touristen. Obzwar beide Gruppen hinsichtlich Belegung der Kabinen und Abtrennung beim Essenfassen spürbar von einander auf Abstand gehalten werden, kommt es ob der Überschaubarkeit des zugänglichen öffentlichen Raums und des Lebens in einer gemeinsamen Zeitkapsel natürlich immer, so man es zulässt, zu herzlichen Fraternisierungen. Ich für meinen Teil mochte die zeitlose Lässigkeit der Überfahrt, welche immer wieder von interessanten Gesprächen mit noch interessanteren Menschen garniert wurde.
 

Anschlussschiffe

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist und auch die Rückreise derart gestalten möchte, so sei erwähnt, dass Ukrferry nicht die einzigen sind, die es Zivilisten ermöglichen, das Schwarze Meer zu durchkreuzen. Neben dieser Linie gibt es auch noch Navibulgar, welche neben Chernomorsk auch noch nach Varna in Bulgarien schippern. Und das ist, wenn man sich es mal auf einer Karte zu Gemüte führt, die wirkliche Schwarz-Meer-Durchkreuzung. Hierfür werden dann auch gleich solide 54 Stunden veranschlagt. Die Preise für die Passage befinden sich in vergleichbaren Rahmen zu den Ukrferry-Tarifen. Eine überaus reizvolle Idee meines Erachtens, so man die Zeit für derlei Unternehmungen hat.

Start&Ziel

Batumi – durchgeknallte Schwarzmeerperle mit Kapitelmarkenpotential

Batumi – was soll ich sagen?! Als Ausgangs- und Endstation zahlreicher Kaukasusexpeditionen hatte ich wohl Gelegenheit genug mir ein Urteil über die Schwarzmeerperle in Spuckweite zur türkischen Grenze machen zu können. Und dennoch bin ich noch jedes Mal aufs Neue irritiert von dieser explosiven Architektur- und Stilorgie, die einem hier kreischend ins Gesicht springt. Fast würde man meinen, dass bei regelmäßig stattfindenden Stadtversammlungen jeder der Lust hat, mit groben Buntstiften eine Idee auf den Stadtplan kritzelt, was dann umgehend von einem, mit reichlich Drogen versorgten Architekten und einer Schar furchtloser Bauarbeiter umgesetzt wird. Kurz gesagt, Batumi ist etwas ganz besonderes. Und somit ist es eben auch ausgezeichnet geeignet als Start- oder Endpunkt einer Georgienentdeckung. Richtiggehende Empfehlungen oder gar Pflichtsehenswürdigkeiten habe ich dagegen eher nicht. Neben dem obligatorischen Abschlendern der Strandpromenade und einem Bummel durch die durchgeknallte Krawallarchitektur des Zentrums sehe ich wenig relevante Punkte, die man unbedingt gesehen haben muss. So bietet sich Batumi eben als hervorragender Ort an um sich ohne Sorge allzuviel zu verpassen, zu akklimatisieren oder in Würde zu verabschieden.
In Anbetracht dieses Ausschnitts stelle sich der geneigte Betrachter vor, dass, so er den Blick nach rechts oder links schweifen lassen würde, es nicht minder verrückter werden könnte.
Sollte man doch etwas zuviel Zeit und Energie haben, empfiehlt es sich eher etwas ins Umland zu streifen. Eine ganz fabelhafte Idee wäre hier beispielsweise der Botanische Garten. Etwa 15km nördlich von Batumi gelegen breitet sich dieser auf den Hügeln des “Grünen Kaps” (Mzwane Konzchi) direkt am Schwarzen Meer aus. Abseits der trubeligen Hafenstadt kann man sich hier mit atemberaubenden Aussichten, frischer Luft und entspannter Atmosphäre verwöhnen. Ein weiteres, häufig genanntes Ausflugsziel ist Gonio. Dies ist eine 7km südlich von Batumi, direkt am Meer gelegene Ruine eines römischen Kastells. Auch hier sind lohnenswerte Meerblicke zu erhaschen und mit einem kleinen Sprung wäre man in dem netten Badeort Sarpi kurz vor der türkischen Grenze.

Odessa – oh, du Unbeschreibliche! (und ich versuch es doch)

Ach, Odessa, du Mutter so vieler meiner Sehnsüchte, du heißblütige Gelassene, du bezaubernde Ewiglockende – keine ist wie du. Und keine löst in mir reflexhaft derlei schwülstige Schwärmerei aus. Dabei konnte ich dein wahres Antlitz anfangs vor lauter Vorschusslorbeeren gar nicht so genau ausmachen. Denn kaum eine Stadt war zumindest in meiner Wahrnehmung derart aufgeladen mit der romantisch schimmernden Patina einer mediterranen, multiethnischen Kultur, dessen Strahlkraft von keinem Imperium gänzlich ausgelöscht werden konnte.
Eine Treppe ist eine Treppe ist eine Treppe. So meint man vielleicht bevor man in Odessa war.
Auch wenn es von diesem Format natürlich noch einige andere Städte mehr gibt. Treue Leser erinnern sich beispielsweise an meine Huldigungen vom Letzten Jahr für Lwiw. Doch ich wage zu behaupten, Odessa trumpft noch einmal deutlich auf. Dabei hat es, rein in Zeit bemessen, historisch gar nicht so viel zu bieten. Erst 1792 nach dem das Gebiet im russisch-türkischen Krieg den Osmanen abgeknöpft wurde, beginnt die eigentliche Geschichte der Stadt. Zuvor dämmerte man hier offenbar ohne allzu übertriebene Urbanisierungsambitionen unter der Herrschaft zahlreicher sich abwechselnder Völker der Umgebung. Mit Katharina der Großen startete man dann mit Schwung durch. Denn es handelte sich keineswegs immer um Luftschlösser oder Potjomkinsche Dörfer, welche hier nach der Einverleibung ins Zarenreich entstanden. Odessa wurde als lang ersehnter Hafen für den Schwarz- und Mittelmeerraum sogar ein großer Erfolg. Auch dank der überraschend fähigen Statthalter in den ersten Jahrzehnten entwickelte sich Odessa zu einer konzeptionell durchdachten und rational umgesetzten Stadt. Ähnlich wie in St. Petersburg feierte sich hier das pro-europäische, aufgeklärte Bürgertum und erschuf Städte die für das riesige zurückgebliebene Hinterland Vorbildfunktion haben sollte. Doch es waren nicht nur die aufgeweckten Statthalter und fähigen Architekten, die Odessa zu etwas Besonderem machten. Die fruchtbare, aber relativ entvölkerte Region des ehemaligen Krimkhanats, benötigte dringend neue Siedler. Man entschloss, sich hierbei nicht allein auf russische Bauern zu verlassen, sondern öffnete “Neurussland” für ausländische Kolonisten. Hauptsächlich Griechen, Deutsche, Serben und vor allem Juden, die nach den polnischen Teilungen vermehrt hier Zuflucht suchten. So entwickelte sich Odessa schnell (schon bald war es die viertgrößte Stadt des Zarenreichs) zu einem multiethnischen Schmelztigel, der in dieser Form ein absoluter Ausnahmefall im Imperium war.
Neben DER Treppe wohl das andere Wahrzeichen Odessas. Das Imperium baut zurück. Zeitweise die zweitgrößte Oper der Welt.
Und so begann der Mythos zu leben. Eugen Onegin, Panzerkreuzer Potjomkin, Benja Krik und dergleichen mehr, mit Odessa sind etliche Legenden verknüpft, die schon seit langer Zeit einen festen Platz in meinem Kopfkino haben. Und so konnte es bei der realen Kontaktaufnahme nur hopp oder top geben. Entweder es gelingt ihr mühelos mich zu bezirzen oder aber ich wende mich in gekränktem Wirklichkeitsekel voller Abscheu ab. Ich kann voller Erleichterung berichten, dass das Pendel unzweifelhaft zur erstgenannten Reaktion ausschlug. Natürlich hat sich seit Issak Babel einiges verändert: Die Moldawanka gleicht einem gewöhnlichen südrussischen oder ukrainischen Stadtviertel, die Mädchen posieren am Strand mehrheitlich für tote Handyobjektive statt für männliche Subjektive und kein noch so massiver Panzerkreuzer wäre in der Lage vor DER Treppe anzudocken. Dort hat man nämlich städteplanerisch zutiefst unelegant alles derart zugebaut, dass die einzigartig perspektivisch verzerrte Sichtschneise so richtig schön nur noch aufwärts wirkt.
Ob nun nur Absätze und keine Stufen oder andersrum – von oben bleibt des Auge des Betrachters woanders hängen.
Und dennoch: Odessa hat sich trotz der überall wirkenden, gleichmacherisch abschmirgelnden Effekte des internationalen Tourismus und der Banalisierung des Zeitgeists einiges bewahrt, was diese Hafenstadt zu einem seltenen Kleinod für den weltoffenen Reisegourmet macht. Dank verschiedener einzigartiger Umstände vermochte es Odessa eine gehörige Portion der leichtlebigen Ära des Fin des siècle abzukapseln, und gegen die Schnelllebigkeit und Hysterie der vergangenen Jahrzehnte hinüber in die Gegenwart zu retten. Wenn man durch die dschungelhaften, breiten Straßen lustwandelt und den Blick öffnet für die Patina der vergangenen zwei Jahrhunderte, begreift man warum die Odessiten diese Stadt so lieben und warum sie trotz allem, was der Planet da draussen an Unbill für sie bereithält unfassbar gelassen und entspannt wirken.
Das was ich meine ist nicht fotografierbar obwohl im Bild enthalten – Das gewisse etwas.
Doch ich will auch nicht die Schattenseiten Odessas verschweigen. Das ewige Hindämmern im toten Winkel der Weltgeschichte führte in Konsequenz nicht nur zu reizvoller Patina und legerer, mediterraner Atmosphäre. Ähnlich wie bei Lwiw weist ein genauerer Blick auf die Stadt, dass man hier hemmungslos von der Substanz lebt und ein Blick in die Zukunft durchaus nicht so rosig erscheint. Sprich, es wird wenig getan um das, was uns heute noch als so pittoresk und authentisch erscheint zu erhalten. Die Pflege gilt dem Privateigentum, der öffentliche Raum wird größtenteils vernachlässigt und sich selbst überlassen. Daher könnte Odessa in ein bis zwei Jahrzehnten den Sprung von, in Würde gealtert zum bemitleidenswerten Pflegefall erleiden. Wie dies vermieden werden kann, ohne die üblichen kaputt sanierenden Heuschrecken anzuziehen, ist mir allerdings schleierhaft. Zudem malt eine bedrohliche Zahl ein düsteres Bild von einem Odessa, welches ich bislang nicht kennenlernte, das aber zweifellos existiert: die Stadt gilt AIDS-Hauptstadt Europas, offiziell sind 11.000 Infizierte registriert, man geht jedoch in der Ein-Millionen-Stadt von bis zu 150.000 Fällen aus.
Eine Halle von dreien. Und das ist nur der alte Markt.
Ich wollte dies nicht unerwähnt lassen auch um anzudeuten, dass man sich hier keinesfalls auf ein gelecktes und konturlos poliertes Sehenswürdigkeitsportal einlässt. Odessa hat Ecken, Kanten und jede Menge Sorgen. Doch wer nicht auf der Suche ist nach Rundum-Sorglos-Urlaub wird diese Schattenseiten gern in Kauf nehmen für die solide Packung an Authentizität und Lebensfreude.  Empfehlungen meinerseits sind neben ausgedehnten Spaziergängen in Altstadt und am Strand auf jeden Fall ein Besuch im zentralen Markt (in Bahnhofsnähe) Ich habe wenige Märkte in Erinnerung, die einen wie hier mit ihrem überschäumenden Angebot und maßloser Üppigkeit derart erschlagen, dass man glaubt fortan nie wieder auf herkömmliche Art Lebensmittel erwerben zu können. Auch eine Expedition in den Untergrund Odessas ist lohnenswert. Die Katakomben, welche sich unter der Oberfläche endlos und überschaubar zu winden scheinen (das Tunnelsystem hat eine Gesamtlänge von über 2500km und über 1000 Eingänge), war speziell im Zweiten Weltkrieg von enormer Bedeutung. Da sich hier während der Besatzung durch deutsche und rumänische Truppen sowjetische Partisanen verstecken und den Widerstand aufbauen konnten. Abseits dieser beiden Höhepunkte lege ich jedoch nochmals exzessiv-zielloses spazieren und flanieren ans Herz. Ihr werdet nicht widerstehen können.  

Ratgeber: Wandern in Swanetien – ein Tanz auf dem Rande des Balkons

Swanetien – Georgien – der Große Kaukasus – der Balkon Europas! Der Weg von Mestia nach Ushguli, dem höchstgelegenen, dauerhaft bewohnten Dorf Europas, gehört zu den viel gepriesenen und besungenen Sahnehäubchen, unter den zahlreichen Schmankerln, die Georgien im Angebot hat. Allzu oft lugten wir auf unseren kürzeren Kaukasus-Stippvisiten sehnsüchtig gen Norden zu diesen mächtigen Bergmajestäten. Doch immer war die Zeit zu knapp oder das Wetter missgünstig. Nun, nach monatelanger Vorbereitung und nicht minder langer hibbeliger Schmachterei war es endlich soweit. Der Rucksack saß, sie Sonne gab sich die Ehre und schon ging es hinauf auf die Balkonbrüstung Europas!

Hier nun also der nächste Reisebericht im Geiste des Anhalters um dieses außergewöhnliche Erlebnis möglichst vielen Lebewesen in der Galaxis schmackhaft zu machen!

Eine Wanderung von Mestia nach Ushguli

Andere Wissensquellen

Wenn ich an dieser Stelle häufiger über mangelnde Informationsquellen lamentiere, so kann das in diesem Falle ganz und gar nicht behauptet werden. Natürlich sei hier meine ständig aktualisierte Basisübersicht zu Georgien erwähnt. Fragen, die über diese spezielle Wanderung hinausgehen, sollten hier hoffentlich ausreichend beantwortet werden. Doch sucht man im Internet nach dieser Wanderung, fällt einem schnell auf, dass man sich hier wohl erstmals eine Route der Kategorie A-Prominenz ausgesucht hat. Oft wird dieser Trek in schillernder Schlichtheit als “most popular multi-day trek” gekrönt. So gibt es Routenbeschreibungen, Erfahrungsberichte, GPS-Daten, Offline-Karten zu dieser Strecke in schier überbordender Quantität. Ein Zustand, den ich so selten erleben darf, daher präsentiere ich hier voller Genugtuung die Quellen und Tools, welche mich heil und wissend über die Berge brachten:

  • die bereits zuvor verlinkte Routenbeschreibung von caucasus-trekking.com ist kurz, knackig und informativ – hier findet sich auch die dazugehörigen GPX- oder KML-Datei sowie solide recherchierte Angaben zu An- und Abreise (angesichts dieser vorzüglichen Informationslage habe ich erstmals überlegt ob ich zu dieser Route wirklich noch etwas schreiben muss. Und doch, es muss einfach raus!)
  • als über alle Zweifel erhabenes Schweizer Taschenmesser unter den Offline-Navigationssystemen ist natürlich OsmAnd+ zu erwähnen. Mit heruntergeladener Standardkarte, Höhenlinien und Relief zu Georgien ist man, solange man Strom hat, stets bestens orientiert
  • zwei weitere Apps testete ich dieses Mal zusätzlich und kann beide ohne weiteres für den Outdoorgebrauch empfehlen: WindyMaps und ViewRanger – beide zeichnen sich durch leichte Handhabbarkeit (und nicht die, jeden Einsteiger etwas verschreckende Komplexität von OsmAnd) sowie eine eindeutig auf Orientierung abseits der Straßen ausgerichtete Navigationssoftware
  • Höhenmesser ist eine weitere nette App, die wie ihr Name schon zart andeutet sehr solide Höhenangaben auswirft, aber auch ein sehr  zuverlässiges Routentracking anbietet 
  • zwei Dinge möchte der gediegene Klugscheißer draußen immer gern wissen: die Namen der Berge die ihn immer steiler umwanken und die der Sterne, welche nachts so beeindruckend wie nie über einem erstrahlen. Natürlich gibt es auch hier Abhilfe: PeakLens und  Sky Map
  • und natürlich gibt es auch noch den Klassiker, die papierene Offline-Variante. Wir fanden Wanderkarten von ganz akzeptabler Qualität in Mestia (Geoland, 1:50000) 
  • Für Wetterauskünfte sei hier wieder meteoblue empfohlen, die meiner Übersicht nach einzige App, welche auch zuverlässige Daten zum Wetter auf den Gipfeln vorzuweisen hat 

Anreise

Der nächste Ausgangspunkt um Mestia zu erreichen ist Sugdidi (obwohl es auch reichlich Marschrutki von Batumi und sogar noch von Kutaissi gibt, welche direkt bis Mestia fahren). Die 150km steil und kurvig sich emporschlängelnde Bergstraße kann man entweder mit der stets präsenten Marschrutka (30 Lari pro Nase, etwa €10) oder mit Taxi (100 Lari pro Taxi, etwa €33) hinter sich bringen. Der Hinweis aus Blogs und anderen Informationsquellen, dass man möglichst früh in Sugdidi sein sollte, da die zahlreichen Fahrer ungern noch nach Vormittag die Bergstraße in Angriff nehmen, kann man als veraltet abtun. Auch wenn der Basar der Mitfahrgelegenheiten nach Ankunft des Zugs aus Tbilisi mit Sicherheit seinen Höhepunkt erreicht, so wird man zweifellos auch noch bis in den Nachmittag hinein eine Passage nach Mestia ergattern können.

Apropos Zug: sollte man Georgien über Tbilisi erreichen, bietet sich der Nachtzug nach Sugdidi an. Komfortabler und günstiger (35 Lari in der Doppelkabine) wird man das Ziel nicht erreichen können. Tickets können problemlos hier gebucht werden. Für die Strecke bis Sugdidi sollte man locker 4 Stunden einplanen. Zwar gibt es ein paar Taxifahrer, die hier täglich neue Bestzeiten versuchen herauszuschinden, doch vier Stunden erscheinen, zumindest mit Marschrutka, ein gängiger Schnitt.

Es muss der Vollständigkeit halber auch erwähnt werden, dass Mestia seit kurzen einen Flughafen besitzt. Dieser hat es ob seiner gewagten Originalität sogar in den Atlas Obscura geschafft. Flüge gehen von hier mit kleinen, tschechischen Maschinen nach Kutaisi und Tbilisi ab und so sehr ich dem Fliegen aus Vergnügungsgründen eigentlich ablehnend gegenüberstehe, kann ich einer solchen An- oder Abreise durchaus etwas abgewinnen.

Herumreisen

Die Rubrik ist recht schnell abgehakt, da sich der regelmäßig frequentierte Passagierverkehr in Swanetien auf die Hauptlebensader Mestia-Ushguli beschränkt. Zumindest in der Hauptsaison und etwas weniger auch in der Nebensaison wird diese Strecke rege von etlichen Kleinbussen und Geländewagen befahren. Sonstige Bedürfnisse, die von Fortbewegung außer der auf eigenen Füßen abweichen, gehören nicht zum Standardrepertoire und müssen einzeln geklärt und organisiert werden. Trampen wäre hier beispielsweise eine geläufige Alternative, die in recht erfolgversprechend sein kann. In jedem Falle kann aber in noch dem kleinsten Dorf eine Passage per Privat-Taxi gebucht werden.

Charakteristik der Region

Der große Kaukasus ist, da gibt es keinerlei Herumdeutelei, ein ausgewachsenes Hochgebirge. Der gesamte Gebirgszug, welcher sich auf 1100km von den üppigen Wäldern bei Sotschi bis zu den kargen Hügeln vor Baku erstreckt, gehört zweifellos zu den spektakulärsten Berglandschaften unseres Planeten. Swanetien ist eines der vielen Filetstücke dieses ausgesprochen leckeren Gebirges. An und für sich handelt es sich bei Swanetien, heute unter anderen um einen Teil der Region Mingrelien und Oberswanetien. Nach der geographischen Unterteilung des Großen Kaukasus gehört diese Region in die Kategorie des vergletscherten Hochgebirgskaukasus, also zu dem Teil mit den höchsten Gipfeln Elbrus (5642m), Dychtau (5204m), Schchara (5200m) sowie dem viertgrößten Gletscher der Welt Bezengi/Schchara.

Für jeden ist was dabei: Rhododendronfluten für uns Blumenkinder und Gletscherabenteuer für den geschätzten Nahtodliebhaber

Doch keine Sorge, es sind keinerlei Extrem- und Nahtoderfahrungen nötig um die Schönheit dieser einzigartigen Region zu genießen. Swanetien wird markant geprägt durch den Fluss Enguri. Ein Fluss, der nicht nur später auch als Grenzfluss zu Abchasien dient, sondern auch eine bedeutende Rolle für die Energieversorgung Georgiens (das Enguri-Wasserkraftwerk produziert 40% des georgischen Stroms) spielt. Wenn man grob diesem Flussverlauf folgt und lediglich die verschiedenen Bergkämme, welche das Haupttal zergliedern, überquert, kann man eine überaus angenehme Wanderung erleben, welche nie über 3000m ansteigt oder den angenehmen Bereich der Hochgebirgsvegetation verlässt.

Als beste Wanderzeit ist eindeutig der Hochsommer, also Juni-August zu betrachten. Wobei natürlich auch in diesen Monaten ständig mit wechselhaften Wetter zu rechnen ist. Mit Gewitter, Starkregen und Sturm ist hier stets zu rechnen. Dennoch empfiehlt sich diese Zeit aufgrund der langen Tage und der angenehmsten, zu erwartenden Temperaturen

Regeln&Gesetze

Wenn ich bei anderen Wanderregionen hin und her überlegte, wie dehnbar ich die Gesetzeslage zu den Themen Wildzelten und Lagerfeuer beschreiben soll, stellt sich hier nicht einmal die Frage. Abseits der Siedlungen ist Zelt und Feuer obligatorisch (so man in dieses Höhenlagen überhaupt ausreichend Feuerholz aufzutreiben im Stande ist). Diese selbstverständliche Art die Berge zu genießen, überrascht keinen, der nur einen kurzen Blick über diese ursprüngliche, herzzerreißend freie Landschaft geworfen hat. Mag sein, dass sich dies auch nur noch für kurze Zeit in dieser Form gewährleisten lässt. Denn, auch wenn der Kaukasus riesig erscheint, die wachsende Flut an Touristen, die die Schönheit Swanetiens entdecken wollen, nimmt von Jahr zu Jahr zu. Deshalb werden über kurz oder lang gewisse regulierende Maßnahmen nötig sein, damit die Natur nicht, wie schon so oft geschehen, vom Menschen zu Tode verehrt wird.

 

Natur, Landwirtschaft und Tourismus in einem Bild.

Ausrüstung&Fitness

Fangen wir mal mit Fitness an. Einleitend kann gesagt werden, dass es sich hier trotz des Schlagwortes “Großer Kaukasus” um eine durchschnittliche Kondition und Motorik abfordernde Hochgebirgswanderung handelt. Wer überlegt, sollte jedoch zwei Besonderheiten dieser Route im Auge behalten. Ein Pro-Argument ist die über alle Maßen durchdachte Wegführung der Wanderung. Jede Etappe hat einen Anstieg, welcher sich zwar von Tag zu Tag ein wenig steigert aber dank der  folgenden gelassenen Episoden über Bergweiden deutlich entspannt. Zudem bieten sich zahlreiche Gelegenheiten an, die Wasserreserven an frischen Quellen aufzufüllen oder gar ein kaltes Getränk zwischendurch zu erwerben. Außerdem ist die Tour problemlos ohne Zelt absolvierbar. Jede Menge “guesthouses” und andere Unterkünfte in den Siedlungen offerieren gerne Bett und Obdach. Daher kann man diese Wanderung auch durchaus mit leichterem Gepäck antreten. Das Kontra-Argument ist die Höhe. Wir befinden uns hier eigentlich ununterbrochen über 2000m und das verträgt nicht jeder gleichermaßen. Diese beiden Dinge wollen in der Planung immer bedacht sein.

Meine Ausrüstungsliste für eine zeltbasierten Wanderung im Hochsommer:

  • Zelt (ein 3-Jahreszeiten-Zelt, 2-3kg)
  • Schlafsack + Isomatte (trotz der butterweichen Wiesen empfehle ich die luftgefüllten Outdoor-Modella á la Thermarest)
  • Wanderschuhe + Wandersocken (hier sollte zu allerletzt gespart werden, deine Füße sind die Basis von all dem Spaß den du zu haben glaubst!)
  • Regenschutz (auf jeden Fall für dich und deinen Rucksack, Regenhose und Gamaschen sind eine Überlegung wert)
  • Sonnenschutz (in Form von Creme für die Haut, Brille für die Augen und Hut für den Kopf – nicht vergessen, wir sind hier immer über 2000m)
  • Klamotten (hier sollte jeder nach Gusto einpacken, ob T-Shirt oder Hemd, ob lange oder kurze Hose – auf jeden Fall nicht zu viel. Stichwort: unterwegs waschen)
  • wichtiger Kleinkram: Messer, Kochzeug, Medikamente, Kulturbeutel, Reisewaschmittel, Kompass, Wanderkarten, Powerbank, Plastiktüten, Gaffer undundund
  • Wasser (kann guten Gewissens vernachlässigt werden, der Weg führt zuverlässig an sprudelnden Quellwasser bester Qualität vorbei)
  • Lebensmittel (obwohl die Route einige Dörfer und Gehöfte quert, ist das Angebot hier eher rudimentär, sprich: Brot, Bier, Chacha und Snacks. Alles was darüber hinausgeht wie Gemüse, Suppen oder Konserven sollte vorsorglich in Mestia eingekauft werden)

 

Wegbeschreibung

Obzwar die Route, wie oben erwähnt, schon auf diversen Blogs und Outdoor-Portalen hinreichend beschrieben ist, möchte ich hier kurz meine eigenen Eindrücke und bemerkenswerte Eigenheiten des Weges hinzufügen. Auch ich empfehle die Route in vier Etappen abzulaufen, denn sie ist regelrecht zugeschnitten auf eben diese Einteilung. Auch die Laufrichtung von Mestia nach Ushguli würde ich favorisieren, da man auf diese Weise auf den Höhepunkt (im wahrsten Sinne des Wortes) zuläuft und nicht auf den dann doch etwas reizloseren Tourismus-Knotenpunkt Mestia.

1. Etappe (Mestia – Zhabeshi)

Das Mulakhi-Tal

 

Vom zentralen Platz in Mestia ausgehend (der Wegweiser mit dem heutigen Tagesziel Zhabeshi ist nicht zu übersehen) führt der Weg zunächst über den Chalaadi um sich dann sanft am Berghang aus der Stadt herauszuwinden. Die Landschaft ist waldig mit Bergweiden garniert und der heutige Aufstieg erfolgt nach einem Abzweig wenige Kilometer später und ist kurz und knackig, aber wirklich nur als Ouvertüre für die kommenden Aufstiege zu verstehen. Nach diesem Aufstieg sehen wir das Tal, welches wir den gesamten folgenden Tag durchwandern dürfen. Das Mulakhi-Tal ist eine gut bewirtschaftete Region mit jeder Menge kleiner Gehöfte die schon von Weiten an ihren markanten Wehrtürmen zu erkennen sind. Offensichtlich gibt es hier auch mehr als eine Alternative um nach Zhabeshi zu gelangen. Nach dem Aufstieg muss es auch einen weniger ausgetretenen Pfad geben, der noch etwas länger die Höhe hält bis er ins Tal hinunter geht. Außerdem führt der offizielle Weg nach Cholaschi auch nicht über die Brücke sondern geht links vom Fluss um erst bei Zhabeshi den Mulkhura zu überqueren. Wir wählten die Brücke und die Landstraße um nach Zhabeshi zu gelangen. Der Bekanntheitsgrad dieser Strecke macht sich im übrigen die ganze Zeit an den zahlreichen, gastfreundlichen Angeboten für Bier, Wifi und Pferde bemerkbar.

Der Tourismus ist hier schon längst aus den Kinderschuhen raus – Grundbedürfnisse auf swanisch

So kann diese Etappe als hervorragende Einstiegstour betrachtet werden. Der Aufstieg ist für den Anfang nicht zu heftig, der Weg ist selbst für Anfänger mühelos zu bewältigen und der Weg im Tal bietet jede Menge Einkehrmöglichkeiten und entzückende Picknickplätze. In Zhabeshi selbst kann man auf die Angebote eines der guesthouses eingehen oder in der Umgebung zelten. Frühes Einschlafen sei anempfohlen denn am nächsten Tag droht der mächtigste Anstieg dieses Wanderwegs.

2. Etappe: Zhabeshi-Adishi

An diesem Tag wird es dann zum ersten Mal richtig anstrengend. Die ersten Stunden sind einem stattlichen 1000-Höhenmeter-Event gewidmet. Doch angesichts der zahlreichen wackeren Kühe, denen man beim Aufstieg begegnet, will man nicht kleinmütig aufgeben und kämpft sich den größtenteils sehr angenehm gestalteten Weg hinauf. Sobald man die Piste des Skilifts sieht hat man es geschafft. Interessanterweise hat es sich hier mit dem Überangebot an feilgebotenen Getränken. Die staubige Schotterpiste, die den Berg noch weiter hinaufführt, ist keinesfalls garniert mit etwaigen gastronomischen Angeboten. Allenfalls nach dem der Wanderweg von der Piste, an den Berghang ins Tal abzweigt, gibt es eine kleine Imbissbude, die aber für uns geschlossen hatte (wahrscheinlich weil es Sonntag war).

Das Adishi-Tal

Danach führt der Weg mit grandiosen Aussichten am Bergrücken hinunter in das nächste Tal – das Adishi-Tal. Auf dem Weg ins heutige Etappenziel kreuzen zweimal kleine Bergflüsse den Weg, welche sich in vorzüglichster Weise für eine ausgedehnte Rast anbieten. Der restliche Abstieg führt über deutlich zugewuchertere Wege. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Tälern sind aber nicht nur an ihrem Bewirtschaftungsgrad zu erkennen. Teilweise finden sich hier konkret andere Bäume und Pflanzen. Urplötzlich erscheint nach einer Kurve Adishi im Sichtfeld und ich muss gestehen, dieses Dorf sollte für mich das schönste Bergdorf werden, welches ich auf dieser Reise sehen durfte.

Adishi

Auch hier wie immer die Option auf guesthouse oder zelten. Wir entschieden uns noch ein paar Meter weiter zu laufen und schlugen auf einer Wiese unser Lager auf. Nur um wenig später einen der spektakulärsten Sternenhimmel zu sehen, den ich je erblicken durfte.

3. Etappe: Adishi-Iprali

Die heutige Etappe steht der gestrigen Etappe kaum in etwas nach, außer dass sie vielleicht ein wenig sanfter zu nehmen ist. Dafür beinhaltet sie zwei Höhepunkte: einen aufgrund seines besonderen Thrills und der andere im wortwörtlichen Sinne. Der erste Höhepunkt folgt nach kurzem entspannten Schlendern am Flusstal entlang, denn dieser reißende Gletscherbach muss überquert werden und es gibt keine Brücke. Etliche findige Georgier wissen um dieses Nadelöhr und haben mit ihren Pferden schon in der Frühe Stellung bezogen. Gegen den kleinen Obulus von 20 Lari (ca. 6-7 Euro) sind sie bereit den vorsichtigen Wanderer zu Pferde über die “Furt” zu bringen. Doch es besteht auch die Möglichkeit, es ohne Pferde zu probieren. Ein Teil unserer Wanderergruppe wagte dies und zwar erfolgreich. Alles Wertvolle in Plastetüten verpackt, Hose ausgezogen und mit Outdoorsandalen und einem soliden Wanderstock bewaffnet, gelang uns nach einem anfänglichen Reinfall die Überquerung. Als Ratschlag sei hier angemerkt, dass die Überquerung so früh wie möglich am ratsamsten ist, da der Flusspegel im Laufe des Tages aufgrund des zunehmenden Schmelzwassers spürbar ansteigt. Auch die Wassertemperatur hat mich dann doch nicht unerheblich erschrocken. Was banal erscheinen mag, aber frisches Gletscherwasser ist wohl definitiv Wasser in seiner kältesten Form.

Die Herausforderung des Tages.

Doch danach hat man ja sogleich wieder Gelegenheit um auf Betriebstemperatur zu kommen, denn nun folgt der Aufstieg zum höchsten Punkt dieser Wanderung. Auch dieser Aufstieg ist bei allen kraftraubenden Höhenmetern wieder mit Umsicht in den Hang gezirkelt. Den mächtigen Gletscher im Rücken schnauft man durch unendlich erscheinende Rhododendronmeere zum Sattel hinauf bis man auf dem Sattel auf etwa 2750m ankommt. Hier bestünde die Möglichkeit den Rucksack abzusetzen und den kurzen Abzweig zu den umliegenden Gipfeln ohne Gepäck zu erklimmen (Entweder den Bergkamm nordöstlich nehmen um noch einen besseren Blick auf den Adishi-Gletscher zu ergattern oder den Kammweg in südwestlicher Richtung gehen um den Chkhutnieri (3036m) zu erklimmen) Oder man macht an dieser Stelle nur eine gediegene Pause, genießt die atemberaubende Aussicht und ist verdammt stolz auf sich.

Der Tageshöhepunkt – einfach mal die Füße hochlegen.

Was nun folgt, ist in meinen Augen immer mehr das ekelhafteste am Bergwandern – der Abstieg. Über 1100m geht es nun hinunter und 600m davon auf übelste Weise. Doch auch das kann mit viel Zähne zusammenbeißen und kleinen Tippelschritten gemeistert werden. Angekommen auf knapp 2000 Höhenmetern am Fluss des nächsten Tals (Chaldeshala-Tal) geht es gemächlich, immer wieder gespickt mit Aussichten auf steile Abgründe und muntere Wasserfälle, weiter und weiter bergab. Kurz vor dem heutigen Tagesziel lädt in dem kleinen Dorf Khalde noch eine Schenke zum kurzen Verweilen ein. Doch es empfiehlt sich, hier nicht hängenzubleiben, sondern die letzten Meter bis Iprali zu wandern. Auch hier wieder die gewohnte Dualität von guesthouse oder zelten.

4. Etappe: Iprali-Ushguli

Im Geiste der Wohldurchdachtheit dieser Route folgt nun ein wunderbarer Ausklingtag. Recht wenig Höhenmeter stehen an, demzufolge vertretbare Anstiege und verschmerzbare Abstiege. Schon reichlich sonderbar wenn man bedenkt dass das Etappenziel von sich behauptet, das höchstgelegene, dauerhaft bewohnte Dorf Europas zu sein. Aber wir sind halt schon die ganze Zeit verdammt hoch, da bedarf es für solcherlei Superlative vergleichbar wenig Anstrengung.

Zunächst beginnt der Tag mit einem Abstieg nach Kala. Hier stoßen wir nach langer Zeit erstmals wieder auf den Enguri. Doch nach einem kleinen Landstraßenbegängnis zieht sich unser Weg bald wieder nach links den Bergkamm hinauf. Es gibt hier auch die Möglichkeit der Landstraße weiter zu folgen um direkt nach Ushguli zu wandern, doch wir sind hier zum Natur genießen und können einer staubigen Landstraße wenig abgewinnen. Der Weg, welcher nach einem kleinen Aufstieg derart meisterhaft in den Berghang gezimmert ist, dass das auf- und ab nahezu bei Null ist, führt erneut durch eine gänzlich andere Vegetation – knurrige Eichen, Ebereschen und zahlreiche andere bislang nicht erblickte Laubbäume säumen den Weg. Irgendwann führt auch der Wanderweg wieder hinunter zur Straße, die es nun auch geschafft hat, sich in Serpentinen auf die Sollhöhe zu schnörkeln. Nun muss nur noch etwas Landstraße gelaufen werden und man sieht das Ziel des Weges – Ushguli.

 

Anschlusswanderungen

Natürlich empfehle ich wärmstens in Ushguli länger als eine Nacht zu bleiben. Allein um den Schchara-Gletscher soweit wie möglich zu erklimmen. Dies ist mit einer Tageswanderung von Ushguli problemlos möglich. Routenbeschreibungen hierzu gibt es ebenfalls in ausgezeichneter Güte.

Doch fürs Weiterwandern schließt sich der Kurs auf den Gletscher selbstverständlich aus. Dahingehend gibt es meines Erachtens nur zwei Möglichkeiten (wenn man mal das langweilige, gleicher Weg zurück auschließt):

  • Die Landstraßenvariante: die besagte Landstraße endet nicht in Ushguli, sie wird nur schlechter. Umso besser für Wanderer, da ab jetzt hier wirklich nur noch Jeeps und Pferde verkehren können. Folgt man dem Straßenverlauf umgeht man den anspruchsvollen Bergkamm und wandert am Flusslauf in das parallel gelegene Tal nach Oberswanetien. Für den etwas erschöpften Wanderer, der aber nun, nachdem er in vier Tagen so weit gekommen ist, nicht gleich wieder in die Niederungen der Zivilisation zurückkehren möchte, genau das Richtige.
  • Die Hardcore-Variante: Wenn man aber gerade jetzt so richtig auf Touren gekommen ist und dann auch noch das Wetter mitspielt, dann spricht eigentlich nichts gegen die Idee über den Latphari-Pass in das Chvelpi-Tal zu wandern. Auch hierfür gibt es selbstverständlich eine Routebeschreibung. Diese Tour ist aber wirklich nur für erfahrene Wanderer, die sich fit fühlen und ein gutes Gefühl hinsichtlich des Wetters haben, geeignet. Die 25 km lange Strecke führt auf den Latphari-Pass, welcher knapp um die 3000 Höhenmeter liegt. Dieser Kamm muss nicht nur überquert werden, der Weg hält sich eine nicht unerhebliche Zeit auf dieser Höhe auf bis er ins Tal hinab führt. Zusätzlich sei erwähnt, dass der nun folgende Abstieg ebenso anspruchsvoll wie das zuvor Erwähnte sein dürfte. Da Übernachtungen auf Kammhöhe selbst bei idealsten Wetter knifflig sein dürften, muss diese Etappe wohl in den meisten Fällen in einem Ruck erfolgen. All dies bitte ich zu bedenken, doch sollte man sich dazu entscheiden, ist es wohl unzweifelhaft die lohnenswerteste Anschlusswanderung.

Kaukasucht

So, Kaukasus, du Mutter aller Gebirge, letzte wahrhaftige Grenze, Keimzelle von zahlreichen Hochkulturen und Heimat von noch zahlreicheren zänkischen Bergvölkern – nun ist es endlich soweit! Obwohl ich mich dir schon mehrere Male mit zaghaften Expeditionen schüchtern annäherte, heute ist der erste Tag einer Reise tief hinein in die Welt meiner innersten Wünsche und Bedürfnisse. Wir haben es gegen alle Widerstände möglich gemacht und sehr viel Zeit zusammengekratzt. Lass nun also die Spiele beginnen und uns gegenseitig begeistern! Meine Erwartungen sind zurecht sehr hoch. Die legendären armenischen Fettschwanzschafe über die Zunge hüpfen lassen, auf knapp 2000m in den größten Kauskasussee springen, knurrig-quietschenden Eisenbahnexzessen frönen, die idyllische Abgeschiedenheit Swanetiens genießen, wieder ein paar der 500 nur hier vorkommenden Weine entdecken, Schaschlyk, Chatschapuri, Tschtscha – oh là là!

“Blaue kaukasische Berge, seid mir gegrüßt! Der ganze Weltschmerz geht zum Teufel, das Herz schlägt und die Brust weitet sich, man ist in dieser Minute wunschlos glücklich.” (M. Lermontow)

Natürlich werde ich versuchen, wie gewohnt, frische Eindrücke möglichst schnell den vertrauenswürdigen Eilboten des Internets zu übergeben. Hier an dieser Stelle aber wahrscheinlich eher weniger, Vivaperipheria sehe ich immer mehr als das massive Flaggschiff meines Meinungsimperiums. Hier ist eher der Raum für abschließende Beurteilungen und ausführliche Empfehlungen. Für die tägliche Dosis Kaukasus empfehle ich in den nächsten Wochen vielmehr Twitter (für die schnell aus der Hüfte geschossenen Beobachtungen) sowie Instagram (für die etlichen, zu erwartenden visuellen Eindrücke eines ausgewiesenen Schnappschussologen). Praktischerweise habe ich beides elegant an beiden Seiten dieses Blogs präsentabel und klickbar hinzugefügt. 

Ratgeber: Reisen wie Gott in Georgien

„Als Gott das Land an die Völker verteilte, verspäteten sich die Georgier. Denn sie hatten den Abend zuvor wie üblich reichlich gesungen, musiziert, getanzt und das Leben im Allgemeinen voller Hingabe gefeiert. Zuerst zürnte der Herr, denn alles Land war bereits verteilt. Doch die Fröhlichkeit und der Charme der Vertreter dieses Volkes versöhnten ihn, und er schenkte den Georgiern den Flecken Erde, den er eigentlich für sich selbst vorbehalten hatte….“

Georgien – jenes über alle Maßen begünstigte Kleinod, umsäumt von den Hängen des Kaukasus und den Gestaden des Schwarzen Meeres befindet sich gegenwärtig nicht direkt im Auges des Massentourismussturms. Und obwohl ich dies ja an und für sich gut finde, bin ich dennoch der Meinung, dass dieses großartige Land und seine Menschen etwas mehr Interesse verdient hätten. Sicher, standen neben Unwissenheit, jede Menge Klischees und halbwissende Vorurteile eurer Reise nach Georgien bisher im Weg. Diese sollen nun mit einem weiteren Kompendium aus der Themenreihe “Schöneres Reisen für eine bessere Welt” beseitigt werden.

Update (12.9.1018): Im August 2018 unternahmen wir unsere bislang längste Reise durch Georgien, neue Erkenntnisse sowie Veränderungen, die wir hier sammelten, sind im Folgenden in kursiv nachgetragen.

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Reiseland Georgien

Andere Wissensquellen

Der verfügbare Wissensstand zum Thema Georgien, nicht allein als Reiseland, kann mit besten Gewissen als dürftig beschrieben werden. Die landläufigen Reiseführer glänzen mit veralteten Plattitüden oder überschlagen sich mit redundanten Analysen der hiesigen Sehenswürdigkeiten. Georgien ist angekommen in der Mitte der Tourismusgesellschaft (2018 Platz 4 unten am schnellsten wachsenden Tourismuszielen der Welt) demzufolge wächst auch die Anzahl an aktuellen und gepflegten Reiseführern direkt proportional hierzu. Aus der rasch gewachsenen Auswahl mag sich der geneigte Reisende in einem gutsortierten Buchladen den eigenen Favoriten heraussuchen. Im Netz findet sich als einzig brauchbare Anlaufstelle georgiano.de – hier findet sich reichlich Material für den wissbegierigen Individualtouristen. Auch hier hat sich einiges getan. Etliche Erfahrungsberichte aus aller Herren Länder Sprache, vorzüglich kommentierte GPS-basierte Routenempfehlungen und etliche andere Angebote für das Erlebnis Georgien lassen sich mittlerweile finden. Bei wikivoyage lassen sich zusätzlich auch ein paar grundlegende Informationen abstauben.

Einreise

Ungewohnte Einfachheit lässt die Reise schon von Beginn an geschmeidig starten. Sämtliche EU-Bürger und noch ein paar mehr (immerhin 94 Staaten) dürfen bis zu einem Jahr visumfrei einreisen. Es genügt der Personalausweis. Vorbildcharakter par excellence.

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Anreise

Lange galt Georgien zurecht als beschwerlich oder zumindest sehr kostspielig von Deutschland aus zu erreichen. Dank des Billigfliegers Wizzair gehören diese Zeiten aber seit geraumer Zeit der Vergangenheit an. Nach anfänglichen Direktflügen von Polen und Ungarn kann man seit kurzem auch von Schönefeld oder Dortmund für wenig Geld (hin&zurück ab €60) zu dem quasi eigens für diesen Zweck ins georgische Herzland gestampften Flughafen Kutaissi reisen. Daneben gibt es selbstredend auch nach andere Fluglinien wie bspw Ukrainian Airlines, Georgian Airlines oder Air Baltic, die Georgien recht preiswert anfliegen.

Die Anreise auf dem Festland ob per Zug oder Auto ist zwar möglich, stellt aber aufgrund der Distanz eher den Weg als Ziel in den Vordergrund und nicht Georgien. Zu Bedenken sei hier zudem der Konflikt in der Ukraine, welcher die Nordroute nach Georgien etwas komplizierter gestaltet. Die Tour über die Türkei wäre hierbei erheblich vorzuziehen.

Ein absoluter Leckerbissen für den Reisegourmet stellt dabei noch eine andere Alternative dar. Von Chernomorsk (Odessa) bis Poti oder Batumi verkehrt einmal die Woche eine Fähre. In schlanken 60 50 Stunden könnte man auf derart einmalige Art und Weise das Schwarze Meer komplett durchkreuzen um so Georgien zu erreichen. In der Vierer-Kabine mit Außenklo für schlappe $95 zu haben. Funfact am Rande: das hier eingesetzte Fährschiff ist auf den bezaubernden Namen “Greifswald” getauft. Nachdem ich diese Methode nun erstmals selbst erprobt habe, hier in Bälde meine spezielle Fährrezension. Bis dahin empfehle ich diesen Bericht von Reisenden, die kurz nach uns auf dem selben Schiff in die Gegenrichtung fuhren.

Herumreisen

Um es gleich vorweg zu sagen – infrastrukturell gesehen ist Georgien ein elendiglich nach Luft schnappendes Elend. Eisenbahnen verkehren selten und bedienen nur ein Minimum des Notwendigen. Der öffentliche Nahverkehr leidet unter offensiver Vernachlässigung und die Straßen zehren seit Jahrzehnten von der Substanz. Ergänzt man diese, per se schon ungünstige Gemengelage mit der feurig-selbstmörderischen Grundeinstellung der meisten aktiv am Verkehr beteiligten Georgier, so verspricht dies nichts Gutes. Grundlegend sei jedem potenziellen Georgienentdecker ans Herz gelegt, nicht allzu viel verschiedene Ziele während eines Aufenthalts anzusteuern. Die verhältnismäßig geringe Fläche (69.700 qkm) mag dazu einladen, doch es hat sich bewährt nach Anreise eines der verlockenden Ziele anzupeilen und dort jenseits der Straße auf Tour zu gehen. Mit mehreren Zielen innerhalb einer Woche zerstört man unnötig den einmal erlangten Erholungseffekt.

Kurz vor der russischen Grenze....
Kurz vor der russischen Grenze….

Die zur Verfügung stehenden Fortbewegungsmittel im einzelnen:

Eisenbahn – eine schüchtern im Hintergrund stehende Alternative. Hauptsächlich auf den Hauptrouten verkehrend und im Schatten der quirligen Busbahnhöfe liegend, kann ein Blick auf den Fahrplan nicht schaden. Da sie relativ selten verkehren ist es zumeist keine Alternative für den raschen Ortswechsel aber wenn Zeit vorhanden, eine Überlegung wert. Die Züge wirken recht gepflegt (im Gegensatz zu den Gleisanlagen) und die Preise liegen zum Heulen niedrig (Beispiel: Batumi-Kutaissi: 1 Lari (2016: 0,37 Cent). Speziell für Verbindungen nach der Anreise oder vor der Abreise bieten sich die das Land durchquerende Nachtverbindungen an.

Marschrutki: Dieser eingedeutschte Begriff ist auf dem gesamten Gebiet der Ex-Sowjetunion ein geläufiger Begriff für sogenannte Sammeltaxis, mit deren Hilfe prinzipiell fast jedes Ziel was an einer Straße liegt, erreicht werden kann. Das Prinzip ist denkbar einfach. Zwar gibt es im Groben so etwas wie Fahrpläne, welche aber eher als Orientierungspläne zu verstehen sind. Ein Marschrutka ist eher durch komplette Ausnutzung aller verfügbaren Sitzplätze zur Bewegung zu motivieren als durch so etwas wie eine abstrakte Abfahrtszeit. Hieraus resultierend ist ebenso, dass ein Marschrutka jederzeit und überall an der Straße herangewunken werden kann. Die Preise variieren in munterer Selbstbestimmung, bezahlt wird beim Aussteigen.

Taxis: Das Taxi kann als letzte Alternative in ausweglosen Situationen ebenfalls herangezogen werden. Verfügbar sind sie in den meisten Regionen, für Verhandlungen, ob Preis oder Ziel seien zumindest rudimentäre Russischkenntnisse anempfohlen.

Kommunikation

Nicht nur, dass man mit der Entscheidung für Georgien die wohlig bequem machende Roamingzone der EU verlassen hat, man befindet sich auch auf einem anderen Kontinent. Das heißt, dass das Nutzen der meisten heimischen Mobilfunkverträge hierzulande ein teures Vergnügen werden könnte. Daher empfiehlt es sich vor Ort eine lokale SIM-Karte zu erwerben. Nichts ist leichter als das. Du brauchst nichts mehr dazu als ein paar Minuten Zeit, ein paar Lari und einen Ausweis. Georgien hat drei Provider: MagtiCom, Beeline und Geocell. Erfahrungen haben wir nur mit Beeline und MagtiCom gesammelt. Preislich gibt es hier kaum Unterschiede – ausreichend Gigabyte plus Telefonflat bekommt man für wenige Lari. Einzig auffällig war, dass der deutlich kleinere Anbieter Beeline in den Bergen erheblich größere Verbindungsprobleme hatte.

Sprache

Der Kaukasus galt in der Antike als der “Berg der Sprachen”, Strabo spruch einst von nicht weniger als 70 Dolmetschern, die man benötigte um allein am Schwarzen Meer erfolgreich Handel zu betreiben. Derlei Vielfalt, so sie in diesem Ausmaß je bestanden hat, ist zwar längst Vergangenheit, doch die Zahl und Eigenheit der hiesigen Schriften und Sprachen weiß immer noch zu faszinieren. Neben Georgisch werden hier noch 23 Sprachen aus sechs verschiedenen Sprachfamilien gesprochen. Doch so sehr meine Leidenschaft für dieses Land auch erglüht, dem Ansinnen das Georgische auch nur halbwegs zu beherrschen, ist einem erschöpften Realitätsempfinden gewichen. Allein das scheinbar aus einem Fantasyroman entsprungene hiesige Alphabet lässt einen ehrfürchtig niederknien. So danken wir einmal mehr den verachtungswürdigen Triebkräften imperialer Expansionsbestrebungen in der Geschichte und verweisen auf die lingua franca des Kaukasus – Russisch. Auch wenn die Sehnsucht nach dem Westen offensichtlich ist, Russisch bleibt weiterhin die beste Sprache um sich zu verständigen. Speziell mit Menschen, die die Sowjetunion noch erlebt haben, ist dies eine mehr als ausreichende Verständigungsmöglichkeit. Bei jüngeren Menschen ist Englisch meist die Sprache der Wahl, wobei dank des miserablen Bildungssystems und geringer Anwendungsmöglichkeiten während der Transition dies eher schlecht als recht beherrscht wird. Auch Deutsch wird in gar nicht so wenigen Fällen gesprochen, mittlerweile soll Deutsch an georgischen Schulen gar Französisch als zweite Sprache abgelöst haben. Und wenn gar nichts mehr helfen sollte, kann irrwitzigerweise die geschätzte Weltsprache Polnisch einen Rettungsanker darstellen. Denn dank der eingangs erwähnten Billigfluglinie entdeckten in den letzten Jahren Polen Georgien in großen Scharen, was in Gastronomie und Tourismusgewerbe zu respektablen Sprachkenntnissen im Polnischen geführt hat.

Menschen

 Unbestritten das Salz in der Suppe. Abseits jeder Verallgemeinerungen und sonstiger Über-den-Kamm-Schererei kann hier die Aussage getroffen werden, dass zwischen Großem und Kleinen Kaukasus ein ungemein herzlicher Menschenschlag lebt, der sich dabei stets unaufdringlich und galant um die Befindlichkeit seiner Gäste sorgt.

Selbst Wölfe im Schafspelz scheinen hierzulande nett zu sein.
Selbst Wölfe im Schafspelz scheinen hierzulande nett zu sein.

Selbst dem unerfahrensten Reisenden wird schon nach ersten Augenblicken seiner Georgienreise spüren, dass er hier wohl aufgehoben ist. Ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit ganz unerwarteter Güte. Dieses Gefühl wird dann auch statistisch bestätigt, weltweit steht Georgien aktuell auf Platz 3 in der Kategorie der unkriminellsten Länder.

Geographie

Obwohl Georgien streng genommen zu Asien gehört ist man sich diesbezüglich vor Ort recht unsicher. Bisweilen spricht man spricht eher von Georgien als etwas eigenem oder vom Balkon Europas. Die Fläche entspricht mit knapp 70.000 qkm ungefähr der von Bayern, was angesichts der Fahrzeiten, die das Reisen hier erfordert wirklich enorm überrascht. 87% des Landes sind von Gebirgen oder Vorgebirgen, 44% von Wald (5% Urwald) bedeckt. Im Norden lockt der Große Kaukasus im Süden betört der Kleine Kaukasus. Klimatisch weiß dieses kleine Land mit einem breiten Portfolio von sieben Klimazonen zu überzeugen. Der Kaukasus schützt Georgien vor den eisigen russischen Winden und ermöglicht so, dass das Schwarze Meer das Land kontinuierlich erwärmen kann. So kann der Reisende zu jeder Jahreszeit wählen zwischen diversen Variationen von subtropisch, steppig und kontinental-gemäßigt. Beste Reisezeit bleibt dennoch Frühling oder Herbst.

Kulinarik

Ja, wo soll man hier anfangen? Vielfalt, Frische, Reichhaltigkeit und Exotik lassen mich hier jedes Mal von Neuen nach Luft schnappen. Auch wenn selbstredend Vegetarier und ähnlich Veranlagte wie immer nur einen Bruchteil der Kultur genießen können, kommen auch diese hier auf ihre Kosten. In einem Land mit mehreren Ernten pro Jahr und einer stark landwirtschaftlich geprägten Kultur, die aber noch nicht von den Segnungen industrieller Herstellung betroffen ist, kann Ernährung nicht geringer als ein Erweckungserlebnis beschrieben werden.

Schaschliki - die Mutter aller Fleischcolliers!
Schaschliki – die Mutter aller Fleischcolliers!

Hier die wichtigsten Spezialitäten ohne die kein Georgienentdecker das Land wieder verlassen sollte:

  • Chatschapuri – eine Art Fladenbrot mit Käse gefüllt oder belegt, stets und überall frisch und billig in diversen Variationen zu haben; allein dies wäre schon Grund genug nach Georgien zu reisen
  • Chinkali – die hiesige Auslegung gefüllter Teigtaschen, groß und würzig – eine vollwertige Mahlzeit für jede Gelegenheit
  • Mzwadi – Schaschlik, die Mutter aller kaukasischen Delikatessen; von hier aus begann ihr Siegeszug über die Grills dieser Welt, selbstredend schmecken sie hier am besten
  • Chartscho – eine deftige Rind- oder Lammfleischsuppe mit Nüssen und natürlich jeder Menge Koriander

Doch es ist nicht nur ein Paradies der Leckerbissen – Georgien bietet als Mutterland des Weins gleichsam auch eine unüberschaubare Anzahl an erlesenen Weinen. 500 der 4000 Rebsorten dieses Planeten kommen von hier, die Geschichte des Weinbaus hat hier eine 8000jährige Geschichte, das Wort Vino ist ein georgisches – muss ich noch mehr sagen?! Außerdem ist ein Georgienbesuch ohne eine Kostprobe der hiesigen Cognacs eine unermessliche Straftat. Auch wenn man bislang mit dieser Spirituose nicht sonderlich viel anfangen konnte, hier sollte man es wagen. Vertraut mir – ein Offenbarung für die Sinne. Ein weiterer alkoholischer Kompagnon, Tschatscha, wird man dagegen schwer aus dem Wege gehen können. Diese, zumeist schwarzgebrannte, hochprozentige Grappa-Variation wird einem unter Garantie schon beim ersten Kontakt mit Einheimischen angeboten werden.

Reiseziele: Stadt vs. Natur

Nach soviel vorbereitender Lobhudelei nun aber zum Kern des Pudels. Wohin soll die Reise gehen? Was hat Georgien denn Lohnenswertes zu besichtigen?

Kutaissi

Städte:

  • Tblissi/Tiflis – Als Hauptstadt Georgiens, größte Stadt (1,16 Mio. Einwohner; ein Drittel der Bevölkerung) gilt sie als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des Landes. Damit ist es selbstredend ein erklärtes Ziel jedes Georgienausflugs. Einen Ansatz für die zahlreichen Sehenswürdigkeiten die Tblissi im Angebot hat, und die dem geneigten Städteliebhaber ausreichend Unterhaltung für eine erlebnisreiche Woche bieten sollten, kann man diesem ausführlichen Artikel entnehmen.  Als Unterkunft sei an dieser Stelle schamlos für das Hostel “Why not…” Werbung gemacht. Die ungezwungene familiäre Atmosphäre und ganz und gar entspannte Stimmung unterscheiden es wohltuend von dem austauschbaren Einerlei der globalen Hostelschwemme
  • Kutaissi – eingangs schon erwähnte zweitgrößte drittgrößte Stadt Georgiens (200.000 Einwohner) und Hauptstadt der Provinz Imeretien. (Aufgrund nicht geringfügigen Wachstums und noch weniger geringfügigen Eingemeindungen ist Batumi nun die Nummer 2.) Historisch gesehen die alte Haupstadt des antiken Kolchis und damit quasi das ehemalige Zentrum Georgiens. Dank der Billigfliegerlogik werden die meisten Georgienreisen hier ihren Anfang nehmen. Hierfür ist Kutaissi vorzüglich ausgestattet. es gibt zahlreiche Unterkünfte und einige nette Lokale. Eines der reizendsten Etablissements ist hierbei das Restaurant Palaty direkt in der Altstadt. Nicht nur die Küche ist hier nochmal einen Zacken delikater als üblich auch das Kulturangebot machte die Besuche hier stets zu etwas ganz Besonderem. Ein Spaziergang zu der majestätisch über Stadt thronenden Bagrati-Kathedrale sei wärmstens empfohlen. Die Aussicht hier oben ist den kleinen Aufstieg zweifellos wert. Daneben laden zahlreiche sehenswerte Klöster, Kirchen und Höhlen in der direkten Umgebung zu einem Besuch ein.
    • Batumi – Neben der recht reizlosen Hafenstadt Poti die größte Stadt Georgiens am Schwarzen Meer. Eine wuselige, aufstrebende Ansiedlung, welche dank ihres mediterranen Flairs einen hervorragenden Ausgangspunkt für die Entdeckung der Küste bietet

    Natur:

    Der Borjomi-Nationalpark von oben
    Der Borjomi-Nationalpark von oben
      • Borjomi – bekannt schon seit der Zarenzeit für seine Mineralquellen gehört Borjomi wohl zu den berühmtesten Kurorten, in diesem an Kurorten reich gesegnetem Land. Gleichzeitig ist es aber auch das Tor zum Bordschomi-Charagauli-Nationalpark. Dieser 85.000 ha große Nationalpark im Kleinen Kaukasus ist wohl einer der bestausgestatteten und organisiertesten Nationalparks in Georgien. Dabei ist der Nationalpark einer der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete Asiens. Die Wanderwege hier sind hervorragend markiert, Schutzhütten sind über das gesamte Gebiet verteilt. Der beste Einstieg für den Naturfreund, der sich seine ersten Meriten in Georgien erwerben will
      • Swanetien – abgeschiedene Bergregion im Großen Kaukasus. Bekannt und auf zahlreichen Reiseführen abgedruckt sind die typischen Wehrtürme aus der Zeit des Fürstentums Swanetien. Empfehlenswert und auch für weniger erfahrene Wanderer geeignet ist die Strecke von Mestia nach Ushguli. (Auch hierzu demnächst ein eigener Reisebericht) Die Strecke ist angemessen markiert und problemlos in fünf Tagen zu schaffen. Anreise nach Mestia mit Marschrutka über Sugdidi
      • Tuschetien – Bergregion im Nordosten, gilt als eine der unberührtesten und ursprünglichsten Gegenden Georgiens. Große Teile gehören zu dem Tusheti-Nationalpark, einem der spektakulärsten Naturreservate des Landes
    Der Kazbeg, Prometheus-Gedächtnisfelsen, taucht in der obigen Aufzählung gar nicht auf. Ist aber definitiv einen Abstecher wert.
    Der Kazbeg, PrometheusGedächtnisfelsen, taucht in der obigen Aufzählung gar nicht auf. Ist aber definitiv einen Abstecher wert.

    Kultur:

  • das Höhlenkloster von Vardzia – faszinierende in den Fels gehauene Kloster- und Wehranlage. Im 12. Jahrhundert erbaut, wird die Anlage, welche zeitweise bis zu 50.000 Menschen Obdach bot, bis heute als Mönchskloster genutzt Diese, als Hauptsehenswürdigkeit Georgiens geltende Anlage ist zweifellos die Reise wert und sei jedem ans Herz gelegt. Ebenso wie das etwas mehr Sportlichkeit verlangende Höhlenkloster Dawit Garedscha an der Grenze zu Aserbaidschan
  • die Weinernte in Kachetien – Kachetien, die östlichste Provinz mit der Hauptstadt Telawi gilt als die Wiege des Weinbaus. Nicht nur zur Weinernte (Ende September) wird jedem Weinliebhaber eine Exkursion hierher die Tränen in die Augen treiben. Hier können noch hunderte altmodische Weingüter genossen werden, die ohne jegliche Einmischung der Moderne seit Jasons Zeiten vor sich hin winzern
  • Gori – die Geburtsstadt Stalins. Man kommt nicht drumrum, der berühmteste Georgier aller Zeiten ist zweifellos der schnauzbärtige Dschugaschwilli. Wer mag, kann der Kleinstadt in der Nähe Tblissis einen Besuch abstatten und im Stalinmuseum so spektakuläre Exponate wie den Waggon, in dem der Generalissimus nach Jalta fuhr, besichtigen.
  • Stalins Waggon. Trainspotting für Salonbolschewisten.

    Wer dem nicht viel abgewinnen kann, der darf sich natürlich auch hier über eine Höhlenstadt erfreuen. Uplisziche gehört zu einer der mächtigsten Festungsanlagen an dem sich jahrhundertelang die jeweiligen Eroberer Georgiens die Zähne ausbissen. Bis die Mongolen kamen… die Seilbahn- und Bergbaustadt Tschiatura – kleine Bergbaustadt, die auch wenn sie einst der größte Manganerzproduzent der Welt war (1879 war der Anteil am Weltexport 50%) sonst nicht unbedingt der Erwähnung wert wäre. Was sie besonders macht, ist das öffentliche Nahverkehrsmittel Nummer 1, die aus 26 Seilbahnen besteht. Angesichts der knifflig bergigen Lage der Stadt entschied man sich zu dieser außergewöhnlichen Vernetzung. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art und Spaß für die ganze Familie.

    Und sonst:

  • die Schwarzmeerküste – einst neben der Krim DER Sommerurlaubstraum jedes Sowjetbürgers verharrt die sonnige Küstenregion gegenwärtig in lässiger Apathie, die nur zaghaft wieder wachgeküsst wird. Zahlreiche Hotelanlagen, edle Villen und geräumige Strandanlagen erzählen von einer goldenen, längst vergangenen Zeit. Aktuell liegt hier vieles brach auch wenn der Strom von türkischen, polnischen und russischen Touristen langsam zunimmt. Doch auch wenn der Abstieg der Küste offensichtlich erscheint, kann man hier ganz ausgezeichnet ein paar entspannte und ruhige Tage verbringen. Empfehlenswerte Orte sind hierfür Kobuleti und Shekvetili
  • Ein Zipfel Glückseligkeit

    Da wo Europas Schönheit kulminiert
    wo Asiens Grazie hinübergiert
    dort liegt ein Land, in Berge reingeschmiegt,
    fast so als hätte hier das Gute doch gesiegt.

    Ist es das Land wo Milch und Honig fließt?
    wo gar die Goethesche Zitrone blüht?
    Dies alles und so vieles mehr gibt’s hier auf die Hand
    Komm vorbei, genieß und blüh’ auf im Gott verdammten Wohlfühlland

    Zart und schroff der Berge Rücken
    allüberall das Aug’ entzücken.
    Des Südens sanft und milde Weihen
    lässt allzeit Frucht wie Pflanz’ gedeihen

    So fließt der Wein, der Schaschlik brutzelt gut
    Kein Wunder, dass hier keiner verhutzeln tut.
    Ob Sonntag, Mittwoch – hat Sorgen irgendwer?
    Hier wird gelebt als gäb’s kein Morgen mehr

    Wen wundert’s, wenn ein Land so gut bestückt
    der hiesge Menschenschlag nur minimal verrückt,
    ja, ich möcht’ mich gar versteigen zu empfinden
    der Pol der Freundlichkeit ist hier zu finden.

    Geschrieben vonImereti, Georgia.

    Wunderschienes Georgien

    Und dann sollte es also doch noch einmal mit dem Zug klappen. Vom Schwarzen Meer bis nach Kutaissi fuhren wir nicht im staubig-stickigen Marschrutka sondern auf samtenen Gleisen. Der Fahrpreis (1 Lari=ca. 0,35 Cent) für drei Stunden Fahrt in einem geräumigen, luftigen Gefährt trieb mir kurz etwas Feuchtigkeit in die Augen. Welch ein Genuss, welch Welten liegen zwischen diesen beiden Fortbewegungsarten?! Das entspannte Gleiten mit Freiheit für Beine und Blase gegenüber dem hysterischen Chaos der Landstraße mit all ihren Zwängen und Drängen! Also Georgier, immer ran ans Werk und baut aus – ihr seid definitiv auf dem richtigen Weg.

    Gastfreundschaft

    Bereits in dem Augenblick in dem ich den Titel dieses Beitrags niederschreibe, fühle ich mich schäbig angesichts der Blutleere die diesem Begriff innewohnt, wenn man damit versucht zu beschreiben, was in Georgien darunter verstanden wird. Doch auch wenn ich gemeinhin nicht knausere mit neuen Wortschöpfungen, so scheitere ich daran, die exzessive Gastlichkeit der Georgier in ein adäquates Wortvehikel zu gießen. 

    Grusinisches Frühstück mit Eliteblick. Knapp acht Stunden nach dem Völlegefühl meines Lebens.

    Das Phänomen beginnt schon vor der direkten Kontaktaufnahme. Jederzeit, so man sich in der Öffentlichkeit befindet, hat man das unbestimmte Gefühl, dass jede aufkommende Unsicherheit oder sonstige Frage zu Wegen, Preisen, Wetter usw. umgehend vom nächstbefindlichen Georgier geklärt wird.  Ob an unübersichtlichen Kreuzungen, vollen Marschrutkis oder in einer beliebigen sonstigen Alltagssituation – stets wird mit sanfter Galanterie und freundlicher Unaufdringlichkeit dem Gast der Weg geebnet. Doch all dies ist nur das allgemeine Grundrauschen einer fast schon als fanatisch zu bezeichnenden Willkommenskultur, die einmal ausgelöst in ihrer Naturgewalt ehrfurchtgebietend ist. 

    Schaschlik zum Frühstück, alles als andere als spießig!

    So sahen wir uns nach kurzem Kennenlerngespräch im Marschrutki auf einmal im Auto der Familie in die Berge kutschiert, zur gnadenlosen Völlerei eingeladen, mit Geschenken überschüttet und zum Abschluss, noch völlig geschafft im extra für uns nachts geöffneten Heilbad wie Gott im Georgierreich verwöhnt zu werden.

    Jenseits der Öffnungszeiten im Höhlenkloster, der Tamadan machts möglich.

    Man muss sich diesen entfesselten Sturm der Gastlichkeit als einen unablässigen Strudel von flinken, bärenstarken Männern und herzensguten Frauen vorstellen, die mit nicht abebbender Energie um einen herumwuseln und immer wieder neue Ideen präsentieren um den Gast zu verwöhnen. Dabei ist der aufblitzende Schalk in ihren Augen und die  kindlich anmutende Freude, die sie haben, wenn sie die nächste Fuhre Wir-haben-dich-lieb auffahren, einfach nur entzückend. Gleichermaßen bezaubernd ist dabei auch die hierbei in ausufernden Maße kennengelernte Tafelkultur. Dass die zahlreichen Schätze der von mir vergötterten georgischen Küche in unverschämter Masse gereicht werden, war erwartbar wenn auch in dieser Verschwendungssucht gleichsam überraschend. Faszinierend war die pathetische Ernsthaftigkeit, die der Tamadan mit seinen immer wiederkehrenden Toasts erzeugte. Die epischen und vor Poesie triefenden Aussprüche erfordern reichlich Geduld und Selbstkontrolle. Wie auch mit der Dauer eines solchen Abends, aus dem ohne Probleme auch ein weiterer Abend erwachsen kann, liebevolle Vereinnahmung zu Gästelhaft zu werden droht. Hier sollte man wachsam sein und versuchen getreu der alten Volksweisheit zu gehen wenn es am schönsten ist. Auch wenn einem das mit Sicherheit nicht leicht gemacht wird. 

    Ein kleiner Einkauf für zwei Fremde, die man vor einer halben Stunde kennengelernt hat.

    Nichtsdestotrotz ist die georgische Gastfreundschaft ein einzigartiges Kulturerlebnis und gehört zweifelsohne in den stet wachsenden Kanon der Famositäten, die dieses Land auszeichnet.

    Bordżomi – najlepsza woda gruzińska

    Jak za każdym razem, specjalne dla taty, polska edycja:

    Jeśli zaczyna ci przybywać dolegliwości, lekarze rozkładają ręce – zostań swym własnym znachorem. Sposób jest prosty: weż pierwszą, lepszą maszynę do Gruzji. Już wdychając kaukaskie, świeże powietrze, poczujesz się lepiej.

     Zapomnij Kutaisi, Tiblisi i Batumi, jedź od razu do kojących wszelkie bóle źródeł w Bordżomi. Tamtejsza woda mineralna może być zażywana dwojako: – na zimno, np. mocząc stopy w lodowatym potoku – na ciepło, np. pijąc z gajzera wodę o smaku słono-siarczykowym. Usta lizaź. Po taki zmienymych kuracjach, pokrapianych jeszcze sowicie gruzińskym winem i  czazsa, poczujesz się jak nowonarodzony – żyć nie umierać.

    Mit 2PS durch den Kaukasus

    Nun war es also endlich soweit, die dienstältesteste Gehhilfe der Menschheit stand bereit um mit uns die Berge zu erklimmen. Auf dem Rücken eines Pferdes durch die Kaukasischen Berge – ihr könnt euch vorstellen, welche Filme in meinem Kopf abliefen?! Nicht nur, dass ein Großteil meiner kaukasischen Mythenbildung in irgendeiner Weise mit Pferden zu tun hat, nein, sämtliche Kulturgüter jenseits der Moderne spielen auf und vom Rücken eines Pferdes. Und nun saßen wir auf einem Pferd. Im Kaukasus. 

    Anfangs war ich skeptisch ob der Fähigkeit meines Untergebenen. Zwar betrachte ich das Reiten als die einzig akzeptabele Form neben der geläufigen, auf dem Landweg die Natur zu erobern, doch sah ich, als Wanderer stets bessere und bequemere Pfade für den Aufstieg., wollte mich daher auch sofort bei dem und jenem Pfad einmischen. Schon bald begriff ich, dass Mustang, so der Name meines edlen Getreuen, seinen Weg machte und hielt mich raus. Schließlich war er hier zu Hause und ich nur Gast. Nur in allzu absurden, bzw. dornigen Begleitumständen versuchte ich meine Führungsveti umzusetzen. Und so erfuhr ich schnell den großen, unbestreitbaren Vorteil des Pferdewanderns: man kann sich hemmungslos auf die Landschaft konzentrieren. Und das bei einem normalen Wandertempo. Ich war entzückt. 

    Doch eines schmälerte schnell diesen Genuss. Ich wandere selbst seit Jahr und Tag, weiß daher um den Kampf den solch ein Aufstieg bedeutet. Und ich litt mit meinem Braunen als er diese, für mich nachfühlbaren Steigungen unter meinem Nicht-gerade-Fliegengewicht nach oben pumpte. Ich sah ihn schwitzen, heftig atmen – ich stieg ab und wir wanderten gemeinsam. Gemeinsam zu Fuß genossen wir diese unvergleichliche Welt um uns herum. Vergessen vom Hader der Welt. Still und Idyll, Mensch und Pferd. Mächtige Kiefern, rauschende Fichten und knorrige Eichen – ein duftender Mischwald so wie man ihn aus Märchenbüchern zu erinnern glaubt. Dazu überall um einen herum diese herzzereißendsten Bergpanoramen, von denen es hinter jeder Kurve noch mehr gibt. Egal was da kommen mag, wenn man das mal hatte, kann einen alles was da kommen mag nicht mehr so sehr schrecken. 

    Und als der Kamm erreicht war, schwang ich mich dann auch wieder beherzt in den Sattel und genoss den Rest des Tages. Und der war nicht minder schön.

    Henkersfahrzeit

    Wer mich nur geringfügig kennengelernt hat, weiß dass für mich eine gut geschmierte Eisenbahn der essentielle Dreh- und Angelpunkt einer reifen Zivilisation und überlegenen Kultur ist. Ich als selbsternannte Werbetrommel der Vorzüge Georgiens muss daher offen die Völker der Welt dazu aufrufen hier schnellstens tätig zu werden. Und dies nicht allein, um dieses gesegnete Land mit der Königin der Fortbewegungsmittel noch ein wenig mehr zu perfektionieren, sondern schlicht und einfach um es vor sich selbst zu schützen. Die allseits bekannte Kombination aus Individualverkehr und dazugehöriger Infrastruktur geht für Georgien nicht auf. Zerrüttete Straßen und allgemeine Rennfahrermentalität in einer mit derart zahlreichen Bergen und Schluchten ausgestatteten Gegend,  führen zu unnötigen Harmonieverlusten in diesem sonst so entspannten Land. So ließ es mich auf den gestern absolvierten 75 km von Kutaissi nach Borjomi völlig kalt, dass der Monitor des marschrutki keinerlei Unterhaltungsprogramm anbot. Mein eigenes Leben, welches bei wahnwitzigen Manövern an mir vorbei zog, war Unterhaltung genug. Eine Eisenbahn ist hier also nicht nur aus den üblichen Gründen zu unterstützen – es geht um Leben und Tod.

    Gespannt sehen wir dem morgigen Tag entgegen, da wir mittels eines bislang gänzlich überlebten Verkehrsmittel unterwegs sein werden, dem Pferd. Hoffen wir mal inständig auf mehr Gelassenheit und weniger Verfolgungsjagden.

    Schon früh wird der Georgier auf Durchsetzungskraft im Straßenverkehr geeicht.

    Ach, und die Umsetzung des aktuell oft besprochenen Konzepts des autonomen Fahrens erscheint mir für hiesige Regionen absolut schleierhaft.