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Bezirke bezirzen – neuntes Kapitel: Schwer(in) Ordnung, Schwerin

Schwerin – Stadt der sieben Seen und sieben Wälder – was hast du uns allesamt von den Socken gehauen. Eingekuschelt in zufrieden glucksende Gewässer und umsäumt von kokett zur Schau gestellter Flora weiß die kleinste Landeshauptstadt der Republik auf unaufgeregte Weise zu überzeugen. Immer noch heillos überrascht müssen wir konstatieren: Wir haben eine neue Nummer Zwei. Nur Suhl bleibt weiterhin unangefochten auf der Spitzenposition. Doch angesichts der noch anstehenden Perlen Halle-Leipzig-Dresden bleibt zu vermuten, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Zweifellos ist die seriöse Städtekritik ein arg wackeliges Unterfangen. Ungerechtfertigte Assoziationen, nachgetragene Erinnerungen, Tagesstimmung, Wetterlage oder schlecht gelaunte Eingeborene können genauso unvermittelt wie ungerecht zur raschen Abstempelung führen. Daher soll diese erste Exkursionsreihe hier keinesfalls als allgemeingültig angesehen werden. So wissen doch die meisten Siedlungen der nördlichen Hemisphäre bei munter-frischem Maiwetter besser zu überzeugen als im perspektivarmen November. Aber bleiben wir realistisch! Gewisse Grundtendenzen lassen sich entgegen aller Voreingenommenheit und saisonaler Tendenzen klar erkennen. Cottbus bräuchte beispielsweise einige bemerkenswerte Naturkatastrophen und sonstige massive Wunderwirkung um jemals im oberen Bewertungsbereich mitzuspielen.

Hier nahm die Überraschung ihren Lauf. Derglei Bahnhöfe gehörten bislang auch nicht zum Repertoire eines standardmäßigen Bezirksstadtausflugs.

Doch kommen wir zurück zu Schwerin. Allein die fast verdoppelte Anzahl der Reisegruppe ließ aufmerken. Obwohl sich das Vorwissen über Schwerin in Schloss, See und nicht am Meer erschöpfte, schien das linde Maiwetter und die Exotik des Unbekannten ein paar Wesen mehr als die übliche eingeschworene Peripherikergemeinde anzuziehen. Mit der sanften Wucht eines Paukenschlags begrüßt Schwerin zunächst seine besten, nämlich bahnreisenden Gäste mit einem überaus entzückenden Bahnhof.  Vor 10 Jahren erfuhr man sogar die Ehre zum Kleinstadtbahnhof des Jahres erwählt zu werden.

Marmorstein und Eisen bricht…. Gips wahrscheinlich auch, siht aber dennoch irritierend schick aus.

Der Rest des Städtchens erschließt sich schnell und ohne große Grübelei. Man schlendert von See zu See, genießt die abwechslungsreichen Freuden des Gipsbarocks und genießt leichter Dinge das was die mecklenburgischen Herzöge für pompös hielten. In der Tat ist Schwerins Antlitz unter den Städten der Region etwas besonderes. Abgesehen von den obligatorischen Backsteingotikklötzen, bietet Schwerin etwas das abseits der üblichen Hansestadtästhetik oder der preußischen Funktionssiedlung zu verorten ist. Hier kann man tatsächlich den Charme einer historischen Residenzstadt erleben, und dies sollte nicht nur im Mai Spaß machen. In meinen Augen bislang DIE Überraschung unserer Bezirzungsversuche!

Geschrieben aus Berlin, Berlin, Germany.

Bezirke bezirzen – achtes Kapitel: Ohne Bus nach Cottzug

Auf ein Wort, Cottbus! Ich will dir nichts vormachen, auch wenn ich versuchte unvoreingenommen und aufgeschlossen dir eine Chance zu geben, so sah ich es als relativ unrealistisch an, dass du in der Bezirksstadt-Rangliste nur annähernd gut abschneiden würdest. Als wir vor einem guten Jahr diese Entdeckungstour durch die einstigen Bezirkskapitalen begannen, trieb uns Neugier, Reiselust und, selbstverständlich, Aufgeschlossenheit der Peripherie gegenüber an. Doch in deinem Falle, ich will es offen gestehen, fiel mir der letzte Punkt doch deutlich schwerer. Etliche Umsteigeerlebnisse und ein vorangegangener Altstadtbesuch bestärkten mich in dem Eindruck, dass es sich bei dir um ein ganz und gar belangloses, unaufgeregtes und substanzarmes Städtchen handelt. Nicht schlimm, nicht schön – einfach nur das was der Anhalter so treffend als “größtenteils harmlos” bezeichnet. Doch nun bist du eben da und warst unzweifelhaft Bezirksstadt, auch wenn dir dieser Titel wohl damals schlicht aus Alternativlosigkeit zugefallen war (was gab es schon sonst zwischen Dresden und Berlin). Also ab nach Cottbus.

Die Kernkompetenzen des Bezirksstadtschlusslichts: Strom, Verkehr, Braunkohle und schiefe Oberleitungsmasten. Selten war die Neigung nach Erreichen des Ziels direkt die Rückfahrt anzutreten derart stark ausgeprägt.

Bedenkt man diese vorherrschende Grundstimmung, sollte man angesichts der arktischen Winde und der überwältigenden Gräunis, mit der uns die irrelevante Gurkenmetropole begrüßte, von einer denkbar schlechten Ausgangsvoraussetzung für die anstehende Stadtkritik ausgehen. Doch gar so schlimm sollte es dann gar nicht werden. Schließlich sorgen derart tief gesetzte  Erwartungen zumeist für ganz akzeptable bis annehmbare Erlebnisse. Schließlich gab es da den Branitzer Park, diese von Fürst Pückler (ja, dem mit dem Eis!) gestaltete Parkanlage weiß die eher unüberzeugenden Siedlungsversuche geschickt in den Hintergrund zu drängen.

Wasserpyramide mit Fürt Pücklers Grab. Der beste Hashtag des Ausflugs war geboren #fürstpücklereis

So stimmte uns dieser unverhofft romantische Winterspaziergang milde gegenüber den kommenden Zumutungen. Der anschließende Stadtrundgang hinterließ keine bleibenden Narben aber auch keine nachhaltigen Erinnerungen. Roter Backstein, Neubauglinker und dazwischen jede Menge Raum für bessere Ideen. Wir dinnierten ganz ausgezeichnet. In dieser Disziplin geht der letzte Platz dann wohl doch eindeutig nach Magdeburg und Cottbus strafte wacker all die bösen Zungen ab, von wegen Essen mitnehmen bei Brandenburgfahrten.

Doch letztlich waren wir dann doch alle recht froh wieder im warmen Zug gen Berlin zu sitzen. Auch wenn meine Reisegenossen wie üblich harmonisierend und vermittelnd herumnuschelten, dass es doch gar nicht so übel gewesen sei und man über den letzten Platz für Cottbus doch nochmal nachdenken müsse. Für mich eine klare wenn auch nicht einfache Sache. Angesichts des Umstands, dass uns nun nur noch Halle, Leipzig, Schwerin und Dresden bevorstehen, glaube ich einfach nicht, dass hier noch eine niedrigere Platzierung zu erwarten ist, aber realistisch gesehen gibt es für mich bis jetzt drei letzte Plätze. Da dies nun mal nicht sein kann, entscheide ich mich vor Ablauf der Bezirksstadtinspektion für einen eindeutigen Verlierer: Cottbus. Und das ist doch auch schon was. Endlich raus aus der Mittelmäßigkeit.

Geschrieben aus Cottbus, Brandenburg, Germany.

Bezirke bezirzen – siebtes Kapitel: Per Sachsen-Anhalter durch die Garnixis

Was liegt näher als nach den exotischen Reisezielen der jüngeren Vergangenheit, die Reisesaison des neuen Jahrs mit solch einem erdigen Durchschnittsgaranten wie Magdeburg zu eröffnen? Im Zuge der Bezirksstadtexpeditionen durften wir nun schon die unterschiedlichsten Charaktere von Urbanität entdecken. Ob nun der graumäusige Charme Gerasdie entrückte Bergwelt Suhls, die gelassene Nichtigkeit Frankfurts oder die karge Emotionalität Rostocks – unsere Operationen an den zahlreichen offenen Herzen der Peripherie offenbarten die unterschiedlichsten Töne auf der Klaviatur von Siedlungsbemühungen. Doch nun war Magdeburg an der Reihe.

Was Gera an Unscheinbarkeit ausstrahlt und Neubrandenburg an Provinzialität feilbietet, scheint die ehemals ruhmreiche Bördeperle mit konturloser Durchschnittigkeit kontern zu wollen. Dementsprechend unvoreingenommen fuhr das reizüberflutungserprobte Peripherikerteam an einem lichten Januarvormittag zum europäisch-asiatischen Grenzfluss (Adenauer) um der ehemaligen Bezirksstadt und heutigen Landeshauptstadt einen Besuch abzustatten.

Erstes Klischee welches schon nach kurzer Zeit zertrümmert wurde ist jenes des “Landes der Frühaufsteher”. Mit dieser Titulierung versuchte das identitätslose Mischgewebe namens Sachsen-Anhalt zumindest auf der Mitleidsschiene sich irgendwie in das Passivwissen der Republik zu hacken. Doch ein Blick auf die Magistralen Magdeburgs zum High Noon sprach Bände: Gähnende Leere kreischte uns entgegen. Erst eine Stunde später als der verkaufsoffene Sonntag den lustlosen Verbraucher herauskitzelte, füllten sich die Fußgängerzonen und ein überraschend quirliges Treiben entstand.

Solang das Centrum-Warenhaus nicht auf ist, wird in Sachsen-Anhalt kein Frühaufsteher gesichtet.

Dies lag zum großen Teil auch an dem ersten Event des Jahres: “Magdeburg on Ice” , welches mit dem spektakulären Superlativ “das größte Eis-Festival Sachsen-Anhalts” antrat, hielt die Stadt fest im amüsiervergnügten Würgegriff. So wurden wir mehr oder minder schreckenstarre Zeugen von “Magdeburgs größten Morning-Workout unter freien Himmel” mit Detlef Soost sowie dem leibhaftigen Bernhard Brink. Manchmal fordern diese Expeditionen an die Peripherie von einem einiges an emotionaler Stabilität ab.

Getreu der These:Die Kunsthistoriker haben die Kirchen dieser Welt nur verschieden interpretiert, es geht aber darum sie zu instagrammisieren.”

Da half zum Ausgleich nur ein entspannter Spaziergang an Magdeburgs edler Elbpromenade, ein Bummel durch die Altstadt und natürlich das unumstrittene Zentrum der Straße der RomanTik – der Dom. Nachdem dies alles mit gebührender Anerkennung und ausreichender Ablichtung absolviert war, sollte all dies wie immer mit den kulinarischen Spezialitäten des Bezirks gekrönt werden. Doch, o weh, der Minuspunktregen platterte heftigst – in Magdeburg schließt das Brauhaus sonntags 16 Uhr, 15 Uhr Küchenschluss. So waren wir gezwungen in der schlecht gelauntesten Kaschemme des noch jungen Jahres fränkisch zu speisen. Schande über das Innenleben deiner Häuser, Friede den Außenfreuden des fröhlichen Durchschnitts sachsen-anhaltinischer Provinienz.

 

Unbeweglich, eiskalt und mit jeder Menge Ecken und Kanten – Magdeburg kompakt

Bezirke bezirzen – sechstes Kapitel: Nüchtern, November, Neubrandenburg

Zunächst sei an dieser Stelle erst einmal voller Demut der triefend nasse Hut gezogen. Ich hab nicht wirklich dran geglaubt als ich an einem vernieselten, grauen Novembervormittag ans S-Bahngleis trat, dass ich tatsächlich in Gesellschaft nach Neubrandenburg reisen würde. Doch die üblichen Verdächtigen fanden sich tatsächlich auch zu dieser dann doch eher unattraktiven Bezirksstadttour ein.

Und so tuckerten wir gemächlich an Landschaften vorbei die uns mit ihren Schattierungen von hell- bis dunkelgrau gekonnt einlullten. Bald mussten wir den Zug dann doch verlassen und stolperten an einem jämmerlichen Bahnhof vorbei, mitten rein in die reizende Vier-Tore-Stadt. Vier Tore, mehr fällt selbst gewieftesten Periperikern nicht zu dieser Stadt ein, bei deren Erwähnung nicht wenige Berliner irritiert reagieren (“Neubrandenburg? Brandenburg? Neu? Wie jetzt?”). Pflichtschuldigst bummelten wir dann auch bei weiterhin erlesenen Nieselwetter den Stadtwallrundgang ab und goutierten sämtliche Tore.

Danach war es dann auch mal wieder gut. Wir schlenderten am zaghaft aufkeimenden Weihnachtsmarkt vorbei, speisten anständig mecklenburgisch im “Schweinestall” und verließen dann in angemessen Tempo die Backsteingotikmetropole.

Fazitär sei hier angemerkt, dass naturgemäß wenige Städte an einem solch düsteren Novembertag zu überzeugen wissen. Sicher gewinnt der Vier-Tore-Reigen im lebensbejahenden Lenz bei Vogelgezwitscher und linden Lüftchen. Und auch wenn der Peripheriker-Rat harmonisch und liebenswert wie immer die Vorzüge Neubrandenburgs mehr als einmal hervorhob, es wird schwer für Mecklenburgs drittgrößte Stadt sich auf das Siegertreppchen der Bezirksstädte zu schmuggeln.

Geschrieben aus Berlin, Berlin, Germany.

Mission Bezirke bezirzen – fünftes Kapitel: Tipptopp – Rostock

In schwelgender Vorbereitung für dieses Projekt des Bezirkebezirzens hatten wir uns so manches in den schillerndsten Farben vorgestellt, doch eines war sicher, die einzige Ostsee-Exkursion, die uns die administrativen Gründungsväter der DDR gestatteten, wollten wir in der warmen Jahreszeit absolvieren. Wir wollten an den Gestaden des Binnenmeers die Nacht verbringen, dabei sinnierend ins Lagerfeuer starren und in Gleichklang mit den Wellen geraten. Stattdessen saßen wir nun umgeben von dem was manch einer höhnisch Frühherbst nennt im RE nach Rostock, ließen uns von den Regenrinnsalen am Fenster mählich einlullen und betrachteten voll liebevoller Abneigung die an uns vorbeifliegenden Feuchtgebiete. Nachdem wir aussteigen mussten, wird es nicht unbedingt besser. Der Spaziergang durch leergefegte Neubaugebiete, benetzt von feinstem Nieselstömen ließ den überzeugtesten Peripheriker ins Zweifeln kommen.

Doch wie so oft wurde alles schließlich wundervoll. Unsere tapfere Entscheidung, zum RFC zu gehen, ließ die Wettergötter aufmerken und so endete die tagelange Regenhusche, der Himmel brach auf und wir wurden Zeugen eines aufreizenden Amateurkicks gegen den 1.FC Neubrandenburg. Selbstverständlich endete diese packende Partie gegen die 4-Tore-Städter mit einem leistungsgerechten 2-2. Garniert wurde dieses Deluxe-Erlebnis noch von der, laut Szenemagazin 0381, besten Stadionwurst Rostocks und einer nahezu unanständige freundlichen Familienatmosphäre.

Nein, das war er leider nicht unser neuer Herzensverein. Auch Schifffahrthafen Rostock, ebenso auf dem Gelände ansässig, hatte spielfrei. So wohnten wir dem zwar etwas farblos klingenden Rostocker FC bei, doch bereuten wir dies zu keiner Sekunde. Namen sind eben doch bisweilen nur Dampf und Rauch.

Hiernach mussten wir uns erneut entscheiden. Die heilige Dreifaltigkeit Rostocks: Spitzenfußball, Meer und hanseatische Sehenswürdigkeiten – für uns sollte es nur zwei von drei geben. Wir wählten ohne lange mit der Möwe zu zucken Warnemünde und damit Option “Meer”. Eine kurze S-Bahnfahrt plus kleine Fährfahrt später saßen wir in Hohe Düne und schauten beseelt auf das große Wasser.

Einmütig bekannten wir bei abschließenden Fischbrötchen und Bier, dass Rostock eindeutig die überraschende Nummer 2 dieser Expeditionen geworden war. Selbstverständlich vermochte sie es selbst mit all ihrem geballten Fischkopp-Charme nicht, solch eine erlesene Perle wie Suhl auszuknocken, aber immerhin – wer hätte das gedacht?!

 

Mission Bezirke bezirzen – viertes Kapitel: Franfkurt oder Słubice

Auf den ersten Blick liegt die Vermutung nahe, dass wir es uns an diesem wundervollen Sonntag etwas einfach machen wollten. Die knappe Stunde rüber an die Oder-Neiße-Friedensgrenze, Kaszanka und Tyskie im Sinn – zweifellos kein allzu anstrengendes Abenteuer auf der Bezirke-Bezirzen-Tour. Und dennoch, auch das musste erledigt werden und in seiner Funktion als einzige Grenzbezirksstadt und brandenburgischer Endbahnhof stand hier keinesfalls ein Leichtgewicht an. Nicht zuletzt haben wior nun schon 5 von 15 – ein Drittel ist geschafft! Wenn das kein Grund zum Feiern war?!

Die charmante Odermetropole gewinnt bereits auf den ersten Blick nachdem der Reisende vom Bahnhof durch ein reizendes Eisenbahnerviertel mit zentralem Eisenbahnerdenkmal geleitet wird. Blick auf den sanft dahin strudelnden Oderstrom und die dunklen polnischen Wälder spaziert man leichten Sinnes hinunter, passiert erklecklich ausreichende rote Backsteinbauten, welche mit einer ausgewählten Anzahl von funktionalen Profanbauten ergänzt werden.

Doch abseits dieser Reize zog es die Schritte des Wanderers nahezu magisch hin zu der verlockenden Welt des polnischen laissez-faires. Und so überschritten wir auch nach geschätzten 20 Minuten Frankfurt die Europabrücke. Auch hier besichtigten wir erst eingehend und pflichtschuldigst (erstes Wikipedia-Denkmal der Welt, zweiteiliger Fitnessparcour im Stadtpark, Oderhafen) bis wir uns ganz den lang vermissten Gaumenfreuden ostodriger Provenienz hingaben.

In völlig losgelöster Sonntagsstimmung und mit bis zum Reißen gefüllten Mägen traten wir dann irgendwann die Rückreise an. Erneut wandelten wir durch Frankfurt und genossen konzentrierte Unaufdringlichkeit brandenburgischer Urbanität. Ein Gednake der hier aufkeimte: Wäre Frankfurt ohne Polen etwas cottbusiger? Wahrscheinlich schon. Und dabei, auch dies noch ein Ziel, welches es zu bewältigen gilt.

Geschrieben aus Berlin, Berlin, Germany.

Mission: Bezirke bezirzen – drittes Kapitel: Karl-Chemnitz-Stadt

Unerschütterlich und voller Forscherdrang durchwühlten wir nun weiter die antiken Zentren jenes untergegangenen Kleinreichs namens DDR. Dieses Mal im Auge der Peripherie – Chemnitz formely known as Karl-Marx-Stadt. Der erste und unspektakulärste Teil in der herrlichen sächsischen Dreifaltigkeit welche aus Produktion, Verkauf und Verprassen bestand (besteht?). Dreimal dürft ihr raten welche Aufgabe hierbei Chemnitz zugedacht war. Wohl ein Grund warum dem gemeinen Residenz- oder Messestadtsachsen herzlich wenig zu Chemnitz einfällt. Wir meinen: Schade, uns hat es gefallen und wir freuen uns dank dieses Erlebnisses tatsächlich auf noch mehr Sachsen.

Die bisherigen Stationen der Bezirkskursion. Thüringen abgehakt. Jedenfalls bis zur Kreiskursion.

Geschrieben aus Berlin, Berlin, Germany.

Münzenberg – MZB019 – Die Jahresvorschau 2017

Die Lesezeichen zum ausführlichen Genuss

 

Etliche dieser legendenumwobenen Expeditionen im Geiste der Erkundung der Peripherie haben uns verzückt, überrascht oder gar begeistert, doch die Reise nach Suhl hat die Messlatte mal wieder ein gewaltiges Stück nach oben gelegt. Es stimmte einfach alles: Wetter, Stimmung, Kulinarik, Gesprächsstoff und Kulisse. Das kleine Suhl überzeugte uns alle im Handumdrehen und führte schon Stunden vor der unweigerlichen Abreise zu jeder Menge traurigen Seufzern.

Das rote Suhl?! Das ließ uns aufmerken, sind doch revolutionär bewegte Waffenschmiede für die soziale Revolution um einiges wertvoller als die üblichen Buchdrucker.


Und auch wenn alles schief gelaufen wäre – angesichts dieses Schauspiels hätte kaum einer gezaudert, diesen Ausflug als gelungen zu bewerten.

Wenn ich mir eine Unterkunft hätte schnitzen können, viel besser hätte sie nicht sein können. Ein Bett zum Entgleisen!

 

Das offizielle Endergebnis in dreifacher Ausfertigung.
Und zum Abschluss noch etwas massive Gotik in Erfurt. Eindrucksvoll und majestätisch genossen wir alles außer jenem Fantasiewesen namens “Thüringer Rostbratwurst”.

 

 

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Mission: Bezirke bezirzen – erstes Kapitel: Elsterflorenz

Und erneut ging es auf große Entdeckungsreise. Im Hinterkopf ein neues ehrgeiziges Ziel, und zwar allen Bezirksstädten (nicht Bezirkshauptstädten, so lernten wir bereits an diesem ersten Wandertag!) der DDR einen Besuch abzustatten. Getreu der achtbaren Initialenergie, welche bereits vor einem knappen Jahrzehnt dazu führte, der Bereisung von sämtlicher Berliner S-Bahnendstationen ein internationales Podium zu bieten, traten nun erneut ein paar unverzagte Freunde der Peripherie an um des Novembers Unbill mit ausschweifendem Umherschweifen zu begegnen. (Nebenbei also nochmal Täterätäh und Dschingdereassa Bumm! 10 Jahre Viva Peripheria – fast hätt ich’s übersehen. Habt Dank all ihr Peripheristen und Peripherösen da draussen!)

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Sehr viel mehr als Bratwurst dürfte dem gemeinen Bundesbürger zu Thüringen wohl selten einfallen. Welch Überraschung daher, dass der hier beschriebene Ausflug ohne eine einzige Bratwurst absolviert und dennoch allgemein als Erfolg verbucht wurde.

Am Anfang stand Gera. Die große Unbekannte. Voller Überraschung musste ich unlängst im Kreise zahlreicher altgedienter Ostdeutscher feststellen, dass noch keiner dieser erfahrenen Haudegen und Provinzsassas jemals Kontakt mit der geheimnisvollen Reußenperle aufgenommen hatte. Doch nicht nur dass, nein, es wurde sogar offen angezweifelt, dass Gera je eine Bezirksstadt gewesen sei. Soviel ehrabschneidende Unwisseneit erforderte Satisfaktion. Als dann noch die Kunde von der angeblich vollständigsten Ausstellung des DDR-Comics im Geraer Stadtmuseum durchs Land eilte, war die Entscheidung gefallen. Gera würde das Fanal dieser “Tour de Bezirke” werden.

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Die Kampagne sitzt. “Wochenende Leipzig” – so prägnant und überzeugend wie “Niedersachsen. Klar”

Nach drei kleinen Hopsern in Wittenberg, Bitterfeld und Leipzig glitten wir dann schon bald bei bestem Kleinstaatswetter durch das vielbesungene Thüringerland. Geschmeidige Rundungen, kunterbunte Einsichten in den Indian Summer des Elstertals – versonnen blickt die Reisgeruppe aus dem ruckelnden Triebwagen der unvermindert Kurs auf das ersehnte Ziel hält.

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Einen Moment zögert der Chronist bevor er auf den Auslöser drückt. Nur ansatzweise ist ihm in diesem Moment bewusst, welch Anmut vereint mit trostloser Kantenschroffheit hier auf wenigen Pixeln für die Ewigkeit gebannt wird. Der Betrachter mag aufgebracht, gelangweilt oder unbeholfen weitertrinken, dennoch bleibt da etwas, so tief wie intensiv. Für Augenblicke wie diese lebt jeder von uns!

Angesichts des traurigen Umstands, dass Gera die zweitgrößte deutsche Stadt ohne elektrifizierten Bahnanschluss ist, fielen die Begeisterungsstürme, den Bahnhof betreffend eher zurückhaltend aus. Doch derlei bestürzende Beschneidungen sollten nicht das Maß der Dinge für den Rest Geras sein. Voller Tatendrang stürmen wir voran, immer mitten hindurch die sonntäglich aufgeräumten Magistralen der unbekannten Schönheit.

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Der Geraer Löwe nebst dazugehörigen Spatz – nur eine von zahlreichen Schmähungen der hiesigen Identität. Quetschte man in der düsteren Nazizeit sämtliches Viehzeug auf das Wappen, des auch scherzhaft “Thüringer Tiergarten” benamstes Wappen, bleib angeblich nicht mal für den Geraer Spatz ein Fleckchen frei. Wie meinen: “So nicht!”

Schnell war das Stadtmuseum gefunden, doch die angebliche achso vollständige Sammlung stellt sich schnell als bessere Wandzeitungscollage heraus. Aber die Enttäuschung sitzt nicht lange, umgehend werden wir verzaubert von zwei Etagen Daueraustellung der verrückten Geschichte Geras. Die bizarren Stilblüten der mitteldeutschen Kleinstaaterei, das absurde Versteckspiel all der inzestösen Heinriche und dergleichen mehr schaffen es uns zu verzaubern und lassen die Zeit wie im Fluge vergehen. Schlussendlich sind wir gar so willenlos, dass wir völlig ergeben auch die Ausstellung über Romantik in Gera inhalieren.

2016-11-13-15-06-33
Kulturtourists Feierabend, auch wenn die bratwurstige Sehnsucht leise wimmert bleibt es ein Jammern auf hohem Niveau. 

Nach soviel Kultur, welche furchtlos noch mit einem mittelschweren Stadtrundgang garniert wird, giert die Reisegruppe nach Kost und Trank. Ohne viel Federlesens wird also eine Schänke aufgesucht und bei schimmlig-gemütlicher Winterstimmung die genossenen Eindrücke gemeinsam verarbeitet. Schnell wird klar, die Bezirke der versunkenen Republik sind, wie nicht anders erwartet, ein reizvolles Reiseziel. Das ungeduldige Hufgeschar ist förmlich nicht zu spüren. So lasst uns freuen und juchhehen – 2017 wird uns mit einer ganz auserlesenen Perle willkommen heißen. Es geht nach Suhl, jenes entzückend schizophrene Kleinod tief im Hinterland von allem, welches sich gleichermaßen als “Stadt des Friedens” wie als “Waffenstadt” bezeichnet. Und warum auch nicht?! Wir können es zumindest kaum noch erwarten!

Geschrieben aus Berlin, Berlin, Germany.