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Ratgeber: Erstkontakt – Begegnung der armenischen Art

 

Während Georgien, die fröhlichste Baracke des Kaukasus, aktuell immer mehr in den Fokus des internationalen Tourismus gerät, verharrt das, als melancholisch und strandlos verschriene Armenien weiterhin gelassen im Hintergrund. Wenn sich also die Reiseführerausgaben zu Georgien nahezu täglich verdoppeln und in den Altstadtlokalen Tbilisis sich der Rollkoffer-Jetset aus Billigfliegerstan verschwörerisch zuprostet, ob ihrer Chupze in solch ein abgefahrenes Land zu reisen, so bleibt man zwischen Jerewan und Sewansee von derlei Tendenzen bislang noch verschont. Einzig ein paar versprengte bildungsorientierte Reisebusladungen an den ausgewiesenen Kunstgeschichts-Hotspots sowie vereinzelte, russische Partynomaden zeugen hier von einem real existierenden Fremdenverkehr. Dabei hat das kleine Armenien durchaus etwas im Angebot. Ja, es gibt in der Tat kein Meer und das hiesige Gebirge muss das schmälernde Adjektiv “klein” erdulden, doch wie im weiteren ausgeführt werden soll, sind all dies nicht im Geringsten Gründe um das unscheinbare Kleinod an der äußersten Kante des europäischen Balkons mit Missachtung zu strafen.

Reiseland Armenien

Ob der offensichtlichen Unbekanntheit Armeniens sollen hier zu Beginn noch ein paar einleitende Worte stehen. Das kleine Bergland, das nur einige Quadratkilometer größer als Brandenburg ist, zwängt sich im südlichen Kaukasus zwischen Georgien, Aserbaidschan, die Türkei und den Iran. Und auch wenn das Adjektiv “klein”, wie bereits erwähnt, im Zusammenhang mit Armenien erstaunlich oft auftaucht, so befinden wir uns hier beispielsweise im Kleinen Kaukasus am Übergang zwischen Transkaukasien und Kleinasien, so darf es nicht darüber hinwegtäuschen, dass Armenien ein lupenreines Bergland ist. Im Gegensatz zu seinen kaukasischen Nachbarn gibt es hier keinerlei relevante Tiefebene oder eben wenigstens eine Meeresküste. 90 % der Landesfläche liegen mehr als 1000 Meter über dem Meeresspiegel, die mittlere Höhe beträgt sogar 1800 Meter.

Das Gebiet des heutigen Armeniens entspricht lediglich dem nordöstlichen Teil des viel größeren ehemaligen armenischen Siedlungsgebiets. Die wechselhafte und tragische Geschichte der Armenier sollte, wenigstens in Grundzügen vor Reiseantritt überflogen werden. Neben Geschichte haben die knapp drei Millionen Armenier aber etliche andere reichlich originäre Accessoires im Repertoire. So brüstet man sich (zumeist historisch korrekt) mit folgenden schillernden Alleinstellungsmerkmalen:

  • das erste Volk (im Jahr 301) zu sein, welches das Christentum zur Staatsreligion erklärte
  • eines der ältesten noch aktiv genutzten Alphabete zu besitzen (zwischen 403-406; zudem noch eine der wenigen Schriftsprachen, welche gezielt erfunden wurde – detaillierter bei typographie.info)
  • und auch wenn der Georgier an dieser Stelle laut und doch mit spürbarer Unsicherheit auflacht, der Wein hat in Armenien eine längere Tradition als in Georgien, somit kann Armenien als Wiege des Weins bezeichnet werden (vor 6100 Jahren)
  • der älteste Lederschuh der Alten Welt wurde hier gefunden (200 Jahre älter als Ötzis Schuhe)

Allein die Sache mit dem Wein sollte schon genügen um Armenien exzessiv zu huldigen und zu danken. Und dies am besten vor Ort. Weitere spannende Fakten, die Armenien zu etwas Besonderen machen auf madlovelyword.com.


Erster Blick auf Jerewan am Morgen. Die Stadt, die viel darauf gibt 29 Jahre ewiger als Rom zu sein.


 

Das allgemeine Grundgefühl in Armenien ist beruhigend und entspannt. Die Menschen sind freundlich, unaufdringlich und stets daran interessiert, den ahnungslosen Armenienentdeckern unter die Arme zu greifen. Kriminalität oder Übergriffigkeit in welcher Form auch immer konnten wir in der kurzen Zeit, die wir hier verbrachten, jedenfalls nicht im Geringsten entdecken. Zusätzlich erleichternd mag für Russischsprachige der Umstand sein, dass Russisch hier noch unzweifelhaft die allgemein anerkannte Verkehrssprache ist, und nicht wie im Nachbarland Georgien, wo die Sprache stets aufs Neue verhandelt werden muss und das Angebot zum Russischen bisweilen auch völlig missverstanden werden kann.


Andere Wissensquellen

Das Angebot kann nicht anders als mager bis dürftig beschrieben werden. In den üblichen Reiseführerregalen gähnt einen diesbezüglich ernüchternde Leere entgegen. Außer dem allgegenwärtigen Lonely Planet fand ich nicht viel neben einem Architekturführer Jerewan, dem Kunstgeschichtewälzer von Dumont und dem stets präsenten Trescher-Büchlein. Die beiden letzten Ausgaben erschienen 2018, möglicherweise ein schwaches Indiz für einen aufkommenden Trend des Armenientourismus in näherer Zukunft? Die Suche nach Wanderführern führt dagegen offline wie online nur zu recht unbefriedigenden Ergebnissen. Die beste Quelle für unsere Zwecke, einer Wanderung in der Armenischen Schweiz, fand ich dann doch noch am ehesten auf der recht vorsintflutlich erscheinenden, offiziellen Internetpräsenz des Dilijan-Nationalparks sowie auf diversen Internetportalen zur Wanderroutenplanung (bspw.: gpsies.com).

Ein Literaturtipp der spezielleren Art wäre noch “Die vierzig Tage des Musa Dagh”. Dieser Versuch von Franz Werfel die Geschehnisse des versuchten Völkermords an den Armeniern von 1915 zu verarbeiten, mag nicht für jeden die ideale Reiselektüre sein. Angesichts der Bedeutung die dieses historische Ereignis für die Armenier bis heute darstellt sowie dem verzweifelten Interesse derlei bestialische Grausamkeiten, die der Mensch dem Menschen antun kann, verstehen zu wollen und nicht zuletzt aufgrund des meisterhaften Stils Werfels sei dieser Roman jedoch voller Inbrunst anempfohlen.


Einreise

Hinsichtlich der formellen Bedingungen des Ankommens werden dem EU-Bürger, ähnlich wie in Georgien, wenig Steine in den Weg gelegt. Einziger Unterschied ist hier nur, dass ein Personalausweis nicht ausreichend, sondern ein Reisepass vonnöten ist. Damit ausgestattet darf man Armenien ohne viel Federlesen ganze 180 Tage am Stück genießen.

Anreise

Eingeklemmt zwischen den zwei Problemzonen Aserbaidschan und Türkei gibt es auf dem Landweg aktuell nur die Möglichkeit über Georgien oder den Iran einzureisen. Die Grenzüberquerung von Georgien aus kann ich aus persönlicher Erfahrung als problemlos schildern (abgesehen von der wirklich katastrophalen Qualität der Straßen auf armenischer Seite). Es gibt die zwei Hauptgrenzübergänge von Bagratashen und Sadakhlo sowie einen westlich gelegenen Grenzübergang bei Bavra mit dem man im Bedarfsfall über Achalziche nach Adscharien gelangen kann (auf dem Weg läge dabei auch das hier unter “Kultur” beschriebene legendäre Höhlenkloster von Vardzia). Das populärste Reisemittel für diese Strecken ist zumeist die Marschrutka, mehr oder minder akzeptabel instandgehaltene Minibusse, die in stoischem Gleichmut den immer schlechter werdenden Zustand der armenischen Straßen hinnehmen und trotz widrigster Verhältnisse die Fortbewegung im Kaukasus gewährleisten.


Auch wenn ihr Signalton auf dem letzten Loch durch die Täler gellt – tapfer stellt sie sich den Widrigkeiten der Zeit – die Eisenbahn in Armenien


 

Selbstverständlich gibt es auch die edelste von allen Reiseformen um in Armenien anzukommen – die Eisenbahn! Es mag nicht allzu sehr überraschen, aber in Ländern, die derart unter dem Zerfall der öffentlichen Infrastruktur zu leiden haben, ist die Bahn naturgemäß eine der leidtragendsten Protagonisten. Und dennoch rumpelt sie unverdrossen weiter über die krummen Gleise und ist trotz Bummeltempo die mit weiten Abstand beste Reisealternative im Kaukasus. Die Harawkowkasjan Jerkatughi (Südkaukasische Eisenbahn), eine hundertprozentige Tochter der russischen Bahn, bedient ein breitspuriges 845km-Streckennetz, welches durch besagte Streitereien mit den Nachbarn durch Stilllegungen gen Türkei und Aserbaidschan spürbar kastriert wurde. Neben vereinzelten, scheuen Regionalverbindungen, so zum Beispiel zum Sewansee, gibt es aktuell nur noch eine internationale Verbindung. Diese geht, wen wundert’s, nach Georgien. Außerhalb der Saison (Anfang Oktober bis Mitte Juni) verkehrt lediglich ein Zug zwischen Jerewan und Tbilisi an ungeraden Tagen, in der Saison wird dieses Angebot auf einen täglichen Zug zwischen Jerewan und Batumi erweitert. 

Richtung Iran gibt es eisenbahntechnisch bislang nur Pläne, denn die einstmals funktionierende Bahnverbindung kann ja wegen dem üblichen zänkischen Kleinklein nicht genutzt werden (s. Exklave Nachitschewan). Per Marschrutka scheint der Grenzübergang in den Iran, über den höchsten Pass des Landes (Meghri, 2535m) aber offensichtlich eine recht entspannte Angelegenheit zu sein. Für eine Weiterreise in den Iran sei zu bedenken, dass hier noch Visapflicht herrscht, dies kann aber mühelos online erledigt werden (€40-€80 für 60 Tage).

Ansonsten bleibt aufgrund besagten Küstenmangels nur noch das schmutzige Flugzeug. Hier ist die einzige Landegelegenheit der Flughafen Jerewan. Da dieser gerade tagsüber umgebaut wird, kommen die meisten Flugzeuge spät in der Nacht an. Verbindungen gibt es auch nicht übermäßig viele. Direktflüge nach Deutschland gibt es zum Beispiel kaum. Es bietet sich wohl eher, auch aus Kostengründen, ein Flug mit LOT, Czech Airlines oder Ukrainian Airlines an. 

Herumreisen

Obwohl hierzu ja schon einiges gesagt wurde, möchte ich auf dieses Thema noch einmal näher eingehen. Zunächst sei aus meiner Beurteilung Georgiens von vor 2 Jahren folgendes zitiert: 

…infrastrukturell gesehen ist Georgien ein elendiglich nach Luft schnappendes Elend. Eisenbahnen verkehren selten und bedienen nur ein Minimum des Notwendigen. Der öffentliche Nahverkehr leidet unter offensiver Vernachlässigung und die Straßen zehren seit Jahrzehnten von der Substanz.

Dies kann vollumfänglich für Armenien als gültig betrachtet werden. Doch ein paar nennenswerte Unterschiede wären da noch. Da wäre auf jeden Fall die Fahrweise der Armenier. Überraschenderweise unterscheidet sich diese gewaltig von der stets präsenten Selbstmordattitüde des georgischen Fahrstils. Alle Armenier, die uns durch ihr Land steuerten, taten dies unverhofft überlegt und entspannt. Wenn man von den wütenden Tiraden, die jeder Fahrer ab und an dem jeweiligen Unbill entgegenwarf, absehen würde, könnte man sogar von Gelassenheit sprechen. Eine weitere Ungewöhnlichkeit ist die hiesige Häufigkeit an mit Gas betriebenen Autos. Aufgrund der Energiesituation in Armenien erfreut sich Erdgas als Energielieferant fürs Auto großer Beliebtheit. Glaubt man den inoffiziellen Zahlen, könnte der Anteil gasbetriebener Autos in Armenien sogar weltweiter Rekord sein. Relevant für den Reisenden ist das einzig des Umstands wegen, dass im Kofferraum zumeist etwas weniger Platz für den Rucksack eingeplant werden sollte.


Keine Mitfahrgelegenheit wie jede andere – ein schmucker Wolga, aus dem selben Baujahr wie ich.


 

Ansonsten ist es der vertraute, postsowjetische Dreisatz aus Eisenbahn, Marschrutka und Taxis (offiziell wie freischaffend), welcher dafür sorgt dass man munter durch die Gegend transportiert wird. Es versteht sich von selbst, dass man hierfür stets ausreichend Geduld und Gleichmut dabei haben sollte, doch auch wenn es manchmal etwas länger dauern sollte, das Ziel entschädigt in den allermeisten Fällen.

Sprache

Erneut möchte ich den hier bereits erwähnten Georgien-Bericht zitieren:

“Der Kaukasus galt in der Antike als der “Berg der Sprachen”, Strabo spruch einst von nicht weniger als 70 Dolmetschern, die man benötigte um allein am Schwarzen Meer erfolgreich Handel zu betreiben. Derlei Vielfalt, so sie in diesem Ausmaß je bestanden hat, ist zwar längst Vergangenheit, doch die Zahl und Eigenheit der hiesigen Schriften und Sprachen weiß immer noch zu faszinieren. Neben Georgisch werden hier noch 23 Sprachen aus sechs verschiedenen Sprachfamilien gesprochen.”

Nun, mit Armenisch handelt es sich dann unzweifelhaft um eine dieser 23 Sprachen und die hat es in sich. Wenn ich hier schon in aller Form meine Ehrfurcht vor den Geschichte atmenden Schnörkeln Georgiens offenbarte, so handelt es sich bei Armenisch natürlich auch nicht direkt um ein geschichtsarmes, neumodisches Kommunikationsmittel. Natürlich nicht.

Ein Denkmal für Buchstaben – Götzenbilder nach meinem Geschmack!

Abgesehen von ein paar kleineren updates wird Armenisch seit über 1500 Jahren in dieser Form dauernd benutzt. Es handelt sich um eine indogermanische Sprache mit vielen Parallelen zum Griechischen, dessen Buchstaben man auch nutzte bis man Anfang des 5. Jahrhunderts auf die Idee kam sich ein eigenes Alphabet zu schnitzen. Der Gelehrte und Mönch Mesrop Maschtoz schuf in wenigen Jahren (er kreiirte im übrigen auch das georgische Alphabet) etwas auf das die Armenier bis zum heutigen Tage ungemein stolz sind. Denn nicht nur dass das armenische Alphabet damit zu den wenigen Alphabeten weltweit gehört, welches gezielt erfunden wurde, es blieb ihr wichtigstes, vielleicht einziges Instrument um in den folgenden Jahrhunderten gegen alle Widerstände ihre Identität zu bewahren.


Der erste Satz, der in Armenisch aufgeschrieben wurde: “Weisheit zu lernen, Unterweisung erreichen und Verständnis erlangen”

Und so entstand hier eine beindruckende wie einzigartige Liebe zu Buchstaben die man auch im Alltag kaum übersehen kann. Alphabete werden dekorativ an die Wand gehängt, ob in Stein gekerbt, in Stoff gefärbt, auf Leder gemalt oder in Teppiche gewebt – allerorten sind diese sonderbaren Zeichen präsent. Im Dorf Artaschawan, am östlichen Fuß des Berges Aragaz wurde zum 1600jährigen Jubiläum der Schöpfung des armenischen Alphabets ein Steindenkmal der armenischen 39 Buchstaben gebaut. Und auch wenn ich viel zu wenig von Sprachen verstehe um zu begreifen was damit gemeint ist wenn behauptet wird, dass das armenische Alphabet neben dem Georgischen und dem Koreanischen zu den fortschrittlichsten Schriftsprachen der Welt gehöre, so muss ich anmerken, dass ich mit dem diskreten Charme der armenischen Buchstaben deutlich weniger Mühe hatte als mit den gezierten Schnörkeln Georgiens.

Menschen

“Unbestritten das Salz in der Suppe. Abseits jeder Verallgemeinerungen und sonstiger Über-den-Kamm-Schererei kann hier die Aussage getroffen werden, dass zwischen Großem und Kleinem Kaukasus ein ungemein herzlicher Menschenschlag lebt, der sich dabei stets unaufdringlich und galant um die Befindlichkeit seiner Gäste sorgt.”

Es bleibt dabei –  diesbezüglich gibt es schlicht und einfach nichts zu meckern.  

Kulinarik

Leider muss ich gestehen, dass ich ganz im Gegensatz zu meinen sonstigen Gewohnheiten diesen Aspekt dieses Mal etwas stiefmütterlich behandelt habe. Die massive Hitze und der rasche Aufbruch in die Berge sorgten dafür, dass wir erschreckend wenige Kontakte mit der armenischen Küche aufnehmen konnten. Doch die wenigen Berührungspunkte die es gab, ließen in mir den Eindruck entstehen, dass sie armenische Küche schon etwas stärker an die arabische, türkische Küche angelehnt ist als die georgische. Brot (Lawasch) und Lamm werden hier beispielsweise deutlich fanatischer gewürdigt. Doch letztlich ist es ähnlich wie mit dem Essen in Georgien: es mögen traditionelle und mit Liebe zubereitete Gerichte sein, deren bisweilen zungenbrecherische Bezeichnungen man sich verzweifelt zu merken versucht, das Besondere neben all der Liebe und Leidenschaft mit der man hier im Kaukasus den Gaumen verwöhnt, ist die Verarbeitung von frischen und natürlichen Zutaten. Wozu viel Würzen und Zaubern wenn schon eine schlichte Tomate ein Geschmacksfeuerwerk sein kann? Warum nach dem großen Geheimtipp suchen, wenn man allein des Duftes wegen, welcher aus den kleinen Bäckerluken strömt, Mord -und Brotschlag begehen würde. Ihr könnt einfach keine Fehler machen wenn ihr in Armenien esst, dennoch seien ein paar spezielle Gerichte auf die Liste getan, die, so sie euch über den Weg laufen, unbedingt probiert gehören:

  • Chasch (aus Kuhhaxen und manchmal Kutteln hergestellter Eintopf)
  • Harissa (möglicherweise DAS Nationalgericht Armeniens, dem auch in den “Vierzig Tagen des Musa Dagh” eine tragende Rolle zukommt; aromatischer Brei aus Weizen und Hühnerfleisch; nicht zu verwechseln mit der nordafrikanischen Würzpaste gleichen Namens)
  • Matsunapur oder Spas (eine kräftig-pikante Joghurtsuppe aus dem armenischen Joghurt namens Matsun)
  • Gata (beliebtestes armenisches Gebäck, erinnert an Blätterteigkeks mit Füllung)

Und natürlich Wein. Jeder oberflächlich am Kaukasus Interessierte weiß bei diesem Thema um die Allmacht georgischer Deutungshoheit. Wino ist ein georgisches Wort, 500 Rebsorten sind rein endemisch nur in Georgien zu finden, Tamadan, Tanz und Lebensfreude – in dieser Hinsicht lässt sich der Grusinier ungern die Butter vom Chatschapuri nehmen. Und dennoch weiß der Armenier still und beharrlich auf unumstößliche Legenden und Fakten zu verweisen. Die Sache mit der Arche Noah und den demzufolge an den Hängen des Ararat stante pede angelegten Weinhängen schenken wir uns mal lieber. Doch der eingangs erwähnte archäologische Fund des ältesten Weinguts der Welt in Areni spricht eine andere Sprache. Auch wenn Armenien als das Land mit den qualitativ besten Weißweinen der ehemaligen UdSSR gilt, so ist es vor allem bekannt durch seine süßen Dessertweine. Zu erwähnen wären hier die Varianten von  Sherry (Aschtarak, Bjurakan), Madeira (Oschakan), Malaga (Arewschat) und Portwein (Aigeschat). Doch wenn man liest, dass über die Hälfte des angebauten Weins in die Produktion von Branntwein fließt, weiß man wer der wirkliche Star der armenischen Getränkeszene ist – Cognac! Ararat, wie könnte er auch anders heißen, ist wohl der bekannteste Weinbrand der Sowjetunion und zahlreiche Experten (auch nichtarmenische) behaupten, es wäre der beste Cognac der Welt.

Das vielgepriesene armenische Gold.

Neben all den bereits aufgezählten Segnungen mit denen Armenien die Welt beglückte, muss natürlich auch noch eine ganz besondere Frucht gewürdigt werden, die ihren Siegeszug an den Hängen der armenischen Berge begann – der armenische Apfel, prunus armeniaca, die Aprikose! Archäologische Ausgrabungen belegen den Anbau von Aprikosen in Armenien schon im 4. Jhdt. v. Chr. Und so eroberte sich die Aprikose über die Jahre hinweg den Rang als Symbol Armeniens. Zwar ist die Saison kurz, von Juni bis Anfang August, doch in dieser Zeit ist ein gedeckter Tisch ohne frische Aprikosen unvorstellbar. Sie wird zum Frühstück, als Beilage zu Hauptspeisen und als Nachspeise serviert. Doch auch nach der Saison klingt die Erinnerung an die sonnenverwöhnte Frucht nach. Ob getrocknet, als Marmelade oder eben als Holz des nationalen Blasinstruments, des “Duduks”. Es versteht sich daher fast von selbst, dass beim jährlich stattfindenden Filmfest von Jerewan nichts anderes als die “Goldene Aprikose” verliehen wird.

Reiseziele – Armenische Schweiz

Nach derartig massiver einleitender Lobhudelei kommen wir nun zum Kern des Pudels: Was kann man denn so Schönes machen in Armenien? Eine gute Frage, denn obwohl es sich hier um die kleinste Sowjetrepublik handelt, scheint kein Zeitraum angemessen um wirklich alle Wünsche erfüllen zu können. Daher präsentiere ich hier ein paar Vorschläge, was ich machen würde, bzw. was ich bereits erlebt habe und empfehlen kann. Fangen wir an mit einer Wandertour in der Armenischen Schweiz.

Der Dilijan-Nationalpark fiel mir schon bei den ersten Vorbereitungen gefällig ins Auge. Denn der Großteil der Landschaftsaufnahmen von Armenien sah erschreckend baumlos, trocken und karg aus. Nun können derlei Gegenden durchaus gefallen, der freie Blick, die Grenzenlosigkeit des Horizonts und die Nichtigkeit des eigenen Seins können befreiend und erholsam sein. Doch ich bin ein Freund von wilder Vegetation  und Sorglosigkeit um den nächsten Wasserschluck. So rückten die Berge des Dilijan-Nationalparks in den Fokus.

Freundliche Warnung am Wegesrand. Schön es auf diese Weise bestätigt zu haben, dass das auffällige Knirschen der Knie berechtigt zu sein scheint.

Im äußersten Nordosten, in der Tawusch-Provinz gelegen, befindet sich auf 240 qkm eine teilweise unberührte Waldlandschaft, mit etlichen Heilwasserquellen und vielen Klöstern und anderen historisch interessanten Steinhaufen. Wenn man durch die schattigen Buchenwälder und saftigen, lichtdurchfluteten Auen wandelt, fragt man sich zwar schon manchmal warum man hierfür mehrere tausend Kilometer hinter sich bringen musste. Zu sehr erinnert dieses Gebirge in Asien an einen Wanderweg in der böhmischen Schweiz oder ähnlichem. Doch die Höhe der umliegenden Berge (deutlich über 2000m) und die Einsamkeit in der Natur verweisen sanft auf den kleinen Unterschied. Auf der oben erwähnten, offiziellen Seite des Nationalparks finden sich zahlreiche Tourenvorschläge, selbst erwandert kann ich nur folgenden Weg weiterempfehlen:

Von Dilijan zum See Parz und zurück (2 Tage, etwa 40km, ca. 1500 Hm)

Sobald man im Zenrum Dilijans angekommen ist und sich wanderfertig fühlt, gilt es nach diesen Wanderzeichen Ausschau zu halten.

Innerhalb des Dilijan-Nationalparks weisen diese Zeichen den richtigen Weg. Praktischerweise ist das was ich erst für ein Haus hielt, ein Pfeil. Dieser zeigt dann auch gleichermaßen die korrekte Richtung an.

Der Weg schlängelt sich überraschend schnell über eine Hintertreppe aus der Stadt und schon ist man zwar noch in Straßenhörweite aber auch mitten im Wald (Traumzeltplatz für zu spät Eingetroffene!). Nach leichtem Aufstieg in duftendem Nadelwald kehren wir noch kurz zu den Ausläufern der Stadt zurück (letzte Chance für Lebensmitteleinkäufe oder ein kaltes Getränk!) um danach hinaus auf die menschenleeren Weiden und Auen zuzulaufen(wir folgen weiter dem “Transcaucasian Trail” auch wenn der “Skywalk Trail” noch so verlockend klingt). Der Weg zieht sich gemächlich auf eine idyllische Bergwiese die mit 1750Hm auch gleichzeitig den Scheitelpunkt dieser Wanderung darstellt.

Der Höhepunkt der Wanderung: Eine Bergwiese fernab von allem.

Ab hier geht es über sanft in den Berg geträumte Waldwege entspannt hinab zum See Parz. Dieser ist aber, gelinde gesagt, eine kleine Enttäuschung. Nach stundenlangem Wandern in totaler Naturversunkenheit ohne jedwede zivilisatorische Störgeräusche platzt man hier in ein Event-Hotspot der unerwarteten Art rein. Dieser Bergsee ist so natürlich, dass sogar das Baden verboten ist, was angesichts des grünlichen Breis, den man hier traurig gegen den aufgewühlten Strand schwappen sieht, nicht weiter traurig macht. Ich empfehle nach ausreichender innerer Erfrischung durch die hiesigen gastronomischen Segnungen den Weitermarsch die Straße hinauf um dann die Rückwanderung Richtung Dilijan einzuschlagen. Selbstverständlich kann man von hier, sollte man etwas mehr Zeit haben, auch weiter Richtung See Gosh zu ziehen.

Das größte Glück auf dieser Erde, hängt nicht nur dran, an einem Pferde.

Unsere kleinere Route empfiehlt sich eher für ein knapp bemessenes Wochenende. Schlafgelegenheiten finden sich kurz hinter dem Trubel des Sees zuhauf. Besonders empfehlenswert jedoch ist das frisch errichtete Wiederansiedlungsgehege für Maral-Hirsche (nach dem die Straße den Kamm überquert hat, sieht man linkerhand eine Einfahrt, die auf dieses Reservat verweist. Sonst habe ich nirgends im Internet etwas dazu finden können, es existiert aber wirklich!) Hier kann man problemlos eine Nacht in Gesellschaft von friedlich mümmelnden Hirschen und zurückhaltend assistierenden Parkwächtern verbringen.


Unter der Flut an Traumzeltplätzen den besten für die Nacht herauszufinden, gehört zu den größten Stressfaktoren des kultivierten Bergwanderers.

Der zweite Tag ist dann ein sehr entspannter Wald- und Wiesenweg mit reichlich Aussicht auf Berge, Kühe und einen wunderschönen Tag. Bis Dilijan finden sich zahlreiche Zeltplätze mit Wasseranschluss und Lagerfeueranlage.

*Die Entfernungsangaben differieren hier leicht, da Komoot die Streckenkilometer bei dem Teil des Rückwegs, der auf der gleichen Route verläuft, nicht einberechnet.

Sewansee

Und natürlich kann man keine Beschreibung Armeniens absolvieren ohne ein paar Worte zu dessen “blauer Perle” zu verlieren. Fast 1900m hoch gelegen, ist der See mit 1244 qkm einer der größten Hochgebirgsseeen der Welt. Wenn man sich hier aus der Marschrutka schält und voller Juchhee in die türkisen Wellen stürzt, dann hat Armenien auf einmal sogar eine Küste und wäre damit komplett Touri-konform. Doch das hat sich ja gottseidank noch nicht so wirklich rumgesprochen, außer bei den zahlreichen Armeniern, die diesen See wie ein ausgewachsenes Meer nutzen und nach gutem sowjetischen Muster einhegen.

Das armenische Meer

Die eisernen Regeln russischer Strandkultur gelten auch am Sewansee: -jedes Fleckchen gehört mit den schrecklichsten Hits lokaler Popverbrecher beschallt
-die Distanz zu Alkoholquellen darf 50m nie überschreiten -das Auto muss so nah wie möglich dabei sein -es gibt keine Regeln!

— sasza (@muenzenberg_) 27. Juli 2018

Wenn Stadttourismus, dann Jerewan

Denn das kleine Armenien hat eigentlich nur eine Stadt die der Rede wert ist. Daher war die Neugier entsprechend stark und fokusiert auf die “rote Stadt”. Nach mehreren Kaukasusexpeditionen bin ich jedes Mal überzeugter von dieser schwer zu fassenden Region zurückgekehrt, die Städte begeisterten mich aber eher weniger. Zu überquellend, chaotisch und den gefräßigen Maden des Individualverkehrs überlassen, schreckten sie mich zumeist eher ab und ließen das folgende Naturerlebnis in einem nur noch krasseren Kontrast erscheinen. Alles was ich im Vorfeld über Jerewan las, ließ mich jedoch vorsichtig frohlocken, denn unter der feurigen Führung des heute noch in Armenien über alle Maßen verehrten Stararchitekten Alexander Tamanjan wurde die alte, verwinkelte Altstadt (selbstverständlich mal wieder eine der ältesten Städte der Welt, älter als Rom und die 13. Hauptstadt in der wechselvollen Geschichte Armeniens) in den 1920er Jahren anhand der Grundidee eines radialen Ringsystems mit ausgedehnten Parks und Gärten ausgestattet, eine Kombination von Amphitheater und Gartenstadt. Sollte es dann doch eine lebenswerte, entspannte Stadt im Kaukasus geben?

Der Meister bei der Arbeit

Der erste Eindruck war ein äußerst gefälliger. Trotz 43 Grad im Schatten, dreister Begrüßung der standesgemäßen Flughafen-Taxi-Banditen und der üblichen Patina des postsowjetischen Verfalls – es ist eine großzügig angelegte, sehr grüne und sichtbar gepflegte Schönheit aus jeder Menge rotem Tuffstein. Auch auf den zweiten Blick gewinnt Jerewan gegenüber seinen urbanen Kontrahenten im Kaukasus dazu. Zwar ist auch diese Stadt primär für Autos gemacht, doch hier ist der Verkehr irgendwie stressfreier, gelassener. Entspannung verheißende Parks, unverbindlich zublinzelnde Straßencafés und aufreizend duftende Hinterhofrestaurants – dies alles garniert mit herrlich gelassenen Menschen – ich fühlte mich erstmals in einer kaukasischen Großstadt rundum wohl. 

Antwort an Radio Jerewan: Du gefällst mir, nicht nur im Prinzip!

Jerewan – für mich die unangefochtene Nr. 1 der Großstädte des Kaukasus. Ohne Baku gesehen zu haben.

Obwohl, wie allgemein bekannt, für das bestmögliche Aufnehmen des Charakters einer Stadt das vollständige Ablaufen der Sehenswürdigkeiten als eher zweitrangig einzuschätzen ist, hier ein paar Anlaufstationen, die es wert sind, besichtigt zu werden:

  • Zizernakaberd (ein Denkmalkomplex zum Gedenken an die Opfer des Völkermords. Im westlichen Teil Jerewans auf dem gleichnamigen Hügel gelegen, hat man hier auch einen spektakulären Blick auf Stadt wie Ararat)
  • Matenadaran (wer der Sache mit der Besonderheit der armenischen Schrift nachgehen möchte, ist hier genau richtig. 17000 verschiedene seltene Handschriften lagern hier und einige Kostbarkeiten davon sind sogar zu besichtigen. Dieses Weltdokumentenerbe befindet sich in einem Gebäude im neo-armenischen Stil, welches atombombensicher in den Fels gehauen wurde doch heute zunehmend unter Wassereinbrüchen leidet)
  • Mutti Armenien (auch Armenien hat, wie so manch anderer Staat in der Umgebung eine beschwertete Dame die sorgenvoll auf ihrer Kinder und in die Zukunft schaut. Im 36 Meter hohen Sockel befindet sich auf fünf Etagen das Militärmuseum Armeniens.)
  • Festung Erebuni (im 8. Jahrhundert von den urartäischen Königen errichtete Festung im südlichen Teil von Jerewan)

Weitere empfehlenswerte, aber noch nicht erlebte Reiseziele

  • Kloster Etschmiadsin (Residenz des Katholikos und älteste noch aktiver Kirchenbau der Welt) Geghard (Höhlenkloster), Chor Virap (beste Sicht und nächste Lage auf Ararat) und Tatew (auf Felsplateau gelegen, von unüberwindlichen Abgründen umgeben, spektakulär!) und ein gutes Dutzend Klöster von dieser Güte mehr
  • Aragaz (erloschener Schichtvulkan und mit 4090m die höchste Erhebung Armeniens)
  • Areni (erwähnten ich schon einmal, dass der älteste Wein aus Armenien kommt? In Areni kan man sich auf dessen Spur begeben. Wenn man zudem noch Anfang Oktober in Armenien ist, dann nix wie hin, denn dann findet hier nämlich nach und mit der Weinlese das traditionelle Weinfest statt)
  • Geghama-Gebirge (Teil des Armenischen Hochlands westlich des Sewansees. Die Berhheidelandschaft der Hänge bedeck bis auf 3600m ansteigendes Tuff- und Lavagestein)
  • Sangesurkamm 130 km langer Kamm westlich der historischen Region Sangesur im östlichen Armenischen Hochland
  • und noch viele, viele reizende Naturschauspiele mehr. Eine kleine Zusammenfassung, was das kleine Armenien in dieser Hinsicht noch zu bieten hat, ist auf outdooractive.com ganz gut zusammengefasst



Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Kaukasucht

So, Kaukasus, du Mutter aller Gebirge, letzte wahrhaftige Grenze, Keimzelle von zahlreichen Hochkulturen und Heimat von noch zahlreicheren zänkischen Bergvölkern – nun ist es endlich soweit! Obwohl ich mich dir schon mehrere Male mit zaghaften Expeditionen schüchtern annäherte, heute ist der erste Tag einer Reise tief hinein in die Welt meiner innersten Wünsche und Bedürfnisse. Wir haben es gegen alle Widerstände möglich gemacht und sehr viel Zeit zusammengekratzt. Lass nun also die Spiele beginnen und uns gegenseitig begeistern! Meine Erwartungen sind zurecht sehr hoch. Die legendären armenischen Fettschwanzschafe über die Zunge hüpfen lassen, auf knapp 2000m in den größten Kauskasussee springen, knurrig-quietschenden Eisenbahnexzessen frönen, die idyllische Abgeschiedenheit Swanetiens genießen, wieder ein paar der 500 nur hier vorkommenden Weine entdecken, Schaschlyk, Chatschapuri, Tschtscha – oh là là!

“Blaue kaukasische Berge, seid mir gegrüßt! Der ganze Weltschmerz geht zum Teufel, das Herz schlägt und die Brust weitet sich, man ist in dieser Minute wunschlos glücklich.” (M. Lermontow)

Natürlich werde ich versuchen, wie gewohnt, frische Eindrücke möglichst schnell den vertrauenswürdigen Eilboten des Internets zu übergeben. Hier an dieser Stelle aber wahrscheinlich eher weniger, Vivaperipheria sehe ich immer mehr als das massive Flaggschiff meines Meinungsimperiums. Hier ist eher der Raum für abschließende Beurteilungen und ausführliche Empfehlungen. Für die tägliche Dosis Kaukasus empfehle ich in den nächsten Wochen vielmehr Twitter (für die schnell aus der Hüfte geschossenen Beobachtungen) sowie Instagram (für die etlichen, zu erwartenden visuellen Eindrücke eines ausgewiesenen Schnappschussologen). Praktischerweise habe ich beides elegant an beiden Seiten dieses Blogs präsentabel und klickbar hinzugefügt.