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Ratgeber: Wandern in der Malá Fatra

Das Wandern in den slowakischen Bergen wurde an dieser Stelle ja bereits einmal am Beispiel der Niederen Tatra in aller Ausführlichkeit ausgebreitet. Dieses Mal soll es nun um die Malá Fatra gehen. Und hierbei handelt es sich in meinen Augen um nichts Geringeres als das Prunkstück, das Sahnehäubchen, schlicht und einfach das Beste was dieses, an entzückenden Gebirgen reich gesegnete Land zu bieten hat. Wenn euch also der Hafer juckt, euch die Stadt über den Kopf wächst und ihr es einfach mal probieren wollt mit diesem Wandern und speziell mit dieser besonderen Form des Wanderns – ein Kamm, ein Rucksack, eine Woche – dann ist die Malá Fatra die beste Empfehlung. Dieser schnuckelige Gebirgszug, kokettiert mit den Reizen eines heranwachsenden Hochgebirges obwohl es der Höhe nicht mehr als ein prächtig entwickeltes Mittelgebirge ist. Die Ausstattung mit Hütten und die Markierung der Wanderwege ist mustergültig und nahezu vorbildhaft, wobei dennoch die Möglichkeit zum eigenständigen Übernachten in der Natur freundlich geduldet wird. Nicht zuletzt ist die Malá Fatra in der Westslowakei gelegen und gehört somit zu den, von Deutschland aus, schnellst erreichbaren bergigen Entspannungsregionen. Doch genug der Vorschusslorbeeren, hier ist der detaillierte Steckbrief für ungetrübte Wandergenüsse in der Kleinen Fatra!

Wanderung auf dem Kammweg der Malá Fatra

Komplettvariante: Bytča/Rajec bis Zázrivá (ca. 6 Tage)
Das Beste vom Besten: Strečno bis Zázrivá (2-3 Tage)

Andere Wissensquellen: Es finden sich erstaunlich wenige Erlebnisberichte, welches dieses fantastische Kleinod gebührend bejubeln würden. Recherchiert man im Internet findet man hauptsächlich die üblichen kommerziellen Angebote für organisierte Wanderungen und ein paar vereinzelte Wanderberichte aus dem Kinderstadium des Internets. So erschreckend wie erstaunlich. Umso wichtiger, dass ich diese kleine Zusammenfassung hier erstellt habe.

Hinsichtlich Kartenmaterials sei gesagt: Einen vorzüglichen Überblick der Wegstrecke bietet in gewohnt solider Manier das Online-Karten-Portal turistika.freemeap.sk. Echte Wanderkarten im Maßstab 1:50000 können vor Ort mühelos erworben werden.  Auch der Markt der Wanderführer im Totholz-Segment ist eigentlich nicht vorhanden. Abgesehen von antiquierten Ausgaben aus Vorwendezeiten und dem Bändlein aus dem freytag-berndt-Verlag gibt es kaum Lesestoff zur Vorbereitung auf die Fatra.

Anreise: Die Anfahrt ist wie bereits angedeutet, denkbar einfach und schnell. Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Mala-Fatra-Expeditionen ist Žilina. Dieses nette Städtchen kurz hinter der tschechisch-slowakischen Grenze erreicht man am stilsichersten im Schlafwagen. Zwei Züge fahren täglich von Prag über Žilina in die Slowakei ( “Bohemia”  22:19/4:34 oder “Slovakia” 23:59/5:47). Natürlich spricht auch nichts dagegen mit dem schicken Pendolino tagsüber gen Slowakei zu reisen. Einberechnet die zwei Nachtzugverbindungen verkehrt 16 Mal am Tag eine Direktverbindung zwischen Prag und Žilina. Tickets lassen sich entweder im voraus über das Internetportal von České dráhy erwerben oder klassisch am Fahrkartenschalter vor Ort. Wobei es in der Saison nicht schadet rechtzeitig vorher zu reservieren, so man mit dem Schlafwagen zu reisen plant. Tickets für den Liegewagen, früh genug gebucht, fangen bei €15 an, ein Tageszugticket schlanke €9,18. Willkommen im Eisenbahnparadies! Der Pendolino fährt übrigens 7:10 in Prag ab und kommt schon  4 Stunden und 24 Minuten später in Žilina an (Preis €12,22).

Der Schienenbus – ein treuer Geselle, stets bereit die leidigen Stellen ohne Berge zu überbrücken.

Herumreisen: Im Eisenbahnparadies geht dieses natürlich mit Leichtigkeit vonstatten. Alle wichtigen Einstiegspunkte ins Gebirge werden von zuverlässig brummenden Nahverkehrsverbindungen angefahren (ausgenommen Zázrivá, aber diesen Ort sehen wir aus später ausgeführten Gründen definitiv nur als Ausstiegspunkt). Abseits des prächtig ausgebauten Streckennetzes gibt es aber stets auch ein zuverlässiges Bussystem, welches die wenigen Lücken hervorragend auszustopfen weiß.

Die Malá Fatra im Überblick. Mit im Bild: das Geschwistergebirge Velka Fatra

Charakteristik des Gebirges: Die Malá Fatra ist ein Mittelgebirge am nordwestlichen Rand der Slowakei. Trotz der verhältnismäßig geringen Höhen (höchster Berg ist der Veľký Kriváň mit 1709m) weiß die Fatra über lange Strecken mit ausgedehnten Bergwiesen und felsigen Momenten zu bezirzen, die klarstellen, dass man bei weiten kein gewöhnliches, forstiges Mittelgebirge ist. Der Hauptkamm verläuft von Südwest nach Nordost und wird in der Mitte von dem Fluss Váh durschschnitten und trennt somit die Fatra in zwei Teile (ergo, man muss, so man die Fatra komplett durchwandern möchte, einmal all seine Höhenmeter vergessen und nochmals von vorn anfangen!) Der südwestliche Teil wird Lúčanská Fatra (nach dem höchsten Berg Veľká Lúka, 1.476 m) und der nordöstliche Teil Krivánska Fatra (nach besagtem Veľký Kriváň) genannt.

Ähnlich wie im Falle der Niederen Tatra unterscheiden sich die beiden Gebirgsteile derartig voneinander, dass man sie aber fast als verschiedene Gebirge wahrnimmt. Dies erklärt auch, dass die meisten nur die Krivánska Fatra bewandern und den südlichen Teil der Fatra verschmähen. Denn während der nördliche Abschnitt fast den gesamten Kamm über mit spektakulären Blicken ins Tal und bei guter Sicht auf die umliegenden Gebirge belohnt, und mit aufregenden Felspassagen und idyllischen Bergwiesen kokettiert, ist der südliche Teil ein eher zurückhaltender, größtenteils bewaldeter Gebirgszug.

Ich stehe beiden, im weiteren ausgeführten Wandervorschlägen, der Komplettvariante und die Rosinenpickervariante, aufgeschlossen gegenüber. Beide haben etwas für sich. Letztlich würde ich es eher von der vorhanden Zeit abhängig machen, wobei ein erstmaliger Fatrabesuch schon die komplette Erwanderung provoziert.

Regeln&Gesetze: Diesbezüglich möchte ich der Einfachheit halber einfach das bereits für die Niedere Tatra geschriebene zitieren: “Die Niedere Tatra Malá Fatra bietet dem zivilisationsmüden Naturfreund ungeahnte Möglichkeiten um sich im Herzen des sonst so zersiedelten und überregulierten Mitteleuropas auszuleben. Sicher, man sollte die angebrachten Schilder, welche auf gesonderte Rechte der Natur hinweisen, ernstnehmen. Hier gelten strengere Gesetze, die zelten, Lagerfeuer, ja, das schlichte Verlassen des Wanderwegs untersagen. Doch schon das einfache Kartenstudium zu Beginn der Wanderung zeigt die heiklen Schutzzonen, die auch dieser Kamm durchquert, so das man dies in die Planung aufnehmen kann und es vermeidet hier übernachten zu müssen. Zudem bieten sich manche lebensfeindlichen und windzerzausten Gegenden per se nicht zum Übernachten an. Doch so man Wanderkarte wie Hinweisschilder aufmerksam im Auge behält, sind die Gelegenheiten für ein freies und wildes Pfadfinderabenteuer hier noch recht ungefährdet. “ Dies gilt uneingeschränkt auch für die Malá Fatra, wobei hinzuzufügen sei, dass der südliche Teil noch einen deutlichen Zacken unbesuchter und wilder ist als der eher im touristischen Schlaglicht stehende nördliche Teil.

Jeder Feierabend ein Genuss für alle Sinne.

Ausrüstung&Fitness: Ich zitiere erneut: “Dieser Kammweg [in diesem Fall anwendbar auf die Komplettvariante] ist für mittelfitte Wanderer locker in einer Woche zu schaffen. Hier können schon gering erfahrene Wanderer erste Meriten sammeln. Zur Ausrüstung muss nicht viel gesagt werden. Der normale Goldstandard für draußen: festes, knöchelhohes Schuhwerk mit ausreichend Profil und optionalen Gamaschen, Regenschutz, Zelt, Schlafsack, Taschenlampe, Messer, Kocher, Proviant (für drei Tage, den Rest kann man auf den Hütten oder in Dörfern dazu kaufen).”

Besonderheiten: Der durchgängig rot markierte Kammwanderweg ist aktuell als E3 Teil des europäischen Fernwanderwegnetzes. Diese altehrwürdige Eminenz unter den Fernwanderwegen führt auf knapp 7000 km von der portugiesischen Atlantikküste bis an den bulgarischen Goldstrand. Er ist gleichermaßen Teil des Jakobweges wie auch Nachlassverwalter des ruhmreichen “Bergwanderweg der Freundschaft Eisenach–Budapest”, kurz EB-Weg. Das herausragende Gefühl, mittels eines Kammwegs über dem kleingeistigen Einerlei des Tals hinwegzuwandern gewinnt dank solcher Eigenschaften natürlich ohne Zweifel noch deutlich hinzu.

Routenempfehlung: Laufrichtung Ost-West oder West-Ost?

Es ist merkwürdig, so oft ich den Kammweg der Malá Fatra gelaufen bin, lief ich stets von West nach Ost. Ohne viel darüber nachzudenken, doch als ich es dann doch einmal tat, fiel mir auf dass es triftige Gründe für diese Laufrichtung gibt. Zum einen ist aus dramaturgischer Sicht die Steigerung der Reize und Genüsse in diese Richtung einfach gelungener und zum anderen erreicht man das westliche Ende schneller und unkomplizierter wenn man von Deutschland kommt. Abgesehen davon spricht rein gar nichts gegen die entgegengesetzte Laufrichtung.

Komplettvariante: 1. Tag, Aufwärmetappe, von Bytča bis an den Fuß der Malá Fatra

Dieser Tag hat eigentlich noch gar nichts mit der Malá Fatra zu tun. Zwar sollte man den mächtigen Gebirgskamm fast den ganzen Tag am Horizont erblicken können, doch die Handlung dieses Tages spielt sich komplett außerhalb der Fatra ab. Ich wähle diesen Einstieg dennoch immer wieder gerne da er die perfekte lockere Aufwärmrunde ist und zudem durch dieses entzückende kleine Felsgebirge namens Súľovské vrchy führt. So man etwas weniger Zeit hat, keine Aufwärmrunde braucht oder sonstige Gründe hat, kann man natürlich auch problemlos den Einstieg direkt in Rajec wählen. Auch hierhin kommt man einfach und bequem von Žilina mit der Bahn (37 Minuten Fahrt).  Folgt man jedoch meinem Vorschlag steigt man in Žilina in den Zug nach Bytča (stündlich, 19 Minuten Fahrzeit) und beginnt hier eine der schönsten Wanderungen seines Lebens. Der Einkauf von Proviant und anderen Lebensmitteln in Žilina ist ratsam aber nicht dringend notwendig da wir auf dieser Etappe noch zwei Dörfer kreuzen. Es sei denn die Zeit erfordert es denn die Öffnungszeiten in der Slowakei sind speziell auf den Dörfern teilweise sehr rigide. Es empfiehlt sich daher im Vorfeld der Anreise kurz die Öffnungszeiten in den jeweiligen Supermärkten zu checken um keine böse Überraschung zu erleben.

Steigt man am Bahnhof aus, muss man nur dem Leuchtfeuer der Kneipen folgen um den richtigen Wanderweg zu finden. Die Bar direkt am Bahnhof weist in die Richtung in die man der Straße folgen muss und sobald man nach wenigen Metern auf der rechten Straßenseite erneut in einer Kneipe sitzt, ist man schon zu weit. Kurz davor biegt der blaue Wanderweg ab und führt uns nach einer kleinen Siedlung sanft über Wiesen bergan. Schon nach 1-2 Stunden erreicht man Wald und die Súľovské vrchy. Sollte man sich hier zur richtigen Zeit anfinden, bietet sich diese Gegend auch definitiv zum Übernachten an. Jede Menge moosweiche Schlafplätze und auf einem der Felsen sitzend ein erhabener Ausblick ins Abendrot. Doch in der Regel hält sich die Wanderung hier nicht länger auf. Die Route zweigt vom blauen auf den roten Weg ab bis pod Roháčom erreicht ist. Ab da an geht es auf dem grünen Weg weiter. Der grüne Strich wird unsere Markierung bleiben bis wir den Kamm der Malá Fatra erreicht haben. Nach den Felsen wird das kleines Dörfchen Súľov (Einkaufsmöglichkeiten in kleinem Laden) durchquert. Die Strecke bis Rajec folgt einem gemütlichen Bergkamm und ist hervorragend zum Einlaufen geeignet. Rajec bietet letztmalig vor dem Kammaufstieg Einkaufs- und Restaurationsmöglichkeiten. Hiernach muss eine leider sehr langweilige schnurgerade Asphaltstraße bewältigt werden um den Fuß der Malá Fatra zu erreichen. Sobald man die waldigen, menschenarmen Gebiete erreicht hat, finden sich hier zahlreiche einladende Biwakplätze. Der, den Weg begleitende Bach bietet zusätzlichen Komfort.

Gesamtstrecke: ca. 30km; Höhenmeter: ca.1200m

2. Tag, vom Fuß der Malá Fatra (bei Rajec) bis zum Minčol 

Für den heutigen Tag ist das hier notierte Ziel Minčol lediglich ein Orientierungspunkt. Irgendwo auf dem Kamm wird man letztlich nächtigen, da das komplette Durchwandern der Lúčanská Fatra etwas übertrieben wäre und auch bedacht werden sollte, dass man es vielleicht so einrichten mag, dass am nächsten Tag nur der Abstieg und nicht auch noch der erneute Aufstieg in die Krivanska Fatra anstehen sollte. Es spricht daher nichts gegen ein Plätzchen deutlich vor dem Minčol und einem ausufernd exzessiven Frühstück um den ersten Tag auf dem Kamm gebührend zu feiern.

Speziell die Lúčanská Fatra bietet sich in nahezu jedem Moment als gastfreundlicher Ort für ein gemütliches Zeltlager an.

Doch vor all diesen Genüsslichkeiten steht einer der heftigsten Aufstiege dieser Wanderung. Folgt der grüne Weg anfangs noch dem Bachverlauf und steigt daher eher gemächlich an, ist es damit nach Erreichen des Sattels und des roten Wegs vorbei. Die knapp 400 Höhenmeter, die einem hier auf weiniger als einem Kilometer abverlangt werden, gehen schnurgerade und unerbittlich den Berg hoch. Nicht schön und bei feuchtem Wetter dank des Lehmbodens auch nahezu unmöglich zu erklimmen.  Nachdem man dann jedoch oben auf dem Hnilická Kýčera (1218m) sollte man tief durchatmen, seinen Blick über das Tal schweifen lassen und dich an dem Gefühl erfreuen, dass man den Kamm erreicht hat. Ab hier folgt der Weg dem natürlichen Höhenprofil des Kamms. Dies beinhaltet kleinere Abstiege und Aufstiege, doch prinzipiell ähnelt der Weg einem harmlosen Waldspaziergang mit zwischenzeitlicher prächtiger Aussicht.

Grand Hotel Partyaán

Ein wunderschöner Übernachtungsplatz (insbesondere bei schlechtem Wetter!) ist die Bergwiese Horná Lúka (1299m). Hier steht für jedermann die Schutzhütte Gran Hotel Partyzán zur Verfügung und wenige Meter die Wiese hinab gluckst eine klare Bergquelle aus dem Gras hervor – luxuriöser kann man es kaum haben! Derlei dem Gemeinwohl bereitgestellte Hütten heißen hierzulande útulňa und sind ein wahrer Segen für jeden der die Einsamkeit der Berge dem Gerangel überfüllter Chatas vorzieht. Doch natürlich kann man auch weiterlaufen. Der weitere Weg nähert sich dann langsam den höchsten Erhebungen dieses Gebirgsteils. Auf dem namensspendenden, höchste Berg Velká Lúka (1476m) befindet man sich schneller und müheloser als man vermuten würde. Hiernach sieht man rechterhand zahlreiche Lifts und diverse, dem Wintersport gewidmete Berghütten. Wenn man Glück hat, kann man hier klopfen und bekommt zu rechten Zeit ein kühles Getränk gereicht. Danach wird der Weg wieder deutlich waldiger und nach der letzten Aussicht, dem mit jeder Menge alter Partisanengeschütze bespicktem Minčol, geht es dann endgültig hinab in die Klamm. All die kostbaren Höhenmeter müssen hier wohl oder übel abgetreten werden.

Stumme Zeugen für Lärm und Zerstörung – der südliche Gebirgsteil ist ein einziges Freilichtmuseum.

Gesamtstrecke: ca. 25km; Höhenmeter: ca. 1200m

3. Tag, vom Minčol bis zur Chata pod Suchým

Auch für diese Etappe ist etwas Vorerklärung nötig. Ich für meinen Teil versuche es zu vermeiden an einem Tag solch einen gewaltigen Abstieg UND Aufstieg zu absolvieren. Die Wiesen hinter Strečno  bieten sich dabei auch noch mehr als an um hier zu nächtigen. Da jede Wanderung ihre eigene Dynamik und ihren eigenen Zeitplan entwickelt, sind die Etappen hier eher als grobe Einheiten zu verstehen, die auftauchenden Empfehlungen für Übernachtungsplätze dagegen sollte man schon eher als relevante Markierungspunkte für die eigene Planung in Betracht ziehen.

Doch gehen wir diese Etappe einmal ab: Der Abstieg hat es wirklich in sich. Strečno liegt auf unfassbaren 360 m.ü.M. und do heißt es mal locker 1000 Höhenmeter zu verlieren. Dafür ist der Empfang im Dorf überaus nett gestaltet. Direkt am Dorfeingang, unmittelbar am roten Wanderweg ist eine schnucklige Kneipe in den Fels gehauen. Hier gibt es nicht nur Bier sondern auch einfache Hausmannskost. Sodann führt der Weg über eine schmale Fußgängerbrücke über die Váh um dann sehr bald das Dorf schon wieder zu verlassen. Die saftigen Wiesen, welche sich hier unter der malerischen Burg, die über dem Durchbruch thront, ausbreiten, kann ich wärmstens für ein Nachtlager empfehlen. Im Dorf können natürlich auch ggf. die Proviantbestände aufgefüllt werden.

Ab hier beginnt auch die zweite Variante Das Beste vom Besten: Strečno bis Zázrivá”. Wählt man diese Route so sollte man von Žilina die zwei Stationen bis Nezbudská Lúčka/Strečno (11min) fahren. Achtung, die Bummelzüge die hier halten, sind einzig jene der Kategorie OS. Ihr Ziel lautet entweder Poprad oder Košice, außerdem sollte man nach dem Einsteigen eigentlich schon recht bald aufmerksam am Ausgang stehen, denn die gewünschte Station ist kurz und leicht zu übersehen. Nichtsdestotrotz gibt es selbst an einem solch verlassenen Zwischenhalt direkt eine nette, freundliche Kneipe. Hier kann man sich entspannt auf den drohenden Aufstieg vorbereiten.

Da lugt sie schüchtern hervor, dieser zuverlässige Garant für Bier, Obdach und eine warme Mahlzeit.

Um das heutige Etappenziel, die Chata zu erreichen, gibt es drei Möglichkeiten: die klassische Variante, der rote Weg, führt an der verlassenen Burg vorbei und hat einen recht kontinuierlichen, berechenbaren Steigungsgrad, der blaue Weg führt an der Burg vorbei und nimmt einen streckenweise hysterischen Anstiegscharakter an und zu guterletzt sei auch die vom blauen Weg links abgehende Straße zu empfehlen. Dies ist die kürzeste aber eben auch unspektakulärste Variante um den ersten Schub der erforderlichen Höhenmeter zu erreichen. Die Chata pod Suchým gehört zu einer der schönsten Chatas, die ich persönlich kennengelernt habe. Hier gibt es wohlige Entspannung in gelassener Bergatmosphäre zu fairen Preisen mit netten Leuten. Wirklich überlaufen ist diese Chata, am Wahrnehmungsrand des erlebnisorientierten  Tourismus gelegen,  auch nur äußerst selten.

Gesamtstrecke: ca. 18km, Höhenmeter: ca. 1000m runter, 700m hoch

4. Tag, von der Chata pod Suchým bis zu Chata pod Chelbom

Mit dieser Etappe öffnet die Fatra langsam die Schatzschatulle in der sie ihre Kronjuwelen verwahrt hat. Ich kann jeden verstehen, der sich nur dieses Sahnehäubchen aussucht und den waldigen Teil der Fatra links liegen lässt. Daher sind die Etappen hier auch großzügiger angelegt, da ich dazu auffordere diesem Kamm, so man gutes Wetter hat, mit ausgiebigen Pausen zu genießen.

Kurz hinter dem Suchý erstrecken sich für die nächste Zeit traumhafte Bergwiesen mit freiem Blick in beide Täler und auf beide Tatras. Zentral im Bild der kleine Krivan.

Die Chata befindet sich auf 1075 m.ü.M. und da wir auf dieser Etappe über die höchsten Punkte der Fatra wandern, steht uns also noch einiges bevor. Die Chata ist dennoch ein idealer Ausgangsort für den Tag, da man einen großen Teil des Aufstiegs schon hinter sich hat und somit ohne allzu viel Anstrengung den Kammweg genießen kann. Nachdem man den Namensparton der Chata, den Suchý (1468m) erklommen hat, ist das Gröbste erledigt.  Nach einigen leichten Klettereien über den anfangs sehr felsigen Kamm wird man mit sanften Anstiegen über Malý Kriváň (1671m) und Pekelnik (1609m) – der Velký Kriváň (1709m) ist fakultativ da es ein Gipfelabstecher vomn roten Weg aus ist – zu einer Liftstation am Snilovské sedlo (1524m) geleitet (bis 17 Uhr gibt es hier gastronomisch was zu holen!) .

Rein gar nichts spricht natürlich gegen das Auslassen der beschriebenen Chatas. Ein Bett unter freien Himmel findet sich immer. Blick von der Krivanska Fatra auf Žilina.

Von hier aus ist es über den grünen Weg nur noch ein Katzensprung bis zur Chata pod Chlebom, wo man für einen symbolischen Euro problemlos davor zelten darf. Diese Chata ist aufgrund der Liftnähe und weil sie im Epizentrum der touristischen Höhepunkte liegt, gerne sehr voll bis ausgebucht.

Gesamtstrecke: 12km, Höhenmeter: knapp 1000m

5. Tag, von der Chata pod Chlebom bis zum Sedlo Medziholie

Die Kürze dieser Etappe mag den einen oder anderen stutzen lassen, doch hier spricht der Kammgourmet aus mir und es gibt sehr gute Gründe für meine Empfehlung. Der entscheidende Punkt neben dem Rat nach drei harten Wandertagen immer etwas Ruhe einkehren zu lassen ist die Wiese auf dem Sedlo Medziholie. Diese Bergwiese gehört zu den idyllischsten und inspirierendsten Orten die ich auf all meinen Reisen je erleben durfte.

Zwischen zerklüfteten Backenzahn und gelassenen weiblichen Formen – eine der schönsten Wiesen der Welt!

Zwischen Bergen die gegensätzlicher nicht sein könnten, dem karstigen, zackigen Veľký Rozsutec (1610m) und dem samtenen, weichen Buckel namens Stoh (1608m) befindet sich eine der schönsten Bergwiesen, die ich kenne. Eigentlich ist schon allein diese Wiese Grund genug um sich in die Malá Fatra aufzumachen. Da dieser Sattel auch schon wieder jenseits der touristisch relevanten Gipfelregion ist, kann man hier die Stille der Bergeexzessiv genießen. Medzieholie (1185m) verfügt neben zahlreichen exklusiven Terassenwiesen auch über eine eigene Quelle, so dass dem ausschweifenden Genuss des Draussenseins keine Grenzen gesetzt sind. Und im Angesicht des Umstands, dass es nach dieser Wiese nur noch Abstieg und Zivilisation gibt, bleibt man doch gern noch etwas länger.

Gesamtstrecke: 10km; Höhenmeter:  ca. 700m 

6. Tag, Auslaufen von Sedlo Medziholie nach Zázrivá

Natürlich spricht an so einem Ort nichts gegen ein ausführliches Frühstück und ein gepflegt in die Länge gezogenen Aufbruch. Doch irgendwann muss es dann doch losgehen und so stehen zwei Alternativen für den Abstieg im Angebot. Zweifellos ist der Klassiker, der rote Weg nach Zázrivá, wobei absolut nichts dagegen spricht auf den letzten großen Aufstieg des Veľký Rozsutec hierbei zu verzichten und mithilfe des blauen Wegs den Berg zu umgehen. Mit großem Rucksack ist die Wegführung des Roten eine eher langwierige Plackerei. Ich rate vielmehr dazu, nachdem das Lager in Medzieholie aufgeschlagen ist, diesen Berg wie auch den Stoh, also beide Pole dieses kleinen Bergplaneten, ohne Gepäck nacheinander zu erklimmen. Ein gelungener Abschluss einer wundervollen Woche in den Bergen.

Über den Wolken… ist so so manches mehr als die Freiheit grenzenlos.

Für den Abstieg empfehle ich also entweder hier den blauen Weg zu nehmen, welcher sich dann mit dem Roten am sedlo Medzirozsutce wieder vereinigt um dann nach einem kleinen Aufstieg abrupt hinunter  zu fallen und erst in dem verschlafenen Zázrivá endet. Man kann aber auch den blauen Weg in die andere Richtung nehmen und über den auslaufenden Kamm gen Párnica laufen. Der unschlagbare Vorteil hierbei wäre, dass Párnica an die Eisenbahn angeschlossen ist, während man von Zázrivá erstmal mit dem Bus vorlieb nehmen muss. Ansonsten gleichen sich die Strecken von Länge und Anspruch relativ. Die Route nach Zázrivá kann allenfalls für sich in Anspruch nehmen, etwas reizvollere Ausblicke zu bieten. Über ausgezeichnete Schlafplätze auf den Feldern am Dorfrand verfügen beide Alternativen.

Gesamtstrecke: ca. 20 km; Höhenmeter: etwa 700m

Mögliche Anschlusswanderungen: Der besagte ruhmreiche E3 aka EB kommt hier auf ziemlich bedenkliche Abwege in dem er uns durch jede Menge unspekatkuläre Forstgebiete hin zum Stausee von Trstená führt um dann hinter Zakopane quasi die Vorberge des Vorgebirges der Hohen Tatra zu queren. Nein, so sehr ich vom Goldstandard des EBs überzeugt bin, hier zeigt die Wegführung eindeutig Schwächen auf. Solltest du also nicht zu den schätzenswerten Verrückten gehören, die sich vorgenommen haben, einmal den gesamten Weg von Eisenach nach Budapest zu wandern, rate ich von dieser Anschlusswanderung ernsthaft ab.

Dagegen bieten sich zwei Leckerbissen in direkter Nähe eher an. Gefällt einem das bisher Erlebte und will man das Niveau nicht ansteigen lassen, käme zweifellos der große Bruder, die Veľká Fatra in die nähere Auswahl. Ähnlich wie die Malá Fatra handelt es sich bei diesem, südlich gelegenen Mittelgebirge um eine mit reichlich Wald, Bergwiesen und Felsen ausgestattete Schönheit. Auch hier gibt es einen wunderschönen Kammweg den man gemächlich laufend in 3-4 Tagen absolvieren könnte. Für den Anschluss muss man nicht einmal in einen Zug steigen. Von Párnica kommt man innerhalb weniger Stunden über Stankovany und Korbelka auf den roten Weg, der einen ohne viele Umstände auf den Kamm der Großen Fatra führt.

Westtatra – für den kleinen Niveauanstieg danach.

Die andere Alternative wäre die Westtatra (Západné Tatry). Diese alpine Ouvertüre von dem was dann später in der Hohen Tatra kulminiert, stellt den Wanderer aber schon vor größere Herausforderungen. Hier gibt es beispielsweise keinen durchgehenden Hauptkamm, die Anstiege sind deutlich höher und das Niveau der der Wanderwege steigt enorm. Außerdem ist hier das Wetter sehr unbeständig und wirklich nur in den Sommermonaten überhaupt denkbar. Wer sich von alldem nicht abschrecken lassen will, dem sei empfohlen im Tal angekommen eine Verbindung nach Zuberec oder Huty (beides nur mit Bus zu machen) zu ermitteln. Dies sind jeweils aus meiner Sicht die besten Einstiegspunkte für eine Wanderung in die Westtatra.

 

Weiterführende und hilfreiche Links:

Hütten auf dem Kammweg

 

 

 

Ratgeber: Wildzelten leicht gemacht

Nachdem ich immer mal wieder, wenn ich spaßeshalber diesbezüglich im Netz recherchierte, derartigen Unsinn und hanebüchene Ratschläge lesen durfte, fühle ich mich bemüßigt, zu diesem Thema ein umfassendes Kompendium für Ein- und Aussteiger zu verfassen. Ich kann hierbei auf ein Vierteljahrhundert Erfahrung in einem guten Dutzend Länder zurückgreifen und sehe mich daher als hinreichend kompetent.

  1. Wildzelten – will ich das überhaupt?

Gehörst du der Pauschalreisefraktion an? Sind geordnete Verhältnisse wie du sie zu Hause hast für dich elementar? Bist du ein extremer Insektenphobiker? Ist Einsamkeit und Dunkelheit für dich ein Graus? Wenn du eine dieser Fragen mit Ja beantworten kannst, solltest du die Finger von den Heringen lassen und weiterhin deinen gewohnten Übernachtungsmethoden im Urlaub vertrauen.

Bist du dagegen auf der Flucht vor dem Trubel der Großstadt und ist Erholung für dich auch der Abstand zu Menschen sowie ihren Regeln, Konventionen und anderen Zumutungen. Sehnst du dich zudem nach weitgehend uneingehegter Natur oder bist du tendenziell knapp bei Kasse, dann könnte das Wildzelten etwas für dich sein.

Unvergleichliche Momente – ein Zelt im Himmel – kein Hotelbett kann es hiermit aufnehmen.

2. Warum Wildzelten?

Nun könnte man durchaus einwenden, dass es doch in den meisten Ländern ausreichend offizielle Zeltplätze gäbe und somit doch keine dringende Notwendigkeit dafür bestehe, außerhalb der zugelassenen Räume sein Zelt aufzuschlagen. Aus meiner Sicht sprechen einige Gründe gegen diese Annahme. Zum einen schränkt die Begrenzung auf offizielle Zeltplätze eine “wirkliche” Naturreise zu sehr ein. Wandert man beispielsweise auf einem Bergkamm, stellt es eine gewaltige Zumutung dar derart viele Höhenmeter und Bergromantik zu verlieren, nur um innerhalb der verordneten Parameter des regulären Tourismus zu bleiben. Prinzipiell wären viele Passwanderungen gar nicht durchführbar wenn man nicht eine Zeltübernachtung in Eigenregie einkalkulieren würde. Zum anderen ziehen mich die meisten Zeltplätze auch nicht über die Maßen an. Duschmarken, Nachtruhe und die frisch rasierten Rabatten der Dauercamper sind einfach nicht jedermanns Sache. Sicherlich gibt es hier auch lobenswerte Ausnahmen, ich durfte etliche entspannte Naturzeltplätze erleben und zwischendurch nehme ich, sollte es sich so ergeben, auch gerne mal einen offiziellen Zeltplatz mit, doch ich verstehe diese eben als Angebote und nicht als bindende Pflichtveranstaltungen. Der überwältigendste Grund ist jedoch das Erlebnis an sich. Der unbezahlbare Genuss eines Sonnenuntergangs in den Bergen, das stille nächtliche Bad im anliegenden Gewässer, die unfassbare Stille der zur Ruhe gekommenen Natur und die unfassbare Unendlichkeit des, von Campingleuchten oder anderen Zivilisationsstörquellen unbefleckten Sternenhimmel – ich liebe es!

3. Ist das nicht verboten?

Ja, nun, in der Tat ist das der Pferdefuß. Die Rechtslage ist zwar weit davon entfernt einheitlich zu sein. Nicht nur, dass es diesbezüglich in jedem Land natürlich eigene Regeln gibt, selbst in Deutschland differiert das Reglement von Bundesland zu Bundesland. Zu dieser Frage kann man sich in besagten Internet erschöpfend informieren. Das Thema Schuld und Sühne scheint dann auch der Aufreger zu sein, der das Volk beschäftigt. Dabei ist dies in meinen Augen gar nicht die große Sache. Einerseits sind die jeweiligen Strafen, wenn überhaupt, eher zu vernachlässigen, und andererseits geht es ja auch darum nicht erwischt zu werden. Ich zumindest hatte dieses Missvergnügen ganze drei Mal und es war zwar unschön aber verschmerzbar.

Ohne Worte – ohne Erlaubnis

4. Was brauche ich zum Wildzelten?

Es versteht sich eigentlich von selbst, aber ein Zelt sollte im Inventar vorhanden sein. Ich empfehle kleine (maximal 3-Personen) Zelte in Naturfarben. Hauszelte oder schreiend bunte Festivaliglus sollten eher vermieden werden. Außerdem wäre es auch hilfreich wenn man sich mit seinem Zelt auskennt, sprich es in Windeseile auf- und abbauen kann. Desweiteren sollte eine Taschen- oder Stirnlampe zur Ausrüstung gehören. Einen Schlafsack, Isomatte – fertig. Das restliche Equipment gleicht dem einer stinknormalen Tageswanderung. Außer dem Proviant vielleicht, der sollte natürlich der längeren Verbleibedauer in der Natur angepasst sein.

5. Wie finde ich die perfekte Stelle?

Kommen wir also nun zum Kern des Pudels. Zugegeben, um das wirklich ideale Plätzchen zu finden gehört natürlich immer eine Portion Glück. Es sei denn man kann auf Erfahrungen zurückgreifen und weiß schon im Vorfeld wo man zu schlafen gedenkt. Im Regelfall ist man aber zum ersten Mal in der Gegend und schaut sich zum Abend hin gezielt um. Ein kleiner Check des Kartenmaterials kann natürlich auch helfen um das Suchraster einzuschränken. Doch zunächst geht es in vorderster Linie erst einmal darum einen Platz zu finden, auf dem man unentdeckt bleibt.

So lächerlich es klingen mag, aber sobald man mehr als tausend Meter von einer mit Auto befahrbaren Straße entfernt ist, verringert sich die Wahrscheinlichkeit von Abenddämmerung bis Sonnenaufgang auf Menschen zu treffen um solide 95%! Das gilt ebenso für dichtbevölkerte und zersiedelte Länder wie Deutschland oder Holland wie natürlich sowieso für eher menschenärmere Staaten wie die Slowakei oder Irland. Doch um eben jene zerstreuten Frühaufsteher nicht zu irritieren empfiehlt es sich ebenfalls Abstand von jenem Weg zu suchen über den man gekommen ist. Sichtschutz ist hier das Stichwort. Ein grünes , kleines Zelt hundert Meter entfernt von einem Wanderweg ist, so man sich in einer waldigen Region befindet, nur sehr schwer auszumachen. Schließlich sollte die einzige Sorge das Luxusproblem sein, dass ein paar Meter weiter wahrscheinlich ein noch idyllischeres Plätzchen gewartet hätte. Hiergegen lässt sich aber schlechterdings nichts unternehmen außer entspannter Gelassenheit und das Wissen, dass das Streben nach Perfektion ein müßiges Unterfangen sei.

Bei Wandern mit Hunden sollte man früh genug darauf achten, den Hund so zu erziehen, dass er nicht bei jedem Bäumerascheln ausflippt. Im Regelfall kann man hier mit ausreichend Erlebnissen der Angst und den daraus folgenden Bellattacken entgegenwirken.

In einigen Fällen kann man auch in die Luxussituation geraten, dass die jeweilige Naturverwaltung an gewissen Stellen das Wildzelten quasi gestattet (oder duldet) und mit einigen sinnvollen Accessoires ausstattet. So findet sich hier zumeist ein Mülleimer, eine Trinkwasserquelle, Bänke, Tische und manchmal sogar eine abgesicherte Feuerstelle oder Schutzhütte. Zu erkennen sind derlei Stellen schnell an den Zeichen der Nutzung durch andere Wanderer. Speziell im osteuropäischen Raum sind derlei Plätze keine Seltenheit, aber auch in Skandinavien findet sich Vergleichbares. Sollte man in den Vorratsschränken der Hütte etwas finden und benutzen, so gehört es zum guten Pfadfinderton, es durch etwas Adäquates zu ersetzen.

Ob zu Fuß, mit Rad oder Paddelboot – auf diese Weisen kann man sich den gewünschten Traumplätzchen am besten nähern.

In manchen Fällen kann es auch eine Überlegung wert sein, Schutzhütten oder Rastplätze zum Wildzelten zu nutzen auch wenn diese ganz klar nur als Regenunterstand oder Picknickstellen konzipiert sind. Der überwältigende Anteil derer, die in und für die Natur arbeiten, weiß das Bestreben zu schätzen, wenn man schon außerhalb der Norm nächtigt, so doch zumindest innerhalb vorbereiteten Menschenareale. In der warmen Jahreszeit spricht auch wenig dagegen hier ohne Zelt zu übernachten, denn gegen solch ein Treiben ist selbst der pedantischste Gesetzeswächter machtlos. Denn dies ist, soweit ich weiß, in den meisten europäischen Staaten legal.

6. Was sollte ich noch bedenken? 

Alles zuvor Gesagte hat nur seine Gültigkeit solange man, dem gesunden Menschenverstand folgend, sich draußen normal verhält. Folgende Dinge seien hierbei gesondert hervorgehoben: offenes Feuer! Wenn das nächtliche Zelten gemeinhin als Bagatelldelikt mit “Mach-nur-dass-du-wegkommst”-Zeigefinger gehandhabt wird, so kann es beim Tatbestand des Feuermachens ganz schnell ungemütlich werden, sollte man in Berührung mir irgendwelchen Autoritätspersonen geraten. Daher sollte man einerseits jedes Mal genau überlegen ob die Stelle ausreichend abgeschieden ist um ein Feuerchen zu wagen und andererseits hinsichtlich Brandschutz die eigenen Fähigkeiten und äußeren Gegebenheiten genauestens abklopfen.

Das offene Feuer ist ein edler Luxus und rundet das Erlebnis erst richt ab, wil laber in jedem Falle wohl bedacht sein.

Vorsicht und Respekt sollte man generell Naturschutzgebieten zollen. Selbstverständlich gibt es auch hier regionale Abweichungen, dennoch, wenn man in einen Nationalpark hinein schreitet, sollte man entweder noch einen Zacken vorsichtiger sein oder es irgendwie so organisieren, dass man das Nächtigen hier vermeidet. (Nebenbei bemerkt: In meiner Erfahrung finden sich etliche Erinnerungen, in denen sich die Wiesen vor Nationalparkeingängen als ganz annehmbare Schlafplätze offenbarten.)

Immer wieder werde ich darauf angesprochen wie es denn mit wilden Tieren da draußen aussähe. Nun, gesprochen für Europa möchte ich, ohne es unnötig kleinzureden, die von wilden Tieren ausgehende Gefahren eher als irrelevant abtun. Die wenigen Tiere die eine Gefahr sein könnten, gehen uns in aller Regel aus gutem Grund aus dem Weg. Sollte man Bären oder, viel gefährlicher in meinen Augen, Wildschweinen begegnen, sollte man ruhig und respektvoll reagieren. Lebensmittelreste sollten nicht quer ums Zelt verteilt werden und eventuelle Hunde an die kurze Leine genommen werden. Abgesehen davon sind Zecken und Mücken mit Sicherheit die größere tierische Sorge als jede säugetierbasierte Angst.

Und ganz allgemein sollte das Wildzelten im wesentlichen so ablaufen als ob ihr nie da gewesen seid. Sprich: seid still, nehmt euren Müll weg, beseitigt eventuelle Lagerfeuerreste und, vor allem, brecht möglichst früh das Zelt ab. Ich spreche hier nicht von Sonnenaufgangsexzessen, schließlich ist das ja immer noch Urlaub, aber je früher desto besser. Es spricht nichts gegen ein ausgedehntes Frühstück, etwas Lektüre in der zarten Morgensonne oder ein wenig Yoga, doch bitte, baut zuerst das Zelt ab. Kein tentus delictus, kein Problem.

Fazit

Wenn du draußen, fernab der Eurocamping-Wüsten und Hotelburgen, schlafen möchtest. Wenn du mitten in Europa wirklich auf Distanz zur Zivilisation gehen willst, so ist dies vielleicht leichter als du denkst. Auch wenn sich der Mensch in beängstigenden Ausmaß vervielfältigt und ausbreitet, so zieht er es verwirrenderweise vor, gerade jene Orte zu besuchen, die schon übervoll aus allen Nähten platzten. Deshalb wird es auch in Zukunft, trotz explodierender Städte die Leere des Oderbruchs und die Stille der Bieszczady geben. Mit den wenigen Tipps, die ich hier aufgeschrieben habe, ein wenig Intuition und ein paar selbst gesammelter Erfahrungen sollte es dir ein Leichtes sein, stressfrei und mühelos dein Plätzchen unterm Sternenzelt zu finden.

 

 

Geschrieben vonKassel, Hesse, Germany.

Die große Podcast-Revue 2017

Ich höre Podcasts nicht erst seit sie mal wieder, wie dieses Jahr, von einer Hype-Welle nach oben gespült wurden. Schon seit geraumer Zeit gehören sie zu meinem festen Informationsinventar. Ja, ich muss sogar gestehen, dass sie über die Zeit zu meiner Hauptinformations und -amüsemangquelle geworden sind. Es ist also an der Zeit, etwas zurückzugeben und die Werbetrommel zu rühren für diese üppig sprießende Nischenkultur aus Wissen, Unterhaltung und Gemeinschaftssinn, welche da seit Jahren friedlich und ohne viel TamTam vor sich hin gedeiht.

Auf die Idee einer kleinen Podcast-Revue kam ich als ich die Statistikoption in der Podcast-App meiner Wahl “Podcast Addict” entdeckte.  Damit hätten wir auch schon einen bedeutenden Aspekt der Podcasterei angesprochen. Die falsche App kann hier zu viel Unmut und Einsteigerfrust führen. “Podcast Addict” hat aus meiner Sicht, nach dem ich zuvor einige Missgeburten probiert hatte, außer einem reichlich peinlichen Titel kaum Makel vorzuweisen und wird ständig mit Updates sowie sinnvollen Funktionen ergänzt.

Kommen wir also zunächst zur allgemeinen Übersicht: Heute am 20.12. sind grundsolide 16 Tage und 23 Stunden mit dem Genuss von Podcasts vergangen. Eine stattliche Zahl fürwahr. Ein weiterer Grund diesen offensichtlichen Schwerpunkt in meinem Leben mal etwas gesondert zu betrachten. Welches Medium kann aktuell mithalten? Lesen, Serien, Gespräche? Für einen diesbezüglichen Abgleich fehlen mir leider die Daten. 68 Podcasts habe ich gegenwärtig abonniert, 10 von diesen haben sich aber seit bedenklich langer Zeit nicht mehr gemeldet.

Diese Übersicht ist ähnlich wie die nach einzelnen Podcasts erstellte Liste etwas verfälscht. Wenn hier beispielsweise die “Freakshow” mit einer Gesamthördauer von einem Tag und 16 Stunden auftaucht, dann liegt das nur zum Teil an den berüchtigten Folgenlängen mit denen die Herren und Damen Nerds hier aufzuwarten wissen. So sehr mir alle Protagonisten dieser entspannten Plauderrunde über Technik, Gesellschaft und das Leben allgemein ans Herz gewachsen ist, speziell wenn der Podcast seinem früheren Namen “Moblie Macs” alle Ehre macht und sich jene sympathischen Brüder im Geiste zu veräppelten fashion victims wandeln, bin ich stets froh um die Errungenschaft der Kapitelmarken, welche mir ohne viel Mühe ermöglichen, derlei erkenntnisarmes Geschwätz zu überspringen. Gefühlt liegt die “Freakshow” also locker bei der Hälfte der Hördauer, was sie aber immer noch auf einem der vorderen Plätze landen lässt. Und warum auch nicht?! Zwischen den erwähnten Durststrecken werden hier interessante Themen entspannt besprochen, in den Kommentaren sammelt sich ein auserlesenes Auskennervolk, welches mir schon mehr als einmal mit Tipps das Leben versüßt hat, die ich sonst wer-weiß-wie entdeckt hätte.

Desweiteren finden sich, wie mich nicht weiter verwundert, zwei Podcasts aus dem Graubereich des Comedy auf den nachfolgenden Plätzen. Beide gehören nicht zu jener autonomen Nische von idealistischen Sendern, die ohne größere Werbung oder Plattform aus sich heraus ihre Hörer gefunden haben. Ich habe damit weniger ein Problem. Schlussendlich entscheidet Qualität und wenn Öffentliche-Rechtliche oder private Streamingplattformen das Medium Podcast zu entern glauben müssen, so werden sie nach meinem Dafürhalten hier nur scheitern wenn sie sich nicht anpassen, quasi auch ihre Nische finden. So gesehen könnten also alle Beteiligten gewinnen. Bei“radioZwei” handelt es sich um eine wöchentliche Produktion von radio1, die ich nur wärmstens weiterempfehlen kann. Wenigen gelingt es mich in deutscher Sprache in derart zuverlässiger Weise zum Lachen zu bringen. Mit “Fest&Flauschig” aka “Sanft&Sorgfältig” hadere ich dagegen deutlich mehr. Abgesehen davon, dass ich den arroganten Gymnasiastenhumor Böhmermanns bisweilen wenig abgewinnen kann. Sowas kann ich im Zweifel auch selbst liefern. Vielmehr kommen mir die Folgen der letzten Monate ein wenig selbstgefällig und uninspiriert vor. Aber man hört sie natürlich weiter, die Große Dame der deutschen Podcastszene. Keine Frage!

Auf den weiteren Plätzen folgen dann auch jene Podcasts die durch regelmäßige Produktionen glänzen. Natürlich möchte ich die wöchentliche Einschätzung der Gegenwart durch die “Lage der Nation” nicht mehr missen. Genauso wenig habe ich die Quatschrunden von “Herrengedeck” und “Gästeliste Geisterbahn” als freundliche Stimmungsaufheller für mich entdeckt. Auch das neu gestartete Podcastlabel “ViertausendHertz” sei hier lobend erwähnt. Nicht alles aus diesem Hause trifft meine ungeteilte Vorliebe, doch der Großteil der Produktionen hat zumindest meine Podcastlandschaft enorm bereichert.

Meine absoluten Lieblingspodcasts finden sich jedoch aus besagten Gründen nicht auf den oberen Plätzen. Noch am besten abgeschnitten hat dabei “Zeitsprung”. Dieser Podcast gehört definitiv in die Kategorie: “Wie konnte ich nur so lange ohne leben?!” Woche für Woche erzählen die beiden Moderatoren hier eine Geschichte aus der Geschichte und lassen mich stets angetan und inspiriert zurück. Der “Zündfunk – Generator”, erneut ein Geschöpf der Öffentlich-Rechtlichen, sogar aus Bayern, von BR2, erreicht mich definitiv nicht mit jeder Ausgabe, aber mit solider Zuverlässigkeit werden hier Themen in einer Qualität besprochen wie man sie anderswo händeringend sucht und gegenwärtig häufiger nötig wäre. “Neues vom Ballabala-Balkan” spiegelt vielleicht zum Teil meine neu erwachte Leidenschaft für Jugoslawien wieder und mag daher nicht jeden unbedingt ansprechen, doch die beiden Herren verstehen es abseits des jeweiligen Themas durch Eloquenz und abseitigen Humor zu bezaubern, dass man auch ohne viel Sachkenntnis und Interesse seine Freude haben kann. Außerdem wäre noch der jüngste Neueinsteiger in meine Charts “the end – der podcast auf Leben und Tod” zu erwähnen. Hier wird auf gelassene wie versierte Art mit verschiedenen Persönlichkeiten über das Thema Tod gesprochen. Mein Genuss an diesen Gesprächen erklärt sich mit Sicherheit nicht allein durch die gegenwärtige graue Saison – Klima, Inhalt und Intention der Gespräche werden mir zweifellos auch im Mai munden.

Zu guter letzt seien selbstverständlich noch die unterschiedlichen Formate aus der Metaebene lobend erwähnt. Der Grandmaster of Podcast, Tim Pritlove versteht es auf den unterschiedlichsten Kanälen meine Neugier zu wecken und schafft es mit seiner sachlichen und intelligenten Art, das Maximum aus diesem viel versprechenden Medium namens Podcast herauszuholen. Doch genug der Vorrede, hier kommt sie meine persönliche Liste der besten Podcasts, die ich in diesem Jahr die Freude hatte, hören zu dürfen.

Da es mir unmöglich erscheint, den besten Podcast zu küren, folge ich der Einfachheit halber der chronlogischen Abfolge.

Ein wichtiger und kundiger Einblick in das Wirken von Menschen, die aktiv gegen das tägliche Sterben an unseren Wohlstandsgrenzen vorgehen. Bemerkenswert und interessant. Ein großartiger Start ins neue Podcastjahr.

Unter der Flagge 1337@leetkultur erörtert Maha gerne in aller Ausführlichkeit und mit jeder Menge Charme ein spezielles Thema. Als es um Hunde ging, war ich naturgemäß sehr gespannt und hinterher umso begeisterter, was ich über meine geschätzten Kulturfolger noch alles Neues erfahren durfte.

Beim “Zündfunk – Generator” ist es eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, die beste Folge eines Jahres zu finden. Ganze fünf Ausgaben finden sich dieses Jahr auf meiner Favoritenliste. Das ruhige und tiefschürfende Nachdenken über das Phänomen Heimat möchte ich aber dennoch gesondert hervorheben.

Auch “Forschergeist” eines der zahlreichen Hörangebote aus der Metaebene macht es einem nicht gerade einfach in der Auswahl der besten Folge. Für mich war es nach langem Abwägen dann aber doch die Martin-Luther-Folge, da ich angesichts all der geschichtsverkleisternden Lobhudelei im Lutherjahr dieses Gespräch einfach nur erfrischend und erhellend fand.

Auch wenn die Herren gewaltig geliefert haben und speziell mit der Tito-Doppelfolge Herausragendes geleistet haben, die größte Freude empfand ich doch beim Genuss dieses Gespräch-Feuerwerks zum Thema jugoslawischer Fußball.

Zugegeben, die Auswahl der Skanderbeg-Folge ist aus rein persönlichen Gründen erfolgt. Zu abgefahren fand ich damals den Umstand, dass mit meiner Reise nach Albanien die Folge herauskam. Doch wie erwähnt, bei “Zeitsprung” ist das Thema reichlich egal. Man geht immer mit froh erworbenen Mehrwert aus einer Folge heraus. Erwähnenswert sei hier jedoch noch, dass das Thema Albanien mit einer Dreierfolge geehrt wird. So erfuhr der albanische Lotterieaufstand schon seine Würdigung. Das dritte albanische Thema steht noch aus und wird mit Ungeduld erwartet.

 

 

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Serben bringen Glück

Man kennt das, ein legerer Abend, leicht sitzend in vertrauter Runde. Das Gespräch mäandert ziellos durch die glücklichen Weiten ehemals erlebter Streifzüge durch Europa im Auftrag von König Fußball. Lang ist es her, dass zumindest “wir” dank eines Hintertürchens im Reglement mit Union Berlin Finnland und Bulgarien entdecken durften. Doch der andere Teil der Gesprächsrunde kann mitnichten derlei Erinnerungsdelikatessen präsentieren. Man muss eben schon sehr alt sein um die europäischen Höhepunkte des 1.FC Kölns aktiv miterlebt zu haben. Traurige Augen zeigten in die düsteren Abgründe langjähriger Fahrstuhltristesse. Und so hörte ich mir erstaunt zu wie ich lauthals verkündete im Falle des Falles auch die schätzenswerten Kölner Kollegen mit meinem Support zu beehren. Wer konnte denn ahnen, dass jene spätnächtliche Anteilnahme so bald von der Realität abgeprüft würde?

Als dann die Auslosung London, Borissow und Belgrad in den Fokus rückte, war die Entscheidung schnell gefallen. Meine Begeisterung für die diversen Reste des reizvollen Vielvölkerstaats auf der Schokoladenseite des Balkans wurden an dieser Stelle ja bisweilen schon einmal thematisiert und so wurde die Tour nach Belgrad leichterhand organisiert. Heute Abend ist es endlich soweit – schnucklige 1200 Bahnkilometerkilometer warten auf uns.  Ein wahres Reisesahnehäubchen in diesem, von auserlesenen Reisen dicht gesäten Jahr. Ick freu mir!

Lebus – Bacchus – Zielonus Górus

Ein weiteres Mal zuckelte die  Karawane in die Ferne. Das ehrbare Ansinnen, allen Nachbarn einen kleinen Besuch abzustatten, führte dieses Mal zu so etwas wie einem Heimspiel. Schließlich ist der Polonisierungsgrad der üblichen Reisegruppenzusammensetzung doch erheblich über dem Durchschnitt. Andererseits war Zielona Góra für uns relatives Neuland. Die kleine unscheinbare Weinmetropole sollte, so der Plan, uns an einem Wochenende nicht überfordern, sondern uns ein paar gelassene Herbsttage in der Provinz gestatten. Doch wir hatten es wohl ein wenig unterschätzt. Wer hätte das gedacht? Zielona Góra ist mehr als ein Two-Night-Stand!

Ratgeber: Stilvoll stranden in Albanien

Auf dem Gipfel des Berges lebt der Adler und die Fliege lebt am Pferdehintern. (albanisches Sprichwort)

Hinter den verwunschenen Bergen des Balkans liegt ein kleines, unbekanntes Land namens Albanien. Ein Land, bei dessen Nennung der gemeine Mitteleuropäer gewöhnlich achselzuckend ins Leere schaut. Allenfalls erntet man Reaktionen, die etwas mit Mafia, Krieg und Chaos zu tun haben. Man könnte nicht ferner liegen. Eingeklemmt zwischen Griechenland und Jugoslawien prosperiert Albanien schon seit geraumer Zeit still und heimlich vor sich hin. Die nordkoreanisch anmutende Hoxha-Ära scheint in ferner Vergangenheit zu liegen, Chaos und bürgerkriegesähnliche Zustände der Transformationsperiode ebenso.

Sanft umrankt die mediterrane Gegenwart die paranoide Vergangenheit – Albanien freut sich auf dich!

Mittlerweile rekelt sich der touristische Nobody gelassen und bietet selbstbewusst seine mediterranen Qualitäten feil. Schneebedeckte Berge und üppige Vegetation der Täler, historische Stadtkerne, faszinierende Sakralbauten und, nicht zu vergessen, diese fantastische Adriaküste, welche bisweilen so unverbaut und idyllisch daherkommt, dass Strandurlaub wieder seinen Namen verdient. Alles in allem ein Land was unsere Aufmerksamkeit erregte. Daher hier nun in gewohnter Weise ein paar Tipps, die euch helfen sollen, es selbst zu entdecken. Leider wird dieser Ratgeber sich vorerst auf Küste und Städte beschränken, da die Kürze des Aufenthalts einen Ausflug in die Berge verhinderte. Dabei sollte der Ausblick auf Highlights wie die legendäre Koman-Fähre oder den Peak-of-the-Balkans-Trail in jedem Bergliebhaber extremstes Lechzen auslösen.

Andere Wissensquellen

Wie so oft schon zuvor beobachtet, Reiseziele die nicht jedem etwas sagen, verfügen naturgemäß auch über einen mangelhafte Informationsgrundlage. Zwar gibt es Reiseführer zu Albanien, doch jeder hat eklatante Nachteile und meist nur geringfügige Vorteile. Der Reise Know-How-Führer mag den Anfang machen und prinzipiell ist an ihm auf den ersten Blick wenig auszusetzen, doch strotzt er bei genauerer Prüfung vor Ungenauigkeit und strukturellen Schwächen. Vielleicht, so möchte man verteidigend einwenden, sind derlei Schwächen bei einem Land im Wandel wie Albanien unvermeidlich. Das Gegenteil beweist jedoch der pocket-guide von Martina Kaspar und Günther Holzmann. Das seit einigen Jahren in Albanien lebende Paar liefert ein durchaus beeindruckendes Büchlein ab, prall gefüllt mit Informationen und Tipps, die nicht aus der 0815-Schublade gezogen scheinen. Einzig Layout und Format ließen mich innerlich gefrieren und meinen eigenen Anspruch verfluchend, reißaus nehmen. Als dritte Alternative muss hier noch der Reiseführer des sonst sehr geschätzten Trescher-Verlags erwähnt werden. Hier ist man am Klassenziel eines Reiseführers deutlich vorbeigeschlittert. Wer nach einer leidlich gut erzählten Landeskunde sucht, könnte damit gut bedient sein. Relevante Informationen, Tipps und konkrete Empfehlungen finden sich hier eher weniger und zudem schlecht findbar.

An- und Einreise

Die Mühen der erfolgreichen Annäherung an Albanien haben sich in den letzten Jahren deutlich verringert. Zwar sind die Spuren der totalen Abschottung an der infrastrukturellen Situation noch zu erkennen. So verfügt das Land lediglich über einen internationalen Flughafen (Tirana) und die Einreise auf dem Landweg ist einzig auf dem Straßenweg zu ermöglichen.

Flughafenbahnhof Podgorica – auch eine reizende Alternative zur legeren Einreise nach Albanien (Quelle)

Internationale Zugverbindungen gibt es bislang nicht. Angeblich gibt es eine Gütertransportstrecke von Podgorica nach Shkodra auf der in Zukunft die Einrichtung von Personenverkehr geplant ist, doch da wollen wir uns mal lieber keine übertriebenen Hoffnungen machen. Die smarteste Art des Enterns der albanischen Hoheitsgebiete ist die Einreise per Schiff. Es bieten sich hier zwei Varianten an: von Korfu nach Saranda oder von Bari nach Durrës.

Herumreisen

Die beste Information sei gleich zu Beginn herausgeschrien: Albanien verfügt weiterhin über eine funktionierende Eisenbahn! Erleichtert konnte ich davon ablassen, das erste kontinentaleuropäische Land auf meine schwarze Liste zu setzen.  Doch es muss gesagt werden, in einem guten Zustand befindet sie sich nicht. Selten, unzuverlässig und marode sind wohl noch die besten Adjektive mit dem der Service der Hekurudha Shqiptare beschrieben werden muss. Auch hier geistern diverse Pläne von Modernisierung und Verbesserung herum und obwohl ich Albanien hier viel zutraue, bleibt eine gewisse Skepsis erhalten. So bleibt der gängige Weg zur Abanienentdeckung der Bus. Natürlich wären auch Mietauto oder Fahrrad adäquate Alternativen, doch hier fehlen eigene Erfahrungen und so kann ich schwerlich Qualitatives dazu beitragen. Leider befindet sich auch das Niveau des busbetriebenen Fernverkehrs auf einem eher betrüblichen Niveau. Informationsaustausch und struktureller Ist-Zustand der bestehenden Busverbindungen sind alles andere als erheiternd. Fahrpläne existieren eher als fakultative Veranstaltung, Preise sind Verhandlungssache und das technische Level der Busflotte befindet sich eindeutig im grenzwertigen Bereich.

So übersichtlich, wie hier beim Busbahnhof Tirana bekommt man es nur selten serviert. Achtung Reisender,, hier geht es nur zu Zilen im Süden Albaniens. Der Busbahnhof für nördliche Ziele findet sich ein paar hundert Meter Richtung Zentrum linkerhand.

Überraschend war der relativ gute Zustand der Straßen. Letztlich kann aber zusammengefasst werden, dass Dank der Freundlichkeit der Menschen auch die Hürde des öffentlichen Fernverkehrs in Kauf genommen werden kann. Dennoch bleibt zu hoffen, dass die aktuelle aufblühende Phase in der albanischen Geschichte dazu genutzt wird, Bahn und Bus gleichermaßen auf ein annehmbares Niveau zu hieven, damit Albanien eines Tages vielleicht nicht trotz sondern sogar wegen seiner Transportwege geschätzt wird.

Übernachten

Wie schon ein paar Mal erwähnt, Albanien hat sich seit meiner letzten Visite vor gut zwanzig Jahren erheblich gemausert. In kleinen unspektakulären Schritten stabilisierte man die Gesellschaft, reduzierte die Korruption auf ein, der Region angemessenes Maß und investierte erklecklich vor sich hin. So avancierte Albanien peu à peu vom Geheimtipp für Hartgesottene zum Adria-Kleinod für Massentourismus scheuende Freunde einer mediterranen Auszeit. Meine Beobachtungen betreffen nun nur die Küste, die größeren Städte und all dies auch nur während der Nebensaison, doch das Gespräch mit den Menschen vor Ort sowie mit anderen Reisenden lassen einen groben Überblick zu. Kurz: Auch wenn man hier die Hauptsaison meiden sollte, so man Entspannung sucht, kann man an Küste wie in den größeren Städten problemlos eine günstige und geschmackvoll eingerichtete Unterkunft finden. Das untere Preissgement pendelt sich irgendwo gelassen zwischen €5-10 pro Nase ein. Die Qualität der Unterkünfte kann sich definitiv mit vergleichbaren Bleiben in den Nachbarländern messen. In den Bergen soll die touristische Infrastruktur noch nicht ganz so zuverlässig sein und noch mehr in den Kinderschuhen stecken.

Sprache

Die hier gesprochene Sprache gehört zweifelsfrei nicht zu den Hauptanziehungskräften eines Albanienausflugs. Ähnlich wie im georgischen Fall handelt es sich auch hier um eine weit abseits von allen “zivilisierten” Sprachen stehendes Konstrukt. Albanisch hat weder mit der slawischen Sprachfamilie etwas gemein (wie der ungeübte Blick angesichts der Nachbarschaftslage wohl meinen könnte) noch gibt es Verwandtschaftsverhältnisse zu romanischen Posse. Selbst die üblichen Verdachtsmomente bei sprachfamiliärem Querulantentum, wie ein Zugehörigkeit zu den Finno-Ugren oder irgendwelche keltischen Wurmfortsätze treffen nicht zu. Die Herkunft des Albanischen ist so rätselhaft wie manches andere in diesem Land. Und so mag dem größten Sprachenthusiasten die Lust vergehen angesichts dieser, losgelösten Sprachinsel, deren Herkunft bis heute selbst Philologen noch nicht klar ist. Wenn man schon kaum Verwandtschaft mit anderen Sprachen sein eigen nennt und der Einsteiger daher komplett von vorn anfangen darf beim Albanisch lernen, dann genießt man zusätzlich voll ausgelassenem Grimm, dass es selbst einfachste Wörter in sich haben. Ich brauchte bspw. erschreckend lang um mir so ein Ungetüm wie “faleminderit” einzuprägen. Dabei handelt es sich hierbei um das wohl wichtigste Wort in jeder neuen Sprache: Danke. Da ist es gut zu wissen, dass man mit Englisch ganz problemlos durchkommt und sogar Deutsch bisweilen zur Anwendung kommt. Die große Anzahl albanischer Gastarbeiter in der Schweiz und Deutschland machen sich hier bemerkbar.

Selbst die wählerischste Katze kann angesichts der Verlockungen der albanischen Küche nur schwerlich widerstehen.

Kulinarik

Eingebettet in den Balkan, aufgefangen durch Griechenland und abgefedert durch die nahe italienische Küste müsste es mit dem Teufel zu gehen, wenn die hiesige Küche nicht in anständigen Maße zu betören wüsste. Angesichts unserer kurzen Inspektion kann auch hier wieder nicht für ganz Albanien gesprochen werden und in Anbetracht unseres küstennahen Aufenthalts genossen wir auch überwiegend die delikaten Produkte des Meeres. Und hier kann ganz klar der Daumen nach oben gereckt werden. Auf einigen anderen Reisen, die mich durch Regionen führten, welche durch Mangel und Abschottung neben vielen anderen, auch die Fähigkeit zum anspruchsvollen und kreativen Kochen verloren gegangen schien, kann dies für Albanien zweifelsohne nicht beobachtet werden.  Die Küche ist abwechslungsreich, frisch und überaus mediterran. Noch viel mehr als in den angrenzenden Küchen wird hier, meines Erachtens weniger nach Rezept sondern aus der Stimmung heraus gekocht, daher lässt sich eine albanische Küche an sich schwer fassen. Außerdem wird die albanische Küche durch die eigene Diaspora noch zusätzlich zerfranst. So unterscheiden sich die albanischen Regionalküchen Westmazedoniens, des Kosovos, Montenegros, der Albaner in Serbien, der Arbëresh (Italien) und der Arvaniten (Griechenland) ähnlich der kruden Dialektvielfalt Albaniens – ein wundervoller Flickenteppich der Genüsse! Und so könnte beispielsweise ein kulinarische Tagestour aussehen:

Guten Morgen! Ich weiß, alles ist Geschmackssache und das Frühstück als Mahlzeit ist zudem dank diverser Existenzabsprechungen in Selbstfindungstrance gefallen, doch wenn man von all dem mal absieht – frischer, eiskalter Dhallë (Ayran) und dazu einen duftenden, warmen Byrek mit einer Füllung die eurer Tagesform entspricht – kann man den Tag besser beginnen? Aber natürlich! In dem man das Ganze noch mit einem Mokka abschließt, der nicht Geringeres auslöst als Urknall und universelle Expansion der eigenen Physis in einem Moment.  Nachdem ausreichend Tag genossen ist, wendet man sich wohlig der Frage nach dem Mittagsmahl zu. Auch wenn es hier zahllose Möglichkeiten gäbe, wählen wir für dieses Beispiel (und um den zauberhaften kulturellen Mischmasch zu demonstrieren) einen gewaltigen Klotz Moussaka. Selbstverständlich begleitet von einem knackigen Salat mit reichlich Schafskäse oben drauf. Zum Abend dann, zumindest in unserem Universum, hinab zur Hafenpinte um sich mit albanisch Roulette bei der Auswahl nie gehörter Fische und Meeresfrüchte vollzuschlagen.

Albanischer Wein – im Gegensatz zu seinem griechischen Pendant hierzulande bisher noch unbesungen. Zu Unrecht, wie ich finde.

Bleibt noch anzumerken, dass auch die mehrtausendjährige Geschichte des Weinanbaus das kurze Strohfeuer des Steinzeitkommunismus recht gut überstanden hat. Wie allerorts behauptet und bewiesen wird, scheint man diesbezüglich über den Weinberg zu sein und die albanische Weinkultur erblüht und trägt Früchte. Auch wenn der Großteil der geernteten Trauben nicht zu Wein verarbeitet wird, sondern entweder direkt gegessen oder zum albanischen Nationalschnaps Raki rrushi oder Konjak wird, bleibt immer noch genug über um mehrerer ausgezeichnete Weine zu produzieren, die den überraschten Gaumen erfreuen.

Schöne Orte (selbst beäugt):

Das Süd-Triumvirat Saranda-Ksamil-Butrint

Im letzten südlichen Zipfel Albaniens, kurz vor der griechischen Grenze (Korfu liegt an der nähesten Stelle weniger als 2 km entfernt in Sichtweite) liegen, wie an einer Perlenschnur aufgereiht drei Höhepunkte auf engstem Raum aneinander. Saranda mag auf den ersten Blick wenig Begeisterung auslösen. Die offenbare Planlosigkeit des Baubooms in dem an sich recht ereignisarmen ehemaligen Fischerdörfchen geben wenig Anlass um hier empfehlend erwähnt zu werden. Wenn man sich vor Augen hält, dass noch 1913 lediglich 110 Menschen diese Bucht besiedelten und man dann die hastig übereinander gestapelten Touristenschubladen der Gegenwart sieht, kommt man doch arg ins Zweifeln.

Ich wiederhole: Vor etwas mehr als einem Jahrhundert lebten hier 110 Menschen

Dennoch ist Saranda in der Nebensaison ein entspannter Ausgangsort um die Küste Südalbaniens zu entdecken. Als empfehlenswerter Ausflug wäre zum Beispiel Ksamil und Butrint zu nennen. Bei Ksamil handelt es sich um einen kleinen Badeort. Idyllisch am Ufer des Ionischen Meers, von vier kleinen Inseln umsäumt, feinster Sandstrand und Ausblicke, die man tief inhalieren sollte.  Butrint dagegen ist eine, mit dem Siegel Weltkulturerbe versehene Ruinenstadt, noch etwas südlicher an der Küste entlang. Die an sich schon beeindruckende Anlage der erhaltenen Stadt wird nochmals beeindruckender so man sich während des Rundgangs vorstellt welch ein gewaltiger und gut ausgestatteter Komplex dies vor knapp zwei Jahrtausenden einmal war.

Von Troja bis Venedig – jede Menge Geschichte und noch viel mehr Mythos
Syri i Kaltër (Das blaue Auge)

Auf halben Weg zwischen Saranda und Gjirokastra noch vor dem Bergpass gibt es einen kleinen unscheinbaren Abzweig von der Hauptstraße, der zu Albaniens wasserreichster Quelle führt. Ein knapper Kilometer staubiger Fußweg und schon steht man vor diesem verschwenderisch sprudelnden Naturschauspiel (ca. 6 m³/s). Die Tiefe der Quelle ist bis jetzt noch nicht ermittelt, doch das erscheint relativ irrelevant angesichts der intensiven tiefblauen Farbe, die auf dem hellen Karstgestein funkelt. Ein perfekter Zwischenstopp um Meersalz und Straßenstaub etwas entgegenzuschleudern.

Kalt, frisch und bunt – eine verschwenderische Oase im trockenen Karstgebirge
Gjirokaster

Sie gilt als eine der ältesten Städte Albaniens, die “Stadt der Steine”, wichtigstes kulturelles Zentrum, natürlich UNESCO-Weltkulturerbe. Doch damit nicht genug. Diese steinige Städtchen ist auch noch gleichermaßen Geburtsort des ehemaligen Diktators Enver Hoxha sowie des wohl bekanntesten albanischen Schriftstellers Ismail Kadare, der Gjirokaster mit seinem Roman “Chronik in Stein” verewigte. Ein unbedingtes Muss für die innerliche Erschließung Albaniens. Die beeindruckende sich über das Tal erhebende Burg wie die sich verzweifelt daran klammernde Altstadt – all dies lässt schon nach kurzer Zeit die “Chronik in Stein” vor dem inneren Auge auferstehen.

Tirana
Erst bei Nacht entfaltet sich die verkannte Feingeistin Tirana und lässt tief blicken

Von den meisten Albanienreisenden erhält die Hauptstadt nicht unbedingt die besten Kritiken. Auch ich erinnerte mich mit einer Mischung aus Faszination und Grauen an meine erste Begegnung mit der kahlen Blockopole im Herzen des Landes. Doch ich möchte den Versuch unternehmen, den ramponierten Ruf Tiranas ein wenig aufzupolieren. Kurz zusammengefasst sei gesagt, zwischen 2.30 und 6:00 ist es eine wunderschöne Stadt, die Klarheit und Ruhe ausstrahlt. Ein Spaziergang die achtspurige Hauptmagistrale hinab, ins rechteckig aufgeräumte Stadtzentrum hinein, lässt die vibrierende Reiseseele ins Gleichgewicht geraten und bei einem starken Mokka im Angesicht des zentralen, ehemaligen Aufmarschplatzes gelang es zumindest uns ausreichend geerdet zu werden um uns weiter auf das Land der Adler einzulassen. Daher, wenn Tirana – dann nachts!

Schöne Orte (bislang noch unbeäugt)

Die BERGE

Es mag sich im zuvor Gesagten schon angedeutet haben, doch die Auslassung des bergigen Teils war DER Fauxpas bei dieser Kurzinspektion. Wie allein das möglich sei, in einem Land, welches fast ausschließlich aus Bergen besteht, mag der interessierte Leser berechtigt einwenden. Nun, dies liegt hauptsächlich daran, dass die meisten Berge die man querend vorüberziehen sieht, reine, der Klimazone typische “Ansehberge” sind. Schön für Fotos, malerische Aussichten und gelassenes Blickeschweifen – doch in der Regel nichts zum Ersteigen und Erwandern. Zu trocken, verwildert und unerschlossen sind derlei Karstgebirge des Mittelmeerraums. Doch Albanien wäre nicht Albanien wenn es in dieser Hinsicht nicht mehr zu bieten hätte. Im Nordosten des Landes erheben sich die mächtigen Albanischen Alpen, angrenzend an Montenegro und den Kosovo kann hier ein Gebirge genossen werden wie man es in Europa, zumindest in dieser Ausgestaltung nur noch selten finden sollte. Alpin und wild aber dennoch touristisch machbar. Spätestens seit Etablierung des bereits zu Beginn erwähnten “Peak-of-the-Balkans-Trail” sollte Bergwandern hierzulande auf eine solide Basis gestellt sein.

Irgendwo dahinten, hinterm Horizont, dort stehen sie und warten – die albanischen Alpen

Anhängig zu diesem Thema wäre selbstverständlich eine Fahrt mit der Koman-Fähre. Diese, einmal täglich verkehrende Fähre absolviert in zweieinhalb Stunden eine spektakuläre Route vom Koman-Stausee, die steile Drini-Schlucht hinauf bis nach Fierza. Praktisch dabei ist, dass dies, so malerisch es sich einerseits anhört auch andererseits der beste Zubringer für Touren in den Albanischen Alpen ist.

Und auch wenn dies alles schon ausreichen würde für eine ausgewachsene nächste Reise, so gibt es daneben noch reichlich andere reizvolle Ziele mit denen Albanien gekonnt kokettiert (ganz abgesehen davon, dass man natürlich auch immer gern zu alten Plätzen zurückkehren möchte). Zu erwähnen wäre hier einerseits Berat – eine weitere Weltkulturerbe-Stadt in südlich von Tirana – ich wage nicht zu bezweifeln, dass die “Stadt der tausend Fenster” mich zumindest ebenso bezirzen würde wie Gjirokaster. Andererseits zwinkert noch eine weitere Kostbarkeit der Natur verlockend dem Reisenden entgegen: und zwar die Seenlandschaft von Ohrid und Prespa. Obwohl der schönere Teil hier wohl wahrscheinlich eher auf mazedonischer Seite gelegen ist, spräche ja auch nichts gegen einen kleinen Ausflug in das noch unbekanntere Nachbarland.

In diesem Sinne – bis bald Shqipëria!

 

Skipetaren-Express

Etwas mehr als zwanzig Jahre ist es nunmehr her als ich an Bord eines himmelblauen Trabis über die albanische Grenze rollte. Mehre Tage folgten, die mich derart begeisterten, dass ich infolgedessen tatsächlich einige Semester Albanisch lernte. In der Hoffnung beim nächsten Mal der Begeisterung auch ein wenig Verständnis beizumischen. Bedauerlicherweise führte dergleichen Strebsamkeit nicht zu neuerlichen Kontakten mit dem geschätzten Reich der Skipetaren. Es blieb bei jenem einzigen und dementsprechend verklärten Tête-à-Tête in den 90ern.


Doch nun ist es soweit, das Reisependel schlug gen Balkan aus und in diesem Augenblick sitzen wir im Zug nach Albanien. Mit der Eisenbahn nach Albanien? Nein, das kann selbst mit Superschaffnerkräften nicht möglich gemacht werden. Schließlich begeben wir uns hier in ein Land, welches, wie ich der Fachpresse im Internet entnehmen musste, 2016 den Schienenverkehr einstellen musste, weil dem staatlichen Eisenbahnunternehmen das Geld für Diesel fehlte. Ein leichtes Frösteln bemächtigt sich meiner angesichts dieses unfassbaren Frevels. Noch keine meiner etlichen Reisen führte mich in ein relevantes Flächenland ohne die wohligen Klänge des Schienenstrangs. Doch bevor ich diese Schande in mein Schwarzbuch der Eisenbahnverächter aufnehme, will ich mir zunächst selbst ein Bild machen. Um dies zu ermöglichen, muss leider leider ein Flugzeug ab Budapest herhalten. Derlei düstere Gedanken werden jedoch schnell verscheucht im Angesicht der kommenden 13-stündigen Fahrt, gehostet von der besten Eisenbahn der Welt – České dráhy!

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Ratgeber: Wandern und andere Fortbewegungsarten in den ukrainischen Karpaten

Auch wenn meine Euphorie, erstmals in der Ukraine wandern zu dürfen, hier wohl diskret zwischen den Zeilen durchgesickert sein dürfte, für den gemeinen Biodeutschen assoziiert die Ukraine bestenfalls mit Panzerkrieg und Tschernobyl. Aus Gründen wie diesen versuche ich seit einiger Zeit in regelmäßigen Abständen, entdeckenswerte Regionen zu präsentieren und alles Wissenswerte für den Start bereitzulegen (gern darf dies auch immer von anderen Reisenden mit zusätzlichen Informationen ergänzt werden). Eine Region über die es keinerlei Reiseführer gibt, Kartenmaterial nur umständlich zu erhalten ist, eine Weltenecke, welche aus mitteleuropäischer Sicht nicht mal verrufen sondern schlichtweg nicht existent scheint, birgt für eine ausgewogene Beschreibung eine enorme Verantwortung. Denn obwohl Transkarpatien von Berlin aus näher als Paris, scheint es unserer Welt doch so fern und ist daher leicht misszuverstehen. Doch nach nur einer entspannten Nacht auf dem Schienenbett wird dem aufgeschlossenen Reisenden hier eine Lebenswirklichkeit serviert, welche ob ihrer Unverbrauchtheit und Selbstverständlichkeit gleichermaßen fasziniert. Damit dieses jedem interessierten Menschenwesen möglichst problemlos gelingt, hier nun meine Anleitung für diesen vergessenen Gebirgszipfel im Herzen Osteuropas. Denn ich fühle dieses Mal mehr als sonst, dass Aufklärung Not tut um das Naheliegende in der Ferne erkennbar zu machen und die Karpato-Ukraine in das Licht zu rücken, welches sie verdient.

Wer vor soviel Text sich erst einmal visuell überzeugen möchte, dem empfehle ich wärmstens “Transkarpatien in Farbe und bunt”

Karpato-Ukraine, Transkarpatien oder Sakarpatia – was denn nun?

Dort wo die Karpaten die Kurve kriegen, wo sich also dieser wundervolle über 1300 km lange Gebirgszug entscheidet nach Süden gen Transsylvanien abzudriften, dort in etwa liegt jene historische Region die heute unter dem eher prosaischen Titel einer administrativen Verwaltungseinheit, Oblast Transkarpatien (Закарпатська область/Sakarpatska oblast) firmiert. Und hierbei stoßen wir schon auf die erste Merkwürdigkeit. Der Ukrainer schiebt ein “Sa” und der Deutsche ein “Trans” vor die Karpaten um eben jenen Raum zu beschreiben. Aufmerksame, treue Leser erinnern sich vielleicht noch an ein ähnlich gestricktes Problem im Falle von jenem sonderlichen Landstrich namens Transnistrien. Während der Mitteleuropäer mit dem Prefix “trans” suggeriert, dass da etwas “hinter” den Karpaten sei, versteht der Ukrainer mehr von seinen Regionen und weiß, dass diese eher “auf” den Karpaten liegt. Man könnte diese Begriffsverwirrungen hier noch problemlos weiterführen, denn die Geschichte dieses Fleckchen Erdes kennt zahlreiche Besitzer, welche sich im Zuge der Jahrhunderte hier die Herrschaftsklinke aus der Hand rissen und in dessen Gefolge der Benennungswirrwarr erst richtig losging.

Denn diese Gegend hat im 20. Jahrhundert wohl öfter einen Herrschaftswechsel mitmachen dürfen als anderswo auf der Welt. So kursiert die (theoretisch mögliche ) Legende von jener schlohweißen Babuschka, welche in Österreich geboren, in der Tschechoslowakei zu Schule ging, in Ungarn einen Sohn gebar, sich in der Sowjetunion als Näherin durchschlug und nun in der Ukraine ihre magere Rente bekäme. Dies alles ohne je ihr Dorf zu verlassen. Schon auf den ersten Blick (oder besser, angesichts des Kauderwelschs an slawischen Sprachen, was man hier zu hören bekommt) begreift man, dass man sich hier nicht wirklich in der Ukraine befindet. Wie viele Gebirgsregionen in Grenzgebieten hat es das homogenisierende Nationenkonstrukt, welches die jeweilige Hauptstadt entwarf, in den entlegenen Bergtälern der Peripherie meist viel schwerer sich auszubreiten. So auch hier. Wen wundert’s angesichts dieser turbulenten Vorgeschichte. Die knappe Million Menschen die hier lebt teilt sich in ca. 30 Nationalitäten auf. Huzulen, Lemken, Boiken – Nationalitäten, die teils wie aus einem Fantasy-Roman entsprungen klingen. Und so leben sie dort, eingezwängt von abstrakten Grenzen, die von etwas noch Absurderen wie Staaten durch das Gebirge gezogen sind, in der irrigen Annahme diese majestätischen Gipfel, mächtigen Bergkämme und undurchdringliche Wälder trennen zu können. In den versunkenen österreichischen Kronländern Galizien und Bukowina stößt man kurz hinter der Grenze der EU auf ein irritierendes wie betörendes Gemisch von Weltabgeschiedenheit, von Herzen kommender Freundlichkeit, bitterer Armut und einer einfachen Art zu leben, die der Standardeuropäer längst verlernt hat. Doch genug der Vorrede, damit auch ihr bestens vorbereitet euren Ausflug anträumen könnt, stelle ich nach erprobten Modell hier wieder ein kleines Starterpack ins Netz.

Andere Wissensquellen: Wie eingangs schon erwähnt, solltet ihr mit dem Gedanken spielen, euch im Vorfeld eurer Reise mit einem kleinen Büchlein zur Gegend auszustatten – lasst es bleiben! Vertraut mir, es gibt nichts. Selbst, der in Sachen abseitiger Reiseziele hochverehrte “Conrad-Stein-Verlag”, weiß hier mit lupenreiner Nichtigkeit zu überzeugen. Zwei Bücher habe ich dann doch gefunden, die mich bestens einstimmten und welche ich als Reisevorbereitung wärmstens empfehlen kann.

Aus der Zusammenarbeit der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und dem ukrainischen Biosphärenreservat ist ein tolles Buch entstanden (“Naturführer: Urwälder im Zentrum Europas”) welches sich jeder mühelos als PDF herunterladen kann. Hier erhält man nicht nur einen profunden Überblick über die hiesige Flora und Fauna, sondern, wie es sich für einen Naturführer versteht, sind hier auch reichlich Routen- und Wandervorschläge enthalten, die durchaus inspirierend für eigene Touren sein können. Außerdem kann ich Martin Pollacks kleines Büchlein “Galizien. Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina” empfehlen. Es vermittelt auf charmante und geistreiche Weise einen Blick durch das Jahrhundert hindurch auf jene Zeit in der diese Gegend zwar ebenfalls bettelarm am Rand eines großen Landes versteckt lag, aber dennoch ein ganz anderer Kulturraum als heute war. Mich ließ dieses Buch über alle Maßen begeistert zurück, es weitet den Horizont aus der Mikroperspektive heraus und lässt mittels nachvollziehbarer Beschreibung der Vergangenheit die Gegenwart besser verstehen. Keine Frage Pollack hat in mir einen neuen Verehrer gewonnen. Von derlei Literatur sollte es definitiv mehr geben.

Die Problematik, an geeignete Karten heranzukommen, erwähnte ich bereits. Es sei hier in aller Form davon abgeraten lässig abzureisen ohne sich in irgendeiner Weise darüber Gedanken gemacht zu haben, wie man an Karten zu kommen gedenkt. Vor Ort sind sie jedenfalls keine normale Handelsware. Selbst übliche Verkaufsstellen wie Nationalparkeingänge, Hotels oder sonstige Hot Spots des Tourismus verfügen hier weder über Karten zur Orientierung wie im übrigen auch nicht über Karten zum verschicken. Diesen Mangel kann man auf zweierlei Weise überwinden: Karten lassen sich per Internet (bspw. bei polenkarten.de) ergattern oder man kauft sie vor Ort in auserlesenen Spezialläden. Verbindliche Sicherheit hat man beispielsweise in Uschgorod (am Ende der Voloschina-Straße in Uschgorod, 48°37’27.1″N 22°17’52.9″E)

Die für mich dieses Mal beste Methode dem Defizit zu begegnen war jedoch ein GPS-fähiges Gerät und gutes Offline-Kartenmaterial. Ich verwendete hierfür ein robustes Smartphone und die App Osmand. Bei der Umsonstversion von Osmand sollte man sich nicht von der Begrenzung an Offlinekarten erschrecken lassen, diese sind problemlos erweiterbar bis die Speicherkarte platzt. Die jeweiligen Karten sind hier runterladbar. Allerdings braucht man für eine Reise nach Transkarpatien ja auch wieder nicht allzu viele Karten. Für Route und aktuelle Tipps zum Wandern in Transkarpatien kann ich voller Ehrerbietung und Dank das Projekt eldp8.de von Rolf Gerstendorf empfehlen. Obzwar diese Seite im eigentlichen Sinne dem Europafernwanderweg E8 gewidmet ist, erhält man hier bislang die aktuellsten und wertvollsten Informationen für eine Wanderung in Transkarpatien, so man beschlossen hat auf der Route des E8 zu wandern. Dies so sei aber angeraten, ist für den Anfang eine durchaus sinnvolle Einstiegsdoroga!

An- und Einreise: Die Frage nach dem “Wie-komm-ich-hin?” ist in meinen Augen nur schienbar eine offene Frage. Selbstverständlich stehen Flugzeug und Auto zur Debatte, doch aus Gründen innerer Überzeugung sowie auch ganz simpel aufgrund fehlender eigener Erfahrung werde ich mich im folgenden ausschließlich über den Schienenweg auslassen.

Überblick der Gemengelage. In zarten braun gehalten sind die einzelnen Gebirgsketten, die die Region so anzeiehnd machen.

Das klassische Tor in die Berge Transkarpatiens ist Uschgorod. Von hier aus ist sind alle in Frage kommenden Ausgangspunkte für die jeweilige Bergwanderung mühelos erreichbar. Zwei Möglichkeiten, Uschgorod zu erreichen:

  • mit dem Nachtzug Prag-Kiew erreicht man Chop (danach Anschluss nach Uschgorod)
  • mit dem EC nach Budapest und von dort mit der ungarischen Bahn bis Záhony, dann über die Grenze nach Chop gefahren (danach Anschluss nach Uschgorod)

Von Berlin aus gerechnet, kommt man also in deutlich weniger als 24 Stunden und ohne nervige Umsteigerei in die ukrainischen Berge. Die Preislage sieht, so man ein paar Wochen vorher ordert in etwa so aus (Stand: August 2017): Berlin-Prag €30; Praha-Chop ca. €50 im Liegewagen;  insgesamt also €80/ Berlin-Budapest €40, Budapest(Nyugati)-Záhony ca. €20; insgesamt also etwas über €60 dafür aber einmal mehr umsteigen und weniger tschechoslowakischer Bahngenuss.

Die Alternativroute für alle die den Berghunger möglicherweise noch mit einen kleinen urbanen  Aperitif ergänzen möchten: Die Anfahrt über die unbekannte Schönheit Lemberg/Lwów/Lwiw. Von hier erreicht man ebenso alle bergigen Ausgangsorte in Transkarpatien, dauert halt nur etwas länger, was sich aber im gemütlichen Sowjetwaggon bestens ertragen lässt. Die Anreise erfolgt hier idealerweise über Polen, wobei es auch durchgehende Züge von Bratislawa, Budpest oder Wien gibt. Die sichere, unkomplizierte Planung wird einem hier durch die verquaste polnische Buchungspraxis verdorben. Polnische Einenbahntickets lassen sich immer noch nicht online erwerben. Wer also nicht den Luxus hat, nah an einem internationalen polnischen Schalter zu leben (von Berlin aus bspw. Kostrzyn), dem empfehle ich folgendes: entweder von Görlitz oder von Küstrin bis Wrocław, von hier nach Przemyśl an die polnisch-ukrainische Grenze. Hier wirft die marode Madame PKP dann einen Zug pro Tag nach Lemberg ins Rennen (14:26), aber von hier aus sollte es auch reichlich Mitfahrgelegenheiten und Busse geben. Wenn man es irgendwie schafft, vorher in Polen zu sein, kann man auch den durchgehenden Zug mittels Liege- oder Schlafwagen buchen. Es fährt ein Zug abends und einer morgens nach Lemberg (Ein Liegewagenplatz für die gesamte Strecke kostet ca. €60)

Als entspannten Geheimtipp zur Einreise kann ich auch noch die von uns absolvierte Route empfehlen. Hierbei reist man, statt von Prag nach Chop, nach Humenné (Berlin-Prag €30; Praha-Humenné ca. €25 im Liegewagen), dann weiter mit dem Bus (€2,85) bis Ubl’a, dem letzten slowakischen Ort vor der Grenze. Von hier aus kommt man über einen sehr entspannten, neu eingerichteten Grenzübergang nach Transkarpatien. Wenig Autoverkehr und Grenzer, die mit westlichem Wandersvolk Erfahrung haben da hier beispielsweise der “East-Carpathian-Greenway” entlangführt.

Herumreisen: Das Fortbewegen in Transkarpatien mag für den Osteuropaneuling durchaus einige Herausforderungen bereithalten. Diese vernachlässigte Peripherie eines nicht minder vernachlässigten Landes bietet neben den ererbten Obskuritäten sowjetischer Transportkultur ein erschreckendes Bild des Verfalls in jeglicher Hinsicht. Ob Bahn oder Straße – Fortbewegung folgt hier anderen Prämissen als im Goldenen Westen.

Eisenbahn – einstmals das souveräne Verkehrsmittel des Volkes, fristet es nun ein erbärmliches Schattendasein am Rande der Gesellschaft. Zwar sind die Züge voll und werden gern genutzt, doch die alten sowjetischen Modelle krauchen alterschwach auf wackeligen Gleisbett dahin, ihre Frequenz ist eigentlich nicht der Rede wert und wird höchstwahrscheinlich nur von extrem langfristigen Planern und Zugconnaiseuren genutzt.

Auf der ehemaligen Magistrale Lemberg-Wien verkehren aktuell nur noch drei Züge täglich. Vielleicht einer meiner traurigsten Momente in drei Wochen Ukraine.

Dabei ist sie weiterhin die preiswerteste Art zu reisen, doch ihre Nutzung will gekonnt sein. Da das beliebte Nahverkehrsmodell der Elekritschka offenbar aus dem Verkehr gezogen wurde, kann nur noch mit den wenigen überregionalen Zügen gereist werden. Hierbei gilt einerseits, dass das Ansinnen heute zu kommen um für heute eine Verbindung zu buchen eher ungewöhnlich ist und in der Ferienzeit sich auch als dementsprechend schwierig gestalten kann. Daher, so es möglich ist, gerne ein paar Tage vorher Tickets kaufen. Für den Ticketkauf reserviere man sich auch reichlich Zeit. Zumeist gibt es einen Schalter und das Ritual des Kaufs bedeutet, dass jede Kundenaktion deutlich mehr Zeit benötigt als man vermuten würde. Denn der Kauf eines Tickets ist sehr persönlich, sprich die Daten eines jeden Reisenden müssen eingetragen, diverse andere Fragen geklärt werden. Der gesamte Prozess wird von derartig viel unnötigen Ballast abgebremst, dass man hier eigentlich nicht genug Zeit einplanen kann. Aber es lohnt sich.

Und wenn die letzte Bohle verrottet ist, der letzte Zug auf der letzten Lok pfeift und die letzte Weiche falsch gestellt ist – werdet ihr immer noch nicht begreifen, dass die beste Art des Reisens verloren ist.

Für absolute Beginner hier nur kurz ein paar Dinge. Ähnlich einem europäischen Schlafwagen werdet ihr am Eingang eures Waggons von eurem Schaffner in Empfang genommen. Er behält für den Rest der Reise eure Tickets, versorgt euch mit Bettwäsche und auf Wunsch mit Tee und Snacks. Zwei Klassen stehen zur Verfügung: Kupe und Patskartni. Während erstere unseren Liegewagen gleicht, also einem soliden 6er-Abteil, handelt es sich bei letzterem um so etwas wie einen Schlafwagen ohne Abteile und dem verstörenden Begleitumstand, dass auch im Gang noch zwei Betten pro “Abteil” rangeklemmt sind. Was jetzt merkwürdig klingt, ist eine überaus annehmbare Art zu reisen und wie ihr hier eure Betten zusammenbaut, findet ihr schon alleine raus.

Bus – Man sollte nun annehmen, dass der übliche Zerfall des Schienenverkehrs zumindest dem Busgewerbe zum üblichen kurzfristigen Goldrausch verhelfen würde. Doch dies kann nur in  begrenzten Maße behauptet werden. Zwar liegt die Taktfrequenz hier deutlich höher (alles andere wäre auch gleichbedeutend mit der kompletten Einstellung des Verkehrs gewesen), doch pfeift auch hier die gesamte Struktur auf dem letzten Loch. Der gesamte Fuhrpark wie ein großer Teil der Straßen sind in jämmerlichen Zustand. Das gesamte System des öffentlichen Nahverkehrs jenseits der Schiene macht einen unorganisierten, chaotischen Eindruck. Busverbindungen existieren zwar, doch Zeit, Dauer und Zuverlässigkeit stehen auf einem anderen Blatt. Nichtsdestotrotz gehören Busse zum unverzichtbaren Fortbewegungsmittel und wenn allein nur um erleichtert aussteigen zu können und sich hiernach noch mehr auf die unberührte Natur und die Gnade des Selberlaufendürfens zu freuen.

Alles was sich bewegt, kann dein Taxi sein. Öffentlicher Nahverkehr in Bauernhand.

Mitfahrgelegenheiten – Doch nichts wird so traurig gegessen wie es wahrgenommen wird, oder wie lautet diese Lebensweisheit noch gleich? Wenn man sich also immer weniger auf, vom Staat oder freien Unternehmertum ausgehende Methoden der Fortbewegung verlassen kann, so springt hierzulande die aus der Not und der Wendigkeit der Menschen geborene Bereitschaft ein, um Menschen von A nach B zu befördern. Selten bin ich auf einer Reise von dieser Kürze mit solcher Selbstverständlichkeit mit einer vergleichbaren Zahl an unterschiedlichen Transportvarianten mitgenommen wurden. Die miserable Qualität der Straßen begünstigt zweifelsohne jene Modelle, welche durch eine gewisse Robust- und Grobheit zu überzeugen wissen. Ob mit den mächtigen, wie aus einem Stahlquader geschnitzten Lastern ZIL oder URAL, den anscheinend allmächtigen Kleintransportern UAZ oder auch mal ganz schlicht im bergfest zurechtgerüttelten PKW. Die Vielfalt der Möglichkeiten ist schier grenzenlos und wird nur von der Bereitschaft zur Mitnahme übertroffen.

Der kleine Grüne, ein gern gesehener Untersatz auf dem Weg in die Berge.

Fahrradfahren – Hierüber kann ich leider nicht aus der eigenen Erfahrung schöpfen, auch wenn ich als passionierter Fernradfahrer die Lage hier als eher suboptimal, allein der Straßen wegen, einschätzen würde. Das Netz verrät jedoch, dass es einige gewagt haben und ihre Berichte klingen nicht so übel wie ich es mir vorgestellt hätte.

Wandern – kommen wir nun zu der Fortbewegungsart wegen der alle vorgenannten eigentlich nur erwähnt wurden – der Urgroßmutter aller Bewegung – dem eigenständigen Laufen. Bzw. ihrer gestählten Cousine, dem Wandern mit Rucksack, also eher die Kategorie zivilisationsausblendender Parkspaziergang. Doch auch wenn man dem nichts abgewinnen kann und eher dem federleichten Tagesausflug zuneigt, auch dies ist problemlos möglich. Vorausgesetzt man hat die Navigationsfrage (s. Andere Wissensquellen) irgendwie für sich gelöst, steht dem selbstbestimmten Gang in die Berge Transkarpatiens nichts mehr im Wege. Natürlich sind die Wanderwege unterschiedlich gut markiert, in unserem Fall spürten wir zum Beispiel deutlich wie die Qualität Richtung Osten, also hin zu den Filetstückchen der Region, deutlich zunahm. Oftmals leiden die Wanderwege unter jenem, auch aus anderen Gegenden bekannten Syndrom, dass sie dort wo ihr Verlauf offensichtlich ist, überdeutlich markiert sind, dagegen an heiklen und unübersichtlichen Stellen durch Abwesenheit glänzen. Als Merkspruch mag gelten, möglichst konzentriert bei Auf- und Abstieg zu sein, auf den baumlosen Hochwiesen der Karpatenkämme ist der Weg der nächsten Tage meist auch ohne Wanderzeichen ersichtlich. Ich kann an dieser Stelle nur nochmals auf GPS-fähige Geräte verweisen. Wahrscheinlich gänge es auch ohne, doch es hat mit Sicherheit viel unnötiges Suchen und zurücklaufen erspart.

Kammwegweiser mit Weg im Hintergrund.

Sprache: Eines sei gleich vorweggenommen: Auch wenn die Reiseratschläge zur Region, wie erwähnt äußerst mager ausfallen, ein Tipp wiederholt sich meist in steter Penetranz – ohne Russisch- oder Ukrainischkenntnisse sei man hier komplett aufgeschmissen. Nun, was soll ich sagen?! Da ist was dran. Allein die Unkenntnis der kyrillischen Buchstaben würde einiges erschweren. Und lasst jegliche Hoffnung hinsichtlich der üblichen Sprachstützräder fahren – hier in den Bergen spricht man nicht in derlei exotischen Zungen wie Englisch oder Französisch. Jedoch möchte ich ergänzen, zumindest in dieser hier besprochenen Grenzregion ist man gut dabei so man wenigstens eine slawische Sprache halbwegs beherrscht. Die eingangs schon erwähnte wechselhafte Geschichte Transkarpatiens erzeugte eine Bevölkerung, welche sich größtenteils nicht als Ukrainer empfindet und förmlich zwischen den Sprachen zu schwimmen scheint. Und so genießt jedenfalls ein osteuropäisch geschultes Ohr hier Gespräche, die sich schwer einordnen lassen und unablässig zwischen den Sprachen springen. Versucht man ein Gespräch nun auf Russisch zu führen wird dies ohne Murren akzeptiert, doch schon nach kurzer Zeit entschwindet der Gesprächspartner zumeist in sein panslawisches Kauderwelsch. Ähnliches geschieht wenn man ein Gespräch auf Polnisch beginnt.

Kolotschawa, ein Dorf im Rajon Mischhirija in der Oblast Transkarpatien – mitten im Herzen der Tschechoslowakei

Bliebe abzuwarten was bei einem tschechischen Gesprächsstart geschehen würde, denn dies ist mit Abstand die hiesige lingua franca. Tschechisch? Ja, richtig gelesen. Der kurze Abschnitt in der Geschichte Transkarpatiens (1919-1938) in der man tatsächlich zur Tschechoslowakei gehörte sowie ein reges Interesse von tschechischer Seite nach der Wende (touristisch erlebend wie auch Tourismus-Infrastruktur aktiv aufbauend) führten offensichtlich dazu, dass diese von allen anderen vergessene Ecke einzig über die Tschechoslowakei eine zarte Verbindung in die große, weite Welt aufbauen konnte. Dieser überraschende Einfluss treibt dabei solch entzückende Blüten wie der Begleiterscheinung, dass man in manchen Karpatendörfern von Kindern mit einem flötenden “Achoj” begrüßt wird. Ein bezauberndes Erlebnis, als ob die russischen Cousins des kleinen Maulwurfs aus den Vorgärten springen würden.

Menschen: Es sollte aus dem zuvor Geschriebenen schon leicht hervorgequollen sein, dass der hiesige Menschenschlag ein durchaus netter ist. Selten habe ich auf Reisen dieser Länge das völlige Ausbleiben von unangenehmen Momenten oder kleineren Problemchen erlebt. Wir müssen hier definitiv Glück gehabt haben, denn ich bin ein fester Anhänger der These von einer universellen Idiotenquote überall auf diesem Planeten. Doch andererseits spricht es auf jeden Fall für die Menschen hier, denn an anderen Flecken der Erde fallen einem besagte Idioten zumindest schneller auf.  Es sind herzliche und freundliche Menschen. Menschen die aufgeschlossen und interessiert sind, ohne aufdringlich zu sein. Ein wenig schimmert bisweilen auch eine gewisse weltabgeschiedene Naivität durch, welche jedoch ohne Dünkel und Angst daherkommt, sondern sich stets entspannt auf den Fremden einlässt.

Passt diese kleine Gruppe netter Bergtouristen in das mit Kram bis zur Decke vollgestopfte Auto im Hintergrund? Den gemeinen Waldkarpaten regt dabei allein schon die Frage auf.

Bei allem Lob sei an dieser Stelle aber auch angedeutet, dass der weibliche Reisende in Nuancen anders behandelt wird als sein männliches Pendant. Dies hat vielleicht mehr Ursachen in der ländlichen Prägung der Region als in der kulturellen Ausrichtung Transkarpatiens. Dennoch bemerkt man schnell an kleinen Gesten und Ausrichtung der Gesprächsführung, dass die selbstständig agierende und selbstbewusst auftretende Frau hierzulande gewöhnungsbedürftig ist. Schlussendlich vermag aber auch diese kleine Schieflage den positiven Gesamteindruck nicht übermäßig zu mindern, da selbst dies mit Respekt und Charme einhergeht.

Übernachten: Überfliegt man vor Reiseantritt scherzeshalber die Übernachtungsmöglichkeiten, welche das Internet in Transkarpatien feilbietet, so streichelt man einmal mehr beruhigt sein Zelt. Außerhalb der größeren Städte, so scheint es, gibt es kaum Unterkünfte, das Prinzip organisierter Zeltplatz ist gänzlich unbekannt und die Kosten differieren zwischen absurd bis unbekannt. Die Wirklichkeit sieht einmal mehr ganz anders aus. Die allwissende Krake Google ist beruhigenderweise unfassbar schlecht informiert über Transkarpatien. Ob Restaurants mit vermietbaren Gästezimmern, spontan aufblühenden Appartements, die aus einem Gespräch in einer Kneipe entstehen können oder die schlichte Berghütte mit feinstem Quellwasser und sauberen Plumpsklo – all dies und noch viel mehr ist möglich zwischen Usch und Theiß. Sprich: Auch wenn es sich hier um eine vergessene Gebirgsecke handelt, Touristen sind hier keine unbekannte Größe. Da es sich hier um den gebirgigsten Teil der Ukraine handelt, war Wander- und Wintersporttourismus schon zu sowjetischen Zeiten üblich. Gewisse Reste hiervon haben sich gehalten, neue Anfänge zeigen sich zaghaft – kurz, in allen von uns besuchten Siedlungen hätten wir problemlos unterkommen können. Die, in denen wir schliefen, waren ausnahmslos sauber, stilvoll eingerichtet und äußerst preiswert (ein Durchschnittspreis den wir mehrfach präsentiert bekamen war 500 Hriwna/ca. €17 für 4 Personen). Eins stimmte aber tatsächlich, den Campingplatz wie er uns bekannt ist, fanden wir in der uns beschiedenen Zeit tatsächlich nicht.

Unterkunft nach Maß

Und warum auch? Überall in den Bergen ist zelten möglich. Teilweise sogar unter luxuriösesten Umständen. In den prominenteren Gebirgen wie Tschornohora oder Borschawa gibt es an den traumhaftesten Flecken ausgewiesene Biwakstellen meist mit eigener Quelle und Feuerstelle. Was will man mehr? All die, aus Mittel bis Ostmitteleuropa bekannten Sorgen hinsichtlich der Unbedenklichkeit von Wildzelten, Feuermachen und dergleichen mehr zerschlagen sich hier binnen kürzester Zeit wie ein schlechter Traum. Unbeschwertes Leben in freier Natur? Hier ist es noch ohne jedwede Haken möglich.

Hunde: Wie immer auch eine kurze Kritik zum Thema Hunde auf Reisen. Auch hier kann nur Bestes berichtet werden. Wir erlebten nicht ein einziges Mal eine Einschränkung durch unseren Hund, Unterkünfte, Restaurants, Bus, ohne Leine laufen in der Stadt – alles keinerlei Problem. Die Menschen begegnen Hunden allgemein freundlich und ohne Ängste. Streuner im klassischen Sinne sieht man so gut wie gar nicht. Für die Eisenbahn sollte man ein Ticket für den Hund kaufen, auch wenn uns das Reglement hier ein wenig willkürlich erschien, mitkommen tut man immer. In den Bergen versteht es sich von selbst, dass Besitzer von Rüden etwas achtsamer sein sollten. Wenn das zarte Gebimmel der Schafherden erklingt, ist deren hündisches Bewachungspersonal nicht mehr weit. Diese streifen in riesigen Radien um ihre Herde herum und nähern sich neugierig auch eventuellen Wanderern. Menschen gegenüber sind sie überaus respektvoll und furchtsam, doch die Erfahrung weiß, dass ein mitgebrachter Rüde die Situation hier unter Umständen verschärfen kann.

Manchmal sind die uneingeladenen Gäste die Besten

Kulinarik: Wenn die Originalität der ukrainischen Küche in der Reisegruppe auch heiß diskutiert wurde, so war eines über alle Zweifel erhaben – die Qualität der Zutaten! Ähnlich wie bei unseren georgischen Erlebnissen ist es immer wieder spektakulär, wie eine gewöhnliche Tomate die Zunge zum tanzen bringen kann. Es wäre müßig an dieser Stelle über die Entstehung von Lebensmitteln und das Verschwinden des Geschmacks zu referieren (bzw. ich verweise auf eine hier erschienene Buchbesprechung), halten wir daher einfach fest: Warum und wie auch immer, alles hier hat Geschmack, Konsistenz und Gehalt! Und noch eines sei vorweg gesagt: Abgesehen von Geschmack und Gehalt der angebotenen Speisen und Getränke fiel mir immer wieder auf inwiefern die Menschen hier eine ausgeprägten Detailversessenheit hinsichtlich der Originalität ihres Interieurs pflegen. Plastikgeschirr oder  0815-Möbel sind in Transkarpatien schwerlich vorstellbar. Selbst der kleinste Imbiss in der tiefsten Provinz hat sein eigenes individuelles Geschirr und mehrere stilvolle Ideen bei der Inneneinrichtung seines Lokals im Angebot. Nicht zuletzt sei die liebevoll in Szene gesetzten Kolybas erwähnt, jene urig eingerichteten Holzhäuser mit offenen Feuerstellen, welche nach kleineren touristischen Anpassungen an die frühere Verwendung nun mehrheitlich für ein meist verdammt gutes Restaurant stehen, in dem die typischen Gerichte der hiesigen Berge gereicht werden. Dem einen oder anderen mögen diese oberflächlichen Fragen des Speisens nebensächlich erscheinen, ich bin von einer derart ausgeprägten Vielfalt jedoch zutiefst angetan, insbesondere hinsichtlich der klaffenden Gegensätze, die sich in den meisten Nachbarländern diesbezüglich offenbaren.

Die Küche selbst ist ganz klar, wen mag es überraschen, slawisch geprägt. Wobei auch hier die Gebirge und Grenzen Faktoren sind, die die Küche Transkarpatiens noch einmal einen besonderen Stempel aufdrücken.

So ist die dominierende Suppe in den meisten Lokalitäten beispielsweise Bogratsch (nach dem ungarischen Wort Bogrács, das traditionelle Wort für den deckellosen Kochkessel in dem Gulasch zubereitet wird). Bogratsch ist dabei ein Wort für einen Eintopf für den wahrscheinlich deutlich mehr Rezepte existieren als Transkarpatien Einwohner hat. Einzige Konstanten waren: er wird heiß serviert und schmeckt hervorragend.

Eine von Abermillionen Bogratsch-Versionen im Entstehungsprozess. Nur echt wenn über dem offenen Feuer gekocht.

Eine weitere große Säule der transkarpatischen Küche ist wiederum ein treuer Gefährte aus rumänischen Wandertagen. Polenta, hier Banosch genannt, gibt es in zahlreichen Variationen als Brei, Kloß oder frittiert, ergänzt mit würzigen Bryndza (gesalzener Schafskäse), knusprigen Speck oder Gemüse.

Und dann natürlich die ganze Palette an diversen Mehlspeisen, welche in gewissen Abstufungen und Abschleifungen von der Oder bis zum Amur in den Töpfen brodelt und in den Pfannen brutzelt. Wareniki, Pelmeni, Tschebureki oder Pyrohy und die ganze Teigtaschenschar. Immer ein wohliger Genuss und nie eine schlechte Wahl.

Selbstverständlich ist auch Fleisch ein treuer und unverzichtbarer Bestandteil der transkarpatischen Küche. Auf den ersten Blick fällt zunächst der elementare Steuerknüppel sowjetischer Fleischkultur ins Auge: Schaschliki! Hier gilt zweifellos die Eingangsthese, natürlich ist so ein Schaschlik das denkbar einfachste Fleischgericht und ähnlich wie das Rad schwerlich neuzuerfinden, doch edle Zutaten sind bei einfachen Gerichten stets der Schlüssel. Und hiermit wurden die Spieße bei all unseren Kostproben immer reichlich bestückt und ließen uns entzückt zurück.

Neben diversen anderen Fleischgerichten, die hier nicht einzeln erwähnt werden können um einem Solokünstler Platz einzuräumen, der ihm ohne jeden Zweifel zusteht: Speck, bzw. Salo wie der Ukrainer es ausspricht. Speck hat es in unseren Breiten nicht gerade leicht. Dieses erlesene Schweineprodukt, welches in seinem reinen Wesen nichts anderes als Fett ist, befindet sich in Zeiten gesundheitsbewusster Ernährungskreuzzüge selbstverständlich in verlustreichen Rückzugsgefechten. Dies ist jenseits des Bug, wie so vieles noch anders. Salo hat auch in Russland und Belarus zahlreiche Gefolgsleute, doch in der Ukraine scheint er wie die Flagge oder das Wappen ein regelrechtes Nationalsymbol zu sein. Vielleicht, so könnte man ketzern, ist dieser fettige Leckerbissen so gar einer der stärksten verheinheitlichenden Artefakte des frisch konstruierten nationalen Konstrukts namens Ukraine. Und den besten Speck der Ukraine bekommt man dann wohl in der Westukraine, genauer in Transkarpatien. Wir befinden uns hier also im Epizentrum des Salo-Kults.

Salo – ein Wort so zart wie die Versuchung, so knusprig wie die Sünde und so aromatisch wie das Leben.

Dieser Speck besteht immer aus dem Rückenfett des Schweins. Am ehesten erinnert er vielleicht an den italienischen Lardo. Traditionell ist der ukrainische Speck mittel gesalzen, fest, mit Kümmel und Knoblauch gewürzt. Natürlich gibt es hier aber auch etliche andere Varianten des Salzens und Würzens: Es gibt den Speck mit Paprika, mit Sesam, mit bulgarischen Pfeffer und mit tausend anderen Gewürzen. Geräuchert wird er aber immer. Speck in seinen verschiedenen Variationen wird dann gern als Vorspeise auf saftigen, dunklen Roggenbrot, mit Knoblauch, Zwiebeln, Gurken und natürlich Wodka serviert und, vertraut mit Vegetarier aller Länder, alles Vorhergesagte mag großartig klingen, aber allein der Speck ist schon Grund genug, nach Transkarpatien zu reisen.

Die heilige Dreifaltigkeit der Getränke kann mit Kwas, Bier und Horylka recht umfassend beschrieben werden. Der Kwas, der alkoholfreie Brottrunk-Klassiker ist zumeist vom Fass in den unterschiedlichsten Varianten, von zuckersüß bis säuerlich-trüb zu haben. Jeder sollte ihn mal probieren und nicht nur einmal, denn die Geschmacksrichtungen können hier von Kneipe zu Kneipe schon enorm voneinander abweichen.

Das ukrainische Bier gehört zu den besten des slawischen Kontinents. Diese Erkenntnis überraschte uns schon bei unserem ersten Ukraine-Ausflug. Obolon, der allgegenwärtige Marktführer muss sich mit seinem Pils wie auch seinem Weizen nicht verstecken. Die meisten anderen Biere in der Ukraine sind definitiv auf Augenhöhe mit ihren Industriebier-Pendants in Mitteleuropa. Die größte Überraschung für mich war aber die Fassbiervariante von Schigulewskoje. Unter diesem Namen bekommt man in den ehemaligen GUS-Staaten zumeist irgendein Getränk was deutlich an seine eigentliche Funktion als Wodka-Spülmittel gemahnt. Die ukrainische Variante von Schigulewskoje dagegen befindet sich nicht nur auf Augenhöhe mit den Brauerzeugnissen Mitteleuropas, nein, ich möchte hier sogar todesmutig behaupten, dass sich diese Bier mit den böhmischen Delikatessen messen kann. Desweiteren haben wir auch hier in jenem verstaubten Winkel Europas die zarten Keime eine Microbrewer-Kultur ausmachen können. In Rachiw gibt es ein überraschte uns beispielsweise mitten in der Provinz ein ausgezeichnetes Craftbeer-Lokal und in Lemberg kamen wir aus dem staunenden Kosten gar nicht mehr raus.

Horylka, die ukrainische Variante des Wodkas (abgeleitet vom ukrainischen Wort für “brennen”) ist ein unausweichliches Erlebnis einer Transkarpatienreise. Ähnlich der polnischen Umgangsweise mit Hochprozentigen gibt es auch in der Ukraine eine unglaubliche Vielfalt an Sorten, viele davon aromatisiert mit Beeren, Honig oder – am bekanntesten – mit Pfeffer (der sogenannte “Pertsovka”, hier ein Vorschlag wie man ihn zu Hause herstellen kann). Dem unachtsamen Beobachter der Wodkaszene mag die ukrainische Qualität zunächst nicht viel sagen. Zu stark stehen die Wodka-Platzhirsche Polen und Russland beisammen und versperren hier etwas die freie Sicht auf durchaus originelle und schmackhafte Schnäpse. Probiert euch durch und seid für interessante Geschmackserlebnisse bereit. Aber nie pur, immer, wie euch jeder verantwortungsvoller Wodkaspender erinnern wird, mit der heiligen Allianz aus Schwarzbrot, Speck und Gurke.

Schöne Orte (selbst besehen)

Lwiw/Lwów/Lemberg – es mag sonderbar erscheinen, dass angesichts der Natur- und Wanderausprägung unserer Reise, hier mit einer Stadt eröffnet wird, doch diese Stadt hat sich diese Stellung zweifellos verdient. Lange habe ich von dieser Stadt geträumt. Neben Kiew und Odessa vermochte nur Lemberg unter den ukrainischen Städten ähnliches in mir auszulösen. Dabei wurden in meiner Klaviatur der Erwartungen hier verschiedenste Tasten berührt. Lemberg als jüdisches Zentrum Europas, als alte polnische Universitätsstadt oder als legerer Endbahnhof des kakanischen Imperiums. Und das war nur der Anfang einer unüberschaubaren Assoziationsswolke die vor mir aufploppte sobald ich an die alte Hauptstadt Galiziens dachte. Und bei all den hoch aufgetürmten Erwartungen kann ich nach mickrigen zwei Tagen Stadturlaub nur sagen: Es ist alles noch viel besser als erhofft!

So einzigartig und lobhudelnswert die galizische Königin auch ist, die Imagekampagne ließ mich doch etwas zweifelnd zurück.

Das Zentrum der 728.000-Einwohnerstadt ist von den Zerstörungen des 2. Weltkriegs vergleichsweise unberührt geblieben. Somit handelt es sich bei Lemberg um eine der wenigen osteuropäischen Städte, welche noch ein nahezu unversehrtes wie authentisches Stadtbild einer slawischen Großstadt der Vergangenheit heraufbeschwören kann. Dazu befindet sich Lemberg in einem, jedenfalls mir gefallenden Dämmerzustand zwischen Verfall und Auferstehung. Vieles macht einen maroden und kaputten Eindruck, kann aber problemlos neben neuen Lokalen oder sanierten Häusern koexistieren ohne einen Eindruck von Stilbruch und Planlosigkeit zu erzeugen. Lemberg gehört ohne jeden Zweifel in jene Kategorie von Städten, in denen ich schon nach dem ersten Flanieren gleichzeitig juchzen wie heulen möchte. Die pralle Dichte an Geschichte, Kultur, Gastronomie, Sehenswürdigkeiten und Menschen, welche mich hier interessiert, entzückt wie überfordert mich gleichzeitig. Drum wisse, geschätzter Nachreisender, wenn du Lemberg als Zwischenstation wählen solltest, wisse um die Reisezeit verschlingende Allmacht dieser unauffälligen galizischen Schönheit.

Tschornohora/Swydiwets – Auch wenn wir bei weitem nicht alles gesehen haben von den verschiedenen Gebirgen der ukrainischen Karpaten, die beiden oben genannten Gebirgszüge gehören wohl unumstritten zu den Sahnehäubchen im Angebot. Der hervorstechendste Charakterzug der die hiesigen Berge auszeichnet, sind jene im slawischen Raum unter der Bezeichnung “Polonina” (Bergwiesen oder Almen). Endlos erscheinende Wiesen, die sich auf einem mählich emporsteigenden Kamm vor dem Auge ausbreiten und die meisten Wandererherzen höher schlagen lassen. Wem das lebensfeindliche, alpine Gedöns nichts mehr ist, wer aber auch nicht ständig durch bewaldete Mittelgebirge stapfen will, der ist hier genau richtig. Bei gutem Wetter kann man hier tagelang ohne Zivilisationskontakt den Weg und das Dasein genießen. Beide Gebirgszüge lassen sich entspannt miteinander zu einer Wanderung verbinden (natürlich muss man zwischendurch wieder hinunter und hinauf!) Wasser ist für den aufmerksamen Pfadfinder selbst im Hochsommer kein Problem. Verpflegung sollte dagegen ausreichend dabei sein. Beide Gebirgszüge verfügen auf Kammhöhe über keinerlei Möglichkeit zum Lebensmittelerwerb.

Schöne Orte (noch unbesehen)

Mukatschewo – Neben dem administrativen Zentrum Transkarpatiens, Uschgorod, ist Mukatschewo so etwas wie das inoffizielle Zentrum und bester Ausgangspunkt für die Entdeckung Transkarpatiens. Nebenher hat die Stadt auch noch einiges mehr zu bieten. Hier kann nicht nur die Burg Palanok (im 14. Jahrhundert erbaut) besichtigt werden, auch die älteste Brauerei der Ukraine befindet sich hier.

Das Narzissental – nahe der Stadt Chust kann im Frühling eines der spektakulärsten Naturschauspiele Europas genossen werden. Auf einer Fläche von 170ha blühen hier lückenlose Felder von Stern-Narzissen. Das Vorkommen dieser Blume in diesen Höhenlagen ist einzigartig, denn normalerweise gedeihen sie auf Bergwiesen, kommen unter anderem in den Alpen vor. Es wird vermutet, dass der Gletscher als er von den Bergen herunterrutschte eine Erdschicht mit Bergpflanzen mitgenommen hat, unter welchen sich auch die Narzissen befanden.

Tscherniwzi/Tschernowitz – obzwar eher in Randlage der hier betrachteten Region könnte die ehemalige Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina ein würdiger Schlusspunkt jeder Transkarpatienreise sein. Wenn Lemberg an allen Ecken mit seinem matten Glamour an die große Zeit Polens erinnert, so muss Czernowitz als ein in Würde gealtertes Klein-Wien mit sowjetischer Patina erscheinen.

 

 

 

Entschleunigte Heimkehr

Obzwar das richtungsweisende Heimfahrttrikot frohgemut übergestreift wurde, will uns die liebgewonnene Ukraine nicht so schnell gehen lassen. Der Weg zurück in den sicheren Schoß Standardeuropas ist verziert durch einen jener legendären Rückstaus, welche der Legende nach schon zu Verzweiflungtaten wie resignierten Stadtgründungen oder lustlosen Selbstmordexzessen führten. Wie dem auch sei – wir genießen jeden zusätzlichen Augenblick im Geliebten Land und schauen lässig in den Sonnenuntergang.

Neues aus den Bergen

Nach einer knappen Woche Transkarpatien hier ein erster Rapport für all die Lieben an den heimischen Empfangsgeräten. Zunächst, zur Anreise: alles lief glatt, die Eisenbahn bewies sich ein weiteres Mal als verehrungswürdiger Garant schnörkellos solider Fortbewegung. Zumindest in der Tschechoslowakei. Auch die erwarteten Mühseligkeiten an der Grenze des Heiligen Europäischen Reichs traten nicht im Entferntesten ein und so traten wir bald aus Standardeuropa heraus und erblickten bei strahlendem Sonnenschein die Ukraine.

Blühende Landschaften mit Ausblick auf die nächsten Tage

Und es gefiel auf den ersten Blick. Sicherlich, die offensichtliche Armut verbittert die Süße des Ersteindrucks. Doch so man es versteht, diese beiseite zu rücken ohne sie zu übersehen, findet man sich sofort in einem Land, welches einen mit positiven Eindrücken erschlägt. Freundliche, herzliche Menschen, welche in einem aberwitzigen Kauderwelsch aus slowakisch, russisch, polnisch und ukrainisch auf einen einschwatzen; jede Menge menschenleere, wunderschöne Natur; schmackhaftes Essen und etliche andere Dinge mehr, die mein Herz erfreuen. 

Augen-, Gaumen- und Magenweide in einem

Kurzum die Sonne scheint (obwohl die Karpatengeister auf einem täglichen Regenguss bestehen) und uns geht es gut. Nun fräsen wir uns immer tiefer mit Kurs Südost hinein in die Karpaten. Vielleicht fällt ja zwischendurch mal wieder ne Tüte WLAN vom Himmel für einen weiteren Zwischenbericht.