Frisch gelesene Bücher: Postkapitalismus

In Zeiten wie diesen (welche sich im übrigen auch nicht sonderlich von anderen Zeiten, insbesondere jener oft zitierten guten, alten Zeit unterscheidet), in dem sich mal wieder etwas mehr aufgeregt und besorgt wird, sind Bücher von trockener, rationaler Gegenwartsanalyse kostbare Schätze. Wenn zahlreiche glitzernde Stellvertreterkonflikte sich in den gesellschaftlichen Mittelpunkt drängen, wenn aufgebauschte Angst sich mit schwach verhohlener Besitzstandswahrung paart und auch sonst allerorten die Zwerge lange Schatten werfen, dann ist ein solch erfrischendes Buch wie das von Paul Mason genau das richtige um neue Kraft zu tanken und den Blick auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Mit “Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie” hat Mason etliche kluge Gedanken zum “Kern des Pudels” zu Papier gebracht. Die meisten der haarspalterischen und erbitterten Diskussionen der letzten Jahrzehnte, welche um Zukunft und Entwicklung unserer Gesellschaft kreisen, sparen bewusst oder unbewusst ein konkretes Problem aus: Kapitalismus. Und genau hier setzt Mason an. Unbefangen und schwungvoll aktualisiert er die Traditionsbestände linker Theorie, zeichnet ein (für die Kürze) unfassbar gehaltvollen wie pointierten Abriss der Arbeiterbewegung, rechnet schonungslos mit dem Neoliberalismus ab und entwirft dann doch überraschend ungelenk seine Thesen für einen Übergang zu einer neuen Ordnung. Dass eben dieser Entwurf nicht wirklich zu überzeugen weiß, schmälert den Wert dieses Grundrisses aber keineswegs. Schließlich versteht Mason den Übergang zu eben jenem Postkapitalismus als eine ähnlich tiefgreifende Transition wie der Übergang vom Feudalismus zum Merkantilismus und schließlich zum Industriekapitalismus. Historische Übergänge dieser Güte sind nun einmal schwer planbar. Hier wird schnell klar: Postkapitalismus wird harte Arbeit.

So eindringlich und inspirierend  der Aktionsplan des “revolutionären Reformismus” auch daher kommt, so bleibt dies trotzdem der am wenigsten überzeugende Teil des Buchs. Die Feststellung, dass sich gegenwärtig schon reichlich postkapitalistische Strukturen behaupten, also Geschäftsformen, die sich den ehernen Gesetzen der profitorientierten Ökonomie entziehen, so ist dies eine Feststellung, die aber nichts bedeuten muss und vielleicht die Anpassungsfähigekeit, keinesfalls aber die Widerstandskraft des Kapitalismus überstrapazieren könnte. Und auch wenn hier jede Menge interessanter Beobachtungen zur Neuinterpretation der Rolle des Menschen in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft stecken, weiß Mason um die Kritikwürdigkeit seiner Thesen wenn er ironisch anmerkt, dass er sich freuen würde, wenn seine Prinzipien “von einer wütenden Menge in der Luft zerrissen und vollkommen überarbeitet würden.”

Der Wert dieses Buchs, welcher mit so viel Kraft und Ideen gespendet hat, liegt vielmehr in seiner historischen und theoretischen Pionierarbeit. Die Beschreibung des Ist-Zustands und seiner historischen Ursachen ist so verständlich und fundiert beschrieben wie ich es lange nicht mehr erlebt habe. Hier fährt Mason zu brillanter rhetorischer Stärke auf und wäre so manchem Zeitgenossen dringend zur Lektüre empfohlen. Und so möchte ich auch schließen, denn wenn man an Masons Gedanken auch einiges kritisieren und bemängeln kann, so ist es zumindest ein vielversprechenderer Ansatz als die halb-faschistische Säuselei, die mit den üblichen einfachen Antworten und der Sehnsucht nach Autoritärem den offensichtlichen Schlamassel zu begegnen sucht. Einmal mehr begreife ich, wie nötig Aufklärung gegenwärtig ist, doch mit diesem Buch in der Hinterhand mag diesem hehren Ansinnen vielleicht ein wenig mehr Erfolg beschieden sein.

Münzenberg – MZB018 – SPEZIAL der Wahl

Koalitionsgemüse
Frühstück am Wahlsonntag – orakelig, knackig und verführerisch

Zwischen Havelland und Pierogarnia pendeln wir die Ergebnisse der Berlinwahl aus. Mit dabei im zweiten Teil des Gesprächs der “Besamer” (Stichwort: Sonnenblumenkernkraft) des Weddings, Daniel Gollasch, der uns mit jeder Menge Ja/Neins und der Kraft des Konjunktivs spektakuläre Inneneinsichten in den Politikbetrieb bietet.

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Bei Minute 57 plumpst die Frage “Was tun?!” in gähnende Leere. Grund ist nur zum Teil die Ahnungslosigkeit der Diskutanten, sondern vielmehr eine Gesprächspause in deren Folge der rote wie auch der grüne Faden verloren ging.

Wer das das Thema noch einmal strukturiert, durchdacht und vorzüglich aufbereitet haben möchte, dem sei ein weiteres Mal die Lage der Nation empfohlen. Pflichtpodcast!

Erstmals auch im zukunftsträchtigen OPUS-Format (mit 24 kbps) – ich bitte um feedback so ihr es nutzt!

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Fünfzehn Jahr, graues Haar

2016-09-18-00-04-39Und dann war es auf einmal soweit. Der alte Mann hatte Geburtstag und ließ es noch einmal richtig krachen. Sprich: ein ruhiges Häuschen im Havelwald, ein paar derjenigen Zweibeiner, die er noch zweifelsfrei zuordnen kann, die lärmige Tochter und jede Menge Grillfleisch. Ein wenig überrascht wirkte er dann aber doch, als er Mitternacht sanft geweckt wurde und im Mittelpunkt der Party stand. Mit gelassener Anteilnahme wurde flugs der Geburtstagskuchen verputzt um sich darauf nach all dem Trouble wieder eine gehörige Portion Schlaf zu gönnen. Danke dem besten Hund der Welt für diese anderthalb Jahrzehnte. Auf die nächsten 15!

Frisch gelesene Bücher: Der Circle

Ein Buch aus der Kategorie der schwergewichtigen Anspruchsverheißungen der jüngsten Jahre. “Der Roman unserer Epoche” prangt auf dem Buchrücken, “jeder muss es lesen” meint Julia Zeh und “Brigitte” hyperventiliert gar mit der Aussage, dass “man sein Smartphone leicht angewidert in die Ecke pfeffert und stattdessen mal wider mit einem Buch ins Bett geht”. Nun, ich, der ich tatsächlich noch jeden Abend mit einem Buch ins Bett gehe, möchte den Versuch unternehmen, den vollmundigen Einschätzungen meiner Vorredner noch ein paar Dinge hinzufügen und versuchen, das Buch etwas unaufgeregter einzuordnen.

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Keine Frage, es handelt sich hierbei um ein recht spannend erzähltes und zweifellos eine empfindliche Stelle des Zeitgeists berührendes Werk. Die Möglichkeiten umfassender Transparenz und totaler Ausdeutung des Individuums welche die digitale Revolution mit im Handgepäck führt, ist ein allgegenwärtiges Thema und bleibt bis auf weiteres ein schwer zu kalkulierendes Wagnis für die Entwicklung der modernen Gesellschaft. Ganz im Tenor zur Diskussion des letzten Podcasts kann das hier Heranwogende gleichermaßen als Bedrohung wie als Chance wahrgenommen werden.

In diesem Spannungsbogen arbeitet sich die Geschichte ganz anschaulich ab und stößt auf zahlreiche offene Fragen, die eine Weiterentwicklung der Informationsgesellschaft zwangsläufig aufwirft. Wie weit geht das Recht auf Anonymität? Sollte jede menschliche Aktivität messbar sein? Wo liegt die Grenze zwischen Öffentlichem und Privaten? Kann massive Datensammelei nicht auch kontraproduktiv für wahres Verständnis sein? Und zwischen all dem die stets präsente Frage: Ist all dies in einem kapitalistisch, gewinnmaximierenden Rahmensystem überhaupt auch nur ansatzweise eine gute Idee? Fragen über Fragen, die hier teils ganz gut angeschnitten werden, teils recht grob durchs Dorf getrieben werden. So muten manche Szenarien des 2013 veröffentlichten Buchs oft recht putzig an und lassen sich nur mühevoll mit irgendeiner denkbaren Realität vereinen. So erschien mir der gesamte Roman wie eine Melange aus fein herausgearbeiteter Dystopie mit wenig überzeugenden Versatzstücken aus dem Effektentopf. Auch die ewige Dämonisierung der “bösen” Internetkonzerne erscheint mir hier ein allzu plattes Mittel, welches in dieser Diskussion zwar gerne angewendet wird, die eigentliche Vielschichtigkeit des Themas aber erfolgreich verstellt.

Nichtsdestotrotz doch alles in allem ein lesbares Stück Zeitgeschichtsdestillat über das es sich Nachzudenken und zu Diskutieren lohnt. Der interessanteste Aspekt hieran erscheint mir aber eher die Sichtweise auf dieses Buch in 20-30 Jahren. Werden wir lächeln oder stöhnen?

Frisch gegessene Küchen: Togo – Wedding – Relais de Savanna

Die Sonne brutzelt, der Asphalt schlägt Blassen, die Luft schwirrt – was liegt da näher als unseren afrikanischen Freunden einen kulinarischen Besuch abzustatten. Das Relais de Savanne ist ein lässiges kleines Restaurant in der Prinzenallee, dass schon viel zu lange auf meine Inspektion gewartete hatte. Mit freundlicher Herzlichkeit wird man hier empfangen und kann aus einer entspannt übersichtlichen Speisekarte wählen. Wir entschieden uns für Fisch mit Yamswurzeln und Rindfleisch-Gemüse-Topf sowie einen Avocado-Garnelen-Salat.

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Kurz gesagt: Alles war ein solider Hochgenuss. Frisch und knackig der Salat, knusprig der Fisch, zart das Fleisch und für mich die absolute Überraschung die Yamswurzeln! Kompakt in der Konsistenz und mit leicht süßlichen Beigeschmack erfreuten sie meine Geschmacksknospen und erschlugen binnen kürzester Zeit meinen Magen. Zweifellos ein äußerst überzeugendes Komprimat unter den effektiven Sattmachern. Hier gibt es jede Menge periphere Sterne und eine absolute Hingehempfehlung, gen auch ohne Kaffee-to-go.

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relais de savanna – Prinzenallee 33 – 13359 Wedding
Montag: Ruhetag

Dienstag&Mittwoch: ab 14 Uhr

Donnertag-Sonntag: 14 Uhr – open end

Münzenberg – MZB017 – Zukunftsmusik

Wo geht es hin? Wer kommt mit? Und vor allem wie?
Wo geht es hin? Wer kommt mit? Und vor allem wie?

Immer wieder deuteten wir in vorangegangenen Podcasts an, über das Thema des Widerspruchs von technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung reden zu wollen. Zahlreiche Gespräche hierüber gingen off record ins Land. Nun aber nehmen wir all unseren Mut zusammen und versuchen unsere Gedanken zum Thema zu bündeln.

  • Alte Folgen der “Sanft und Sorgfältig”-Ära sind nun auch (dank teranas) im feed von “Fest und Flauschig”
  • Dank und Ehrerbietung für diesen und viele Abende davor geht an die Pierogarnia
  • der erwähnte Vollmond-Newsletter samt der Information vom 16.8. (Machen wir ein kleines Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, man würde alle 7,4 Milliarden Menschen dieser Erde nach Deutschland bringen und dort gleichmäßig verteilt aufstellen. Alle Menschen dieser Welt in diesem einen Land! Wie viele Menschen würden dann auf einem Quadratmeter in Deutschland stehen? Schätzen Sie einmal … man denkt an Menschenmassen, man denkt an Enge, an Menschen, die Schulter an Schulter stehen … weit gefehlt! Jeder einzelne Mensch hätte dann etwa 48 Quadratmeter Raum für sich und der Rest des Erdballs wäre menschenleer …)
  • die These des Buchdruck-Internet-Vergleichs hab ich aus der Buchrezension über “Die granulare Gesellschaft” von “In trockenen Büchern”
  • das schwedische 6-Stunden-Modell
  • Die “Roboter-Revolution” – nur noch wenige Tage zu sehen!
  • Ab 2025 nur noch mit dem E-Auto nach Norwegen
  • Asyl in Island
  • Berggeschenk unter Nachbarn
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Frisch gegessene Küchen: Orient, Wedding, Mandi

Nach langer Zeit des Darbens hier mal wieder ein kleiner kulinarischer Querverweis. Vor einigen Monaten bereits eröffnete in unmittelbarer Nachbarschaft ein Restaurant, welches mit Köstlichkeiten der arabischen Küche auf sich aufmerksam machte. Früher gab es hier Spanferkel to go, heute Lamm, Falafel und Hummus. Die Fraktion der besorgten Speisepatrioten ächzt auch hierzu in gewohnt gequälter Manier. Uns vaterlandslosen Bauchmenschen dagegen gefiel alles sehr gut. All die lieb gewonnenen Leckerbissen sowie ein paar mir unbekannte Attraktionen der arabischen Küche werden hier frisch und preiswert feilgeboten.

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Einziger Wermutstropfen: Lamm war leider aus. So kam Hähnchen auf den Tisch. Das überzeugte jetzt zwar nicht in jeder Hinsicht (gut gewürzt, aber zu trocken) doch das Gesamtkunstwerk verdient uneingeschränkt Anerkennung. Eine willkommene Bereicherung des unmittelbaren Genussgebiets. Detailliertere Ausführungen auf dem wie gewohnt bestens informierten weddingweiser.

Mandi – Orientalische Spezialitäten
Seestraße 57 (Ecke Turiner Straße)
13347 Berlin, täglich von 11 Uhr bis Mitternacht geöffnet 

Ratgeber: Wandern in der Niederen Tatra

Im Dienste von Aufklärung und Bildung sowie in dem festen Vertrauen, dass Reisen einer der besten Freunde dieses tapferen Gespanns ist, möchte ich ein weiteres Gewächs in dieses digitale Potpourri stecken: Einen Reiseführer! So lautet jedenfalls der antiquierte Ausdruck für Veröffentlichungen dieser Art, die es sich seit etwas mehr als zwei JAhrhunderten zur Aufgabe gemacht haben, den Fremden mit ausreichend Rüstzeug zu versehen, damit er bestens vorbereitet unbekannte Gefilde entdecken kann. Leicht irritiert beobachte ich nun schon seit längerem mit immer größerer Ungeduld, dass sich trotz immer weiterer Ausdeutung des Individuums und blitzschneller digitaler Technologien, die Qualität dieses Mediums nicht wirklich revolutioniert wird. Ich spreche hier von jener Art eines Reiseführers wie er von Douglas Adams seinerzeit visioniert wird. Der Anhalter, er wäre in Zeiten allgegenwärtiger Netzpräsenz und wasserdichter, kratzfester Tablets technisch möglich – so sind wir der Idee eines, den wechselhaften Umständen jederzeit anpassbaren Reisenachschlagwerks näher denn je. Selbstverständlich müssen die Wissensbausteine möglichst klein und überschaubar gehalten sein damit dies irgendwann die Chance hat, Teil jenes erstrebten,  granular zusammengesetzten Gesamtkunstwerks zu werden. Ich fange einfach mal an.

Wanderung auf dem Kammweg der Niederen Tatra (Donovaly-Telgart)

Ich werde versuche hierfür alle relevanten Informationen zusammenzutragen und regelmäßig zu aktualisieren. Natürlich freue ich mich dabei über jegliche Mithilfe und Unterstützung.

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Andere Wissensquellen: Im Netz fand ich nicht sehr viel, was u.a. eine der Motivationen für diesen Artikel hier war. Der Erlebnisbericht von 2008 auf dem Dresdner Blog “Dorrits Space” und Etappenübersichten auf slowakia.travel waren jedenfalls nach meiner Recherche die einzigen Quellen, welche einen gewissen Mehrwert boten. Einen vorzüglichen Überblick der Wegstrecke bietet in gewohnt solider Manier das Online-Karten-Portal turistika.freemeap.sk. Echte Wanderkarten im Maßstab 1:50000 können vor Ort mühelos erworben werden.  Als ganz korrekte Lektüre aus Totholz kann hier Slowakei:Weg der Helden aus der Reihe “Der Weg ist das Ziel” des Conrad Stein Verlags erwähnt werden. Darüber hinaus kann ich nicht mehr empfehlen, da ich schlichtweg keine weiteren Bücher zum Thema gesichtet habe.

Anreise: In weniger als 12 Stunden ist dies aus Berlin möglich. Der entscheidende Knotenpunkt dürfte hier auch aus anderen Teilen der Republik Prag sein. Von hier fahren reichlich Züge in die Slowakei (Prag-Žilina, 11 Mal am Tag). Aus der Erfahrung heraus empfehle ich hier einen der Nachtzüge zu nehmen. Ob nun gewagt auf leere Abteile spekulierend im Sitzplatzwaggon oder der Liegewaggon – das bleibt euch überlassen. Ankunft in jedem Falle in der Frühe und der ganze Tag liegt noch vor euch!

Herumreisen: Verkehrstechnisch ist die Niedere Tatra vorzüglich eingebunden und erschlossen. Obwohl man sich vom großen Bruder im Westen vor etwas mehr als 20 Jahren einvernehmlich trennte, hat man die guten Dinge der gemeinsamen Jahre belassen und weiter aufgebaut, sprich: das Eisenbahnwesen, wie der gesamte öffentliche Nahverkehr sind in allerbesten Zustand. Das Gebirge wird von fröhlich surrenden Eisenbahnen umsäumt: Im Norden die flinke Expressstrecke Košice–Žilina und im Süden die etwas gemächlichere Verbindung Banská Bystrica–Červená SkalaMargecany. Sollte man während der Wanderung aus diversen Gründen zwischen diesen beiden Verbindungen wechseln wollen, ist dies am besten per Bus zu bewerkstelligen.

Charakteristik der Region: Die Niedere Tatra (slowakisch: Nizke Tatry) ist ein sehr hohes Mittelgebirge im Herzen der Slowakei. “Sehr hohes” Mittelgebirge deutet darauf hin, dass es keinesfalls als lupenreines Mittelgebirge zu sehen ist, aber die Höhen die einige Male um die 2000 m auflupfen bei weitem auch nicht dazu berechtigen würden, es als Hochgebirge zu bezeichnen.

Schon ein oberflächlicher Blick auf den Gebirgszug offenbart, dass die Niedere Tatra aus zwei Hauptteilen besteht: Ďumbierské Tatry (westlicher Teil) und Kráľovohoľské Tatry (östlicher Teil). Die Namen ergeben sich aus den jeweils höchsten Bergen (Ďumbier, 2043m und Kráľova hoľa, 1946m) der beiden Teile. Die zwei Gebirgsgeschwister unterscheiden sich in vielen Punkten voneinander, so dass man fast geneigt ist, sie als verschiedene Gebirge ansehen zu wollen.

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Entsprechend des allseits bekannten Ost-West-Schemas könnte man sich auch hier versuchen metaphorisch zurechtzufinden. Der Westen ist zweifelsohne die Glamourpassage mit den höchsten Gipfeln, alpinem Flair, Wintersportgehabe und mehreren Bergunterkünften mit gastronomischer Finesse, die den entbehrungbereiten Wanderer leicht auf andere Gedanken bringen können. Der Osten dagegen weiß auf den ersten Blick zunächst mit einer großen Palette an Mangel zu überzeugen. Kaum Menschen, Gastronomie oder gar Wintersportangebote, außer Schnee. Selbst einen Wanderweg muss man vielfach erbittert suchen und das will auf einem Kammweg schon was heißen, doch der zugewucherte Dschungel der Kráľovohoľské Tatry befindet sich jenseits der Welt der ausgetretenen Pfade. So man aber um diese Ausstattung weiß, kann man hier herrlich belohnt werden. Mitten in Europa unter Bären und Beeren nahezu allein, hoch über allen zu lustwandeln ist ein unschätzbarer Luxus, der heutzutage immer seltener zu finden ist.

Regeln&Gesetze: Die Niedere Tatra bietet dem zivilisationsmüden Naturfreund ungeahnte Möglichkeiten um sich im Herzen des sonst so zersiedelten und überregulierten Mitteleuropas auszuleben. Sicher, man sollte die angebrachten Schilder, welche auf gesonderte Rechte der Natur hinweisen, ernstnehmen. Hier gelten strengere Gesetze, die zelten, Lagerfeuer, ja, das schlichte Verlassen des Wanderwegs untersagen. Doch schon das einfache Kartenstudium zu Beginn der Wanderung zeigt die heiklen Schutzzonen, die auch dieser Kamm durchquert, so das man dies in die Planung aufnehmen kann und es vermeidet hier übernachten zu müssen. Zudem bieten sich manche lebensfeindlichen und windzerzausten Gegenden per se nicht zum Übernachten an. Doch so man Wanderkarte wie Hinweisschilder aufmerksam im Auge behält, sind die Gelegenheiten für ein freies und wildes Pfadfinderabenteuer hier noch recht ungefährdet. Speziell im Ostteil der Niederen Tatra, die man größtenteils für sich allein hat, bleiben diesbezüglich kaum Wünsche offen.

Ausrüstung/ Fitness: Dieser Kammweg ist für mittelfitte Wanderer locker in einer Woche zu schaffen. Als Einstieg zwar nicht zu empfehlen, können hier schon gering erfahrene Wanderer erste Meriten sammeln. Zur Ausrüstung muss nicht viel gesagt werden. Der normale Goldstandard für draußen: festes, knöchelhohes Schuhwerk mit ausreichend Profil und optionalen Gamaschen, Regenschutz, Zelt, Schlafsack, Taschenlampe, Messer, Kocher, Proviant (für drei Tage, den Rest kann man auf den Hütten dazu kaufen).

Sonstiges: Ein gesonderter Hinweis hier noch zu den Wegweiserangaben, die auf slowakischen Wanderwegen den Reisenden mit Informationen zur Strecke versorgen. Die Wegweiser entlang der Strecke sind an sich schon Empfehlungen für Tagesetappen.

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Sie verweisen manisch auf ein Tagesziel und nie darüber hinaus. Erst wenn man das Tagesziel erreicht hat, erfährt man neue Angaben zu der weiteren Wegführung. Die zu bewältigende Strecke wird hier wohlweislich in Stunden angegeben, da einen bei derlei bergigen Strecken eine Kilometerangabe nicht sonderlich weiterhelfen würde. Doch besagte Zeiten sind unbedingt mit Vorsicht zu genießen. Eingangs erwähnte ich, dass das letzte Ziel eines neuen Wegweisers durchaus als Tagesettapenziel zu verstehen sei. So verwundert es doch erheblich wenn man hier Zeiten wie 4 oder 5 Stunden sieht. Selbst wenn man annehmen kann, dass hier selbstverständlich jegliche Pausen rausgerechnet sind und die reine Laufzeit gemeint ist, so verwundert eine Angabe von 4 Stunden für einen Wandertag doch enorm. Und, nein, es ist nicht die faule Lesart, die solche Wegweiser erklären könnte, sie sind schlicht und einfach heillos untertrieben. Rechnet bitte locker noch einmal ein Drittel drauf. Dann kommt es ungefäht hin. Die, auf den Wegweisern angegebenen Nahziele (alles unter 1h) stimmen dafür meist ziemlich genau.

Routenempfehlung: Laufrichtung Ost-West oder West-Ost?

In meinen Augen spricht viel für West-Ost. Hauptsächlich aufgrund der Startetappe. Nichts gegen einen gepflegten Aufstieg am Morgen, doch der Anstieg von Telgart auf den Kráľova hoľa erscheint mir einfach als undankbarer und vermeidbarer Kraftakt um den Kamm zu erobern. Außerdem sollte natürlich auch bedacht werden, dass die Anreise nach Telgart (von Deutschland aus) etwas länger ist. Der Trumpf von wegen zweimal Umsteigen und weniger als 11 Stunden später kann losgewandert werden würde hierbei entschieden angekratzt werden. Die, im weiteren Test vorgestellten Tagesetappen sind als Orientierungspunkte zu verstehen, die frei und flexibel den eigenen Bedürfnissen wie den äußeren Umständen angepasst werden können. Nur eines ist sicher und von Bestand: Es ist der rote Weg!

Voretappe/Aufwärmrunde: Donovaly – Hiadel’ské Sedlo (Höhenmeter: 550 m/ Distanz: 9 km)

Dank der hervorragenden Über-Nacht-Verbindung erreicht man Ružomberok sehr früh. Daher kann man sich hier sehr viel Zeit lassen mit Aklimatisierung, Einkäufen und jeglichen anderen Erledigungen. Dann nimmt man einen Bus nach Donovaly (ca. halbstündlich Richtung Banska Bystrica, nähere Auskünfte hier) vom, an den Zugbahnhof angeschmiegten Busbahnhof. Donovaly ist eines dieser, für mich von jeher schwer verständlichen Zentren für Menschen, die in den Bergen Urlaub machen ob wohl sie die Berge nie betreten. Hier gibt es jedenfalls ausreichend Gelegenheit um jeglichen kulinarischen Gelüsten oder möglichen letzten Einkaufsideen nachzugehen. Sobald man die ersten Meter hinter sich gebracht hat, dürfte man über 1000 Höhenmeter sein (Donovaly liegt auf 980 m) eine Höhe die der Wanderer bis zum Ende des Kammes nie wieder unterschreiten soll. Die eigentliche Wegstrecke ist heute eher überschaubar und eine ideale Einstiegsetappe. Ungefähr drei Stunden reine Laufzeit führen bis zum Hiadel’ské Sedlo. Hier gibt es eine unbewirtschaftete Útulňa, Wasser und eine Wiese zum zelten auf einer Höhe von 1099 m. Ein hervorragendes Basiscamp, welches ich zweifelsohne der Alternative vorziehen würde, von Donovaly in einem Zug zum Tagesetappenziel des nächsten Tages durchzuziehen. Länge, Höhe und Anspruch einer solchen Etappe würden jedenfalls mich für den Anfang deutlich überfordern und ich empfehle speziell Anfängern sich am Anfang nicht zu überschätzen und es langsam angehen zu lassen.

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1. Etappe: Hiadel’ské Sedlo – Útulňa pod Sedlom Durkovej (Höhenmeter: 1300 m/ Distanz: 16 km)

Ein Anstieg am Morgen, der dem Weg der Helden angemessen ist. Doch nach drei Stunden sollte selbst der letzte Held es geschafft haben. Dafür kann man nun endlich, befreit von all dem Sicht versperrenden Gehölz einen freien Blick auf all die Schönheit um einen herum werfen. Einzig die künftigen Riesen, welche der gewählte Pass demnächst überquert sind von hier noch nicht auszumachen. Nach diesem Aufstieg schlängelt sich der Weg in harmlosen Steigungen sanft den Kamm entlang. Ja es geht sogar empfindlich bergab bis auf 1476 m beim Sedlo pod Skalkou. Finaler Höhepunkt des Tages ist der Durková. Spektakuläre Sicht und erstmals Blick auf die Berge von morgen. Angekuschelt an diesen Berg findet sich die Útulňa für den Abend. Einige kostbare Höhenmeter müssen hierfür hergegeben werden, doch die läppischen 100 m sind es wert, denn hier lockt eine überdachte Schlafgelegenheit (zelten gratis möglich), Bier und auf Nachfrage köstliche Suppen.

  • Die Útulňa ist auch das Zuhause von vier stattlichen Berghunden. Wanderern, die mit Hund unterwegs sind, sollten daher auf der Hut sein

  • erstes Trinkwasser seit Siadelske Sedlo (andere Laufrichtung Chopok), bedenkt also, dass die am Morgen aufgefüllten Wasservorräte bis hierher reichen müssen

2. Etappe: Útulňa pod Sedlom Durkovej – Útulňa gen. M. R. Štefánika (Höhenmeter: 700 m (ohne Dumbier-Aufstieg)/ Distanz: 20 km)

Prinzipiell ist diese Etappe durchaus auch bis Certovica denkbar, aber was will man schon an einem seelenlosen Motorest wenn man die Nacht auf dem Kamm in einer schnuckligen Útulňa verbringen kann.

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Der Aufstieg, der am Abend verlorenen Höhenmeter zum Morgen ist hart aber kurz. Danach ist man wieder auf Kammhöhe und schlendert lässig auf die höchsten Gipfel der Niederen Tatra zu. Der Chopok stellt ohne jeden Zweifel das Epizentrum touristischer Erschlossenheit dar. Dank zahlreicher Seilbahnen wimmelt es hier vor Menschen und die Chata offeriert feinste slovak cuisine. Nach dem Chopok führt der Weg an einem Abzweig vorbei von dem man auf den Dumbier, den höchsten Berg der Niederen Tatra, erklimmen kann. Es empfiehlt sich, den Rucksack hier irgendwo zu verstecken und derart luftig beschwingt den Gipfel zu erstürmen. Empfohlene Aufstiegszeit 30 Minuten/ Abstiegszeit 20 Minuten. Nach diesem Abzweig ist es nur noch eine knappe Stunde bis zur Útulňa gen. M. R.Stefanika. Hier handelt es sich um die größte Útulňa des Gebirges und sie steht auf diese Weise tatsächlich in auffälligen Kontrast zu der Útulňa der Vornacht. Nichtsdestotrotz herrscht hier ein angenehmes, fröhliches Leben in Küche und Gastraum, die Aussicht von der Terrasse ist phänomenal auf der man sich mit einem kühlen Bier mit dem beruhigenden Gedanken setzen kann, den gewaltigsten Teil der Strecke bewältigt zu haben.

  • Zelten gegen Aufpreis (€5) erlaubt

  • Hunde im Gastraum verboten

3. Etappe: Útulňa gen. M. R. Štefánika – Útulňa Ramža (Höhenmeter: 800 m / Distanz: 16 km)

Für diesen Tag sehe ich zwei Möglichkeiten als gangbar an. Einerseits wie oben angezeigt bis zur nächsten (unbewirtschafteten) Schutzhütte oder ein kleines Stück weiter bis zu der wunderschönen Bergwiese pod Homolkou. Die Entscheidung hierfür ist wetter- und konditionsabhängig zu treffen. Vorteil der längeren Etappe ist zweifelsohne, dass die nächste Etappe hierdurch deutlich verkürzt wird.

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Der “Abstieg” nach Čertovica verwirrt zu Beginn eher durch leichte Anstiege als durch nenneswerte Höhenmeterverluste. Doch irgendwann geht es schließlich doch hinab zu der einzigen, das Gebirge durchschneidenden Autostraße und der Grenze zwischen den beiden Gebirgsteilen.Čertovica bietet zwei Lokale und ein Hotel (keine Einkaufsgelegenheit!) und eine Bushaltestelle. Der Weg nach Ramža führt sanft bergan und zeigt hiermit den veränderten Charakter des Kamms in diesem Gebirgsteil für die nächste Zeit an. Der Weg führt durch waldiges, im Sommer stark zugewuchertes Gelände. Der Weg ist hier aufgrunddessen mit abgerissenen Stückchen Flatterband markiert, da die üblichen Wegzeichen hier ohne jeden Zweifel nicht erkennbar wären. Ramža ist relativ schnell erreicht. Es handelt sich um eine hervorragend ausgestattete Hütte mitten im Wald. Sie dürfte ca. 15 Leuten Schlafraum bieten, Quelle vorhanden, Zeltgelegenheiten ebenso.

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Empfehlungen im Falle des Weitermarschs bis “pod Homolkou”: Ein gutes Beispiel für die eingangs kritisierten Wegweiserzeiten. Von Ramža soll es bis zu dieser Bergwiese nur eine Stunde dauern. Nehmt lieber 1,5 h an. Vor dem Aufstieg zum Homolka sollte man unbedingt an der ausgewiesenen Quelle noch Wasser auffüllen. Danach befindet man sich recht schnell auf einer besagter Bergwiese. Ein entzückender Platz zum Übernachten.

4. Etappe: Útulňa RamžaÚtulňa pod Andrejcovou (Höhenmeter 1500 m/ Distanz: 20 km)

Hier zahlt sich nun das am Abend zuvor Zurückgelegte aus. Beide Etappen führe ich hier in der Beschreibung aber der Einfachheit halber in der Útulňa Andrejovcou wieder zusammen. Sollte es nötig sein, kann auch immer auf dem Sedlo Priehyba eine Pause eingelegt oder sogar das Lager für die Nacht errichtet werden.

Der Weg von Ramža gen Osten bleibt weiterhin sehr krautig und verwildert. Die Totholzareale durch Sturmschäden gehören wohl auch zu den eher unansehlichen Teilen des Kammwegs. Dies hört jedoch schlagartig mit Erreichen des Homolka auf. Von hier geht es über Zadna Hol’a endlich wieder über 1600 Höhenmeter und damt aus der bewaldeten Zone hinauf auf die Bergwiesen mit freien Blick. Mit etwas Glück ist ab hier auch die Hohe Tatra zu sehen. Dann noch etwas ein entspannter Kammweg bis es zum “Abstieg of Hell” kommt. Der Weg zum Sedlo Priehyba gehört zu den gemeinsten Dingen, die Knien angetan werden kann. Bitte äußerste Konzentration und Vorsicht! Der Sattel selbst ist mit den üblichen Utensilien eines Bergbasiscamps ausgestattet (eine kleine Schutzhütte, Wasserquelle, Zeltplätzen). Hier kann man sehr gut die Nacht verbringen oder einfach nur verschnaufen um den letzten, relevanten Aufstieg dieses Kamms anzugehen. Die 500 Höhenmeter auf den Velká Vapenica sind in 2 Stunden zu schaffen – ein akzeptabler und wenig bösartiger Weg. Danach befindet man sich erneut über der Waldgrenze und kann die letzte Stunde bis zur Útulňa gepflegt auslaufen. (Achtung: Wenn man in Priehyba mit Ziel Útulňa losläuft, sollten minimal 3 Stunden Tageslicht zur Verfügung stehen um die Hütte komfortabel zu erreichen.) Die Útulňa pod Andrejcovou gehört für mich zu den reizvollsten, touristischen Errungenschaften die die Niedere Tatra vorzuweisen hat. Hier hat in den letzten Jahren ein liebenswerter Idealist einen Stützpunkt geschaffen, der in dem gesamten Gebirgsteil wie ein Leuchtfeuer wirkt. Zudem ist hier der familiäre Aspekt noch deutlich stärker als der kommerzielle im Westteil des Gebirges.

5. Etappe: Útulňa pod Andrejcovou – Telgárt (Höhenmeter: 1600 m/ Distanz: 17 km)

Die Anstiege, die in zaghaften Schüben auf den letzten Höhenkamm dieser Wanderung führen, sind gemessen an dem zuvor Erlaufenen eher als entgegenkommende Anstiege zu bezeichnen. Vielleicht führt aber auch die Euphorie des nahenden Ziels zu einer subjektiven Einschätzung dieser Strecke.

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Der größte Anstieg ist jedenfalls mit dem Bartková genommen. Danach geht es mehrer Kilometer einen fantastischen Wiesenkamm entlang, von dem sich sämtliche Schönheiten der slowakischen Berglandschaft erblicken lassen. Die Hohe Tatra ist hier nun wirklich nah und ein wahrer Blickfang. Schließlich erscheint die charakteristische Antenne des Králòva hol’a am Horizont und damit der finale Höhepunkt dieser Wanderung. Im Gegensatz zu den diversen Bergen, die man auf diesem Pass erklimmt, gehört der Králòva hol’a für mich zu einer charakteristischen Ausnahmeerscheinung – es ist für mich DER ungekrönte Herrscher dieses Massivs. Auch wenn er formal nicht der höchste Berg ist, ist er trotzdem weithin aus den unterschiedlichsten Perspektiven sichtbar und thront über der Landschaft wie eine wirklich singuläre Erscheinung und nicht wie diese, wie nebenbei nach oben gedrückte Kollektivleistung  Dumbier-Bergrückens. Nichtsdestotrotz sollte man sich von diesem Glanz nicht blenden lassen. Auch wenn eine Straße bis auf den Gipfel führt, der Berg eine hohe Ausstrahlungskraft besitzt und nicht zuletzt namensspendend für diesen Teil des Gebirges war – hier oben gibt es nichts außer der Aussicht und ggf. den Triumph. Das riesige, zur Antenne gehörende Gebäude brummt nichtssagend vor sich hin und der Besucherandrang entspricht der Leere des Hinwegs in diesem Teil der Niederen Tatra.

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Der Abstieg dagegen sollte bei all der Freude hier zu sein, nicht vergessen werden, denn der hat es in sich. So man nach Telgárt möchte, gibt es zwei Alternativen: den grünen oder den roten Weg. Der grüne Weg verläuft zum Abschluss noch über die dem Králòva hol’a vorgelagerten Felsen, was überaus romatisch und empfehlenswert ist, der weitere Weg hinter den Felsen verlief sich aber derart gnadenlos im verkrauteten Unterholz, dass ich, klare Passweg-Strukturen gewöhnt, mich prompt verlief und querwaldein den Weg zur Zivilisation suchen musste. Wie der rote Weg hier markiert ist, kann ich nicht einschätzen, beim nächsten Mal werde ich diesen aber zweifellos erwählen. Schlussendlich ist es aber egal, die knapp 1100 m müssen hinunter und das ist in der Regel schmerzhaft. Telgárt selbst ist auch nicht der beste Zieleinlauf aller Zeiten. Es handelt sich hier um ein winziges Kaff mit beschränkten Übernachtungsgelegenheiten und provinziell behäbiger Antriebskraft.

Anschlusswanderungen: Selbstredend schiebt sich bei dieser Routenbeschreibung quasi unwillkürlich das Slowakische Paradies in den Vordergrund. Schließlich ist das auch der normale, weitere Verlauf des roten Kammwegs mit dem man gerade soviel Spaß gehabt hatte. Und warum auch nicht? Beim Slowakischen Paradies handelt es sich um eine zauberhafte Berglandschaft, die mit zerklüfteten Felsformationen gleichermaßen zu bezirzen weiß wie mit idyllischer Vegetation einzulullen versteht.

Wer nach diesem Pass sich jedoch ein wenig steigern möchte, dem sei natürlich die Hohe Tatra ans Herz gelegt. Diese lockte die letzten Tage sowieso schon aufs Unverschämteste, was liegt daher näher, als ihr einen kleinen Besuch abzustatten. Dabei sei jedoch erwähnt, dass ie Hohe Tatra nicht genauso zu erwandern ist wie die Niedere Tatra. Dafür ist sie zu hoch und verfügt nicht über einen vergleichbaren Kammweg. Alternativ könnte man hier von verschiedenen Basiscamps die Gipfel der Tatra erobern. Allen voran sei hier natürlich der Kriváň anempfohlen.

Im Falle einer Ost-West-Route könnte das Anschlussgebirge aber auch Westtatra, Vel’ká Fatra oder Malá Fatra heißen. Für jedes dieser drei Gebirge (hinsichtlich ihres Niveaus in absteigender Reihenfolge aufgezählt) kann man etliche Gründe aufzählen, doch dies dann demnächst in einem eigenen Gebirgsratgeber. Fest steht allein, die Slowakei birgt Wanderspaß für einige Jahre.

Weiterführende und hilfreiche Links:
Hütten auf dem Kammweg:

Passbilder: Niedere Tatra

Im Schatten so mächtiger Gebirgsprominenz wie der Primadonna Hohe Tatra, der grazilen Virtuosin Mala Fatra und dem verspielten Tausendsassa Slowakisches Paradies, erscheint die Niedere Tatra dem unbefangenen Betrachter zunächst etwas spröde und reizlos. Doch bei näherem Hinsehen erkennt man schnell die kostbaren Alleinstellungsmerkmale dieser vermeintlichen “grauen Maus” unter den slowakischen Bergensembles.

Ein langer Pass, der nur zweimal deutlich unter die einmal erreichte Kammhöhe (ca. 1500 m) fällt, somit also die Möglichkeit zu fünf Tagen entspanntem Kammwandern bietet. Ein zumindest im Ostteil unfassbar unberührtes Waldgebiet, die dem der eine Auszeit sucht, sie fraglos in der Lage ist zu bieten.

Weitere Tipps, Empfehlungen und Nachahmungsratschläge folgen demnächst. Hier aber nun erstmal die optische Überzeugungskeule!

Sahnehäubchen Kriváń

Ja, der musste noch sein. Den musste ich noch draufsetzen – meinen Kriváń – den Krummen. Mein Berg! Ich behaupte ja gerne jederzeit und ungefragt, dass jeder seinen Berg habe. Muss ja nicht unbedingt so ein Klotz wie meiner sein oder die Verehrung spiegelt sich nicht in schnöder Besteigung wieder sondern in diskreter Verehrung und milden Opfergaben aus Talesnähe. Dennoch, jeder hat seinen Berg und meiner ist der Kriváń!

Als sich annodazumal mein verboddeter Horizont weitete, entdeckte ich voller kindlicher Begeisterung zahllose Höhenschönheiten, doch als ich erstmals die Tatra sah, wusste ich sofort, das hier ist etwas ganz anderes. Und dann sah ich ihn, lässig angelehnt an das westliche Ende der Hohen Tatra wirkte er so losgelöst von den Realitäten wie es einem Haufen Fels nur möglich ist. Sicher, er war gemeinsam mit den anderen gewachsen, war Teil dieses beeindruckenden, und doch irgendwie unabsichtlich zu solcher Größe gewachsenen Massivs. Teil des Ganzen, aber gleichsam nach etwas anderem da draußen suchend? Mein Interesse war geweckt, meine Leidenschaft begann zu lodern.

Und dann nun heute. Diverse Berg-,Wald- und Wolkengeister hatten beschlossen, dass nun auch mal gut sei mit all dem Regen. Der Vorhang öffnete sich und eine, durch jede Menge Wasser gereinigte Atmosphäre legte den Blick frei auf all die Berggrazien. Im Vordergrund, und das machte dieses Mal das Besondere aus, mein Kammweg! Da sah ich nocheinmal meine gesamte Woche von der anderen Seite. Doch dann kam er, der lang ersehnte Aufstieg. Was den Kriváń insbesondere von all den anderen Liebschaften, die ich in den Jahren angesammelt habe, unterscheidet, ist sein sanftes Wesen angesichts des rauen Charakters, den er oberflächlich ausstrahlt. Mählich geht es hinauf, anfangs durch Wald, dann Latschenkiefern. Immer wieder schenkt er Atempausen in Form leichterer Steigung. Dann wird es kantig, voller Freude geht man in die Knie vor dieser liebevoll fordernden Naturgewalt. Mit Händen krabbelnd schubbert man immer höher und höher, bis man schließlich fast unerwartet ganz oben ist. Man erhebt sich, schaut leicht ungläubig um sich und hat jedes Mal diesen ganz besonderen Gipfelmoment.

Der Kriváń ist, wie schon erwähnt, einer der wenigen Tatragipfel, der relativ alleinstehend ist. Dementsprechend phänomenal ist der Blick. Westliche Tatra, Niedere Tatra und die gesamte Hohe Tatra sowieso breiten sich vor einem aus. Das alles, selbst diese Riesen wirken gleichermaßen klein und dennoch als unverwüstliche Einheit, die sich einem weder im Tal noch bei Google Earth derart erschließen. Danke dir hierfür Kriváń, danke für dergleichen Gefühle in allen Etappen meines Lebens. Bis demnächst mal wieder!

Das nächste Ziel – die Westliche Tatra!

Ach was, lass uns fest verabreden. Die westliche Tatra fehlt mir noch. War mit Hund immer schwer. Und jetzt wo ich hörte, dass DDR-Bergsteiger sich immer auf diesem Pass für den Mount Everest vorbereiteten, sollte das doch genau das Richtige für mich sein. Nebenbei führt dieser Kamm sowas von unweigerlich auf dich zu. Also abgemacht, wir sehen uns!


Posted from Kriváň, Banská Bystrica Region, Slovakia.

Alles hat Vor- und Nachteile