Nun ist es also endlich soweit: Nach nunmehr 17 Empfehlungen, des über alle Maßen geschätzten Podcasts „In-trockenen-Büchern“, bin ich dazu gekommen, eines der dort besprochenen Bücher selbst zu lesen. Ausgewählt habe ich diesen verlockenden Wälzer, der angetreten war, das Phänomen Zigeuner etwas näher zu erklären.
Es war eine relativ klare Entscheidung, denn so interessant die anderen Buchempfehlungen auch sind, das Thema Zigeuner übte die größte Anziehungskraft auf mich aus. Schließlich waren die mannigfaltigen Kontakte, welche ich hauptsächlich auf meinen Reisen durch Osteuropa, aktuell aber auch direkt vor meiner Haustür hier im Wedding sammelte, stets ein beständiger Quell von Irritation und Neugier. Auftreten und Selbstbehauptung dieser Menschengruppe in der gut durchorganisierten Moderne blieben für mich ein schwer ergründbares Rätsel. Und wie es mit Rätseln meist so ist, werden sie mit der Zeit durch Legenden und Mythen garniert. Ein Thema für sehnsüchtige Abende am Lagerfeuer oder durchzechte Nächte mit zivilisationsmüder Trunkenheit. In wirren und verträumten Momenten konnte man in diese Menschen so herrlich viel hinein projizieren ohne, oder gerade weil man so entsetzlich wenig über sie wusste.
Nach Lektüre dieses Buches wurde mir bestätigt, dass ich diesbezüglich nicht allein da stehe. Romantik und Faszination übten sie stets aus auf jegliche Zeitgenossen in den letzten 600 Jahren, aber auch Abscheu und Angst. Der Widerstand oder das Desinteresse gegenüber jeglicher kultureller Assimilation, gepaart mit der Abneigung zu jeglichem Aktionismus eine eigene Staats- oder Nationsbildung betreffend, ließ sie beharrlich außen vor bleiben. Ohne schriftliche Überlieferung in Europa angekommen und diese auch über die Jahrhunderte nicht entwickelnd, standen sie folgerichtig den turbulenten Entwicklungen der Neuzeit gewaltig im Weg. Und so schlingert das Buch beobachtend durch die Zeiten und versteht meisterhaft zu beschreiben, dass die Zigeuner oft ein Knackpunkt bei der Um- und Weiterentwicklung sozialer Systeme waren. Fast scheint es mir bisweilen wie ein Lackmustest jeglicher sozialer, philosophischer und politischer Gedankenkonstruktionen. Ob die Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts, die verschiedenen Reformer und Revolutionäre des 19. und 20. Jahrhunderts – die Integration einer solchen Gruppe gelang den wenigsten. Selbst theoretisch. Und so kam es wie es kommen musste, das gewaltsame 20. Jahrhundert tobte sich nicht nur über alle Maßen brutal an ihnen aus, es unterließ auch lange eine wie auch immer geartete Geste der Entschuldigung.
Abschließend sei vielleicht noch Folgendes kritisch angemerkt: Das Buch ist eine überaus dichtes und materialreiches Werk, doch mir fehlte immer ein wenig der rote Faden historischer Faktizität. Die Entwicklung der Vorurteile und Klischees, welche sich seit der frühen Neuzeit durch Literatur und Kunst schlängelte, herauszuarbeiten, ist ein lobenswertes Unternehmen. Doch ich vermisste gelegentlich einen Abgleich mit den tatsächlichen Lebensumständen und anderen Details die die Einordnung dieser Darstellungen verständlicher machen würden. Aber höchstwahrscheinlich gibt es hier eben erschreckend wenig ausbeutbare Quellen. Im Endeffekt hat sich daran ja bis zum heutigen Tag nicht viel geändert. So gibt das Buch eine hervorragende Einsicht in die Entwicklung des Zigeunerbildes in den Augen der „eingeborenen“ Europäer. Ein realistische Darstellung der Geschichte dieses einzigartigen Volks sucht man auch hier vergebens.
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