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Ratgeber: Wandern in Swanetien – ein Tanz auf dem Rande des Balkons

Swanetien – Georgien – der Große Kaukasus – der Balkon Europas! Der Weg von Mestia nach Ushguli, dem höchstgelegenen, dauerhaft bewohnten Dorf Europas, gehört zu den viel gepriesenen und besungenen Sahnehäubchen, unter den zahlreichen Schmankerln, die Georgien im Angebot hat. Allzu oft lugten wir auf unseren kürzeren Kaukasus-Stippvisiten sehnsüchtig gen Norden zu diesen mächtigen Bergmajestäten. Doch immer war die Zeit zu knapp oder das Wetter missgünstig. Nun, nach monatelanger Vorbereitung und nicht minder langer hibbeliger Schmachterei war es endlich soweit. Der Rucksack saß, sie Sonne gab sich die Ehre und schon ging es hinauf auf die Balkonbrüstung Europas!

Hier nun also der nächste Reisebericht im Geiste des Anhalters um dieses außergewöhnliche Erlebnis möglichst vielen Lebewesen in der Galaxis schmackhaft zu machen!

Eine Wanderung von Mestia nach Ushguli

Andere Wissensquellen

Wenn ich an dieser Stelle häufiger über mangelnde Informationsquellen lamentiere, so kann das in diesem Falle ganz und gar nicht behauptet werden. Natürlich sei hier meine ständig aktualisierte Basisübersicht zu Georgien erwähnt. Fragen, die über diese spezielle Wanderung hinausgehen, sollten hier hoffentlich ausreichend beantwortet werden. Doch sucht man im Internet nach dieser Wanderung, fällt einem schnell auf, dass man sich hier wohl erstmals eine Route der Kategorie A-Prominenz ausgesucht hat. Oft wird dieser Trek in schillernder Schlichtheit als “most popular multi-day trek” gekrönt. So gibt es Routenbeschreibungen, Erfahrungsberichte, GPS-Daten, Offline-Karten zu dieser Strecke in schier überbordender Quantität. Ein Zustand, den ich so selten erleben darf, daher präsentiere ich hier voller Genugtuung die Quellen und Tools, welche mich heil und wissend über die Berge brachten:

  • die bereits zuvor verlinkte Routenbeschreibung von caucasus-trekking.com ist kurz, knackig und informativ – hier findet sich auch die dazugehörigen GPX- oder KML-Datei sowie solide recherchierte Angaben zu An- und Abreise (angesichts dieser vorzüglichen Informationslage habe ich erstmals überlegt ob ich zu dieser Route wirklich noch etwas schreiben muss. Und doch, es muss einfach raus!)
  • als über alle Zweifel erhabenes Schweizer Taschenmesser unter den Offline-Navigationssystemen ist natürlich OsmAnd+ zu erwähnen. Mit heruntergeladener Standardkarte, Höhenlinien und Relief zu Georgien ist man, solange man Strom hat, stets bestens orientiert
  • zwei weitere Apps testete ich dieses Mal zusätzlich und kann beide ohne weiteres für den Outdoorgebrauch empfehlen: WindyMaps und ViewRanger – beide zeichnen sich durch leichte Handhabbarkeit (und nicht die, jeden Einsteiger etwas verschreckende Komplexität von OsmAnd) sowie eine eindeutig auf Orientierung abseits der Straßen ausgerichtete Navigationssoftware
  • Höhenmesser ist eine weitere nette App, die wie ihr Name schon zart andeutet sehr solide Höhenangaben auswirft, aber auch ein sehr  zuverlässiges Routentracking anbietet 
  • zwei Dinge möchte der gediegene Klugscheißer draußen immer gern wissen: die Namen der Berge die ihn immer steiler umwanken und die der Sterne, welche nachts so beeindruckend wie nie über einem erstrahlen. Natürlich gibt es auch hier Abhilfe: PeakLens und  Sky Map
  • und natürlich gibt es auch noch den Klassiker, die papierene Offline-Variante. Wir fanden Wanderkarten von ganz akzeptabler Qualität in Mestia (Geoland, 1:50000) 
  • Für Wetterauskünfte sei hier wieder meteoblue empfohlen, die meiner Übersicht nach einzige App, welche auch zuverlässige Daten zum Wetter auf den Gipfeln vorzuweisen hat 

Anreise

Der nächste Ausgangspunkt um Mestia zu erreichen ist Sugdidi (obwohl es auch reichlich Marschrutki von Batumi und sogar noch von Kutaissi gibt, welche direkt bis Mestia fahren). Die 150km steil und kurvig sich emporschlängelnde Bergstraße kann man entweder mit der stets präsenten Marschrutka (30 Lari pro Nase, etwa €10) oder mit Taxi (100 Lari pro Taxi, etwa €33) hinter sich bringen. Der Hinweis aus Blogs und anderen Informationsquellen, dass man möglichst früh in Sugdidi sein sollte, da die zahlreichen Fahrer ungern noch nach Vormittag die Bergstraße in Angriff nehmen, kann man als veraltet abtun. Auch wenn der Basar der Mitfahrgelegenheiten nach Ankunft des Zugs aus Tbilisi mit Sicherheit seinen Höhepunkt erreicht, so wird man zweifellos auch noch bis in den Nachmittag hinein eine Passage nach Mestia ergattern können.

Apropos Zug: sollte man Georgien über Tbilisi erreichen, bietet sich der Nachtzug nach Sugdidi an. Komfortabler und günstiger (35 Lari in der Doppelkabine) wird man das Ziel nicht erreichen können. Tickets können problemlos hier gebucht werden. Für die Strecke bis Sugdidi sollte man locker 4 Stunden einplanen. Zwar gibt es ein paar Taxifahrer, die hier täglich neue Bestzeiten versuchen herauszuschinden, doch vier Stunden erscheinen, zumindest mit Marschrutka, ein gängiger Schnitt.

Es muss der Vollständigkeit halber auch erwähnt werden, dass Mestia seit kurzen einen Flughafen besitzt. Dieser hat es ob seiner gewagten Originalität sogar in den Atlas Obscura geschafft. Flüge gehen von hier mit kleinen, tschechischen Maschinen nach Kutaisi und Tbilisi ab und so sehr ich dem Fliegen aus Vergnügungsgründen eigentlich ablehnend gegenüberstehe, kann ich einer solchen An- oder Abreise durchaus etwas abgewinnen.

Herumreisen

Die Rubrik ist recht schnell abgehakt, da sich der regelmäßig frequentierte Passagierverkehr in Swanetien auf die Hauptlebensader Mestia-Ushguli beschränkt. Zumindest in der Hauptsaison und etwas weniger auch in der Nebensaison wird diese Strecke rege von etlichen Kleinbussen und Geländewagen befahren. Sonstige Bedürfnisse, die von Fortbewegung außer der auf eigenen Füßen abweichen, gehören nicht zum Standardrepertoire und müssen einzeln geklärt und organisiert werden. Trampen wäre hier beispielsweise eine geläufige Alternative, die in recht erfolgversprechend sein kann. In jedem Falle kann aber in noch dem kleinsten Dorf eine Passage per Privat-Taxi gebucht werden.

Charakteristik der Region

Der große Kaukasus ist, da gibt es keinerlei Herumdeutelei, ein ausgewachsenes Hochgebirge. Der gesamte Gebirgszug, welcher sich auf 1100km von den üppigen Wäldern bei Sotschi bis zu den kargen Hügeln vor Baku erstreckt, gehört zweifellos zu den spektakulärsten Berglandschaften unseres Planeten. Swanetien ist eines der vielen Filetstücke dieses ausgesprochen leckeren Gebirges. An und für sich handelt es sich bei Swanetien, heute unter anderen um einen Teil der Region Mingrelien und Oberswanetien. Nach der geographischen Unterteilung des Großen Kaukasus gehört diese Region in die Kategorie des vergletscherten Hochgebirgskaukasus, also zu dem Teil mit den höchsten Gipfeln Elbrus (5642m), Dychtau (5204m), Schchara (5200m) sowie dem viertgrößten Gletscher der Welt Bezengi/Schchara.

Für jeden ist was dabei: Rhododendronfluten für uns Blumenkinder und Gletscherabenteuer für den geschätzten Nahtodliebhaber

Doch keine Sorge, es sind keinerlei Extrem- und Nahtoderfahrungen nötig um die Schönheit dieser einzigartigen Region zu genießen. Swanetien wird markant geprägt durch den Fluss Enguri. Ein Fluss, der nicht nur später auch als Grenzfluss zu Abchasien dient, sondern auch eine bedeutende Rolle für die Energieversorgung Georgiens (das Enguri-Wasserkraftwerk produziert 40% des georgischen Stroms) spielt. Wenn man grob diesem Flussverlauf folgt und lediglich die verschiedenen Bergkämme, welche das Haupttal zergliedern, überquert, kann man eine überaus angenehme Wanderung erleben, welche nie über 3000m ansteigt oder den angenehmen Bereich der Hochgebirgsvegetation verlässt.

Als beste Wanderzeit ist eindeutig der Hochsommer, also Juni-August zu betrachten. Wobei natürlich auch in diesen Monaten ständig mit wechselhaften Wetter zu rechnen ist. Mit Gewitter, Starkregen und Sturm ist hier stets zu rechnen. Dennoch empfiehlt sich diese Zeit aufgrund der langen Tage und der angenehmsten, zu erwartenden Temperaturen

Regeln&Gesetze

Wenn ich bei anderen Wanderregionen hin und her überlegte, wie dehnbar ich die Gesetzeslage zu den Themen Wildzelten und Lagerfeuer beschreiben soll, stellt sich hier nicht einmal die Frage. Abseits der Siedlungen ist Zelt und Feuer obligatorisch (so man in dieses Höhenlagen überhaupt ausreichend Feuerholz aufzutreiben im Stande ist). Diese selbstverständliche Art die Berge zu genießen, überrascht keinen, der nur einen kurzen Blick über diese ursprüngliche, herzzerreißend freie Landschaft geworfen hat. Mag sein, dass sich dies auch nur noch für kurze Zeit in dieser Form gewährleisten lässt. Denn, auch wenn der Kaukasus riesig erscheint, die wachsende Flut an Touristen, die die Schönheit Swanetiens entdecken wollen, nimmt von Jahr zu Jahr zu. Deshalb werden über kurz oder lang gewisse regulierende Maßnahmen nötig sein, damit die Natur nicht, wie schon so oft geschehen, vom Menschen zu Tode verehrt wird.

  

Natur, Landwirtschaft und Tourismus in einem Bild.

Ausrüstung&Fitness

Fangen wir mal mit Fitness an. Einleitend kann gesagt werden, dass es sich hier trotz des Schlagwortes “Großer Kaukasus” um eine durchschnittliche Kondition und Motorik abfordernde Hochgebirgswanderung handelt. Wer überlegt, sollte jedoch zwei Besonderheiten dieser Route im Auge behalten. Ein Pro-Argument ist die über alle Maßen durchdachte Wegführung der Wanderung. Jede Etappe hat einen Anstieg, welcher sich zwar von Tag zu Tag ein wenig steigert aber dank der  folgenden gelassenen Episoden über Bergweiden deutlich entspannt. Zudem bieten sich zahlreiche Gelegenheiten an, die Wasserreserven an frischen Quellen aufzufüllen oder gar ein kaltes Getränk zwischendurch zu erwerben. Außerdem ist die Tour problemlos ohne Zelt absolvierbar. Jede Menge “guesthouses” und andere Unterkünfte in den Siedlungen offerieren gerne Bett und Obdach. Daher kann man diese Wanderung auch durchaus mit leichterem Gepäck antreten. Das Kontra-Argument ist die Höhe. Wir befinden uns hier eigentlich ununterbrochen über 2000m und das verträgt nicht jeder gleichermaßen. Diese beiden Dinge wollen in der Planung immer bedacht sein.

Meine Ausrüstungsliste für eine zeltbasierten Wanderung im Hochsommer:

  • Zelt (ein 3-Jahreszeiten-Zelt, 2-3kg)
  • Schlafsack + Isomatte (trotz der butterweichen Wiesen empfehle ich die luftgefüllten Outdoor-Modella á la Thermarest)
  • Wanderschuhe + Wandersocken (hier sollte zu allerletzt gespart werden, deine Füße sind die Basis von all dem Spaß den du zu haben glaubst!)
  • Regenschutz (auf jeden Fall für dich und deinen Rucksack, Regenhose und Gamaschen sind eine Überlegung wert)
  • Sonnenschutz (in Form von Creme für die Haut, Brille für die Augen und Hut für den Kopf – nicht vergessen, wir sind hier immer über 2000m)
  • Klamotten (hier sollte jeder nach Gusto einpacken, ob T-Shirt oder Hemd, ob lange oder kurze Hose – auf jeden Fall nicht zu viel. Stichwort: unterwegs waschen)
  • wichtiger Kleinkram: Messer, Kochzeug, Medikamente, Kulturbeutel, Reisewaschmittel, Kompass, Wanderkarten, Powerbank, Plastiktüten, Gaffer undundund
  • Wasser (kann guten Gewissens vernachlässigt werden, der Weg führt zuverlässig an sprudelnden Quellwasser bester Qualität vorbei)
  • Lebensmittel (obwohl die Route einige Dörfer und Gehöfte quert, ist das Angebot hier eher rudimentär, sprich: Brot, Bier, Chacha und Snacks. Alles was darüber hinausgeht wie Gemüse, Suppen oder Konserven sollte vorsorglich in Mestia eingekauft werden)

Wegbeschreibung

Obzwar die Route, wie oben erwähnt, schon auf diversen Blogs und Outdoor-Portalen hinreichend beschrieben ist, möchte ich hier kurz meine eigenen Eindrücke und bemerkenswerte Eigenheiten des Weges hinzufügen. Auch ich empfehle die Route in vier Etappen abzulaufen, denn sie ist regelrecht zugeschnitten auf eben diese Einteilung. Auch die Laufrichtung von Mestia nach Ushguli würde ich favorisieren, da man auf diese Weise auf den Höhepunkt (im wahrsten Sinne des Wortes) zuläuft und nicht auf den dann doch etwas reizloseren Tourismus-Knotenpunkt Mestia.

1. Etappe (Mestia – Zhabeshi)

Das Mulakhi-Tal


Vom zentralen Platz in Mestia ausgehend (der Wegweiser mit dem heutigen Tagesziel Zhabeshi ist nicht zu übersehen) führt der Weg zunächst über den Chalaadi um sich dann sanft am Berghang aus der Stadt herauszuwinden. Die Landschaft ist waldig mit Bergweiden garniert und der heutige Aufstieg erfolgt nach einem Abzweig wenige Kilometer später und ist kurz und knackig, aber wirklich nur als Ouvertüre für die kommenden Aufstiege zu verstehen. Nach diesem Aufstieg sehen wir das Tal, welches wir den gesamten folgenden Tag durchwandern dürfen. Das Mulakhi-Tal ist eine gut bewirtschaftete Region mit jeder Menge kleiner Gehöfte die schon von Weiten an ihren markanten Wehrtürmen zu erkennen sind. Offensichtlich gibt es hier auch mehr als eine Alternative um nach Zhabeshi zu gelangen. Nach dem Aufstieg muss es auch einen weniger ausgetretenen Pfad geben, der noch etwas länger die Höhe hält bis er ins Tal hinunter geht. Außerdem führt der offizielle Weg nach Cholaschi auch nicht über die Brücke sondern geht links vom Fluss um erst bei Zhabeshi den Mulkhura zu überqueren. Wir wählten die Brücke und die Landstraße um nach Zhabeshi zu gelangen. Der Bekanntheitsgrad dieser Strecke macht sich im übrigen die ganze Zeit an den zahlreichen, gastfreundlichen Angeboten für Bier, Wifi und Pferde bemerkbar.

Der Tourismus ist hier schon längst aus den Kinderschuhen raus – Grundbedürfnisse auf swanisch

So kann diese Etappe als hervorragende Einstiegstour betrachtet werden. Der Aufstieg ist für den Anfang nicht zu heftig, der Weg ist selbst für Anfänger mühelos zu bewältigen und der Weg im Tal bietet jede Menge Einkehrmöglichkeiten und entzückende Picknickplätze. In Zhabeshi selbst kann man auf die Angebote eines der guesthouses eingehen oder in der Umgebung zelten. Frühes Einschlafen sei anempfohlen denn am nächsten Tag droht der mächtigste Anstieg dieses Wanderwegs.

2. Etappe: Zhabeshi-Adishi

An diesem Tag wird es dann zum ersten Mal richtig anstrengend. Die ersten Stunden sind einem stattlichen 1000-Höhenmeter-Event gewidmet. Doch angesichts der zahlreichen wackeren Kühe, denen man beim Aufstieg begegnet, will man nicht kleinmütig aufgeben und kämpft sich den größtenteils sehr angenehm gestalteten Weg hinauf. Sobald man die Piste des Skilifts sieht hat man es geschafft. Interessanterweise hat es sich hier mit dem Überangebot an feilgebotenen Getränken. Die staubige Schotterpiste, die den Berg noch weiter hinaufführt, ist keinesfalls garniert mit etwaigen gastronomischen Angeboten. Allenfalls nach dem der Wanderweg von der Piste, an den Berghang ins Tal abzweigt, gibt es eine kleine Imbissbude, die aber für uns geschlossen hatte (wahrscheinlich weil es Sonntag war).

Das Adishi-Tal

Danach führt der Weg mit grandiosen Aussichten am Bergrücken hinunter in das nächste Tal – das Adishi-Tal. Auf dem Weg ins heutige Etappenziel kreuzen zweimal kleine Bergflüsse den Weg, welche sich in vorzüglichster Weise für eine ausgedehnte Rast anbieten. Der restliche Abstieg führt über deutlich zugewuchertere Wege. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Tälern sind aber nicht nur an ihrem Bewirtschaftungsgrad zu erkennen. Teilweise finden sich hier konkret andere Bäume und Pflanzen. Urplötzlich erscheint nach einer Kurve Adishi im Sichtfeld und ich muss gestehen, dieses Dorf sollte für mich das schönste Bergdorf werden, welches ich auf dieser Reise sehen durfte.

Adishi

Auch hier wie immer die Option auf guesthouse oder zelten. Wir entschieden uns noch ein paar Meter weiter zu laufen und schlugen auf einer Wiese unser Lager auf. Nur um wenig später einen der spektakulärsten Sternenhimmel zu sehen, den ich je erblicken durfte.

3. Etappe: Adishi-Iprali

Die heutige Etappe steht der gestrigen Etappe kaum in etwas nach, außer dass sie vielleicht ein wenig sanfter zu nehmen ist. Dafür beinhaltet sie zwei Höhepunkte: einen aufgrund seines besonderen Thrills und der andere im wortwörtlichen Sinne. Der erste Höhepunkt folgt nach kurzem entspannten Schlendern am Flusstal entlang, denn dieser reißende Gletscherbach muss überquert werden und es gibt keine Brücke. Etliche findige Georgier wissen um dieses Nadelöhr und haben mit ihren Pferden schon in der Frühe Stellung bezogen. Gegen den kleinen Obulus von 20 Lari (ca. 6-7 Euro) sind sie bereit den vorsichtigen Wanderer zu Pferde über die “Furt” zu bringen. Doch es besteht auch die Möglichkeit, es ohne Pferde zu probieren. Ein Teil unserer Wanderergruppe wagte dies und zwar erfolgreich. Alles Wertvolle in Plastetüten verpackt, Hose ausgezogen und mit Outdoorsandalen und einem soliden Wanderstock bewaffnet, gelang uns nach einem anfänglichen Reinfall die Überquerung. Als Ratschlag sei hier angemerkt, dass die Überquerung so früh wie möglich am ratsamsten ist, da der Flusspegel im Laufe des Tages aufgrund des zunehmenden Schmelzwassers spürbar ansteigt. Auch die Wassertemperatur hat mich dann doch nicht unerheblich erschrocken. Was banal erscheinen mag, aber frisches Gletscherwasser ist wohl definitiv Wasser in seiner kältesten Form.

Die Herausforderung des Tages.

Doch danach hat man ja sogleich wieder Gelegenheit um auf Betriebstemperatur zu kommen, denn nun folgt der Aufstieg zum höchsten Punkt dieser Wanderung. Auch dieser Aufstieg ist bei allen kraftraubenden Höhenmetern wieder mit Umsicht in den Hang gezirkelt. Den mächtigen Gletscher im Rücken schnauft man durch unendlich erscheinende Rhododendronmeere zum Sattel hinauf bis man auf dem Sattel auf etwa 2750m ankommt. Hier bestünde die Möglichkeit den Rucksack abzusetzen und den kurzen Abzweig zu den umliegenden Gipfeln ohne Gepäck zu erklimmen (Entweder den Bergkamm nordöstlich nehmen um noch einen besseren Blick auf den Adishi-Gletscher zu ergattern oder den Kammweg in südwestlicher Richtung gehen um den Chkhutnieri (3036m) zu erklimmen) Oder man macht an dieser Stelle nur eine gediegene Pause, genießt die atemberaubende Aussicht und ist verdammt stolz auf sich.

Der Tageshöhepunkt – einfach mal die Füße hochlegen.

Was nun folgt, ist in meinen Augen immer mehr das ekelhafteste am Bergwandern – der Abstieg. Über 1100m geht es nun hinunter und 600m davon auf übelste Weise. Doch auch das kann mit viel Zähne zusammenbeißen und kleinen Tippelschritten gemeistert werden. Angekommen auf knapp 2000 Höhenmetern am Fluss des nächsten Tals (Chaldeshala-Tal) geht es gemächlich, immer wieder gespickt mit Aussichten auf steile Abgründe und muntere Wasserfälle, weiter und weiter bergab. Kurz vor dem heutigen Tagesziel lädt in dem kleinen Dorf Khalde noch eine Schenke zum kurzen Verweilen ein. Doch es empfiehlt sich, hier nicht hängenzubleiben, sondern die letzten Meter bis Iprali zu wandern. Auch hier wieder die gewohnte Dualität von guesthouse oder zelten.

4. Etappe: Iprali-Ushguli

Im Geiste der Wohldurchdachtheit dieser Route folgt nun ein wunderbarer Ausklingtag. Recht wenig Höhenmeter stehen an, demzufolge vertretbare Anstiege und verschmerzbare Abstiege. Schon reichlich sonderbar wenn man bedenkt dass das Etappenziel von sich behauptet, das höchstgelegene, dauerhaft bewohnte Dorf Europas zu sein. Aber wir sind halt schon die ganze Zeit verdammt hoch, da bedarf es für solcherlei Superlative vergleichbar wenig Anstrengung.

Zunächst beginnt der Tag mit einem Abstieg nach Kala. Hier stoßen wir nach langer Zeit erstmals wieder auf den Enguri. Doch nach einem kleinen Landstraßenbegängnis zieht sich unser Weg bald wieder nach links den Bergkamm hinauf. Es gibt hier auch die Möglichkeit der Landstraße weiter zu folgen um direkt nach Ushguli zu wandern, doch wir sind hier zum Natur genießen und können einer staubigen Landstraße wenig abgewinnen. Der Weg, welcher nach einem kleinen Aufstieg derart meisterhaft in den Berghang gezimmert ist, dass das auf- und ab nahezu bei Null ist, führt erneut durch eine gänzlich andere Vegetation – knurrige Eichen, Ebereschen und zahlreiche andere bislang nicht erblickte Laubbäume säumen den Weg. Irgendwann führt auch der Wanderweg wieder hinunter zur Straße, die es nun auch geschafft hat, sich in Serpentinen auf die Sollhöhe zu schnörkeln. Nun muss nur noch etwas Landstraße gelaufen werden und man sieht das Ziel des Weges – Ushguli.

Anschlusswanderungen

Natürlich empfehle ich wärmstens in Ushguli länger als eine Nacht zu bleiben. Allein um den Schchara-Gletscher soweit wie möglich zu erklimmen. Dies ist mit einer Tageswanderung von Ushguli problemlos möglich. Routenbeschreibungen hierzu gibt es ebenfalls in ausgezeichneter Güte.

Doch fürs Weiterwandern schließt sich der Kurs auf den Gletscher selbstverständlich aus. Dahingehend gibt es meines Erachtens nur zwei Möglichkeiten (wenn man mal das langweilige, gleicher Weg zurück auschließt):

  • Die Landstraßenvariante: die besagte Landstraße endet nicht in Ushguli, sie wird nur schlechter. Umso besser für Wanderer, da ab jetzt hier wirklich nur noch Jeeps und Pferde verkehren können. Folgt man dem Straßenverlauf umgeht man den anspruchsvollen Bergkamm und wandert am Flusslauf in das parallel gelegene Tal nach Oberswanetien. Für den etwas erschöpften Wanderer, der aber nun, nachdem er in vier Tagen so weit gekommen ist, nicht gleich wieder in die Niederungen der Zivilisation zurückkehren möchte, genau das Richtige.
  • Die Hardcore-Variante: Wenn man aber gerade jetzt so richtig auf Touren gekommen ist und dann auch noch das Wetter mitspielt, dann spricht eigentlich nichts gegen die Idee über den Latphari-Pass in das Chvelpi-Tal zu wandern. Auch hierfür gibt es selbstverständlich eine Routebeschreibung. Diese Tour ist aber wirklich nur für erfahrene Wanderer, die sich fit fühlen und ein gutes Gefühl hinsichtlich des Wetters haben, geeignet. Die 25 km lange Strecke führt auf den Latphari-Pass, welcher knapp um die 3000 Höhenmeter liegt. Dieser Kamm muss nicht nur überquert werden, der Weg hält sich eine nicht unerhebliche Zeit auf dieser Höhe auf bis er ins Tal hinab führt. Zusätzlich sei erwähnt, dass der nun folgende Abstieg ebenso anspruchsvoll wie das zuvor Erwähnte sein dürfte. Da Übernachtungen auf Kammhöhe selbst bei idealsten Wetter knifflig sein dürften, muss diese Etappe wohl in den meisten Fällen in einem Ruck erfolgen. All dies bitte ich zu bedenken, doch sollte man sich dazu entscheiden, ist es wohl unzweifelhaft die lohnenswerteste Anschlusswanderung.

Ratgeber: Erstkontakt – Begegnung der armenischen Art

 

Während Georgien, die fröhlichste Baracke des Kaukasus, aktuell immer mehr in den Fokus des internationalen Tourismus gerät, verharrt das, als melancholisch und strandlos verschriene Armenien weiterhin gelassen im Hintergrund. Wenn sich also die Reiseführerausgaben zu Georgien nahezu täglich verdoppeln und in den Altstadtlokalen Tbilisis sich der Rollkoffer-Jetset aus Billigfliegerstan verschwörerisch zuprostet, ob ihrer Chupze in solch ein abgefahrenes Land zu reisen, so bleibt man zwischen Jerewan und Sewansee von derlei Tendenzen bislang noch verschont. Einzig ein paar versprengte bildungsorientierte Reisebusladungen an den ausgewiesenen Kunstgeschichts-Hotspots sowie vereinzelte, russische Partynomaden zeugen hier von einem real existierenden Fremdenverkehr. Dabei hat das kleine Armenien durchaus etwas im Angebot. Ja, es gibt in der Tat kein Meer und das hiesige Gebirge muss das schmälernde Adjektiv “klein” erdulden, doch wie im weiteren ausgeführt werden soll, sind all dies nicht im Geringsten Gründe um das unscheinbare Kleinod an der äußersten Kante des europäischen Balkons mit Missachtung zu strafen.

 

Reiseland Armenien

 

Ob der offensichtlichen Unbekanntheit Armeniens sollen hier zu Beginn noch ein paar einleitende Worte stehen. Das kleine Bergland, das nur einige Quadratkilometer größer als Brandenburg ist, zwängt sich im südlichen Kaukasus zwischen Georgien, Aserbaidschan, die Türkei und den Iran. Und auch wenn das Adjektiv “klein”, wie bereits erwähnt, im Zusammenhang mit Armenien erstaunlich oft auftaucht, so befinden wir uns hier beispielsweise im Kleinen Kaukasus am Übergang zwischen Transkaukasien und Kleinasien, so darf es nicht darüber hinwegtäuschen, dass Armenien ein lupenreines Bergland ist. Im Gegensatz zu seinen kaukasischen Nachbarn gibt es hier keinerlei relevante Tiefebene oder eben wenigstens eine Meeresküste. 90 % der Landesfläche liegen mehr als 1000 Meter über dem Meeresspiegel, die mittlere Höhe beträgt sogar 1800 Meter.

 

Das Gebiet des heutigen Armeniens entspricht lediglich dem nordöstlichen Teil des viel größeren ehemaligen armenischen Siedlungsgebiets. Die wechselhafte und tragische Geschichte der Armenier sollte, wenigstens in Grundzügen vor Reiseantritt überflogen werden. Neben Geschichte haben die knapp drei Millionen Armenier aber etliche andere reichlich originäre Accessoires im Repertoire. So brüstet man sich (zumeist historisch korrekt) mit folgenden schillernden Alleinstellungsmerkmalen:

  • das erste Volk (im Jahr 301) zu sein, welches das Christentum zur Staatsreligion erklärte
  • eines der ältesten noch aktiv genutzten Alphabete zu besitzen (zwischen 403-406; zudem noch eine der wenigen Schriftsprachen, welche gezielt erfunden wurde – detaillierter bei typographie.info)
  • und auch wenn der Georgier an dieser Stelle laut und doch mit spürbarer Unsicherheit auflacht, der Wein hat in Armenien eine längere Tradition als in Georgien, somit kann Armenien als Wiege des Weins bezeichnet werden (vor 6100 Jahren)
  • der älteste Lederschuh der Alten Welt wurde hier gefunden (200 Jahre älter als Ötzis Schuhe)

Allein die Sache mit dem Wein sollte schon genügen um Armenien exzessiv zu huldigen und zu danken. Und dies am besten vor Ort. Weitere spannende Fakten, die Armenien zu etwas Besonderen machen auf madlovelyword.com.

Erster Blick auf Jerewan am Morgen. Die Stadt, die viel darauf gibt 29 Jahre ewiger als Rom zu sein.

 

Das allgemeine Grundgefühl in Armenien ist beruhigend und entspannt. Die Menschen sind freundlich, unaufdringlich und stets daran interessiert, den ahnungslosen Armenienentdeckern unter die Arme zu greifen. Kriminalität oder Übergriffigkeit in welcher Form auch immer konnten wir in der kurzen Zeit, die wir hier verbrachten, jedenfalls nicht im Geringsten entdecken. Zusätzlich erleichternd mag für Russischsprachige der Umstand sein, dass Russisch hier noch unzweifelhaft die allgemein anerkannte Verkehrssprache ist, und nicht wie im Nachbarland Georgien, wo die Sprache stets aufs Neue verhandelt werden muss und das Angebot zum Russischen bisweilen auch völlig missverstanden werden kann.

Andere Wissensquellen

Das Angebot kann nicht anders als mager bis dürftig beschrieben werden. In den üblichen Reiseführerregalen gähnt einen diesbezüglich ernüchternde Leere entgegen. Außer dem allgegenwärtigen Lonely Planet fand ich nicht viel neben einem Architekturführer Jerewan, dem Kunstgeschichtewälzer von Dumont und dem stets präsenten Trescher-Büchlein. Die beiden letzten Ausgaben erschienen 2018, möglicherweise ein schwaches Indiz für einen aufkommenden Trend des Armenientourismus in näherer Zukunft? Die Suche nach Wanderführern führt dagegen offline wie online nur zu recht unbefriedigenden Ergebnissen. Die beste Quelle für unsere Zwecke, einer Wanderung in der Armenischen Schweiz, fand ich dann doch noch am ehesten auf der recht vorsintflutlich erscheinenden, offiziellen Internetpräsenz des Dilijan-Nationalparks sowie auf diversen Internetportalen zur Wanderroutenplanung (bspw.: gpsies.com).

Ein Literaturtipp der spezielleren Art wäre noch “Die vierzig Tage des Musa Dagh”. Dieser Versuch von Franz Werfel die Geschehnisse des versuchten Völkermords an den Armeniern von 1915 zu verarbeiten, mag nicht für jeden die ideale Reiselektüre sein. Angesichts der Bedeutung die dieses historische Ereignis für die Armenier bis heute darstellt sowie dem verzweifelten Interesse derlei bestialische Grausamkeiten, die der Mensch dem Menschen antun kann, verstehen zu wollen und nicht zuletzt aufgrund des meisterhaften Stils Werfels sei dieser Roman jedoch voller Inbrunst anempfohlen.

Einreise

Hinsichtlich der formellen Bedingungen des Ankommens werden dem EU-Bürger, ähnlich wie in Georgien, wenig Steine in den Weg gelegt. Einziger Unterschied ist hier nur, dass ein Personalausweis nicht ausreichend, sondern ein Reisepass vonnöten ist. Damit ausgestattet darf man Armenien ohne viel Federlesen ganze 180 Tage am Stück genießen.

Anreise

Eingeklemmt zwischen den zwei Problemzonen Aserbaidschan und Türkei gibt es auf dem Landweg aktuell nur die Möglichkeit über Georgien oder den Iran einzureisen. Die Grenzüberquerung von Georgien aus kann ich aus persönlicher Erfahrung als problemlos schildern (abgesehen von der wirklich katastrophalen Qualität der Straßen auf armenischer Seite). Es gibt die zwei Hauptgrenzübergänge von Bagratashen und Sadakhlo sowie einen westlich gelegenen Grenzübergang bei Bavra mit dem man im Bedarfsfall über Achalziche nach Adscharien gelangen kann (auf dem Weg läge dabei auch das hier unter “Kultur” beschriebene legendäre Höhlenkloster von Vardzia). Das populärste Reisemittel für diese Strecken ist zumeist die Marschrutka, mehr oder minder akzeptabel instandgehaltene Minibusse, die in stoischem Gleichmut den immer schlechter werdenden Zustand der armenischen Straßen hinnehmen und trotz widrigster Verhältnisse die Fortbewegung im Kaukasus gewährleisten.

Auch wenn ihr Signalton auf dem letzten Loch durch die Täler gellt – tapfer stellt sie sich den Widrigkeiten der Zeit – die Eisenbahn in Armenien

 

Selbstverständlich gibt es auch die edelste von allen Reiseformen um in Armenien anzukommen – die Eisenbahn! Es mag nicht allzu sehr überraschen, aber in Ländern, die derart unter dem Zerfall der öffentlichen Infrastruktur zu leiden haben, ist die Bahn naturgemäß eine der leidtragendsten Protagonisten. Und dennoch rumpelt sie unverdrossen weiter über die krummen Gleise und ist trotz Bummeltempo die mit weiten Abstand beste Reisealternative im Kaukasus. Die Harawkowkasjan Jerkatughi (Südkaukasische Eisenbahn), eine hundertprozentige Tochter der russischen Bahn, bedient ein breitspuriges 845km-Streckennetz, welches durch besagte Streitereien mit den Nachbarn durch Stilllegungen gen Türkei und Aserbaidschan spürbar kastriert wurde. Neben vereinzelten, scheuen Regionalverbindungen, so zum Beispiel zum Sewansee, gibt es aktuell nur noch eine internationale Verbindung. Diese geht, wen wundert’s, nach Georgien. Außerhalb der Saison (Anfang Oktober bis Mitte Juni) verkehrt lediglich ein Zug zwischen Jerewan und Tbilisi an ungeraden Tagen, in der Saison wird dieses Angebot auf einen täglichen Zug zwischen Jerewan und Batumi erweitert. 

Richtung Iran gibt es eisenbahntechnisch bislang nur Pläne, denn die einstmals funktionierende Bahnverbindung kann ja wegen dem üblichen zänkischen Kleinklein nicht genutzt werden (s. Exklave Nachitschewan). Per Marschrutka scheint der Grenzübergang in den Iran, über den höchsten Pass des Landes (Meghri, 2535m) aber offensichtlich eine recht entspannte Angelegenheit zu sein. Für eine Weiterreise in den Iran sei zu bedenken, dass hier noch Visapflicht herrscht, dies kann aber mühelos online erledigt werden (€40-€80 für 60 Tage).

Ansonsten bleibt aufgrund besagten Küstenmangels nur noch das schmutzige Flugzeug. Hier ist die einzige Landegelegenheit der Flughafen Jerewan. Da dieser gerade tagsüber umgebaut wird, kommen die meisten Flugzeuge spät in der Nacht an. Verbindungen gibt es auch nicht übermäßig viele. Direktflüge nach Deutschland gibt es zum Beispiel kaum. Es bietet sich wohl eher, auch aus Kostengründen, ein Flug mit LOT, Czech Airlines oder Ukrainian Airlines an.

Herumreisen

Obwohl hierzu ja schon einiges gesagt wurde, möchte ich auf dieses Thema noch einmal näher eingehen. Zunächst sei aus meiner Beurteilung Georgiens von vor 2 Jahren folgendes zitiert: 

…infrastrukturell gesehen ist Georgien ein elendiglich nach Luft schnappendes Elend. Eisenbahnen verkehren selten und bedienen nur ein Minimum des Notwendigen. Der öffentliche Nahverkehr leidet unter offensiver Vernachlässigung und die Straßen zehren seit Jahrzehnten von der Substanz.

Dies kann vollumfänglich für Armenien als gültig betrachtet werden. Doch ein paar nennenswerte Unterschiede wären da noch. Da wäre auf jeden Fall die Fahrweise der Armenier. Überraschenderweise unterscheidet sich diese gewaltig von der stets präsenten Selbstmordattitüde des georgischen Fahrstils. Alle Armenier, die uns durch ihr Land steuerten, taten dies unverhofft überlegt und entspannt. Wenn man von den wütenden Tiraden, die jeder Fahrer ab und an dem jeweiligen Unbill entgegenwarf, absehen würde, könnte man sogar von Gelassenheit sprechen. Eine weitere Ungewöhnlichkeit ist die hiesige Häufigkeit an mit Gas betriebenen Autos. Aufgrund der Energiesituation in Armenien erfreut sich Erdgas als Energielieferant fürs Auto großer Beliebtheit. Glaubt man den inoffiziellen Zahlen, könnte der Anteil gasbetriebener Autos in Armenien sogar weltweiter Rekord sein. Relevant für den Reisenden ist das einzig des Umstands wegen, dass im Kofferraum zumeist etwas weniger Platz für den Rucksack eingeplant werden sollte.

Keine Mitfahrgelegenheit wie jede andere – ein schmucker Wolga, aus dem selben Baujahr wie ich.

 

Ansonsten ist es der vertraute, postsowjetische Dreisatz aus Eisenbahn, Marschrutka und Taxis (offiziell wie freischaffend), welcher dafür sorgt dass man munter durch die Gegend transportiert wird. Es versteht sich von selbst, dass man hierfür stets ausreichend Geduld und Gleichmut dabei haben sollte, doch auch wenn es manchmal etwas länger dauern sollte, das Ziel entschädigt in den allermeisten Fällen.

Sprache

Erneut möchte ich den hier bereits erwähnten Georgien-Bericht zitieren:

“Der Kaukasus galt in der Antike als der “Berg der Sprachen”, Strabo spruch einst von nicht weniger als 70 Dolmetschern, die man benötigte um allein am Schwarzen Meer erfolgreich Handel zu betreiben. Derlei Vielfalt, so sie in diesem Ausmaß je bestanden hat, ist zwar längst Vergangenheit, doch die Zahl und Eigenheit der hiesigen Schriften und Sprachen weiß immer noch zu faszinieren. Neben Georgisch werden hier noch 23 Sprachen aus sechs verschiedenen Sprachfamilien gesprochen.”

Nun, mit Armenisch handelt es sich dann unzweifelhaft um eine dieser 23 Sprachen und die hat es in sich. Wenn ich hier schon in aller Form meine Ehrfurcht vor den Geschichte atmenden Schnörkeln Georgiens offenbarte, so handelt es sich bei Armenisch natürlich auch nicht direkt um ein geschichtsarmes, neumodisches Kommunikationsmittel. Natürlich nicht.

Denkmal für Buchstaben – Götzenbilder nach meinem Geschmack.

 

  Abgesehen von ein paar kleineren updates wird Armenisch seit über 1500 Jahren in dieser Form dauernd benutzt. Es handelt sich um eine indogermanische Sprache mit vielen Parallelen zum Griechischen, dessen Buchstaben man auch nutzte bis man Anfang des 5. Jahrhunderts auf die Idee kam sich ein eigenes Alphabet zu schnitzen. Der Gelehrte und Mönch Mesrop Maschtoz schuf in wenigen Jahren (er kreiirte im übrigen auch das georgische Alphabet) etwas auf das die Armenier bis zum heutigen Tage ungemein stolz sind. Denn nicht nur dass das armenische Alphabet damit zu den wenigen Alphabeten weltweit gehört, welches gezielt erfunden wurde, es blieb ihr wichtigstes, vielleicht einziges Instrument um in den folgenden Jahrhunderten gegen alle Widerstände ihre Identität zu bewahren.

Der erste Satz, der in Armenisch aufgeschrieben wurde: “Weisheit zu lernen, Unterweisung erreichen und Verständnis erlangen”

Und so entstand hier eine beindruckende wie einzigartige Liebe zu Buchstaben die man auch im Alltag kaum übersehen kann. Alphabete werden dekorativ an die Wand gehängt, ob in Stein gekerbt, in Stoff gefärbt, auf Leder gemalt oder in Teppiche gewebt – allerorten sind diese sonderbaren Zeichen präsent. Im Dorf Artaschawan, am östlichen Fuß des Berges Aragaz wurde zum 1600jährigen Jubiläum der Schöpfung des armenischen Alphabets ein Steindenkmal der armenischen 39 Buchstaben gebaut. Und auch wenn ich viel zu wenig von Sprachen verstehe um zu begreifen was damit gemeint ist wenn behauptet wird, dass das armenische Alphabet neben dem Georgischen und dem Koreanischen zu den fortschrittlichsten Schriftsprachen der Welt gehöre, so muss ich anmerken, dass ich mit dem diskreten Charme der armenischen Buchstaben deutlich weniger Mühe hatte als mit den gezierten Schnörkeln Georgiens.

Menschen

“Unbestritten das Salz in der Suppe. Abseits jeder Verallgemeinerungen und sonstiger Über-den-Kamm-Schererei kann hier die Aussage getroffen werden, dass zwischen Großem und Kleinem Kaukasus ein ungemein herzlicher Menschenschlag lebt, der sich dabei stets unaufdringlich und galant um die Befindlichkeit seiner Gäste sorgt.”

Es bleibt dabei –  diesbezüglich gibt es schlicht und einfach nichts zu meckern.  

Kulinarik

Leider muss ich gestehen, dass ich ganz im Gegensatz zu meinen sonstigen Gewohnheiten diesen Aspekt dieses Mal etwas stiefmütterlich behandelt habe. Die massive Hitze und der rasche Aufbruch in die Berge sorgten dafür, dass wir erschreckend wenige Kontakte mit der armenischen Küche aufnehmen konnten. Doch die wenigen Berührungspunkte die es gab, ließen in mir den Eindruck entstehen, dass sie armenische Küche schon etwas stärker an die arabische, türkische Küche angelehnt ist als die georgische. Brot (Lawasch) und Lamm werden hier beispielsweise deutlich fanatischer gewürdigt. Doch letztlich ist es ähnlich wie mit dem Essen in Georgien: es mögen traditionelle und mit Liebe zubereitete Gerichte sein, deren bisweilen zungenbrecherische Bezeichnungen man sich verzweifelt zu merken versucht, das Besondere neben all der Liebe und Leidenschaft mit der man hier im Kaukasus den Gaumen verwöhnt, ist die Verarbeitung von frischen und natürlichen Zutaten. Wozu viel Würzen und Zaubern wenn schon eine schlichte Tomate ein Geschmacksfeuerwerk sein kann? Warum nach dem großen Geheimtipp suchen, wenn man allein des Duftes wegen, welcher aus den kleinen Bäckerluken strömt, Mord -und Brotschlag begehen würde. Ihr könnt einfach keine Fehler machen wenn ihr in Armenien esst, dennoch seien ein paar spezielle Gerichte auf die Liste getan, die, so sie euch über den Weg laufen, unbedingt probiert gehören:

  • Chasch (aus Kuhhaxen und manchmal Kutteln hergestellter Eintopf)
  • Harissa (möglicherweise DAS Nationalgericht Armeniens, dem auch in den “Vierzig Tagen des Musa Dagh” eine tragende Rolle zukommt; aromatischer Brei aus Weizen und Hühnerfleisch; nicht zu verwechseln mit der nordafrikanischen Würzpaste gleichen Namens)
  • Matsunapur oder Spas (eine kräftig-pikante Joghurtsuppe aus dem armenischen Joghurt namens Matsun)
  • Gata (beliebtestes armenisches Gebäck, erinnert an Blätterteigkeks mit Füllung)

Und natürlich Wein. Jeder oberflächlich am Kaukasus Interessierte weiß bei diesem Thema um die Allmacht georgischer Deutungshoheit. Wino ist ein georgisches Wort, 500 Rebsorten sind rein endemisch nur in Georgien zu finden, Tamadan, Tanz und Lebensfreude – in dieser Hinsicht lässt sich der Grusinier ungern die Butter vom Chatschapuri nehmen. Und dennoch weiß der Armenier still und beharrlich auf unumstößliche Legenden und Fakten zu verweisen. Die Sache mit der Arche Noah und den demzufolge an den Hängen des Ararat stante pede angelegten Weinhängen schenken wir uns mal lieber. Doch der eingangs erwähnte archäologische Fund des ältesten Weinguts der Welt in Areni spricht eine andere Sprache. Auch wenn Armenien als das Land mit den qualitativ besten Weißweinen der ehemaligen UdSSR gilt, so ist es vor allem bekannt durch seine süßen Dessertweine. Zu erwähnen wären hier die Varianten von  Sherry (Aschtarak, Bjurakan), Madeira (Oschakan), Malaga (Arewschat) und Portwein (Aigeschat). Doch wenn man liest, dass über die Hälfte des angebauten Weins in die Produktion von Branntwein fließt, weiß man wer der wirkliche Star der armenischen Getränkeszene ist – Cognac! Ararat, wie könnte er auch anders heißen, ist wohl der bekannteste Weinbrand der Sowjetunion und zahlreiche Experten (auch nichtarmenische) behaupten, es wäre der beste Cognac der Welt.

Das vielgepriesene armenische Gold! 

 

Neben all den bereits aufgezählten Segnungen mit denen Armenien die Welt beglückte, muss natürlich auch noch eine ganz besondere Frucht gewürdigt werden, die ihren Siegeszug an den Hängen der armenischen Berge begann – der armenische Apfel, prunus armeniaca, die Aprikose! Archäologische Ausgrabungen belegen den Anbau von Aprikosen in Armenien schon im 4. Jhdt. v. Chr. Und so eroberte sich die Aprikose über die Jahre hinweg den Rang als Symbol Armeniens. Zwar ist die Saison kurz, von Juni bis Anfang August, doch in dieser Zeit ist ein gedeckter Tisch ohne frische Aprikosen unvorstellbar. Sie wird zum Frühstück, als Beilage zu Hauptspeisen und als Nachspeise serviert. Doch auch nach der Saison klingt die Erinnerung an die sonnenverwöhnte Frucht nach. Ob getrocknet, als Marmelade oder eben als Holz des nationalen Blasinstruments, des “Duduks”. Es versteht sich daher fast von selbst, dass beim jährlich stattfindenden Filmfest von Jerewan nichts anderes als die “Goldene Aprikose” verliehen wird.

Reiseziele – Armenische Schweiz

Nach derartig massiver einleitender Lobhudelei kommen wir nun zum Kern des Pudels: Was kann man denn so Schönes machen in Armenien? Eine gute Frage, denn obwohl es sich hier um die kleinste Sowjetrepublik handelt, scheint kein Zeitraum angemessen um wirklich alle Wünsche erfüllen zu können. Daher präsentiere ich hier ein paar Vorschläge, was ich machen würde, bzw. was ich bereits erlebt habe und empfehlen kann. Fangen wir an mit einer Wandertour in der Armenischen Schweiz.

Der Dilijan-Nationalpark fiel mir schon bei den ersten Vorbereitungen gefällig ins Auge. Denn der Großteil der Landschaftsaufnahmen von Armenien sah erschreckend baumlos, trocken und karg aus. Nun können derlei Gegenden durchaus gefallen, der freie Blick, die Grenzenlosigkeit des Horizonts und die Nichtigkeit des eigenen Seins können befreiend und erholsam sein. Doch ich bin ein Freund von wilder Vegetation  und Sorglosigkeit um den nächsten Wasserschluck. So rückten die Berge des Dilijan-Nationalparks in den Fokus.

Freundliche Warnung am Wegesrand. Schön es auf diese Weise bestätigt zu haben, dass das auffällige Knirschen der Knie berechtigt zu sein scheint.

 

Im äußersten Nordosten, in der Tawusch-Provinz gelegen, befindet sich auf 240 qkm eine teilweise unberührte Waldlandschaft, mit etlichen Heilwasserquellen und vielen Klöstern und anderen historisch interessanten Steinhaufen. Wenn man durch die schattigen Buchenwälder und saftigen, lichtdurchfluteten Auen wandelt, fragt man sich zwar schon manchmal warum man hierfür mehrere tausend Kilometer hinter sich bringen musste. Zu sehr erinnert dieses Gebirge in Asien an einen Wanderweg in der böhmischen Schweiz oder ähnlichem. Doch die Höhe der umliegenden Berge (deutlich über 2000m) und die Einsamkeit in der Natur verweisen sanft auf den kleinen Unterschied. Auf der oben erwähnten, offiziellen Seite des Nationalparks finden sich zahlreiche Tourenvorschläge, selbst erwandert kann ich nur folgenden Weg weiterempfehlen:

Von Dilijan zum See Parz und zurück (2 Tage, etwa 40km, ca. 1500 Hm)

Sobald man im Zenrum Dilijans angekommen ist und sich wanderfertig fühlt, gilt es nach diesen Wanderzeichen Ausschau zu halten.

Innerhalb des Dilijan-Nationalparks weisen diese Zeichen den richtigen Weg. Praktischerweise ist das was ich erst für ein Haus hielt, ein Pfeil. Dieser zeigt dann auch gleichermaßen die korrekte Richtung an.

 

Der Weg schlängelt sich überraschend schnell über eine Hintertreppe aus der Stadt und schon ist man zwar noch in Straßenhörweite aber auch mitten im Wald (Traumzeltplatz für zu spät Eingetroffene!). Nach leichtem Aufstieg in duftendem Nadelwald kehren wir noch kurz zu den Ausläufern der Stadt zurück (letzte Chance für Lebensmitteleinkäufe oder ein kaltes Getränk!) um danach hinaus auf die menschenleeren Weiden und Auen zuzulaufen(wir folgen weiter dem “Transcaucasian Trail” auch wenn der “Skywalk Trail” noch so verlockend klingt). Der Weg zieht sich gemächlich auf eine idyllische Bergwiese die mit 1750Hm auch gleichzeitig den Scheitelpunkt dieser Wanderung darstellt.

Der Höhepunkt der Wanderung: Eine Bergwiese fernab von allem.

 

Ab hier geht es über sanft in den Berg geträumte Waldwege entspannt hinab zum See Parz. Dieser ist aber, gelinde gesagt, eine kleine Enttäuschung. Nach stundenlangem Wandern in totaler Naturversunkenheit ohne jedwede zivilisatorische Störgeräusche platzt man hier in ein Event-Hotspot der unerwarteten Art rein. Dieser Bergsee ist so natürlich, dass sogar das Baden verboten ist, was angesichts des grünlichen Breis, den man hier traurig gegen den aufgewühlten Strand schwappen sieht, nicht weiter traurig macht. Ich empfehle nach ausreichender innerer Erfrischung durch die hiesigen gastronomischen Segnungen den Weitermarsch die Straße hinauf um dann die Rückwanderung Richtung Dilijan einzuschlagen. Selbstverständlich kann man von hier, sollte man etwas mehr Zeit haben, auch weiter Richtung See Gosh zu ziehen.

Das größte Glück auf dieser Erde, hängt nicht nur dran, an einem Pferde.

 

Unsere kleinere Route empfiehlt sich eher für ein knapp bemessenes Wochenende. Schlafgelegenheiten finden sich kurz hinter dem Trubel des Sees zuhauf. Besonders empfehlenswert jedoch ist das frisch errichtete Wiederansiedlungsgehege für Maral-Hirsche (nach dem die Straße den Kamm überquert hat, sieht man linkerhand eine Einfahrt, die auf dieses Reservat verweist. Sonst habe ich nirgends im Internet etwas dazu finden können, es existiert aber wirklich!) Hier kann man problemlos eine Nacht in Gesellschaft von friedlich mümmelnden Hirschen und zurückhaltend assistierenden Parkwächtern verbringen.

Unter der Flut an Traumzeltplätzen den besten für die Nacht herauszufinden, gehört zu den größten Stressfaktoren des kultivierten Bergwanderers.

 

Der zweite Tag ist dann ein sehr entspannter Wald- und Wiesenweg mit reichlich Aussicht auf Berge, Kühe und einen wunderschönen Tag. Bis Dilijan finden sich zahlreiche Zeltplätze mit Wasseranschluss und Lagerfeueranlage.

*Die Entfernungsangaben differieren hier leicht, da Komoot die Streckenkilometer bei dem Teil des Rückwegs, der auf der gleichen Route verläuft, nicht einberechnet.

Sewansee

Und natürlich kann man keine Beschreibung Armeniens absolvieren ohne ein paar Worte zu dessen “blauer Perle” zu verlieren. Fast 1900m hoch gelegen, ist der See mit 1244 qkm einer der größten Hochgebirgsseeen der Welt. Wenn man sich hier aus der Marschrutka schält und voller Juchhee in die türkisen Wellen stürzt, dann hat Armenien auf einmal sogar eine Küste und wäre damit komplett Touri-konform. Doch das hat sich ja gottseidank noch nicht so wirklich rumgesprochen, außer bei den zahlreichen Armeniern, die diesen See wie ein ausgewachsenes Meer nutzen und nach gutem sowjetischen Muster einhegen.

Das armenische Meer und seine stolze Marine

Wenn Stadttourismus, dann Jerewan

Denn das kleine Armenien hat eigentlich nur eine Stadt die der Rede wert ist. Daher war die Neugier entsprechend stark und fokusiert auf die “rote Stadt”. Nach mehreren Kaukasusexpeditionen bin ich jedes Mal überzeugter von dieser schwer zu fassenden Region zurückgekehrt, die Städte begeisterten mich aber eher weniger. Zu überquellend, chaotisch und den gefräßigen Maden des Individualverkehrs überlassen, schreckten sie mich zumeist eher ab und ließen das folgende Naturerlebnis in einem nur noch krasseren Kontrast erscheinen. Alles was ich im Vorfeld über Jerewan las, ließ mich jedoch vorsichtig frohlocken, denn unter der feurigen Führung des heute noch in Armenien über alle Maßen verehrten Stararchitekten Alexander Tamanjan wurde die alte, verwinkelte Altstadt (selbstverständlich mal wieder eine der ältesten Städte der Welt, älter als Rom und die 13. Hauptstadt in der wechselvollen Geschichte Armeniens) in den 1920er Jahren anhand der Grundidee eines radialen Ringsystems mit ausgedehnten Parks und Gärten ausgestattet, eine Kombination von Amphitheater und Gartenstadt. Sollte es dann doch eine lebenswerte, entspannte Stadt im Kaukasus geben?

Der Meister bei der Arbeit.

 

Der erste Eindruck war ein äußerst gefälliger. Trotz 43 Grad im Schatten, dreister Begrüßung der standesgemäßen Flughafen-Taxi-Banditen und der üblichen Patina des postsowjetischen Verfalls – es ist eine großzügig angelegte, sehr grüne und sichtbar gepflegte Schönheit aus jeder Menge rotem Tuffstein. Auch auf den zweiten Blick gewinnt Jerewan gegenüber seinen urbanen Kontrahenten im Kaukasus dazu. Zwar ist auch diese Stadt primär für Autos gemacht, doch hier ist der Verkehr irgendwie stressfreier, gelassener. Entspannung verheißende Parks, unverbindlich zublinzelnde Straßencafés und aufreizend duftende Hinterhofrestaurants – dies alles garniert mit herrlich gelassenen Menschen – ich fühlte mich erstmals in einer kaukasischen Großstadt rundum wohl. 

Antwort an Radio Jerewan: Du gefällst mir, nicht nur im Prinzip!

Jerewan – für mich die unangefochtene Nr. 1 der Großstädte des Kaukasus. Ohne Baku gesehen zu haben.

 

Obwohl, wie allgemein bekannt, für das bestmögliche Aufnehmen des Charakters einer Stadt das vollständige Ablaufen der Sehenswürdigkeiten als eher zweitrangig einzuschätzen ist, hier ein paar Anlaufstationen, die es wert sind, besichtigt zu werden:

  • Zizernakaberd (ein Denkmalkomplex zum Gedenken an die Opfer des Völkermords. Im westlichen Teil Jerewans auf dem gleichnamigen Hügel gelegen, hat man hier auch einen spektakulären Blick auf Stadt wie Ararat)
  • Matenadaran (wer der Sache mit der Besonderheit der armenischen Schrift nachgehen möchte, ist hier genau richtig. 17000 verschiedene seltene Handschriften lagern hier und einige Kostbarkeiten davon sind sogar zu besichtigen. Dieses Weltdokumentenerbe befindet sich in einem Gebäude im neo-armenischen Stil, welches atombombensicher in den Fels gehauen wurde doch heute zunehmend unter Wassereinbrüchen leidet)
  • Mutti Armenien (auch Armenien hat, wie so manch anderer Staat in der Umgebung eine beschwertete Dame die sorgenvoll auf ihrer Kinder und in die Zukunft schaut. Im 36 Meter hohen Sockel befindet sich auf fünf Etagen das Militärmuseum Armeniens.)
  • Festung Erebuni (im 8. Jahrhundert von den urartäischen Königen errichtete Festung im südlichen Teil von Jerewan)

Weitere empfehlenswerte, aber noch nicht erlebte Reiseziele

  • Kloster Etschmiadsin (Residenz des Katholikos und älteste noch aktiver Kirchenbau der Welt) Geghard (Höhlenkloster), Chor Virap (beste Sicht und nächste Lage auf Ararat) und Tatew (auf Felsplateau gelegen, von unüberwindlichen Abgründen umgeben, spektakulär!) und ein gutes Dutzend Klöster von dieser Güte mehr
  • Aragaz (erloschener Schichtvulkan und mit 4090m die höchste Erhebung Armeniens)
  • Areni (erwähnten ich schon einmal, dass der älteste Wein aus Armenien kommt? In Areni kan man sich auf dessen Spur begeben. Wenn man zudem noch Anfang Oktober in Armenien ist, dann nix wie hin, denn dann findet hier nämlich nach und mit der Weinlese das traditionelle Weinfest statt)
  • Geghama-Gebirge (Teil des Armenischen Hochlands westlich des Sewansees. Die Berhheidelandschaft der Hänge bedeck bis auf 3600m ansteigendes Tuff- und Lavagestein)
  • Sangesurkamm 130 km langer Kamm westlich der historischen Region Sangesur im östlichen Armenischen Hochland
  • und noch viele, viele reizende Naturschauspiele mehr. Eine kleine Zusammenfassung, was das kleine Armenien in dieser Hinsicht noch zu bieten hat, ist auf outdooractive.com ganz gut zusammengefasst

 



Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Kaukasucht

So, Kaukasus, du Mutter aller Gebirge, letzte wahrhaftige Grenze, Keimzelle von zahlreichen Hochkulturen und Heimat von noch zahlreicheren zänkischen Bergvölkern – nun ist es endlich soweit! Obwohl ich mich dir schon mehrere Male mit zaghaften Expeditionen schüchtern annäherte, heute ist der erste Tag einer Reise tief hinein in die Welt meiner innersten Wünsche und Bedürfnisse. Wir haben es gegen alle Widerstände möglich gemacht und sehr viel Zeit zusammengekratzt. Lass nun also die Spiele beginnen und uns gegenseitig begeistern! Meine Erwartungen sind zurecht sehr hoch. Die legendären armenischen Fettschwanzschafe über die Zunge hüpfen lassen, auf knapp 2000m in den größten Kauskasussee springen, knurrig-quietschenden Eisenbahnexzessen frönen, die idyllische Abgeschiedenheit Swanetiens genießen, wieder ein paar der 500 nur hier vorkommenden Weine entdecken, Schaschlyk, Chatschapuri, Tschtscha – oh là là!

“Blaue kaukasische Berge, seid mir gegrüßt! Der ganze Weltschmerz geht zum Teufel, das Herz schlägt und die Brust weitet sich, man ist in dieser Minute wunschlos glücklich.” (M. Lermontow)

Natürlich werde ich versuchen, wie gewohnt, frische Eindrücke möglichst schnell den vertrauenswürdigen Eilboten des Internets zu übergeben. Hier an dieser Stelle aber wahrscheinlich eher weniger, Vivaperipheria sehe ich immer mehr als das massive Flaggschiff meines Meinungsimperiums. Hier ist eher der Raum für abschließende Beurteilungen und ausführliche Empfehlungen. Für die tägliche Dosis Kaukasus empfehle ich in den nächsten Wochen vielmehr Twitter (für die schnell aus der Hüfte geschossenen Beobachtungen) sowie Instagram (für die etlichen, zu erwartenden visuellen Eindrücke eines ausgewiesenen Schnappschussologen). Praktischerweise habe ich beides elegant an beiden Seiten dieses Blogs präsentabel und klickbar hinzugefügt. 

Ratgeber: Reisen wie Gott in Georgien

„Als Gott das Land an die Völker verteilte, verspäteten sich die Georgier. Denn sie hatten den Abend zuvor wie üblich reichlich gesungen, musiziert, getanzt und das Leben im Allgemeinen voller Hingabe gefeiert. Zuerst zürnte der Herr, denn alles Land war bereits verteilt. Doch die Fröhlichkeit und der Charme der Vertreter dieses Volkes versöhnten ihn, und er schenkte den Georgiern den Flecken Erde, den er eigentlich für sich selbst vorbehalten hatte….“

Georgien – jenes über alle Maßen begünstigte Kleinod, umsäumt von den Hängen des Kaukasus und den Gestaden des Schwarzen Meeres befindet sich gegenwärtig nicht direkt im Auges des Massentourismussturms. Und obwohl ich dies ja an und für sich gut finde, bin ich dennoch der Meinung, dass dieses großartige Land und seine Menschen etwas mehr Interesse verdient hätten. Sicher, standen neben Unwissenheit, jede Menge Klischees und halbwissende Vorurteile eurer Reise nach Georgien bisher im Weg. Diese sollen nun mit einem weiteren Kompendium aus der Themenreihe “Schöneres Reisen für eine bessere Welt” beseitigt werden.

Update (12.9.1018): Im August 2018 unternahmen wir unsere bislang längste Reise durch Georgien, neue Erkenntnisse sowie Veränderungen, die wir hier sammelten, sind im Folgenden in kursiv nachgetragen.

2015-09-22-12-41-16

Reiseland Georgien

Andere Wissensquellen

Der verfügbare Wissensstand zum Thema Georgien, nicht allein als Reiseland, kann mit besten Gewissen als dürftig beschrieben werden. Die landläufigen Reiseführer glänzen mit veralteten Plattitüden oder überschlagen sich mit redundanten Analysen der hiesigen Sehenswürdigkeiten. Georgien ist angekommen in der Mitte der Tourismusgesellschaft (2018 Platz 4 unten am schnellsten wachsenden Tourismuszielen der Welt) demzufolge wächst auch die Anzahl an aktuellen und gepflegten Reiseführern direkt proportional hierzu. Aus der rasch gewachsenen Auswahl mag sich der geneigte Reisende in einem gutsortierten Buchladen den eigenen Favoriten heraussuchen. Im Netz findet sich als einzig brauchbare Anlaufstelle georgiano.de – hier findet sich reichlich Material für den wissbegierigen Individualtouristen. Auch hier hat sich einiges getan. Etliche Erfahrungsberichte aus aller Herren Länder Sprache, vorzüglich kommentierte GPS-basierte Routenempfehlungen und etliche andere Angebote für das Erlebnis Georgien lassen sich mittlerweile finden. Bei wikivoyage lassen sich zusätzlich auch ein paar grundlegende Informationen abstauben.

Einreise

Ungewohnte Einfachheit lässt die Reise schon von Beginn an geschmeidig starten. Sämtliche EU-Bürger und noch ein paar mehr (immerhin 94 Staaten) dürfen bis zu einem Jahr visumfrei einreisen. Es genügt der Personalausweis. Vorbildcharakter par excellence.

topographische-karte-georgien

Anreise

Lange galt Georgien zurecht als beschwerlich oder zumindest sehr kostspielig von Deutschland aus zu erreichen. Dank des Billigfliegers Wizzair gehören diese Zeiten aber seit geraumer Zeit der Vergangenheit an. Nach anfänglichen Direktflügen von Polen und Ungarn kann man seit kurzem auch von Schönefeld oder Dortmund für wenig Geld (hin&zurück ab €60) zu dem quasi eigens für diesen Zweck ins georgische Herzland gestampften Flughafen Kutaissi reisen. Daneben gibt es selbstredend auch nach andere Fluglinien wie bspw Ukrainian Airlines, Georgian Airlines oder Air Baltic, die Georgien recht preiswert anfliegen.

Die Anreise auf dem Festland ob per Zug oder Auto ist zwar möglich, stellt aber aufgrund der Distanz eher den Weg als Ziel in den Vordergrund und nicht Georgien. Zu Bedenken sei hier zudem der Konflikt in der Ukraine, welcher die Nordroute nach Georgien etwas komplizierter gestaltet. Die Tour über die Türkei wäre hierbei erheblich vorzuziehen.

Ein absoluter Leckerbissen für den Reisegourmet stellt dabei noch eine andere Alternative dar. Von Chernomorsk (Odessa) bis Poti oder Batumi verkehrt einmal die Woche eine Fähre. In schlanken 60 50 Stunden könnte man auf derart einmalige Art und Weise das Schwarze Meer komplett durchkreuzen um so Georgien zu erreichen. In der Vierer-Kabine mit Außenklo für schlappe $95 zu haben. Funfact am Rande: das hier eingesetzte Fährschiff ist auf den bezaubernden Namen “Greifswald” getauft. Nachdem ich diese Methode nun erstmals selbst erprobt habe, hier in Bälde meine spezielle Fährrezension. Bis dahin empfehle ich diesen Bericht von Reisenden, die kurz nach uns auf dem selben Schiff in die Gegenrichtung fuhren.

Herumreisen

Um es gleich vorweg zu sagen – infrastrukturell gesehen ist Georgien ein elendiglich nach Luft schnappendes Elend. Eisenbahnen verkehren selten und bedienen nur ein Minimum des Notwendigen. Der öffentliche Nahverkehr leidet unter offensiver Vernachlässigung und die Straßen zehren seit Jahrzehnten von der Substanz. Ergänzt man diese, per se schon ungünstige Gemengelage mit der feurig-selbstmörderischen Grundeinstellung der meisten aktiv am Verkehr beteiligten Georgier, so verspricht dies nichts Gutes. Grundlegend sei jedem potenziellen Georgienentdecker ans Herz gelegt, nicht allzu viel verschiedene Ziele während eines Aufenthalts anzusteuern. Die verhältnismäßig geringe Fläche (69.700 qkm) mag dazu einladen, doch es hat sich bewährt nach Anreise eines der verlockenden Ziele anzupeilen und dort jenseits der Straße auf Tour zu gehen. Mit mehreren Zielen innerhalb einer Woche zerstört man unnötig den einmal erlangten Erholungseffekt.

Kurz vor der russischen Grenze....
Kurz vor der russischen Grenze….

Die zur Verfügung stehenden Fortbewegungsmittel im einzelnen:

Eisenbahn – eine schüchtern im Hintergrund stehende Alternative. Hauptsächlich auf den Hauptrouten verkehrend und im Schatten der quirligen Busbahnhöfe liegend, kann ein Blick auf den Fahrplan nicht schaden. Da sie relativ selten verkehren ist es zumeist keine Alternative für den raschen Ortswechsel aber wenn Zeit vorhanden, eine Überlegung wert. Die Züge wirken recht gepflegt (im Gegensatz zu den Gleisanlagen) und die Preise liegen zum Heulen niedrig (Beispiel: Batumi-Kutaissi: 1 Lari (2016: 0,37 Cent). Speziell für Verbindungen nach der Anreise oder vor der Abreise bieten sich die das Land durchquerende Nachtverbindungen an.

Marschrutki: Dieser eingedeutschte Begriff ist auf dem gesamten Gebiet der Ex-Sowjetunion ein geläufiger Begriff für sogenannte Sammeltaxis, mit deren Hilfe prinzipiell fast jedes Ziel was an einer Straße liegt, erreicht werden kann. Das Prinzip ist denkbar einfach. Zwar gibt es im Groben so etwas wie Fahrpläne, welche aber eher als Orientierungspläne zu verstehen sind. Ein Marschrutka ist eher durch komplette Ausnutzung aller verfügbaren Sitzplätze zur Bewegung zu motivieren als durch so etwas wie eine abstrakte Abfahrtszeit. Hieraus resultierend ist ebenso, dass ein Marschrutka jederzeit und überall an der Straße herangewunken werden kann. Die Preise variieren in munterer Selbstbestimmung, bezahlt wird beim Aussteigen.

Taxis: Das Taxi kann als letzte Alternative in ausweglosen Situationen ebenfalls herangezogen werden. Verfügbar sind sie in den meisten Regionen, für Verhandlungen, ob Preis oder Ziel seien zumindest rudimentäre Russischkenntnisse anempfohlen.

Kommunikation

Nicht nur, dass man mit der Entscheidung für Georgien die wohlig bequem machende Roamingzone der EU verlassen hat, man befindet sich auch auf einem anderen Kontinent. Das heißt, dass das Nutzen der meisten heimischen Mobilfunkverträge hierzulande ein teures Vergnügen werden könnte. Daher empfiehlt es sich vor Ort eine lokale SIM-Karte zu erwerben. Nichts ist leichter als das. Du brauchst nichts mehr dazu als ein paar Minuten Zeit, ein paar Lari und einen Ausweis. Georgien hat drei Provider: MagtiCom, Beeline und Geocell. Erfahrungen haben wir nur mit Beeline und MagtiCom gesammelt. Preislich gibt es hier kaum Unterschiede – ausreichend Gigabyte plus Telefonflat bekommt man für wenige Lari. Einzig auffällig war, dass der deutlich kleinere Anbieter Beeline in den Bergen erheblich größere Verbindungsprobleme hatte.

Sprache

Der Kaukasus galt in der Antike als der “Berg der Sprachen”, Strabo spruch einst von nicht weniger als 70 Dolmetschern, die man benötigte um allein am Schwarzen Meer erfolgreich Handel zu betreiben. Derlei Vielfalt, so sie in diesem Ausmaß je bestanden hat, ist zwar längst Vergangenheit, doch die Zahl und Eigenheit der hiesigen Schriften und Sprachen weiß immer noch zu faszinieren. Neben Georgisch werden hier noch 23 Sprachen aus sechs verschiedenen Sprachfamilien gesprochen. Doch so sehr meine Leidenschaft für dieses Land auch erglüht, dem Ansinnen das Georgische auch nur halbwegs zu beherrschen, ist einem erschöpften Realitätsempfinden gewichen. Allein das scheinbar aus einem Fantasyroman entsprungene hiesige Alphabet lässt einen ehrfürchtig niederknien. So danken wir einmal mehr den verachtungswürdigen Triebkräften imperialer Expansionsbestrebungen in der Geschichte und verweisen auf die lingua franca des Kaukasus – Russisch. Auch wenn die Sehnsucht nach dem Westen offensichtlich ist, Russisch bleibt weiterhin die beste Sprache um sich zu verständigen. Speziell mit Menschen, die die Sowjetunion noch erlebt haben, ist dies eine mehr als ausreichende Verständigungsmöglichkeit. Bei jüngeren Menschen ist Englisch meist die Sprache der Wahl, wobei dank des miserablen Bildungssystems und geringer Anwendungsmöglichkeiten während der Transition dies eher schlecht als recht beherrscht wird. Auch Deutsch wird in gar nicht so wenigen Fällen gesprochen, mittlerweile soll Deutsch an georgischen Schulen gar Französisch als zweite Sprache abgelöst haben. Und wenn gar nichts mehr helfen sollte, kann irrwitzigerweise die geschätzte Weltsprache Polnisch einen Rettungsanker darstellen. Denn dank der eingangs erwähnten Billigfluglinie entdeckten in den letzten Jahren Polen Georgien in großen Scharen, was in Gastronomie und Tourismusgewerbe zu respektablen Sprachkenntnissen im Polnischen geführt hat.

Menschen

 Unbestritten das Salz in der Suppe. Abseits jeder Verallgemeinerungen und sonstiger Über-den-Kamm-Schererei kann hier die Aussage getroffen werden, dass zwischen Großem und Kleinen Kaukasus ein ungemein herzlicher Menschenschlag lebt, der sich dabei stets unaufdringlich und galant um die Befindlichkeit seiner Gäste sorgt.

Selbst Wölfe im Schafspelz scheinen hierzulande nett zu sein.
Selbst Wölfe im Schafspelz scheinen hierzulande nett zu sein.

Selbst dem unerfahrensten Reisenden wird schon nach ersten Augenblicken seiner Georgienreise spüren, dass er hier wohl aufgehoben ist. Ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit ganz unerwarteter Güte. Dieses Gefühl wird dann auch statistisch bestätigt, weltweit steht Georgien aktuell auf Platz 3 in der Kategorie der unkriminellsten Länder.

Geographie

Obwohl Georgien streng genommen zu Asien gehört ist man sich diesbezüglich vor Ort recht unsicher. Bisweilen spricht man spricht eher von Georgien als etwas eigenem oder vom Balkon Europas. Die Fläche entspricht mit knapp 70.000 qkm ungefähr der von Bayern, was angesichts der Fahrzeiten, die das Reisen hier erfordert wirklich enorm überrascht. 87% des Landes sind von Gebirgen oder Vorgebirgen, 44% von Wald (5% Urwald) bedeckt. Im Norden lockt der Große Kaukasus im Süden betört der Kleine Kaukasus. Klimatisch weiß dieses kleine Land mit einem breiten Portfolio von sieben Klimazonen zu überzeugen. Der Kaukasus schützt Georgien vor den eisigen russischen Winden und ermöglicht so, dass das Schwarze Meer das Land kontinuierlich erwärmen kann. So kann der Reisende zu jeder Jahreszeit wählen zwischen diversen Variationen von subtropisch, steppig und kontinental-gemäßigt. Beste Reisezeit bleibt dennoch Frühling oder Herbst.

Kulinarik

Ja, wo soll man hier anfangen? Vielfalt, Frische, Reichhaltigkeit und Exotik lassen mich hier jedes Mal von Neuen nach Luft schnappen. Auch wenn selbstredend Vegetarier und ähnlich Veranlagte wie immer nur einen Bruchteil der Kultur genießen können, kommen auch diese hier auf ihre Kosten. In einem Land mit mehreren Ernten pro Jahr und einer stark landwirtschaftlich geprägten Kultur, die aber noch nicht von den Segnungen industrieller Herstellung betroffen ist, kann Ernährung nicht geringer als ein Erweckungserlebnis beschrieben werden.

Schaschliki - die Mutter aller Fleischcolliers!
Schaschliki – die Mutter aller Fleischcolliers!

Hier die wichtigsten Spezialitäten ohne die kein Georgienentdecker das Land wieder verlassen sollte:

  • Chatschapuri – eine Art Fladenbrot mit Käse gefüllt oder belegt, stets und überall frisch und billig in diversen Variationen zu haben; allein dies wäre schon Grund genug nach Georgien zu reisen
  • Chinkali – die hiesige Auslegung gefüllter Teigtaschen, groß und würzig – eine vollwertige Mahlzeit für jede Gelegenheit
  • Mzwadi – Schaschlik, die Mutter aller kaukasischen Delikatessen; von hier aus begann ihr Siegeszug über die Grills dieser Welt, selbstredend schmecken sie hier am besten
  • Chartscho – eine deftige Rind- oder Lammfleischsuppe mit Nüssen und natürlich jeder Menge Koriander

Doch es ist nicht nur ein Paradies der Leckerbissen – Georgien bietet als Mutterland des Weins gleichsam auch eine unüberschaubare Anzahl an erlesenen Weinen. 500 der 4000 Rebsorten dieses Planeten kommen von hier, die Geschichte des Weinbaus hat hier eine 8000jährige Geschichte, das Wort Vino ist ein georgisches – muss ich noch mehr sagen?! Außerdem ist ein Georgienbesuch ohne eine Kostprobe der hiesigen Cognacs eine unermessliche Straftat. Auch wenn man bislang mit dieser Spirituose nicht sonderlich viel anfangen konnte, hier sollte man es wagen. Vertraut mir – ein Offenbarung für die Sinne. Ein weiterer alkoholischer Kompagnon, Tschatscha, wird man dagegen schwer aus dem Wege gehen können. Diese, zumeist schwarzgebrannte, hochprozentige Grappa-Variation wird einem unter Garantie schon beim ersten Kontakt mit Einheimischen angeboten werden.

Reiseziele: Stadt vs. Natur

Nach soviel vorbereitender Lobhudelei nun aber zum Kern des Pudels. Wohin soll die Reise gehen? Was hat Georgien denn Lohnenswertes zu besichtigen?

Kutaissi

Städte:

  • Tblissi/Tiflis – Als Hauptstadt Georgiens, größte Stadt (1,16 Mio. Einwohner; ein Drittel der Bevölkerung) gilt sie als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des Landes. Damit ist es selbstredend ein erklärtes Ziel jedes Georgienausflugs. Einen Ansatz für die zahlreichen Sehenswürdigkeiten die Tblissi im Angebot hat, und die dem geneigten Städteliebhaber ausreichend Unterhaltung für eine erlebnisreiche Woche bieten sollten, kann man diesem ausführlichen Artikel entnehmen.  Als Unterkunft sei an dieser Stelle schamlos für das Hostel “Why not…” Werbung gemacht. Die ungezwungene familiäre Atmosphäre und ganz und gar entspannte Stimmung unterscheiden es wohltuend von dem austauschbaren Einerlei der globalen Hostelschwemme
  • Kutaissi – eingangs schon erwähnte zweitgrößte drittgrößte Stadt Georgiens (200.000 Einwohner) und Hauptstadt der Provinz Imeretien. (Aufgrund nicht geringfügigen Wachstums und noch weniger geringfügigen Eingemeindungen ist Batumi nun die Nummer 2.) Historisch gesehen die alte Haupstadt des antiken Kolchis und damit quasi das ehemalige Zentrum Georgiens. Dank der Billigfliegerlogik werden die meisten Georgienreisen hier ihren Anfang nehmen. Hierfür ist Kutaissi vorzüglich ausgestattet. es gibt zahlreiche Unterkünfte und einige nette Lokale. Eines der reizendsten Etablissements ist hierbei das Restaurant Palaty direkt in der Altstadt. Nicht nur die Küche ist hier nochmal einen Zacken delikater als üblich auch das Kulturangebot machte die Besuche hier stets zu etwas ganz Besonderem. Ein Spaziergang zu der majestätisch über Stadt thronenden Bagrati-Kathedrale sei wärmstens empfohlen. Die Aussicht hier oben ist den kleinen Aufstieg zweifellos wert. Daneben laden zahlreiche sehenswerte Klöster, Kirchen und Höhlen in der direkten Umgebung zu einem Besuch ein.
    • Batumi – Neben der recht reizlosen Hafenstadt Poti die größte Stadt Georgiens am Schwarzen Meer. Eine wuselige, aufstrebende Ansiedlung, welche dank ihres mediterranen Flairs einen hervorragenden Ausgangspunkt für die Entdeckung der Küste bietet

    Natur:

    Der Borjomi-Nationalpark von oben
    Der Borjomi-Nationalpark von oben
      • Borjomi – bekannt schon seit der Zarenzeit für seine Mineralquellen gehört Borjomi wohl zu den berühmtesten Kurorten, in diesem an Kurorten reich gesegnetem Land. Gleichzeitig ist es aber auch das Tor zum Bordschomi-Charagauli-Nationalpark. Dieser 85.000 ha große Nationalpark im Kleinen Kaukasus ist wohl einer der bestausgestatteten und organisiertesten Nationalparks in Georgien. Dabei ist der Nationalpark einer der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete Asiens. Die Wanderwege hier sind hervorragend markiert, Schutzhütten sind über das gesamte Gebiet verteilt. Der beste Einstieg für den Naturfreund, der sich seine ersten Meriten in Georgien erwerben will
      • Swanetien – abgeschiedene Bergregion im Großen Kaukasus. Bekannt und auf zahlreichen Reiseführen abgedruckt sind die typischen Wehrtürme aus der Zeit des Fürstentums Swanetien. Empfehlenswert und auch für weniger erfahrene Wanderer geeignet ist die Strecke von Mestia nach Ushguli. (Auch hierzu demnächst ein eigener Reisebericht) Die Strecke ist angemessen markiert und problemlos in fünf Tagen zu schaffen. Anreise nach Mestia mit Marschrutka über Sugdidi
      • Tuschetien – Bergregion im Nordosten, gilt als eine der unberührtesten und ursprünglichsten Gegenden Georgiens. Große Teile gehören zu dem Tusheti-Nationalpark, einem der spektakulärsten Naturreservate des Landes
    Der Kazbeg, Prometheus-Gedächtnisfelsen, taucht in der obigen Aufzählung gar nicht auf. Ist aber definitiv einen Abstecher wert.
    Der Kazbeg, PrometheusGedächtnisfelsen, taucht in der obigen Aufzählung gar nicht auf. Ist aber definitiv einen Abstecher wert.

    Kultur:

  • das Höhlenkloster von Vardzia – faszinierende in den Fels gehauene Kloster- und Wehranlage. Im 12. Jahrhundert erbaut, wird die Anlage, welche zeitweise bis zu 50.000 Menschen Obdach bot, bis heute als Mönchskloster genutzt Diese, als Hauptsehenswürdigkeit Georgiens geltende Anlage ist zweifellos die Reise wert und sei jedem ans Herz gelegt. Ebenso wie das etwas mehr Sportlichkeit verlangende Höhlenkloster Dawit Garedscha an der Grenze zu Aserbaidschan
  • die Weinernte in Kachetien – Kachetien, die östlichste Provinz mit der Hauptstadt Telawi gilt als die Wiege des Weinbaus. Nicht nur zur Weinernte (Ende September) wird jedem Weinliebhaber eine Exkursion hierher die Tränen in die Augen treiben. Hier können noch hunderte altmodische Weingüter genossen werden, die ohne jegliche Einmischung der Moderne seit Jasons Zeiten vor sich hin winzern
  • Gori – die Geburtsstadt Stalins. Man kommt nicht drumrum, der berühmteste Georgier aller Zeiten ist zweifellos der schnauzbärtige Dschugaschwilli. Wer mag, kann der Kleinstadt in der Nähe Tblissis einen Besuch abstatten und im Stalinmuseum so spektakuläre Exponate wie den Waggon, in dem der Generalissimus nach Jalta fuhr, besichtigen.
  • Stalins Waggon. Trainspotting für Salonbolschewisten.

    Wer dem nicht viel abgewinnen kann, der darf sich natürlich auch hier über eine Höhlenstadt erfreuen. Uplisziche gehört zu einer der mächtigsten Festungsanlagen an dem sich jahrhundertelang die jeweiligen Eroberer Georgiens die Zähne ausbissen. Bis die Mongolen kamen… die Seilbahn- und Bergbaustadt Tschiatura – kleine Bergbaustadt, die auch wenn sie einst der größte Manganerzproduzent der Welt war (1879 war der Anteil am Weltexport 50%) sonst nicht unbedingt der Erwähnung wert wäre. Was sie besonders macht, ist das öffentliche Nahverkehrsmittel Nummer 1, die aus 26 Seilbahnen besteht. Angesichts der knifflig bergigen Lage der Stadt entschied man sich zu dieser außergewöhnlichen Vernetzung. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art und Spaß für die ganze Familie.

    Und sonst:

  • die Schwarzmeerküste – einst neben der Krim DER Sommerurlaubstraum jedes Sowjetbürgers verharrt die sonnige Küstenregion gegenwärtig in lässiger Apathie, die nur zaghaft wieder wachgeküsst wird. Zahlreiche Hotelanlagen, edle Villen und geräumige Strandanlagen erzählen von einer goldenen, längst vergangenen Zeit. Aktuell liegt hier vieles brach auch wenn der Strom von türkischen, polnischen und russischen Touristen langsam zunimmt. Doch auch wenn der Abstieg der Küste offensichtlich erscheint, kann man hier ganz ausgezeichnet ein paar entspannte und ruhige Tage verbringen. Empfehlenswerte Orte sind hierfür Kobuleti und Shekvetili
  • Frisch gelesene Bücher: Santa Esperanza

    Wie hier ja schon subtil zwischen den Zeilen durchgesickert sein dürfte – ich bin ein wenig begeistert von dem kleinen Ländchen namens Georgien. So konnte es nicht ausbleiben, dass ich auch der georgischen Literatur ein wenig auf den Zahn fühlen wollte. Nun könnte man, wie bei so vielen Sachen in Georgien, hier weit zurückgreifen und sich aus einem schier unerschöpflichen Fundus bedienen. Doch ich konzentrierte mich zunächst auf die neuere Literatur und stolperte dabei über Santa Esperanza und war erstmal baff.

    esperanza

    Was bitte war denn das? Nach kurzer Recherche erfuhr ich, dass es sich hierbei zwar um 36 einzelne Hefte in einem entzückenden Schuber handele, das Ganze aber dennoch ein 850seitiger Roman sein könne. Oder auch nicht. In dem schließlich zu Gemüte geführten Anleitungsheft erfuhr ich, dass ich die einzelnen Hefte in beliebiger Reihenfolge lesen könne – eine Geschichte würde sich in jedem Falle entspinnen. Selbstverständlich ist der Autor auch so frei und bietet verschiedene Reihenfolgen für die unterschiedlichsten Launen an – gar keine Frage, das musste probiert werden.

    Kaukasusnovize der ich war, wählte ich das Standardverfahren alles schön der Reihenfolge nach zu lesen. Eine sehr praktische Angelegenheit im Übrigen um lesend zu reisen: auf allen Ausflügen auf denen das Gepäck anderswo gelagert ist, kann solch ein (oder zwei) schmales Heftchen immer mitgenommen und zwischendurch gelesen werden.

    Doch nun zum Buch an sich. Es handelt sich um einen  historischen Roman, welcher das fiktive Inselreich “Santa Esperanza” im Schwarzen Meer zum Thema hat. Diese Inseln liegen irgendwo zwischen Georgien und der Türkei und wurden im Laufe der Jahrhunderte von den verschiedensten Völkern besucht und geprägt. Diese bunte und verworrene Geschichte, die mit leichter Hand Kaukasus und mediterrane Kultur miteinander verwebt und schließlich im Chaos und Bürgerkrieg der Gegenwart endet, ist ein lesenswerter Einstieg in eine fabulierfreudige, freundliche und absurde literarische Welt, die der realen Welt in unzähligen Details gleicht. Wir fassen zusammen: Vielleicht ein Glückstreffer, aber auch in Sachen Lektüre weiß Georgien zu überzeugen!

     

    Ein unmöglicher Reisebericht

    Es ist an der Zeit ein paar resümierende Worte zu verlieren. Ein zusammenfassendes Zwischenfazit zu einem Erlebnis, welches mich sprachlos begeistert hat. Die Rede ist von jenem Land im Kaukasus mit den zahlreichen Namen – Sakartwelo, Grusinien, Kolchis, Georgien! Ein schwieriges Unterfangen, fürwahr! Den unterwegs abgeschossenen Reisesplittern konnte man mit Sicherheit schon entnehmen, dass ich ganz und gar fasziniert war von dem was sich mir in einer viel zu kurzen Woche bot. Auch im allerneusten Laberpodcast bringe ich dies ja ganz zum Schluss zur Sprache. Und das obwohl ich mit allerhöchsten Erwartungen angereist war.

    Es ist genug Gegend für alle da
    Es ist genug Gegend für alle da

    Was nun ist die Grundlage dieser lobhudelnden Euphorie? Schwierig, schwierig. Allzu oft bemerkte ich bei meinen mündlichen Reiseberichten, dass Worte offenbar nicht ausreichten um das Besondere an Georgien zu vermitteln. Abgesehen von den offensichtlichen Kernkompetenzen, wie herausragende Küche, atemberaubende Berge, entzückender Strand, vorzügliche Weine, eine bezaubernde und pralle Vegeation allerorten  und  Gastfreundschaft in ihrer reinsten Form sowie Freundlichkeit, immer wieder Freundlichkeit, war da noch etwas ein schwer zu beschreibendes Etwas. War es die Ferne, das Exotische, das nicht Einordnungsbare? Gänzlich sicher bin ich mir immer noch nicht. Fest steht jedoch, dass ich sieben Tage wie elektrisiert alles um mich herum aufsog und nach Ende der Reise auch erlebnisverkatert wie lange nicht mehr derbe in der Heimat aufschlug.

    Mama Grusija - charmant, apart und abgewandt freundlich!
    Mama Grusija – charmant, apart und abgewandt freundlich!

    Was bleibt ist Spekulation und Vermutung. Erst die nächste Reise (und wie ein Süchtelnder zähle ich die Tage bis dahin…) wird eventuell mehr Gewissheit erbringen. Eine Erklärung die, so diffus wie plattitüdig daherkommt, wäre jene, dass ich mich hier jede Minute wie zuhause gefühlt habe und dabei unablässig das Gefühl hatte, dass mir hier ein Detail, ein winziges Mosaikstückchen fehlte. Fehlte zu was? Ja, das ist die eigentlich entscheidende Frage. Ständig hatte ich ein unbestimmbares Gefühl, dass ich nur ein Haarbreit entfernt war: zum vollständigen Verständnis, perfekten Geschmackserlebnis – was auch immer. Oft, zu oft, blieb ich unsagbar befriedigt zurück und doch nagte eine gewisse Unruhe an mir, die mich wach hielt. Da war noch mehr. Dem weitgereisten Beobachter in mir kam es so vor als würde da noch mehr sein, etwas das nur im Augenwinkel sichtbar, im Unbeobachteten entdeckbar war – im ständig zwielichternder Unschärfe. Ein Phänomen, welches mich in jedem Fall wachhielt, mich weiter hungrig ließ und aktuell nach mehr geifern lässt? Ja, ich sehe ein, so großartig dieses Medium hier auch immer ist, für alle kommunikativen Bedürfnisse scheint es nicht auszureichen. Auch wenn ich das Gefühl habe, mich besser verständigt zu haben, als mit gestammelten unfertigen Worten.

    Schlingern wir also mit quietschender Kausalität zum Ende dieser unmöglichen Aufgabe, ein Fazit darzureichen nach lumpigen sieben Tagen! Dies war ein Appetithappen, aber ein gewaltiger und anregender. Die Vorfreude auf den nächsten Sommer ist hiernach nicht nur berechtigt sondern auch nicht unerheblich angefeuert.

     

    MZB007 – Münzenberg – Der uneinheitliche Einheitsplausch

    25 Jahre am Humboldthain. Zu Füßen das ewig unbeteiligte Berlin.
    25 Jahre am Humboldthain. Zu Füßen das ewig unbeteiligte Berlin.

     

    I’ve been looking for freedom von David Hasselhoff auf tape.tv.

    <!– http://www.podcast.de/pod_96313JMeqZ082hLD7IqTs549050/ –>

    Mein Podcast bei podster

     

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    avatar thomas

    Das wars noch lange nicht

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    Der Brückenkopf nach Europa - genauso öde wie er aussieht.

    Und nun stehen wir wieder an einem dieser verhassten Übergangspunkte des internationalem Kolontourismus und warten auf unsere Übernahme in die hochgeschätzte Heimat. Doch zuvor sei Kutaissi erwähnt, zweitgrößte Stadt Georgiens, und nach kurzer Visite überaus angenehm. Wir genossen nach Maß und auch angemessen unseren Abschied von all jenem was man nach einer Woche so unschätzbar geworden ist.
    Und wenn eines gesagt sein darf: Ansprüche weitestgehend gedeckt – ich komme wieder.

    In der Weinhauptstadt

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    Telavi - Mutter aller Weintrauben

    Etwas mehr als 150 km später sind wir in Telavi angekommen. Die Hauptstadt von Kachetien – ein Mekka für Weinliebhaber. Seit 6000 Jahren wird hier Wein produziert, es versteht sich, dass wir von dieser Erfahrung unbedingt etwas mitbekommen wollten. Und so rinnt aktuell ein trockenes Fläschlein unsere Kehlen hinunter, die Grillen zirpen und in der Ferne lockt ein neues Sortiment an entzückenden Bergen.

    Ein anderes Thema sei hier noch kurz angeschnitten – die Rennfahrernation Georgien. Ich war nun doch in einigen Ländern die eine recht legere Auslegung von Verkehrsregeln und dem allgemeinen Umgang im Straßenverkehr haben, doch die Georgier schlagen alles bisher erlebte. Ich habe heut ungelogen fünf Mal mein Leben vor meinem inneren Auge vorbeiziehen sehen. Zwei Hände am Lenkrad scheinen in einem so kurvigen Land derart unmännlich zu sein, die ununterbrochen glimmenden Zigarette braucht die Hand ja auch dringender. Wahre Hysterie ergriff mich nur wenn das Handy klingelte…

    Abschied vom großen Berg

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    Zwei Tage haben wir im Schatten dieses übermächtigen Riesens verbracht. Nun ziehen wir weiter. Höchstwahrscheinlich gen Telavi um der Weinlese beizuwohnen. Eines soll aber noch angefügt sein. Wenn der Eindruck entstanden sein mag, dass Russland hier in irgendeiner Weise ein Problem sein könnte, so entspricht das dem Eindruck den ich vermitteln wollte. Andererseits sitze ich auch gegenwärtig in einem Lokal, welches zwar definitiv polnisch dominiert ist (unser Chauffeur spruch von Mało Polski als er uns hinauffuhr – wir danken den Angeboten der ehrbaren Fluglinie Wizzair) aber durchmischt ist von Polen, Kaukasiern und Russen. Man redet und scherzt miteinander. Hoffnung, so rar sie in meinem Herzen bisweilen ist – hier habe ich auf ein mal einen kleinen Zukunftsschluckauf. Und das in dieser Gegend.