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Das Jahr 2018 in Büchern

Es sollte sich hoffentlich herumgesprochen haben, dass der Büchergenuss an dieser Stelle nicht mehr, wie viele Jahre zuvor, beschrieben, sondern seit geraumer Zeit besprochen wird. Das Test-Vehikel Podcast “Münzenberg” dient nach etlichen Probeläufen nun in verlässlichster Weise dazu, in gemeinsamer Runde über Bücher zu reden. So hat nun die ehrgeizige Suche nach einem Format hier nach etlichen Versuchen zurück zu eine meiner vermuteten Kernkompetenzen geführt. Das Gespräch mit anderen Literaturgourmets über Bücher, die jeder vom Namen schon einmal gehört hat, aber die wenigsten gelesen haben, bereitet mir zuverlässig Freude und ist neben Reisen und Alltagsbeobachtungen ein solides Standbein des peripheren Medienimperiums geworden. Doch auch wenn wir regelmäßig während des Podcasts über Bücher sprechen, die wir neben dem eigentlichen Star der jeweiligen Sendung gelesen haben, so fällt mir doch immer wieder auf, dass ich gerne über das eine oder andere besondere Buch, welches mich in diesem Jahr begeistert hat, ausführlicher sprechen möchte. Aus diesem Grund veröffentliche ich nun hier den Jahresrückblick um den beeindruckendsten Werke der letzten 12 Monate ein wenig Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Dank dem sozialen Medium für Leseratten goodreads (ich verhungere hier übrigens immer noch mit nur einem follower!) bleibt der Konsum wohl dokumentiert und ich schaue begeistert auf den Genuss von 30 Büchern in diesem Jahr zurück. Ein Blick zurück offenbart, absolute Reinfälle gab es dieses Jahr eigentlich nicht. Allenfalls einige Werke die mittels ihrer drögen Erzählweise den Genuss ein wenig geschmälert haben. Auffällig hierfür war beispielsweise Norman Davies “Die Blume Europas. Breslau – Wroclaw – Vratislawia”. Nach dessen mitreißenden Buch über die “Geschichte Polens” lag die Messlatte entsprechend hoch. Zu hoch offensichtlich. Möglicherweise habe ich das Buch falsch gelesen und es stellt einen großartigen Entwurf eines ausführlichen Nachschlagewerks über diese noch großartigere Stadt dar, doch ich weiß eben aus Erfahrung, dass beides möglich ist. Ein vor Fakten überquellender Wissenssteinbruch UND ein packend geschriebenes Stück Literatur. Dieses Buch aber ist nur eine lieblos zusammengestellte Chronologie mit einer ungeheuren Faktendichte, aber leider nur als regionale Enyklopädie nutzbar.

Recht ähnlich verhielt es sich aus meiner Sicht mit Herfried Münklers “Der Dreissigjährige Krieg”. Im großen Jubiläumsjahr erschienen erwartungsgemäß etliche Bücher zu eben jenem Thema. Mein Interesse war auch recht hoch und ich freute mich auf einige der Neuerscheinungen, unter anderem auch auf Münklers allumfassender Analyse. Auch meine erste Umfrage auf Twitter ergab, dass die werten Verfolger mir dieses Buch zur Sommerlektüre ans Herz legen wollten.


Glücklicherweise setzte ich mich über dieses Urteil hinweg und ersparte mir daher eine uninspirierte Aneinanderreihung von Altbekanntem, Zahlenwust und solider Geschichtshandwerkskost. Nein, dies war nichts aus der Kategorie mitreißender Geschichtswissenschaft. Und auch wenn ich weiß, dass Werke, die sich mit diesem Prädikat schmücken dürfen, dünn gesät sind, so weiß ich doch, es gibt sie.

Doch abseits dieser beiden Bücher war es das auch fast schon mit den Fehlgriffen dieses Jahr. Diese erstaunliche Quote mag durchaus auch an einer etwas rigideren Auswahl- und Abbruchpolitik meinerseits geschuldet sein. In Anbetracht meines zunehmenden Alters und der hierzu in direkter Beziehung stehenden absehbaren Begrenzung des noch zu lesenden habe ich deutlich weniger Geduld mit Büchern, die mich nicht fesseln und mitnehmen. Das mag ein wenig bequem klingen, aber ich habe mich in den letzten Jahren durch genügend Bücher gequält um einschätzen zu können, dass der zu erwartbare “Nutzen” solcher “Opfer” zumeist sehr begrenzt bleibt. Sprich: die wenigsten Bücher, die ich nicht mochte, haben mir dennoch etwas gegeben.

Ob es nun hieran lag oder einem glücklichen Händchen, auf jeden Fall kann ich über einige Bücher berichten, die überaus herausragend und horizonterweiternd waren. Von diesen soll im Nachfolgenden die Rede sein.

Beginnen wir beispielsweise mit einem historischen Sachbuch, welches es in meine n Augen richtig macht. Yuval Noah Hararis “Eine kurze Geschichte der Menschheit” sollte den meisten kein Unbekannter sein. Schließlich prangt dieser Roman seit längerem in den Auslagen der Buchläden. Es handelt sich hierbei in der Tat um einen lupenreinen Weltbestseller. Und auch wenn ich angesichts solcher Meriten in der Regel recht skeptisch bin, handelt es sich bei diesem Buch dann mal wieder um die viel besungene Ausnahme. Zumindest die ersten beiden Drittel glänzen durch erzählerisches Talent, erkenntnisberstende Darstellungen und zahlreiche pointierte Analogien, die den Blick auf den Menschen und seinen Weg durch die Jahrtausende neu justieren. Ich habe dieses Buch zu großen Teilen verschlungen und war mehr als einmal überrascht wie es dem dem Autor gelingt, mit leichter Hand fundamentale Sichtweisen der Geschichtswissenschaft zu zertrümmern und neu zusammen zu puzzlen. Ich muss einfach für gewisse Momente in diesem Buch den überhöht wirkenden Begriff der Horizonterweiterung verwenden. Zum Schluss baut das Buch leider etwas ab, da hier einerseits eine allzu lässige Verallgemeinerung und auch die ideolgische Ausrichtung von Harari spürbar wird. Nichtsdestotrotz über alle Maßen empfehlenswert und für mich das Sachbuch des Jahres. Dieses Buch gehört in jede Schule!

Aus dem belletristischen Bereich (und ja, dieser dominiert meinen Lesekonsum immer noch gewaltig) möchte ich dieses Mal vier Werke hervorheben. Beginnen wir zunächst mit einem Buch, welches tendenziell ein wenig zwischen den Welten steht. “Die vierzig Tage des Musa Dagh” von Franz Werfel behandelt in Romanform eine wahre historische Begebenheit und hält sich, soweit man dies heute beurteilen kann, auch sehr an den tatsächlichen Verlauf dieses Ereignisses. Die Geschichte des Romans beschreibt den verzweifelten Versuch einer kleinen armenischen Gruppe, sich gegen die drohende Vernichtung durch die Türken zur Wehr zu setzen. Ich las dieses Buch in Einstimmung auf meinen diesjährigen Erstkontakt mit Armenien und obwohl ich anfangs unsicher war, ob dieser harte Stoff wohl die beste Einstimmung auf einen Armenieinurlaub wäre und auch wenn mich diese dramatische Geschichte, welche dabei von Werfel meisterhaft erzählt wird, nachhaltig erschütterte, so kann ich dennoch festhalten: ein einzigartiges Werk der auserlesenen Güteklassse. Einmal mehr bin ich überrascht von der Vielzahl an exzellenten Schriftstellern die uns das alte Kakanien bescherte und bin fest entschlossen, demnächst noch mehr von Franz Werfel zu lesen.

Ein weiteres Meisterwerk mit historischen Hintergrund stammt mal wieder aus dem Hause Wu Ming. Ich habe an dieser Stelle ja schon oft und in den schillerndsten Farben von den jeweiligen Kreationen des italienischen Autorenkollektivs geschwärmt. Doch die aktuellste Übersetzung, die den Titel “Kriegsbeile” trägt, hat tatsächlich nochmal einmal alles übertroffen. Und das ist bei dem hohen Niveau der Wu-Ming-Bücher alles andere als leicht. Dieses Buch hat mich schlicht und einfach umgehauen. Mit dem von Wu Ming gerne angewendeten Mittel, der lose miteinander verknüpften, parallel erzählten Handlungsstränge von einzelnen Individuen, welche in den großen Zeitläuften ihr ganz eigenes, außergewöhnliches Leben leben wird auch dieses Mal wieder im ganz großen Stil gearbeitet. Das Schlaglicht fällt in diesem Buch auf die Lebenswege italienischer Partisanen, die den Tod Mussolinis nicht als den Tod des Faschismus verstanden. Beeindruckende Einzelschicksale von unglaublichen Menschen aus einer weit entfernt scheinenenden Zeit. Meine glühende Anhängerschaft den Autoren gegenüber ist in eine neue Fieberphase übergegangen – und das nächste Buch lauert schon um die Ecke.

Das nächste Highlight der Saison war nur bedingt eine Überraschung, denn dass “Qualityland” von Marc-Uwe Kling nicht zu den übelsten Publikationen gehören würde, hatte ich schon vermutet. Schließlich hatte er mit dem von ihm erschaffenen Känguru-Universum schon gewaltig vorgelegt. Diese Tetralogie gehört zweifelsohne zu den geistreichsten, originellsten und witzigsten Veröffentlichungen der letzten Zeit im deutschsprachigen Raum. Mit diesem Buch beweist er nun aber eindrucksvoll, dass er auch Romane schreiben kann. Auch ohne das Känguru gelingt es ihm in dieser “lustigen Dystopie” (erhältlich als Optimisten- und Pessimistenausgabe) ideenreich und nonchalant eine Handlung aufzubauen, die man sich in baldiger Zukunft durchaus genauso vorstellen kann und die einen merkwürdigerweise trotzdem nicht verzweifeln lässt. Für diese bewundernswerte Gratwanderung gehört ihm mein vollster Respekt.

Das letzte Buch, welches ich hier hervorheben möchte, besteht eigentlich aus drei Büchern von denen bis dato nur zwei auf deutsch erschienen sind – die Trisolaris-Trilogie von Liu Cixin. Der erste Teil, “Die drei Sonnen” war eben jenes Buch was ich der besagten Twitter-Abstimmung zum Trotz vorzog und ich sollte es nicht bereuen. Das hochgelobte und vielfach preisgekrönte Werk war für mich die erste Berührung mit chinesischer Sciene-Fiction und ich muss neidlos zugestehen, dass etwas Vergleichbares aktuell in der westlichen wie östlichen SF nicht zu finden ist. Weder die ewige Abwandlung dystopischer Konstruktionen westlicher Coleur noch die mystisch-düsteren Kreationen á la Lukianenko erwarten den Leser hier. Stattdessen taucht man ein in ein durchdachtes Konzept einer realistischen Welt von morgen ein, ohne Beschönigungen oder nationalistische Verwerfungen. Dies wird einem rational und nachvollziehbaren Szenario unterworfen, dessen Handlungsstrang über hunderte von Seiten spannend bleibt und den Zauber, der guter Science-Fiction stets innewohnt, voll entfaltet. Irritiert war ich allein von dem Schluss des zweiten Teils, da für mich die Geschichte hier komplett aufgelöst ist und ich nicht recht begreife, wozu jetzt noch der dritte Teil nötig ist. Selbstverständlich giere ich aber dennoch diesem dritten Teil voller Ungeduld entgegen.

Und das war es auch schon mit meinen Höhepunkten des Lesejahrs 2018. Der eine oder andere mag jetzt verwundert blinzeln und angesichts des Kalenderstands einwenden, dass da ja noch was kommen könnte. Doch eingedenk des Wälzers für welchen sich der geschätzte Leseclub beim letzten Mal entschieden hat, schätze ich es als realistisch ein, dass ich über diese Buch wohl erst 2019 sprechen werde.


Münzenberg 32 – Das literarische Trio: Frankenstein

Das Menü zum Buch: Mett-Man und Klo Fontähn

Am letzten Novembertag kamen wir zusammen um über einen ganz besonderen Klassiker zu sprechen: Frankenstein.

shownotes

Das nächste Buch: Der Wüstenplanet

gewinnt gegen “Wie der Stahl gehärtet wurde” und “Stern der Ungeborenen”

 

 

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Münzenberg 029 – Das literarische Trio: Der Gang vor die Hunde

Nach langer Zeit wieder da. Euer Lieblingsbücherclub gibt sich die Ehre und dies sogar mit 50% mehr Deutungskraft. Erstmals dabei der Empfehler des besprochenen Buchs höchstselbst – Noël! Wir freuen uns, euch diese Mal einen wahrhaft empfehlenswerten Leckerbissen zu präsentieren.

Progrès. Les Escargots non sympathiques

Kästners Meisterwerk, so die einhellige Meinung. Eindeutige Leseempfehlung für dieses frische und geistreiche Buch. Ein Buch wie es definitiv mehr bräuchte. Aber hört selbst.

Shownotes:

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Münzenberg – MZB028 – Das literarische Duo: Moby Dick

Und hinein geht’s in das verheißungsvoll glitzernde 2018 mit einem mächtigen Schinken. Einem der Schwergewichte aus der Kategorie “Kenn-ich-aber-noch-nie-gelesen”. Hier die wichtigsten shownotes zum Gesprächsverlauf:

Wahl des nächsten Buchs: 1. Die Entdeckung der Langsamkeit 2. Der Gang vor die Hunde 3. Frankenstein

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Münzenberg – MZB027 – Das literarische Duo: Fahrenheit 451

Die Tage werden kürzer, die Blätter fallen sacht zu Boden, die Gedanken schwanken zwischen klarer Erkenntnis und düsterer Umwölkung. Beste Ausgangslage für einen weiteren Bücherclub. Erneut traf ich auf Feuser um mit ihm über einen Klassiker des dystopischen Genres zu plaudern – Fahrenheit 451.

 

 

 

 

 

Shownotes:

Mein Zuhause bei goodreads

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Münzenberg – MZB026 – Das literarische Duo: Der brave Soldat Schwejk

Wer hätte das vermutet? Eine vernichtende Kritik ereilt den wackeren Schwejk. Jedenfalls in seiner literarischen Urform als Roman. Selbst die tiefste Zuneigung zu meiner gefühlten Heimat Böhmen kann dies nicht abändern. Wieso? Weshalb? Wie haben es ausgesprochen, aber hört selbst!

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Münzenberg – MZB025 – Das literarische Duo: Schuld und Sühne

Und mal wieder ein neues Format: euer unberechenbares Meinungsmedium für alle Lebenslagen präsentiert die Reinkarnation des Buchklubs. Feuser und ich lasen “Schuld und Sühne” und sprechen darüber. Viel Vergnügen!

Von Michail Petrovich Klodt - Русская графика от А до Я. М.:СЛОВО, 2002. С. 109Online source: Art and Photo, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3236313
Raskolnikow und Marmeladow
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Von der Zukunft abgewandt

Jules Verne, Star Trek, FDJ – so grundverschieden diese drei historischen Opinion Leader auf den ersten Blick erscheinen mögen, so ist ihnen dennoch eines gemein, und zwar der von ihnen jeweils unternommene Versuch positive Zukunftsvisionen zu entwickeln und zu verbreiten. Wenn man den Blick in die Vergangenheit richtet, gibt es für derlei Bestrebungen noch etliche Beispiele mehr. Quer durch die Geistesgeschichte der Menschheit lassen sich zahllose kreative und durchdachte Meisterwerke finden, die ein besseres Leben in der Zukunft beschreiben. Und hiermit meine ich ganz klar einzig jene Visionen, die sich auf das irdische Dasein beschränken. Religiöse Zukunftsvorstellungen sind für meine weiteren Überlegungen schlichtweg irrelevant.

In wirren Zeiten die Zuversicht behalten – nichts leichter als das!

Denn worauf ich hinaus will, ist folgendes: Die Diskussionen in jüngster Zeit um die Entwicklungen auf unserem Planeten nähern sich, so kann man ohne einer eventuellen Zeitgeisthysterie auf den Leim zu gehen, urteilen, einem kritischen Punkt. Die Kausalketten und Argumentationslinien verlieren sich oftmals im Postfaktischen, Gefühlten und wenden sich, genährt durch berechtigtes Misstrauen den Eliten gegenüber sowie der massiven Desillusionierung dank gescheiterter progressiver Vorstöße, allzu oft dem Fatalismus zu. Die Ursachen und Analyse dieser Entwicklung soll hier aber weniger das Thema sein. Vielmehr möchte ich auf einen Teilaspekt dieser Misere das Augenmerk richten, und zwar auf das völlige Erliegen jedweder Freude auf die Zukunft, ja der gänzlichen Abkehr von der Vorstellung, dass das Leben in 30 Jahren eventuell schöner sein könnte als in der Gegenwart oder gar im achso schönen “Früher-war-alles-besser”.

Die gänzlichen Abkehr von der Vorstellung, dass das Leben in 30 Jahren eventuell schöner sein könnte als in der Gegenwart.

Diverse Faktoren aus Geschichte, Politik, Demographie und etlichen anderen Bereichen des menschlichen Wirkens führen auch dank der einzigartigen Erlebbarkeit mittels Internet zu einer gefühlten Hilf- und Machtlosigkeit gegenüber der Komplexität unserer Gegenwart. Diese wiederum mündet entweder in den allseits bekannten einfachen Lösungswelten aus Esoterik/Religion bzw. Rassismus/Nationalismus oder einem alles verschlingenden Fatalismus mit der glühenden Sehnsucht nach tabula rasa, einem reboot der Welt. Die bestehenden Probleme erscheinen zu gewaltig und vielschichtig um noch in irgendeiner Weise lösbar zu sein oder aber man versteift sich darauf zu behaupten, dass die Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft in sich komplett verschlissen und korumpiert seien, und daher nicht wert zu retten wären. Der Grundtenor aktueller Überlegungen ist, so scheint es zumindest mir, immer häufiger die Forderung nach einer kompletten Dekonstruktion des fehlerhaften Bestehenden. Diese Sehnsucht nach jenem, mit zahlreichen Hoffnungen überfrachteten “reinen Tisch” übertrumpft dank seines schlichten Konzepts immer mehr jenes anstrengend wirkende Nachdenken über etwaige Möglichkeiten eine Verbesserung unseres Lebens herbeizuführen, ohne alles einzureißen. Dementsprechend versteht es sich von selbst, dass positive Zukunftsvisionen in solch einem Klima nicht wirklich gedeihen können. Ganz im Gegenteil – Dystopien haben im Kino Konjunktur, die Zombiekalypse kann sich auch nach der xten Wiederholung im Serienuniversum nicht über mangelnden Zuspruch beschweren und auch die zeitgenössische Literatur geht im großen Stil mit düsteren Szenarien hausieren. Die einfallslosen Sprünge der Kulturindustrie erschöpfen sich, wenn sie die Vorstellungskraft des Publikums ansprechen will, bestenfalls noch in infantiler Fantasy oder dem einfallslosen Neuaufguss diverser Mythen der Vergangenheit.

Der Grundtenor aktueller Überlegungen ist häufig die komplette Dekonstruktion des fehlerhaften Bestehenden als das Nachdenken darüber wie man es eventuell verbessern könnte ohne alles einzureißen.

Nun mag man, so man mir bis hierhin zustimmt, einwenden, dass doch gerade diese beobachtbare Grundstimmung Indiz für eine relevante Krise der Gesellschaft ist, die es eben in dieser Ausprägung am Vorabend bedeutender Umbrüche schon häufiger gegeben hätte. Und eben dies stimmt meines Erachtens nur zum Teil. Zum einen gab es auch destruktive Zäsuren in der Menschheitsgeschichte, welche in Phasen relativen Wohlstands und gesellschaftlicher Zuversicht auftraten, bspw. sei hier der Erste Weltkrieg erwähnt. Zum anderen waren selbst die gröbsten Zivilisationszusammenbrüche stets begleitet oder gar initiiert von Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Abgesehen von einigen düsteren Momenten, in denen Hoffnung knapp war und eine bessere Zukunft den Zeitgenossen absurd erschien, blieben einem nicht unbedeutenden Teil der Menschheit das Vertrauen auf eine Überwindung der Unzulänglichkeiten der Gegenwart und das Streben hin zu einer besseren Welt im Morgen eine unerschütterliche Gewissheit und Triebfeder für ihr Dasein. Ob es die Utopien der Antike, das klare Denken der Aufklärung oder die kühnen Träume der fortschrittsvernarrten SF-Autoren waren – noch in den übelsten Zeiten begleitete die Menschen jene kraftspendende Motivation einer positiven Zukunftsvorstellung.

Und eben dieses belebende Element menschlicher Entwicklung ist in den letzten Jahren nahezu unbemerkt und spurlos verloren gegangen. Vielleicht lebe ich ja in einer sozialen Blase, doch ich wage zu behaupten, dass man überall auf unserem Erdenball in jedweder gesellschaftlichen Schicht und Altersgruppe auf die Frage wie sie ihr Leben in 30 Jahren sehen, rundweg skeptische, negative oder fatalistische Antworten bekäme. Zweifellos ist dieses Urteil keineswegs unbegründet und auch überaus nachvollziehbar, doch ich sehe in einer solchen allgemeinen Grundstimmung eine enorme Gefahr. Ähnlich dem Prinzip einer selbsterfüllenden Prophezeiung befürchte ich hier auf lange Zeit gedacht, eine Gesellschaft, die sich selbst aufgibt, sich in Selbstmitleid suhlt und bestenfalls verdummt, schlimmstenfalls kollabiert. Wenn eine bessere zukünftige Welt von der überwiegenden Mehrheit nicht mal mehr theoretisch vorstellbar ist, dann haben wir auch keine Zukunft mehr.

Eine Gesellschaft, die sich selbst aufgibt, sich in Selbstmitleid suhlt und bestenfalls verdummt, schlimmstenfalls kollabiert.

Daher hier mein leidenschaftlicher Aufruf zu Optimismus und konstruktiven Denken. Wir sind weit gekommen in den letzten Jahrtausenden und ein Komplettabriss des Bestehenden darf einfach nicht die einzige Alternative sein. Dafür schätze ich zahlreiche Errungenschaften der, aktuell in Misskredit geratenen Zivilisation dann doch ein wenig zu sehr. Selbstredend stehen wir vor gravierenden Problemen, Problemen für die auch ich keine Patentlösung, ja nicht einmal einen realistischen Ansatz im Angebot habe. Doch die Entwicklung von Zivilgesellschaft und Technologie könnten doch zumindest nicht ausschließlich Grund zu Besorgnis und Misstrauen sein. Jedes Ding hat schließlich seine zwei Seiten, alles hat Vor- und Nachteile – mir kommt es aber seit geraumer Zeit so vor als würde sich die globale Wahrnehmung einzig auf die Schattenseiten der kommenden Veränderungen fokusieren. Wenn wir also angesichts der schier unlösbaren Verstrickungen von Egoismus, Gier und Irrationalismus, welche unserer Welt im Würgegriff hält, mal wieder verzweifeln wollen und eine, auch nur geringfügige Verbesserung dieses Zustands als völlig abwegig erscheint, dann wünschte ich mir statt dem ewig öden Fatalismus ein wenig mehr optimistische Gedankenspielerei. Mag die Lage auch aussichtslos erscheinen, sich zumindest in der Fantasie einzulassen auf eine vorteilhafte Wendung der Geschicke der Menschheit sollte doch möglich sein und, wer weiß, vielleicht entsteht aus solcherlei Versuchen etwas, was uns tatsächlich weiterhilft, uns auf neue Ideen bringt. Eines steht in meinen Augen jedenfalls fest: Das permanente Wiederkäuen destruktiver Zukunftsszenarien hilft bestenfalls einigen wenigen. Daher schreibt, musiziert und denkt euch in eine leuchtende Zukunft hinein. Das könnte aufregender sein als die beste Apokalypse.

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Münzenberg – MZB020 – Frisch gelesene Bücher: Unterleuten

Die Buchbesprechung nun auch in ihrer ursprünglichsten Form: gesprochen! Ich nehme das außergewöhnliche Erlebnis, welches der Ritt durch Juli Zehs Roman für mich darstellte, als Anlass um dies mit einer Tonaufnahme gebührend zu würdigen.

Und wie versprochen hier noch der Podcasttipp, welcher mir mit Leichtigkeit das Grausen vor aktuellen Gegenwartsromanciers nahm und daher unweigerlich dafür verantwortlich zu machen ist, dass ich fortan behaupten werde DEN deutschen Gegenwartsroman zu kennen.

Und im Anschluss meine werte Meinung

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