Es ist ja manchmal so eine vertrackte Sache mit der Bücherliebhaberei. Da hat man Geburtstag und das artige, wohlerzogenen Volk überhäuft einen vorbildlich mit auserlesensten Büchern. Vorfreudig eilt man nach Hause um sich an den neuen Schätzen zu delektieren. Doch wenn das erste Buch, welches man in die Hand nimmt, der erste Teil einer so ausufernden wie bedingungslos spannenden Fantasy-Reihe ist, hat man leider keine Chance. All die verlockenden Geburtstagsgeschenke verbleiben auf Halde und der Gang ins Buchgeschäft zum Erwerb der Folgebände ist unausweichlich.Verursacher dieser Gier ist ein, hier schon oft mit Lob überschütteter Pole namens Sapkowski. Seine „Narrenturm-Trilogie“ ziert nicht grundlos die Lesevorschlagsliste dieses Blogs. Wobei diese Trilogie eindeutig in die Kategorie intelligenter Historienschmöker gehört. Bei der sechsbändigen „Geralt-Saga“ (von der bislang erst drei Teile übersetzt sind!) handelt es sich um astreine Fantasy. Wer diesem Genre rein gar nichts abgewinnen kann, der sollte an dieser Stelle die Lektüre meiner Kritik freimütig einstellen. Freunden dieser Art von Büchern oder interessierten Zaungästen sei dagegen verschärfte Aufmerksamkeit ans Herz gelegt. Denn wie jedes Genre kennt auch das der Fantasy erhebliche Tiefflieger und die Intelligenz und Vorstellungskraft des Lesers beleidigende Werke. Die hier angepriesenen drei Bücher gehören jedoch auf keinen Fall zu dieser Art von „Literatur“. Ob Das Erbe der Elfen
, Die Zeit der Verachtung oder Feuertaufe sowie die beiden Bände von Kurzgeschichten, welche in die Materie einführen, jedes dieser Bücher ist ein immer süchtiger machender Leckerbissen.
Bei der Unterscheidung von herausragender und belangloser Fantasy sind für mich zwei Kriterien von essentieller Bedeutung: Einerseits ein gerüttelt Maß an Selbstironie und trockener Distanz sowie andererseits eine Erzählweise, die jene überirdischen Möglichkeiten des dargestellten Universums jener Bücher nicht als gegeben hinnimmt, sondern sie kritisch hinterfragt und sich ihnen mit gebührender Ausführlichkeit widmet. In diesem Sinne also bspw. nicht das bloße Aufführen eines Magiers und seiner übernatürlichen Kräfte, sondern eine intensive Beschäftigung mit der Frage wie so etwas zustande kommen kann. Nur wenn diese Faktoren in der richtigen Mischung vorhanden sind, kann Fantasy dauerhaft fesseln. Wie ihr unschwer erraten werdet, ist es in diesem Fall gar ausverzüglich gelungen. Um letzteren Faktor zu belegen, müsste ich dann doch ein wenig zu ausführlich werden, doch für die feine Ironie die in Sapkowskis Büchern immer wieder auftaucht möge folgendes Lesebeispiel genügen:„Die Natur kennt den Begriff der Philosophie nicht, Geralt von Riva. Als Philosophie bezeichnet man gemeinhin die armseligen und lächerlichen Versuche, die Natur zu verstehen, die Menschen unternehmen. Als Philosophie gelten auch die Ergebnisse solcher Versuche. Das ist, als ob irgendeine Runkelrübe die Ursachen und Folgen ihrer Existenz erforschte und das Ergebnis der Überlegungen als den ewigen und geheimnisvollen Konflikt von Knolle und Blattwerk bezeichnete und den Regen für die Unerforschte Wirkende Kraft hielte. Wir Zauberervergeuden keine Zeit mit der Enträtselung der Natur. Wir wissen, was sie ist, weil wir selbst Natur sind. Verstehst du mich?“ „Ich bemühe mich, aber sprich bitte langsamer. Vergiss nicht, du redest mit einer Runkelrübe.“
Jene Welt, die Sapkowski derart meisterhaft aufbaut, ist eine vielschichtige und zerrissene Welt in der Missgunst, Neid und Engstirnigkeit genauso anzutreffen sind wie Liebe, Solidarität und Offenheit. Selbstverständlich ist der große Rahmen von all dem eine Geschichte um Vorherbestimmung, welche Verrat ebenso kennt wie treue Verbundenheit. Eine Geschichte, die es versteht dauerhaft zu fesseln und dennoch jede Menge Nebenschauplätze mit hohem Unterhaltungswert präsentiert. Dennoch ist es mit Sicherheit empfehlenswert alle sechs Bände in einem Zug zu lesen, da die Vielzahl an Personen, Orten und die Querverbindungen derselben nur schwerlich im Halbjahresabstand in Erinnerung zu behalten sind. (Dies würde allerdings bedeuten dieses Lesevergnügen auf nächstes Jahr zu verschieben, da erst 2011 der letzte Band in deutscher Übersetzung vorliegen dürfte.) Ein gewaltiges Manko ist überdies, dass Autor oder Verlag eine Karte der beschriebenen Welt aberwitzigerweise für unnötig hielten.
Fazit: Für jeden, der Fantasy auch nur halbwegs etwas abgewinnen kann, eine unbedingte Leseempfehlung! Dabei sei der Einstieg mit den hier bereits empfohlenen Kurzgeschichtenbänden wärmstens angeraten.
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