Bereits in dem Augenblick in dem ich den Titel dieses Beitrags niederschreibe, fühle ich mich schäbig angesichts der Blutleere die diesem Begriff innewohnt, wenn man damit versucht zu beschreiben, was in Georgien darunter verstanden wird. Doch auch wenn ich gemeinhin nicht knausere mit neuen Wortschöpfungen, so scheitere ich daran, die exzessive Gastlichkeit der Georgier in ein adäquates Wortvehikel zu gießen.

Das Phänomen beginnt schon vor der direkten Kontaktaufnahme. Jederzeit, so man sich in der Öffentlichkeit befindet, hat man das unbestimmte Gefühl, dass jede aufkommende Unsicherheit oder sonstige Frage zu Wegen, Preisen, Wetter usw. umgehend vom nächstbefindlichen Georgier geklärt wird. Ob an unübersichtlichen Kreuzungen, vollen Marschrutkis oder in einer beliebigen sonstigen Alltagssituation – stets wird mit sanfter Galanterie und freundlicher Unaufdringlichkeit dem Gast der Weg geebnet. Doch all dies ist nur das allgemeine Grundrauschen einer fast schon als fanatisch zu bezeichnenden Willkommenskultur, die einmal ausgelöst in ihrer Naturgewalt ehrfurchtgebietend ist.

So sahen wir uns nach kurzem Kennenlerngespräch im Marschrutki auf einmal im Auto der Familie in die Berge kutschiert, zur gnadenlosen Völlerei eingeladen, mit Geschenken überschüttet und zum Abschluss, noch völlig geschafft im extra für uns nachts geöffneten Heilbad wie Gott im Georgierreich verwöhnt zu werden.

Man muss sich diesen entfesselten Sturm der Gastlichkeit als einen unablässigen Strudel von flinken, bärenstarken Männern und herzensguten Frauen vorstellen, die mit nicht abebbender Energie um einen herumwuseln und immer wieder neue Ideen präsentieren um den Gast zu verwöhnen. Dabei ist der aufblitzende Schalk in ihren Augen und die kindlich anmutende Freude, die sie haben, wenn sie die nächste Fuhre Wir-haben-dich-lieb auffahren, einfach nur entzückend. Gleichermaßen bezaubernd ist dabei auch die hierbei in ausufernden Maße kennengelernte Tafelkultur. Dass die zahlreichen Schätze der von mir vergötterten georgischen Küche in unverschämter Masse gereicht werden, war erwartbar wenn auch in dieser Verschwendungssucht gleichsam überraschend. Faszinierend war die pathetische Ernsthaftigkeit, die der Tamadan mit seinen immer wiederkehrenden Toasts erzeugte. Die epischen und vor Poesie triefenden Aussprüche erfordern reichlich Geduld und Selbstkontrolle. Wie auch mit der Dauer eines solchen Abends, aus dem ohne Probleme auch ein weiterer Abend erwachsen kann, liebevolle Vereinnahmung zu Gästelhaft zu werden droht. Hier sollte man wachsam sein und versuchen getreu der alten Volksweisheit zu gehen wenn es am schönsten ist. Auch wenn einem das mit Sicherheit nicht leicht gemacht wird.

Nichtsdestotrotz ist die georgische Gastfreundschaft ein einzigartiges Kulturerlebnis und gehört zweifelsohne in den stet wachsenden Kanon der Famositäten, die dieses Land auszeichnet.
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