Es ist an der Zeit das Schlaglicht auf einen ganz besonderen Zeitvertreib zu lenken. Wobei es möglicherweise deutlich mehr als ein schnödes Hobby zu sein scheint und dabei gleichermaßen auch an Gewöhnlichkeit kaum zu überbieten ist. Die Rede ist von Karaoke, einer Marotte, die dem geneigten Mitteleuropäer bekannt sein sollte und doch hat er gelinde gesagt keine Ahnung worum es hierbei im Kern geht, solange er es nicht in seinem natürlichen Lebensraum, im Mutterland Japan oder bei den eifrig adaptierenden Anrainern beobachtet hat.

Kurz & bündig, die Länderkritik (in der Chronologie des Kennenlernens)
Mongolei
Im Endeffekt scheint hier der Schriftzug „Karaoke“ nur ein Code für Absackerkneipe zu sein. Zumindest vernahmen wir nie Klänge, welcher musikalischen Natur auch immer aus derlei Establishments. Wie auch, denn hier war man viel zu beschäftigt mit Saufen.

Südkorea
Dass exzessives Saufen kein Hindernis, sondern vielmehr elementare Bedingung sein kann, scheinen die Herren (und ja, es sind nach unserer Beobachtung doch vornehmlich Herren) vom größten aller kleinen Tigerstaaten eindrücklich zu belegen. Hervorstechendstes Merkmal hier war das klandestine Element. Wenn gewissen germanischen Stämmen nachgesagt wird, dass sie zum Lachen in den Keller gingen, so gilt das für Koreaner wenn es ans Singen geht. Gut versteckt und schallgeschützt lässt er es dann richtig krachen, der überarbeitete Trendlandbewohner. Man sieht sie dann nur irgendwann glücklich wankend und rotzbesoffen ins Tageslicht blinzeln.

Japan
Das Mutterschiff, Epizentrum und Herz aller schiefen und leidenschaftlichen Stimmen. Hier lagen die Erwartungen naturgemäß enorm hoch. Umso erstaunlicher, dass wir in den ersten Wochen kaum mit dieser sonderbaren Beschäftigung behelligt wurden. Waren sie etwa noch besser versteckt, noch perfekter schallgeschützt als drüben in Korea?

Aber nein, es war schlicht und einfach ein Phänomen der Städte, genauer der „Partyviertel“, der lustvoll entrückten, quasi durchgedrehten Ecken japanischer Großstädte. Das meint: Hier wird nicht jede halbe Stunde alles gefegt, gewischt und poliert, sondern bestenfalls stündlich. Dort also wo der raue Wind der Rebellion durch die Gassen pfeift, da jaulen sie, die einsamen Improbarden. An einem Tresen, allein, von kaum jemand beachtet, konzentriert und inbrünstig trällernd. Dutzende von Bars nacheinander lief ich ab in Osaka. In fast jeder saß einer, „singend“, allein, mit sich und der Welt im Reinen. Eines von vielen, kostbaren Japan-Erinnerungsstücken.
China
Keine Ahnung ob es hier sowas wie Karaoke gab. Bei dem ständigen Lärm hier ist das schwer einzuschätzen.
Vietnam
Und hier wurde Karaoke dann endlich all seiner lästigen Fesseln befreit und als libertärer, inklusiver Volkssport wiedergeboren. Hier muss keiner dazu betrunken sein (obwohl es auch nicht schadet), Karaoke ist überall, jederzeit und allgegenwärtig. Das ist nicht im mindesten übertrieben und führt zu den aberwitzigsten Situationen. Ein gewaltiger, alles hinwegspülender Plebiszit der Melodien. Wenn sie nur nicht alle so fürchterlich unmusikalisch wären!
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