Dieses Buch lag schon seit Ewigkeiten in meiner unübersichtlichen Ablagehalde potentieller Bücher für irgendwann. Wie schön, dass mein Projekt „Pro Land ein Buch“ solch einen hoffnungslosen Kandidaten umstandslos in der Warteschlange nach vorne katapultierte. Schließlich war die Auswahl an anderen Büchern vietnamesischer Autoren überschaubar bis nicht existent.
Der Sympathisant von Viet Thanh Nguyen
Das Thema des Vietnamkriegs hat einen enorm großen Wiederhall in der Popkultur des 20. Jahrhunderts gefunden. Ob Film, Musik oder eben auch Buch – zahlreich sind die Verdauungsprodukte dieses brutalen Konflikts, jenen ersten, im Fernsehen stattgefundenen Krieg. Oft bis immer wird aber hier nur aus us-amerikanischer Sicht dieses entfesselte Grauen beschrieben. Ohne Ende finden sich fassungslose bis verstörte Berichte von einem Krieg, der die siegesverwöhnte Supermacht lange Zeit traumatisierte. Dementsprechend neugierig war ich auf dieses Buch, welches versprach auf die Geschehnisse aus vietnamesischer Sicht zu blicken. Dies tut es dann auch, doch leider zu großen Teilen nur aus der Perspektive der anderen Verliererpartei, der Südvietnamesen, die man bei den meisten us-amerikanischen Erzählungen auch gerne übersieht. Doch der Vietnamkrieg war vieles. Neben der völkerrechtswidrigen Intervention war es eben auch ein gnadenloser Bürgerkrieg.
Leider interessierte mich das alles aber zu wenig. Ich wollte etwas über Vietnam, die Befreiungsbewegung des Viet Cong und den Konflikt als Ganzes, idealerweise noch mit einer Beschreibung des Aufbaus nach einem derart langen Krieg erfahren. Stattdessen begab ich mich mit den geschlagenen boat people in die USA und erfuhr einiges über Verzweiflung, Hoffnung und das Elend der Emigration. Mir gefiel auch der Stil des Autors nicht, welcher sich seitenweise in elegischen und banalen Beschreibungen erschöpfte. Doch das mag jetzt wahrscheinlich ein ungerechtes Urteil sein. Tatsächlich ist es manchmal so, dass, wenn man kein Feuer für ein Buch fängt, man dann an allem zu kritteln beginnt. So auch in diesem Fall. Ich quälte mich recht und schlecht durch alle Stationen dieses Romans und bleib immer wieder hängen und war auf einmal hellwach angesichts manch spannender und interessanter Stelle. Kein Buch zum Abbrechen, einfach das falsche Buch für mich, bzw. meine Erwartungen.
Der stille Amerikaner von Graham Greene
Daher musste definitiv nochmal nachgespült werden. Und zwar mit einem starken Buch, einem wahrhaftigen Klassiker. Es ist dies auf eine Art beruhigend, auf eine andere Art leicht traurig stimmend, dass es für mich einen gewissen Typ von Autor gibt, der für eine gewisse Qualität von Romanen steht, die ich bedingungslos und ohne Ausnahme genießen kann. Und Graham Greene ist einer von ihnen.
Dieses Buch umarmte mich von der ersten Zeile an. Stil, Handlung und Personen – alles strahlt eine Klasse aus, die ich bei modernen Romanen oft vermisse. Es ist im Großen und Ganzen das alte Dilemma einer Dreiecksbeziehung, doch ist es natürlich untrennbar verwoben mit dem Indochinakrieg, dem Kampf der Ideologien und schlussendlich eine erfrischend hellsichtige Betrachtung der Fehlleitung von Idealismus. Dabei erhält man hier wie nebenbei sogar noch einige bemerkenswerte Innenansichten der vietnamesischen Kultur und Gesellschaft.
„Sie wollen keinen Kommunismus.“
„Sie wollen genug Reis“, sagte ich. „Sie wollen nicht erschossen werden. Sie wollen, dass ein Tag ungefähr dem anderen gleicht. Sie wollen nicht, dass wir Weißen hier sind und ihnen sagen, was sie wollen.“
Ein zeitloser Klassiker und eine zeigefingerarme Warnung vor den „Harmlosen und Ahnungslosen“ , welche ganz im Gegensatz zum mephistophelischen Fluch stets das Gute wollen.
Die Geschichte des Vietnamkriegs von Marc Frey
Tatsächlich fand sich nichts anderes als diese trockene und wenig inspirierte Abhandlung des längsten Kriegs des 20. Jahrhunderts als Sachbuch zum Thema Vietnam. Aber vielleicht war es auch ganz gut so, denn der Wahn und Horror dieses Konflikts brauche ich auch nicht in aller Ausführlichkeit und mittels eindrucksvoller Bilder dargestellt. Ich merke immer wieder wie mich die sinnlose Gestaltungskraft des Menschen hinsichtlich der Mehrung von Gewalt und Leid erschöpft und frustriert. Erstaunlich ist dagegen nur wie man diesen Terror der Natur und Landschaft heute kaum noch ansieht, bestenfalls auf den zweiten und dritten Blick. Ganz zu schweigen von den Menschen. Wenn man diesen ganzen Komplex kurz, knapp und komplett vermittelt bekommen möchte, ist man hier gut aufgehoben.
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