Somit kommen wir zu einem weiteren Reisebegleiter bei dessen Kritik ich unweigerlich an Sand, Wind und heimelige Zeltabende denken muss. „Der Anschlag“ ein Buch, von Arbeitskollegen empfohlen, jedoch jenen warnenden Augenrollen und dem, unter Leseratten allseits bekannten Raunen: „Überleg es dir gut – wenn du einmal damit anfängst, kommst du nicht mehr davon los!“ Was will man mehr, dachte ich. Es brauchte schließlich ein gehörig süchtig machendes Stück Literatur um mich vom Thrill des Watts oder der holländischen Briefmarkenlandschaft abzulenke
n.
An sich klingt der Stoff jetzt nicht nach derartiger Spannung. JFK? Nnunja, aus meiner Sicht gibt es deutlich aufregendere und Geschichte prägendere Figuren in den Zeitläuften zu denen sich eine Zeitreise lohnen würde. Sicher hat der Tod Kennedys die Welt verändert, doch mir fielen einige andere Ereignisse ein deren Verhinderung mich mehr interessieren täte. Beziehungsweise die Folgen, die sich aus einer solchen Manipulation ergeben würde. Doch ganz die langweiligste Begebenheit hat er sich dann doch nicht herausgesucht.
Wie man in der Beurteilung bei anderen so herausliest, soll dieses Buch endgültig seinen Ruf als seriöser Schriftsteller festlegen. Man lässte den weltberühmten Vielschreiber nun langsam aus der Schmuddelecke der Horrorautoren heraus und gesteht ihm gönnerhaft zu sich als ernsthafter Romanautor zu gebären.
Aus meiner Sicht war er das schon immer. Wenn ein Schreibender vermag, mit Ideen, die in seiner Vorstellung entstanden sind meine Emotionen zu kitzeln und über Jahre hinaus in meiner Erinnerung fortzudauern, dann hat er das erreicht was Bücher gemeinhin gelingen soll. Und mit ein paar Ausnahmen (s. letzten Sommer) haben das alle Bücher, die ich von ihm gelesen habe, geschafft. Und das will doch was heißen.
Auch diesem Buch gelang es, mich über weite Strecken zu fesseln. Es ist eine überaus stimmungsvolle Reise zurück in ein „Land des Einst“ welches aus der heutigen Perspektive so absurd und exotisch erscheint. Was King hierbei meisterhaft gelingt (woran folgerichtig die meisten Alternativgeschichten scheitern) ist das Stricken einer abwechslungsreichen, vielschichtigen und dabei doch stimmigen Story einerseits und dem müßigen Verweilen in den zahlreichen veränderten Details einer anderen Epoche, die einem Zeitreisenden auffallen müssten und die unter anderem wohl seit jeher auch den Reiz solcher Reisen ausmachen dürften. Dabei schrammt er nur ab und zu an allzu nostalgischen Einschätzungen der „guten, alten Zeit“ vorbei. Wiewohl dem Gesamtwerk durchaus ein gewisses Nachtrauern um die Naivität und Einfachheit dieser Zeit anzumerken ist.
Die Entwicklung Stephen Kings macht in der Tat Lust auf was da kommen mag. Nach „Die Arena“ und „Zwischen Nacht und Dunkel“ (beide noch nicht gelesen, ersteren Roman nur, ganz Pfui, als Serie genossen) zeigt er nun erneut, dass er in seinen Werken scheinbar gänzlich ohne phantastische Ausschmückung auskommen will. Und warum auch? Die verschiedenen Aspekte individueller menschlicher Abgründe benötigen dies zumeist auch gar nicht. Eine absolute Leseempfehlung von mir nicht nur für den Urlaub. Ich denke schon, dass man einen geregelten Arbeitsalltag auch mit der Lektüre dieses Buches hinkriegt. Erst Recht in Zeiten schwingenden Pendelverkehrs und sonstiger Ersatzdestillate des öffentlichen Nahverkehrs.
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