Peripheres Groundhopping

Ein Englandbesuch ohne Fußballspiel ist in etwa wie eine Argentinienreise ohne Rindfleisch im Bauch. Daher war die Entscheidung zum Spiel im eigentlichen Sinne keine. Blieb nur noch die Frage zu welchem! Schließlich hat man wohl in kaum einer Stadt auf dem Erdenrund eine größere Auswahl an auserlesenen Fußballspielen. Allenfalls die hier gelegentlich erwähnte Schönheit vom La Plata könnte da mithalten.

Keinesfalls unerwähnt bleiben darf der Umstand, dass das bezaubernde Wesen an meiner Seite voller Ungeduld ihrem allerersten LIVE-Fußballspiel entgegenfieberte. Selbstverständlich überwog das Mitleid meinerseits den Neid, diese Premiere im Mutterland des Fußballs zu erleben bei weitem. In jedem Falle stieg die Vorfreude ins Unermessliche.

Finanzielle Bedrängtheit sowie rationale Machbarkeitsanalysen führten uns dann recht schnell zum Barnet FC. Hierbei handelte es sich anscheinend um einen reichlich unbedeutenden Vorortverein im Norden Londons, welcher in der mit 24 Mannschaften (bei 2 Abstiegsplätzen!) belegten vierten Liga unbeirrt gegen den Abstieg kämpfte. Am heutigen Tage sollte es gegen Lincoln City gehen, welche sich ihrerseits mehr recht als schlecht im Mittelfeld abmühten. Ein vielversprechender Grottenkick in den Suburbs also?! Nichts konnte uns halten!


Wenn ein Fußballclub auf der Welt mit “B” beginnt, ist diese verdammenswerte Abkürzung leider meist unvermeidlich

Vorort? Abstiegskampf? Das war mir jetzt nicht so unbekannt. Doch das zarte 5000er-“Stadion” ließ die Realitäten des Tages erkennen und mich sogar kurz um meine Groundhopperpunkte bangen. Doch als das Spiel endlich losging (größte Hürde war die Nichtakzeptanz von 50-Pfundscheinen – bei dem billigsten Ticketpreis von 15 Pfund eine Dreistigkeit sondernormen!) war mir schlagartig klar, dass ich hier und heute meinen Spaß haben werden würde.

Spiel & Umspiel: Die knapp 1900 Zuschauer (ca. 300 Gästefans) waren in der Lage eine beeindruckende Stimmung herbeizuzaubern. Das Spiel begann frisch und wild entschlossen von beiden Seiten. Die gesamte erste Halbzeit wogte es schnell hin und her, so dass der Führungstreffer für die angenehm rot-weiß gekleideten Gäste reichlich überraschend kam (das Orange der Gastgeber ließ mich zwar kurz eine wenig melancholisch litexieren, sprach mich aber sonst nicht wirklich an). Die Gastgeber schienen hiervon nicht sonderlich beeindruckt und erreichten bald den Gegentreffer.

So gingen wir in die Pause und wollten genüsslich zu den Rauchwaren greifen als uns auffiel, dass keiner um uns herum rauchte (was bei einer solchen Horde an lässig angetrunkenen Briten schon ein wenig merkwürdig ist). Und tatsächlich – das allumfassende Rauchverbot hatte seine glibberigen Tentakel auch auf die Stadien Englands gelegt! Leicht angefressen atmete ich die wunderbar frische Luft ein und konzentrierte ich mich auf die zweite Halbzeit.

I’m not amused – Football is coming nonsmoker!

Diese gehörte nun definitiv den Gastgebern. Schnell wurde der Führungstreffer erzielt, welcher zwar kurz darauf von Lincoln wieder eingeholt wurde. Doch den Sieg ließ man sich heute nicht nehmen. Mit einem furiosen Solo und glänzenden Abschluss schaffte es die Nummer 8 den lang ersehnten Sieg einzufahren und den Abstiegskampf für ein paar Tage auf einem sicheren 20. Platz vergessen zu machen.

Bei einem gepflegten Ale ließen wir den Tag im Clubheim ausklingen und brachten mit unserer Anwesenheit noch ein wenig europäischen Flair in die tapfere Unterklassigkeit eines Londoner Vorortvereins.

Fazit: Barnet FC, gerne wieder. Aber für eine dauerhafte Beziehung leider ein wenig zu provinziell und für den kleinen Titel zwischendurch einfach zu chancenlos.

2 Gedanken zu „Peripheres Groundhopping“

  1. Zugegeben: sehr dunkles Foto und Orange war auch nicht die dominierende Farbe (solang man das bei einer Leuchtfarbe sagen kann!), aber es war definitiv Orange. Ich grab mal im restlichen Fotomaterial nach besseren Belegen!

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