Schlagwort-Archive: Berge

Erlesene Reisen

Nach einigen Tagen des Verdauens von Eindrücken in hyperboräischen Gefilden möchte ich nun doch kurz Kunde geben von zwei heiteren Wochen in Sizilien. Neben zwei Reisebegleitern aus Fleisch und Blut hatte ich dank digitaler Auswahllosigkeit auch zwei Literaten mit im Gepäck, welche ohne Unterlass die lange Reise mit ausschweifenden Kommentaren versahen. Die Rede ist von Johann Gottfried Seume (“Spaziergang nach Syrakus”) und Johann Wolfgang von Goethe (“Italienische Reise”).

sizilien

Nachträglich möchte ich mich zunächst bei allen vieren bedanken. Es war mir in jeder Hinsicht ein Fest. Schon immer hatte ich auf meinen zuvor begangenen Italienreisen vorgehabt, mit den Aufzeichnungen aus einer anderen Zeit auf den gleichen Wegen zu wandeln, Parallelen zu entdecken, Beobachtungen zu teilen. Da wir im Gegensatz zur großen Masse des gegenwärtigen Touristenschwarms auf das Flugzeug verzichteten, hatten wir auch die Möglichkeit einer vergleichbaren, langsamen Annäherung an das Ziel und die daraus folgenden Beobachtungen. Sicher der Zug ist gegenüber Schusters Rappen (Seume) oder der Kutsche (von Goethe) immer noch ein rasantes Fortbewegungsmittel, aber dennoch. Außerdem ist unser mageres Päckchen an Zeit, welches wir Arkadien opfern konnten natürlich nachgerade erbärmlich gegenüber den zeitlichen Möglichkeiten der Herren Humanisten vergangener Jahrhunderte. So mag das misanthropische Geknurre Seumes angesichts unsäglicher Zustände in irgendeiner böhmischen Schänke durchaus seine Parallele mit unseren Mienen angesichts der ersten Station unserer Reise auf die verheißungsvolle Insel gehabt haben – Elsterwerda! Dabei kann festgehalten werden, dass mich die Aufzeichnungen Seumes weitaus mehr amüsiert haben. Die miesepetrigen, auf höchstem Niveau krittelnden Bemerkungen des unbeirrt gen Syrakus wandernden Sachsen erheiterten mich deutlich mehr als die ausführlichen Erörterungen des Dichterfürsten. Gleichsam waren die Notizen Goethes unvergleichbar detaillierter und gaben über manch Umstand mehr her als die flüchtigen Beobachtungen des schnell weiter wandernden Seume.

goethe

Der Italienreisende in Pose. Unsere Kopfbekleidungen waren zweifellos nicht ganz so schick. Ansonsten fiel der Dichterfürst in der Reisegruppe kaum auf. Jenseits der Alpen wurden beide Herren jedoch entschieden gesprächiger. Die bis heute ungebrochene Italiensehnsucht des Bildungsbürgertums muss zu dieser Zeit noch deutlich exklusiver gewesen sein. Gemälde, Skulpturen, sagenumwobene Gebäude waren zumeist nur aus Beschreibungen bekannt und konnten hier leibhaftig bestaunt werden; Südfrüchte verschiedenster Coleur waren für den Hessen wie den Sachsen ein teures wie seltenes Gewächshausgut – hier wuchs es an jeder Straßenecke; und zu guterletzt Licht, Klima, Atmosphäre! Ein Land zum Aufatmen und Abstreifen aller Bedrückungen der Schlechtwetterkleinstaaterei Deutschlands. Auch wenn ich mittlerweile Kopien der Alten Meister jederzeit mühelos betrachten kann (reizender Surftipp zum Thema!), Südfrüchte seit der Großen Revolution zum Alltag gehören und auch eine Dosis Sonne zwischendurch mittlerweile nicht mehr übermäßig schwer zu erringen ist – die ersten Stunden Italien ergreifen auch mich immer wieder aufs Neue. Hier waren wir alle vier vereint in schwelgendem Genuss. Der Rest der Reise verlief dann recht unterschiedlich. Während Goethe selbstverständlich erstmal ein paar Monate in der “Hauptstadt der Welt” hängenblieb, nahm Seume ab Neapel die Fähre. Wir fuhren dagegen den ganzen Stiefel ab und erblickten bald – die Morgensonne im Rücken – Sizilien! Im Gegensatz zu Festlanditalien gestaltete sich unser Blick hier sehr verschieden. Das Sizilien des frühen 19. Jahrhunderts muss den Kritiken Seumes und Goethes nach, über alle Maßen rückständig und gefährlich gewesen sein. Heute ist es allenfalls und nur bedingt ersteres. Ständig musste ich nun bei meinen beiden Herren von Müllproblemen, grassierenden Aberglauben, primitiver Küche, ja Lebensmittelknappheiten lesen. Andauernd gab es Sorgen mit den Lohnbediensteten und Maultieren. Zur Krönung resignierte Goethe erschöpft als er sah, dass das Reisefässchen Wein kommentarlos mit Wasser gemischt wurde.

sizilien1

Dem Frühling entgegen, ihr Wanderfreunde all! Es gibt ihn, Wald auf Sizilien. Und wenn dann sogar so artenreich wie nirgends! Meine Diagnose fiel hier entschieden positiver aus. Exzellentes Essen; freundliche aber unaufdringliche Menschen; abseits der Küsten wildes, freies Land, welches vor Fruchtbarkeit strotzt; immer wieder Blicke und Perspektiven, die die Seele durchpusten; akzeptable Lebenshaltungskosten und zu guter Letzt: das hundefreundlichste Land durch das ich je mit einem Hund die Ehre hatte zu reisen.

Fazit: Beide Bücher sind zweifellos zu empfehlen, bieten sie doch originäre Einblicke hinsichtlich Italien und der Perspektive der Epoche auf jenes Land.  Der Spaßfaktor ist jedoch um einiges gesteigert wenn es vor Ort, bestenfalls auf der Originalstrecke gelesen wird. Sizilien als Reiseziel sei hier über den stillstehenden Lorbeer gelobt. Wer sich gestresst, ausgebrannt oder sonstwie negativ gestimmt fühlt und hier keine Veränderung verspürt, für den dürfte es wahrscheinlich eh zu spät sein.        

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Eine gottverdammte Wohlfühlstadt

Einst besang Farin Urlaub in bekannter Zurückhaltung Schweden als “gottverdammtes Wohlfühlland”. So weit möchte ich mich mit dieser kleinen Städtekritik nicht gehen (schließlich könnte ich über das dazugehörige Land auch nur Zugfenstereinschätzungen geben), doch das diesjährige Ziel unserer Überraschungsexkursion kann zumindest als Stadt dieses Prädikat mit einiger Berechtigung für sich beanspruchen. lubljana1    Ljubljana – Hauptstadt jenes unbemerkt vor sich hin wohlfühlenden Zwergstaates, der zumeist Aufmerksamkeit erhält wenn er verwechselt wird. Wie war das nochmal? Slowakei, Slowenien und dann gab’s doch da auch noch Slawonien?! Derlei Zuordnungsprobleme nimmt der Slowene, so scheint’s, recht gelassen und zählt in all seinen Reiseführern geduldig die entscheidenden Erkennungs- und Unterscheidungsmerkmale auf. ljubljana2 Die Großartigkeit Ljubljanas zeichnet sich dabei im Wesentlichen durch das unspektakuläre Fehlen jedweder die Wochenendauszeit beeinträchtigender Störgeräusche. Unauffällig angeschmiegt an Italien, Ungarn, Österreich und den Balkan steht es weniger in deren mächtigen Kulturschatten sondern schafft es deren beste Errungenschaften leichterhand zu vereinen. So findet sich hier ein Städtchen in dem Wein- und Biertradition auf höchsten Niveau nebeneinander harmonieren und in dem der Gulasch es schafft, die nicht für möglich gehaltenen Vereinigung der hohen Schulen von Kümmeligkeit und Paprikaschärfe zu präsentieren. Schon an dieser Stelle fragt sich der wachsame Reisende: Ist das alles nicht eine Spur zu perfekt? Nur um sich kurz darauf zurückzulehnen, etwas von diesem herrlichen Brot zu genießen und zu beschließen: Na, und wenn schon! Doch es bleibt nicht allein bei leiblichen Genüssen. ljubljana3 Die überschaubare Größe Ljubljanas (278.638 Ew.) und  die vermeintliche touristische Zeitrangigkeit führt einerseits nicht zu verschlafener Provinzialität (s. bspw. “Gówno Kowno”) und schützt das Städtchen andererseits vor hyperventilierenden Jugendtourismusexzessen. Herauskommt ein entspannter Ort unaufgeregter aber dennoch beständig aufreizender Atmosphäre, in dem, wenn man sich durch die Altstadt schlängelt, sich in Österreich wähnt, wenn man an der zufrieden glucksenden Ljubljanica die Augen zu den, in jeder Richtung unanständig lockenden Bergen aufrichtet, hierzu dem ebenso wohlklingenden wie –schmeckenden Bier frönt, an die zahlreichen Verlockungen des Balkans erinnert wird und der milde Frühsommerwind auf der Haut an Italien mahnt. ljubljana4 Dann irgendwann hört man mit der blödsinnigen Vergleicherei auf und begreift, dass man das unverschämte Glück hat in Ljubljana zu sein – dieser gottverdammten Wohlfühlstadt.

Länderinstallation

Es gibt ja manchmal so Momente, in denen einen diese sture, meinungslose Maschine namens Computer zum Schmunzeln anregt. Einen dieser flüchtigen Momente konnte ich unlängst genießen, als ich die untätigen Momente meines unablässig rechnenden Freundes mit einem Bildschirmschoner dekorieren wollte. Meine Wahl fiel hierbei auf die Kollektion der Eisenbahnromantiker des SWR. Als ich nun die Installation startete sah ich folgende unschuldige Frage: slowakei Aber natürlich möchte ich das. Wenn es die Slowakei nicht schon geben würde, wäre ich einer der ersten der sie erfinden würde. Welche eine Welt wäre das, ohne dieses liebenswerte, kleine Bergland. Aber dennoch eine schöne Sache für all die kleinen Hobbydiktatoren und Schreibtischpotentaten da draußen. Mit einem Mausklick ist man in der Lage ganze Staaten zu erschaffen oder ihnen rigoros die Daseinsberechtigung zu entziehen. Wessen Machtgier nach mehr verlangt, der kann sich mit ein paar Handbewegungen leicht neuen Stoff besorgen. Auf selbiger Seite kann man nämlich problemlos über das Wohl und Wehe von so bedeutenden Ländern wie Schweden, Tschechien oder auch die USA gebieten.     

Surreal digital

Es ist mir und anderen allgemein bekannt: Für Fotos fühl’ ich mich nicht zuständig. Bin kein Mann des Bildes eher für die Bildunterschriften. Wenn man dann aber allein in die Berge zieht, nimmt man dann doch eines dieser Dokumentiergeräte mit, bzw. leiht es sich bei den bestens ausgerüsteten Teenagern unserer Zeit aus. Doch selbst dieses Unterfangen – mit einer Standardknipse ein paar hinreichend ausreichende Bilder zu schießen, gelang mir nicht wirklich. Anfangs sah alles noch gut aus.

Also jedenfalls rein aus fotografischen Gesichtspunkten. Doch nach den ersten Regentagen wollte ich dann auch mal ein Foto von anderen Witterungsbedingungen machen. Wie irritiert war ich als ich Bilder dieser Art erblicken durfte?!

Oder dieses?

Oder jenes?

Was die Verwirrung noch steigerte war, dass reine Blitzfotos bei Dunkelheit gelangen, wie dieses Bild eines verdienten Bergwanderes im Reich erholsamen Schlafs zeigt.

Videos funktionierten auch reibungsfrei.

Sonderbar oder?! Ich bin für jegliche Ideen oder Ratschläge dankbar. Jedenfalls alle die was neues erbringen außer den Arbeitsthesen meiner totalen Talentlosigkeit oder einer künstlerisch gelangweilten Kamera, die nach neuen Möglichkeiten sucht, sich auszuleben!