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Bezirke bezirzen – siebtes Kapitel: Per Sachsen-Anhalter durch die Garnixis

Was liegt näher als nach den exotischen Reisezielen der jüngeren Vergangenheit, die Reisesaison des neuen Jahrs mit solch einem erdigen Durchschnittsgaranten wie Magdeburg zu eröffnen? Im Zuge der Bezirksstadtexpeditionen durften wir nun schon die unterschiedlichsten Charaktere von Urbanität entdecken. Ob nun der graumäusige Charme Gerasdie entrückte Bergwelt Suhls, die gelassene Nichtigkeit Frankfurts oder die karge Emotionalität Rostocks – unsere Operationen an den zahlreichen offenen Herzen der Peripherie offenbarten die unterschiedlichsten Töne auf der Klaviatur von Siedlungsbemühungen. Doch nun war Magdeburg an der Reihe.

Was Gera an Unscheinbarkeit ausstrahlt und Neubrandenburg an Provinzialität feilbietet, scheint die ehemals ruhmreiche Bördeperle mit konturloser Durchschnittigkeit kontern zu wollen. Dementsprechend unvoreingenommen fuhr das reizüberflutungserprobte Peripherikerteam an einem lichten Januarvormittag zum europäisch-asiatischen Grenzfluss (Adenauer) um der ehemaligen Bezirksstadt und heutigen Landeshauptstadt einen Besuch abzustatten.

Erstes Klischee welches schon nach kurzer Zeit zertrümmert wurde ist jenes des “Landes der Frühaufsteher”. Mit dieser Titulierung versuchte das identitätslose Mischgewebe namens Sachsen-Anhalt zumindest auf der Mitleidsschiene sich irgendwie in das Passivwissen der Republik zu hacken. Doch ein Blick auf die Magistralen Magdeburgs zum High Noon sprach Bände: Gähnende Leere kreischte uns entgegen. Erst eine Stunde später als der verkaufsoffene Sonntag den lustlosen Verbraucher herauskitzelte, füllten sich die Fußgängerzonen und ein überraschend quirliges Treiben entstand.

Solang das Centrum-Warenhaus nicht auf ist, wird in Sachsen-Anhalt kein Frühaufsteher gesichtet.

Dies lag zum großen Teil auch an dem ersten Event des Jahres: “Magdeburg on Ice” , welches mit dem spektakulären Superlativ “das größte Eis-Festival Sachsen-Anhalts” antrat, hielt die Stadt fest im amüsiervergnügten Würgegriff. So wurden wir mehr oder minder schreckenstarre Zeugen von “Magdeburgs größten Morning-Workout unter freien Himmel” mit Detlef Soost sowie dem leibhaftigen Bernhard Brink. Manchmal fordern diese Expeditionen an die Peripherie von einem einiges an emotionaler Stabilität ab.

Getreu der These:Die Kunsthistoriker haben die Kirchen dieser Welt nur verschieden interpretiert, es geht aber darum sie zu instagrammisieren.”

Da half zum Ausgleich nur ein entspannter Spaziergang an Magdeburgs edler Elbpromenade, ein Bummel durch die Altstadt und natürlich das unumstrittene Zentrum der Straße der RomanTik – der Dom. Nachdem dies alles mit gebührender Anerkennung und ausreichender Ablichtung absolviert war, sollte all dies wie immer mit den kulinarischen Spezialitäten des Bezirks gekrönt werden. Doch, o weh, der Minuspunktregen platterte heftigst – in Magdeburg schließt das Brauhaus sonntags 16 Uhr, 15 Uhr Küchenschluss. So waren wir gezwungen in der schlecht gelauntesten Kaschemme des noch jungen Jahres fränkisch zu speisen. Schande über das Innenleben deiner Häuser, Friede den Außenfreuden des fröhlichen Durchschnitts sachsen-anhaltinischer Provinienz.

 

Unbeweglich, eiskalt und mit jeder Menge Ecken und Kanten – Magdeburg kompakt

Ciao e ciao

Ein weiteres Jahr neigt sich dem Ende entgegen und mit Zunahme der Gräunis von Wetter und Worten lockt stetig die Milde des Südens. Ich verdeutliche diese Neigung der Einfachheit mal an zwei einfachen Textbeispielen.

“Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?-
Kennst du es wohl?
Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut.
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl?
Dahin, dahin
Geht unser Weg.
O Vater, lass uns ziehn!” (1795)

 

“Letztlich war es nur ein weiteres Jahr der Verschärfung des kapitalistischen Grundwiderspruchs, doch mit, oberflächlich betrachtet, immer widerwärtigeren Resultaten. Kleinbürgerliche Angst, heuchlerische Besitzstandswahrung, platter Hass und ganz allgemein, grenzdebiler Skeptizismus sogar den selbstverständlichsten Errungenschaften Aufklärung und Wissenschaft gegenüber werden aus der Gosse hochgespült, um mit einfachen Antworten komplexe Missstände beseitigen zu wollen. All die wohlbekannten, vorbestraften Geister blinzeln frech und dreist im 21. Jahrhundert als wäre nix gewesen. Angesichts dieser vorhersehbaren Misere, welche ohne viel Geschichtskenntnisse erkennbar ist, wird mir übel, ob meiner Hilflosigkeit wie meiner Untätigkeit gleichermaßen. Daher suche ich Abstand und vertraue mich ganz der selbstvergessenen Gelassenheit des Mezzogiorno an. Es wäre nicht das erste Mal dass mir der Stiefel wieder ausreichend Grundvertrauen und Hoffnung schenkt um den ganz normalen Schlamassel würdevoll gegenüber zu treten.” (16.12.2016)

Es erschließt sich hier auf den ersten Blick zweifelsfrei wer Dichterfürst ist und wer nicht. Dennoch habe ich beiden Zitaten nichts hinzuzufügen und trete voller Vertrauen in die Hoffnung spendendende Kraft des Belpaese die Reise an. Habe ich doch dieses Mal zudem das auserlesene Vergnügen mit Kampanien des Dichterfürsten liebsten Vorgaten zu genießen.

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Serben bringen Glück

Man kennt das, ein legerer Abend, leicht sitzend in vertrauter Runde. Das Gespräch mäandert ziellos durch die glücklichen Weiten ehemals erlebter Streifzüge durch Europa im Auftrag von König Fußball. Lang ist es her, dass zumindest “wir” dank eines Hintertürchens im Reglement mit Union Berlin Finnland und Bulgarien entdecken durften. Doch der andere Teil der Gesprächsrunde kann mitnichten derlei Erinnerungsdelikatessen präsentieren. Man muss eben schon sehr alt sein um die europäischen Höhepunkte des 1.FC Kölns aktiv miterlebt zu haben. Traurige Augen zeigten in die düsteren Abgründe langjähriger Fahrstuhltristesse. Und so hörte ich mir erstaunt zu wie ich lauthals verkündete im Falle des Falles auch die schätzenswerten Kölner Kollegen mit meinem Support zu beehren. Wer konnte denn ahnen, dass jene spätnächtliche Anteilnahme so bald von der Realität abgeprüft würde?

Als dann die Auslosung London, Borissow und Belgrad in den Fokus rückte, war die Entscheidung schnell gefallen. Meine Begeisterung für die diversen Reste des reizvollen Vielvölkerstaats auf der Schokoladenseite des Balkans wurden an dieser Stelle ja bisweilen schon einmal thematisiert und so wurde die Tour nach Belgrad leichterhand organisiert. Heute Abend ist es endlich soweit – schnucklige 1200 Bahnkilometerkilometer warten auf uns.  Ein wahres Reisesahnehäubchen in diesem, von auserlesenen Reisen dicht gesäten Jahr. Ick freu mir!

Bezirke bezirzen – sechstes Kapitel: Nüchtern, November, Neubrandenburg

Zunächst sei an dieser Stelle erst einmal voller Demut der triefend nasse Hut gezogen. Ich hab nicht wirklich dran geglaubt als ich an einem vernieselten, grauen Novembervormittag ans S-Bahngleis trat, dass ich tatsächlich in Gesellschaft nach Neubrandenburg reisen würde. Doch die üblichen Verdächtigen fanden sich tatsächlich auch zu dieser dann doch eher unattraktiven Bezirksstadttour ein.

Und so tuckerten wir gemächlich an Landschaften vorbei die uns mit ihren Schattierungen von hell- bis dunkelgrau gekonnt einlullten. Bald mussten wir den Zug dann doch verlassen und stolperten an einem jämmerlichen Bahnhof vorbei, mitten rein in die reizende Vier-Tore-Stadt. Vier Tore, mehr fällt selbst gewieftesten Periperikern nicht zu dieser Stadt ein, bei deren Erwähnung nicht wenige Berliner irritiert reagieren (“Neubrandenburg? Brandenburg? Neu? Wie jetzt?”). Pflichtschuldigst bummelten wir dann auch bei weiterhin erlesenen Nieselwetter den Stadtwallrundgang ab und goutierten sämtliche Tore.

Danach war es dann auch mal wieder gut. Wir schlenderten am zaghaft aufkeimenden Weihnachtsmarkt vorbei, speisten anständig mecklenburgisch im “Schweinestall” und verließen dann in angemessen Tempo die Backsteingotikmetropole.

Fazitär sei hier angemerkt, dass naturgemäß wenige Städte an einem solch düsteren Novembertag zu überzeugen wissen. Sicher gewinnt der Vier-Tore-Reigen im lebensbejahenden Lenz bei Vogelgezwitscher und linden Lüftchen. Und auch wenn der Peripheriker-Rat harmonisch und liebenswert wie immer die Vorzüge Neubrandenburgs mehr als einmal hervorhob, es wird schwer für Mecklenburgs drittgrößte Stadt sich auf das Siegertreppchen der Bezirksstädte zu schmuggeln.

Ratgeber: Stilvoll stranden in Albanien

Auf dem Gipfel des Berges lebt der Adler und die Fliege lebt am Pferdehintern. (albanisches Sprichwort)

Hinter den verwunschenen Bergen des Balkans liegt ein kleines, unbekanntes Land namens Albanien. Ein Land, bei dessen Nennung der gemeine Mitteleuropäer gewöhnlich achselzuckend ins Leere schaut. Allenfalls erntet man Reaktionen, die etwas mit Mafia, Krieg und Chaos zu tun haben. Man könnte nicht ferner liegen. Eingeklemmt zwischen Griechenland und Jugoslawien prosperiert Albanien schon seit geraumer Zeit still und heimlich vor sich hin. Die nordkoreanisch anmutende Hoxha-Ära scheint in ferner Vergangenheit zu liegen, Chaos und bürgerkriegesähnliche Zustände der Transformationsperiode ebenso.

Sanft umrankt die mediterrane Gegenwart die paranoide Vergangenheit – Albanien freut sich auf dich!

Mittlerweile rekelt sich der touristische Nobody gelassen und bietet selbstbewusst seine mediterranen Qualitäten feil. Schneebedeckte Berge und üppige Vegetation der Täler, historische Stadtkerne, faszinierende Sakralbauten und, nicht zu vergessen, diese fantastische Adriaküste, welche bisweilen so unverbaut und idyllisch daherkommt, dass Strandurlaub wieder seinen Namen verdient. Alles in allem ein Land was unsere Aufmerksamkeit erregte. Daher hier nun in gewohnter Weise ein paar Tipps, die euch helfen sollen, es selbst zu entdecken. Leider wird dieser Ratgeber sich vorerst auf Küste und Städte beschränken, da die Kürze des Aufenthalts einen Ausflug in die Berge verhinderte. Dabei sollte der Ausblick auf Highlights wie die legendäre Koman-Fähre oder den Peak-of-the-Balkans-Trail in jedem Bergliebhaber extremstes Lechzen auslösen.

Andere Wissensquellen

Wie so oft schon zuvor beobachtet, Reiseziele die nicht jedem etwas sagen, verfügen naturgemäß auch über einen mangelhafte Informationsgrundlage. Zwar gibt es Reiseführer zu Albanien, doch jeder hat eklatante Nachteile und meist nur geringfügige Vorteile. Der Reise Know-How-Führer mag den Anfang machen und prinzipiell ist an ihm auf den ersten Blick wenig auszusetzen, doch strotzt er bei genauerer Prüfung vor Ungenauigkeit und strukturellen Schwächen. Vielleicht, so möchte man verteidigend einwenden, sind derlei Schwächen bei einem Land im Wandel wie Albanien unvermeidlich. Das Gegenteil beweist jedoch der pocket-guide von Martina Kaspar und Günther Holzmann. Das seit einigen Jahren in Albanien lebende Paar liefert ein durchaus beeindruckendes Büchlein ab, prall gefüllt mit Informationen und Tipps, die nicht aus der 0815-Schublade gezogen scheinen. Einzig Layout und Format ließen mich innerlich gefrieren und meinen eigenen Anspruch verfluchend, reißaus nehmen. Als dritte Alternative muss hier noch der Reiseführer des sonst sehr geschätzten Trescher-Verlags erwähnt werden. Hier ist man am Klassenziel eines Reiseführers deutlich vorbeigeschlittert. Wer nach einer leidlich gut erzählten Landeskunde sucht, könnte damit gut bedient sein. Relevante Informationen, Tipps und konkrete Empfehlungen finden sich hier eher weniger und zudem schlecht findbar.

An- und Einreise

Die Mühen der erfolgreichen Annäherung an Albanien haben sich in den letzten Jahren deutlich verringert. Zwar sind die Spuren der totalen Abschottung an der infrastrukturellen Situation noch zu erkennen. So verfügt das Land lediglich über einen internationalen Flughafen (Tirana) und die Einreise auf dem Landweg ist einzig auf dem Straßenweg zu ermöglichen.

Flughafenbahnhof Podgorica – auch eine reizende Alternative zur legeren Einreise nach Albanien (Quelle)

Internationale Zugverbindungen gibt es bislang nicht. Angeblich gibt es eine Gütertransportstrecke von Podgorica nach Shkodra auf der in Zukunft die Einrichtung von Personenverkehr geplant ist, doch da wollen wir uns mal lieber keine übertriebenen Hoffnungen machen. Die smarteste Art des Enterns der albanischen Hoheitsgebiete ist die Einreise per Schiff. Es bieten sich hier zwei Varianten an: von Korfu nach Saranda oder von Bari nach Durrës.

Herumreisen

Die beste Information sei gleich zu Beginn herausgeschrien: Albanien verfügt weiterhin über eine funktionierende Eisenbahn! Erleichtert konnte ich davon ablassen, das erste kontinentaleuropäische Land auf meine schwarze Liste zu setzen.  Doch es muss gesagt werden, in einem guten Zustand befindet sie sich nicht. Selten, unzuverlässig und marode sind wohl noch die besten Adjektive mit dem der Service der Hekurudha Shqiptare beschrieben werden muss. Auch hier geistern diverse Pläne von Modernisierung und Verbesserung herum und obwohl ich Albanien hier viel zutraue, bleibt eine gewisse Skepsis erhalten. So bleibt der gängige Weg zur Abanienentdeckung der Bus. Natürlich wären auch Mietauto oder Fahrrad adäquate Alternativen, doch hier fehlen eigene Erfahrungen und so kann ich schwerlich Qualitatives dazu beitragen. Leider befindet sich auch das Niveau des busbetriebenen Fernverkehrs auf einem eher betrüblichen Niveau. Informationsaustausch und struktureller Ist-Zustand der bestehenden Busverbindungen sind alles andere als erheiternd. Fahrpläne existieren eher als fakultative Veranstaltung, Preise sind Verhandlungssache und das technische Level der Busflotte befindet sich eindeutig im grenzwertigen Bereich.

So übersichtlich, wie hier beim Busbahnhof Tirana bekommt man es nur selten serviert. Achtung Reisender,, hier geht es nur zu Zilen im Süden Albaniens. Der Busbahnhof für nördliche Ziele findet sich ein paar hundert Meter Richtung Zentrum linkerhand.

Überraschend war der relativ gute Zustand der Straßen. Letztlich kann aber zusammengefasst werden, dass Dank der Freundlichkeit der Menschen auch die Hürde des öffentlichen Fernverkehrs in Kauf genommen werden kann. Dennoch bleibt zu hoffen, dass die aktuelle aufblühende Phase in der albanischen Geschichte dazu genutzt wird, Bahn und Bus gleichermaßen auf ein annehmbares Niveau zu hieven, damit Albanien eines Tages vielleicht nicht trotz sondern sogar wegen seiner Transportwege geschätzt wird.

Übernachten

Wie schon ein paar Mal erwähnt, Albanien hat sich seit meiner letzten Visite vor gut zwanzig Jahren erheblich gemausert. In kleinen unspektakulären Schritten stabilisierte man die Gesellschaft, reduzierte die Korruption auf ein, der Region angemessenes Maß und investierte erklecklich vor sich hin. So avancierte Albanien peu à peu vom Geheimtipp für Hartgesottene zum Adria-Kleinod für Massentourismus scheuende Freunde einer mediterranen Auszeit. Meine Beobachtungen betreffen nun nur die Küste, die größeren Städte und all dies auch nur während der Nebensaison, doch das Gespräch mit den Menschen vor Ort sowie mit anderen Reisenden lassen einen groben Überblick zu. Kurz: Auch wenn man hier die Hauptsaison meiden sollte, so man Entspannung sucht, kann man an Küste wie in den größeren Städten problemlos eine günstige und geschmackvoll eingerichtete Unterkunft finden. Das untere Preissgement pendelt sich irgendwo gelassen zwischen €5-10 pro Nase ein. Die Qualität der Unterkünfte kann sich definitiv mit vergleichbaren Bleiben in den Nachbarländern messen. In den Bergen soll die touristische Infrastruktur noch nicht ganz so zuverlässig sein und noch mehr in den Kinderschuhen stecken.

Sprache

Die hier gesprochene Sprache gehört zweifelsfrei nicht zu den Hauptanziehungskräften eines Albanienausflugs. Ähnlich wie im georgischen Fall handelt es sich auch hier um eine weit abseits von allen “zivilisierten” Sprachen stehendes Konstrukt. Albanisch hat weder mit der slawischen Sprachfamilie etwas gemein (wie der ungeübte Blick angesichts der Nachbarschaftslage wohl meinen könnte) noch gibt es Verwandtschaftsverhältnisse zu romanischen Posse. Selbst die üblichen Verdachtsmomente bei sprachfamiliärem Querulantentum, wie ein Zugehörigkeit zu den Finno-Ugren oder irgendwelche keltischen Wurmfortsätze treffen nicht zu. Die Herkunft des Albanischen ist so rätselhaft wie manches andere in diesem Land. Und so mag dem größten Sprachenthusiasten die Lust vergehen angesichts dieser, losgelösten Sprachinsel, deren Herkunft bis heute selbst Philologen noch nicht klar ist. Wenn man schon kaum Verwandtschaft mit anderen Sprachen sein eigen nennt und der Einsteiger daher komplett von vorn anfangen darf beim Albanisch lernen, dann genießt man zusätzlich voll ausgelassenem Grimm, dass es selbst einfachste Wörter in sich haben. Ich brauchte bspw. erschreckend lang um mir so ein Ungetüm wie “faleminderit” einzuprägen. Dabei handelt es sich hierbei um das wohl wichtigste Wort in jeder neuen Sprache: Danke. Da ist es gut zu wissen, dass man mit Englisch ganz problemlos durchkommt und sogar Deutsch bisweilen zur Anwendung kommt. Die große Anzahl albanischer Gastarbeiter in der Schweiz und Deutschland machen sich hier bemerkbar.

Selbst die wählerischste Katze kann angesichts der Verlockungen der albanischen Küche nur schwerlich widerstehen.

Kulinarik

Eingebettet in den Balkan, aufgefangen durch Griechenland und abgefedert durch die nahe italienische Küste müsste es mit dem Teufel zu gehen, wenn die hiesige Küche nicht in anständigen Maße zu betören wüsste. Angesichts unserer kurzen Inspektion kann auch hier wieder nicht für ganz Albanien gesprochen werden und in Anbetracht unseres küstennahen Aufenthalts genossen wir auch überwiegend die delikaten Produkte des Meeres. Und hier kann ganz klar der Daumen nach oben gereckt werden. Auf einigen anderen Reisen, die mich durch Regionen führten, welche durch Mangel und Abschottung neben vielen anderen, auch die Fähigkeit zum anspruchsvollen und kreativen Kochen verloren gegangen schien, kann dies für Albanien zweifelsohne nicht beobachtet werden.  Die Küche ist abwechslungsreich, frisch und überaus mediterran. Noch viel mehr als in den angrenzenden Küchen wird hier, meines Erachtens weniger nach Rezept sondern aus der Stimmung heraus gekocht, daher lässt sich eine albanische Küche an sich schwer fassen. Außerdem wird die albanische Küche durch die eigene Diaspora noch zusätzlich zerfranst. So unterscheiden sich die albanischen Regionalküchen Westmazedoniens, des Kosovos, Montenegros, der Albaner in Serbien, der Arbëresh (Italien) und der Arvaniten (Griechenland) ähnlich der kruden Dialektvielfalt Albaniens – ein wundervoller Flickenteppich der Genüsse! Und so könnte beispielsweise ein kulinarische Tagestour aussehen:

Guten Morgen! Ich weiß, alles ist Geschmackssache und das Frühstück als Mahlzeit ist zudem dank diverser Existenzabsprechungen in Selbstfindungstrance gefallen, doch wenn man von all dem mal absieht – frischer, eiskalter Dhallë (Ayran) und dazu einen duftenden, warmen Byrek mit einer Füllung die eurer Tagesform entspricht – kann man den Tag besser beginnen? Aber natürlich! In dem man das Ganze noch mit einem Mokka abschließt, der nicht Geringeres auslöst als Urknall und universelle Expansion der eigenen Physis in einem Moment.  Nachdem ausreichend Tag genossen ist, wendet man sich wohlig der Frage nach dem Mittagsmahl zu. Auch wenn es hier zahllose Möglichkeiten gäbe, wählen wir für dieses Beispiel (und um den zauberhaften kulturellen Mischmasch zu demonstrieren) einen gewaltigen Klotz Moussaka. Selbstverständlich begleitet von einem knackigen Salat mit reichlich Schafskäse oben drauf. Zum Abend dann, zumindest in unserem Universum, hinab zur Hafenpinte um sich mit albanisch Roulette bei der Auswahl nie gehörter Fische und Meeresfrüchte vollzuschlagen.

Albanischer Wein – im Gegensatz zu seinem griechischen Pendant hierzulande bisher noch unbesungen. Zu Unrecht, wie ich finde.

Bleibt noch anzumerken, dass auch die mehrtausendjährige Geschichte des Weinanbaus das kurze Strohfeuer des Steinzeitkommunismus recht gut überstanden hat. Wie allerorts behauptet und bewiesen wird, scheint man diesbezüglich über den Weinberg zu sein und die albanische Weinkultur erblüht und trägt Früchte. Auch wenn der Großteil der geernteten Trauben nicht zu Wein verarbeitet wird, sondern entweder direkt gegessen oder zum albanischen Nationalschnaps Raki rrushi oder Konjak wird, bleibt immer noch genug über um mehrerer ausgezeichnete Weine zu produzieren, die den überraschten Gaumen erfreuen.

Schöne Orte (selbst beäugt):

Das Süd-Triumvirat Saranda-Ksamil-Butrint

Im letzten südlichen Zipfel Albaniens, kurz vor der griechischen Grenze (Korfu liegt an der nähesten Stelle weniger als 2 km entfernt in Sichtweite) liegen, wie an einer Perlenschnur aufgereiht drei Höhepunkte auf engstem Raum aneinander. Saranda mag auf den ersten Blick wenig Begeisterung auslösen. Die offenbare Planlosigkeit des Baubooms in dem an sich recht ereignisarmen ehemaligen Fischerdörfchen geben wenig Anlass um hier empfehlend erwähnt zu werden. Wenn man sich vor Augen hält, dass noch 1913 lediglich 110 Menschen diese Bucht besiedelten und man dann die hastig übereinander gestapelten Touristenschubladen der Gegenwart sieht, kommt man doch arg ins Zweifeln.

Ich wiederhole: Vor etwas mehr als einem Jahrhundert lebten hier 110 Menschen

Dennoch ist Saranda in der Nebensaison ein entspannter Ausgangsort um die Küste Südalbaniens zu entdecken. Als empfehlenswerter Ausflug wäre zum Beispiel Ksamil und Butrint zu nennen. Bei Ksamil handelt es sich um einen kleinen Badeort. Idyllisch am Ufer des Ionischen Meers, von vier kleinen Inseln umsäumt, feinster Sandstrand und Ausblicke, die man tief inhalieren sollte.  Butrint dagegen ist eine, mit dem Siegel Weltkulturerbe versehene Ruinenstadt, noch etwas südlicher an der Küste entlang. Die an sich schon beeindruckende Anlage der erhaltenen Stadt wird nochmals beeindruckender so man sich während des Rundgangs vorstellt welch ein gewaltiger und gut ausgestatteter Komplex dies vor knapp zwei Jahrtausenden einmal war.

Von Troja bis Venedig – jede Menge Geschichte und noch viel mehr Mythos
Syri i Kaltër (Das blaue Auge)

Auf halben Weg zwischen Saranda und Gjirokastra noch vor dem Bergpass gibt es einen kleinen unscheinbaren Abzweig von der Hauptstraße, der zu Albaniens wasserreichster Quelle führt. Ein knapper Kilometer staubiger Fußweg und schon steht man vor diesem verschwenderisch sprudelnden Naturschauspiel (ca. 6 m³/s). Die Tiefe der Quelle ist bis jetzt noch nicht ermittelt, doch das erscheint relativ irrelevant angesichts der intensiven tiefblauen Farbe, die auf dem hellen Karstgestein funkelt. Ein perfekter Zwischenstopp um Meersalz und Straßenstaub etwas entgegenzuschleudern.

Kalt, frisch und bunt – eine verschwenderische Oase im trockenen Karstgebirge
Gjirokaster

Sie gilt als eine der ältesten Städte Albaniens, die “Stadt der Steine”, wichtigstes kulturelles Zentrum, natürlich UNESCO-Weltkulturerbe. Doch damit nicht genug. Diese steinige Städtchen ist auch noch gleichermaßen Geburtsort des ehemaligen Diktators Enver Hoxha sowie des wohl bekanntesten albanischen Schriftstellers Ismail Kadare, der Gjirokaster mit seinem Roman “Chronik in Stein” verewigte. Ein unbedingtes Muss für die innerliche Erschließung Albaniens. Die beeindruckende sich über das Tal erhebende Burg wie die sich verzweifelt daran klammernde Altstadt – all dies lässt schon nach kurzer Zeit die “Chronik in Stein” vor dem inneren Auge auferstehen.

Tirana
Erst bei Nacht entfaltet sich die verkannte Feingeistin Tirana und lässt tief blicken

Von den meisten Albanienreisenden erhält die Hauptstadt nicht unbedingt die besten Kritiken. Auch ich erinnerte mich mit einer Mischung aus Faszination und Grauen an meine erste Begegnung mit der kahlen Blockopole im Herzen des Landes. Doch ich möchte den Versuch unternehmen, den ramponierten Ruf Tiranas ein wenig aufzupolieren. Kurz zusammengefasst sei gesagt, zwischen 2.30 und 6:00 ist es eine wunderschöne Stadt, die Klarheit und Ruhe ausstrahlt. Ein Spaziergang die achtspurige Hauptmagistrale hinab, ins rechteckig aufgeräumte Stadtzentrum hinein, lässt die vibrierende Reiseseele ins Gleichgewicht geraten und bei einem starken Mokka im Angesicht des zentralen, ehemaligen Aufmarschplatzes gelang es zumindest uns ausreichend geerdet zu werden um uns weiter auf das Land der Adler einzulassen. Daher, wenn Tirana – dann nachts!

Schöne Orte (bislang noch unbeäugt)

Die BERGE

Es mag sich im zuvor Gesagten schon angedeutet haben, doch die Auslassung des bergigen Teils war DER Fauxpas bei dieser Kurzinspektion. Wie allein das möglich sei, in einem Land, welches fast ausschließlich aus Bergen besteht, mag der interessierte Leser berechtigt einwenden. Nun, dies liegt hauptsächlich daran, dass die meisten Berge die man querend vorüberziehen sieht, reine, der Klimazone typische “Ansehberge” sind. Schön für Fotos, malerische Aussichten und gelassenes Blickeschweifen – doch in der Regel nichts zum Ersteigen und Erwandern. Zu trocken, verwildert und unerschlossen sind derlei Karstgebirge des Mittelmeerraums. Doch Albanien wäre nicht Albanien wenn es in dieser Hinsicht nicht mehr zu bieten hätte. Im Nordosten des Landes erheben sich die mächtigen Albanischen Alpen, angrenzend an Montenegro und den Kosovo kann hier ein Gebirge genossen werden wie man es in Europa, zumindest in dieser Ausgestaltung nur noch selten finden sollte. Alpin und wild aber dennoch touristisch machbar. Spätestens seit Etablierung des bereits zu Beginn erwähnten “Peak-of-the-Balkans-Trail” sollte Bergwandern hierzulande auf eine solide Basis gestellt sein.

Irgendwo dahinten, hinterm Horizont, dort stehen sie und warten – die albanischen Alpen

Anhängig zu diesem Thema wäre selbstverständlich eine Fahrt mit der Koman-Fähre. Diese, einmal täglich verkehrende Fähre absolviert in zweieinhalb Stunden eine spektakuläre Route vom Koman-Stausee, die steile Drini-Schlucht hinauf bis nach Fierza. Praktisch dabei ist, dass dies, so malerisch es sich einerseits anhört auch andererseits der beste Zubringer für Touren in den Albanischen Alpen ist.

Und auch wenn dies alles schon ausreichen würde für eine ausgewachsene nächste Reise, so gibt es daneben noch reichlich andere reizvolle Ziele mit denen Albanien gekonnt kokettiert (ganz abgesehen davon, dass man natürlich auch immer gern zu alten Plätzen zurückkehren möchte). Zu erwähnen wäre hier einerseits Berat – eine weitere Weltkulturerbe-Stadt in südlich von Tirana – ich wage nicht zu bezweifeln, dass die “Stadt der tausend Fenster” mich zumindest ebenso bezirzen würde wie Gjirokaster. Andererseits zwinkert noch eine weitere Kostbarkeit der Natur verlockend dem Reisenden entgegen: und zwar die Seenlandschaft von Ohrid und Prespa. Obwohl der schönere Teil hier wohl wahrscheinlich eher auf mazedonischer Seite gelegen ist, spräche ja auch nichts gegen einen kleinen Ausflug in das noch unbekanntere Nachbarland.

In diesem Sinne – bis bald Shqipëria!

 

Skipetaren-Express

Etwas mehr als zwanzig Jahre ist es nunmehr her als ich an Bord eines himmelblauen Trabis über die albanische Grenze rollte. Mehre Tage folgten, die mich derart begeisterten, dass ich infolgedessen tatsächlich einige Semester Albanisch lernte. In der Hoffnung beim nächsten Mal der Begeisterung auch ein wenig Verständnis beizumischen. Bedauerlicherweise führte dergleichen Strebsamkeit nicht zu neuerlichen Kontakten mit dem geschätzten Reich der Skipetaren. Es blieb bei jenem einzigen und dementsprechend verklärten Tête-à-Tête in den 90ern.


Doch nun ist es soweit, das Reisependel schlug gen Balkan aus und in diesem Augenblick sitzen wir im Zug nach Albanien. Mit der Eisenbahn nach Albanien? Nein, das kann selbst mit Superschaffnerkräften nicht möglich gemacht werden. Schließlich begeben wir uns hier in ein Land, welches, wie ich der Fachpresse im Internet entnehmen musste, 2016 den Schienenverkehr einstellen musste, weil dem staatlichen Eisenbahnunternehmen das Geld für Diesel fehlte. Ein leichtes Frösteln bemächtigt sich meiner angesichts dieses unfassbaren Frevels. Noch keine meiner etlichen Reisen führte mich in ein relevantes Flächenland ohne die wohligen Klänge des Schienenstrangs. Doch bevor ich diese Schande in mein Schwarzbuch der Eisenbahnverächter aufnehme, will ich mir zunächst selbst ein Bild machen. Um dies zu ermöglichen, muss leider leider ein Flugzeug ab Budapest herhalten. Derlei düstere Gedanken werden jedoch schnell verscheucht im Angesicht der kommenden 13-stündigen Fahrt, gehostet von der besten Eisenbahn der Welt – České dráhy!

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Der Kern des Bilbos – ein heißer Tanz auf dem Baskenball

Anmutig ächzend erhob sich die altehrwürdige Reisegruppe ein weiteres Mal um ihrer unersättlichen Neugier nach absurden Lebensumständen im Draussen nachzugeben. Ein Jahrzehnt  abgefahrener Stationen in wohliger Erinnerung (Pridnestrowien, Belfast, Belgrad, Belgien, Minsk) kuschelten wir uns in den Zug und rauschten gen Baskenland. Nach Bilbo (wohl auch Bilbao auf Besatzerspanisch genannt) der, zumindest von uns zur Hauptstadt des Baskenland erkorenen Metropole sollte es diese Mal gehen. Zugegeben, verglichen mit einigen der vorangegangenen Reiseziele, scheint diese gemütlich in die Antlantikkniebeuge geschmiegte Region, in Sachen Absurdität und Exotik auf den ersten Blick ein wenig zu kurz gekommen zu sein. Doch betrachtetet man Geschichte, Selbstverständnis und Kultur der Basken etwas genauer, blinken einem da recht schnell diverse Anhaltspunkte entgegen, die einen Besuch hier rechtfertigen.

Aber der Reihe nach. Da das primäre Reiseziel, Fußball, an anderer Stelle weitaus profunder und ausführlicher dargestellt wurde, möchte ich hier nur einiges kurz bemerken. Quantität und Qualität waren auf diesem kleinen Flecken Erde wohl beispiellos. Fußball ist hier definitiv keine Randnotiz sondern wesentlicher Eckpfeiler des baskischen Daseins. Und auch wenn uns eine Heimspiel nicht vergönnt war, so verschenke ich doch, nicht nur der Farben wegen, bedenkenlos eines meiner vielen Fußballherzen an Athletic Bilbo.

Grün, Berge, Meer – die ewige Dreifaltigkeit des Wohlgefühls.

Widmen wir uns nun dem ersten Eindruck: Grün so grün, aufreizende Berglandschaften und dann noch ein einladend schäumender Ozean dazu – was will man mehr?! Angesichts der beige-grauen Karstlandschaften, die ich mit großen Teilen der kastilischen Hochebene assoziiere, ein wohltuender Kontrast. Hinsichtlich der Berge wird es für den Rest der Reise bei sehnsüchtigen Blicken aus dem Zugfenster bleiben. Unsere Expeditionen streifen hauptsächlich die nicht minder lockende Küste, das Hinterland musste aus Zeitgründen auf später verschoben werden. Und hier treffen wir dann auch schon auf ein immer wiederkehrendes Element – das Auswählen und Entscheiden. Das Baskenland ist selbst auf den ersten Blick proppenvoll mit sehenswerten Erlebniswürdigkeiten. Bei näherem Hinsehen wird die Selektion zu einem quälenden Dauerzustand. Nun mag der eine oder andere einwenden, dass dieses Phänomen dem sehenden Reisenden doch wohlbekannt sein müsste, doch es gibt hier zweifellos solche und solche Regionen. In Pridnjestrowien beispielsweise erinnere ich eher nicht an dieses Grundgefühl.

Nachdem wir nach der Ankunft das Wochenende erfolgreich mit Fußball gefüllt hatten, verhieß der Wochenbeginn “Heraus zum revolutionären Ersten Mai”. Nun ist die Geschichte der Arbeiterbewegung und sozialrevolutionärer Ansätze in Spanien zum einen und im Baskenland im Besonderen eine leicht diffizile Angelegenheit. Die allseits bekannte Spaltung der Arbeiterbewegung in kommunistisch und sozialdemokratisch hat durch die Stärke der Anarchisten auf der iberischen Halbinsel zu einer nicht unbedeutenden Verkomplizierung der Gemengelage geführt und insbesondere im Spanischen Bürgerkrieg die tragische Niederlage der progressiven Kräfte begünstigt. Im Baskischen wurde diese kleingeistige Zersplitterung zusätzlich noch ergänzt durch einen vielfach vorbestraften Bekannten namens Nationalismus, welcher sich hier zur Abwechslung das Gewand mal links herum anstreifte. Zumindest die gut organisierte Arbeiterschaft, des im Vergleich zum eher bäuerlichen, spanischen Kernland, beachtlich durchindustrialisierten Baskenland schloss sich fast komplett der Verteidigung der Republik an, und erlebte nach erbitterten Kampf eine blutige Niederlage. Dies alles und einiges mehr im Hinterkopf schritten wir sodann zum allgemeinen Treffpunkt des Demonstrationszuges.

Die Revolution marschiert. In Einzelgrüppchen.

Hier bot sich uns die symptomatische Zurschaustellung jenes beschriebenen historischen Dilemmas: In sicherem Abstand von einander sammelten sich auf der breiten Straße die verschiedenen Grüppchen. Auch als sich der “Zug” in Bewegung setzte, achtete die Volksfront vom Baskenland peinlich genau darauf den Abstand zur baskischen Volksfront nicht zu verringern. Wie nicht anders zu erwarten (und dennoch wollte ich es zunächst nicht glauben!) mündete jeder einzelne Block auf einem gesonderten Kundgebungsplatz. Und auch wenn die Reden der anderen bisweilen vom Wind herüber geweht wurden, ignorierte man dies geflissentlich und gebärdete sich jeweils unbeirrt als einzig wahrer Gralshüter der Revolution. Alles sehr traurig, frustrierend und ein gerüttelt Maß peinlich.

Kommen wir daher lieber zu einem lebensbejahenden und über alle Maßen begeisternden Thema: dem öffentlichen Nahverkehr. Dieser, in hiesigen Breiten eher Apathie verbreitende Themenkomplex hat mich im Baskenland mehrmals täglich zu überschäumender Freude und sitzenden Ovationen gebracht. Der geschmeidig dahingleitende Verbund aus Bussen (Stadt und Fern), Straßenbahn, Metro und Eisenbahn (Euskotren) allein wäre schon eine Erwähnung wert. Doch bemerkenswert ist hier das Modell der Bezahlung, welche mittels einer kleinen Karte (BarikCard) die Fortbewegung zum preiswerten Kinderspiel macht. Einmal anonym erworben, kann an Bahnhöfen und sogar in manchen Kneipen Geld drauf geladen werden. Sodenn steigt man, seine Karte haltend an einem beliebigen Anfangspunkt ein, wobei ein gewisser Grundbetrag abgezogen wird, beim Aussteigen wiederholt man diesen Vorgang, und der, von der gefahrenen Strecke abhängige Betrag wird zusätzlich abgezogen.

Bahnfahren im Baskenland – es kann so einfach sein!

Dank der regelmäßigen und aufeinander abgestimmten Taktfrequenz erhält der Reisende hierdurch ein Höchstmaß an Freiheit und der Tourist zudem die Möglichkeit ohne Einbußen dort auszusteigen, wo es ihm beliebt. Dies mag in ähnlicher Form auch anderswo so gehandhabt werden, doch drei Punkte leuchten hier hervor, die mir bedeutend erscheinen. Zum einen die nicht unerhebliche Reduzierung des Fahrpreises, die man hierdurch erhält, zum anderen das scheinbare makellose Funktionieren eines solchen Systems und zu guter Letzt die, bei einer solchen Methode nicht selbstverständliche Möglichkeit der anonymen Nutzung.

Genug der einleitenden Worte, kommen wir nun endlich zum Kern des Bilbos. Wie schaut’s aus im pulsierenden Zentralorgan des Baskenlands? Unser Reiseziel schmiegt sich mäandernderweise an den Ria de Bilbao, welcher sich wenige Kilometer später in den Golf von Biskaya ergießt. Aufgrund seiner Lage und verschiedener begünstigender Faktoren entwickelte sich Bilbo rasch zu einer massiv industrialisierten Hafenstadt. So muss das Erscheinungsbild der Stadt bis vor Kurzem hässlich, grau und schmutzig gewesen sein. Der industrielle Niedergang der 1970er und der Würgegriff der ETA taten ihr übriges – zweifellos wirkte Bilbo noch vor einem Vierteljahrhundert eher weniger einladend. Doch Anfang der 90er führten einige wenige Maßnahmen zu einer kometenhaften Aufwertung des baskischen Schmuddelkinds. Der spektakuläre Bau des Guggenheim-Museums führte zu einer derart radikalen Veränderung der Stadt, dass man fürderhin diesen Prozess der Aufwertung sogar “Bilbao-Effekt” taufte .

Der Ground Zero des “Bilbao-Effekts” – der charmante Blick- und Touristenfang lässt selbst unbedarfteste Architekturverächter kurz aufmerken.

Auch die von Sir Norman Foster projektierte Metro urbanisierte und modernisierte innerhalb kürzester Zeit und stülpte offenbar einmal alles komplett um. Wenn man heute durch die Gassen Bilbos schlendert, kann man sich all dies beim besten Willen nur schwer vorstellen. Sehr hilfreich und empfehlenswert für den geschärften Blick bei der historischen Stadtbesichtigung war eine kleine, aber feine App namens “Free Bilbo”. Diese, aus der alternativen Szene stammende Stadtführung vermittelte, zwar bisweilen mit kruden Vokabular und merkwürdiger Deutung, eine Perspektive, die es ermöglichte durch die glitzernde Fassade des neuen Bilbos, die Konturen der vergangenen Realität auszumachen. Denn eine solche massive Umgestaltung urbanen Raums erschafft auch immer Verlierer. Als langjähriger Berliner hat man per se eine sensible Wahrnehmung für die erdrückende Umarmung gentrifizierender Maßnahmen. Die Hinweise für stattfindende Verdrängung und Ausgrenzung, welche “Free Bilbo” offerierte, beachteten wir deshalb umso aufmerksamer. Einmal mehr fiel es schwer, den geschilderten Ausgangszustand jenes bunten Viertels durch das wir wandelten, vorzustellen. Aus dem Blickwinkel der keimfrei sanierten Kieze unserer Stadt erschien so etwas wie San Francisco in Bilbao immer noch bunt und angenehm lebhaft. Hier spürte man jene weltoffene und multiethnische Patina, die mich von jeher anzieht und in mir unmittelbar Wohlbehagen auslöst. Doch dies ist eben wie so oft eine Frage der Relation. Es steht außer Frage, dass das  Prä-Guggenheim-Bilbao wohl eine sehr beeindruckende Zeitreiseziel wäre.

Das Filetstück dieser Reiseerlebnisse ist zu guter Letzt ein kurzer Einblick in die sagenhafte Welt der baskischen Kulinarik. Jeder halbwegs kundige Iberer schnalzt bei der Erwähnung Bilbos lüstern mit der Zunge. Schon eine oberflächliche Recherche offenbart, dass das Baskenland die unumstrittene Feinschmecker-Hochburg Spaniens ist. Derart eingestimmt reist man naturgemäß mit hohen Erwartungen und freudig pulsierenden Gaumen an. Um es vorweg zu nehmen: die hohe Dichte an Sterneköchen der Region haben wir nicht mitgenommen und auch die, immer wieder gewöhnungsbedürftigen Essenszeiten der mediterranen Welt haben uns wahrscheinlich den einen oder anderen kulinarischen Höhepunkt verpassen lassen. Abseits davon genügten selbst einige sporadische Abstecher ins Baskonomische um zu erahnen, zu was sie fähig ist. Viele Gerichte hier sind vom nahen Meer beeinflusst.

Zwar nicht Nueva Cocina Vasca und trotzdem grandios!

Da wäre zum Besipiel Bacalao al Phi-Phi (Stockfisch mit einer Soße aus der eigenen Gelantine), Chipirones en su tinta (Kalmare in eigener Tinte) oder die berühmten Angulas (Glasaale) um nur einige zu nennen. Hinsichtlich Fleisch neigt man eher dem Rind als dem Schwein zu und natürlich gibt es auch hier etliche erlesene Spezialitäten, auf deren Qualität der Baske, mit der ihm eigenen Sorge um Tradition und Einzigartigkeit mit Argwohn wacht. Gesondert hinweisen möchte ich hier auf die vorzügliche Morcilla (Blutwurst). Obwohl insgesamt vielleicht ein Mü zu süß kann sie sich zweifellos mit der Königin aller Blutwürste, ihre Eminenz Kaszanka, messen. Obzwar aus den vorgenannten Gründen ich leider nicht das große Gaumenerweckungserlebnis genießen durfte, so würde ich mich dennoch zu der Behauptung versteifen, dass die erlebten Grundlagen Anlass zur Hoffnung auf Großartiges geben. Wie gesagt, ich werde das Gefühl nicht los, das Baskenland nur marginal angekratzt zu haben. Ein weitere Reise mit eingehender Vertiefung all der erlebten Appetithäppchen ist zwingend erforderlich.

Topa (bask. Prost) und immer wieder Topa – ein Wein ganz nach meinem Geschmack!

Ein Element der baskischen Sinnesfreuden haben wir jedoch in aller Ausführlichkeit und mit gebührender Beharrlichkeit untersucht: Txakoli! Dieser sehr trockene, leicht moussierende Weißwein mit hohem Säuregehalt ist der feuchte Stolz der trinkenden Baskenheit. Außerhalb der Provinz Biskaya wird dieser Wein aus waghalsig hohen Bogen ins Glas geworfen. Der Bilbote verzichte auf derlei Zirkusnummern, weiß er doch, so zumindest die Aussage im Txakoli-Museum, dass der hier produzierte Götternektar wirklicher Weißwein ist und nicht solch ein Bauerntrunk wie im Rest des Baskenlandes. Mir als frisch überzeugten Liebhaber des trockenen Weißweins kam dieser Tropfen geschmacklich sehr entgegen. Munter prickelnd bisweilen so trocken, dass die Zunge pelzte war Txakoli ein würdiger Reisebegleiter und kundiger Führer in die baskische Seele. Noch ein triftiger Grund wiederzukommen. Agur, Euskadi!

Mission: Bezirke bezirzen – drittes Kapitel: Karl-Chemnitz-Stadt

Unerschütterlich und voller Forscherdrang durchwühlten wir nun weiter die antiken Zentren jenes untergegangenen Kleinreichs namens DDR. Dieses Mal im Auge der Peripherie – Chemnitz formely known as Karl-Marx-Stadt. Der erste und unspektakulärste Teil in der herrlichen sächsischen Dreifaltigkeit welche aus Produktion, Verkauf und Verprassen bestand (besteht?). Dreimal dürft ihr raten welche Aufgabe hierbei Chemnitz zugedacht war. Wohl ein Grund warum dem gemeinen Residenz- oder Messestadtsachsen herzlich wenig zu Chemnitz einfällt. Wir meinen: Schade, uns hat es gefallen und wir freuen uns dank dieses Erlebnisses tatsächlich auf noch mehr Sachsen.

Die bisherigen Stationen der Bezirkskursion. Thüringen abgehakt. Jedenfalls bis zur Kreiskursion.

Nur Gutes aus der Salzkammer

Die zweite Stippvisite in unserer herzallerliebsten Nachbarländer führte uns dieses Mal nach Österreich, genauer, nach Salzburg. Wir nehmen mit: Kulinarik fantastisch, Kultur ohne Ende, Sauberkeit über alles und Österreichisch ist der beste Dialekt der Welt. Jedenfalls an diesem Wochenende.

Nächste Station: Rummähren in Mähren – Brno

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Münzenberg – MZB019 – Die Jahresvorschau 2017

Die Lesezeichen zum ausführlichen Genuss

 

Etliche dieser legendenumwobenen Expeditionen im Geiste der Erkundung der Peripherie haben uns verzückt, überrascht oder gar begeistert, doch die Reise nach Suhl hat die Messlatte mal wieder ein gewaltiges Stück nach oben gelegt. Es stimmte einfach alles: Wetter, Stimmung, Kulinarik, Gesprächsstoff und Kulisse. Das kleine Suhl überzeugte uns alle im Handumdrehen und führte schon Stunden vor der unweigerlichen Abreise zu jeder Menge traurigen Seufzern.

Das rote Suhl?! Das ließ uns aufmerken, sind doch revolutionär bewegte Waffenschmiede für die soziale Revolution um einiges wertvoller als die üblichen Buchdrucker.


Und auch wenn alles schief gelaufen wäre – angesichts dieses Schauspiels hätte kaum einer gezaudert, diesen Ausflug als gelungen zu bewerten.

Wenn ich mir eine Unterkunft hätte schnitzen können, viel besser hätte sie nicht sein können. Ein Bett zum Entgleisen!

 

Das offizielle Endergebnis in dreifacher Ausfertigung.
Und zum Abschluss noch etwas massive Gotik in Erfurt. Eindrucksvoll und majestätisch genossen wir alles außer jenem Fantasiewesen namens “Thüringer Rostbratwurst”.

 

 

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