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Ratgeber: Kreuz und quer übers Schwarze Meer

Über die Ukraine wie über Georgien wurde an dieser Stelle schon reichlich gelobhudelt und geschwelgt. Was läge da näher als das die beiden verbindende Band zum eigenen Thema zu machen, es quasi etwas ausufern zu lassen. Die Rede ist von der Fährverbindung Batumi-Tschornomorsk. Da die Landverbindung aus bekannten Gründen etwas ausgebremst ist, blinzelt den aufgeweckten Flugverächter rasch die maritime Alternative an. Und, soviel sei hier schon gespoilert, solange man über ausreichend Zeit verfügt, ist dies mit Abstand die vorzüglichste Art der Annäherung an eines der beiden Schätzchen.

Hier nun also der nächste Reisebericht im Geiste des Anhalters um dieses außergewöhnliche Erlebnis möglichst vielen Lebewesen in der Galaxis schmackhaft zu machen!

Mit der MS Kaunas von Batumi nach Chernomorsk

Welche Richtung soll man fahren? Hier zeigt sich nun das Credo dieses Blogs hier in seiner ausgeprägtesten Form. Anfangs erschien mir die Reise mit Ostkurs am plausibelsten. All die ersehnten Kostbarkeiten von Chatschapuri bis unberührter Berglandschaft im Sinn, sollte eine solche zweitägige Schiffsreise doch ein wahrer Genuss sein. Dazu noch zuvor der unbezahlbare Reiz einer Anreise mit der ukrainischen Bahn – was will man mehr?! Jedoch, es mag auch sein, dass die Latenz zur Verspätung, diese gierige Ungeduld zur Qual werden lassen kann. Ich denke da nur mit Grausen an das andere Schiff, welches mit Sicht auf den Hafen von Batumi über einen Tag warten musste. Auf der Rückreise, wenn die kostbaren Tage des freien Herumstreunerns sich langsam dem Ende zuneigen, ist man eher bereit, solche Verschleppungen gelassen in Kauf zu nehmen. Und sowieso: im Vergleich zu dem abrupten Realitätsschock des Flugs ist die langsam gleitende Fähre ein weitaus wärmerer Entzug, der dem sensiblen Fernwehklagenden eindeutig zu empfehlen sei. Ihr merkt es mal wieder; alles hat Vor- und Nachteile, wobei ich dann doch aus vorgenannten Gründen dem Westkurs ein wenig mehr abgewinnen konnte.
Eine Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön!

Wichtige Links zur Schiffsfahrt

Eine wichtige Anmerkung noch zu Beginn. An dieser Stelle beziehe ich mich ausschließlich auf den georgischen Hafen Batumi. Aktuell kann es aber schon heute sein, dass Ankunft oder Abfahrt über Poti, den zweiten georgischen Hafen abläuft. Hierüber kann ich aber leider keine eigenen Erfahrungen beisteuern. Zudem wuchtet man auch noch einen dritten Hafen ans Schwarze Meer um die neue Seidenstraße zu befeuern. Diese milliardenschwere Investition wächst gerade in Anaklia, nördlich von Poti, heran. Es sieht ganz danach aus, dass man sich auf der georgischen Seite des Schwarzen Meers einiges überlegt hat um den Infrastrukturvorteil Küste mit aller Kraft auszunutzen.

Andere Wissensquellen

Außer den Umstand der bloßen Existenz einer derartigen Fährverbindung schweigen sich die meisten herkömmlichen Reiseführer aus. So ist man hinsichtlich Reisevorbereitung größtenteils auf Reiseberichte im Internet angewiesen. Diese sind aber zum Zeitpunkt meiner Abreise deutlich in die Jahre gekommen. Eine ganz gute und aktuelle Übersicht findet sich bei caravanistan.com sowie die ganz ausverzügliche Reisebeschreibung auf zug-nach-irgendwo.de, die witzigerweise kurz nach unserer Ankunft in Odessa eine Reise in die Gegenrichtung auf dem selben Schiff beschreibt. Und obwohl ich der Meinung bin, dass der Schiffsweg in der nächsten Zeit populärer wird und sich demzufolge die Berichte mehren werden, ist derzeit noch Aufklärung über den Ukraine-Kaukasus-Express nötig.

Buchung & Organisation

Ein kleiner Schritt für den Reisenden, doch ein großer Schritt für die Reise – alles beginnt mit einer Buchung im Internet. Unter ukrferry.com lässt sich die mögliche Passage problemlos einen guten Monat vorher buchen. Natürlich kann man, zumal wenn man das Abfahrtsdatum noch nicht so genau weiß, die Buchung auch deutlich später vornehmen. Wir trafen jedenfalls einige Reisende, die das Fährticket noch am Tag der Abfahrt erstanden. Wohlgemerkt im August und die Passagierdecks waren dabei alles andere als ausverkauft. Die Preise für die One-Way-Passage changieren zwischen $350 für die Einzelkajüte bis zu $125 für ein Bett in der Vierer-Standard-Kabine. Alle Kabinen verfügen aber immer über ein Innen-WC samt Dusche. Wir wählten eine C2-Doppelkabine und waren vollauf zufrieden.
Eines der Traumschiffe in Lauerposition
Wenn man jedoch eher zu den nervösen und vorfreudigen Reisenaturen gehören sollte, dann nur nicht verzweifeln wenn die Abreisedaten auch einen Monat vorher noch nicht terminiert sind. Nur Geduld, sie kommen irgendwann. Vier Wochen ist ein Orientierungswert, ähnlich wie das gesamte Reiseunterfangen wird man hier schon früh in Demut und Geduld unterwiesen.

Anreise

Ich schätze jetzt einfach mal, dass die West-Ost-Passage häufiger vorkommt. Daher beginne ich mit der Beschreibung selbiger. Wenn man von Berlin startet kann man mit schlappen 3xUmsteigen schon in der Fähre sitzen. Es gibt hier einige Varianten per Zug nach Odessa zu kommen. Ich präsentiere daher nur einen Menüvorschlag. Der erste Zug, der Berlin-Warschau-Express dabei sicherlich der banalste Schritt. Doch listen wir der Übersichtlichkeit wegen alles fein säuberlich auf.
  • Berlin-Warschau-Express: aktuell viermal täglich (6:37/9:37/12:37/16:37), in knapp sechseinhalb Stunden mit Sparpreis für €29,90
  • Lwów-Express: verkehrt als D 51/52 einmal täglich zwischen Breslau, Warschau und Lviv (Lwów); zu buchen über die PKP; alternativ wäre hier auch möglich bis zur polnischen Grenzstadt Przemyśl zu fahren um dann den direkten Nachtzug nach Odessa zu nehmen; buchbar über die Ukrainischen Staatsbahn (18:09/11:15)
  • Lwiw-Odessa: viermal täglich verkehrende Nachtzüge, buchbar über das Onlineportal der Ukrainischen Staatsbahn
  • Odessa-Tschernomorsk
Die Anreise zum Fährterminal mag hierbei möglicherweise die anspruchvollste Etappe sein. Ausgewiesener Zubringer ist in jedem Falle der Bus Nr. 15, welcher vom Bahnhofsplatz startet. Daneben gibt es aber noch etliche Busse und Marschrutki mehr, die einen sicher zum Hafen bringen können. Beziehungsweise in die Nähe davon. Die Busfahrer wissen hier zumeist Bescheid und werden einen rechtzeitig rauswerfen. Dann steht nochmals ein guter Kilometer schlecht markierter Fußweg an (Tipp Online-Navigation) bis man das Fährterminal erreicht hat.
Das Tschornomorsker Dock – meisterhaft versteckt lohnt es doch jegliche Mühsal der Anreise.
Hier sei auch nochmal gesondert darauf hingewiesen, dass man vor Ort nichts zu erwarten hat, was an ähnlichen grenzüberschreitenden Reisepunkten zu erwarten wäre. Kein Bankomat/Wechselstube, keinerlei Kiosk/Imbiss, keinerlei Möglichkeit zum SIM-Kartenerwerb und sanitäre Anlagen auf allerunterstem Niveau. Sprich: alles Reisenotwendige sollte zuvor besorgt und auch die meist langen Wartezeiten hierbei bedacht sein. Dies gilt natürlich in ähnlicher Bedeutung für hier Ankommende. Soll heißen, ein paar Griwnen oder kleine Euroscheine sollten zum Grundinventar gehören. Letztlich wäre an dieser Stelle auch die Wahl eines Taxis keineswegs mit Gesichtsverlust gleichzusetzen. (So man in der Lage ist, eines heranzukommunizieren.)

Auf See

Wie in diversen Reisebeschreibungen in allen Zungen der Welt angedeutet, gehört diese Fährpassage nicht direkt zu den allerpünktlichsten Beförderungsmitteln. Wartezeiten im Stundenbereich sind die Regel. Den Rekord von 22 Stunden verspäteter Abfahrt und 30 Stunden verspäteter Ankunft, den wir bei unserer Jungfernfahrt erreichten, gehört aber wohl eher zu den selteneren Fällen. Nichtsdestotrotz sollte man Ruhe und Geduld einpacken um in den Genuss dieses Deluxe-Reiseerlebnisses zu kommen. Dabei sind die Formalitäten, so es denn soweit ist, reichlich entspannt, um nicht zu sagen lässig. Saloppe Zollkontrolle, flüchtiges Überfliegen der Dokumente und schon geht es hinein in den gewaltigen Bauch der Fähre. Drei Schiffe wären hier im Angebot:
  • MS Kaunas Seaways (Jahrgang 1989, Länge 191m)
  • MS Vilnius Seaways (Jahrgang 1987, Länge 191m)
  • MS Greifswald (Jahrgang 1988, Länge 191m)
Natürlich spekuliert man hier aus verschiedenen Gründen auf das Glück mit der Greifswald zu fahren, doch auch die Kaunas ist eine Seereise wert wie auch die baugleiche Vilnius. Auf der Kaunas entdeckten wir nach den ersten planlosen Schritten in der untersten Etage des Schiffes einen Fahrstuhl, der uns zur Rezeption in der 6. Etage befördert. Hier erhält man gegen Vorlage von Ticket und Pass den Zimmerschlüssel. Uns begeisterte wie überraschte die Kabine gleichermaßen. Sauber, frische Luft, funktionale Sanitäranlagen und nix weiter zu meckern.
Kurz nachdem man eingecheckt hat, verinnerlicht man sacht die Ruhe und Unbesorgtheit die solche eine lange Seereise auslöst. Und mag dort draussen, jenseits der Küsten die ärgsten Kümmernisse und gräulichsten Bedenken herumkriechen, hier an Bord besteht das Dasein fortan aus Schlummern im sanften Wellengang, drei Mahlzeiten ohne Reue und exzessiven Müßiggang!

Verpflegung

Zu diesem Thema hatten sich die meisten Reisenden die vor mir hier waren mit zumeist leicht despektierlichen Ton geäußert. Sicher, es gäbe die im Fährpreis inbegriffene Vollpension, jene drei Mahlzeiten, die zu festen Zeiten überall an Bord schnarrend ausgerufen werden. Doch bestünden die Mahlzeiten zu großem Teil aus Wurst und seien daher nicht jedermanns Sache. Obwohl ich nicht unbedingt als Wurstfeind gelte, statteten wir uns vorsichtshalber an den Gestaden des kulinarischen Hochgenusses, in Georgien mit reichlich saftigen Gemüse und bestem gesalzenen Käse aus. Doch dies hätten wir locker bleiben lassen können. Die drei Gänge auf der MS Kaunas konnten sich mit gehobenen Kantinenessen sowjetischer Provenienz messen. Der Flaschenhals war ein ganz ein anderer.
Mittagessen auf der MS Kaunas. Kein Grund für Beschwerden.
Nichtalkoholische Getränke. Zwar war die Trinkwasserversorgung mittels Wasserstationen in den Gängen sichergestellt. Doch ein schönes Sprudelwasser, eine Limo, Saft – all dies war nicht aufzutreiben auf dem Schiff. Die Bar, die in unregelmäßigen Abständen aufmachte, bot Kaffee, Schnaps und Bier (das infernalische Angebot lautete hier übrigens: kleine Dosen von Bitburger, Warsteiner oder Heineken!) an und der kleine Duty-Free-Shop, der mit ebenso unbeständigen Öffnungszeiten hervorstach, konnte das Sortiment nur mit Importwhiskey und deutschem Perlwein ergänzen. Ich empfehle also die hier geschilderten Umstände zu bedenken und den eigenen Proviantbedürfnissen entsprechend zuzukaufen.

Leute

Das war neben Verpflegung, Unterkunft und überhaupt eine der spannendsten Fragen im Vorfeld: Was für Menschen findet man auf solch einer Passage? Welche Stimmung herrscht an Deck? Die Grundvermutung, eine Mischung aus Travellern und Truckern hat sich im wesentlichen bestätigt. Wobei es natürlich immer etwas anderes ist wenn solche theoretischen Erwägungen mit Leben gefüllt werden. Wenn man mit grummeligen Kasachen und fröhlichen Kaukasiern den Blick aufs Meer wirft und über dies und jenes schwatzt um gleich danach in eine polnische Reisegruppe und ihr stets verschmitztes Zischelgespräch zu stolpern, dann ist das schon eine ungefähre Abbildung der zu erwartenden sozialen Kontakte auf einer Schwarzmeerüberfahrt.
Wer mal zwischendurch ein wenig losgelöst sein will – egal von was – hier ist man dafür richtig.
Die Passagiere dieser Lebensader, welche den aktuellen Krisenherd Donbass umpulst, besteht aus zwei Gruppen: Truckern und Touristen. Obzwar beide Gruppen hinsichtlich Belegung der Kabinen und Abtrennung beim Essenfassen spürbar von einander auf Abstand gehalten werden, kommt es ob der Überschaubarkeit des zugänglichen öffentlichen Raums und des Lebens in einer gemeinsamen Zeitkapsel natürlich immer, so man es zulässt, zu herzlichen Fraternisierungen. Ich für meinen Teil mochte die zeitlose Lässigkeit der Überfahrt, welche immer wieder von interessanten Gesprächen mit noch interessanteren Menschen garniert wurde.
 

Anschlussschiffe

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist und auch die Rückreise derart gestalten möchte, so sei erwähnt, dass Ukrferry nicht die einzigen sind, die es Zivilisten ermöglichen, das Schwarze Meer zu durchkreuzen. Neben dieser Linie gibt es auch noch Navibulgar, welche neben Chernomorsk auch noch nach Varna in Bulgarien schippern. Und das ist, wenn man sich es mal auf einer Karte zu Gemüte führt, die wirkliche Schwarz-Meer-Durchkreuzung. Hierfür werden dann auch gleich solide 54 Stunden veranschlagt. Die Preise für die Passage befinden sich in vergleichbaren Rahmen zu den Ukrferry-Tarifen. Eine überaus reizvolle Idee meines Erachtens, so man die Zeit für derlei Unternehmungen hat.

Start&Ziel

Batumi – durchgeknallte Schwarzmeerperle mit Kapitelmarkenpotential

Batumi – was soll ich sagen?! Als Ausgangs- und Endstation zahlreicher Kaukasusexpeditionen hatte ich wohl Gelegenheit genug mir ein Urteil über die Schwarzmeerperle in Spuckweite zur türkischen Grenze machen zu können. Und dennoch bin ich noch jedes Mal aufs Neue irritiert von dieser explosiven Architektur- und Stilorgie, die einem hier kreischend ins Gesicht springt. Fast würde man meinen, dass bei regelmäßig stattfindenden Stadtversammlungen jeder der Lust hat, mit groben Buntstiften eine Idee auf den Stadtplan kritzelt, was dann umgehend von einem, mit reichlich Drogen versorgten Architekten und einer Schar furchtloser Bauarbeiter umgesetzt wird. Kurz gesagt, Batumi ist etwas ganz besonderes. Und somit ist es eben auch ausgezeichnet geeignet als Start- oder Endpunkt einer Georgienentdeckung. Richtiggehende Empfehlungen oder gar Pflichtsehenswürdigkeiten habe ich dagegen eher nicht. Neben dem obligatorischen Abschlendern der Strandpromenade und einem Bummel durch die durchgeknallte Krawallarchitektur des Zentrums sehe ich wenig relevante Punkte, die man unbedingt gesehen haben muss. So bietet sich Batumi eben als hervorragender Ort an um sich ohne Sorge allzuviel zu verpassen, zu akklimatisieren oder in Würde zu verabschieden.
In Anbetracht dieses Ausschnitts stelle sich der geneigte Betrachter vor, dass, so er den Blick nach rechts oder links schweifen lassen würde, es nicht minder verrückter werden könnte.
Sollte man doch etwas zuviel Zeit und Energie haben, empfiehlt es sich eher etwas ins Umland zu streifen. Eine ganz fabelhafte Idee wäre hier beispielsweise der Botanische Garten. Etwa 15km nördlich von Batumi gelegen breitet sich dieser auf den Hügeln des “Grünen Kaps” (Mzwane Konzchi) direkt am Schwarzen Meer aus. Abseits der trubeligen Hafenstadt kann man sich hier mit atemberaubenden Aussichten, frischer Luft und entspannter Atmosphäre verwöhnen. Ein weiteres, häufig genanntes Ausflugsziel ist Gonio. Dies ist eine 7km südlich von Batumi, direkt am Meer gelegene Ruine eines römischen Kastells. Auch hier sind lohnenswerte Meerblicke zu erhaschen und mit einem kleinen Sprung wäre man in dem netten Badeort Sarpi kurz vor der türkischen Grenze.

Odessa – oh, du Unbeschreibliche! (und ich versuch es doch)

Ach, Odessa, du Mutter so vieler meiner Sehnsüchte, du heißblütige Gelassene, du bezaubernde Ewiglockende – keine ist wie du. Und keine löst in mir reflexhaft derlei schwülstige Schwärmerei aus. Dabei konnte ich dein wahres Antlitz anfangs vor lauter Vorschusslorbeeren gar nicht so genau ausmachen. Denn kaum eine Stadt war zumindest in meiner Wahrnehmung derart aufgeladen mit der romantisch schimmernden Patina einer mediterranen, multiethnischen Kultur, dessen Strahlkraft von keinem Imperium gänzlich ausgelöscht werden konnte.
Eine Treppe ist eine Treppe ist eine Treppe. So meint man vielleicht bevor man in Odessa war.
Auch wenn es von diesem Format natürlich noch einige andere Städte mehr gibt. Treue Leser erinnern sich beispielsweise an meine Huldigungen vom Letzten Jahr für Lwiw. Doch ich wage zu behaupten, Odessa trumpft noch einmal deutlich auf. Dabei hat es, rein in Zeit bemessen, historisch gar nicht so viel zu bieten. Erst 1792 nach dem das Gebiet im russisch-türkischen Krieg den Osmanen abgeknöpft wurde, beginnt die eigentliche Geschichte der Stadt. Zuvor dämmerte man hier offenbar ohne allzu übertriebene Urbanisierungsambitionen unter der Herrschaft zahlreicher sich abwechselnder Völker der Umgebung. Mit Katharina der Großen startete man dann mit Schwung durch. Denn es handelte sich keineswegs immer um Luftschlösser oder Potjomkinsche Dörfer, welche hier nach der Einverleibung ins Zarenreich entstanden. Odessa wurde als lang ersehnter Hafen für den Schwarz- und Mittelmeerraum sogar ein großer Erfolg. Auch dank der überraschend fähigen Statthalter in den ersten Jahrzehnten entwickelte sich Odessa zu einer konzeptionell durchdachten und rational umgesetzten Stadt. Ähnlich wie in St. Petersburg feierte sich hier das pro-europäische, aufgeklärte Bürgertum und erschuf Städte die für das riesige zurückgebliebene Hinterland Vorbildfunktion haben sollte. Doch es waren nicht nur die aufgeweckten Statthalter und fähigen Architekten, die Odessa zu etwas Besonderem machten. Die fruchtbare, aber relativ entvölkerte Region des ehemaligen Krimkhanats, benötigte dringend neue Siedler. Man entschloss, sich hierbei nicht allein auf russische Bauern zu verlassen, sondern öffnete “Neurussland” für ausländische Kolonisten. Hauptsächlich Griechen, Deutsche, Serben und vor allem Juden, die nach den polnischen Teilungen vermehrt hier Zuflucht suchten. So entwickelte sich Odessa schnell (schon bald war es die viertgrößte Stadt des Zarenreichs) zu einem multiethnischen Schmelztigel, der in dieser Form ein absoluter Ausnahmefall im Imperium war.
Neben DER Treppe wohl das andere Wahrzeichen Odessas. Das Imperium baut zurück. Zeitweise die zweitgrößte Oper der Welt.
Und so begann der Mythos zu leben. Eugen Onegin, Panzerkreuzer Potjomkin, Benja Krik und dergleichen mehr, mit Odessa sind etliche Legenden verknüpft, die schon seit langer Zeit einen festen Platz in meinem Kopfkino haben. Und so konnte es bei der realen Kontaktaufnahme nur hopp oder top geben. Entweder es gelingt ihr mühelos mich zu bezirzen oder aber ich wende mich in gekränktem Wirklichkeitsekel voller Abscheu ab. Ich kann voller Erleichterung berichten, dass das Pendel unzweifelhaft zur erstgenannten Reaktion ausschlug. Natürlich hat sich seit Issak Babel einiges verändert: Die Moldawanka gleicht einem gewöhnlichen südrussischen oder ukrainischen Stadtviertel, die Mädchen posieren am Strand mehrheitlich für tote Handyobjektive statt für männliche Subjektive und kein noch so massiver Panzerkreuzer wäre in der Lage vor DER Treppe anzudocken. Dort hat man nämlich städteplanerisch zutiefst unelegant alles derart zugebaut, dass die einzigartig perspektivisch verzerrte Sichtschneise so richtig schön nur noch aufwärts wirkt.
Ob nun nur Absätze und keine Stufen oder andersrum – von oben bleibt des Auge des Betrachters woanders hängen.
Und dennoch: Odessa hat sich trotz der überall wirkenden, gleichmacherisch abschmirgelnden Effekte des internationalen Tourismus und der Banalisierung des Zeitgeists einiges bewahrt, was diese Hafenstadt zu einem seltenen Kleinod für den weltoffenen Reisegourmet macht. Dank verschiedener einzigartiger Umstände vermochte es Odessa eine gehörige Portion der leichtlebigen Ära des Fin des siècle abzukapseln, und gegen die Schnelllebigkeit und Hysterie der vergangenen Jahrzehnte hinüber in die Gegenwart zu retten. Wenn man durch die dschungelhaften, breiten Straßen lustwandelt und den Blick öffnet für die Patina der vergangenen zwei Jahrhunderte, begreift man warum die Odessiten diese Stadt so lieben und warum sie trotz allem, was der Planet da draussen an Unbill für sie bereithält unfassbar gelassen und entspannt wirken.
Das was ich meine ist nicht fotografierbar obwohl im Bild enthalten – Das gewisse etwas.
Doch ich will auch nicht die Schattenseiten Odessas verschweigen. Das ewige Hindämmern im toten Winkel der Weltgeschichte führte in Konsequenz nicht nur zu reizvoller Patina und legerer, mediterraner Atmosphäre. Ähnlich wie bei Lwiw weist ein genauerer Blick auf die Stadt, dass man hier hemmungslos von der Substanz lebt und ein Blick in die Zukunft durchaus nicht so rosig erscheint. Sprich, es wird wenig getan um das, was uns heute noch als so pittoresk und authentisch erscheint zu erhalten. Die Pflege gilt dem Privateigentum, der öffentliche Raum wird größtenteils vernachlässigt und sich selbst überlassen. Daher könnte Odessa in ein bis zwei Jahrzehnten den Sprung von, in Würde gealtert zum bemitleidenswerten Pflegefall erleiden. Wie dies vermieden werden kann, ohne die üblichen kaputt sanierenden Heuschrecken anzuziehen, ist mir allerdings schleierhaft. Zudem malt eine bedrohliche Zahl ein düsteres Bild von einem Odessa, welches ich bislang nicht kennenlernte, das aber zweifellos existiert: die Stadt gilt AIDS-Hauptstadt Europas, offiziell sind 11.000 Infizierte registriert, man geht jedoch in der Ein-Millionen-Stadt von bis zu 150.000 Fällen aus.
Eine Halle von dreien. Und das ist nur der alte Markt.
Ich wollte dies nicht unerwähnt lassen auch um anzudeuten, dass man sich hier keinesfalls auf ein gelecktes und konturlos poliertes Sehenswürdigkeitsportal einlässt. Odessa hat Ecken, Kanten und jede Menge Sorgen. Doch wer nicht auf der Suche ist nach Rundum-Sorglos-Urlaub wird diese Schattenseiten gern in Kauf nehmen für die solide Packung an Authentizität und Lebensfreude.  Empfehlungen meinerseits sind neben ausgedehnten Spaziergängen in Altstadt und am Strand auf jeden Fall ein Besuch im zentralen Markt (in Bahnhofsnähe) Ich habe wenige Märkte in Erinnerung, die einen wie hier mit ihrem überschäumenden Angebot und maßloser Üppigkeit derart erschlagen, dass man glaubt fortan nie wieder auf herkömmliche Art Lebensmittel erwerben zu können. Auch eine Expedition in den Untergrund Odessas ist lohnenswert. Die Katakomben, welche sich unter der Oberfläche endlos und überschaubar zu winden scheinen (das Tunnelsystem hat eine Gesamtlänge von über 2500km und über 1000 Eingänge), war speziell im Zweiten Weltkrieg von enormer Bedeutung. Da sich hier während der Besatzung durch deutsche und rumänische Truppen sowjetische Partisanen verstecken und den Widerstand aufbauen konnten. Abseits dieser beiden Höhepunkte lege ich jedoch nochmals exzessiv-zielloses spazieren und flanieren ans Herz. Ihr werdet nicht widerstehen können.