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Sie fielen uns schon früh auf in Zentralasien. Anfangs vermuteten wir einen leichten Steppenkollers als wir aus der gleichförmigen Landschaft menschenförmige Steinskulpturen hervorlugen sahen. Später erfuhren wir, dass diese Steine weithin als „Balbal“, „Kurgan-Stelen“ oder sogar als „Vatersteine“ bekannt waren. Sie sollen in der gesamten Turkosphäre vorkommen und werden hier auch gemeinhin als Bulbul bezeichnet, was übersetzt so viel wie „Vorfahre“ oder „Großvater“ bedeutet. Ihre Bedeutung dagegen ist wie bei vielen bearbeiteten, alten Steinen sehr rätselhaft.






Die eine Theorie besagt, dass es sich hierbei um Statuen getöteter Feinde handele, bzw., dass die Steine neben diesen in der Regel 0,5-2 m großen Statuen die Anzahl der Feinde darstellen, die von der Person getötet wurden, für die die Skulptur errichtet wurde. Man vermutet auch, dass sich die Balbals später zu Denkmälern für die Ahnen entwickelt haben. Jede Statue ist ein Einzelstück, welches dank aufwändiger Schnitzarbeit verschiedene Merkmale darstellt, vom Gesichtsausdruck bis hin zu komplizierten Kleidungsdetails. Sie wurden oft entlang von Handelsrouten und Grabstätten aufgestellt und dienten sowohl als Grabmarkierungen wie auch als Schutzsymbole für die Lebenden. Die Balbals waren aber eben nicht nur einzigartige Kunstwerke, sondern dienten auch als spirituelle Wächter, die den sicheren Übergang der Verstorbenen ins Jenseits gewährleisteten. Schön finde ich diesbezüglich die Geschichte, dass die Menschen wohl glaubten, ein Toter könne während des ersten Jahres noch im Körper eines Balbal leben und behielten daher den Balbal folgerichtig ein Jahr lang in ihren Jurten.
Springen wir, mit der für diese Kolumne üblichen Leichtigkeit in die problembelastete Gegenwart, genauer, nach Kirgistan, noch genauer zum größten Stausee des Landes, dem Toktogul-Reservoir. Als wir im August 2026 hier vorbeikamen, machte dieser anfangs einen ausgesprochen vertrockneten Eindruck. Doch schließlich kam doch noch Wasser ins Spiel, tatsächlich war in dem Stausee gar nicht so wenig drin und was spräche auch dagegen, das Leben bis zur letzten Neige zu genießen. Im August waren es wohl fette 10,7 Milliarden Kubikmetern. Der absolute kritische Punkt, das sogenannte „Tote Volumen“ (Dead Water Level) liegt bei 6,5 Milliarden Kubikmetern.
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Die Gründe für diesen Tiefstand sind so debil wie altbewährt: Wenn weniger reinkommt, nimmt man einfach mehr raus. Durch den Bau der Talsperre konnte die damalige Sowjetunion ca. 800.000ha vorhandene Bewässerungsfläche in Usbekistan und Kasachstan versorgen und 480.000 ha Land zusätzlich erschließen. Innerhalb der sowjetischen Planwirtschaft installierte man ein System des Gleichgewichts, welches wie folgt aussah: Im Winter sollten 25 % (zur Stromerzeugung) und im Sommer 75 % der Wassermenge zur Bewässerung abgegeben werden. Im Austausch für das gelieferte Wasser und den Überfluss an Elektrizität sollten Usbekistan und Kasachstan im Winter den Energiebedarf in Kirgisistan aus seinen fossilen Kraftwerken ausgleichen. Mit der Unabhängigkeit 1991 knirschte und knackte es zusehends im Gebälk dieser auf Ausgleich, Vernunft und Solidarität fußenden Organisationsform (Ich sach nur: „Lang lebe die Stanunion“!). Wegen der Unfähigkeit, Weltmarktpreise für fossile Brennstoffe zu bezahlen, erhöhte man 1993 die Abflussmenge im Winter und verringerte sie im Sommer, um mehr Energie zu gewinnen. Dadurch gibt es jetzt im Sommer zu wenig Wasser am Mittel- und Unterlauf des Syrdarja, dem Fergana-Tal in Usbekistan und Kasachstan.
Und dann kam auch noch diese vermaledeite Klimakatastrophe (Wenn man da nur was dagegen tun könnte!) Die gesamte Region Zentralasien leidet seit Jahren unter zunehmender Wasserknappheit und Dürren. Ergo, es kommt weniger Wasser unten an. Aber dafür haben wir ja glücklicherweise einen wirtschafts- und industriebedingten Boom beim Stromverbrauch. Um den rasant steigenden Bedarf im Land zu decken (vor allem für elektrische Heizungen im Winter), muss das Wasserkraftwerk Toktogul kontinuierlich unter Volllast laufen. Dadurch wird im Winter deutlich mehr Wasser abgelassen, als im Sommer durch die Zuflüsse nachfließen kann. Ach, und apropos, im Sommer nachfließen, da klopfen ja dann die Nachbarn aus Usbekistan und Kasachstan an und fordern wie jedes Jahr Wasser ein damit Baumwolle, Obst und Gemüse bei ihnen nicht verdorrt.
Also nochmal zusammenfassend: Kirgistan produziert rund 90% seiner Energie aus Wasserkraft. 40% davon durch den Toktogul-Stausee. Sprich, wenn der alle ist, wird’s zappenduster hier. Was könnte man da nur tun?! Na?!? Genau, wir melken Mutter Natur nochmal bis aufs Letzte aus und bauen und bauen und bauen… zum einen zahlreiche kleinere Wasserkraftwerke, auch ein paar Solar- und Windparks, doch es werden auch Wahnsinnsideen wie das riesige, stromaufwärts gelegene Projekt Kambarata-1 werden wieder reaktiviert.

Das Wappentier Usbekistans verwirrt bereits auf den ersten Blick. Das ist nicht der übliche Adler-Greif-Raubvogel. Es handelt sich hier um den silbernen Huma, der schützend seine Flügel über das Land ausbreitet. Der Huma ist ein mythischer Vogel aus persischen Legenden und Fabeln. Es gibt einiges zu erzählen über dieses Wesen, doch der wichtigste Fakt ist wohl, dass der Vogel niemals auf dem Boden landet, sondern sein ganzes Leben unsichtbar hoch über der Erde verbringt. Das erinnert alles gewaltig an den Phönix und wenn man dann auch noch erfährt, dass er in verschiedenen Versionen der Huma-Mythen sich alle paar hundert Jahre im Feuer verbrennt, um aus der Asche neu aufzuerstehen, erahnt man mal wieder ganz sachte die Verwoben- und Vernetztheit der Zivilisationen und Kulturen dieses Planeten. Zudem vereint er/sie männliche und weibliche Eigenschaften in einem Körper (ähnlich dem chinesischen
Fenghuang), wobei jede Eigenschaft einen Flügel und ein Bein besitzt. Die Humas gelten als mitfühlend und als Glücksvögel. Allein sein Schatten (oder seine Berührung) bedeutet unter Garantie Glück und Erfolg in allen Beziehungen. Dementsprechend ist sein Schutz obligatorisch: Obwohl man einerseits glaubt, dass ein Huma nicht lebend gefangen werden kann, sichert man sich in den Legenden doppelt ab in dem man verkündet, dass derjenige, der einen Huma tötet, innerhalb von vierzig Tagen stirbt.
Obwohl der Huma höchstwahrscheinlich ein mythischer Vogel ist, wird er einem existierenden Greifvogel, und zwar dem Bartgeier (Gypaetus barbatus ), zugeschrieben. Die Art hat daher eine sakrale Verbindung zur Mythologie und wird in der Region bis heute stark verehrt. Und hier schließt sich mal wieder einer dieser ausgedehnten Wissenskreise wenn man bedenkt, dass Geier speziell in der zoroastrischen Tradition als nützliche Tiere gesehen werden, da sie Kadaver und Leichen effizient und sauber verwerten und so die Verunreinigung von Boden und Wasser verhindern.





Es gäbe einiges an kunterbunten Mythen und Legenden über das Fergana-Tal zu erzählen: Aktuell leben mehr als zehn Millionen Menschen und damit 20 % der Bevölkerung Zentralasiens in diesem, lediglich 300 km langen und bis zu 110 km breiten Tal auf einer Gesamtfläche von rund 22.000 Quadratkilometern. Jenes kleine Fleckchen ist nichts Geringeres als das kulturelle Zentrum Zentralasiens.

Die Geschichte des Tals ist geprägt von hochentwickelten Zivilisationen und ständigen Eroberungen, da es sich hier um einen der vielen strategischen Schlüsselknotenpunkte der antiken Seidenstraße handelte. Trotz der unablässigen Kriege und Zerstörungen gibt es in diesem unfassbar fruchtbaren Tal seit über 3000 Jahren ausgeklügelte Bewässerungssysteme, prosperierenden Ackerbau und diverse hochspezialisierte Handwerke wie Seidenweberei und Töpferkunst.
Von all den Mythen, die sich um dieses Zal ranken, entscheide ich mich leichterhand für den wohl berühmtesten Mythos der Region: Die Argamaken, die „himmlischen Pferde“ des Fergana-Tals. Diese Pferde waren berühmt für ihre enorme Stärke und Ausdauer und wurden von den Chinesen als göttliche Wesen angesehen, da sie angeblich “Blut schwitzten”. Das Geheimnis dieser einzigartigen Eigenschaft, lag wohl in dem Umstand begründet, dass ihre Haut von Parasiten befallen war. Die Chinesen interpretierten dies jedoch als Zeichen ihrer überirdischen Herkunft und waren fest davon überzeugt, dass man nur auf ihnen “ins Land der Unsterblichkeit” reiten könne.

Dementsprechend entwickelte sich unter den chinesischen Han-Kaisern eine wahre Besessenheit, um an diese Pferde zu kommen. Und so kam es wie es kommen musste, zwischen 104 bis 101 v.u.Z. entbrannte der „Krieg der Himmlischen Pferde“. Mit einer gewaltigen Übermacht von 60.000 Fußsoldaten und 30.000 Reitern griff man das Reich der Dayuan im Fergana-Tal an und besiegte sie in einigen verlustreichen Schlachten. Daraufhin erhielt man fortan pro Jahr 3000 der so dringlichst begehrten Pferde. Bei den Dayuan handelt es sich übrigens um die Nachfahren der makedonischen und griechischen Siedler in Zentralasien, welche von Alexander dem Großen um 329 v. Chr. in der Stadt Alexandria Eschate im Ferghanatal angesiedelt wurden. Dayuan könnte wörtlich Große Yuan heißen, also eigentlich „Große Ionier“ bzw. „Große Griechen“ bedeuten. Ehemals Teil des seleukidischen und später des griechisch-baktrischen Reiches, waren diese Siedler allerdings seit dem Einfall der Yuezhi 160 v. Chr. wohl weitgehend vom Rest der hellenistischen Welt isoliert.

In einem späteren Geschichtswerk namens Jin Shu werden diese Wesen folgendermaßen beschrieben: „Pferde, die am Tage Tausend Li (ein Li ist exakt 500m lang) laufen können, die Blut schwitzen, eine rote Mähne haben, von fünf Farben sind, sie haben die Brust eines Phönix und den Körper eines Einhorns.“ Da sieht man mal wieder, dass man Historikern nicht alles glauben sollte. Moderne genetische Analysen legen überdies nahe, dass es sich um die Vorfahren der modernen Pferderasse des Achal-Tekkiners, den „Windhunden unter den Pferden“, gehandelt habe. Eine der ältesten Pferderassen der Welt. So haben die Chinesen vielleicht nicht die erhofften Unsterblichkeitstransporttiere erhalten, aber zumindest Pferde von vorzüglichster Qualität.
Man, bzw. ich, will ja immer gern wissen, wie die Gegend so heißt durch die man gerade so radelt. So stößt man gelegentlich auf nie gehörte Namen. Wie eben so etwas wie das Siebenstromland. Das Siebenstromland ist eine von den Bergketten des nördlichen Tianshan und des Dsungarischen Alataus zum Balchasch-, Sassykköl- und Alaköl-See geneigte Abdachungsebene. Sie ist benannt nach den sieben Hauptflüssen Ili, Qaratal, Bien, Aqsu, Lepsi, Baskan und Sarqan. Im Süden liegt der Bergsee Issyk-Kul. Klar, eine übersichtlichere Ortsbeschreibung las ich selten. Nach längerer Reinfitzelei blieb ich weiter irritiert, denn ich konnte nur fünf der beschriebenen Flüsse identifizieren.
In der Tat sind auch diese Gewässer von der Trockenheit in Zentralasien betroffen. Viele von ihnen führen heute deutlich weniger Wasser, versickern vorzeitig oder sind streckenweise künstlich verändert worden. Außerdem gibt es da ja auch noch die Theorie, dass der Name Zhetysu („Sieben Wasser“) ursprünglich gar keine exakte mathematische Zählung war, sondern in der Nomadenkultur symbolisch für ein wasserreiches, gesegnetes Land inmitten der trockenen Steppe stand. Wobei es sich damit nun auch langsam hat. Wir können die Bezeichnung „Siebenstromland“ also gemächlich in die Kategorie „Historische Regionen“ einordnen.
Schon mal was von der Hungersteppe (kasachisch Бетпақдала, Betpaqdala, Böse Ebene) gehört? Sie wird begrenzt im Norden vom Ulutau-Gebirge und der Kasachischen Schwelle, im Osten vom Balchaschsee und im Süden vom meistens ausgetrockneten Tal des Flusses Tschüi, hinter dem sich die Wüste Mujunkum anschließt. Bei dieser kryptischen Ortsbeschreibung ist schnell klar, dass es sich hier um einen weiteren heißen Kandidaten im Unbekannte-Regionen-Rennen handeln könnte. Eine gewaltige, erschütternde Leere: Im Zentrum der Hungersteppe liegt ein menschenleeres Wüstengebiet der Größe Ungarns, durch das keinerlei Verkehrswege führen. Böse und Hunger – Reiseziele für Irre und Verwirrte.
Und damit verlassen wir Zentralasien und kümmern uns wieder um die wissenswerten Abseitigkeiten Europas. Es begab sich, als wir am Rande des Kaukasus‘ durch Aserbaidschan spazierten um uns eine der vielen ältesten Kirchen der Welt anzuschauen, dass wir urplötzlich vor einer lächelnden Statue standen. Da blieb der Blick natürlich erstmal hängen, da die klassische Denkmalbüste hier und in den angrenzenden Staaten seltenst lächeln. Die Verwirrung steigerte sich ins Unermessliche als ich vergegenwärtigte, dass es sich um Thor Heyerdahl handelte. Genau der Kon-Tiki-Meister, berühmtester Experimentalarchäologe und Hans Dampf in allen Kulturtransfergassen. Ja, nun, da steht man sich nun gegenüber und fragt sich, was zum Geier finden die Aserbaidschaner denn nur an dem so toll an dem Thor?!
Ein kurzer Blick auf die, wie immer hilfreiche Infotafel bringt Licht ins Dunkel. Herr Heyerdahl besuchte Aserbaidschan zwischen 1981 und 2000 viermal und stellte dabei die reichlich umstrittene Hypothese auf, dass die skandinavischen Wikinger (die Asen aus der Nordischen Mythologie, Asen! Klingt ja schon sehr verdächtig nach Aserbaidschan!!!) ihren geografischen Ursprung im Kaukasusgebiet rund um Aserbaidschan hatten.

Natürlich gab es noch mehr handfeste Indizien außer der verdächtigen Namensgleichheit. Da wären zum Beispiel die Felsbilder von Qobustan: Heyerdahl sah hier deutliche Parallelen zwischen den prähistorischen Schiffsschnitzereien in Qobustan nahe Baku und den skandinavischen Petroglyphen.



Die Petroglyphen von Qobustan. Wahrscheinlich sehr ähnlich zu ihren skandinavischen Pendants.
Außerdem noch diverse sprachliche und mythologische Bezüge: So bezog er sich auf die Ynglinga Saga, in der grob gesagt, die Besiedlung Skandinaviens durch den Gott Odin aus dem Land Asaland beschrieben wird, ein Land, welches zufälligerweise östlich des Schwarzen Meeres verortet wird. Was läge diesbezüglich näher als die antike Region des kaukasischen Albaniens, welches zufälligerweise auf dem Territorium des heutigen Aserbaidschans liegt? Wenn man sich nach dieser erdrückenden Faktenlage nochmals in die Ähnlichkeit der Wörter Asaland und Aserrbaidschan reindenkt, versteht man nicht warum diese Theorie erst so spät das Tageslicht erblickt hat.
Merke: Falls man darauf wert legen sollte, in fernen Ländern mit Denkmälern verehrt zu werden, schadet es offensichtlich nicht, zu behaupten, dass die aktuellen Einwohnern von Göttern abstammen.
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