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Ratgeber: Die Westliche Tatra (Roháče)

Wenn die Tage länger, die Gedanken grauer werden und der gesamte Organismus sich ganz allgemein nach Winterschlaf sehnt und sich in die Höhle zu verkriechen scheint, gibt es kaum etwas besseres als den vergangenen Sommer Revue passieren zu lassen und voller Genuss an die Zeit zu denken als man jauchzend unter blauen Himmel über duftende Bergwiesen lustwandelte. Dieses Mal soll es um ein ganz besonderes Stück Gebirge gehen: Die Westliche Tatra, auch bekannt unter dem Titel Západné Tatry (slowakisch) bzw. Tatry Zachodnie (polnisch) oder auch Roháče, welches eigentlich nur den zentralen Teil der Westtatra meint, aber in der Tschechoslowakei gerne für den gesamten Gebirgszug verwendet wird. Wie man ob des Namens vermuten kann, handelt es sich hier um einen engen Verwandten der Hohen Tatra, welche wohl allseits bekannt sein dürfte als das kompakteste Hochgebirge der Welt. Demzufolge sollte Planung und Organisation hier anders angegangen werden als bei Kalibern der Kategorie “aufstrebendes Mittelgebirge” wie etwa die “Malá Fatra” oder die “Niedere Tatra”

 Hier nun also der nächste Reisebericht im Geiste des Anhalters um dieses außergewöhnliche Erlebnis möglichst vielen Lebewesen in der Galaxis schmackhaft zu machen!

Kammwanderung von Zuberec nach Podbanské

Andere Wissensquellen: Wie so oft bei dem Themengebiet tschechoslowakischer Berge ist die Bandbreite der Vorbereitungsliteratur überraschend begrenzt. Es gibt ein kleines Büchlein mit Tourenvorschlägen sowie etliche Bücher die eigentlich den Klassenprimus’ Osteuropas, die Hohe Tatra im Fokus haben und die Weltliche Tatra quasi nebenher noch mit reindrücken. Erneut also ein erstaunliches Informationsleck für ein derart entzückendes Gebirge welches keine 700 Kilometer von Berlin entfernt sich dem Wanderer einladend entgegenrekelt. Ein guter Grund demnach hier wieder einmal die wesentlichsten Fakten zusammenzutragen um die Wanderung in der Westlichen Tatra zu einem auserlesenen Vergnügen zu gestalten.

Hinsichtlich Kartenmaterials sei gesagt: Einen vorzüglichen Überblick der Wegstrecke bietet in gewohnt solider Manier das Online-Karten-Portal turistika.freemeap.sk. Echte Wanderkarten im Maßstab 1:50000 können vor Ort mühelos erworben werden.

Anreise:  Das Hinkommen ist lächerlich einfach, daher bediene ich mich hier der Einfachheit halber aus meinen bereits erschienenen Ratgebern zur Niederen Tatra und Malá Fatra:
Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Expeditionen in die Westtatra, so man es, wie ich empfehlen würde, von der slowakischen Seite angehen möchte, ist Liptovský Mikuláš. Dieses nette Städtchen welches traumhaft zwischen Tatra und Velká Fatra eingekuschelt ist, erreicht man am stilsichersten im Schlafwagen. Zwei Züge fahren täglich von Prag über Žilina in die Slowakei ( “Bohemia”  22:19/4:34 oder “Slovakia” 23:59/5:47). Natürlich spricht auch nichts dagegen mit dem schicken Pendolino tagsüber gen Slowakei zu reisen. Tickets lassen sich entweder im voraus über das Internetportal von České dráhy erwerben oder klassisch am Fahrkartenschalter vor Ort. Wobei es in der Saison nicht schadet rechtzeitig vorher zu reservieren, so man mit dem Schlafwagen zu reisen plant. Tickets für den Liegewagen, früh genug gebucht, fangen bei €15 an, ein  normales Tageszugticket schlanke €9,18. Willkommen im Eisenbahnparadies! Der Pendolino fährt übrigens 7:10 in Prag ab und kommt schon  5 Stunden und 24 Minuten später in Liptovský Mikuláš an (Preis ca. €20). 

Auch wenn die Bahn fern im Tal ihre Kreise zieht, hier oben wird ihr Andenken in Ehren gehalten!
Die Omnipräsenz tschechoslowakischer Bahnen.


Beste Einstiegspunkte für die hier angepriesene Kammwanderung wären: 

  • Zuberec oder Huty (beides sind kleinere Ortschaften, in denen man einen roten Wanderweg finden wird, der einen zum Kamm führt, beide sind mit Bus erreichbar, es sollte jedoch bei der Reiseplanung geprüft werden ob zur Ankunftszeit ein Bus fährt oder ein etwas früheres Aussteigen in Ružomberok für die Verbindung möglicherweise sinnvoller ist. Sollte man sich für Zuberec entscheiden, dann unbedingt mit dem Bus die Straße nach Zwerowka fahren. Öder Asphalt zu Beginn hat noch keine Wanderung verschönert.)
  • Žiarska chata (auf 1225m gelegene Hütte zu Fuße des Kammwegs, die 15km Fußweg und gut 600Hm dorthin bieten sich auch als hervorragende Aufwärmetappe an)
  • diverse Schutzhütten auf halber Höhe zum Pass, die ihr mittels freemap.sk mühelos finden werdet (bspw.: auf dem blauen Weg ab Bobrovecká Vápenica findet sich ein paar Kilometer hinter dem Partisanenbunker ein idyllisches Hüttchen mit bestem Quellwasser, auf der Straße von Bobrovec kommend kann man aber auch noch vor den Bergen am Flusslauf zelten)

Herumreisen: Im Eisenbahnparadies geht dieses natürlich mit Leichtigkeit und Genuss vonstatten. Auch wenn die tschechoslowakische Bahn zumeist mit erstaunlicher Allgegenwart glänzt und sich noch in den abgeschiedensten Bergschluchten allerliebste Bahnstationen schmiegen, im Falle der Westtatra muss man dann doch den Bus oder einen etwas längeren Anmarsch einplanen. Doch seid unverzagt, abseits des prächtig ausgebauten Streckennetzes gibt es auch ein solides, zuverlässiges Bussystem, welches diese Lücken hervorragend auszustopfen weiß.

Die komplette Garnitur der Großfamilie Tatra. Mögen Wanderführer, Enzyklopädien und andere Experten anderer Meinung sein – für mich beginnt die Hohe Tatra am Krivan 

Charakteristik des Gebirges: Natürlich steht die Westtatra im Schatten der Hohen Tatra. Der höchste Teil der Karpaten ist mittlerweile wahrscheinlich sogar in den weiten Ebenen des flachen Lands ein Begriff. Dennoch seien hier ein paar einleitende Worte gestattet. Es handelt sich wie bei der Hohen Tatra auch bei der Westtatra zweifellos um ein ernstzunehmendes Hochgebirge. Wetter, eigener Kondition und Ausrüstung wollen für eine Wanderung hier wohl geprüft sein. Wie der Name schon sacht vermuten lässt liegt sie westlich der Hohen Tatra, auf der polnisch-slowakischen Grenze und nimmt eine Fläche von ca. 400 km² ein. Ihr höchster Gipfel ist die Bystrá mit 2248m. Die Westtatra ist Teil des Tatra-Nationalparks und dieser ist ein überaus kostbares und einzigartiges Rückzugsgebiet der Natur. Aufgrund der Popularität der Tatra (allein der kleinere polnische Teil verzeichnet jährlich über drei Millionen Besucher!) befindet sich dieses Refugium jedoch in zermürbenden Abwehrkämpfen mit den zerstörerischen Kräften der Zivilisation. Daher gibt es auf dem Territorium der TANAP zahlreiche ernstzunemende Ausnahmeregeln. Doch dazu mehr im nächsten Kapitel.

An dieser Stelle sei nur noch angemerkt, dass für die Planung die hier übliche strengere Gesetzgebung sowie der Hochgebirgscharakter ein anderes Wandern als in den Mittelgebirgen der Slowakei nötig machen. Sprich: ein gelassenes Ablaufen des Kammwegs ist hier nicht ohne weiteres möglich. Der Abstieg in die abendliche Chata sowie der erneute Aufstieg zum Kamm am Morgen lassen sich leider nicht vermeiden. Das Gütesiegel Hochgebirge bedeutet für den Wanderer, dass die Wege innerhalb kürzester Distanz enorme Höhen zurücklegen, teils gerölliger Untergrund zu erwarten ist und das Gebirge insgesamt klimatisch recht sprunghaft sein kann. Alles in allem sind hier alpine Erfahrungen hier sicherlich nicht ganz unpassend.

Es ist eine Menge verboten im Tatra-Nationalpark, wie zum Beispiel das Verbot einer Kapitulation im Angesicht von Rehen und das unbedingte Abraten davor einen Bären als Aschenbecher zu nutzen

Regeln&Gesetze: Im Gegensatz zum entspannten laissez-faire, der in sämtlichen anderen slowakischen Gebirgen Gang und Gebe ist, gelten hier wie im gesamten Hoheitsgebiet des TANAP andere Regeln. Die heilige Dreifaltigkeit meiner Sehnsüchte bei einer Wanderung durch die Berge – zelten, Lagerfeuer, frei laufender Hund – sind hier nicht ohne weiteres möglich. Doch angesichts der Freiheiten, die einem in den anderen Gebirgen erlaubt sind, bin ich als Naturfreund sogar bereit hierauf ohne viel Knurren Rücksicht zu nehmen. Daher, wenn ihr vor habt zu zelten, wisset um die besondere Brisanz und seid aufmerksamer als üblich, steht früh auf und verzichtet auf jeden Fall auf ein offenes Feuer. Hunde sind meines Erachtens nur auf slowakischer Seite gestattet. Und auch das nur an der Leine.

Ein weiterer zu berücksichtigender Umstand ist die Sperrung vieler Wanderwege vom 1.11. bis zum 15. Juni. Eine komplette Liste der betroffenen Wege findet sich hier, bzw. lässt sich auch den Wanderkarten entnehmen. Es mag nicht weiter verwundern, dass man große Teile dieses Gebirges im Winter sperrt, doch den 15. Juni als Eröffnungsdatum mag mancher bei der Reiseplanung vielleicht nicht auf dem Radar haben.

Egal wie anstrengend es klingen mag – es lohnt sich!

Ausrüstung&Fitness:  Dieser Kammweg  ist für geübte Wanderer locker in einer Woche zu schaffen. Zur Ausrüstung muss nicht viel gesagt werden. Der normale Goldstandard für draußen: festes, knöchelhohes Schuhwerk mit ausreichend Profil und optionalen Gamaschen, Regenschutz, Zelt, Schlafsack, Taschenlampe, Messer, Kocher, Proviant (für drei Tage, da man Abendbrot und Frühstück auf den Hütten erwerben kann. So man dies nicht in Anspruch nehmen möchte, sollte man dementsprechend mehr Lebensmittel mitnehmen).

Routenempfehlung: Im Gegensatz zu den klaren Routenführungen die die Pässe der umliegenden Gebirge offerieren, und die allenfalls hinsichtlich der Richtung diskutabel sind, bieten sich bei diesem Kammweg mehre Möglichkeiten an. Eine komplette Auflistung aller möglichen Routen mit Ein- und Ausstiegspunkten sowie den unterschiedlichen Übernachtungsgelegenheiten würde den Rahmen dieses Ratgebers sprengen und zudem die Übersichtlichkeit in Mitleidenschaft ziehen. Daher beschränke ich mich im weiteren grundlegend auf die von mir zurückgelegt Route und überlasse es euch, diese euren Bedürfnissen anzupassen.

Von Zuberec nach Podbanske in 4,5 Tagen

  1. Tag (Aufwärmetappe): Von Zuberec zur Ťatliakova chata a

Diese Etappe ist in dieser Form keineswegs nachahmenswert, doch sie entstand bei uns aus den Gegebenheiten, dass wir recht spät in Zuberec ankamen und an einen Aufstieg auf den Kamm nicht zu denken war. Empfehlenswer wäre hier wohl eher ein früher Start, dann ist der Aufstieg sowie die Strecke zur Chata auf der polnischen Seite durchaus im Rahmen der Möglichkeiten. Andererseits kann man sich mit einer solchen Etappe auch langsam akklimatisieren und zur besten Morgenstunde direkt am Fuße des Anstiegs loslegen. Es sei bei dieser Chata jedoch angeraten, sie frühzeitig zu kontaktieren, da man hier nicht mit den sonst üblichen Gewohnheitsrechten einer Berghütte rechnen kann. Es handelt sich hier eher um eine Art Imbiss mit Übernachtungsmöglichkeit. Wir mussten zumindest lange warten, bangen und betteln bis uns ein Bett in einem komplett leeren Schlafraum angeboten wurde. 

An der Ťatliakova chata im Angesicht des morgigen Aufstiegs.

Der Weg hierhin ist außer dem Blick auf die immer mächtiger hervorlugenden Gipfel der Westtatra eher als unspektakulär zu bezeichnen. Eine fade, geradlinige Asphaltstraße mit leichter kaum spürbarer Steigung. Dennoch hat man bei Ankunft in der Chata fast 350Hm von Zerovka oder 600Hm von Zuberec bewältigt.

Gesamtstrecke: von Zuberec 13km; 600Hm – von Zwerovka 5km, 350Hm

2. Tag:  Von Ťatliakova chata zur Schronisko na Polanie Chochołowskiej

Kleiner Disclaimer für eventuelle Neueinsteiger im osteuropäischen Berggeschäft. Das tolle Wort Schronisko, welches uns in der Überschrift auflauert, bedeutet nichts weiter als Chata. eine bewirtschaftete Berghütte also.

Der Aufstieg zu Beginn ist, kurz, knackig und wunderwunderschön. Der grüne Weg führt uns auf gut in den Berg geirkeltem Pfad schnell auf den Sattel Zábrat’ wo wir uns 300 Meter höher erst einmal mit aller Kraft an dem Gebirge weswegen wir gekommen sind sattsehen können. Denn der erste Eindruck ist immer der Schönste. Auf was wir hier blicken ist zum Teil dann eigentlich auch schon das Prunkstück der Westtatra. Das breit hingestreckte Tal Roháčska dolina säumt ein Kranz von schönen Gipfeln, die der majestätische Banik „beherrscht“. Ostrý Roháč und Volovec sind wiederum die Roháč (die Prinzen). Sie bilden ein untrennbares Paar schlanker Felsgipfel im Hauptkamm. Von hieraus erhält man einen Einblick in all die Möglichkeiten, die sich einem hier noch bieten würden: Die Wanderung zu den verführerisch glitzernden Bergseen oder auch der Kammweg in die andere Richtung, hin zur eingangs erwähnten Žiarska chata oder darüber hinaus bis zum eigentlichen Beginn des Passwegs in Huty.

Ein Blick für Götter und Prinzen

Wir entschieden uns für diesen Tag dem Kammweg leise servus zuzuseufzen und nach einem genussvollen, rucksackbefreiten Aufstieg auf den Volovec (2063m) über den blauen Weg hinab zur Chata zu schlendern. Natürlich könnte man hier auch über den grünen Weg hingelangen, doch sagte uns dessen Wegführung nicht zu, da uns der blaue Weg mit einem kleinen Ausläuferpass besser gefiel, da wir mit diesem Weg der kostbar errungenen Höhenmeter nicht ganz so rasant verlustig gingen.

Die erste Hütte auf der polnischen Seite der Westtatra ist ein solider PTTK-Klotz. Dies ist keinesfalls despektierlich gemeint. Ich habe schon vielfach hier die spezielle Kultur gepriesen mit der die polnische “Touristikgesellschaft” PTTK die ihr zugewiesenen Berglanschaften beglückt hat. Doch immer wieder genieße ich den ausgeprägten Unterschied zwischen den slowakischen Chatas und ihren polnischen Pendants. Auf jeden Fall kann man sich hier zu erschwinglichen Preisen laben und in korrekten Betten niederlegen.

Gesamtstrecke (inkl. Volovec): 8km; ca. 1600Hm

3.Tag: Von der Schronisko na Polanie Chochołowskiej zur Schronisko na Hali Ornak

Der Tag beginnt, wie angekündigt, zunächst mal damit die am Vortag verplemperten Höhenmeter wieder drauf zu tun. Doch angesichts der liebevoll in den Berghang geschneiderten Wege wäre es fast eine Sünde stur den Kammweg abzulaufen.

So steht man nach einem so reizvollen wie heftigen Aufstieg auf dem Trzydniowiański Wierch (1758m) und hat schon mal das Gröbste geschafft. In diesem Fall tatsächlich nur das Gröbste denn diese Etappe beinhaltet den nominellen Höhepunkt der Kammwanderung und zwar den Klin, oder wie ihn der stets für einen Zungenbrecher zwischendurch zu habende Pole ihn beliebt zu nennen, den Starorobociański Wierch (2176m). 22 gegen 4 Buchstaben, ach! Doch die Sprachdebatte will ich hier nicht aufmachen denn:

Dieser Berg bietet natürlich einen spektakulären Blick auf die vergangenen wie die zukünftigen Berge. Auffällig auch wie selbstbewusst die hiesigen Gämsen dank des jahrzehntelangen Naturschutzes die Nähe des Menschen dulden.

Fast scheint es als wäre sich der struppige Paarhufer seiner Bedeutung als Wappentier des Nationalparks wohl bewusst.

Von hier aus kann man nun auch den Kammweg in seiener Gänze bestaunen und begreift nicht ganz weshalb wenige Kilometer später hier eine Lücke im offiziellen Wanderwegs klafft. Ab dem Pyszniańska Przełęcz hört der rote Weg auf und setzt erst etliche Kilometer später ab dem Ciemniak wieder ein. Für unsere, sicher ungeübten Augen gibt es nach Ansicht des Kamms dafür eigentlich keinen ersichtlichen Grund. Nachdem nun der höchste Punkt der Etappe erreicht ist, muss man dann gemessenen Schritts die Höhenmeter erneut abgeben. Dieses wird aber mittels eines sanften Abstiegs über einen weiteren Nebenpass auf dem grünen Weg erreicht. Hier drängt sich eine entspannte Mittagspause an einer duftenden Bergwiese förmlich auf.

Żurek, Bigos und Piwo (nicht im Bild) – die heilige Dreifaltigkeit des Wandererfeierabends.

Sobald dieser Kamm abgelaufen, ist, wäre noch einmal ein wahrlich knierweichender Abstieg zu bewältigen (bei Regen unbedingt vermeiden!). Dann wechselt die Wegmarkierung von grün auf gelb und geht in etwas gemächlicherer Steigung bis vor die Tore der heutigen Schronisko. Auch diese Hütte ist wie die vorige in besten Zustand und liefert alles was des Wanderes Herz, Magen und Leber erfreut.

Gesamtstrecke: 14km; 2200Hm

4. Tag: Von der Schronisko na Hali Ornak zur Schronisko na Hali Kondratowej

Erneut geht es am Morgen an den täglichen Aufstieg. Auch dieses Mal wieder ein weise und mit Gefühl in den Berg gedrechselter Weg. Das letzte Drittel des Aufstiegs ist recht geröllig und sollte ebenfalls bei regnerischen Wetter tunlichst gemieden werden. Die Vorarbeit ist für diesen Tag erledigt wenn man auf den eigenen grünen Weg einen roten Weg zulaufen sieht. An der Wegkreuzung Chuda Turnia (1858m) kann man erstmals in nördlicher Richtung Zakopane ausmachen. Ab hier beginnt dann auch spürbar ein anderer Abschnitt des Gebirges, denn hier beginnt die Einflusssphäre eben jener polnischen Bergmetropole. Die Wanderwege füllen sich und man ist auf einmal alles andere als allein.

Irgendwas mit Menschen – Staugefahr auf dem Kammweg.

Unser Weg befindet sich nach einem kleinen Aufstieg zum Kresanica (2122m) wieder auf dem Kamm und nach ein paar kaum bemerkbaren Erhebungen auf diesem geht es auch schon wieder hinunter. Das erfahrene Kennerauge wird mit etwas Glück auch hier vielleicht ein einsames Plätzchen am Wegesrand für die verdiente Siesta finden, da selbst bei langsamen Gang diese Etappe doch recht kurz ist. Die eingeplante Schronisko befindet sich schon wenige Höhenmeter tiefer, nachdem man entweder über den gelben Später blau) oder grünen Weg kurz vom Kamm abgebogen ist. Diese Hütte  war von den dreien im übrigen mein Favorit: kompakt, schnuckelig und mit weiten Blick auf Tal und Berge traf diese am ehesten meinen Geschmack. Natürlich war sie ob ihrer Winzigkeit bis aufs letzte Bett ausgebucht, doch in Polen gibt es die reizende Sitte, das bei Überfüllung der Aufenthaltsraum mittels eigener Isomatte und Schlafsack genutzt werden darf. Natürlich nicht unentgeltlich. Die 20 Złoty für ein Plätzchen auf dem Fußboden fanden wir dann gelinde gesagt eher etwas kritikwürdig. 

Gesamtstrecke: 12km; 2100Hm

5. Tag: Von der Schronisko na Hali Kondratowej nach Podbanské

Natürlich geht es auch an diesem Tag zu Beginn gewaltig bergauf, und obwohl die Anstiege der letzten Tage auf dem Papier deutlich heftiger waren, setzte mir dieser mehr als erwartet zu. Bei vorgewittriger, morgendunstiger Witterung quälte ich mich dann doch mit größter Selbstüberwindung nach oben. Dabei registrierte ich aus den Augenwinkeln andere arme Irre, die noch vor uns den Berg erstiegen und dabei ihr Fahhrad geschultert hatten. (Da es auch bezüglich Fahrradfahrens im Nationalpark strenge Regeln gibt, nutzten sie wohl die frühe Morgenstunde um so unentdeckt ihrer Leidenschaft zu frönen.) Es ist dies das bezaubernde Element am Bergwandern, dass hier die unterschiedlichsten Interessengruppen – Rucksackwanderer, Mountain Biker, Tagestouristen – sich begegnen, sich gegenseitig für verrückt halten und dennoch alles entspannt bleibt. Manchmal hätte ich mehr von diesem Berggesellschaftssystem im Tal.

Aber genug der Philospohiererei. Schließlcih ist der Kamm erreicht und der diesige Kamm führt über felsigen Grund hin zum Kasprowy Wierch (1987m). Für mich das gefühlte Ende der Westtatra. Außerdem hat er als einer der vier Hausberge von Zakopane natürlich einen Seilbahnanschluss und damit reichlich Eventies, die hier an allen Ecken stolz und laut ihr Selfiebewusstsein zeigen. Wir überlassen sie recht schnell sich selbst und biegen einmal scharf links ab hinunter in die Slowakei. Innherhalb von Sekunden sind wir wieder in völliger Bergsamkeit. Stille, Aussicht, Laufen.

Obwohl man ihn schon zuvor auf dem Kammweg ab und an herlugen sah, hier zeigt sich nun der Krivan in seiner ganzen Pracht. In meinen Augen einer schönsten und eindruckvollsten Berge. Ich sah ihn hier zum ersten Mal von der polnischen Seite und ich muss gestehen, von hier sah er noch toller aus als üblich.

Was ist “mein Haus, mein Auto, meine Frau” gegen “mein Berg”? Der Krivan!


Ich bin kein großer Freund des Abstiegs. Ehrlich gesagt, ist es für mich mit weitem Abstand der unangenehmste Bestandteil des Wanderns. Doch da ich es um ein Vielfaches schlimmer fände, auf den Berg nicht hochzukommen als nicht mehr von ihm runter, bagatellisiere ich dieses Phänomen gerne. Aber dieser Abstieg muss gesondert hervorgehoben werden. Der gelbe Weg, welcher  uns auf kürzester Distanz gute 600 Höhenmeter nach unten befördert, ist wahrhaftig mit Gefühl und Sachverstand in den Berghang gebettet wurde. Wenn sie nur häufiger so wären, die Abstiege aus den Bergen und auch anderswo!

Sobald wir die Kreuzung im Tal auf 1265m erreicht haben, beginnt dann eine eher einschläfernde, uninspirierte Asaphltstraße, die sich etliche Kilometer bis zum Zielort hinzieht. Es ist dies eine viel zu oft anzutreffende Unsitte in der Slowakei, dass der Anmarsch zum eigentlichen Wanderspaß oftmals erst nach einer kilometerlangen, langweiligen Straßenpartie erreicht werden kann. Podbanské selbst ist ein unauffällige Touristenbasis, welche sich definitiv noch nicht von den massiven Waldbränden und dem allgemeinen Umkippen der Vegetation hier im Hinterland der Tatra errolt hat. Für den direkten Anschluss in die Zivilisation (Bus nach Liptovský Mikuláš oder Ružomberok) sollte man sich entweder vorher informieren oder es dem Zufall überlassen. Sehr viel Busse fahren jedenfalls nicht. 

Anschlusswanderungen: Hinsichtlich weiterer Wanderungen ist das Angebot hier im Herzen der Slowakei natürlich do delikat wie unübersichtlich. Ich als leidenschaftlicher Jünger des Krivan würde natürlich zuerst für eine Besteigung dieses eindruckvollsten Bergs der Hohen Tara plädieren. Das wäre natürlich nur ein Quickie und keine vollwertige Kammwanderung. Für eine mehrtägige Seelenkur jenseits der Talsenke kämen einerseits die bereits von mir beschriebenen Wanderungen in Frage, also die Niedere Tatra oder die Malá Fatra, oder die gleichermaßen empfehlenswerte Velka Fatra. Natürlich spricht auch nichts gegen eine Einquartierung in der Nähe und ein paar Tagestouren in die Hohe Tatra. Es besteht kein Grund zur Sorge – es gibt genug Berge für alle!

Weiterführende Links


Hütten auf dem Kammweg