Ganz sachte wurde es ja bereits angedeutet, ein Teil der Reisegruppe kam bis zuletzt nicht ganz zurecht mit Vietnam und man munkelte und unkte daraufhin ob man vielleicht eine grundsätzliche Südostasienuntauglichkeit diagnostizieren müsse. Denn, so die gleichermaßen unheilschwangere wie ahnungslose Prognose, irgendwie sollten sich die Länder „hier unten“ ja schon ähneln. Und wenn überhaupt würde es wahrscheinlich nur noch lauter, vermüllter und elender werden. So unsere kleinmütigen Bedenken als wir exakt am 1. Februar 2026 die kambodschanische Grenze bei Bavet überquerten. Und der der erste Eindruck übertraf dann auch sämtliche Befürchtungen – ein Inferno aus allem verschlingenden Schmutz kaskadierte in vulgärster Weise mit glitzernder Billigfassade der Protzcasinos und Hoteltempel.
Es sollte Casinodscha heißen: Überall massive Glücksspieltempel, welche anscheinend direkt in eine schwelende Müllkippe geklotzt wurden.
Alles ist chinesisch, zumindest beschriftet. Was witzig ist, weil ich angesichts der Schnörkel auf ein paar Latiniza-Krücken gehofft hatte und nun erneut auf meine geliebten Zeichen aus dem Reich der Mitte treffe.
Werbung – nach Vietnam und China, welche diesbezüglich doch sehr zurückhaltend waren, erschlägt die massive Bepflasterung und Beflockung gewaltig.
Omnipräsenz des Dollars, im Bankomaten gab es nichts anderes. Es scheint wohl auch noch eine lokale Währung zu geben – alles nicht ganz riel hier.
Ersteindrücke aus dem Reisetagebuch
Unmittelbar und wortlos beschlossen wir ca. 5 Minuten nach Grenzübertritt: Radikaler Kurswechsel, kein Phnom Penh (und damit aller Wahrscheinlichkeit nach auch kein Angkor Wat!), sondern direkt nach Norden in das „Land der Tausend Elefanten“. Denn manchmal verspürt man schon kurz nachdem man den Pförtner getroffen hat, wenig Gelüste den Hausherren kennenzulernen. Und dies sollte eine unserer besten Entscheidungen gewesen sein, denn schon kurz nach dem Abbiegen wurde alles gut und die Erholungstherapie begann.
Nachdem wir uns somit gegen das Zentrum entschieden hatten, tat sich die Peripherie vor uns auf und alles war urplötzlich wieder schön. Stille (keiner hupte mehr), Leere (unbebautes, ungenutztes Land) und Weite – unsere Köpfe hoben sich, wir reckten und streckten uns, wir befanden uns bereits nach wenigen Kilometern abseits der Hauptstraße in einer fröhlich-freien Pampa wie wir sie so lange vermisst hatten. Tatsächlich war der Begriff Pampa gar nicht so irreführend wie man meinen sollte. In den nächsten Tagen assoziierte ich Landschaft, Menschen und Nutztiere um mich herum öfter als ich erwartet hätte mit Uruguay oder Argentinien. Weite Ebenen, endlose Landstraßen, ideenlos herummümmelnde Viecher und rotstaubige Siedlungsversuche – da kamen Erinnerungen hoch und verstärkten das Wohlgefühl noch zusätzlich.
So brachte uns Kambodscha wieder zurück in die Spur. Wer hätte das gedacht?! Leichter Verkehr (das macht so unfassbar viel aus!), eine unfassbar andere, faszinierende Welt und die Wiedereroberung der Sorglosigkeit des Draußenlebens, all das genossen wir euphorisch und dankten Kambodscha schon in den ersten Tagen, egal was da noch kommen mochte.
Ansonsten hier ein Querschnitt durch einen ganz normalen Radtag in Kambodscha. Wie sich das fremdartige Andere zur neuen Normalität verdichtet:
Und es ist alles sehr anders hier. Mir fehlt das Adjektiv dafür. Authentisch ist zu ausgelutscht, ländlich zu klein, echt zu groß. Versuchen wir es mit originell. Allzuoft halte ich an und sehe neues, unbekanntes, anderes. Ob Feldfrucht, Handwerk oder Fabelwesen. Der Maulaffe bleibt stets im Handgepäck.
Reisetagebuch
Aber Moment mal, das wirft jetzt erneut kein gutes Licht auf den vorherigen Gastgeber Vietnam. Ich hatte diese kontroverse, und die Reisegruppe spaltende Angelegenheit ja schon versucht auszubreiten. Seit längeren verstehe ich mich in dieser Debatte als Anwalt Vietnams. Ich habe jenseits des nervtötenden Verkehrs, der ausufernden Mülllandschaften, der verschnaufpausenarmen Zivilisationsdichte und der ekelerregenden Luftqualität hier großartige, wundervolle Momente erlebt und werde mich stets mit guten Gefühlen an dieses dünne, Südostasien klammernde Land erinnern. Und dennoch… auch ich war natürlich ein wenig durch und fühlte die Stille, die Leere und all das Mehr was sich auf einmal mit Kambodscha auftat.
Wenn uns das Land schon begeistert hatte, so erfreuten uns die Städte hierzulande nicht minder. Dabei half es auch ein wenig, dass es sich zumeist nur um „etwas Stadt“ handelte und so manches vietnamesische Dorf anstrengender war (wobei wir schon wieder den großen Nachbarn in den Schlamm ziehen, sorry!). Tiefenentspannt und freundlich blinzelten sie uns entgegen. Verstaubte Avenues, garniert mit prächtigen französischen Villen aus einer längst vergangenen Zeit.
Und natürlich waren es die Menschen. Wie immer das Salz in der Wohlfühlsuppe. Die omnipräsente Freundlichkeit, welche offensichtlich auf einer Herzensgüte und Ausgeglichenheit beruhte, die sich ein anderes Verhalten als lächelnd und offen mit Menschen umzugehen, schlicht nicht vorstellen kann. Diese kostbare Eigenschaft begegnete uns hier zum ersten Mal und sollte uns in verschiedenen Ausprägungen in den nächsten Ländern Südostasiens immer wieder begegnen. Sie fehlt mir schon jetzt. Nicht das Essen, die Strände oder die Tempel werde ich derart vermissen wie diese angenehme und selbstverständliche Art des gemeinsamen Miteinanders. Doch Obacht, genieße was du hast, bejammere nicht was du nicht hast! Schon gar nicht, wenn du es noch hast!!!
Und dementsprechend entspannt und erholt kamen wir schließlich in Laos an. Wir hatten keine großen Vorstellungen von jenem winzigen Land im Schatten all der anderen Platzhirsche hier vor Ort. Doch der erste Eindruck konnte kaum besser sein: Der erste Abend verlief unverschämt schön und denkbar kitschig an einer Traumzeltstelle am Mekong mit viel Gesang und eiskalten Beerlao. Doch bereits am am nächsten Morgen stellte ich vor Glück fast überschnappend fest, dass dies hier Menschen sind, welche für Bäume Tempel bauen. (Der heilige Manikthot verstarb vor 13 Jahren unerwartet im rüstigen Alter von irgendwas um die 2000). Und als wäre das nicht schon grandios genug, standen wir kurz danach vor dem größten Wasserfall Asiens, dem breitesten der Welt (457km³ Wasser pro Jahr!) Und in diesem Augenblick war es gerade mal 9 Uhr, also gerade mal 15 Stunden Laos.
Und Laos ließ es nicht dabei bewenden und legte einfach noch ein paar Kohlen drauf (übrigens auch im wortwörtlichen Sinne, denn wir schwankten hier stets zwischen 33°C und 38°C). Wir ließen uns ein auf Don Tet, eine von 4000 Inseln im mäandernden Mekonggewirr und nahmen einfach mal ein wenig Geschwindigkeit aus dem Spiel, sprich: Hängematte, Veranda und alles mögliche baumeln lassen. Denn schließlich, so behauptete der Reiseführer nur geringfügig Druck ausübend: „Wer sich hier nicht entspannt, schafft es nirgendwo.“
Und irgendwo zwischen heiligen Bäumen, offenherzigen Blicken und dem ganz allgemeinen, friedlichen Grundrauschen um uns herum begriffen wir, dass hier etwas grundlegend anders war. Wir hatten dies auch schon in Kambodscha gespürt (ich empfinde diese beiden Länder in der Erinnerung sowieso als sehr ähnlich, weshalb ich bisweilen Schwierigkeiten habe die jeweiligen Erinnerungen den richtigen Ländern zuzuordnen), aber hier wurde es intensiver, spürbarer. Nur was, wie sollte man das in Worte packen? Wie, bspw. in meinen üblichen Rapporte und Berichte über die feinen Unterschiede und groben Gemeinsamkeiten von den Menschen hier in der Ferne ausdrücken?! War es nicht von Beginn an zur Aussichtslosigkeit verdammt, diese Laos-Stimmung irgendwie zu formulieren? Wahrscheinlich. Und dennoch fiel mir irgendwann ein Wort ein, welches es ziemlich genau traf. Ein Wort, dass ich lange nicht mehr verwendet hatte und sich dementsprechend staubig und ungelenk anfühlte:
Sanftmut.
Erst hatte ich solch wunderbare Eigenschaften wie Gelassenheit und Herzensgüte im Auge, doch dann begriff ich es, oder glaubte es zu begreifen. Es war eine, tief in den Menschen verankerte Sanftmut, die auffiel und gefiel. Und dann kam noch diese traumtänzerische Langsamkeit hinzu. Alles, wirklich alles verlief wie in Zeitlupe, jede Bitte wurde zögernd und mit leicht verwirrter Miene umgesetzt. Irgendwann. Auf jeden Fall fühlte ich mich hier sofort wohl, unglaublich wohl. Ob in Don Tet oder Pakse oder mitten dazwischen. Ich hatte hier auch das seltene Gefühl zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Oft kam ich zu spät, wenn die Touri-Schrecken schon über die unberührten Landschaften hergefallen waren. Hier schiwn es mir so als ob alles imDoch der Reihe nach, Don Tet war mal wieder eines dieser Beispiele des irrationalen Hotspot-Tourismus (siehe meine Gedanken in „Von Menschenhaufen und anderen Platzhengsten“). Während eben jene Insel vollgebaut mit den authentischsten Guesthouses und bestens ausgestattet mit reichlich Entspannungskünstlern war, gab sich schon die nächste Nachbarinsel als unscheinbares Kleinod verschlafenster Weltferne zu erkennen. Der Teufel scheißt halt immer auf den größten Haufen.
Und noch ein anderes Gefühl bemächtigte sich unser in diesem Land, das Gefühl, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Allzu oft waren wir an Orten, die bereits vor kurzer oder längerer Zeit von den jeweiligen Touri-Schrecken heimgesucht wurden waren. Georgien, Albanien waren diesbezüglich Beispiele, wo wir die Länder vor und nach dem großen Run gesehen hatten. Hier mutmaßten wir, dass es jetzt genau richtig war. Es gab eine aufkeimende Infrastruktur für Touristen, aber noch in zurückhaltenden Maße (0bwohl die Zeichen in Don Tet, Vang Vieng schon in die übliche, bedenkliche Richtung wiesen), diese konnte man nutzen oder auch nicht. Und es war noch so vieles möglich…
Auf nach Pakse, die zweitgrößte (oder drittgrößte?) laotische Stadt, wo wir endlich das neue Jahr feiern wollten (Codename: Feuerpferd). Um dorthin zu gelangen, gab es die asphaltierte Landstraße rechtsmekongig oder die inselhüpfende Holperstaubpistenvariante auf der linken Seite im Angebot. Keine Frage, oder?! Und wir sollten es nicht bereuen. Zumindest nicht zu Beginn. Das Laos, welches wir hier erleben durften, ließ die Seele schwingen und das Herz vibrieren. Selten sahen wir soviel Sanftmut, Gelassenheit und verschnarchte Lebensfreude. Und manchmal all dies in nur einer Geste, einem Blick oder einem Wort. (Der Höhepunkt waren aber sicherlich die Kinder, welche uns begeistert Kokoswasser anboten und so glücklich waren uns etwas Gutes zu tun!) Es fühlte sich bisweilen so an als würde der träge dahin glucksende Mekong Mensch und Natur auf sein Tempo und Gemüt einschwingen. Schlicht und einfach schön. Und so schwungen wir mit. Bis der Vorderradgepäckträger brach und die angebrochene Felge Platten über Platten produzierte. 40km vor Pakse waren wir erstmals komplett hilflos. Der letzte Flicken war verbraten, die Felge hinüber. Hilfe war dringend vonnöten. Noch nie in den letzten 1300 Tagen waren wir derart immobil und hilflos. Mitten in Laos. Der erste Pickup hielt. Chinesische Gastarbeiter brachten uns ohne Aufpreis nach Pakse. Es sind diese Momente, in denen ich weiß, dass alles gut ist und all die Hetzer nur erlebnisarmes Gesindel.
Daraufhin ließen wir die Räder erstmal stehen und gönnten uns für den Ausflug aufs Bolaven-Plateau ein Moped. Wir genossen hier spektakuläre Wasserfälle und atemberaubende Aussichten, heizten über herrlich ruhige Straßen und begegneten dazwischen immer wieder diesen lässigen Männern, kernigen Frauen und herzigen Kindern – Menschen, für deren Beschreibung ich erneut jenen lange nicht mehr genutzten Begriff reaktivieren musste: Sanftmut.
Daher möchte ich an dieser Stelle gar nicht mehr viel schreiben sondern lieber den Blick genießerisch hinüber schweifen lassen. Denn ich sitze aktuell am Mekong, blicke auf die dunstige laotische Küste und freue mich auf morgen, denn morgen geht es wieder rüber. Laos-Nachschlag. Und ich bin so vermessen, diese Lobhudelei schon jetzt zu veröffentlichen bevor der letzte Tag in Laos angebrochen ist, denn ich weiß, sie werden mich nicht enttäuschen, sie wüssten gar nicht wie und warum und überhaupt. Das Schönste am Reisen sind wohl die Überraschungen und Laos, soviel steht vie schon jetzt fest, war von all den Ländern, in die ich mich am meisten verknallt habe, vielleicht die überraschendste Romanze. Lange nicht mehr so wohl gefühlt! Danke dir, bella ciao, bella ciao, bella Lao! Und bis gleich!
Zum Abschluss noch eine schockierende Erkenntnis des reisenden Erbsenzählers: Tatsächlich ist Laos mein einziges vierbuchstabiges Land! Obwohl es da ja mal ein Land namens ČSSR gab. Da beruhigt es doch enorm, dass Laos rein vom Wohlgefühl her ein mehr als würdiger Ersatz ist. Sogar das Bier geht in Ordnung.