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- Thailand – selten so daneben gelegen
Tourismus, Massentourismus, Sextourismus – das waren die Hauptschlagworte unter den mein borniertes Weltverständnis Thailand abgespeichert hatte. Ich stellte mir ein, seit Jahrzehnten von Kurzweilsuchenden aller Länder ausgenutztes und ausgelutschtes Land vor. Mit jeder Menge ausgetretener Pfade, die zu sterilen, Klischees bedienenden Stränden führten und mit einer erklecklichen Anzahl nervender Regeln beflockt waren. Ein ödes, reizloses Ballermann-Universum, überlaufend vor schäbigen Bedürfnissen aufgestauter Verklemmtheit und serviceorientierter Heuchelei. Das Ganze garniert von einer grenzdebilen, wahnwitzigen Monarchie eines Landes ohne nennenswerte Geschichte, zumindest keine, die jemals eine relevante progressive Bewegung auf die Beine gestellt hätte. So war ich mehr als skeptisch als wir Anfang März die thailändische Grenze überschritten und selten sollte ich mehr daneben gelegen haben. Denn dieses Land sollte nicht nur die meisten meiner Erwartungen Lügen strafen, es sollte mich mehr und intensiver überraschen als alle Länder zuvor.






Gewaltige Vorrede, gar keine Frage, doch wie sich rausstellen wird, völlig zurecht. Also wo fangen wir an? Natürlich beim torkelnden, krakeelenden Elefanten im Raum – dem Massentourismus. Selbstverständlich gibt es ihn, und zwar in all seinen klebrigen und abstoßenden Ausprägungen. Freunde ließen uns zuvor wissen, so etwas wie in Pattaya hätten wir wahrscheinlich noch nie gesehen. Gönnerhaft lächelnd dachten wir Weltreisende, na klar, halt mal wieder die übliche, billig glitzernde Massentourismusmeile, doch nach wenigen Schritten auf der Walking Street begriffen wir angewidert, nein, sowas hatten wir tatsächlich noch nie gesehen und wollten es auch nie wieder. Doch derlei Erlebnisse sind begrenzt und problemlos umschiffbar. Wie auch der gewöhnliche Massentourismus ist auch der Ekeltourismus (wie ich ihn fortan nennen werde) streng ortsgebunden und schon eine Gasse nördlich kann man möglicherweise in einem friedlichen Lokal einen Kaffee schlürfen und der angenehm melodischen Thai-Musik lauschen.






Denn, das begriff ich schon in den ersten Tagen, als wir mit Isan durch die ärmste, strandloseste und daher untouristischste Region Thailands radelten, dieses Land ist ein ganz klein wenig anders als ich es mir in meiner kurzdenkenden Borniertheit vorgestellt hatte. Abgesehen von dem, so er auftritt, stets nervenden Linksverkehr fiel nach dem Doppelpack Kambodscha/Laos der offensichtliche Wohlstand in Form von größeren Warenangebot, gepflegter Infrastruktur und mehr Sauberkeit ins Auge. Doch wenig später, bei den ersten Pausen kamen erste, zaghafte Kontakte mit den Einheimischen zustande und peu à peu pendelte sich die Gastfreundschaft auf ein neues, fast bisher unerreichtes Niveau ein. Nur in Aserbaidschan und Usbekistan hatten wir bisher Ähnliches erlebt. Und auch wenn es nirgendwo in Thailand wieder so überwältigend und überschäumend wurde wie in den ersten Tagen in Isan, viele der positiven Grundtöne der Interaktion mit den Einheimischen blieben ungebrochen erhalten und gestalteten das Leben hier schlicht und einfach sehr angenehm.






Das Lächeln – gemeinhin wird Thailand oft als „Land des Lächelns“ angepriesen – zwar kann man unter diesem Etikett bisweilen auch Japan oder gar China finden, prinzipiell steht aus Westlersicht wohl ganz Ostasien unter Lächelverdacht und das deckt sich ja auch weitestgehend mit unseren Erfahrungen, welche ich hier ja schon mehrmals versuchte etwas feiner zu skalieren: Japan – Land des Lachens, Korea – die Grinsehalbinsel, China – nunja…







Auch sollte vielleicht der feine Unterschied zu den beiden, hier ja schon als ausnehmende Lächelländer hervorgehobenen Nachbarn Kambodscha und Laos herausgestellt werden. Nach dieser lobhudelnden Darstellung der sanftmütigen Liebenswürdigkeit diesseits der thailändischen Grenze mag es schwer vorstellbar sein, dass es hier noch Steigerungsmöglichkeiten geben kann. Und vielleicht ist es auch nicht als Steigerung zu verstehen, eher als eine andere Spielart von Freundlichkeit. Die Khmer und vor allem die Laoten zeichnete bei aller Freundlichkeit immer eine gewisse Schüchternheit und extreme Zurückhaltung aus. Dies war hier in Thailand vom ersten Moment etwas anders. Anfangs erklärte ich mir jene offensivere, aktivere Art der Gastfreundschaft etwas platt mit einem ausgeprägteren Selbstbewusstsein der Thai, welches durch deren längere Erfahrung mit Ausländern zustande gekommen wäre. Das greift natürlich deutlich zu kurz, bedenkt man beispielsweise mit welcher Leidenschaft wir in Isan begrüßt und bewirtet wurden, während man nicht müde wurde, zu erwähnen, dass man hier noch nie Ausländer (Farang) gesehen hätte. Aber letzten Endes ist es auch irgendwie egal warum Menschen sind wie sie sind, zumindest wenn sie nett sind. Und ich weiß schon jetzt, was mir am meisten fehlen wird – weder Strände, Natur, Wetter, Essen noch Musik oder gar die Elefanten (alles Dinge über die nachfolgend natürlich noch zu reden wäre) – es wird das Lächeln sein. Abseits des möglicherweise professionellen Lächelns mit redlichen Hintergedanken wie jenem der Marktfrauen, Kaffeemixer, Bierverkäufer und Herbergswirte gibt es hier das schlichte, unverbindliche Lächeln auf der Straße oder im Park, der Kinder, die aus der Schule tollen und der Tuktukfahrer, die in ihrer Hängematte schaukeln. Es ist eben nicht dieses hohle Abwehrschildgrinsen, was in vielen Kulturen als Zeichen guter Erziehung und in manchen Unternehmen als elementarer Bestandteil der Arbeitsbekleidung gilt. Es ist ein Lächeln voller Ausgeglichenheit, des Respekts und des „Schön-dass-du-hier-bist“. Anderswo könnte einem Misstrauen und Argwohn entgegenschlagen wenn man von wildfremden Leuten anlgelächelt wird oder gar dieselben anlächelt, doch hier kennt man derartige, sonderliche Aversionen einem einfachen Lächeln gegenüber schlicht und einfach nicht. Und das ist ungemein entspannend.






Ich hatte das so nicht erwartet, hatte das „Land des Lächelns“ nur als bestens designte Fassade und wohl kalkulierte Werbekampagne mit exakt berechneter Gewinnspanne abgetan. Selten lag ich mehr daneben was die viel spannendere Frage provoziert: Was sagt das über mich aus? Ein weiteres Mal hinterließ Asien Spuren in mir in dem ich meine Sicht auf die Welt und ihre Bewohner hinterfragte. Wie konnte ich so etwas nur annehmen von Menschen, die ich doch zum überwiegenden Teil noch gar nicht kannte?!






Zurück zu Thailand. Auch wenn ich mich kurz zuvor darauf geeinigt hatte, dass es doch eigentlich egal sei, warum die Menschen so sind wie sie sind, solang sie nett wären, ließ es mich natürlich dennoch nicht los: Die Frage, warum es hier unter den Menschen ein klein wenig anders zugeht als anderswo. Gab es hier vielleicht trotz eines, über alle Maßen kritikwürdigen politischen Systems mit seinem durchgeknallten, kleptokratischen König an der Spitze, eine Art von sozialer Harmonie, die zu weiten Teilen durch das ausgleichende und abfedernde Tempel -und Klostersystem des Buddhismus gefördert wurde?! Prinzipiell bin ich ein Skeptiker jeglicher Religion, speziell in ihrer institutionellen, den Staat aushöhlenden und ersetzenden Funktion, aber könnte man hier vielleicht ein Auge zudrücken und begreifen, dass die positiven Auswirkungen überwiegen? Ich weiß es nicht genau, es ist wirklich nicht mehr als ein Gefühl, aber in Laos und Kambodscha hatte ich mich sehr an den oftmals sehr jungen Bettelmönchen gestört, die aus den armen Katen noch ein wenig Essen herausquetschten, sah die golden glitzernden Tempelanlagen neben löchrigen Straßen und schiefen Wellblechbuden ohne Sanitärzugang. Doch hier in Thailand sah das anders aus. Das Wohlstandsniveau war grundsätzlich höher, die Bettelmönche älter und nicht so omnipräsent. Außerdem gaben die Tempel hier auch etwas zurück. Sie können durchaus auch als soziale Grundsicherung verstanden werden. Nicht nur für den männlichen Teil der Bevölkerung und der immer offenstehenden Perspektive abgesichert als Mönch zu leben. Aber wie gesagt, ich tanze hier auf ausgesprochen dünnen Eis aus Annahmen, geschlossen aus anekdotischer Evidenz und zufälligen Begebenheiten.







Daher konzentriere ich mich am besten auf einen anderen Punkt, den ich zwar ebenso fast ausschließlich aus der Beobachtung gewonnen habe, aber deutlich besser beurteilen kann: Die Rede ist von der Toleranz und Gelassenheit der thailändischen Bevölkerung. Diese richtet sich sowie nach innen wie nach außen und ist in ihrer, von allen Klassen und Altersgruppen getragenen, selbstverständlichen Geschmeidigkeit schlichtweg beeindruckend. Hinzukommend, und mich nochmals hart überraschend war die Diversität und Heterogenität der hier lebenden Menschen. Damit ziele ich nicht ausschließlich auf die einzigartige Inklusion der Kathoey (dazu später mehr), sondern vielmehr die widerspruchslose Akzeptanz der unterschiedlichsten Lebensweisen und Ansichten, das legere Nebeneinander von Religionen und Ethnien. Sicherlich wird hier nicht alles so rosarot sein, wie ich es erlebt habe, bzw. auch ich kam in Berührung mit jenem dämlichen Konflikt der sich an der Grenze zu Kambodscha abspielte und auf hässlichste Weise mal wieder klarmachte, dass die Güte der Menschen am Wegesrand absolut nichts auszusagen hat über die herrschende Klasse derselben und deren Interessen. Nichtsdestotrotz bleibe ich fasziniert und angetan (überrascht sowieso!) von der natürlich und selbstverständlich wirkenden Offenheit der thailändischen Gesellschaft. Auch hier wieder: Selten lag ich mehr daneben.







In diesem Zusammenhang muss natürlich auch die umstandslose Behandlung der Kathoey durch die Mehrheitsgesellschaft erwähnt werden. Jener Menschen, die in thaifremden Kulturen meist recht ungelenk und unscharf als „ladyboys“ etikettiert werden. Der Begriff Kathoey ist offensichtlich schwer übersetzbar, denn obwohl das Wort ursprünglich Zwitter bedeutete, hat sich sein Bedeutungsgehalt im Laufe der Zeit erheblich ausgedehnt und beschreibt bei weiten keine klar umgrenzte, homogene Kategorie geschlechtlicher oder sexueller Identität. Man beschreibt mit diesem Begriff also eher eine Art Vielfalt verschiedener Identitäten, die in einigen Fällen auch nach Belieben gewechselt werden können. So komplex und theoretisiert das jetzt anmuten mag, so stinknormal und gewöhnlich begegnet es einem in der sogenannten Realität. Auch hier muss ich noch einmal gewaltig Asche über meine bornierte Birne streuen, verband ich Thailand zwar definitiv mit jenen „ladyboys“, ging aber den üblichen Klischees auf den Leim, dass diese ausschließlich unter widerlichsten Bedingungen und Zwängen im ausufernden Sexgewerbe ein tristes und perspektivloses Dasein fristeten. Selten lag ich mehr daneben. Selbstverständlich ist diese Variante durchaus eine Mögliche und zahllose Kathoey leben in problematischen Verhältnissen, aber es ist halt nur eine von vielen Optionen. Ich traf in den unterschiedlichsten Zusammenhängen auf sie. Als Busschaffner, Verkäufer oder Nationalpark-Ranger. Und warum auch nicht?! Weil es, verdammt nochmal, im Rest der Welt nicht normal ist! Und damit natürlich auch nicht in meinem Kopf, schon klar. Dennoch war ich tief ergriffen und berührt als ich sah wie einfach es sein kann und wie wunderbar es sich anfühlt wenn sich alle gegenseitig respektieren, egal was du glaubst, wie du dich kleidest oder was dich anmacht. Es kann einfach alles so einfach sein.








Dennoch, bei aller Begeisterung bleiben Fragen, nagen Zweifel, sucht man nach dem Haken. Wie gesagt, fast überall auf der Welt ist gegenwärtig das friedliche Zusammenleben mit dem „dritten Geschlecht“ keine Normalität. Ja, schon die meisten direkten Nachbarländer Thailands begegnen diesem Phänomen mit strikter Abwehr und einer restriktiven Gesetzgebung. Was, zum Teufel, ist also anders in Thailand? Wir kam diese gesellschaftliche Akzeptanz zustande (denn von einer gesetzlichen Anerkennung kann auch hier noch längst keine Rede sein)? Schwierige Frage, die selbst die meisten Thailand-Experten vor eine Herausforderung stellt. Meistens werfen sie dann grübelnderweise die Stirn in Falten und murmeln etwas von einem speziellen thailändischen Buddhismus, der sowas möglich machen würde. Tatsächlich werden in einigen buddhistischen Ursprungsmythen drei originäre Geschlechter genannt und nach der Karmalehre haben Kathoey ihre Andersartigkeit infolge ihrer Handlungen in früheren Leben. Ihr Verhalten soll ihnen daher nicht vorgeworfen werden, da es ihnen eben bestimmt ist, so zu leben. Sie sollen eher bedauert als verspottet werden. Doch all dies betrifft ja keineswegs einen speziellen thailändischen Buddhismus, sondern beschreibt vielmehr die Sichtweise des Buddhismus ganz allgemein. Weshalb also findet man derlei gesellschaftliche Akzeptanz und eine Sichtbarkeit des „dritten Geschlechts“ nicht auch drüben in Vietnam oder Myanmar oder gar in Indien oder China?








In all den genannten Ländern steht natürlich eine, wie auch immer geartete regressive oder prüde politische Führung vor einer derartigen gesellschaftlichen Öffnung, doch meines Erachtens liegt der bedeutendere Grund für die Verschiedenheit Thailands zu seinen buddhistischen Nachbarn in der Vergangenheit. Thailand ist neben Japan eines der wenigen Länder Asiens, welches nie kolonialisiert war. Könnte es vielleicht sein, dass wir daher hier einen Bruchteil jener Kultur erleben können wie sie ohne den reglementierenden Einfluss der, zumeist christlich-prüde geprägten Besatzer ausgesehen hätte? Es ist vielleicht etwas schwer vorstellbar wenn man das glitzernd-blinkende, dem Massentourismus komplett verschriebene Thailand erlebt, aber könnte es sein, dass man sich hier etwas erhalten hat, weil man nie irgendwelche Konzessionen machen musste um die bigotten Gefühle der neuen, fremden Herren zu befriedigen? Es ist nur so ein Verdacht und nicht viel mehr, aber so ganz unwahrscheinlich erscheint es mir nicht.





Ich kann diese kunterbunte Überraschungsrevue natürlich nicht abschließen ohne zum Schluss auch noch auf ein paar nicht ganz so großartige Dinge zu sprechen zu kommen. Keine Sorge, viel ist es nicht. Tatsächlich ist es eigentlich nur das Essen, was hier Erwähnung finden muss und auch hier bin ich überrascht wurden. Nur halt nicht positiv. Versteht mich nicht falsch, das wird hier Jammern auf ganz hohem Niveau. Natürlich isst man über all in Thailand gut und günstig. Doch angesichts des hohen Rangs, welche die thailändische Küche international für sich beansprucht, war ich dann doch ein wenig enttäuscht. Qualitativ und kreativ sehe ich keinen relevanten Unterschied zu den Nachbarküchen in Kambodscha, Laos, Vietnam oder Malaysia. Dabei fällt jedoch negativ ins Gewicht, dass die Portionen oftmals irrwitzig klein ausfallen (meistens in der Nähe der Touri-Hotspots), sehr viel mehr mit Panade und Frittierten gearbeitet wird (was man auch an der deutlich mächtigeren Leibesfülle der meisten Thai im Vergleich zu ihren östlichen Nachbarn erkennt) und die Vielfalt sich zumeist in einer erschreckenden Fleischlastigkeit bei Ausbleiben von Frischem oder Grünem erschöpft. Gut, jetzt ist es raus – ich kann mich leider nicht einreihen in den vielstimmigen Chor der Thai-Küchen-Bejubler. Vielleicht sind wir etwas zu verwöhnt oder hatten einfach nur Pech.






Dabei kommt der schlimmste Vorwurf erst noch: Ich fand die Thai-Küche nicht so scharf wie erhofft. Hierzu sei gesagt: Ich esse gerne scharf und erhoffte mir daher von Thailand einiges. Und natürlich kann man hier, wenn man auf die Frage nach der Schärfe „thai spicy?“ mit „Bitte, ja“ entgegnet, sein persönliches Höllenfeuer entfachen. Nur, ist eine, quasi angefeuerte, vervielfachte Schärfe nichts besonderes, jeder Hobbykoch kann einem etwas Chilliepulver dazustellen und sagen, mach mal. Die Kunst eines scharfen Gerichts ist es, Schärfe und Geschmack in Harmonie und Wettstreit gleichermaßen zu erschaffen. In dieser Disziplin wurde ich in Thailand sehr selten fündig. Und erschreckenderweise fand ich die meisten, mit raunender Gruselstimme angekündigten, scharfen Gerichte oft sogar recht fad. So, nun kann ich nur noch hoffen, dass die Thailändische Gourmetfraktion nicht meine Verfolgung aufnimmt und nach dieser Anmaßung mich mit scharfen Currys und Mangosalaten ersticken wird. Doch diese Gefahr erscheint mir äußerst gering, denn Thais lesen nicht. Jedenfalls habe ich in fünf Wochen keinen lesenden Einheimischen erleben dürfen. Womit wir dann doch noch einen kleines Negativpünktchen ausgemacht hätten.





Und damit nähern wir uns dem Fazit und ich kann es, wie zu Beginn nur nochmals wiederholen: Thailand war DIE Überraschung und ist damit ein nachdrückliches Argument für das Reisen und die Welt mit eigenen Sinnen zu entdecken. Ich habe diese Erfahrung schon einige Male bei der Entdeckung neuer Länder gemacht und kann dieses Gefühl der Überraschung und der daraus folgenden ehrlichen Überprüfung der eigenen Meinungsschöpfung nur empfehlen. Es ist dies das reinste Konzentrat des Leitspruchs dieses Blogs:
„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“
Alexander von Humboldt

Thailand ist eben deutlich mehr als die Summe der aus Scheinheiligkeit und Verklemmtheit geborenen Klischees, es ist besser als sein autoritäres politisches System und Welten vernünftiger als der reichste Monarch der Welt. Es ist ein vielfältiges, offenes und vor allem ungemein freundliches Land, welches hinter jeder Straßenecke eine Überraschung bereithält. Und das ist nicht redensartlich gemeint. Dieses Land ist wirklich etwas ganz Besonderes und wir werden noch lange vieles an Thailand messen.
Achja, eine Sache erwähnte ich oben mit dem Versprechen darauf noch zu zurückzukommen: Musik und Elefanten. Über Elefanten müssen wir, denke ich, nicht weiter reden.
Wer allen Ernstes der Meinung ist, dass es etwas Niedlicheres als Babyelefanten gibt, sollte dringendst mal seine Entzückungssensoren überprüfen lassen. #projektradria #thailand
— Sasza (@muenzenberg.bsky.social) Mar 4, 2026 at 16:16
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Interessanter ist da schon eher das Thema Musik. Ich gehöre zu einer schwierigen Randgruppe: Sehr geräuschempfindlich und Musik für nicht ganz so wichtig haltend wie die meisten Menschen in meinem Umfeld. Daher war es umso beeindruckender für mich, dass ich, die in Thailand (wie auch Laos) aus allen Rohren schallende „Volksmusik“ nicht wie üblich nervtötend fand. Die Musik hierzulande war anders. Mal an Reggae, mal an Chansons erinnernd, nie penetrant oder einfallslos. Ich habe natürlich auch keine Ahnung von Musik, aber diese hier störte mich nicht nur nie, nein, ich mochte sie. Und das ist wirklich was Besonderes.
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