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Ratgeber: Apulien – ein paar Absätze zum Absatz

Keine Frage – der Stöckel des Stiefels gehört nicht unbedingt zu den populärsten Gegenden Italiens. Selbst der rührigste Promoter der Italienwiederentdeckung, Goethe, wie sämtliche der ihm nachfolgenden Romantiker ließen auf ihrem Weg gen Süden die Halbinsel im Osten stets links liegen. Zu schade für unsere altvorderen Kulturschaffenden möchte man meinen, denn die beeindruckenden Reste des Großhellenischen Reichs in Italiens äußerstem Südosten sind definitiv eine Reise wert. Dies soll nun hier in einem weiteren Kompendium aus der Themenreihe “Schöneres Reisen für eine bessere Welt” näher erläutert werden.

Apulien – Zu Gast bei den Steinfressern

Andere Wissensquellen: Seit ungefähr 20 Jahren scheint die kriminelle Ausstrahlung dieses Landstrichs spürbar zurückzugehen und demzufolge wird Apulien auch zunehmend von Touristen entdeckt. Dementsprechend steigt die Publikationsanzahl von reisebegleitenden Materialien. Eine Empfehlung meinerseits kann leider nicht ausgesprochen werden. Ich setzte gänzlich auf den “Baedeker, Italien Süden” (aus mir unverständlichen Gründen aus dem Verlagsprogramm genommen, letzte Auflage 2011 ) den ich dann natürlich entspannt zu Hause liegen ließ.

An- und Einreise: Zum Thema Einreise bleibt nicht viel zu sagen so man die Gnade eines EU-Passes erfahren hat. Doch auch ohne dies steht eine visafreie Einreise immerhin 66 Nationalitäten nichts im Wege. Auch die Anreise gehört wenn nicht zu den leichteren Übungen so zu vielleicht so gar zum vergnüglichsten Teil der ganzen Angelegenheit. Aus ideologischer Veranlagung wie aus reinem Pragmatismus heraus konzentriere ich mich dieses Mal allein auf den Schienenweg. Wer sich für Auto oder Flugzeug entscheidet, mag sich selber informieren und langweilen.

Eisenbahn: Die erklärte Festlegung auf dieses Verkehrsmittel kommt nicht von ungefähr. In Italien konnte die Eisenbahn noch viele ihrer konkurrenzlosen Vorteile in die Gegenwart hinein retten. Sie kommt in rascher Frequenz, erreicht die meisten wichtigen Punkte, ist preisgünstig (wobei das Tarifsystem leicht verständlich ist) und die Züge sind in gutem bis vorzüglichen Zustand. Diese einfache Basis wird dann auch offensichtlich von der Bevölkerung goutiert. Die Waggons sind stets gut gefüllt ohne überfüllt zu sein und die Stimmung an Bord machte stets Lust auf mehr.

Nur wenige Minuten Verspätung und schon werden Care-Pakete gereicht. Kleine Geste – gigantische Wirkung!

Als eine von zahlreichen Traumstrecken sei dem verwöhnten Zugreisenden die Adriamagistrale von Bologna nach Lecce anempfohlen. Sie rekelt sich lasziv und mit majestätischer Einzigartigkeit an der Meeresküste entlang. Nach Bologna kommt man, so man vorausschauend bucht, für kleines Geld von München rüber (5x pro Tag). Und nach München kommt der Berliner ja nun wirklich mühelos und in Bälde fast wie im Flug. Die knapp 1000 km hinunter nach Apulien gehören zu den schönsten Eisenbahnstrecken, die ich je das Vergnügen hatte, fahren zu dürfen. Ab Ancona schlängeln sich die Gleise liebevoll an dem verlockenden Strand der blauen Adria entlang, dabei windet sich der Zug mit genussvoller Leidenschaft anschmiegsam durch die immer südlicher wirkenden Häuserfluchten, bis er, ab Bari, dem letzten Teil dieser Fahrt scheinbar ununterbrochen durch Olivenhaine und Rebstöcke braust. Und das ganze Vergnügen wird schlussendlich damit gekrönt, dass man, so man bis zur Endstation reist, in Lecce aussteigen darf.

Sprache: Was soll man schon viel zu Italienisch sagen? Welche Sprache versprüht mehr Charme und Eleganz? Die Sprache der Renaissance, der schönen Künste, bündelt Zärtlichkeit und rohe Kraft gleichermaßen. Schon wenige banale Sätze im Alltagskontext können mit ihrer ungebremsten Kraft wollüstiger Vokale, ihren tanzenden Silben und ihrer ganzen Körperlichkeit den unvorbereiteten Barbaren mühelos niederstrecken.

So man die Ansprüche nur ein wenig senkt, kann man dank der Einfachheit des Italienischen schon beachtliche Anfangserfolge verbuchen. So noch irgendeine andere romanische Sprache im passiven Gedächtniskeller verstaubt, kann diese problemlos angewandt werden. Meine Dialogpraxis – Spanisch sprechen zu probieren und Italienisch versuchen zu verstehen – war jedenfalls fast immer ein voller Erfolg. Auch Englisch ist selbstverständlich immer eine Möglichkeit, doch muss berichtet werden, dass die Kenntnisse in dieser allseits beliebten Weltsprache mit steigenden Breitengraden zusehends sanken.

Herumreisen: Machen wir uns nichts vor: Alles hat Vor- und Nachteile. Der öffentliche Nahverkehr im kleinen Rahmen gehört in Italien zweifellos dazu. Die Eisenbahn ist für Fern- und Mittelstrecken über jeden Zweifel erhaben, doch im lokalen versagt sie komplett. Die wenigsten Städte verfügen über eine annehmbare Infrastruktur zur Fortbewegung, weshalb viele aufs Auto umsteigen, was wiederum dazu führt, die Straßen heillos zu verstopfen, was wiederum die paar Busse, die sich durch die Straßen verirren zu hilflosen Beförderungsschaukeln degradiert. Kurz – ein Teufelskreis! Im Dorf-zu-Dorf-Verkehr sieht es selbstredend nicht besser aus. Mangels geringer und undurchsichtiger Angebote eines versprengt und im Untergrund agierenden öffentlichen Nahverkehrs, steigt man aufs Auto um und lässt die wenigen Verbindungen leer durch die Gegend trudeln. Ein Trauerspiel fürwahr. Empfehlung hier wäre sich reiseplanerisch an den Schienen des Landes zu orientieren und Ausflüge abseits derer entweder verteufelt gut zu planen oder einfach dem Zufall überlasssen. Es kommt meist aufs Gleiche raus.

Übernachten: Apulien lebt nicht nur von Oliven und Wein allein, auch der die Verköstigung, Bespaßung und Unterbringung von neugierigen Fremden gehört unzweifelhaft zu den apulischen Einnahmequellen. Speziell im Sommer müssen die, für den italienischen Süden eher untypischen, ausgedehnten Sandstrände und die funkelnde Adria enorme Anziehungskraft auf die klassische Badeurlaubsfraktion ausüben. Daher kann man in der Nebensaison aus einem reichhaltigen Angebot großartiger Unterbringungsmöglichkeiten schöpfen. Ob Hotel, Pension oder eigenes Appartement – das bleibt ganz dem Gusto des Reisenden überlassen. Das Preisniveau tut dabei ein übriges um die Wahl so angenehm wie möglich zu gestalten. Denn im Vergleich zu Norditalien bleiben hier die Kosten durchaus im erträglichen Rahmen.

Hunde: Wie schon bei früheren Besuchen bemerkt, ist die Hundefreundlichkeit in Italien außergewöhnlich. Zumindest aus der Perspektive eines Hundes kann an Italien wirklich wenig ausgesetzt werden. Ungelogen mindestens jeder zweite Passant nimmt von einem Hund in ausschließlich freundlicher Art Notiz. Es wird geschnalzt, gestreichelt und gelächelt, als ob der letzte Hund der Welt auf dem Bürgersteig flanieren würde. Wie selbstverständlich hat man mit dem Hund Einlass in Räumlichkeiten, die ihm sonst (prinzipiell zu Recht) verwehrt bleiben. Die elenden Scherereien die allzu oft bei der Fortbewegung mit Hund aufkommen, verpuffen in Italien wie ein absurder, böser Traum.

Willkommen im Hundeparadies. Sicher, Euphorie sieht anders aus, doch die hiesige Hundewillkomenskultur versucht alles um jeden Hund für sich zu gewinnen.

Was mir jedoch speziell im Vergleich zu früheren Besuchen auffiel, war die signifikant gestiegene Hundedichte. Entweder täuscht mich hier die Erinnerung oder das ist eine spezifische Apulität. Auf jeden Fall  hatten in den Städten mehr Leute einen Hund dabei als in Friedrichshain zu besten Zeiten. Und wenn ich schon Friedrichshain erwähne, keimte da ein Verdacht in mir. Die niedrige Geburtenrate Italiens ist allgemein bekannt. Was, wenn man sich speziell in Süditalien, wo die geburtshemmenden Faktoren um einiges dringlicher als in Norditalien sind, im Zweifel vermehrt gegen ein Kind und für einen Hund entschieden hat? Ich bin mir da unsicher, aber der Verdacht erscheint mir doch recht plausibel.

Kulinarik: Nun, vor diesem Absatz grauste es mir schon etwas, denn wie soll ich auch nur in annähernd erschöpfender Weise das hier erlebbare Märchenland beschreiben. Eine schier unlösbare Aufgabe. Fangen wir einfach mal mit einem soliden Paukenschlag des Lobhudelei-Orchesters an: die italienische Küche ist die Beste der mir bekannten Welt. Im italienischen Universum gibt es dabei weit mehr als die beiden Galaxien Pasta und Pizza. Vielfalt, Improvisationstalent und Perfektionismus unterstützt von einer fruchtbaren Gesamtsituation und einer langen, von zahlreichen Kulturbesuchen durchsetzten Geschichte sind die Grundlagen für die Entstehung dieser reizenden Verführerin. Das Wunderbarste ist dabei aber, dass jede Region, ja schon das nächste Dorf hinten am Horizont ureigene Spezialitäten und unbekannte Genüsse im Angebot hat. Das macht jede Italienreise zu einer unkalkulierbaren Entdeckungstour für die Geschmackssinne.

Frischer Fisch – elementarer Bestandteil der apulischen Küche!

Bevor ich loslege noch ein paar grundlegende Formalitäten: Die italienische Küche wird rituell organisiert durch eine luftige Aufteilung in Antipasti, Primi (Pasta oder Risotto), Secondi (Fleisch oder Fisch) und Dolce. Bisweilen wird dies noch durch Pizza und Salate ergänzt. Wie man sich das dann zusammenstellt bleibt jedem selbst überlassen.

So man selbst zaubern möchte und ich will das hier jedem mit aller Dringlichkeit empfehlen, seien zwei Dinge zu beachten. Zum einen, die uns vertraute Supermarktisierung ist Apulien bestenfalls in rudimentären Ansätzen zu beobachten. Deshalb läuft der Lebensmittelerwerb hier noch auf die traditionelle Weise, sprich: man muss jede Menge Läden aufsuchen um den Einkauf zu komplettieren. Das ist kein Ding und macht sogar Spaß. Merke: Die Segmentierung ist hierbei festen unveräußerlichen Regeln unterworfen, z. B. Wurst und Schinken gibt es nicht beim Fleischer und Fleisch gibt es beim Fleischer, aber auch wirklich nur dort. Zum anderen, behalte die Siesta im Auge (siehe: meine Gedanken zum Thema). Sie meinen es ernst und kennen keine Gnade. Von 13 bis 16 Uhr (manchmal auch etwas länger) ist alles zu und nur die Töpfe des weise Vorausschauenden werden gefüllt sein.

Was hat nun also Apulien zu bieten? Einleitend kann gesagt werden, dass die lange Küste dieses Landstrichs die Küche mit reichlich Fisch und Meeresfrüchten geprägt hat. Cozze arraganate, Orata alla pugliese – klangvolle Namen, duftende Erinnerungen und unbedingte Empfehlungen!

Die Pasta von Apulien ist zweifellos Orecchiette (italienisch: Öhrchen) und ob Öhrchen oder nicht, Pasta in einem beliebigen Lokal vor Ort genossen, ist in den allermeisten Fällen ein garantierter Hochgenuss und er macht auf einfache Art klar, warum die italienische Küche all diese Verehrungen und Verbeugungen meinerseits verdient. Nicht die Masse sondern die Klasse macht es. Einfache und überschaubare Rezepturen, diese aber mit Bedacht ausgewählt und aufeinander abgestimmt. Frische Tomaten (die nach Tomate schmecken!!!), Kräuter, etwas Käse und Orecciette – das Leben kann so schön sein! Im übrigen sollte man mindestens einmal Orecchiette con cima rapa probieren. Dabei lernt man eines der prominentesten Gemüse der Region kennen: Stängelkohl, äußerlich etwas an wilden Broccoli erinnernd, aber deutlich bitterer und schärfer schmeckend.

Erwähnenswert ist auf jeden Fall auch die Apulische Calzone. Auf den ersten Blick mag sie ihrem neapolitanischen Cousin gleichen, doch das dem Teig reichlich beigemengte Olivenöl führen zu einer unerwarteten Geschmacksexplosion.

Käse: Weichkäse von Schaf, Ziege, Kuh und Büffel: Mazzarelle, Scamorze, Pròvole, Provolone, Caciocavallo, frischer und gelagerter Pecorini, Burrate, Manteche und Ricotte – Namen, die mich schon beim Hintippen wegschmelzen lassen. Eine besondere Leckerei, die ich so erstmals hier genießen durfte, ist eine Art geräucherter Ricotta, dessen Name sich jedoch leider weder in Erinnerungen wie Aufzeichnungen auffinden ließ.

Fleischfarbenes Glück, geronnen in Wurst und Schinken.

Wurst: Auch hier kennt jeder Tag mindestens eine Offenbarung. Das morgendliche Durchkosten an der Wursttheke um neue Köstlichkeiten fürs Frühstück zu ergattern, war ein verlässlicher Höhepunkt des Tages. Ein Klassiker ist die Salsiccia Piccante, luftgetrocknet und scharf – exquisit. In Sachen Schinken entdeckte ich Capocollo und begriff erst nach mehren Happen, dass es sich hier um eine Wurst mit Schinkenseele handelt. Ein Traum! Welch gottserbärmliche Armseeligkeit liegt dagegen in der Bedeutung des deutschen Worts Schinkenwurst. Capocollo – unbedingt probieren! Keinesfalls auslassen sollte man Tarantello, diese Wurst wird aus dem frischem Fleisch der Bauchseite des Thunfisches gemacht – ein unvergleichlicher Leckerbissen. Wer hätte es gedacht, die Italiener machen aus Fisch Wurst und es schmeckt auch noch!

Zwei Dinge prägen Apulien wie nichts anderes: Wein & Olivenöl. Ich beschrieb eingangs die endlosen Olivenhaine und Rebstöcke, welche man auf den 400 km Eisenbahnstrecke durch Apulien durchquert. Dementsprechend ergiebig ist der Abfluss edler Tropfen aus Apulien. Es ist die Region Italiens in der der meiste Wein produziert wird. Ganz Apulien, der “Weinkeller Italiens” erzeugt mehr Wein als Deutschland. 80% davon sind Rotweine und zwar weitaus mehr als die für Apulien bekannten Primitivo und Negroamaro. Ich kann bspw. Uva di Troia empfehlen. Und auch wenn die Region von Rotwein dominiert ist so gibt es dennoch ein paar ausgezeichnete Weißweine, die ich kennenlernen durfte. Da wäre der allseits bekannte Verdeca, aber auch eine autochtone Rebsorte namens Fiano Minutolo, die mich schwer begeisterte.

Noch bedeutender für Apulien als Wein sind zweifellos Oliven.  Schon seit dem 7. Jahrtausend vor Chr. isst man hier die knackigen Ölfrüchte. Die Leidenschaft hierfür scheint seitdem ungebrochen und so verwundert es nur geringfügig, dass 40% der italienischen Olivenölproduktion aus Apulien kommen. Ich behaupte, dass selbst die stursten Kostverächter hier schwach werden. Die Kunst, diese unscheinbare Steinfrucht zu ungeahnten geschmacklichen Höhen emporzutreiben ist nämlich, wen wundert’s, hierzulande auf schwindelerregendem Niveau angekommen.

Schöne Orte (selbst besehen):

Lecce – bescheiden in den letzten Winkel Italiens geklemmt gehört sie zu jenen Städten, die einen trotz aller Vorbereitung einfach nur wegblasen. Das “Florenz des Südens” ist eine wahre “Rokoko-Explosion” und dabei touristisch so gut wie unberührt. Dies erstaunt in nicht geringem Maße, denn die heimliche Hauptstadt von Salento ist die komplett erhaltene Offenbarung eines eigenen Barockstils, des nach der Stadt benannten Lecceser Barock. Mit dem in der Nähe abgebauten weichen Tuffstein wurde hier ein Gesamtkunstwerk errichtet, das nicht nur wunderschön, sondern in gewissen Teilen einfach nur noch als durchgeknallt zu bezeichnen ist. Die Masse an opulenten Fassaden, in sich verschlungenen Ornamenten, Fabelwesen und sonstigen Dekorationen sind in ihrer Wucht schwer zu fassen und ließen mich sinnieren, welche Art von Gesprächen wohl mit Architekten, die für so etwas verantwortlich zeichneten, möglich wären.

Gallipoli – auf der anderen Seite an der westlichen Küste pustelt sich eine winzige Altstadt in die Bucht. Die von Griechen gegründete Kolonie (griechisch: “Schöne Stadt”) ist heute eine bekannte Sehenswürdigkeit Süditaliens. Das übersichtliche centro storico ist kompeltt vom Meer umschlossen und nur mittels einer Brücke mit der auf dem Festland gelegenen Neustadt verbunden. Mag es daran gelegen haben, dass wir hier die Weihnachtstage verbracht haben, doch irgendeine ganz eigene Stimmung beherrscht diese Kleinstadt. War es die liebevoll arrangierte Nachstellung biblischer Szenerien oder die aufwändige Bastelei an riesigen Pappmachéfiguren, welche dann am zum Neuen Jahr unter großen Geschrei in die Luft gesprengt werden? Man wird hier irgendwie das Gefühl nicht los, dass hier ein paar besondere Menschen mehr als üblich leben und diese Stadt damit zu etwas Besonderem machen.

Monopoli – ein munteres kleines Städtchen an der Adria südlich von Bari. Ganz normales Süditalien gepaart mit dem gewissen Etwas, welche durch die verwinkelte Altstadt gewährleistet wird. Bis zum Schluss habe ich mich in diesem Labyrinth immer wieder verlaufen, was kein allzu großes Problem darstellte, da ich auf diese Weise aus der Stadt die überraschendsten Dinge herauskitzeln konnte. Allerliebste kleine Bars, entzückende Restaurants oder noch ein ganz neues bombastisch verschnörkeltes Gotteshaus, welches zwischen andere Häuser reingeklemmt in seiner ganzen Pracht kaum zu erkennen war.

Polignano a Mare – auch dies ein entzückendes kleines Küstenstädtchen, kurz hinter Monopoli (5 Bahnminuten). Auch wenn diese Stadt an sich selbstredend selbstverständlich eine Schönheit ist, hierher fährt man wohl hauptsächlich um sich von der gewaltigen Kulisse der Steilküste zu ergötzen. Das Städtchen scheint sich mit aller Kraft den Naturgewalten entgegenzustellen und klammert sich trotzig an die Felskante. Wirklich beachtlich und erfrischend!

Alberobello – obwohl diese putzig anmutenden Rundhäuser, wie sie hier in der sogenannten “Zona dei Trulli” besichtigt werden können, in ganz Süditalien zu finden sind, verbindet man sie im Endeffekt doch hauptsächlich mit Apulien. Die Entstehungsgeschichte dieser ohne Mörtel, Stein auf Stein geschichteten Häuschen ist so entzückend wie charakteristisch für den Mezzogiorno. Im 17. Jahrhundert kam ein gewisser Graf namens Giangirolamo II. Acquaviva d’Aragona auf die schwejksche Idee Häuser ohne Zement und Mörtel zu bauen. Denn so konnte man diese ärgerliche Bestimmung umgehen, wonach neue Ortschaften, ergo neue Häuser, bei der Obrigkeit gemeldet und bezahlt gehörten. Denn diese locker übereinander geschichteten Häuslein konnten im Falle einer königlichen Inspektion ganz einfach abgebaut und später leicht wiedererrichtet werden. Dabei erwiesen sich die aus Not und Trotz entstandenenen Häuser als überaus praktisch. “Durch ihre Bauweise aus massivem Naturstein mit sehr dicken Wänden und winzigen Fenstern bieten die Trulli einen guten Schutz gegen die anhaltende Sommerhitze in Apulien, weil sich das Innere nur langsam aufheizt. Im Winter hingegen speichert ein Trullo für lange Zeit die Wärme, die durch einen offenen Kamin erzeugt wird.” (wikipedia)  Wir halten fest: selbst bei der der Errichtung von Slums gelingt dem Italiener mit seiner unverrückbaren Neigung für Stil und Eleganz das Kunststück, es kultiviert und geschmackvoll zu gestalten.

Schöne Orte (noch unbesehen):

Gargano Nationalpark: Am sogenannten Sporn des Stiefels befindet sich der größte Nationalpark Italiens. Mit solch einem einzigartigen Fanal begrüßt also Apulien die von Norden einreisenden Barbaren. Hier gibt es sie noch, jene dichten und schattigen Wälder, die einst ganz Süditalien bedeckten. Durch die schützende Lage hat sich dies hier erhalten und wird nun weiterhin sorgsam geschützt. Auf einer Fläche, die 0,7% der Landesfläche Italiens ausmacht, befinden sich ca. 35% des italienischen Pflanzenarten. Zusätzlich locken Felsen, Lagunenseen und, natürlich, pittoreske Küstenstädtchen. Kurz gesagt, hier wird einem jene Art von Idylle versprochen, die im Rest Süditaliens dank des umtriebigen Menschen verloren gegangen ist. Steht für mich ganz fest auf dem Reiskalender fürs nächste Mal.

Tremiti-Inseln: Gleich um die Ecke liegen diese sechs unscheinbaren Inseln. Nur zwei von ihnen sind bewohnt und 496 Einwohner genießen auf diesem autofreien Paradies das Leben. Erreichbar sind sie ganzjährig von Termoli aus. Wer Entspannung und Ruhe sucht und sich von der Winzigkeit der Inseln nicht abschrecken lässt, der kann hier mit Sicherheit sein Glück finden.

Castel del Monte (Barletta): Kaum ein Motiv wie das dieses Stauferschlosses ziert mehr Reiseführer oder Internetauftritte, die Apulien bewerben. Zahlreiche Mythen umranken das Schloss. Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, welchen Zweck das achteckige Gebäude erfüllen sollte, verfügt es doch über keinerlei Gräben, Arsenale, Schießscharten oder Mannschaftsräume, die für einen solchen Bau ansonsten typisch sind. Theorien, dass hier astronomische Messfunktionen Ursache des Baus wären, sind angesichts diverser Indizien nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber selbstverständlich finden sich hier noch weitaus mehr Deutungen, die allesamt einen Besuch rechtfertigen würden.

 

Ratgeber: Reisen wie Gott in Georgien

„Als Gott das Land an die Völker verteilte, verspäteten sich die Georgier. Denn sie hatten den Abend zuvor wie üblich reichlich gesungen, musiziert, getanzt und das Leben im Allgemeinen voller Hingabe gefeiert. Zuerst zürnte der Herr, denn alles Land war bereits verteilt. Doch die Fröhlichkeit und der Charme der Vertreter dieses Volkes versöhnten ihn, und er schenkte den Georgiern den Flecken Erde, den er eigentlich für sich selbst vorbehalten hatte….“

Georgien – jenes über alle Maßen begünstigte Kleinod, umsäumt von den Hängen des Kaukasus und den Gestaden des Schwarzen Meeres befindet sich gegenwärtig nicht direkt im Auges des Massentourismussturms. Und obwohl ich dies ja an und für sich gut finde, bin ich dennoch der Meinung, dass dieses großartige Land und seine Menschen etwas mehr Interesse verdient hätten. Sicher, standen neben Unwissenheit, jede Menge Klischees und halbwissende Vorurteile eurer Reise nach Georgien bisher im Weg. Diese sollen nun mit einem weiteren Kompendium aus der Themenreihe “Schöneres Reisen für eine bessere Welt” beseitigt werden.

2015-09-22-12-41-16

Reiseland Georgien

Andere Wissensquellen: Der verfügbare Wissensstand zum Thema Georgien, nicht allein als Reiseland, kann mit besten Gewissen als dürftig beschrieben werden. Die landläufigen Reiseführer glänzen mit veralteten Plattitüden oder überschlagen sich mit redundanten Analysen der hiesigen Sehenswürdigkeiten. Im Netz findet sich als einzig brauchbare Anlaufstelle georgiano.de – hier findet sich reichlich Material für den wissbegierigen Individualtouristen. Kartenmaterial, Wanderrouten und andere nützliche und halbwegs aktualisierte Informationen sind hier im Angebot. Bei wikivoyage lassen sich zusätzlich auch ein paar grundlegende Informationen abstauben.

Einreise: Ungewohnte Einfachheit lässt die Reise schon von Beginn an geschmeidig starten. Sämtliche EU-Bürger und noch ein paar mehr (immerhin 94 Staaten) dürfen bis zu einem Jahr visumfrei einreisen. Es genügt der Personalausweis. Vorbildcharakter par excellence.

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Anreise: Lange galt Georgien zurecht als beschwerlich oder zumindest sehr kostspielig von Deutschland aus zu erreichen. Dank des Billigfliegers Wizzair gehören diese Zeiten aber seit geraumer Zeit der Vergangenheit an. Nach anfänglichen Direktflügen von Polen und Ungarn kann man seit kurzem auch von Schönefeld oder Dortmund für wenig Geld (hin&zurück ab €60) zu dem quasi eigens für diesen Zweck ins georgische Herzland gestampften Flughafen Kutaissi reisen. Daneben gibt es selbstredend auch nach andere Fluglinien wie bspw Ukrainian Airlines oder Air Baltic, die Georgien recht preiswert anfliegen.

Die Anreise auf dem Festland ob per Zug oder Auto ist zwar möglich, stellt aber aufgrund der Distanz eher den Weg als Ziel in den Vordergrund und nicht Georgien. Zu Bedenken sei hier zudem der Konflikt in der Ukraine, welcher die Nordroute nach Georgien etwas komplizierter gestaltet. Die Tour über die Türkei wäre hierbei erheblich vorzuziehen.

Ein absoluter Leckerbissen für den Reisegourmet stellt dabei noch eine andere Alternative dar. Von Illchiwsk (Odessa) bis Poti oder Batumi verkehrt einmal die Woche eine Fähre. In schlanken 60 Stunden könnte man auf derart einmalige Art und Weise das Schwarze Meer komplett durchkreuzen um so Georgien zu erreichen. In der Vierer-Kabine mit Außenklo für schlappe $95 zu haben. Funfact am Rande: das hier eingesetzte Fährschiff ist auf den bezaubernden Namen “Greifswald” getauft.

Herumreisen: Um es gleich vorweg zu sagen – infrastrukturell gesehen ist Georgien ein elendiglich nach Luft schnappendes Elend. Eisenbahnen verkehren selten und bedienen nur ein Minimum des Notwendigen. Der öffentliche Nahverkehr leidet unter offensiver Vernachlässigung und die Straßen zehren seit Jahrzehnten von der Substanz. Ergänzt man diese, per se schon ungünstige Gemengelage mit der feurig-selbstmörderischen Grundeinstellung der meisten aktiv am Verkehr beteiligten Georgier, so verspricht dies nichts Gutes. Grundlegend sei jedem potenziellen Georgienentdecker ans Herz gelegt, nicht allzu viel verschiedene Ziele während eines Aufenthalts anzusteuern. Die verhältnismäßig geringe Fläche (69.700 qkm) mag dazu einladen, doch es hat sich bewährt nach Anreise eines der verlockenden Ziele anzupeilen und dort jenseits der Straße auf Tour zu gehen. Mit mehreren Zielen innerhalb einer Woche zerstört man unnötig den einmal erlangten Erholungseffekt.

Kurz vor der russischen Grenze....
Kurz vor der russischen Grenze….

Die zur Verfügung stehenden Fortbewegungsmittel im einzelnen:

Eisenbahn – eine schüchtern im Hintergrund stehende Alternative. Hauptsächlich auf den Hauptrouten verkehrend und im Schatten der quirligen Busbahnhöfe liegend, kann ein Blick auf den Fahrplan nicht schaden. Da sie relativ selten verkehren ist es zumeist keine Alternative für den raschen Ortswechsel aber wenn Zeit vorhanden, eine Überlegung wert. Die Züge wirken recht gepflegt (im Gegensatz zu den Gleisanlagen) und die Preise liegen zum Heulen niedrig (Beispiel: Batumi-Kutaissi: 1 Lari (2016: 0,37 Cent). Speziell für Verbindungen nach der Anreise oder vor der Abreise bieten sich die das Land durchquerende Nachtverbindungen an.

Marschrutki: Dieser eingedeutschte Begriff ist auf dem gesamten Gebiet der Ex-Sowjetunion ein geläufiger Begriff für sogenannte Sammeltaxis, mit deren Hilfe prinzipiell fast jedes Ziel was an einer Straße liegt, erreicht werden kann. Das Prinzip ist denkbar einfach. Zwar gibt es im Groben so etwas wie Fahrpläne, welche aber eher als Orientierungspläne zu verstehen sind. Ein Marschrutka ist eher durch komplette Ausnutzung aller verfügbaren Sitzplätze zur Bewegung zu motivieren als durch so etwas wie eine abstrakte Abfahrtszeit. Hieraus resultierend ist ebenso, dass ein Marschrutka jederzeit und überall an der Straße herangewunken werden kann. Die Preise variieren in munterer Selbstbestimmung, bezahlt wird beim Aussteigen.

Taxis: Das Taxi kann als letzte Alternative in ausweglosen Situationen ebenfalls herangezogen werden. Verfügbar sind sie in den meisten Regionen, für Verhandlungen, ob Preis oder Ziel seien zumindest rudimentäre Russischkenntnisse anempfohlen.

Sprache: Der Kaukasus galt in der Antike als der “Berg der Sprachen”, Strabo spruch einst von nicht weniger als 70 Dolmetschern, die man benötigte um allein am Schwarzen Meer erfolgreich Handel zu betreiben. Derlei Vielfalt, so sie in diesem Ausmaß je bestanden hat, ist zwar längst Vergangenheit, doch die Zahl und Eigenheit der hiesigen Schriften und Sprachen weiß immer noch zu faszinieren. Neben Georgisch werden hier noch 23 Sprachen aus sechs verschiedenen Sprachfamilien gesprochen. Doch so sehr meine Leidenschaft für dieses Land auch erglüht, dem Ansinnen das Georgische auch nur halbwegs zu beherrschen, ist einem erschöpften Realitätsempfinden gewichen. Allein das scheinbar aus einem Fantasyroman entsprungene hiesige Alphabet lässt einen ehrfürchtig niederknien. So danken wir einmal mehr den verachtungswürdigen Triebkräften imperialer Expansionsbestrebungen in der Geschichte und verweisen auf die lingua franca des Kaukasus – Russisch. Auch wenn die Sehnsucht nach dem Westen offensichtlich ist, Russisch bleibt weiterhin die beste Sprache um sich zu verständigen. Speziell mit Menschen, die die Sowjetunion noch erlebt haben, ist dies eine mehr als ausreichende Verständigungsmöglichkeit. Bei jüngeren Menschen ist Englisch meist die Sprache der Wahl, wobei dank des miserablen Bildungssystems und geringer Anwendungsmöglichkeiten während der Transition dies eher schlecht als recht beherrscht wird. Auch Deutsch wird in gar nicht so wenigen Fällen gesprochen, mittlerweile soll Deutsch an georgischen Schulen gar Französisch als zweite Sprache abgelöst haben. Und wenn gar nichts mehr helfen sollte, kann irrwitzigerweise die geschätzte Weltsprache Polnisch einen Rettungsanker darstellen. Denn dank der eingangs erwähnten Billigfluglinie entdeckten in den letzten Jahren Polen Georgien in großen Scharen, was in Gastronomie und Tourismusgewerbe zu respektablen Sprachkenntnissen im Polnischen geführt hat.

Menschen: Unbestritten das Salz in der Suppe. Abseits jeder Verallgemeinerungen und sonstiger Über-den-Kamm-Schererei kann hier die Aussage getroffen werden, dass zwischen Großem und Kleinen Kaukasus ein ungemein herzlicher Menschenschlag lebt, der sich dabei stets unaufdringlich und galant um die Befindlichkeit seiner Gäste sorgt.

Selbst Wölfe im Schafspelz scheinen hierzulande nett zu sein.
Selbst Wölfe im Schafspelz scheinen hierzulande nett zu sein.

Selbst dem unerfahrensten Reisenden wird schon nach ersten Augenblicken seiner Georgienreise spüren, dass er hier wohl aufgehoben ist. Ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit ganz unerwarteter Güte. Dieses Gefühl wird dann auch statistisch bestätigt, weltweit steht Georgien aktuell auf Platz 3 in der Kategorie der unkriminellsten Länder.

Geographie: Obwohl Georgien streng genommen zu Asien gehört ist man sich diesbezüglich vor Ort recht unsicher. Bisweilen spricht man spricht eher von Georgien als etwas eigenem oder vom Balkon Europas. Die Fläche entspricht mit knapp 70.000 qkm ungefähr der von Bayern, was angesichts der Fahrzeiten, die das Reisen hier erfordert wirklich enorm überrascht. 87% des Landes sind von Gebirgen oder Vorgebirgen, 44% von Wald (5% Urwald) bedeckt. Im Norden lockt der Große Kaukasus im Süden betört der Kleine Kaukasus. Klimatisch weiß dieses kleine Land mit einem breiten Portfolio von sieben Klimazonen zu überzeugen. Der Kaukasus schützt Georgien vor den eisigen russischen Winden und ermöglicht so, dass das Schwarze Meer das Land kontinuierlich erwärmen kann. So kann der Reisende zu jeder Jahreszeit wählen zwischen diversen Variationen von subtropisch, steppig und kontinental-gemäßigt. Beste Reisezeit bleibt dennoch Frühling oder Herbst.

Kulinarik: Ja, wo soll man hier anfangen? Vielfalt, Frische, Reichhaltigkeit und Exotik lassen mich hier jedes Mal von Neuen nach Luft schnappen. Auch wenn selbstredend Vegetarier und ähnlich Veranlagte wie immer nur einen Bruchteil der Kultur genießen können, kommen auch diese hier auf ihre Kosten. In einem Land mit mehreren Ernten pro Jahr und einer stark landwirtschaftlich geprägten Kultur, die aber noch nicht von den Segnungen industrieller Herstellung betroffen ist, kann Ernährung nicht geringer als ein Erweckungserlebnis beschrieben werden.

Schaschliki - die Mutter aller Fleischcolliers!
Schaschliki – die Mutter aller Fleischcolliers!

Hier die wichtigsten Spezialitäten ohne die kein Georgienentdecker das Land wieder verlassen sollte:

  • Chatschapuri – eine Art Fladenbrot mit Käse gefüllt oder belegt, stets und überall frisch und billig in diversen Variationen zu haben; allein dies wäre schon Grund genug nach Georgien zu reisen
  • Chinkali – die hiesige Auslegung gefüllter Teigtaschen, groß und würzig – eine vollwertige Mahlzeit für jede Gelegenheit
  • Mzwadi – Schaschlik, die Mutter aller kaukasischen Delikatessen; von hier aus begann ihr Siegeszug über die Grills dieser Welt, selbstredend schmecken sie hier am besten
  • Chartscho – eine deftige Rind- oder Lammfleischsuppe mit Nüssen und natürlich jeder Menge Koriander

Doch es ist nicht nur ein Paradies der Leckerbissen – Georgien bietet als Mutterland des Weins gleichsam auch eine unüberschaubare Anzahl an erlesenen Weinen. 500 der 4000 Rebsorten dieses Planeten kommen von hier, die Geschichte des Weinbaus hat hier eine 8000jährige Geschichte, das Wort Vino ist ein georgisches – muss ich noch mehr sagen?! Außerdem ist ein Georgienbesuch ohne eine Kostprobe der hiesigen Cognacs eine unermessliche Straftat. Auch wenn man bislang mit dieser Spirituose nicht sonderlich viel anfangen konnte, hier sollte man es wagen. Vertraut mir – ein Offenbarung für die Sinne. Ein weiterer alkoholischer Kompagnon, Tschatscha, wird man dagegen schwer aus dem Wege gehen können. Diese, zumeist schwarzgebrannte, hochprozentige Grappa-Variation wird einem unter Garantie schon beim ersten Kontakt mit Einheimischen angeboten werden.

Reiseziele: Nach soviel vorbereitender Lobhudelei nun aber zum Kern des Pudels. Wohin soll die Reise gehen? Was hat Georgien denn Lohnenswertes zu besichtigen?

Kutaissi

Städte:

      • Tblissi/Tiflis – Als Hauptstadt Georgiens, größte Stadt (1,16 Mio. Einwohner; ein Drittel der Bevölkerung) gilt sie als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des Landes. Damit ist es selbstredend ein erklärtes Ziel jedes Georgienausflugs. Einen Ansatz für die zahlreichen Sehenswürdigkeiten die Tblissi im Angebot hat, und die dem geneigten Städteliebhaber ausreichend Unterhaltung für eine erlebnisreiche Woche bieten sollten, kann man diesem ausführlichen Artikel entnehmen.  Als Unterkunft sei an dieser Stelle schamlos für das Hostel “Why not…” Werbung gemacht. Die ungezwungene familiäre Atmosphäre und ganz und gar entspannte Stimmung unterscheiden es wohltuend von dem austauschbaren Einerlei der globalen Hostelschwemme
      • Kutaissi – eingangs schon erwähnte zweitgrößte Stadt Georgiens (200.000 Einwohner) und Hauptstadt der Provinz Imeretien. Historisch gesehen die alte Haupstadt des antiken Kolchis und damit quasi das ehemalige Zentrum Georgiens. Dank der Billigfliegerlogik werden die meisten Georgienreisen hier ihren Anfang nehmen. Hierfür ist Kutaissi vorzüglich ausgestattet. es gibt zahlreiche Unterkünfte und einige nette Lokale. Eines der reizendsten Etablissements ist hierbei das Restaurant Palaty direkt in der Altstadt. Nicht nur die Küche ist hier nochmal einen Zacken delikater als üblich auch das Kulturangebot machte die Besuche hier stets zu etwas ganz Besonderem. Ein Spaziergang zu der majestätisch über Stadt thronenden Bagrati Kathedrale sei wärmstens empfohlen. Die Aussicht hier oben ist den kleinen Aufstieg zweifellos wert. Daneben laden zahlreiche sehenswerte Klöster, Kirchen und Höhlen in der direkten Umgebung zu einem Besuch ein.

 

        • Batumi – Neben der recht reizlosen Hafenstadt Poti die größte Stadt Georgiens am Schwarzen Meer. Eine wuselige, aufstrebende Ansiedlung, welche dank ihres mediterranen Flairs einen hervorragenden Ausgangspunkt für die Entdeckung der Küste bietet

Natur:

Der Borjomi-Nationalpark von oben
Der Borjomi-Nationalpark von oben
        • Borjomi – bekannt schon seit der Zarenzeit für seine Mineralquellen gehört Borjomi wohl zu den berühmtesten Kurorten, in diesem an Kurorten reich gesegnetem Land. Gleichzeitig ist es aber auch das Tor zum Bordschomi-Charagauli-Nationalpark. Dieser 85.000 ha große Nationalpark im Kleinen Kaukasus ist wohl einer der bestausgestatteten und organisiertesten Nationalparks in Georgien. Dabei ist der Nationalpark einer der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete Asiens. Die Wanderwege hier sind hervorragend markiert, Schutzhütten sind über das gesamte Gebiet verteilt. Der beste Einstieg für den Naturfreund, der sich seine ersten Meriten in Georgien erwerben will
        • Swanetien – abgeschiedene Bergregion im Großen Kaukasus. Bekannt und auf zahlreichen Reiseführen abgedruckt sind die typischen Wehrtürme aus der Zeit des Fürstentums Swanetien. Empfehlenswert und auch für weniger erfahrene Wanderer geeignet ist die Strecke von Mestia nach Ushguli. Die Strecke ist angemessen markiert und problemlos in fünf Tagen zu schaffen. Anreise nach Mestia mit Marschrutka über Sugdidi
        • Tuschetien – Bergregion im Nordosten, gilt als eine der unberührtesten und ursprünglichsten Gegenden Georgiens. Große Teile gehören zu dem Tusheti-Nationalpark, einem der spektakulärsten Naturreservate des Landes
Der Kazbeg, Prometheus-Gedächtnisfelsen, taucht in der obigen Aufzählung gar nicht auf. Ist aber definitiv einen Abstecher wert.
Der Kazbeg, PrometheusGedächtnisfelsen, taucht in der obigen Aufzählung gar nicht auf. Ist aber definitiv einen Abstecher wert.

Kultur:

        • das Höhlenkloster von Vardzia – faszinierende in den Fels gehauene Kloster- und Wehranlage. Im 12. Jahrhundert erbaut, wird die Anlage, welche zeitweise bis zu 50.000 Menschen Obdach bot, bis heute als Mönchskloster genutzt Diese, als Hauptsehenswürdigkeit Georgiens geltende Anlage ist zweifellos die Reise wert und sei jedem ans Herz gelegt. Ebenso wie das etwas mehr Sportlichkeit verlangende Höhlenkloster Dawit Garedscha an der Grenze zu Aserbaidschan
        • die Weinernte in Kachetien – Kachetien, die östlichste Provinz mit der Hauptstadt Telawi gilt als die Wiege des Weinbaus. Nicht nur zur Weinernte (Ende September) wird jedem Weinliebhaber eine Exkursion hierher die Tränen in die Augen treiben. Hier können noch hunderte altmodische Weingüter genossen werden, die ohne jegliche Einmischung der Moderne seit Jasons Zeiten vor sich hin winzern
        • Gori – die Geburtsstadt Stalins. Man kommt nicht drumrum, der berühmteste Georgier aller Zeiten ist zweifellos der schnauzbärtige Dschugaschwilli. Wer mag, kann der Kleinstadt in der Nähe Tblissis einen Besuch abstatten und im Stalinmuseum so spektakuläre Exponate wie den Waggon, in dem der Generalissimus nach Jalta fuhr, besichtigen.
          Stalins Waggon. Trainspotting für Salonbolschewisten.

          Wer dem nicht viel abgewinnen kann, der darf sich natürlich auch hier über eine Höhlenstadt erfreuen.Uplisziche gehört zu einer der mächtigsten Festungsanlagen an dem sich jahrhundertelang die jeweiligen Eroberer Georgiens die Zähne ausbissen. Bis die Mongolen kamen…

        • die Seilbahn- und Bergbaustadt Tschiatura – kleine Bergbaustadt, die auch wenn sie einst der größte Manganerzproduzent der Welt war (1879 war der Anteil am Weltexport 50%) sonst nicht unbedingt der Erwähnung wert wäre. Was sie besonders macht, ist das öffentliche Nahverkehrsmittel Nummer 1, die aus 26 Seilbahnen besteht. Angesichts der knifflig bergigen Lage der Stadt entschied man sich zu dieser außergewöhnlichen Vernetzung. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art und Spaß für die ganze Familie.

Und sonst:

        • die Schwarzmeerküste – einst neben der Krim DER Sommerurlaubstraum jedes Sowjetbürgers verharrt die sonnige Küstenregion gegenwärtig in lässiger Apathie, die nur zaghaft wieder wachgeküsst wird. Zahlreiche Hotelanlagen, edle Villen und geräumige Strandanlagen erzählen von einer goldenen, längst vergangenen Zeit. Aktuell liegt hier vieles brach auch wenn der Strom von türkischen, polnischen und russischen Touristen langsam zunimmt. Doch auch wenn der Abstieg der Küste offensichtlich erscheint, kann man hier ganz ausgezeichnet ein paar entspannte und ruhige Tage verbringen. Empfehlenswerte Orte sind hierfür Kobuleti und Shekvetili

 

Ratgeber: Wandern in der Niederen Tatra

Im Dienste von Aufklärung und Bildung sowie in dem festen Vertrauen, dass Reisen einer der besten Freunde dieses tapferen Gespanns ist, möchte ich ein weiteres Gewächs in dieses digitale Potpourri stecken: Einen Reiseführer! So lautet jedenfalls der antiquierte Ausdruck für Veröffentlichungen dieser Art, die es sich seit etwas mehr als zwei Jahrhunderten zur Aufgabe gemacht haben, den Fremden mit ausreichend Rüstzeug zu versehen, damit er bestens vorbereitet unbekannte Gefilde entdecken kann. Leicht irritiert beobachte ich nun schon seit längerem mit immer größerer Ungeduld, dass sich trotz immer weiterer Ausdeutung des Individuums und blitzschneller digitaler Technologien, die Qualität dieses Mediums nicht wirklich revolutioniert wird. Ich spreche hier von jener Art eines Reiseführers wie er von Douglas Adams seinerzeit visioniert wird. Der Anhalter, er wäre in Zeiten allgegenwärtiger Netzpräsenz und wasserdichter, kratzfester Tablets technisch möglich – so sind wir der Idee eines, den wechselhaften Umständen jederzeit anpassbaren Reisenachschlagwerks näher denn je. Selbstverständlich müssen die Wissensbausteine möglichst klein und überschaubar gehalten sein damit dies irgendwann die Chance hat, Teil jenes erstrebten,  granular zusammengesetzten Gesamtkunstwerks zu werden. Ich fange einfach mal an.

Wanderung auf dem Kammweg der Niederen Tatra (Donovaly-Telgart)

Ich werde versuche hierfür alle relevanten Informationen zusammenzutragen und regelmäßig zu aktualisieren. Natürlich freue ich mich dabei über jegliche Mithilfe und Unterstützung.

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Andere Wissensquellen: Im Netz fand ich nicht sehr viel, was u.a. eine der Motivationen für diesen Artikel hier war. Der Erlebnisbericht von 2008 auf dem Dresdner Blog “Dorrits Space” und Etappenübersichten auf slowakia.travel waren jedenfalls nach meiner Recherche die einzigen Quellen, welche einen gewissen Mehrwert boten. Einen vorzüglichen Überblick der Wegstrecke bietet in gewohnt solider Manier das Online-Karten-Portal turistika.freemeap.sk. Echte Wanderkarten im Maßstab 1:50000 können vor Ort mühelos erworben werden.  Als ganz korrekte Lektüre aus Totholz kann hier Slowakei:Weg der Helden aus der Reihe “Der Weg ist das Ziel” des Conrad Stein Verlags erwähnt werden. Darüber hinaus kann ich nicht mehr empfehlen, da ich schlichtweg keine weiteren Bücher zum Thema gesichtet habe.

Anreise: In weniger als 12 Stunden ist dies aus Berlin möglich. Der entscheidende Knotenpunkt dürfte hier auch aus anderen Teilen der Republik Prag sein. Von hier fahren reichlich Züge in die Slowakei (Prag-Žilina, 11 Mal am Tag). Aus der Erfahrung heraus empfehle ich hier einen der Nachtzüge zu nehmen. Ob nun gewagt auf leere Abteile spekulierend im Sitzplatzwaggon oder der Liegewaggon – das bleibt euch überlassen. Ankunft in jedem Falle in der Frühe und der ganze Tag liegt noch vor euch!

Herumreisen: Verkehrstechnisch ist die Niedere Tatra vorzüglich eingebunden und erschlossen. Obwohl man sich vom großen Bruder im Westen vor etwas mehr als 20 Jahren einvernehmlich trennte, hat man die guten Dinge der gemeinsamen Jahre belassen und weiter aufgebaut, sprich: das Eisenbahnwesen, wie der gesamte öffentliche Nahverkehr sind in allerbesten Zustand. Das Gebirge wird von fröhlich surrenden Eisenbahnen umsäumt: Im Norden die flinke Expressstrecke Košice–Žilina und im Süden die etwas gemächlichere Verbindung Banská Bystrica–Červená SkalaMargecany. Sollte man während der Wanderung aus diversen Gründen zwischen diesen beiden Verbindungen wechseln wollen, ist dies am besten per Bus zu bewerkstelligen.

Charakteristik der Region: Die Niedere Tatra (slowakisch: Nizke Tatry) ist ein sehr hohes Mittelgebirge im Herzen der Slowakei. “Sehr hohes” Mittelgebirge deutet darauf hin, dass es keinesfalls als lupenreines Mittelgebirge zu sehen ist, aber die Höhen die einige Male um die 2000 m auflupfen bei weitem auch nicht dazu berechtigen würden, es als Hochgebirge zu bezeichnen.

Schon ein oberflächlicher Blick auf den Gebirgszug offenbart, dass die Niedere Tatra aus zwei Hauptteilen besteht: Ďumbierské Tatry (westlicher Teil) und Kráľovohoľské Tatry (östlicher Teil). Die Namen ergeben sich aus den jeweils höchsten Bergen (Ďumbier, 2043m und Kráľova hoľa, 1946m) der beiden Teile. Die zwei Gebirgsgeschwister unterscheiden sich in vielen Punkten voneinander, so dass man fast geneigt ist, sie als verschiedene Gebirge ansehen zu wollen.

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Entsprechend des allseits bekannten Ost-West-Schemas könnte man sich auch hier versuchen metaphorisch zurechtzufinden. Der Westen ist zweifelsohne die Glamourpassage mit den höchsten Gipfeln, alpinem Flair, Wintersportgehabe und mehreren Bergunterkünften mit gastronomischer Finesse, die den entbehrungbereiten Wanderer leicht auf andere Gedanken bringen können. Der Osten dagegen weiß auf den ersten Blick zunächst mit einer großen Palette an Mangel zu überzeugen. Kaum Menschen, Gastronomie oder gar Wintersportangebote, außer Schnee. Selbst einen Wanderweg muss man vielfach erbittert suchen und das will auf einem Kammweg schon was heißen, doch der zugewucherte Dschungel der Kráľovohoľské Tatry befindet sich jenseits der Welt der ausgetretenen Pfade. So man aber um diese Ausstattung weiß, kann man hier herrlich belohnt werden. Mitten in Europa unter Bären und Beeren nahezu allein, hoch über allen zu lustwandeln ist ein unschätzbarer Luxus, der heutzutage immer seltener zu finden ist.

Regeln&Gesetze: Die Niedere Tatra bietet dem zivilisationsmüden Naturfreund ungeahnte Möglichkeiten um sich im Herzen des sonst so zersiedelten und überregulierten Mitteleuropas auszuleben. Sicher, man sollte die angebrachten Schilder, welche auf gesonderte Rechte der Natur hinweisen, ernstnehmen. Hier gelten strengere Gesetze, die zelten, Lagerfeuer, ja, das schlichte Verlassen des Wanderwegs untersagen. Doch schon das einfache Kartenstudium zu Beginn der Wanderung zeigt die heiklen Schutzzonen, die auch dieser Kamm durchquert, so das man dies in die Planung aufnehmen kann und es vermeidet hier übernachten zu müssen. Zudem bieten sich manche lebensfeindlichen und windzerzausten Gegenden per se nicht zum Übernachten an. Doch so man Wanderkarte wie Hinweisschilder aufmerksam im Auge behält, sind die Gelegenheiten für ein freies und wildes Pfadfinderabenteuer hier noch recht ungefährdet. Speziell im Ostteil der Niederen Tatra, die man größtenteils für sich allein hat, bleiben diesbezüglich kaum Wünsche offen.

Ausrüstung/ Fitness: Dieser Kammweg ist für mittelfitte Wanderer locker in einer Woche zu schaffen. Als Einstieg zwar nicht zu empfehlen, können hier schon gering erfahrene Wanderer erste Meriten sammeln. Zur Ausrüstung muss nicht viel gesagt werden. Der normale Goldstandard für draußen: festes, knöchelhohes Schuhwerk mit ausreichend Profil und optionalen Gamaschen, Regenschutz, Zelt, Schlafsack, Taschenlampe, Messer, Kocher, Proviant (für drei Tage, den Rest kann man auf den Hütten dazu kaufen).

Sonstiges: Ein gesonderter Hinweis hier noch zu den Wegweiserangaben, die auf slowakischen Wanderwegen den Reisenden mit Informationen zur Strecke versorgen. Die Wegweiser entlang der Strecke sind an sich schon Empfehlungen für Tagesetappen.

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Sie verweisen manisch auf ein Tagesziel und nie darüber hinaus. Erst wenn man das Tagesziel erreicht hat, erfährt man neue Angaben zu der weiteren Wegführung. Die zu bewältigende Strecke wird hier wohlweislich in Stunden angegeben, da einen bei derlei bergigen Strecken eine Kilometerangabe nicht sonderlich weiterhelfen würde. Doch besagte Zeiten sind unbedingt mit Vorsicht zu genießen. Eingangs erwähnte ich, dass das letzte Ziel eines neuen Wegweisers durchaus als Tagesettapenziel zu verstehen sei. So verwundert es doch erheblich wenn man hier Zeiten wie 4 oder 5 Stunden sieht. Selbst wenn man annehmen kann, dass hier selbstverständlich jegliche Pausen rausgerechnet sind und die reine Laufzeit gemeint ist, so verwundert eine Angabe von 4 Stunden für einen Wandertag doch enorm. Und, nein, es ist nicht die faule Lesart, die solche Wegweiser erklären könnte, sie sind schlicht und einfach heillos untertrieben. Rechnet bitte locker noch einmal ein Drittel drauf. Dann kommt es ungefäht hin. Die, auf den Wegweisern angegebenen Nahziele (alles unter 1h) stimmen dafür meist ziemlich genau.

Routenempfehlung: Laufrichtung Ost-West oder West-Ost?

In meinen Augen spricht viel für West-Ost. Hauptsächlich aufgrund der Startetappe. Nichts gegen einen gepflegten Aufstieg am Morgen, doch der Anstieg von Telgart auf den Kráľova hoľa erscheint mir einfach als undankbarer und vermeidbarer Kraftakt um den Kamm zu erobern. Außerdem sollte natürlich auch bedacht werden, dass die Anreise nach Telgart (von Deutschland aus) etwas länger ist. Der Trumpf von wegen zweimal Umsteigen und weniger als 11 Stunden später kann losgewandert werden würde hierbei entschieden angekratzt werden. Die, im weiteren Test vorgestellten Tagesetappen sind als Orientierungspunkte zu verstehen, die frei und flexibel den eigenen Bedürfnissen wie den äußeren Umständen angepasst werden können. Nur eines ist sicher und von Bestand: Es ist der rote Weg!

Voretappe/Aufwärmrunde: Donovaly – Hiadel’ské Sedlo (Höhenmeter: 550 m/ Distanz: 9 km)

Dank der hervorragenden Über-Nacht-Verbindung erreicht man Ružomberok sehr früh. Daher kann man sich hier sehr viel Zeit lassen mit Aklimatisierung, Einkäufen und jeglichen anderen Erledigungen. Dann nimmt man einen Bus nach Donovaly (ca. halbstündlich Richtung Banska Bystrica, nähere Auskünfte hier) vom, an den Zugbahnhof angeschmiegten Busbahnhof. Donovaly ist eines dieser, für mich von jeher schwer verständlichen Zentren für Menschen, die in den Bergen Urlaub machen ob wohl sie die Berge nie betreten. Hier gibt es jedenfalls ausreichend Gelegenheit um jeglichen kulinarischen Gelüsten oder möglichen letzten Einkaufsideen nachzugehen. Sobald man die ersten Meter hinter sich gebracht hat, dürfte man über 1000 Höhenmeter sein (Donovaly liegt auf 980 m) eine Höhe die der Wanderer bis zum Ende des Kammes nie wieder unterschreiten soll. Die eigentliche Wegstrecke ist heute eher überschaubar und eine ideale Einstiegsetappe. Ungefähr drei Stunden reine Laufzeit führen bis zum Hiadel’ské Sedlo. Hier gibt es eine unbewirtschaftete Útulňa, Wasser und eine Wiese zum zelten auf einer Höhe von 1099 m. Ein hervorragendes Basiscamp, welches ich zweifelsohne der Alternative vorziehen würde, von Donovaly in einem Zug zum Tagesetappenziel des nächsten Tages durchzuziehen. Länge, Höhe und Anspruch einer solchen Etappe würden jedenfalls mich für den Anfang deutlich überfordern und ich empfehle speziell Anfängern sich am Anfang nicht zu überschätzen und es langsam angehen zu lassen.

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1. Etappe: Hiadel’ské Sedlo – Útulňa pod Sedlom Durkovej (Höhenmeter: 1300 m/ Distanz: 16 km)

Ein Anstieg am Morgen, der dem Weg der Helden angemessen ist. Doch nach drei Stunden sollte selbst der letzte Held es geschafft haben. Dafür kann man nun endlich, befreit von all dem Sicht versperrenden Gehölz einen freien Blick auf all die Schönheit um einen herum werfen. Einzig die künftigen Riesen, welche der gewählte Pass demnächst überquert sind von hier noch nicht auszumachen. Nach diesem Aufstieg schlängelt sich der Weg in harmlosen Steigungen sanft den Kamm entlang. Ja es geht sogar empfindlich bergab bis auf 1476 m beim Sedlo pod Skalkou. Finaler Höhepunkt des Tages ist der Durková. Spektakuläre Sicht und erstmals Blick auf die Berge von morgen. Angekuschelt an diesen Berg findet sich die Útulňa für den Abend. Einige kostbare Höhenmeter müssen hierfür hergegeben werden, doch die läppischen 100 m sind es wert, denn hier lockt eine überdachte Schlafgelegenheit (zelten gratis möglich), Bier und auf Nachfrage köstliche Suppen.

  • Die Útulňa ist auch das Zuhause von vier stattlichen Berghunden. Wanderern, die mit Hund unterwegs sind, sollten daher auf der Hut sein

  • erstes Trinkwasser seit Siadelske Sedlo (andere Laufrichtung Chopok), bedenkt also, dass die am Morgen aufgefüllten Wasservorräte bis hierher reichen müssen

2. Etappe: Útulňa pod Sedlom Durkovej – Útulňa gen. M. R. Štefánika (Höhenmeter: 700 m (ohne Dumbier-Aufstieg)/ Distanz: 20 km)

Prinzipiell ist diese Etappe durchaus auch bis Certovica denkbar, aber was will man schon an einem seelenlosen Motorest wenn man die Nacht auf dem Kamm in einer schnuckligen Útulňa verbringen kann.

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Der Aufstieg, der am Abend verlorenen Höhenmeter zum Morgen ist hart aber kurz. Danach ist man wieder auf Kammhöhe und schlendert lässig auf die höchsten Gipfel der Niederen Tatra zu. Der Chopok stellt ohne jeden Zweifel das Epizentrum touristischer Erschlossenheit dar. Dank zahlreicher Seilbahnen wimmelt es hier vor Menschen und die Chata offeriert feinste slovak cuisine. Nach dem Chopok führt der Weg an einem Abzweig vorbei von dem man auf den Dumbier, den höchsten Berg der Niederen Tatra, erklimmen kann. Es empfiehlt sich, den Rucksack hier irgendwo zu verstecken und derart luftig beschwingt den Gipfel zu erstürmen. Empfohlene Aufstiegszeit 30 Minuten/ Abstiegszeit 20 Minuten. Nach diesem Abzweig ist es nur noch eine knappe Stunde bis zur Útulňa gen. M. R.Stefanika. Hier handelt es sich um die größte Útulňa des Gebirges und sie steht auf diese Weise tatsächlich in auffälligen Kontrast zu der Útulňa der Vornacht. Nichtsdestotrotz herrscht hier ein angenehmes, fröhliches Leben in Küche und Gastraum, die Aussicht von der Terrasse ist phänomenal auf der man sich mit einem kühlen Bier mit dem beruhigenden Gedanken setzen kann, den gewaltigsten Teil der Strecke bewältigt zu haben.

  • Zelten gegen Aufpreis (€5) erlaubt

  • Hunde im Gastraum verboten

3. Etappe: Útulňa gen. M. R. Štefánika – Útulňa Ramža (Höhenmeter: 800 m / Distanz: 16 km)

Für diesen Tag sehe ich zwei Möglichkeiten als gangbar an. Einerseits wie oben angezeigt bis zur nächsten (unbewirtschafteten) Schutzhütte oder ein kleines Stück weiter bis zu der wunderschönen Bergwiese pod Homolkou. Die Entscheidung hierfür ist wetter- und konditionsabhängig zu treffen. Vorteil der längeren Etappe ist zweifelsohne, dass die nächste Etappe hierdurch deutlich verkürzt wird.

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Der “Abstieg” nach Čertovica verwirrt zu Beginn eher durch leichte Anstiege als durch nenneswerte Höhenmeterverluste. Doch irgendwann geht es schließlich doch hinab zu der einzigen, das Gebirge durchschneidenden Autostraße und der Grenze zwischen den beiden Gebirgsteilen.Čertovica bietet zwei Lokale und ein Hotel (keine Einkaufsgelegenheit!) und eine Bushaltestelle. Der Weg nach Ramža führt sanft bergan und zeigt hiermit den veränderten Charakter des Kamms in diesem Gebirgsteil für die nächste Zeit an. Der Weg führt durch waldiges, im Sommer stark zugewuchertes Gelände. Der Weg ist hier aufgrunddessen mit abgerissenen Stückchen Flatterband markiert, da die üblichen Wegzeichen hier ohne jeden Zweifel nicht erkennbar wären. Ramža ist relativ schnell erreicht. Es handelt sich um eine hervorragend ausgestattete Hütte mitten im Wald. Sie dürfte ca. 15 Leuten Schlafraum bieten, Quelle vorhanden, Zeltgelegenheiten ebenso.

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Empfehlungen im Falle des Weitermarschs bis “pod Homolkou”: Ein gutes Beispiel für die eingangs kritisierten Wegweiserzeiten. Von Ramža soll es bis zu dieser Bergwiese nur eine Stunde dauern. Nehmt lieber 1,5 h an. Vor dem Aufstieg zum Homolka sollte man unbedingt an der ausgewiesenen Quelle noch Wasser auffüllen. Danach befindet man sich recht schnell auf einer besagter Bergwiese. Ein entzückender Platz zum Übernachten.

4. Etappe: Útulňa RamžaÚtulňa pod Andrejcovou (Höhenmeter 1500 m/ Distanz: 20 km)

Hier zahlt sich nun das am Abend zuvor Zurückgelegte aus. Beide Etappen führe ich hier in der Beschreibung aber der Einfachheit halber in der Útulňa Andrejovcou wieder zusammen. Sollte es nötig sein, kann auch immer auf dem Sedlo Priehyba eine Pause eingelegt oder sogar das Lager für die Nacht errichtet werden.

Der Weg von Ramža gen Osten bleibt weiterhin sehr krautig und verwildert. Die Totholzareale durch Sturmschäden gehören wohl auch zu den eher unansehlichen Teilen des Kammwegs. Dies hört jedoch schlagartig mit Erreichen des Homolka auf. Von hier geht es über Zadna Hol’a endlich wieder über 1600 Höhenmeter und damt aus der bewaldeten Zone hinauf auf die Bergwiesen mit freien Blick. Mit etwas Glück ist ab hier auch die Hohe Tatra zu sehen. Dann noch etwas ein entspannter Kammweg bis es zum “Abstieg of Hell” kommt. Der Weg zum Sedlo Priehyba gehört zu den gemeinsten Dingen, die Knien angetan werden kann. Bitte äußerste Konzentration und Vorsicht! Der Sattel selbst ist mit den üblichen Utensilien eines Bergbasiscamps ausgestattet (eine kleine Schutzhütte, Wasserquelle, Zeltplätzen). Hier kann man sehr gut die Nacht verbringen oder einfach nur verschnaufen um den letzten, relevanten Aufstieg dieses Kamms anzugehen. Die 500 Höhenmeter auf den Velká Vapenica sind in 2 Stunden zu schaffen – ein akzeptabler und wenig bösartiger Weg. Danach befindet man sich erneut über der Waldgrenze und kann die letzte Stunde bis zur Útulňa gepflegt auslaufen. (Achtung: Wenn man in Priehyba mit Ziel Útulňa losläuft, sollten minimal 3 Stunden Tageslicht zur Verfügung stehen um die Hütte komfortabel zu erreichen.) Die Útulňa pod Andrejcovou gehört für mich zu den reizvollsten, touristischen Errungenschaften die die Niedere Tatra vorzuweisen hat. Hier hat in den letzten Jahren ein liebenswerter Idealist einen Stützpunkt geschaffen, der in dem gesamten Gebirgsteil wie ein Leuchtfeuer wirkt. Zudem ist hier der familiäre Aspekt noch deutlich stärker als der kommerzielle im Westteil des Gebirges.

5. Etappe: Útulňa pod Andrejcovou – Telgárt (Höhenmeter: 1600 m/ Distanz: 17 km)

Die Anstiege, die in zaghaften Schüben auf den letzten Höhenkamm dieser Wanderung führen, sind gemessen an dem zuvor Erlaufenen eher als entgegenkommende Anstiege zu bezeichnen. Vielleicht führt aber auch die Euphorie des nahenden Ziels zu einer subjektiven Einschätzung dieser Strecke.

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Der größte Anstieg ist jedenfalls mit dem Bartková genommen. Danach geht es mehrer Kilometer einen fantastischen Wiesenkamm entlang, von dem sich sämtliche Schönheiten der slowakischen Berglandschaft erblicken lassen. Die Hohe Tatra ist hier nun wirklich nah und ein wahrer Blickfang. Schließlich erscheint die charakteristische Antenne des Králòva hol’a am Horizont und damit der finale Höhepunkt dieser Wanderung. Im Gegensatz zu den diversen Bergen, die man auf diesem Pass erklimmt, gehört der Králòva hol’a für mich zu einer charakteristischen Ausnahmeerscheinung – es ist für mich DER ungekrönte Herrscher dieses Massivs. Auch wenn er formal nicht der höchste Berg ist, ist er trotzdem weithin aus den unterschiedlichsten Perspektiven sichtbar und thront über der Landschaft wie eine wirklich singuläre Erscheinung und nicht wie diese, wie nebenbei nach oben gedrückte Kollektivleistung  Dumbier-Bergrückens. Nichtsdestotrotz sollte man sich von diesem Glanz nicht blenden lassen. Auch wenn eine Straße bis auf den Gipfel führt, der Berg eine hohe Ausstrahlungskraft besitzt und nicht zuletzt namensspendend für diesen Teil des Gebirges war – hier oben gibt es nichts außer der Aussicht und ggf. den Triumph. Das riesige, zur Antenne gehörende Gebäude brummt nichtssagend vor sich hin und der Besucherandrang entspricht der Leere des Hinwegs in diesem Teil der Niederen Tatra.

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Der Abstieg dagegen sollte bei all der Freude hier zu sein, nicht vergessen werden, denn der hat es in sich. So man nach Telgárt möchte, gibt es zwei Alternativen: den grünen oder den roten Weg. Der grüne Weg verläuft zum Abschluss noch über die dem Králòva hol’a vorgelagerten Felsen, was überaus romatisch und empfehlenswert ist, der weitere Weg hinter den Felsen verlief sich aber derart gnadenlos im verkrauteten Unterholz, dass ich, klare Passweg-Strukturen gewöhnt, mich prompt verlief und querwaldein den Weg zur Zivilisation suchen musste. Wie der rote Weg hier markiert ist, kann ich nicht einschätzen, beim nächsten Mal werde ich diesen aber zweifellos erwählen. Schlussendlich ist es aber egal, die knapp 1100 m müssen hinunter und das ist in der Regel schmerzhaft. Telgárt selbst ist auch nicht der beste Zieleinlauf aller Zeiten. Es handelt sich hier um ein winziges Kaff mit beschränkten Übernachtungsgelegenheiten und provinziell behäbiger Antriebskraft.

Anschlusswanderungen: Selbstredend schiebt sich bei dieser Routenbeschreibung quasi unwillkürlich das Slowakische Paradies in den Vordergrund. Schließlich ist das auch der normale, weitere Verlauf des roten Kammwegs mit dem man gerade soviel Spaß gehabt hatte. Und warum auch nicht? Beim Slowakischen Paradies handelt es sich um eine zauberhafte Berglandschaft, die mit zerklüfteten Felsformationen gleichermaßen zu bezirzen weiß wie mit idyllischer Vegetation einzulullen versteht.

Wer nach diesem Pass sich jedoch ein wenig steigern möchte, dem sei natürlich die Hohe Tatra ans Herz gelegt. Diese lockte die letzten Tage sowieso schon aufs Unverschämteste, was liegt daher näher, als ihr einen kleinen Besuch abzustatten. Dabei sei jedoch erwähnt, dass ie Hohe Tatra nicht genauso zu erwandern ist wie die Niedere Tatra. Dafür ist sie zu hoch und verfügt nicht über einen vergleichbaren Kammweg. Alternativ könnte man hier von verschiedenen Basiscamps die Gipfel der Tatra erobern. Allen voran sei hier natürlich der Kriváň anempfohlen.

Im Falle einer Ost-West-Route könnte das Anschlussgebirge aber auch Westtatra, Vel’ká Fatra oder Malá Fatra heißen. Für jedes dieser drei Gebirge (hinsichtlich ihres Niveaus in absteigender Reihenfolge aufgezählt) kann man etliche Gründe aufzählen, doch dies dann demnächst in einem eigenen Gebirgsratgeber. Fest steht allein, die Slowakei birgt Wanderspaß für einige Jahre.

Weiterführende und hilfreiche Links:
Hütten auf dem Kammweg: