Schlagwort-Archive: Georgien

Argonautische Annäherung

Dank herausragender Leistungen in den Disziplinen Stümperei und Verpeiltheit lustwandeln wir aktuell noch nicht durchs hochgelobte Land. Doch nachdem die ersten Anfälle von Selbstvorwurferitis und Kostenexplosionspanik überstanden waren, entdeckten wir voller Dankbarkeit die Alternative über Griechenland das Geplante doch noch umzusetzen. Und fürwahr erschien diese Reiseroute bei genauerem Betrachten so naheliegend, dass wir uns fragten, warum dies nicht sowieso unsere erste Wahl gewesen war. Wie könnte man sich dem verehrten Georgien denn wohl gediegener annähern? Die hiesigen Schriftzeichen wanken zielsicher in eine vergleichbar absurde Richtung, mediterrane Lässigkeit erscheint als ausgezeichneter Einstieg zur kaukasischen Nonchalance und überhaupt – waren es nicht Griechen, die vor langer Zeit auf der Suche nach dem Goldenen Vließ erstmals Kurs auf den Kaukasus nahmen. So erscheinen also die den Umständen abgetrotzten acht Stunden Aufenthalt in Thessaloniki als angemessene Einstiegsdroge für den kommenden Rausch. Wieder mal alles richtig gemacht!

Frisch gelesene Bücher: Wie ich nach Swanetien reisen wollte

Wohl noch nie entsprach der Titel eines Buches so exakt meinen realen Lebensumständen. Denn in der Tat wollte auch ich nach Swanetien reisen, und zwar morgen. Doch ein klammheimlicher Blick auf die Wetterkurve ließ die Vernunft einreiten und überzeugte mich in Georgien dem Land der sieben Klimazonen ein wärmeres Eckchen zu entdecken.Und wenn es selbst der große Benno Pludra, Held meiner Kindheitstage, nicht nach Swanetien geschafft hat, kratzt es etwas weniger, ein weiteres Mal die großen Kawenzmänner an der russischen Grenze auszulassen.

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Während Pludra durch ausufernde Gastfreundschaft und desaströse Straßen scheiterte ist es bei uns also “nur” das Wetter. Doch wenn der Regengott auf Reisen geht, dann lieber einmal ängstlicher als nötig wenn es um die ihn treu umsorgenden Wolkenschäfchen geht.

Worum sonst dreht es sich noch in dem kleinen Büchlein?  Der Rest des kleinen Erzählbands macht noch einmal mehr Lust auf den baldigen Ausflug in das heißgeliebte Georgiens. Freilich atmen die Erzählungen Pludras den Geist jener friedlichen Zeiten, die die Sowjetunion annodazumal dieser Region bescherte. Vieles hier liest sich arg beschönigt und rosarot verfärbt. Prosaisch wandeln wir durch eine Welt des Aufbaus unaufhaltbar der Zukunftssonne zugewandt. Und dennoch weiß der Kaukasusfreund zwischen den Zeilen zu lesen und zählt nun voller Ungeduld die Stunden bis er endlich wieder kaukasischen Boden betreten darf.

Frisch gelesene Bücher: Santa Esperanza

Wie hier ja schon subtil zwischen den Zeilen durchgesickert sein dürfte – ich bin ein wenig begeistert von dem kleinen Ländchen namens Georgien. So konnte es nicht ausbleiben, dass ich auch der georgischen Literatur ein wenig auf den Zahn fühlen wollte. Nun könnte man, wie bei so vielen Sachen in Georgien, hier weit zurückgreifen und sich aus einem schier unerschöpflichen Fundus bedienen. Doch ich konzentrierte mich zunächst auf die neuere Literatur und stolperte dabei über Santa Esperanza und war erstmal baff.

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Was bitte war denn das? Nach kurzer Recherche erfuhr ich, dass es sich hierbei zwar um 36 einzelne Hefte in einem entzückenden Schuber handele, das Ganze aber dennoch ein 850seitiger Roman sein könne. Oder auch nicht. In dem schließlich zu Gemüte geführten Anleitungsheft erfuhr ich, dass ich die einzelnen Hefte in beliebiger Reihenfolge lesen könne – eine Geschichte würde sich in jedem Falle entspinnen. Selbstverständlich ist der Autor auch so frei und bietet verschiedene Reihenfolgen für die unterschiedlichsten Launen an – gar keine Frage, das musste probiert werden.

Kaukasusnovize der ich war, wählte ich das Standardverfahren alles schön der Reihenfolge nach zu lesen. Eine sehr praktische Angelegenheit im Übrigen um lesend zu reisen: auf allen Ausflügen auf denen das Gepäck anderswo gelagert ist, kann solch ein (oder zwei) schmales Heftchen immer mitgenommen und zwischendurch gelesen werden.

Doch nun zum Buch an sich. Es handelt sich um einen  historischen Roman, welcher das fiktive Inselreich “Santa Esperanza” im Schwarzen Meer zum Thema hat. Diese Inseln liegen irgendwo zwischen Georgien und der Türkei und wurden im Laufe der Jahrhunderte von den verschiedensten Völkern besucht und geprägt. Diese bunte und verworrene Geschichte, die mit leichter Hand Kaukasus und mediterrane Kultur miteinander verwebt und schließlich im Chaos und Bürgerkrieg der Gegenwart endet, ist ein lesenswerter Einstieg in eine fabulierfreudige, freundliche und absurde literarische Welt, die der realen Welt in unzähligen Details gleicht. Wir fassen zusammen: Vielleicht ein Glückstreffer, aber auch in Sachen Lektüre weiß Georgien zu überzeugen!

 

Ein unmöglicher Reisebericht

Es ist an der Zeit ein paar resümierende Worte zu verlieren. Ein zusammenfassendes Zwischenfazit zu einem Erlebnis, welches mich sprachlos begeistert hat. Die Rede ist von jenem Land im Kaukasus mit den zahlreichen Namen – Sakartwelo, Grusinien, Kolchis, Georgien! Ein schwieriges Unterfangen, fürwahr! Den unterwegs abgeschossenen Reisesplittern konnte man mit Sicherheit schon entnehmen, dass ich ganz und gar fasziniert war von dem was sich mir in einer viel zu kurzen Woche bot. Auch im allerneusten Laberpodcast bringe ich dies ja ganz zum Schluss zur Sprache. Und das obwohl ich mit allerhöchsten Erwartungen angereist war.

Es ist genug Gegend für alle da
Es ist genug Gegend für alle da

Was nun ist die Grundlage dieser lobhudelnden Euphorie? Schwierig, schwierig. Allzu oft bemerkte ich bei meinen mündlichen Reiseberichten, dass Worte offenbar nicht ausreichten um das Besondere an Georgien zu vermitteln. Abgesehen von den offensichtlichen Kernkompetenzen, wie herausragende Küche, atemberaubende Berge, entzückender Strand, vorzügliche Weine, eine bezaubernde und pralle Vegeation allerorten  und  Gastfreundschaft in ihrer reinsten Form sowie Freundlichkeit, immer wieder Freundlichkeit, war da noch etwas ein schwer zu beschreibendes Etwas. War es die Ferne, das Exotische, das nicht Einordnungsbare? Gänzlich sicher bin ich mir immer noch nicht. Fest steht jedoch, dass ich sieben Tage wie elektrisiert alles um mich herum aufsog und nach Ende der Reise auch erlebnisverkatert wie lange nicht mehr derbe in der Heimat aufschlug.

Mama Grusija - charmant, apart und abgewandt freundlich!
Mama Grusija – charmant, apart und abgewandt freundlich!

Was bleibt ist Spekulation und Vermutung. Erst die nächste Reise (und wie ein Süchtelnder zähle ich die Tage bis dahin…) wird eventuell mehr Gewissheit erbringen. Eine Erklärung die, so diffus wie plattitüdig daherkommt, wäre jene, dass ich mich hier jede Minute wie zuhause gefühlt habe und dabei unablässig das Gefühl hatte, dass mir hier ein Detail, ein winziges Mosaikstückchen fehlte. Fehlte zu was? Ja, das ist die eigentlich entscheidende Frage. Ständig hatte ich ein unbestimmbares Gefühl, dass ich nur ein Haarbreit entfernt war: zum vollständigen Verständnis, perfekten Geschmackserlebnis – was auch immer. Oft, zu oft, blieb ich unsagbar befriedigt zurück und doch nagte eine gewisse Unruhe an mir, die mich wach hielt. Da war noch mehr. Dem weitgereisten Beobachter in mir kam es so vor als würde da noch mehr sein, etwas das nur im Augenwinkel sichtbar, im Unbeobachteten entdeckbar war – im ständig zwielichternder Unschärfe. Ein Phänomen, welches mich in jedem Fall wachhielt, mich weiter hungrig ließ und aktuell nach mehr geifern lässt? Ja, ich sehe ein, so großartig dieses Medium hier auch immer ist, für alle kommunikativen Bedürfnisse scheint es nicht auszureichen. Auch wenn ich das Gefühl habe, mich besser verständigt zu haben, als mit gestammelten unfertigen Worten.

Schlingern wir also mit quietschender Kausalität zum Ende dieser unmöglichen Aufgabe, ein Fazit darzureichen nach lumpigen sieben Tagen! Dies war ein Appetithappen, aber ein gewaltiger und anregender. Die Vorfreude auf den nächsten Sommer ist hiernach nicht nur berechtigt sondern auch nicht unerheblich angefeuert.

 

MZB007 – Münzenberg – Der uneinheitliche Einheitsplausch

25 Jahre am Humboldthain. Zu Füßen das ewig unbeteiligte Berlin.
25 Jahre am Humboldthain. Zu Füßen das ewig unbeteiligte Berlin.

 

I’ve been looking for freedom von David Hasselhoff auf tape.tv.

<!– http://www.podcast.de/pod_96313JMeqZ082hLD7IqTs549050/ –>

Mein Podcast bei podster

 

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Das wars noch lange nicht

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Der Brückenkopf nach Europa - genauso öde wie er aussieht.

Und nun stehen wir wieder an einem dieser verhassten Übergangspunkte des internationalem Kolontourismus und warten auf unsere Übernahme in die hochgeschätzte Heimat. Doch zuvor sei Kutaissi erwähnt, zweitgrößte Stadt Georgiens, und nach kurzer Visite überaus angenehm. Wir genossen nach Maß und auch angemessen unseren Abschied von all jenem was man nach einer Woche so unschätzbar geworden ist.
Und wenn eines gesagt sein darf: Ansprüche weitestgehend gedeckt – ich komme wieder.

Ein Stückchen weiter im Weinparadies

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Einige Stunden holpriger und nicht minder gefährlicher Passagen erreichten wir Signagi. Seines Zeichens eine Metropole der Weinkultur und zudem durch verschiedene internationale Spenden zum Augenscheinchen herausgeputzt. Natürlich nahmen wir hier sämtliche Degustationen an, nur um nach der letzten Probe von den allgegenwärtigen Polen auf einen kleinen Umtrunk eingeladen zu werden. Polen in Georgien, ich erwähnte es bereits – dank jener ehrenwerten Fluglinie gehört Georgien überaschenderweise zur polnischen Tourismus-Einflusszone. Und das ist für mich, der ich mich im Schleppzug meiner polnischen Reisefreunde befinde, ungemein interessant. Ich werde meine Erfahrungen diesbezüglich demnächst  ausführen. Doch zunächst sei gesagt: selten ein Land bereist, welches so perfekt ist wie dieses und noch seltener eine Nation mit der ich eben jenes lieber entdeckt hätte. Und so sitze ich weiter unter Polen im Geburtsland Stalins und lerne, lerne, nochmals lerne polnisch.

Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

In der Weinhauptstadt

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Telavi - Mutter aller Weintrauben

Etwas mehr als 150 km später sind wir in Telavi angekommen. Die Hauptstadt von Kachetien – ein Mekka für Weinliebhaber. Seit 6000 Jahren wird hier Wein produziert, es versteht sich, dass wir von dieser Erfahrung unbedingt etwas mitbekommen wollten. Und so rinnt aktuell ein trockenes Fläschlein unsere Kehlen hinunter, die Grillen zirpen und in der Ferne lockt ein neues Sortiment an entzückenden Bergen.

Ein anderes Thema sei hier noch kurz angeschnitten – die Rennfahrernation Georgien. Ich war nun doch in einigen Ländern die eine recht legere Auslegung von Verkehrsregeln und dem allgemeinen Umgang im Straßenverkehr haben, doch die Georgier schlagen alles bisher erlebte. Ich habe heut ungelogen fünf Mal mein Leben vor meinem inneren Auge vorbeiziehen sehen. Zwei Hände am Lenkrad scheinen in einem so kurvigen Land derart unmännlich zu sein, die ununterbrochen glimmenden Zigarette braucht die Hand ja auch dringender. Wahre Hysterie ergriff mich nur wenn das Handy klingelte…

Abschied vom großen Berg

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Zwei Tage haben wir im Schatten dieses übermächtigen Riesens verbracht. Nun ziehen wir weiter. Höchstwahrscheinlich gen Telavi um der Weinlese beizuwohnen. Eines soll aber noch angefügt sein. Wenn der Eindruck entstanden sein mag, dass Russland hier in irgendeiner Weise ein Problem sein könnte, so entspricht das dem Eindruck den ich vermitteln wollte. Andererseits sitze ich auch gegenwärtig in einem Lokal, welches zwar definitiv polnisch dominiert ist (unser Chauffeur spruch von Mało Polski als er uns hinauffuhr – wir danken den Angeboten der ehrbaren Fluglinie Wizzair) aber durchmischt ist von Polen, Kaukasiern und Russen. Man redet und scherzt miteinander. Hoffnung, so rar sie in meinem Herzen bisweilen ist – hier habe ich auf ein mal einen kleinen Zukunftsschluckauf. Und das in dieser Gegend.

Zu Gast bei Prometheus

Ich könnte und sollte nun schwärmen und schwadronieren, die unfassbare Schönheit des Kaukasus’ in den saftigsten Farben schildern – doch muss ich ein Ereignis her orheben, welches die Unglaublichkeit der Natur leichterhand in den Schatten stellte. Da schwitzt man friedlich den Berg hinauf, ergötzt sich am Anblick des Kasbegs, hört förmlich den lebergeilen Adler kreischen und dann sieht man das rot-weiße Stigma eiserner Präsenz.

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Im Hintergrund der Kasbeg, im Vordergrund ein Aufstieg nach Maß.

Vertraut mir bitte – ich war es nicht! Warum reden immer alle über den Aufstieg wenn Union doch offensichtlich schon aufgestiegen ist.