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Ratgeber: Die Westliche Tatra (Roháče)

Wenn die Tage länger, die Gedanken grauer werden und der gesamte Organismus sich ganz allgemein nach Winterschlaf sehnt und sich in die Höhle zu verkriechen scheint, gibt es kaum etwas besseres als den vergangenen Sommer Revue passieren zu lassen und voller Genuss an die Zeit zu denken als man jauchzend unter blauen Himmel über duftende Bergwiesen lustwandelte. Dieses Mal soll es um ein ganz besonderes Stück Gebirge gehen: Die Westliche Tatra, auch bekannt unter dem Titel Západné Tatry (slowakisch) bzw. Tatry Zachodnie (polnisch) oder auch Roháče, welches eigentlich nur den zentralen Teil der Westtatra meint, aber in der Tschechoslowakei gerne für den gesamten Gebirgszug verwendet wird. Wie man ob des Namens vermuten kann, handelt es sich hier um einen engen Verwandten der Hohen Tatra, welche wohl allseits bekannt sein dürfte als das kompakteste Hochgebirge der Welt. Demzufolge sollte Planung und Organisation hier anders angegangen werden als bei Kalibern der Kategorie “aufstrebendes Mittelgebirge” wie etwa die “Malá Fatra” oder die “Niedere Tatra”

 Hier nun also der nächste Reisebericht im Geiste des Anhalters um dieses außergewöhnliche Erlebnis möglichst vielen Lebewesen in der Galaxis schmackhaft zu machen!

Kammwanderung von Zuberec nach Podbanské

Andere Wissensquellen: Wie so oft bei dem Themengebiet tschechoslowakischer Berge ist die Bandbreite der Vorbereitungsliteratur überraschend begrenzt. Es gibt ein kleines Büchlein mit Tourenvorschlägen sowie etliche Bücher die eigentlich den Klassenprimus’ Osteuropas, die Hohe Tatra im Fokus haben und die Weltliche Tatra quasi nebenher noch mit reindrücken. Erneut also ein erstaunliches Informationsleck für ein derart entzückendes Gebirge welches keine 700 Kilometer von Berlin entfernt sich dem Wanderer einladend entgegenrekelt. Ein guter Grund demnach hier wieder einmal die wesentlichsten Fakten zusammenzutragen um die Wanderung in der Westlichen Tatra zu einem auserlesenen Vergnügen zu gestalten.

Hinsichtlich Kartenmaterials sei gesagt: Einen vorzüglichen Überblick der Wegstrecke bietet in gewohnt solider Manier das Online-Karten-Portal turistika.freemeap.sk. Echte Wanderkarten im Maßstab 1:50000 können vor Ort mühelos erworben werden.

Anreise:  Das Hinkommen ist lächerlich einfach, daher bediene ich mich hier der Einfachheit halber aus meinen bereits erschienenen Ratgebern zur Niederen Tatra und Malá Fatra:
Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Expeditionen in die Westtatra, so man es, wie ich empfehlen würde, von der slowakischen Seite angehen möchte, ist Liptovský Mikuláš. Dieses nette Städtchen welches traumhaft zwischen Tatra und Velká Fatra eingekuschelt ist, erreicht man am stilsichersten im Schlafwagen. Zwei Züge fahren täglich von Prag über Žilina in die Slowakei ( “Bohemia”  22:19/4:34 oder “Slovakia” 23:59/5:47). Natürlich spricht auch nichts dagegen mit dem schicken Pendolino tagsüber gen Slowakei zu reisen. Tickets lassen sich entweder im voraus über das Internetportal von České dráhy erwerben oder klassisch am Fahrkartenschalter vor Ort. Wobei es in der Saison nicht schadet rechtzeitig vorher zu reservieren, so man mit dem Schlafwagen zu reisen plant. Tickets für den Liegewagen, früh genug gebucht, fangen bei €15 an, ein  normales Tageszugticket schlanke €9,18. Willkommen im Eisenbahnparadies! Der Pendolino fährt übrigens 7:10 in Prag ab und kommt schon  5 Stunden und 24 Minuten später in Liptovský Mikuláš an (Preis ca. €20). 

Auch wenn die Bahn fern im Tal ihre Kreise zieht, hier oben wird ihr Andenken in Ehren gehalten!
Die Omnipräsenz tschechoslowakischer Bahnen.


Beste Einstiegspunkte für die hier angepriesene Kammwanderung wären: 

  • Zuberec oder Huty (beides sind kleinere Ortschaften, in denen man einen roten Wanderweg finden wird, der einen zum Kamm führt, beide sind mit Bus erreichbar, es sollte jedoch bei der Reiseplanung geprüft werden ob zur Ankunftszeit ein Bus fährt oder ein etwas früheres Aussteigen in Ružomberok für die Verbindung möglicherweise sinnvoller ist. Sollte man sich für Zuberec entscheiden, dann unbedingt mit dem Bus die Straße nach Zwerowka fahren. Öder Asphalt zu Beginn hat noch keine Wanderung verschönert.)
  • Žiarska chata (auf 1225m gelegene Hütte zu Fuße des Kammwegs, die 15km Fußweg und gut 600Hm dorthin bieten sich auch als hervorragende Aufwärmetappe an)
  • diverse Schutzhütten auf halber Höhe zum Pass, die ihr mittels freemap.sk mühelos finden werdet (bspw.: auf dem blauen Weg ab Bobrovecká Vápenica findet sich ein paar Kilometer hinter dem Partisanenbunker ein idyllisches Hüttchen mit bestem Quellwasser, auf der Straße von Bobrovec kommend kann man aber auch noch vor den Bergen am Flusslauf zelten)

Herumreisen: Im Eisenbahnparadies geht dieses natürlich mit Leichtigkeit und Genuss vonstatten. Auch wenn die tschechoslowakische Bahn zumeist mit erstaunlicher Allgegenwart glänzt und sich noch in den abgeschiedensten Bergschluchten allerliebste Bahnstationen schmiegen, im Falle der Westtatra muss man dann doch den Bus oder einen etwas längeren Anmarsch einplanen. Doch seid unverzagt, abseits des prächtig ausgebauten Streckennetzes gibt es auch ein solides, zuverlässiges Bussystem, welches diese Lücken hervorragend auszustopfen weiß.

Die komplette Garnitur der Großfamilie Tatra. Mögen Wanderführer, Enzyklopädien und andere Experten anderer Meinung sein – für mich beginnt die Hohe Tatra am Krivan 

Charakteristik des Gebirges: Natürlich steht die Westtatra im Schatten der Hohen Tatra. Der höchste Teil der Karpaten ist mittlerweile wahrscheinlich sogar in den weiten Ebenen des flachen Lands ein Begriff. Dennoch seien hier ein paar einleitende Worte gestattet. Es handelt sich wie bei der Hohen Tatra auch bei der Westtatra zweifellos um ein ernstzunehmendes Hochgebirge. Wetter, eigener Kondition und Ausrüstung wollen für eine Wanderung hier wohl geprüft sein. Wie der Name schon sacht vermuten lässt liegt sie westlich der Hohen Tatra, auf der polnisch-slowakischen Grenze und nimmt eine Fläche von ca. 400 km² ein. Ihr höchster Gipfel ist die Bystrá mit 2248m. Die Westtatra ist Teil des Tatra-Nationalparks und dieser ist ein überaus kostbares und einzigartiges Rückzugsgebiet der Natur. Aufgrund der Popularität der Tatra (allein der kleinere polnische Teil verzeichnet jährlich über drei Millionen Besucher!) befindet sich dieses Refugium jedoch in zermürbenden Abwehrkämpfen mit den zerstörerischen Kräften der Zivilisation. Daher gibt es auf dem Territorium der TANAP zahlreiche ernstzunemende Ausnahmeregeln. Doch dazu mehr im nächsten Kapitel.

An dieser Stelle sei nur noch angemerkt, dass für die Planung die hier übliche strengere Gesetzgebung sowie der Hochgebirgscharakter ein anderes Wandern als in den Mittelgebirgen der Slowakei nötig machen. Sprich: ein gelassenes Ablaufen des Kammwegs ist hier nicht ohne weiteres möglich. Der Abstieg in die abendliche Chata sowie der erneute Aufstieg zum Kamm am Morgen lassen sich leider nicht vermeiden. Das Gütesiegel Hochgebirge bedeutet für den Wanderer, dass die Wege innerhalb kürzester Distanz enorme Höhen zurücklegen, teils gerölliger Untergrund zu erwarten ist und das Gebirge insgesamt klimatisch recht sprunghaft sein kann. Alles in allem sind hier alpine Erfahrungen hier sicherlich nicht ganz unpassend.

Es ist eine Menge verboten im Tatra-Nationalpark, wie zum Beispiel das Verbot einer Kapitulation im Angesicht von Rehen und das unbedingte Abraten davor einen Bären als Aschenbecher zu nutzen

Regeln&Gesetze: Im Gegensatz zum entspannten laissez-faire, der in sämtlichen anderen slowakischen Gebirgen Gang und Gebe ist, gelten hier wie im gesamten Hoheitsgebiet des TANAP andere Regeln. Die heilige Dreifaltigkeit meiner Sehnsüchte bei einer Wanderung durch die Berge – zelten, Lagerfeuer, frei laufender Hund – sind hier nicht ohne weiteres möglich. Doch angesichts der Freiheiten, die einem in den anderen Gebirgen erlaubt sind, bin ich als Naturfreund sogar bereit hierauf ohne viel Knurren Rücksicht zu nehmen. Daher, wenn ihr vor habt zu zelten, wisset um die besondere Brisanz und seid aufmerksamer als üblich, steht früh auf und verzichtet auf jeden Fall auf ein offenes Feuer. Hunde sind meines Erachtens nur auf slowakischer Seite gestattet. Und auch das nur an der Leine.

Ein weiterer zu berücksichtigender Umstand ist die Sperrung vieler Wanderwege vom 1.11. bis zum 15. Juni. Eine komplette Liste der betroffenen Wege findet sich hier, bzw. lässt sich auch den Wanderkarten entnehmen. Es mag nicht weiter verwundern, dass man große Teile dieses Gebirges im Winter sperrt, doch den 15. Juni als Eröffnungsdatum mag mancher bei der Reiseplanung vielleicht nicht auf dem Radar haben.

Egal wie anstrengend es klingen mag – es lohnt sich!

Ausrüstung&Fitness:  Dieser Kammweg  ist für geübte Wanderer locker in einer Woche zu schaffen. Zur Ausrüstung muss nicht viel gesagt werden. Der normale Goldstandard für draußen: festes, knöchelhohes Schuhwerk mit ausreichend Profil und optionalen Gamaschen, Regenschutz, Zelt, Schlafsack, Taschenlampe, Messer, Kocher, Proviant (für drei Tage, da man Abendbrot und Frühstück auf den Hütten erwerben kann. So man dies nicht in Anspruch nehmen möchte, sollte man dementsprechend mehr Lebensmittel mitnehmen).

Routenempfehlung: Im Gegensatz zu den klaren Routenführungen die die Pässe der umliegenden Gebirge offerieren, und die allenfalls hinsichtlich der Richtung diskutabel sind, bieten sich bei diesem Kammweg mehre Möglichkeiten an. Eine komplette Auflistung aller möglichen Routen mit Ein- und Ausstiegspunkten sowie den unterschiedlichen Übernachtungsgelegenheiten würde den Rahmen dieses Ratgebers sprengen und zudem die Übersichtlichkeit in Mitleidenschaft ziehen. Daher beschränke ich mich im weiteren grundlegend auf die von mir zurückgelegt Route und überlasse es euch, diese euren Bedürfnissen anzupassen.

Von Zuberec nach Podbanske in 4,5 Tagen

  1. Tag (Aufwärmetappe): Von Zuberec zur Ťatliakova chata a

Diese Etappe ist in dieser Form keineswegs nachahmenswert, doch sie entstand bei uns aus den Gegebenheiten, dass wir recht spät in Zuberec ankamen und an einen Aufstieg auf den Kamm nicht zu denken war. Empfehlenswer wäre hier wohl eher ein früher Start, dann ist der Aufstieg sowie die Strecke zur Chata auf der polnischen Seite durchaus im Rahmen der Möglichkeiten. Andererseits kann man sich mit einer solchen Etappe auch langsam akklimatisieren und zur besten Morgenstunde direkt am Fuße des Anstiegs loslegen. Es sei bei dieser Chata jedoch angeraten, sie frühzeitig zu kontaktieren, da man hier nicht mit den sonst üblichen Gewohnheitsrechten einer Berghütte rechnen kann. Es handelt sich hier eher um eine Art Imbiss mit Übernachtungsmöglichkeit. Wir mussten zumindest lange warten, bangen und betteln bis uns ein Bett in einem komplett leeren Schlafraum angeboten wurde. 

An der Ťatliakova chata im Angesicht des morgigen Aufstiegs.

Der Weg hierhin ist außer dem Blick auf die immer mächtiger hervorlugenden Gipfel der Westtatra eher als unspektakulär zu bezeichnen. Eine fade, geradlinige Asphaltstraße mit leichter kaum spürbarer Steigung. Dennoch hat man bei Ankunft in der Chata fast 350Hm von Zerovka oder 600Hm von Zuberec bewältigt.

Gesamtstrecke: von Zuberec 13km; 600Hm – von Zwerovka 5km, 350Hm

2. Tag:  Von Ťatliakova chata zur Schronisko na Polanie Chochołowskiej

Kleiner Disclaimer für eventuelle Neueinsteiger im osteuropäischen Berggeschäft. Das tolle Wort Schronisko, welches uns in der Überschrift auflauert, bedeutet nichts weiter als Chata. eine bewirtschaftete Berghütte also.

Der Aufstieg zu Beginn ist, kurz, knackig und wunderwunderschön. Der grüne Weg führt uns auf gut in den Berg geirkeltem Pfad schnell auf den Sattel Zábrat’ wo wir uns 300 Meter höher erst einmal mit aller Kraft an dem Gebirge weswegen wir gekommen sind sattsehen können. Denn der erste Eindruck ist immer der Schönste. Auf was wir hier blicken ist zum Teil dann eigentlich auch schon das Prunkstück der Westtatra. Das breit hingestreckte Tal Roháčska dolina säumt ein Kranz von schönen Gipfeln, die der majestätische Banik „beherrscht“. Ostrý Roháč und Volovec sind wiederum die Roháč (die Prinzen). Sie bilden ein untrennbares Paar schlanker Felsgipfel im Hauptkamm. Von hieraus erhält man einen Einblick in all die Möglichkeiten, die sich einem hier noch bieten würden: Die Wanderung zu den verführerisch glitzernden Bergseen oder auch der Kammweg in die andere Richtung, hin zur eingangs erwähnten Žiarska chata oder darüber hinaus bis zum eigentlichen Beginn des Passwegs in Huty.

Ein Blick für Götter und Prinzen

Wir entschieden uns für diesen Tag dem Kammweg leise servus zuzuseufzen und nach einem genussvollen, rucksackbefreiten Aufstieg auf den Volovec (2063m) über den blauen Weg hinab zur Chata zu schlendern. Natürlich könnte man hier auch über den grünen Weg hingelangen, doch sagte uns dessen Wegführung nicht zu, da uns der blaue Weg mit einem kleinen Ausläuferpass besser gefiel, da wir mit diesem Weg der kostbar errungenen Höhenmeter nicht ganz so rasant verlustig gingen.

Die erste Hütte auf der polnischen Seite der Westtatra ist ein solider PTTK-Klotz. Dies ist keinesfalls despektierlich gemeint. Ich habe schon vielfach hier die spezielle Kultur gepriesen mit der die polnische “Touristikgesellschaft” PTTK die ihr zugewiesenen Berglanschaften beglückt hat. Doch immer wieder genieße ich den ausgeprägten Unterschied zwischen den slowakischen Chatas und ihren polnischen Pendants. Auf jeden Fall kann man sich hier zu erschwinglichen Preisen laben und in korrekten Betten niederlegen.

Gesamtstrecke (inkl. Volovec): 8km; ca. 1600Hm

3.Tag: Von der Schronisko na Polanie Chochołowskiej zur Schronisko na Hali Ornak

Der Tag beginnt, wie angekündigt, zunächst mal damit die am Vortag verplemperten Höhenmeter wieder drauf zu tun. Doch angesichts der liebevoll in den Berghang geschneiderten Wege wäre es fast eine Sünde stur den Kammweg abzulaufen.

So steht man nach einem so reizvollen wie heftigen Aufstieg auf dem Trzydniowiański Wierch (1758m) und hat schon mal das Gröbste geschafft. In diesem Fall tatsächlich nur das Gröbste denn diese Etappe beinhaltet den nominellen Höhepunkt der Kammwanderung und zwar den Klin, oder wie ihn der stets für einen Zungenbrecher zwischendurch zu habende Pole ihn beliebt zu nennen, den Starorobociański Wierch (2176m). 22 gegen 4 Buchstaben, ach! Doch die Sprachdebatte will ich hier nicht aufmachen denn:

Dieser Berg bietet natürlich einen spektakulären Blick auf die vergangenen wie die zukünftigen Berge. Auffällig auch wie selbstbewusst die hiesigen Gämsen dank des jahrzehntelangen Naturschutzes die Nähe des Menschen dulden.

Fast scheint es als wäre sich der struppige Paarhufer seiner Bedeutung als Wappentier des Nationalparks wohl bewusst.

Von hier aus kann man nun auch den Kammweg in seiener Gänze bestaunen und begreift nicht ganz weshalb wenige Kilometer später hier eine Lücke im offiziellen Wanderwegs klafft. Ab dem Pyszniańska Przełęcz hört der rote Weg auf und setzt erst etliche Kilometer später ab dem Ciemniak wieder ein. Für unsere, sicher ungeübten Augen gibt es nach Ansicht des Kamms dafür eigentlich keinen ersichtlichen Grund. Nachdem nun der höchste Punkt der Etappe erreicht ist, muss man dann gemessenen Schritts die Höhenmeter erneut abgeben. Dieses wird aber mittels eines sanften Abstiegs über einen weiteren Nebenpass auf dem grünen Weg erreicht. Hier drängt sich eine entspannte Mittagspause an einer duftenden Bergwiese förmlich auf.

Żurek, Bigos und Piwo (nicht im Bild) – die heilige Dreifaltigkeit des Wandererfeierabends.

Sobald dieser Kamm abgelaufen, ist, wäre noch einmal ein wahrlich knierweichender Abstieg zu bewältigen (bei Regen unbedingt vermeiden!). Dann wechselt die Wegmarkierung von grün auf gelb und geht in etwas gemächlicherer Steigung bis vor die Tore der heutigen Schronisko. Auch diese Hütte ist wie die vorige in besten Zustand und liefert alles was des Wanderes Herz, Magen und Leber erfreut.

Gesamtstrecke: 14km; 2200Hm

4. Tag: Von der Schronisko na Hali Ornak zur Schronisko na Hali Kondratowej

Erneut geht es am Morgen an den täglichen Aufstieg. Auch dieses Mal wieder ein weise und mit Gefühl in den Berg gedrechselter Weg. Das letzte Drittel des Aufstiegs ist recht geröllig und sollte ebenfalls bei regnerischen Wetter tunlichst gemieden werden. Die Vorarbeit ist für diesen Tag erledigt wenn man auf den eigenen grünen Weg einen roten Weg zulaufen sieht. An der Wegkreuzung Chuda Turnia (1858m) kann man erstmals in nördlicher Richtung Zakopane ausmachen. Ab hier beginnt dann auch spürbar ein anderer Abschnitt des Gebirges, denn hier beginnt die Einflusssphäre eben jener polnischen Bergmetropole. Die Wanderwege füllen sich und man ist auf einmal alles andere als allein.

Irgendwas mit Menschen – Staugefahr auf dem Kammweg.

Unser Weg befindet sich nach einem kleinen Aufstieg zum Kresanica (2122m) wieder auf dem Kamm und nach ein paar kaum bemerkbaren Erhebungen auf diesem geht es auch schon wieder hinunter. Das erfahrene Kennerauge wird mit etwas Glück auch hier vielleicht ein einsames Plätzchen am Wegesrand für die verdiente Siesta finden, da selbst bei langsamen Gang diese Etappe doch recht kurz ist. Die eingeplante Schronisko befindet sich schon wenige Höhenmeter tiefer, nachdem man entweder über den gelben Später blau) oder grünen Weg kurz vom Kamm abgebogen ist. Diese Hütte  war von den dreien im übrigen mein Favorit: kompakt, schnuckelig und mit weiten Blick auf Tal und Berge traf diese am ehesten meinen Geschmack. Natürlich war sie ob ihrer Winzigkeit bis aufs letzte Bett ausgebucht, doch in Polen gibt es die reizende Sitte, das bei Überfüllung der Aufenthaltsraum mittels eigener Isomatte und Schlafsack genutzt werden darf. Natürlich nicht unentgeltlich. Die 20 Złoty für ein Plätzchen auf dem Fußboden fanden wir dann gelinde gesagt eher etwas kritikwürdig. 

Gesamtstrecke: 12km; 2100Hm

5. Tag: Von der Schronisko na Hali Kondratowej nach Podbanské

Natürlich geht es auch an diesem Tag zu Beginn gewaltig bergauf, und obwohl die Anstiege der letzten Tage auf dem Papier deutlich heftiger waren, setzte mir dieser mehr als erwartet zu. Bei vorgewittriger, morgendunstiger Witterung quälte ich mich dann doch mit größter Selbstüberwindung nach oben. Dabei registrierte ich aus den Augenwinkeln andere arme Irre, die noch vor uns den Berg erstiegen und dabei ihr Fahhrad geschultert hatten. (Da es auch bezüglich Fahrradfahrens im Nationalpark strenge Regeln gibt, nutzten sie wohl die frühe Morgenstunde um so unentdeckt ihrer Leidenschaft zu frönen.) Es ist dies das bezaubernde Element am Bergwandern, dass hier die unterschiedlichsten Interessengruppen – Rucksackwanderer, Mountain Biker, Tagestouristen – sich begegnen, sich gegenseitig für verrückt halten und dennoch alles entspannt bleibt. Manchmal hätte ich mehr von diesem Berggesellschaftssystem im Tal.

Aber genug der Philospohiererei. Schließlcih ist der Kamm erreicht und der diesige Kamm führt über felsigen Grund hin zum Kasprowy Wierch (1987m). Für mich das gefühlte Ende der Westtatra. Außerdem hat er als einer der vier Hausberge von Zakopane natürlich einen Seilbahnanschluss und damit reichlich Eventies, die hier an allen Ecken stolz und laut ihr Selfiebewusstsein zeigen. Wir überlassen sie recht schnell sich selbst und biegen einmal scharf links ab hinunter in die Slowakei. Innherhalb von Sekunden sind wir wieder in völliger Bergsamkeit. Stille, Aussicht, Laufen.

Obwohl man ihn schon zuvor auf dem Kammweg ab und an herlugen sah, hier zeigt sich nun der Krivan in seiner ganzen Pracht. In meinen Augen einer schönsten und eindruckvollsten Berge. Ich sah ihn hier zum ersten Mal von der polnischen Seite und ich muss gestehen, von hier sah er noch toller aus als üblich.

Was ist “mein Haus, mein Auto, meine Frau” gegen “mein Berg”? Der Krivan!


Ich bin kein großer Freund des Abstiegs. Ehrlich gesagt, ist es für mich mit weitem Abstand der unangenehmste Bestandteil des Wanderns. Doch da ich es um ein Vielfaches schlimmer fände, auf den Berg nicht hochzukommen als nicht mehr von ihm runter, bagatellisiere ich dieses Phänomen gerne. Aber dieser Abstieg muss gesondert hervorgehoben werden. Der gelbe Weg, welcher  uns auf kürzester Distanz gute 600 Höhenmeter nach unten befördert, ist wahrhaftig mit Gefühl und Sachverstand in den Berghang gebettet wurde. Wenn sie nur häufiger so wären, die Abstiege aus den Bergen und auch anderswo!

Sobald wir die Kreuzung im Tal auf 1265m erreicht haben, beginnt dann eine eher einschläfernde, uninspirierte Asaphltstraße, die sich etliche Kilometer bis zum Zielort hinzieht. Es ist dies eine viel zu oft anzutreffende Unsitte in der Slowakei, dass der Anmarsch zum eigentlichen Wanderspaß oftmals erst nach einer kilometerlangen, langweiligen Straßenpartie erreicht werden kann. Podbanské selbst ist ein unauffällige Touristenbasis, welche sich definitiv noch nicht von den massiven Waldbränden und dem allgemeinen Umkippen der Vegetation hier im Hinterland der Tatra errolt hat. Für den direkten Anschluss in die Zivilisation (Bus nach Liptovský Mikuláš oder Ružomberok) sollte man sich entweder vorher informieren oder es dem Zufall überlassen. Sehr viel Busse fahren jedenfalls nicht. 

Anschlusswanderungen: Hinsichtlich weiterer Wanderungen ist das Angebot hier im Herzen der Slowakei natürlich do delikat wie unübersichtlich. Ich als leidenschaftlicher Jünger des Krivan würde natürlich zuerst für eine Besteigung dieses eindruckvollsten Bergs der Hohen Tara plädieren. Das wäre natürlich nur ein Quickie und keine vollwertige Kammwanderung. Für eine mehrtägige Seelenkur jenseits der Talsenke kämen einerseits die bereits von mir beschriebenen Wanderungen in Frage, also die Niedere Tatra oder die Malá Fatra, oder die gleichermaßen empfehlenswerte Velka Fatra. Natürlich spricht auch nichts gegen eine Einquartierung in der Nähe und ein paar Tagestouren in die Hohe Tatra. Es besteht kein Grund zur Sorge – es gibt genug Berge für alle!

Weiterführende Links


Hütten auf dem Kammweg

 

Ratgeber: Erstkontakt – Begegnung der armenischen Art

 

Während Georgien, die fröhlichste Baracke des Kaukasus, aktuell immer mehr in den Fokus des internationalen Tourismus gerät, verharrt das, als melancholisch und strandlos verschriene Armenien weiterhin gelassen im Hintergrund. Wenn sich also die Reiseführerausgaben zu Georgien nahezu täglich verdoppeln und in den Altstadtlokalen Tbilisis sich der Rollkoffer-Jetset aus Billigfliegerstan verschwörerisch zuprostet, ob ihrer Chupze in solch ein abgefahrenes Land zu reisen, so bleibt man zwischen Jerewan und Sewansee von derlei Tendenzen bislang noch verschont. Einzig ein paar versprengte bildungsorientierte Reisebusladungen an den ausgewiesenen Kunstgeschichts-Hotspots sowie vereinzelte, russische Partynomaden zeugen hier von einem real existierenden Fremdenverkehr. Dabei hat das kleine Armenien durchaus etwas im Angebot. Ja, es gibt in der Tat kein Meer und das hiesige Gebirge muss das schmälernde Adjektiv “klein” erdulden, doch wie im weiteren ausgeführt werden soll, sind all dies nicht im Geringsten Gründe um das unscheinbare Kleinod an der äußersten Kante des europäischen Balkons mit Missachtung zu strafen.

Reiseland Armenien

Ob der offensichtlichen Unbekanntheit Armeniens sollen hier zu Beginn noch ein paar einleitende Worte stehen. Das kleine Bergland, das nur einige Quadratkilometer größer als Brandenburg ist, zwängt sich im südlichen Kaukasus zwischen Georgien, Aserbaidschan, die Türkei und den Iran. Und auch wenn das Adjektiv “klein”, wie bereits erwähnt, im Zusammenhang mit Armenien erstaunlich oft auftaucht, so befinden wir uns hier beispielsweise im Kleinen Kaukasus am Übergang zwischen Transkaukasien und Kleinasien, so darf es nicht darüber hinwegtäuschen, dass Armenien ein lupenreines Bergland ist. Im Gegensatz zu seinen kaukasischen Nachbarn gibt es hier keinerlei relevante Tiefebene oder eben wenigstens eine Meeresküste. 90 % der Landesfläche liegen mehr als 1000 Meter über dem Meeresspiegel, die mittlere Höhe beträgt sogar 1800 Meter.

Das Gebiet des heutigen Armeniens entspricht lediglich dem nordöstlichen Teil des viel größeren ehemaligen armenischen Siedlungsgebiets. Die wechselhafte und tragische Geschichte der Armenier sollte, wenigstens in Grundzügen vor Reiseantritt überflogen werden. Neben Geschichte haben die knapp drei Millionen Armenier aber etliche andere reichlich originäre Accessoires im Repertoire. So brüstet man sich (zumeist historisch korrekt) mit folgenden schillernden Alleinstellungsmerkmalen:

  • das erste Volk (im Jahr 301) zu sein, welches das Christentum zur Staatsreligion erklärte
  • eines der ältesten noch aktiv genutzten Alphabete zu besitzen (zwischen 403-406; zudem noch eine der wenigen Schriftsprachen, welche gezielt erfunden wurde – detaillierter bei typographie.info)
  • und auch wenn der Georgier an dieser Stelle laut und doch mit spürbarer Unsicherheit auflacht, der Wein hat in Armenien eine längere Tradition als in Georgien, somit kann Armenien als Wiege des Weins bezeichnet werden (vor 6100 Jahren)
  • der älteste Lederschuh der Alten Welt wurde hier gefunden (200 Jahre älter als Ötzis Schuhe)

Allein die Sache mit dem Wein sollte schon genügen um Armenien exzessiv zu huldigen und zu danken. Und dies am besten vor Ort. Weitere spannende Fakten, die Armenien zu etwas Besonderen machen auf madlovelyword.com.


Erster Blick auf Jerewan am Morgen. Die Stadt, die viel darauf gibt 29 Jahre ewiger als Rom zu sein.


 

Das allgemeine Grundgefühl in Armenien ist beruhigend und entspannt. Die Menschen sind freundlich, unaufdringlich und stets daran interessiert, den ahnungslosen Armenienentdeckern unter die Arme zu greifen. Kriminalität oder Übergriffigkeit in welcher Form auch immer konnten wir in der kurzen Zeit, die wir hier verbrachten, jedenfalls nicht im Geringsten entdecken. Zusätzlich erleichternd mag für Russischsprachige der Umstand sein, dass Russisch hier noch unzweifelhaft die allgemein anerkannte Verkehrssprache ist, und nicht wie im Nachbarland Georgien, wo die Sprache stets aufs Neue verhandelt werden muss und das Angebot zum Russischen bisweilen auch völlig missverstanden werden kann.


Andere Wissensquellen

Das Angebot kann nicht anders als mager bis dürftig beschrieben werden. In den üblichen Reiseführerregalen gähnt einen diesbezüglich ernüchternde Leere entgegen. Außer dem allgegenwärtigen Lonely Planet fand ich nicht viel neben einem Architekturführer Jerewan, dem Kunstgeschichtewälzer von Dumont und dem stets präsenten Trescher-Büchlein. Die beiden letzten Ausgaben erschienen 2018, möglicherweise ein schwaches Indiz für einen aufkommenden Trend des Armenientourismus in näherer Zukunft? Die Suche nach Wanderführern führt dagegen offline wie online nur zu recht unbefriedigenden Ergebnissen. Die beste Quelle für unsere Zwecke, einer Wanderung in der Armenischen Schweiz, fand ich dann doch noch am ehesten auf der recht vorsintflutlich erscheinenden, offiziellen Internetpräsenz des Dilijan-Nationalparks sowie auf diversen Internetportalen zur Wanderroutenplanung (bspw.: gpsies.com).

Ein Literaturtipp der spezielleren Art wäre noch “Die vierzig Tage des Musa Dagh”. Dieser Versuch von Franz Werfel die Geschehnisse des versuchten Völkermords an den Armeniern von 1915 zu verarbeiten, mag nicht für jeden die ideale Reiselektüre sein. Angesichts der Bedeutung die dieses historische Ereignis für die Armenier bis heute darstellt sowie dem verzweifelten Interesse derlei bestialische Grausamkeiten, die der Mensch dem Menschen antun kann, verstehen zu wollen und nicht zuletzt aufgrund des meisterhaften Stils Werfels sei dieser Roman jedoch voller Inbrunst anempfohlen.


Einreise

Hinsichtlich der formellen Bedingungen des Ankommens werden dem EU-Bürger, ähnlich wie in Georgien, wenig Steine in den Weg gelegt. Einziger Unterschied ist hier nur, dass ein Personalausweis nicht ausreichend, sondern ein Reisepass vonnöten ist. Damit ausgestattet darf man Armenien ohne viel Federlesen ganze 180 Tage am Stück genießen.

Anreise

Eingeklemmt zwischen den zwei Problemzonen Aserbaidschan und Türkei gibt es auf dem Landweg aktuell nur die Möglichkeit über Georgien oder den Iran einzureisen. Die Grenzüberquerung von Georgien aus kann ich aus persönlicher Erfahrung als problemlos schildern (abgesehen von der wirklich katastrophalen Qualität der Straßen auf armenischer Seite). Es gibt die zwei Hauptgrenzübergänge von Bagratashen und Sadakhlo sowie einen westlich gelegenen Grenzübergang bei Bavra mit dem man im Bedarfsfall über Achalziche nach Adscharien gelangen kann (auf dem Weg läge dabei auch das hier unter “Kultur” beschriebene legendäre Höhlenkloster von Vardzia). Das populärste Reisemittel für diese Strecken ist zumeist die Marschrutka, mehr oder minder akzeptabel instandgehaltene Minibusse, die in stoischem Gleichmut den immer schlechter werdenden Zustand der armenischen Straßen hinnehmen und trotz widrigster Verhältnisse die Fortbewegung im Kaukasus gewährleisten.


Auch wenn ihr Signalton auf dem letzten Loch durch die Täler gellt – tapfer stellt sie sich den Widrigkeiten der Zeit – die Eisenbahn in Armenien


 

Selbstverständlich gibt es auch die edelste von allen Reiseformen um in Armenien anzukommen – die Eisenbahn! Es mag nicht allzu sehr überraschen, aber in Ländern, die derart unter dem Zerfall der öffentlichen Infrastruktur zu leiden haben, ist die Bahn naturgemäß eine der leidtragendsten Protagonisten. Und dennoch rumpelt sie unverdrossen weiter über die krummen Gleise und ist trotz Bummeltempo die mit weiten Abstand beste Reisealternative im Kaukasus. Die Harawkowkasjan Jerkatughi (Südkaukasische Eisenbahn), eine hundertprozentige Tochter der russischen Bahn, bedient ein breitspuriges 845km-Streckennetz, welches durch besagte Streitereien mit den Nachbarn durch Stilllegungen gen Türkei und Aserbaidschan spürbar kastriert wurde. Neben vereinzelten, scheuen Regionalverbindungen, so zum Beispiel zum Sewansee, gibt es aktuell nur noch eine internationale Verbindung. Diese geht, wen wundert’s, nach Georgien. Außerhalb der Saison (Anfang Oktober bis Mitte Juni) verkehrt lediglich ein Zug zwischen Jerewan und Tbilisi an ungeraden Tagen, in der Saison wird dieses Angebot auf einen täglichen Zug zwischen Jerewan und Batumi erweitert. 

Richtung Iran gibt es eisenbahntechnisch bislang nur Pläne, denn die einstmals funktionierende Bahnverbindung kann ja wegen dem üblichen zänkischen Kleinklein nicht genutzt werden (s. Exklave Nachitschewan). Per Marschrutka scheint der Grenzübergang in den Iran, über den höchsten Pass des Landes (Meghri, 2535m) aber offensichtlich eine recht entspannte Angelegenheit zu sein. Für eine Weiterreise in den Iran sei zu bedenken, dass hier noch Visapflicht herrscht, dies kann aber mühelos online erledigt werden (€40-€80 für 60 Tage).

Ansonsten bleibt aufgrund besagten Küstenmangels nur noch das schmutzige Flugzeug. Hier ist die einzige Landegelegenheit der Flughafen Jerewan. Da dieser gerade tagsüber umgebaut wird, kommen die meisten Flugzeuge spät in der Nacht an. Verbindungen gibt es auch nicht übermäßig viele. Direktflüge nach Deutschland gibt es zum Beispiel kaum. Es bietet sich wohl eher, auch aus Kostengründen, ein Flug mit LOT, Czech Airlines oder Ukrainian Airlines an. 

Herumreisen

Obwohl hierzu ja schon einiges gesagt wurde, möchte ich auf dieses Thema noch einmal näher eingehen. Zunächst sei aus meiner Beurteilung Georgiens von vor 2 Jahren folgendes zitiert: 

…infrastrukturell gesehen ist Georgien ein elendiglich nach Luft schnappendes Elend. Eisenbahnen verkehren selten und bedienen nur ein Minimum des Notwendigen. Der öffentliche Nahverkehr leidet unter offensiver Vernachlässigung und die Straßen zehren seit Jahrzehnten von der Substanz.

Dies kann vollumfänglich für Armenien als gültig betrachtet werden. Doch ein paar nennenswerte Unterschiede wären da noch. Da wäre auf jeden Fall die Fahrweise der Armenier. Überraschenderweise unterscheidet sich diese gewaltig von der stets präsenten Selbstmordattitüde des georgischen Fahrstils. Alle Armenier, die uns durch ihr Land steuerten, taten dies unverhofft überlegt und entspannt. Wenn man von den wütenden Tiraden, die jeder Fahrer ab und an dem jeweiligen Unbill entgegenwarf, absehen würde, könnte man sogar von Gelassenheit sprechen. Eine weitere Ungewöhnlichkeit ist die hiesige Häufigkeit an mit Gas betriebenen Autos. Aufgrund der Energiesituation in Armenien erfreut sich Erdgas als Energielieferant fürs Auto großer Beliebtheit. Glaubt man den inoffiziellen Zahlen, könnte der Anteil gasbetriebener Autos in Armenien sogar weltweiter Rekord sein. Relevant für den Reisenden ist das einzig des Umstands wegen, dass im Kofferraum zumeist etwas weniger Platz für den Rucksack eingeplant werden sollte.


Keine Mitfahrgelegenheit wie jede andere – ein schmucker Wolga, aus dem selben Baujahr wie ich.


 

Ansonsten ist es der vertraute, postsowjetische Dreisatz aus Eisenbahn, Marschrutka und Taxis (offiziell wie freischaffend), welcher dafür sorgt dass man munter durch die Gegend transportiert wird. Es versteht sich von selbst, dass man hierfür stets ausreichend Geduld und Gleichmut dabei haben sollte, doch auch wenn es manchmal etwas länger dauern sollte, das Ziel entschädigt in den allermeisten Fällen.

Sprache

Erneut möchte ich den hier bereits erwähnten Georgien-Bericht zitieren:

“Der Kaukasus galt in der Antike als der “Berg der Sprachen”, Strabo spruch einst von nicht weniger als 70 Dolmetschern, die man benötigte um allein am Schwarzen Meer erfolgreich Handel zu betreiben. Derlei Vielfalt, so sie in diesem Ausmaß je bestanden hat, ist zwar längst Vergangenheit, doch die Zahl und Eigenheit der hiesigen Schriften und Sprachen weiß immer noch zu faszinieren. Neben Georgisch werden hier noch 23 Sprachen aus sechs verschiedenen Sprachfamilien gesprochen.”

Nun, mit Armenisch handelt es sich dann unzweifelhaft um eine dieser 23 Sprachen und die hat es in sich. Wenn ich hier schon in aller Form meine Ehrfurcht vor den Geschichte atmenden Schnörkeln Georgiens offenbarte, so handelt es sich bei Armenisch natürlich auch nicht direkt um ein geschichtsarmes, neumodisches Kommunikationsmittel. Natürlich nicht.

Ein Denkmal für Buchstaben – Götzenbilder nach meinem Geschmack!

Abgesehen von ein paar kleineren updates wird Armenisch seit über 1500 Jahren in dieser Form dauernd benutzt. Es handelt sich um eine indogermanische Sprache mit vielen Parallelen zum Griechischen, dessen Buchstaben man auch nutzte bis man Anfang des 5. Jahrhunderts auf die Idee kam sich ein eigenes Alphabet zu schnitzen. Der Gelehrte und Mönch Mesrop Maschtoz schuf in wenigen Jahren (er kreiirte im übrigen auch das georgische Alphabet) etwas auf das die Armenier bis zum heutigen Tage ungemein stolz sind. Denn nicht nur dass das armenische Alphabet damit zu den wenigen Alphabeten weltweit gehört, welches gezielt erfunden wurde, es blieb ihr wichtigstes, vielleicht einziges Instrument um in den folgenden Jahrhunderten gegen alle Widerstände ihre Identität zu bewahren.


Der erste Satz, der in Armenisch aufgeschrieben wurde: “Weisheit zu lernen, Unterweisung erreichen und Verständnis erlangen”

Und so entstand hier eine beindruckende wie einzigartige Liebe zu Buchstaben die man auch im Alltag kaum übersehen kann. Alphabete werden dekorativ an die Wand gehängt, ob in Stein gekerbt, in Stoff gefärbt, auf Leder gemalt oder in Teppiche gewebt – allerorten sind diese sonderbaren Zeichen präsent. Im Dorf Artaschawan, am östlichen Fuß des Berges Aragaz wurde zum 1600jährigen Jubiläum der Schöpfung des armenischen Alphabets ein Steindenkmal der armenischen 39 Buchstaben gebaut. Und auch wenn ich viel zu wenig von Sprachen verstehe um zu begreifen was damit gemeint ist wenn behauptet wird, dass das armenische Alphabet neben dem Georgischen und dem Koreanischen zu den fortschrittlichsten Schriftsprachen der Welt gehöre, so muss ich anmerken, dass ich mit dem diskreten Charme der armenischen Buchstaben deutlich weniger Mühe hatte als mit den gezierten Schnörkeln Georgiens.

Menschen

“Unbestritten das Salz in der Suppe. Abseits jeder Verallgemeinerungen und sonstiger Über-den-Kamm-Schererei kann hier die Aussage getroffen werden, dass zwischen Großem und Kleinem Kaukasus ein ungemein herzlicher Menschenschlag lebt, der sich dabei stets unaufdringlich und galant um die Befindlichkeit seiner Gäste sorgt.”

Es bleibt dabei –  diesbezüglich gibt es schlicht und einfach nichts zu meckern.  

Kulinarik

Leider muss ich gestehen, dass ich ganz im Gegensatz zu meinen sonstigen Gewohnheiten diesen Aspekt dieses Mal etwas stiefmütterlich behandelt habe. Die massive Hitze und der rasche Aufbruch in die Berge sorgten dafür, dass wir erschreckend wenige Kontakte mit der armenischen Küche aufnehmen konnten. Doch die wenigen Berührungspunkte die es gab, ließen in mir den Eindruck entstehen, dass sie armenische Küche schon etwas stärker an die arabische, türkische Küche angelehnt ist als die georgische. Brot (Lawasch) und Lamm werden hier beispielsweise deutlich fanatischer gewürdigt. Doch letztlich ist es ähnlich wie mit dem Essen in Georgien: es mögen traditionelle und mit Liebe zubereitete Gerichte sein, deren bisweilen zungenbrecherische Bezeichnungen man sich verzweifelt zu merken versucht, das Besondere neben all der Liebe und Leidenschaft mit der man hier im Kaukasus den Gaumen verwöhnt, ist die Verarbeitung von frischen und natürlichen Zutaten. Wozu viel Würzen und Zaubern wenn schon eine schlichte Tomate ein Geschmacksfeuerwerk sein kann? Warum nach dem großen Geheimtipp suchen, wenn man allein des Duftes wegen, welcher aus den kleinen Bäckerluken strömt, Mord -und Brotschlag begehen würde. Ihr könnt einfach keine Fehler machen wenn ihr in Armenien esst, dennoch seien ein paar spezielle Gerichte auf die Liste getan, die, so sie euch über den Weg laufen, unbedingt probiert gehören:

  • Chasch (aus Kuhhaxen und manchmal Kutteln hergestellter Eintopf)
  • Harissa (möglicherweise DAS Nationalgericht Armeniens, dem auch in den “Vierzig Tagen des Musa Dagh” eine tragende Rolle zukommt; aromatischer Brei aus Weizen und Hühnerfleisch; nicht zu verwechseln mit der nordafrikanischen Würzpaste gleichen Namens)
  • Matsunapur oder Spas (eine kräftig-pikante Joghurtsuppe aus dem armenischen Joghurt namens Matsun)
  • Gata (beliebtestes armenisches Gebäck, erinnert an Blätterteigkeks mit Füllung)

Und natürlich Wein. Jeder oberflächlich am Kaukasus Interessierte weiß bei diesem Thema um die Allmacht georgischer Deutungshoheit. Wino ist ein georgisches Wort, 500 Rebsorten sind rein endemisch nur in Georgien zu finden, Tamadan, Tanz und Lebensfreude – in dieser Hinsicht lässt sich der Grusinier ungern die Butter vom Chatschapuri nehmen. Und dennoch weiß der Armenier still und beharrlich auf unumstößliche Legenden und Fakten zu verweisen. Die Sache mit der Arche Noah und den demzufolge an den Hängen des Ararat stante pede angelegten Weinhängen schenken wir uns mal lieber. Doch der eingangs erwähnte archäologische Fund des ältesten Weinguts der Welt in Areni spricht eine andere Sprache. Auch wenn Armenien als das Land mit den qualitativ besten Weißweinen der ehemaligen UdSSR gilt, so ist es vor allem bekannt durch seine süßen Dessertweine. Zu erwähnen wären hier die Varianten von  Sherry (Aschtarak, Bjurakan), Madeira (Oschakan), Malaga (Arewschat) und Portwein (Aigeschat). Doch wenn man liest, dass über die Hälfte des angebauten Weins in die Produktion von Branntwein fließt, weiß man wer der wirkliche Star der armenischen Getränkeszene ist – Cognac! Ararat, wie könnte er auch anders heißen, ist wohl der bekannteste Weinbrand der Sowjetunion und zahlreiche Experten (auch nichtarmenische) behaupten, es wäre der beste Cognac der Welt.

Das vielgepriesene armenische Gold.

Neben all den bereits aufgezählten Segnungen mit denen Armenien die Welt beglückte, muss natürlich auch noch eine ganz besondere Frucht gewürdigt werden, die ihren Siegeszug an den Hängen der armenischen Berge begann – der armenische Apfel, prunus armeniaca, die Aprikose! Archäologische Ausgrabungen belegen den Anbau von Aprikosen in Armenien schon im 4. Jhdt. v. Chr. Und so eroberte sich die Aprikose über die Jahre hinweg den Rang als Symbol Armeniens. Zwar ist die Saison kurz, von Juni bis Anfang August, doch in dieser Zeit ist ein gedeckter Tisch ohne frische Aprikosen unvorstellbar. Sie wird zum Frühstück, als Beilage zu Hauptspeisen und als Nachspeise serviert. Doch auch nach der Saison klingt die Erinnerung an die sonnenverwöhnte Frucht nach. Ob getrocknet, als Marmelade oder eben als Holz des nationalen Blasinstruments, des “Duduks”. Es versteht sich daher fast von selbst, dass beim jährlich stattfindenden Filmfest von Jerewan nichts anderes als die “Goldene Aprikose” verliehen wird.

Reiseziele – Armenische Schweiz

Nach derartig massiver einleitender Lobhudelei kommen wir nun zum Kern des Pudels: Was kann man denn so Schönes machen in Armenien? Eine gute Frage, denn obwohl es sich hier um die kleinste Sowjetrepublik handelt, scheint kein Zeitraum angemessen um wirklich alle Wünsche erfüllen zu können. Daher präsentiere ich hier ein paar Vorschläge, was ich machen würde, bzw. was ich bereits erlebt habe und empfehlen kann. Fangen wir an mit einer Wandertour in der Armenischen Schweiz.

Der Dilijan-Nationalpark fiel mir schon bei den ersten Vorbereitungen gefällig ins Auge. Denn der Großteil der Landschaftsaufnahmen von Armenien sah erschreckend baumlos, trocken und karg aus. Nun können derlei Gegenden durchaus gefallen, der freie Blick, die Grenzenlosigkeit des Horizonts und die Nichtigkeit des eigenen Seins können befreiend und erholsam sein. Doch ich bin ein Freund von wilder Vegetation  und Sorglosigkeit um den nächsten Wasserschluck. So rückten die Berge des Dilijan-Nationalparks in den Fokus.

Freundliche Warnung am Wegesrand. Schön es auf diese Weise bestätigt zu haben, dass das auffällige Knirschen der Knie berechtigt zu sein scheint.

Im äußersten Nordosten, in der Tawusch-Provinz gelegen, befindet sich auf 240 qkm eine teilweise unberührte Waldlandschaft, mit etlichen Heilwasserquellen und vielen Klöstern und anderen historisch interessanten Steinhaufen. Wenn man durch die schattigen Buchenwälder und saftigen, lichtdurchfluteten Auen wandelt, fragt man sich zwar schon manchmal warum man hierfür mehrere tausend Kilometer hinter sich bringen musste. Zu sehr erinnert dieses Gebirge in Asien an einen Wanderweg in der böhmischen Schweiz oder ähnlichem. Doch die Höhe der umliegenden Berge (deutlich über 2000m) und die Einsamkeit in der Natur verweisen sanft auf den kleinen Unterschied. Auf der oben erwähnten, offiziellen Seite des Nationalparks finden sich zahlreiche Tourenvorschläge, selbst erwandert kann ich nur folgenden Weg weiterempfehlen:

Von Dilijan zum See Parz und zurück (2 Tage, etwa 40km, ca. 1500 Hm)

Sobald man im Zenrum Dilijans angekommen ist und sich wanderfertig fühlt, gilt es nach diesen Wanderzeichen Ausschau zu halten.

Innerhalb des Dilijan-Nationalparks weisen diese Zeichen den richtigen Weg. Praktischerweise ist das was ich erst für ein Haus hielt, ein Pfeil. Dieser zeigt dann auch gleichermaßen die korrekte Richtung an.

Der Weg schlängelt sich überraschend schnell über eine Hintertreppe aus der Stadt und schon ist man zwar noch in Straßenhörweite aber auch mitten im Wald (Traumzeltplatz für zu spät Eingetroffene!). Nach leichtem Aufstieg in duftendem Nadelwald kehren wir noch kurz zu den Ausläufern der Stadt zurück (letzte Chance für Lebensmitteleinkäufe oder ein kaltes Getränk!) um danach hinaus auf die menschenleeren Weiden und Auen zuzulaufen(wir folgen weiter dem “Transcaucasian Trail” auch wenn der “Skywalk Trail” noch so verlockend klingt). Der Weg zieht sich gemächlich auf eine idyllische Bergwiese die mit 1750Hm auch gleichzeitig den Scheitelpunkt dieser Wanderung darstellt.

Der Höhepunkt der Wanderung: Eine Bergwiese fernab von allem.

Ab hier geht es über sanft in den Berg geträumte Waldwege entspannt hinab zum See Parz. Dieser ist aber, gelinde gesagt, eine kleine Enttäuschung. Nach stundenlangem Wandern in totaler Naturversunkenheit ohne jedwede zivilisatorische Störgeräusche platzt man hier in ein Event-Hotspot der unerwarteten Art rein. Dieser Bergsee ist so natürlich, dass sogar das Baden verboten ist, was angesichts des grünlichen Breis, den man hier traurig gegen den aufgewühlten Strand schwappen sieht, nicht weiter traurig macht. Ich empfehle nach ausreichender innerer Erfrischung durch die hiesigen gastronomischen Segnungen den Weitermarsch die Straße hinauf um dann die Rückwanderung Richtung Dilijan einzuschlagen. Selbstverständlich kann man von hier, sollte man etwas mehr Zeit haben, auch weiter Richtung See Gosh zu ziehen.

Das größte Glück auf dieser Erde, hängt nicht nur dran, an einem Pferde.

Unsere kleinere Route empfiehlt sich eher für ein knapp bemessenes Wochenende. Schlafgelegenheiten finden sich kurz hinter dem Trubel des Sees zuhauf. Besonders empfehlenswert jedoch ist das frisch errichtete Wiederansiedlungsgehege für Maral-Hirsche (nach dem die Straße den Kamm überquert hat, sieht man linkerhand eine Einfahrt, die auf dieses Reservat verweist. Sonst habe ich nirgends im Internet etwas dazu finden können, es existiert aber wirklich!) Hier kann man problemlos eine Nacht in Gesellschaft von friedlich mümmelnden Hirschen und zurückhaltend assistierenden Parkwächtern verbringen.


Unter der Flut an Traumzeltplätzen den besten für die Nacht herauszufinden, gehört zu den größten Stressfaktoren des kultivierten Bergwanderers.

Der zweite Tag ist dann ein sehr entspannter Wald- und Wiesenweg mit reichlich Aussicht auf Berge, Kühe und einen wunderschönen Tag. Bis Dilijan finden sich zahlreiche Zeltplätze mit Wasseranschluss und Lagerfeueranlage.

*Die Entfernungsangaben differieren hier leicht, da Komoot die Streckenkilometer bei dem Teil des Rückwegs, der auf der gleichen Route verläuft, nicht einberechnet.

Sewansee

Und natürlich kann man keine Beschreibung Armeniens absolvieren ohne ein paar Worte zu dessen “blauer Perle” zu verlieren. Fast 1900m hoch gelegen, ist der See mit 1244 qkm einer der größten Hochgebirgsseeen der Welt. Wenn man sich hier aus der Marschrutka schält und voller Juchhee in die türkisen Wellen stürzt, dann hat Armenien auf einmal sogar eine Küste und wäre damit komplett Touri-konform. Doch das hat sich ja gottseidank noch nicht so wirklich rumgesprochen, außer bei den zahlreichen Armeniern, die diesen See wie ein ausgewachsenes Meer nutzen und nach gutem sowjetischen Muster einhegen.

Das armenische Meer

Die eisernen Regeln russischer Strandkultur gelten auch am Sewansee: -jedes Fleckchen gehört mit den schrecklichsten Hits lokaler Popverbrecher beschallt
-die Distanz zu Alkoholquellen darf 50m nie überschreiten -das Auto muss so nah wie möglich dabei sein -es gibt keine Regeln!

— sasza (@muenzenberg_) 27. Juli 2018

Wenn Stadttourismus, dann Jerewan

Denn das kleine Armenien hat eigentlich nur eine Stadt die der Rede wert ist. Daher war die Neugier entsprechend stark und fokusiert auf die “rote Stadt”. Nach mehreren Kaukasusexpeditionen bin ich jedes Mal überzeugter von dieser schwer zu fassenden Region zurückgekehrt, die Städte begeisterten mich aber eher weniger. Zu überquellend, chaotisch und den gefräßigen Maden des Individualverkehrs überlassen, schreckten sie mich zumeist eher ab und ließen das folgende Naturerlebnis in einem nur noch krasseren Kontrast erscheinen. Alles was ich im Vorfeld über Jerewan las, ließ mich jedoch vorsichtig frohlocken, denn unter der feurigen Führung des heute noch in Armenien über alle Maßen verehrten Stararchitekten Alexander Tamanjan wurde die alte, verwinkelte Altstadt (selbstverständlich mal wieder eine der ältesten Städte der Welt, älter als Rom und die 13. Hauptstadt in der wechselvollen Geschichte Armeniens) in den 1920er Jahren anhand der Grundidee eines radialen Ringsystems mit ausgedehnten Parks und Gärten ausgestattet, eine Kombination von Amphitheater und Gartenstadt. Sollte es dann doch eine lebenswerte, entspannte Stadt im Kaukasus geben?

Der Meister bei der Arbeit

Der erste Eindruck war ein äußerst gefälliger. Trotz 43 Grad im Schatten, dreister Begrüßung der standesgemäßen Flughafen-Taxi-Banditen und der üblichen Patina des postsowjetischen Verfalls – es ist eine großzügig angelegte, sehr grüne und sichtbar gepflegte Schönheit aus jeder Menge rotem Tuffstein. Auch auf den zweiten Blick gewinnt Jerewan gegenüber seinen urbanen Kontrahenten im Kaukasus dazu. Zwar ist auch diese Stadt primär für Autos gemacht, doch hier ist der Verkehr irgendwie stressfreier, gelassener. Entspannung verheißende Parks, unverbindlich zublinzelnde Straßencafés und aufreizend duftende Hinterhofrestaurants – dies alles garniert mit herrlich gelassenen Menschen – ich fühlte mich erstmals in einer kaukasischen Großstadt rundum wohl. 

Antwort an Radio Jerewan: Du gefällst mir, nicht nur im Prinzip!

Jerewan – für mich die unangefochtene Nr. 1 der Großstädte des Kaukasus. Ohne Baku gesehen zu haben.

Obwohl, wie allgemein bekannt, für das bestmögliche Aufnehmen des Charakters einer Stadt das vollständige Ablaufen der Sehenswürdigkeiten als eher zweitrangig einzuschätzen ist, hier ein paar Anlaufstationen, die es wert sind, besichtigt zu werden:

  • Zizernakaberd (ein Denkmalkomplex zum Gedenken an die Opfer des Völkermords. Im westlichen Teil Jerewans auf dem gleichnamigen Hügel gelegen, hat man hier auch einen spektakulären Blick auf Stadt wie Ararat)
  • Matenadaran (wer der Sache mit der Besonderheit der armenischen Schrift nachgehen möchte, ist hier genau richtig. 17000 verschiedene seltene Handschriften lagern hier und einige Kostbarkeiten davon sind sogar zu besichtigen. Dieses Weltdokumentenerbe befindet sich in einem Gebäude im neo-armenischen Stil, welches atombombensicher in den Fels gehauen wurde doch heute zunehmend unter Wassereinbrüchen leidet)
  • Mutti Armenien (auch Armenien hat, wie so manch anderer Staat in der Umgebung eine beschwertete Dame die sorgenvoll auf ihrer Kinder und in die Zukunft schaut. Im 36 Meter hohen Sockel befindet sich auf fünf Etagen das Militärmuseum Armeniens.)
  • Festung Erebuni (im 8. Jahrhundert von den urartäischen Königen errichtete Festung im südlichen Teil von Jerewan)

Weitere empfehlenswerte, aber noch nicht erlebte Reiseziele

  • Kloster Etschmiadsin (Residenz des Katholikos und älteste noch aktiver Kirchenbau der Welt) Geghard (Höhlenkloster), Chor Virap (beste Sicht und nächste Lage auf Ararat) und Tatew (auf Felsplateau gelegen, von unüberwindlichen Abgründen umgeben, spektakulär!) und ein gutes Dutzend Klöster von dieser Güte mehr
  • Aragaz (erloschener Schichtvulkan und mit 4090m die höchste Erhebung Armeniens)
  • Areni (erwähnten ich schon einmal, dass der älteste Wein aus Armenien kommt? In Areni kan man sich auf dessen Spur begeben. Wenn man zudem noch Anfang Oktober in Armenien ist, dann nix wie hin, denn dann findet hier nämlich nach und mit der Weinlese das traditionelle Weinfest statt)
  • Geghama-Gebirge (Teil des Armenischen Hochlands westlich des Sewansees. Die Berhheidelandschaft der Hänge bedeck bis auf 3600m ansteigendes Tuff- und Lavagestein)
  • Sangesurkamm 130 km langer Kamm westlich der historischen Region Sangesur im östlichen Armenischen Hochland
  • und noch viele, viele reizende Naturschauspiele mehr. Eine kleine Zusammenfassung, was das kleine Armenien in dieser Hinsicht noch zu bieten hat, ist auf outdooractive.com ganz gut zusammengefasst



Geschrieben vonBerlin, Berlin, Germany.

Ratgeber: Wandern in der Malá Fatra

Das Wandern in den slowakischen Bergen wurde an dieser Stelle ja bereits einmal am Beispiel der Niederen Tatra in aller Ausführlichkeit ausgebreitet. Dieses Mal soll es nun um die Malá Fatra gehen. Und hierbei handelt es sich in meinen Augen um nichts Geringeres als das Prunkstück, das Sahnehäubchen, schlicht und einfach das Beste was dieses, an entzückenden Gebirgen reich gesegnete Land zu bieten hat. Wenn euch also der Hafer juckt, euch die Stadt über den Kopf wächst und ihr es einfach mal probieren wollt mit diesem Wandern und speziell mit dieser besonderen Form des Wanderns – ein Kamm, ein Rucksack, eine Woche – dann ist die Malá Fatra die beste Empfehlung. Dieser schnuckelige Gebirgszug, kokettiert mit den Reizen eines heranwachsenden Hochgebirges obwohl es der Höhe nicht mehr als ein prächtig entwickeltes Mittelgebirge ist. Die Ausstattung mit Hütten und die Markierung der Wanderwege ist mustergültig und nahezu vorbildhaft, wobei dennoch die Möglichkeit zum eigenständigen Übernachten in der Natur freundlich geduldet wird. Nicht zuletzt ist die Malá Fatra in der Westslowakei gelegen und gehört somit zu den, von Deutschland aus, schnellst erreichbaren bergigen Entspannungsregionen. Doch genug der Vorschusslorbeeren, hier ist der detaillierte Steckbrief für ungetrübte Wandergenüsse in der Kleinen Fatra!

Wanderung auf dem Kammweg der Malá Fatra

Komplettvariante: Bytča/Rajec bis Zázrivá (ca. 6 Tage)
Das Beste vom Besten: Strečno bis Zázrivá (2-3 Tage)

Andere Wissensquellen: Es finden sich erstaunlich wenige Erlebnisberichte, welches dieses fantastische Kleinod gebührend bejubeln würden. Recherchiert man im Internet findet man hauptsächlich die üblichen kommerziellen Angebote für organisierte Wanderungen und ein paar vereinzelte Wanderberichte aus dem Kinderstadium des Internets. So erschreckend wie erstaunlich. Umso wichtiger, dass ich diese kleine Zusammenfassung hier erstellt habe.

Hinsichtlich Kartenmaterials sei gesagt: Einen vorzüglichen Überblick der Wegstrecke bietet in gewohnt solider Manier das Online-Karten-Portal turistika.freemeap.sk. Echte Wanderkarten im Maßstab 1:50000 können vor Ort mühelos erworben werden.  Auch der Markt der Wanderführer im Totholz-Segment ist eigentlich nicht vorhanden. Abgesehen von antiquierten Ausgaben aus Vorwendezeiten und dem Bändlein aus dem freytag-berndt-Verlag gibt es kaum Lesestoff zur Vorbereitung auf die Fatra.

Anreise: Die Anfahrt ist wie bereits angedeutet, denkbar einfach und schnell. Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Mala-Fatra-Expeditionen ist Žilina. Dieses nette Städtchen kurz hinter der tschechisch-slowakischen Grenze erreicht man am stilsichersten im Schlafwagen. Zwei Züge fahren täglich von Prag über Žilina in die Slowakei ( “Bohemia”  22:19/4:34 oder “Slovakia” 23:59/5:47). Natürlich spricht auch nichts dagegen mit dem schicken Pendolino tagsüber gen Slowakei zu reisen. Einberechnet die zwei Nachtzugverbindungen verkehrt 16 Mal am Tag eine Direktverbindung zwischen Prag und Žilina. Tickets lassen sich entweder im voraus über das Internetportal von České dráhy erwerben oder klassisch am Fahrkartenschalter vor Ort. Wobei es in der Saison nicht schadet rechtzeitig vorher zu reservieren, so man mit dem Schlafwagen zu reisen plant. Tickets für den Liegewagen, früh genug gebucht, fangen bei €15 an, ein Tageszugticket schlanke €9,18. Willkommen im Eisenbahnparadies! Der Pendolino fährt übrigens 7:10 in Prag ab und kommt schon  4 Stunden und 24 Minuten später in Žilina an (Preis ca. €20).

Der Schienenbus – ein treuer Geselle, stets bereit die leidigen Stellen ohne Berge zu überbrücken.

Herumreisen: Im Eisenbahnparadies geht dieses natürlich mit Leichtigkeit vonstatten. Alle wichtigen Einstiegspunkte ins Gebirge werden von zuverlässig brummenden Nahverkehrsverbindungen angefahren (ausgenommen Zázrivá, aber diesen Ort sehen wir aus später ausgeführten Gründen definitiv nur als Ausstiegspunkt). Abseits des prächtig ausgebauten Streckennetzes gibt es aber stets auch ein zuverlässiges Bussystem, welches die wenigen Lücken hervorragend auszustopfen weiß.

Die Malá Fatra im Überblick. Mit im Bild: das Geschwistergebirge Velka Fatra

Charakteristik des Gebirges: Die Malá Fatra ist ein Mittelgebirge am nordwestlichen Rand der Slowakei. Trotz der verhältnismäßig geringen Höhen (höchster Berg ist der Veľký Kriváň mit 1709m) weiß die Fatra über lange Strecken mit ausgedehnten Bergwiesen und felsigen Momenten zu bezirzen, die klarstellen, dass man bei weiten kein gewöhnliches, forstiges Mittelgebirge ist. Der Hauptkamm verläuft von Südwest nach Nordost und wird in der Mitte von dem Fluss Váh durschschnitten und trennt somit die Fatra in zwei Teile (ergo, man muss, so man die Fatra komplett durchwandern möchte, einmal all seine Höhenmeter vergessen und nochmals von vorn anfangen!) Der südwestliche Teil wird Lúčanská Fatra (nach dem höchsten Berg Veľká Lúka, 1.476 m) und der nordöstliche Teil Krivánska Fatra (nach besagtem Veľký Kriváň) genannt.

Ähnlich wie im Falle der Niederen Tatra unterscheiden sich die beiden Gebirgsteile derartig voneinander, dass man sie aber fast als verschiedene Gebirge wahrnimmt. Dies erklärt auch, dass die meisten nur die Krivánska Fatra bewandern und den südlichen Teil der Fatra verschmähen. Denn während der nördliche Abschnitt fast den gesamten Kamm über mit spektakulären Blicken ins Tal und bei guter Sicht auf die umliegenden Gebirge belohnt, und mit aufregenden Felspassagen und idyllischen Bergwiesen kokettiert, ist der südliche Teil ein eher zurückhaltender, größtenteils bewaldeter Gebirgszug.

Ich stehe beiden, im weiteren ausgeführten Wandervorschlägen, der Komplettvariante und die Rosinenpickervariante, aufgeschlossen gegenüber. Beide haben etwas für sich. Letztlich würde ich es eher von der vorhanden Zeit abhängig machen, wobei ein erstmaliger Fatrabesuch schon die komplette Erwanderung provoziert.

Regeln&Gesetze: Diesbezüglich möchte ich der Einfachheit halber einfach das bereits für die Niedere Tatra geschriebene zitieren: “Die Niedere Tatra Malá Fatra bietet dem zivilisationsmüden Naturfreund ungeahnte Möglichkeiten um sich im Herzen des sonst so zersiedelten und überregulierten Mitteleuropas auszuleben. Sicher, man sollte die angebrachten Schilder, welche auf gesonderte Rechte der Natur hinweisen, ernstnehmen. Hier gelten strengere Gesetze, die zelten, Lagerfeuer, ja, das schlichte Verlassen des Wanderwegs untersagen. Doch schon das einfache Kartenstudium zu Beginn der Wanderung zeigt die heiklen Schutzzonen, die auch dieser Kamm durchquert, so das man dies in die Planung aufnehmen kann und es vermeidet hier übernachten zu müssen. Zudem bieten sich manche lebensfeindlichen und windzerzausten Gegenden per se nicht zum Übernachten an. Doch so man Wanderkarte wie Hinweisschilder aufmerksam im Auge behält, sind die Gelegenheiten für ein freies und wildes Pfadfinderabenteuer hier noch recht ungefährdet. “ Dies gilt uneingeschränkt auch für die Malá Fatra, wobei hinzuzufügen sei, dass der südliche Teil noch einen deutlichen Zacken unbesuchter und wilder ist als der eher im touristischen Schlaglicht stehende nördliche Teil.

Jeder Feierabend ein Genuss für alle Sinne.

Ausrüstung&Fitness: Ich zitiere erneut: “Dieser Kammweg [in diesem Fall anwendbar auf die Komplettvariante] ist für mittelfitte Wanderer locker in einer Woche zu schaffen. Hier können schon gering erfahrene Wanderer erste Meriten sammeln. Zur Ausrüstung muss nicht viel gesagt werden. Der normale Goldstandard für draußen: festes, knöchelhohes Schuhwerk mit ausreichend Profil und optionalen Gamaschen, Regenschutz, Zelt, Schlafsack, Taschenlampe, Messer, Kocher, Proviant (für drei Tage, den Rest kann man auf den Hütten oder in Dörfern dazu kaufen).”

Besonderheiten: Der durchgängig rot markierte Kammwanderweg ist aktuell als E3 Teil des europäischen Fernwanderwegnetzes. Diese altehrwürdige Eminenz unter den Fernwanderwegen führt auf knapp 7000 km von der portugiesischen Atlantikküste bis an den bulgarischen Goldstrand. Er ist gleichermaßen Teil des Jakobweges wie auch Nachlassverwalter des ruhmreichen “Bergwanderweg der Freundschaft Eisenach–Budapest”, kurz EB-Weg. Das herausragende Gefühl, mittels eines Kammwegs über dem kleingeistigen Einerlei des Tals hinwegzuwandern gewinnt dank solcher Eigenschaften natürlich ohne Zweifel noch deutlich hinzu.

Routenempfehlung: Laufrichtung Ost-West oder West-Ost?

Es ist merkwürdig, so oft ich den Kammweg der Malá Fatra gelaufen bin, lief ich stets von West nach Ost. Ohne viel darüber nachzudenken, doch als ich es dann doch einmal tat, fiel mir auf dass es triftige Gründe für diese Laufrichtung gibt. Zum einen ist aus dramaturgischer Sicht die Steigerung der Reize und Genüsse in diese Richtung einfach gelungener und zum anderen erreicht man das westliche Ende schneller und unkomplizierter wenn man von Deutschland kommt. Abgesehen davon spricht rein gar nichts gegen die entgegengesetzte Laufrichtung.

Komplettvariante: 1. Tag, Aufwärmetappe, von Bytča bis an den Fuß der Malá Fatra

Dieser Tag hat eigentlich noch gar nichts mit der Malá Fatra zu tun. Zwar sollte man den mächtigen Gebirgskamm fast den ganzen Tag am Horizont erblicken können, doch die Handlung dieses Tages spielt sich komplett außerhalb der Fatra ab. Ich wähle diesen Einstieg dennoch immer wieder gerne da er die perfekte lockere Aufwärmrunde ist und zudem durch dieses entzückende kleine Felsgebirge namens Súľovské vrchy führt. So man etwas weniger Zeit hat, keine Aufwärmrunde braucht oder sonstige Gründe hat, kann man natürlich auch problemlos den Einstieg direkt in Rajec wählen. Auch hierhin kommt man einfach und bequem von Žilina mit der Bahn (37 Minuten Fahrt).  Folgt man jedoch meinem Vorschlag steigt man in Žilina in den Zug nach Bytča (stündlich, 19 Minuten Fahrzeit) und beginnt hier eine der schönsten Wanderungen seines Lebens. Der Einkauf von Proviant und anderen Lebensmitteln in Žilina ist ratsam aber nicht dringend notwendig da wir auf dieser Etappe noch zwei Dörfer kreuzen. Es sei denn die Zeit erfordert es denn die Öffnungszeiten in der Slowakei sind speziell auf den Dörfern teilweise sehr rigide. Es empfiehlt sich daher im Vorfeld der Anreise kurz die Öffnungszeiten in den jeweiligen Supermärkten zu checken um keine böse Überraschung zu erleben.

Steigt man am Bahnhof aus, muss man nur dem Leuchtfeuer der Kneipen folgen um den richtigen Wanderweg zu finden. Die Bar direkt am Bahnhof weist in die Richtung in die man der Straße folgen muss und sobald man nach wenigen Metern auf der rechten Straßenseite erneut in einer Kneipe sitzt, ist man schon zu weit. Kurz davor biegt der blaue Wanderweg ab und führt uns nach einer kleinen Siedlung sanft über Wiesen bergan. Schon nach 1-2 Stunden erreicht man Wald und die Súľovské vrchy. Sollte man sich hier zur richtigen Zeit anfinden, bietet sich diese Gegend auch definitiv zum Übernachten an. Jede Menge moosweiche Schlafplätze und auf einem der Felsen sitzend ein erhabener Ausblick ins Abendrot. Doch in der Regel hält sich die Wanderung hier nicht länger auf. Die Route zweigt vom blauen auf den roten Weg ab bis pod Roháčom erreicht ist. Ab da an geht es auf dem grünen Weg weiter. Der grüne Strich wird unsere Markierung bleiben bis wir den Kamm der Malá Fatra erreicht haben. Nach den Felsen wird das kleines Dörfchen Súľov (Einkaufsmöglichkeiten in kleinem Laden) durchquert. Die Strecke bis Rajec folgt einem gemütlichen Bergkamm und ist hervorragend zum Einlaufen geeignet. Rajec bietet letztmalig vor dem Kammaufstieg Einkaufs- und Restaurationsmöglichkeiten. Hiernach muss eine leider sehr langweilige schnurgerade Asphaltstraße bewältigt werden um den Fuß der Malá Fatra zu erreichen. Sobald man die waldigen, menschenarmen Gebiete erreicht hat, finden sich hier zahlreiche einladende Biwakplätze. Der, den Weg begleitende Bach bietet zusätzlichen Komfort.

Gesamtstrecke: ca. 30km; Höhenmeter: ca.1200m

2. Tag, vom Fuß der Malá Fatra (bei Rajec) bis zum Minčol 

Für den heutigen Tag ist das hier notierte Ziel Minčol lediglich ein Orientierungspunkt. Irgendwo auf dem Kamm wird man letztlich nächtigen, da das komplette Durchwandern der Lúčanská Fatra etwas übertrieben wäre und auch bedacht werden sollte, dass man es vielleicht so einrichten mag, dass am nächsten Tag nur der Abstieg und nicht auch noch der erneute Aufstieg in die Krivanska Fatra anstehen sollte. Es spricht daher nichts gegen ein Plätzchen deutlich vor dem Minčol und einem ausufernd exzessiven Frühstück um den ersten Tag auf dem Kamm gebührend zu feiern.

Speziell die Lúčanská Fatra bietet sich in nahezu jedem Moment als gastfreundlicher Ort für ein gemütliches Zeltlager an.

Doch vor all diesen Genüsslichkeiten steht einer der heftigsten Aufstiege dieser Wanderung. Folgt der grüne Weg anfangs noch dem Bachverlauf und steigt daher eher gemächlich an, ist es damit nach Erreichen des Sattels und des roten Wegs vorbei. Die knapp 400 Höhenmeter, die einem hier auf weiniger als einem Kilometer abverlangt werden, gehen schnurgerade und unerbittlich den Berg hoch. Nicht schön und bei feuchtem Wetter dank des Lehmbodens auch nahezu unmöglich zu erklimmen.  Nachdem man dann jedoch oben auf dem Hnilická Kýčera (1218m) sollte man tief durchatmen, seinen Blick über das Tal schweifen lassen und dich an dem Gefühl erfreuen, dass man den Kamm erreicht hat. Ab hier folgt der Weg dem natürlichen Höhenprofil des Kamms. Dies beinhaltet kleinere Abstiege und Aufstiege, doch prinzipiell ähnelt der Weg einem harmlosen Waldspaziergang mit zwischenzeitlicher prächtiger Aussicht.

Grand Hotel Partyaán

Ein wunderschöner Übernachtungsplatz (insbesondere bei schlechtem Wetter!) ist die Bergwiese Horná Lúka (1299m). Hier steht für jedermann die Schutzhütte Gran Hotel Partyzán zur Verfügung und wenige Meter die Wiese hinab gluckst eine klare Bergquelle aus dem Gras hervor – luxuriöser kann man es kaum haben! Derlei dem Gemeinwohl bereitgestellte Hütten heißen hierzulande útulňa und sind ein wahrer Segen für jeden der die Einsamkeit der Berge dem Gerangel überfüllter Chatas vorzieht. Doch natürlich kann man auch weiterlaufen. Der weitere Weg nähert sich dann langsam den höchsten Erhebungen dieses Gebirgsteils. Auf dem namensspendenden, höchste Berg Velká Lúka (1476m) befindet man sich schneller und müheloser als man vermuten würde. Hiernach sieht man rechterhand zahlreiche Lifts und diverse, dem Wintersport gewidmete Berghütten. Wenn man Glück hat, kann man hier klopfen und bekommt zu rechten Zeit ein kühles Getränk gereicht. Danach wird der Weg wieder deutlich waldiger und nach der letzten Aussicht, dem mit jeder Menge alter Partisanengeschütze bespicktem Minčol, geht es dann endgültig hinab in die Klamm. All die kostbaren Höhenmeter müssen hier wohl oder übel abgetreten werden.

Stumme Zeugen für Lärm und Zerstörung – der südliche Gebirgsteil ist ein einziges Freilichtmuseum.

Gesamtstrecke: ca. 25km; Höhenmeter: ca. 1200m

3. Tag, vom Minčol bis zur Chata pod Suchým

Auch für diese Etappe ist etwas Vorerklärung nötig. Ich für meinen Teil versuche es zu vermeiden an einem Tag solch einen gewaltigen Abstieg UND Aufstieg zu absolvieren. Die Wiesen hinter Strečno  bieten sich dabei auch noch mehr als an um hier zu nächtigen. Da jede Wanderung ihre eigene Dynamik und ihren eigenen Zeitplan entwickelt, sind die Etappen hier eher als grobe Einheiten zu verstehen, die auftauchenden Empfehlungen für Übernachtungsplätze dagegen sollte man schon eher als relevante Markierungspunkte für die eigene Planung in Betracht ziehen.

Doch gehen wir diese Etappe einmal ab: Der Abstieg hat es wirklich in sich. Strečno liegt auf unfassbaren 360 m.ü.M. und do heißt es mal locker 1000 Höhenmeter zu verlieren. Dafür ist der Empfang im Dorf überaus nett gestaltet. Direkt am Dorfeingang, unmittelbar am roten Wanderweg ist eine schnucklige Kneipe in den Fels gehauen. Hier gibt es nicht nur Bier sondern auch einfache Hausmannskost. Sodann führt der Weg über eine schmale Fußgängerbrücke über die Váh um dann sehr bald das Dorf schon wieder zu verlassen. Die saftigen Wiesen, welche sich hier unter der malerischen Burg, die über dem Durchbruch thront, ausbreiten, kann ich wärmstens für ein Nachtlager empfehlen. Im Dorf können natürlich auch ggf. die Proviantbestände aufgefüllt werden.

Ab hier beginnt auch die zweite Variante Das Beste vom Besten: Strečno bis Zázrivá”. Wählt man diese Route so sollte man von Žilina die zwei Stationen bis Nezbudská Lúčka/Strečno (11min) fahren. Achtung, die Bummelzüge die hier halten, sind einzig jene der Kategorie OS. Ihr Ziel lautet entweder Poprad oder Košice, außerdem sollte man nach dem Einsteigen eigentlich schon recht bald aufmerksam am Ausgang stehen, denn die gewünschte Station ist kurz und leicht zu übersehen. Nichtsdestotrotz gibt es selbst an einem solch verlassenen Zwischenhalt direkt eine nette, freundliche Kneipe. Hier kann man sich entspannt auf den drohenden Aufstieg vorbereiten.

Da lugt sie schüchtern hervor, dieser zuverlässige Garant für Bier, Obdach und eine warme Mahlzeit.

Um das heutige Etappenziel, die Chata zu erreichen, gibt es drei Möglichkeiten: die klassische Variante, der rote Weg, führt an der verlassenen Burg vorbei und hat einen recht kontinuierlichen, berechenbaren Steigungsgrad, der blaue Weg führt an der Burg vorbei und nimmt einen streckenweise hysterischen Anstiegscharakter an und zu guterletzt sei auch die vom blauen Weg links abgehende Straße zu empfehlen. Dies ist die kürzeste aber eben auch unspektakulärste Variante um den ersten Schub der erforderlichen Höhenmeter zu erreichen. Die Chata pod Suchým gehört zu einer der schönsten Chatas, die ich persönlich kennengelernt habe. Hier gibt es wohlige Entspannung in gelassener Bergatmosphäre zu fairen Preisen mit netten Leuten. Wirklich überlaufen ist diese Chata, am Wahrnehmungsrand des erlebnisorientierten  Tourismus gelegen,  auch nur äußerst selten.

Gesamtstrecke: ca. 18km, Höhenmeter: ca. 1000m runter, 700m hoch

4. Tag, von der Chata pod Suchým bis zu Chata pod Chelbom

Mit dieser Etappe öffnet die Fatra langsam die Schatzschatulle in der sie ihre Kronjuwelen verwahrt hat. Ich kann jeden verstehen, der sich nur dieses Sahnehäubchen aussucht und den waldigen Teil der Fatra links liegen lässt. Daher sind die Etappen hier auch großzügiger angelegt, da ich dazu auffordere diesem Kamm, so man gutes Wetter hat, mit ausgiebigen Pausen zu genießen.

Kurz hinter dem Suchý erstrecken sich für die nächste Zeit traumhafte Bergwiesen mit freiem Blick in beide Täler und auf beide Tatras. Zentral im Bild der kleine Krivan.

Die Chata befindet sich auf 1075 m.ü.M. und da wir auf dieser Etappe über die höchsten Punkte der Fatra wandern, steht uns also noch einiges bevor. Die Chata ist dennoch ein idealer Ausgangsort für den Tag, da man einen großen Teil des Aufstiegs schon hinter sich hat und somit ohne allzu viel Anstrengung den Kammweg genießen kann. Nachdem man den Namensparton der Chata, den Suchý (1468m) erklommen hat, ist das Gröbste erledigt.  Nach einigen leichten Klettereien über den anfangs sehr felsigen Kamm wird man mit sanften Anstiegen über Malý Kriváň (1671m) und Pekelnik (1609m) – der Velký Kriváň (1709m) ist fakultativ da es ein Gipfelabstecher vomn roten Weg aus ist – zu einer Liftstation am Snilovské sedlo (1524m) geleitet (bis 17 Uhr gibt es hier gastronomisch was zu holen!) .

Rein gar nichts spricht natürlich gegen das Auslassen der beschriebenen Chatas. Ein Bett unter freien Himmel findet sich immer. Blick von der Krivanska Fatra auf Žilina.

Von hier aus ist es über den grünen Weg nur noch ein Katzensprung bis zur Chata pod Chlebom, wo man für einen symbolischen Euro problemlos davor zelten darf. Diese Chata ist aufgrund der Liftnähe und weil sie im Epizentrum der touristischen Höhepunkte liegt, gerne sehr voll bis ausgebucht.

Gesamtstrecke: 12km, Höhenmeter: knapp 1000m

5. Tag, von der Chata pod Chlebom bis zum Sedlo Medziholie

Die Kürze dieser Etappe mag den einen oder anderen stutzen lassen, doch hier spricht der Kammgourmet aus mir und es gibt sehr gute Gründe für meine Empfehlung. Der entscheidende Punkt neben dem Rat nach drei harten Wandertagen immer etwas Ruhe einkehren zu lassen ist die Wiese auf dem Sedlo Medziholie. Diese Bergwiese gehört zu den idyllischsten und inspirierendsten Orten die ich auf all meinen Reisen je erleben durfte.

Zwischen zerklüfteten Backenzahn und gelassenen weiblichen Formen – eine der schönsten Wiesen der Welt!

Zwischen Bergen die gegensätzlicher nicht sein könnten, dem karstigen, zackigen Veľký Rozsutec (1610m) und dem samtenen, weichen Buckel namens Stoh (1608m) befindet sich eine der schönsten Bergwiesen, die ich kenne. Eigentlich ist schon allein diese Wiese Grund genug um sich in die Malá Fatra aufzumachen. Da dieser Sattel auch schon wieder jenseits der touristisch relevanten Gipfelregion ist, kann man hier die Stille der Bergeexzessiv genießen. Medzieholie (1185m) verfügt neben zahlreichen exklusiven Terassenwiesen auch über eine eigene Quelle, so dass dem ausschweifenden Genuss des Draussenseins keine Grenzen gesetzt sind. Und im Angesicht des Umstands, dass es nach dieser Wiese nur noch Abstieg und Zivilisation gibt, bleibt man doch gern noch etwas länger.

Gesamtstrecke: 10km; Höhenmeter:  ca. 700m 

6. Tag, Auslaufen von Sedlo Medziholie nach Zázrivá

Natürlich spricht an so einem Ort nichts gegen ein ausführliches Frühstück und ein gepflegt in die Länge gezogenen Aufbruch. Doch irgendwann muss es dann doch losgehen und so stehen zwei Alternativen für den Abstieg im Angebot. Zweifellos ist der Klassiker, der rote Weg nach Zázrivá, wobei absolut nichts dagegen spricht auf den letzten großen Aufstieg des Veľký Rozsutec hierbei zu verzichten und mithilfe des blauen Wegs den Berg zu umgehen. Mit großem Rucksack ist die Wegführung des Roten eine eher langwierige Plackerei. Ich rate vielmehr dazu, nachdem das Lager in Medzieholie aufgeschlagen ist, diesen Berg wie auch den Stoh, also beide Pole dieses kleinen Bergplaneten, ohne Gepäck nacheinander zu erklimmen. Ein gelungener Abschluss einer wundervollen Woche in den Bergen.

Über den Wolken… ist so so manches mehr als die Freiheit grenzenlos.

Für den Abstieg empfehle ich also entweder hier den blauen Weg zu nehmen, welcher sich dann mit dem Roten am sedlo Medzirozsutce wieder vereinigt um dann nach einem kleinen Aufstieg abrupt hinunter  zu fallen und erst in dem verschlafenen Zázrivá endet. Man kann aber auch den blauen Weg in die andere Richtung nehmen und über den auslaufenden Kamm gen Párnica laufen. Der unschlagbare Vorteil hierbei wäre, dass Párnica an die Eisenbahn angeschlossen ist, während man von Zázrivá erstmal mit dem Bus vorlieb nehmen muss. Ansonsten gleichen sich die Strecken von Länge und Anspruch relativ. Die Route nach Zázrivá kann allenfalls für sich in Anspruch nehmen, etwas reizvollere Ausblicke zu bieten. Über ausgezeichnete Schlafplätze auf den Feldern am Dorfrand verfügen beide Alternativen.

Gesamtstrecke: ca. 20 km; Höhenmeter: etwa 700m

Mögliche Anschlusswanderungen: Der besagte ruhmreiche E3 aka EB kommt hier auf ziemlich bedenkliche Abwege in dem er uns durch jede Menge unspekatkuläre Forstgebiete hin zum Stausee von Trstená führt um dann hinter Zakopane quasi die Vorberge des Vorgebirges der Hohen Tatra zu queren. Nein, so sehr ich vom Goldstandard des EBs überzeugt bin, hier zeigt die Wegführung eindeutig Schwächen auf. Solltest du also nicht zu den schätzenswerten Verrückten gehören, die sich vorgenommen haben, einmal den gesamten Weg von Eisenach nach Budapest zu wandern, rate ich von dieser Anschlusswanderung ernsthaft ab.

Dagegen bieten sich zwei Leckerbissen in direkter Nähe eher an. Gefällt einem das bisher Erlebte und will man das Niveau nicht ansteigen lassen, käme zweifellos der große Bruder, die Veľká Fatra in die nähere Auswahl. Ähnlich wie die Malá Fatra handelt es sich bei diesem, südlich gelegenen Mittelgebirge um eine mit reichlich Wald, Bergwiesen und Felsen ausgestattete Schönheit. Auch hier gibt es einen wunderschönen Kammweg den man gemächlich laufend in 3-4 Tagen absolvieren könnte. Für den Anschluss muss man nicht einmal in einen Zug steigen. Von Párnica kommt man innerhalb weniger Stunden über Stankovany und Korbelka auf den roten Weg, der einen ohne viele Umstände auf den Kamm der Großen Fatra führt.

Westtatra – für den kleinen Niveauanstieg danach.

Die andere Alternative wäre die Westtatra (Západné Tatry). Diese alpine Ouvertüre von dem was dann später in der Hohen Tatra kulminiert, stellt den Wanderer aber schon vor größere Herausforderungen. Hier gibt es beispielsweise keinen durchgehenden Hauptkamm, die Anstiege sind deutlich höher und das Niveau der der Wanderwege steigt enorm. Außerdem ist hier das Wetter sehr unbeständig und wirklich nur in den Sommermonaten überhaupt denkbar. Wer sich von alldem nicht abschrecken lassen will, dem sei empfohlen im Tal angekommen eine Verbindung nach Zuberec oder Huty (beides nur mit Bus zu machen) zu ermitteln. Dies sind jeweils aus meiner Sicht die besten Einstiegspunkte für eine Wanderung in die Westtatra.

Weiterführende und hilfreiche Links:

Hütten auf dem Kammweg

Ratgeber: Wildzelten leicht gemacht

Nachdem ich immer mal wieder, wenn ich spaßeshalber diesbezüglich im Netz recherchierte, derartigen Unsinn und hanebüchene Ratschläge lesen durfte, fühle ich mich bemüßigt, zu diesem Thema ein umfassendes Kompendium für Ein- und Aussteiger zu verfassen. Ich kann hierbei auf ein Vierteljahrhundert Erfahrung in einem guten Dutzend Länder zurückgreifen und sehe mich daher als hinreichend kompetent.

  1. Wildzelten – will ich das überhaupt?

Gehörst du der Pauschalreisefraktion an? Sind geordnete Verhältnisse wie du sie zu Hause hast für dich elementar? Bist du ein extremer Insektenphobiker? Ist Einsamkeit und Dunkelheit für dich ein Graus? Wenn du eine dieser Fragen mit Ja beantworten kannst, solltest du die Finger von den Heringen lassen und weiterhin deinen gewohnten Übernachtungsmethoden im Urlaub vertrauen.

Bist du dagegen auf der Flucht vor dem Trubel der Großstadt und ist Erholung für dich auch der Abstand zu Menschen sowie ihren Regeln, Konventionen und anderen Zumutungen. Sehnst du dich zudem nach weitgehend uneingehegter Natur oder bist du tendenziell knapp bei Kasse, dann könnte das Wildzelten etwas für dich sein.

Unvergleichliche Momente – ein Zelt im Himmel – kein Hotelbett kann es hiermit aufnehmen.

2. Warum Wildzelten?

Nun könnte man durchaus einwenden, dass es doch in den meisten Ländern ausreichend offizielle Zeltplätze gäbe und somit doch keine dringende Notwendigkeit dafür bestehe, außerhalb der zugelassenen Räume sein Zelt aufzuschlagen. Aus meiner Sicht sprechen einige Gründe gegen diese Annahme. Zum einen schränkt die Begrenzung auf offizielle Zeltplätze eine “wirkliche” Naturreise zu sehr ein. Wandert man beispielsweise auf einem Bergkamm, stellt es eine gewaltige Zumutung dar derart viele Höhenmeter und Bergromantik zu verlieren, nur um innerhalb der verordneten Parameter des regulären Tourismus zu bleiben. Prinzipiell wären viele Passwanderungen gar nicht durchführbar wenn man nicht eine Zeltübernachtung in Eigenregie einkalkulieren würde. Zum anderen ziehen mich die meisten Zeltplätze auch nicht über die Maßen an. Duschmarken, Nachtruhe und die frisch rasierten Rabatten der Dauercamper sind einfach nicht jedermanns Sache. Sicherlich gibt es hier auch lobenswerte Ausnahmen, ich durfte etliche entspannte Naturzeltplätze erleben und zwischendurch nehme ich, sollte es sich so ergeben, auch gerne mal einen offiziellen Zeltplatz mit, doch ich verstehe diese eben als Angebote und nicht als bindende Pflichtveranstaltungen. Der überwältigendste Grund ist jedoch das Erlebnis an sich. Der unbezahlbare Genuss eines Sonnenuntergangs in den Bergen, das stille nächtliche Bad im anliegenden Gewässer, die unfassbare Stille der zur Ruhe gekommenen Natur und die unfassbare Unendlichkeit des, von Campingleuchten oder anderen Zivilisationsstörquellen unbefleckten Sternenhimmel – ich liebe es!

3. Ist das nicht verboten?

Ja, nun, in der Tat ist das der Pferdefuß. Die Rechtslage ist zwar weit davon entfernt einheitlich zu sein. Nicht nur, dass es diesbezüglich in jedem Land natürlich eigene Regeln gibt, selbst in Deutschland differiert das Reglement von Bundesland zu Bundesland. Zu dieser Frage kann man sich in besagten Internet erschöpfend informieren. Das Thema Schuld und Sühne scheint dann auch der Aufreger zu sein, der das Volk beschäftigt. Dabei ist dies in meinen Augen gar nicht die große Sache. Einerseits sind die jeweiligen Strafen, wenn überhaupt, eher zu vernachlässigen, und andererseits geht es ja auch darum nicht erwischt zu werden. Ich zumindest hatte dieses Missvergnügen ganze drei Mal und es war zwar unschön aber verschmerzbar.

Ohne Worte – ohne Erlaubnis

4. Was brauche ich zum Wildzelten?

Es versteht sich eigentlich von selbst, aber ein Zelt sollte im Inventar vorhanden sein. Ich empfehle kleine (maximal 3-Personen) Zelte in Naturfarben. Hauszelte oder schreiend bunte Festivaliglus sollten eher vermieden werden. Außerdem wäre es auch hilfreich wenn man sich mit seinem Zelt auskennt, sprich es in Windeseile auf- und abbauen kann. Desweiteren sollte eine Taschen- oder Stirnlampe zur Ausrüstung gehören. Einen Schlafsack, Isomatte – fertig. Das restliche Equipment gleicht dem einer stinknormalen Tageswanderung. Außer dem Proviant vielleicht, der sollte natürlich der längeren Verbleibedauer in der Natur angepasst sein.

5. Wie finde ich die perfekte Stelle?

Kommen wir also nun zum Kern des Pudels. Zugegeben, um das wirklich ideale Plätzchen zu finden gehört natürlich immer eine Portion Glück. Es sei denn man kann auf Erfahrungen zurückgreifen und weiß schon im Vorfeld wo man zu schlafen gedenkt. Im Regelfall ist man aber zum ersten Mal in der Gegend und schaut sich zum Abend hin gezielt um. Ein kleiner Check des Kartenmaterials kann natürlich auch helfen um das Suchraster einzuschränken. Doch zunächst geht es in vorderster Linie erst einmal darum einen Platz zu finden, auf dem man unentdeckt bleibt.

So lächerlich es klingen mag, aber sobald man mehr als tausend Meter von einer mit Auto befahrbaren Straße entfernt ist, verringert sich die Wahrscheinlichkeit von Abenddämmerung bis Sonnenaufgang auf Menschen zu treffen um solide 95%! Das gilt ebenso für dichtbevölkerte und zersiedelte Länder wie Deutschland oder Holland wie natürlich sowieso für eher menschenärmere Staaten wie die Slowakei oder Irland. Doch um eben jene zerstreuten Frühaufsteher nicht zu irritieren empfiehlt es sich ebenfalls Abstand von jenem Weg zu suchen über den man gekommen ist. Sichtschutz ist hier das Stichwort. Ein grünes , kleines Zelt hundert Meter entfernt von einem Wanderweg ist, so man sich in einer waldigen Region befindet, nur sehr schwer auszumachen. Schließlich sollte die einzige Sorge das Luxusproblem sein, dass ein paar Meter weiter wahrscheinlich ein noch idyllischeres Plätzchen gewartet hätte. Hiergegen lässt sich aber schlechterdings nichts unternehmen außer entspannter Gelassenheit und das Wissen, dass das Streben nach Perfektion ein müßiges Unterfangen sei.

Bei Wandern mit Hunden sollte man früh genug darauf achten, den Hund so zu erziehen, dass er nicht bei jedem Bäumerascheln ausflippt. Im Regelfall kann man hier mit ausreichend Erlebnissen der Angst und den daraus folgenden Bellattacken entgegenwirken.

In einigen Fällen kann man auch in die Luxussituation geraten, dass die jeweilige Naturverwaltung an gewissen Stellen das Wildzelten quasi gestattet (oder duldet) und mit einigen sinnvollen Accessoires ausstattet. So findet sich hier zumeist ein Mülleimer, eine Trinkwasserquelle, Bänke, Tische und manchmal sogar eine abgesicherte Feuerstelle oder Schutzhütte. Zu erkennen sind derlei Stellen schnell an den Zeichen der Nutzung durch andere Wanderer. Speziell im osteuropäischen Raum sind derlei Plätze keine Seltenheit, aber auch in Skandinavien findet sich Vergleichbares. Sollte man in den Vorratsschränken der Hütte etwas finden und benutzen, so gehört es zum guten Pfadfinderton, es durch etwas Adäquates zu ersetzen.

Ob zu Fuß, mit Rad oder Paddelboot – auf diese Weisen kann man sich den gewünschten Traumplätzchen am besten nähern.

In manchen Fällen kann es auch eine Überlegung wert sein, Schutzhütten oder Rastplätze zum Wildzelten zu nutzen auch wenn diese ganz klar nur als Regenunterstand oder Picknickstellen konzipiert sind. Der überwältigende Anteil derer, die in und für die Natur arbeiten, weiß das Bestreben zu schätzen, wenn man schon außerhalb der Norm nächtigt, so doch zumindest innerhalb vorbereiteten Menschenareale. In der warmen Jahreszeit spricht auch wenig dagegen hier ohne Zelt zu übernachten, denn gegen solch ein Treiben ist selbst der pedantischste Gesetzeswächter machtlos. Denn dies ist, soweit ich weiß, in den meisten europäischen Staaten legal.

6. Was sollte ich noch bedenken? 

Alles zuvor Gesagte hat nur seine Gültigkeit solange man, dem gesunden Menschenverstand folgend, sich draußen normal verhält. Folgende Dinge seien hierbei gesondert hervorgehoben: offenes Feuer! Wenn das nächtliche Zelten gemeinhin als Bagatelldelikt mit “Mach-nur-dass-du-wegkommst”-Zeigefinger gehandhabt wird, so kann es beim Tatbestand des Feuermachens ganz schnell ungemütlich werden, sollte man in Berührung mir irgendwelchen Autoritätspersonen geraten. Daher sollte man einerseits jedes Mal genau überlegen ob die Stelle ausreichend abgeschieden ist um ein Feuerchen zu wagen und andererseits hinsichtlich Brandschutz die eigenen Fähigkeiten und äußeren Gegebenheiten genauestens abklopfen.

Das offene Feuer ist ein edler Luxus und rundet das Erlebnis erst richt ab, wil laber in jedem Falle wohl bedacht sein.

Vorsicht und Respekt sollte man generell Naturschutzgebieten zollen. Selbstverständlich gibt es auch hier regionale Abweichungen, dennoch, wenn man in einen Nationalpark hinein schreitet, sollte man entweder noch einen Zacken vorsichtiger sein oder es irgendwie so organisieren, dass man das Nächtigen hier vermeidet. (Nebenbei bemerkt: In meiner Erfahrung finden sich etliche Erinnerungen, in denen sich die Wiesen vor Nationalparkeingängen als ganz annehmbare Schlafplätze offenbarten.)

Immer wieder werde ich darauf angesprochen wie es denn mit wilden Tieren da draußen aussähe. Nun, gesprochen für Europa möchte ich, ohne es unnötig kleinzureden, die von wilden Tieren ausgehende Gefahren eher als irrelevant abtun. Die wenigen Tiere die eine Gefahr sein könnten, gehen uns in aller Regel aus gutem Grund aus dem Weg. Sollte man Bären oder, viel gefährlicher in meinen Augen, Wildschweinen begegnen, sollte man ruhig und respektvoll reagieren. Lebensmittelreste sollten nicht quer ums Zelt verteilt werden und eventuelle Hunde an die kurze Leine genommen werden. Abgesehen davon sind Zecken und Mücken mit Sicherheit die größere tierische Sorge als jede säugetierbasierte Angst.

Und ganz allgemein sollte das Wildzelten im wesentlichen so ablaufen als ob ihr nie da gewesen seid. Sprich: seid still, nehmt euren Müll weg, beseitigt eventuelle Lagerfeuerreste und, vor allem, brecht möglichst früh das Zelt ab. Ich spreche hier nicht von Sonnenaufgangsexzessen, schließlich ist das ja immer noch Urlaub, aber je früher desto besser. Es spricht nichts gegen ein ausgedehntes Frühstück, etwas Lektüre in der zarten Morgensonne oder ein wenig Yoga, doch bitte, baut zuerst das Zelt ab. Kein tentus delictus, kein Problem.

Fazit

Wenn du draußen, fernab der Eurocamping-Wüsten und Hotelburgen, schlafen möchtest. Wenn du mitten in Europa wirklich auf Distanz zur Zivilisation gehen willst, so ist dies vielleicht leichter als du denkst. Auch wenn sich der Mensch in beängstigenden Ausmaß vervielfältigt und ausbreitet, so zieht er es verwirrenderweise vor, gerade jene Orte zu besuchen, die schon übervoll aus allen Nähten platzten. Deshalb wird es auch in Zukunft, trotz explodierender Städte die Leere des Oderbruchs und die Stille der Bieszczady geben. Mit den wenigen Tipps, die ich hier aufgeschrieben habe, ein wenig Intuition und ein paar selbst gesammelter Erfahrungen sollte es dir ein Leichtes sein, stressfrei und mühelos dein Plätzchen unterm Sternenzelt zu finden.

 

 

Geschrieben vonKassel, Hesse, Germany.