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Den Anfang zu diesem riesigen, uferlosen Thema machte ich mit zwei kleinen Bändchen aus der Reihe „C.H. Beck Wissen“. Unter den unaufgeregten Titeln „Das alte China“ und „Das neue China“ (beide von Helwig Schmidt-Glintzer) erhält man hier einen soliden, aber auch sehr trockenen Einblick. Natürlich sind diese Büchlein dabei nur Einstiegsdrogen und erzeugen mehr Fragen als sie Antworten zu geben in der Lage sind. Jedoch stellen sie auch ein ausgezeichnetes Grundgerüst dar, welches für die weiteren Studien immer wieder herangezogen werden können.
„China für die Hosentasche. Was Reiseführer verschweigen“ (Françoise Hauser) Eine müde Anekdötchensammlung, lustlos zusammengeklaubt. Wenn es das ist was Reiseführer verschweigen, taten sie bisher gut daran. Einzig das Format gefiel mir, als ich das Buch irgendwann zufällig in einem Hostel in Ulaanbaatar sah, tatsächlich geeignet für eine Hosentasche, wenn auch eine sehr ausgebeulte.
„Gebrauchsanweisung für China“ (Kai Strittmatter) Halte den Titel der dieser Reihe zwar weiterhin für bescheuert, die Inhalte, welche ich hier erlesen durfte, dagegen immer erhellend und informativ. So auch dieser Band. Exzellentes Potpourri und sehr gelungene Einstimmung auf den Chinaplaneten.
Nach einer zweimonatigen Chinapause legte ich möglichst einfach mit den „101 wichtigsten Fragen“ zu China nach. Dieses, 2012 erschienene Buch liefert tatsächlich ein paar kleinere Antworten und Hilfestellungen um den ganzen Wahn hier um uns herum halbwegs zu begreifen. Natürlich kann man nur die etwas zeitloseren Fragen ernstnehmen, denn die Entwicklung Chinas ist einfach zu rasant um zu wirtschaftlichen oder technologischen Themen angemessene Informationen herauszufiltern. Natürlich hat es auch einen gewissen komischen Reiz wenn man hier erfährt, dass das Internet in China von vielen Menschen genutzt wird. Bereits über 10% der Bevölkerung verfügten laut dieses Büchleins bereits über einen Zugang.
Und zum Abschluss (so glaubte ich damals tatsächlich) nahm ich mir dann den, alle Fragen aufzulösenden Wälzer von Kai Vogelsang vor. Auf etwas über 600 Seiten wird in der „Geschichte Chinas“ das komplexe Gesamtkunstwerk dieses riesigen Landes von den dunstig-verschleierten Anfängen bis in die nicht weniger unkenntlich erscheinende Realität der Gegenwart möglichst verständlich beschrieben. Ein mächtiger Wälzer und ich gestehe hier nicht bei jeder Dynastie konzentriert Zeile für Zeile aufgesogen zu haben. Doch sollte ich irgendwann mal Detailfragen haben, wüsste ich wo ich nachschlagen könnte. Für ein Buch dieses Ausmaßes ist es dann doch angenehm locker erzählt und speziell im Abgang begriff ich noch mal einiges. Die Aussichten und Perspektiven des gegenwärtigen Staats China werden hier in klaren, unmissverständlichen Worten dargestellt und ich verstand und erschauderte. Die Lage ist Ernst und nahezu hoffnungslos.
Chinas zweite Moderne hat vielerorts ein neues, eindrucksvolles und hochmodernes Land geschaffen. Aber sie hat zugleich unendlich viel zerstört: Menschenleben, Natur und nicht zuletzt traditionelle Kultur. Was die Kulturrevolution verschont hat, haben die Bulldozer der Modernisierung zertrümmert. Die alte Architektur der Städte ist weitgehend zerstört oder durch kitschige Imitate ersetzt worden. Der Abriss von traditionellen Wohnvierteln und Dörfern sowie die Zwangsumsiedlung der Landbevölkerung – 250 Millionen Menschen sollen bis 2025 in städtische Neubauten gezwängt werden – droht noch die letzten Reste von Volkskultur zu vernichten: mit den lokalen Gemeinschaften werden auch ihre Lieder, Tänze, Sitten und Feste für immer verschwinden. Was bleibt, sind Folklore und falsche Fassaden.
„Geschichte Chinas“, Kai Vogelsang
Gerade deshalb scheint die KPCh permanent auf „chinesischen Charakteristika“ beharren zu müssen, weil diese kaum noch zu erkennen sind. Nichts in China ist mehr echt. Der Kern der chinesischen Identität, die so oft beschworen wird, ist hohl. Der Partei ist es bis heute nicht gelungen, diese Leerstelle zu füllen. Weder der >>Sozialismus chinesischer Prägung noch der schemenhafte >>chinesische Traum« sind überzeugende Identitätsangebote. Eingezwängt zwischen staatlicher Gängelung und kommerzieller Vereinnahmung, haben weder Künstler noch Intellektuelle aufzeigen können, was chinesische Kultur in der Moderne bedeutet. Weder in der bildenden Kunst noch in der Musik hat Chinas neues Zeitalter Werke von Weltrang hervorgebracht; die große Zeit des chinesischen Films ist vorbei…
Was blieb nach so einem düsteren Fazit anderes übrig als nochmals genauer nachzuschauen, was es denn mit diesem Mao auf sich hat. Speziell wenn da schon seit längerem ein dicker Wälzer zum Thema auf meiner Leseliste liegt. „Maoismus“ von Julia Lovell ist der jüngste Versuch sich diesem Thema zu nähern. Dabei ist es überraschenderweise nun nicht gerade so als ob es viele Abhandlungen hierzu gäbe. Tatsächlich biegen sich die Büchertürme zum Thema Sowjetunion/Stalinismus, doch das naheliegende und weitaus ausgeflipptere Schaufenster der Weltverbesserungsangebote wird erstaunlich wenig von der westlichen Geschichtsschreibung wahrgenommen. Nun, Julia Lovell tut es zumindest und das mit Verve und akzeptabler Ausgewogenheit. Als ich das Inhaltsverzeichnis sah und die verschiedenen „Abschweifungen“ nach Indonesien, Südostasien, Indien etc. sah, wollte ich schon intervenieren und überdenken ob das denn dann so passen würde. Aber nach kurzen Überlegen bemerkte ich, dass das ja nicht nur perfekt zu unserem Reiseverlauf passte sondern eben auch zum Wesen des Maoismus und daher einfach nur ein ideal in die Reiselektüre reinflutschte. Natürlich nur theoretisch, denn streckenweise fühlte ich mich hier gar nicht wohl. Soviel unnötiges Leid und Elend, soviel selbstverliebte Machtauslebung und Selbstüberschätzung. Dennoch sehr interessant, diese Spielart der sozialen Revolution auch mal etwas besser kennenzulernen. Leider bleibt es auch in diesem Falle bei dem ernüchternden Urteil, dass einige wenige eine vielversprechende Idee ausgenutzt und verfälscht haben. Das spricht weiterhin nicht gegen die Idee. Handwerklich habe ich an dem Buch kaum etwas auszusetzen. Vielleicht manchmal etwas zu ausführlich und ergänzt durch ein wenig zu viel Gossip, aber sonst, sehr gut und für ein Sachbuch dieser Länge fast durchgängig fesselnd.
Geschichte, Politik – was könnte denn jetzt noch kommen, bzw. fehlen. Nunja, vielleicht ein wenig vom Kern des Pudels. Und so griff ich, schon längst China hinter mir lassend, in den zeitlosen Ewigkeiten der Mongolei aufgehend, zur „Geschichte des chinesischen Denkens“. Und das war eine sehr gute Entscheidung. Natürlich ist dieses Buch teils sehr schwere Kost und ich gestehe, nicht jeden der hier erwähnten großen Geister nebst ihren Betrachtungen zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest en Detail verinnerlicht zu haben. Doch gezieltes Querlesen vermag hier zu einigen überraschenden und das Thema China halbwegs notdürftig abschließenden Erkenntnissen führen. Jedem an China und dem chinesischen Denken interessierten Menschen sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Wenn man das heutige China betrachtet, wird man nicht auf den ersten Blick begreifen, warum einem dies hier weiterhelfen soll, aber schlussendlich versteht man. Deshalb ist dieses Buch für den Abschluss dieser so mühseligen wie aufregenden Reise einfach nur perfekt gewesen.
Natürlich hat es schon ein paar Längen und ist zweifellos besser als Nachschlagewerk zu verstehen. Doch ich fand hier zum Ende wieder jenes China, welches ich seit frühen Jugendtagen verehrt, ja vergöttert hatte. Doch die Verbindung zu dieser Kultur ist offensichtlich unterbrochen. Bleibt nun die Frage, was fangen die Chinesen, was fangen wir damit an? Und damit schließt sich in entspannter Ratlosigkeit der Kreis dieses kleinen Lesekreises. Viel habe ich erfahren, sogar einiges, welches mir vor Ort half, aber weit mehr bleibt unbeantwortet, unklar, unverständlich. Aber alles andere wäre ja auch langweilig.
Philosophie aus China:
- „Tao-te-King“ von Lao Tse – die Gründungsschrift des Daoismus. Keines der Bücher, die man hier in gewohnter Form mit ein paar Zeilen lapidar einordnen und beschreiben könnte. Ich las es auch ganz anders als die meisten Bücher zuvor: Jeden Tag einen der Sprüche am Morgen. Falls er mich ergriff, dachte ich darüber nach., sprach mit der Liebsten darüber, falls nicht dann nicht. Einiges berührte mich, einiges verstand ich nicht und einiges fand ich einfach nur blöd. Philosophie halt.
- „Das Buch Zhuangzi – die inneren Kapitel“ Angeblich die subversivere, witzigere Strömung des Daoismus. Ich fand sie eher pragmatischer und nachvollziehbarer. Anhand sehr eindrücklicher Beispiele begriff ich etwas besser um was es sich bei diesem Dao handele.
Und natürlich nicht zu vergessen: „Die Reise nach Westen“ – einer der vier chinesischen Klassiker. Dieses Buch wird uns bei unserer Reise nach Westen begleiten. Und bislang ist es ein wirklich guter Begleiter.
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